, die gegen einander kämpfenden Empfindungen würden mich tödten . Sie bittet , fleht , ich möge sie auf ihr Zimmer bringen . Sie konnte nicht gehen , ich mußte sie tragen . Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen , klagt sich laut an , spricht von einer unüberwindlichen Leidenschaft , sagt : er könne nicht leben , ohne sie zu sehen . - Die Wuth verschließt mir den Mund ; aber ich winke dem Kammerdiener . Er versteht mich . Der Wagen fährt vor , ich bringe sie hinein und wir rollen davon . Also , keine Palliative ! Ich bin bey meiner empfindlichsten Seite angegriffen , und thue was ich muß . Zehnter Brief Wilhelmine an Reinhold Helfen Sie ! helfen Sie schnell ! Er hat sie auf seinen Güthern , sie ist eingesperrt , kein Mensch darf zu ihr . Alles , alles ist gekommen wie ich dachte ! schlimmer als ich dachte . Antonelli , der Unglückliche ! ist bey mir . Er liebt sie mit einer fürchterlichen Leidenschaft . Wahrscheinlich hat sie sich durch Kälte zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs Äußerste gebracht . Mit aller Unbesonnenheit , und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens , hat er ihr seine Liebe gestanden , und Olivier , der ihn in dem Augenblick entdeckte , bis zur schrecklichsten Wuth aufgebracht . Wenden Sie alles an , daß sie nicht leide , daß sie nicht hart behandelt werde . Oder ich kenne mich selbst nicht mehr , ich weiß nicht , zu welchen Mitteln ich greife . Eilfter Brief Reinhold an Olivier Ist es wahr ? ist es möglich ! was ich lese , was ich höre ? So plötzlich ist es dahin gekommen ? - Du hast nicht einmal den Willen , Dich zu beherrschen ! klagst sie selbst an ! Sie in der Du vormals die höchste Reinheit und Güte erkanntest . - Eine Buhlerin , eine gemeine Buhlerin , der die Unschuld eines junger Mannes lästig ist , soll sie geworden seyn ? - Wer hätte es wagen dürfen , Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas ähnliches zu sagen ? - wer dürfte es jetzt noch wagen , ohne mit seinem Leben dafür zu büßen ? Wie krank mußt Du seyn ! daß Dir das Scheußlichste , das Unsinnigste als wahr erscheint . Ich habe um Urlaub angesucht . Erhalte ich ihn ; so eile ich zu Dir . Zwölfter Brief Olivier an Reinhold Komm ' nicht ! das Übel würde nur ärger . Ich dulde keinen Mann in ihrer Nähe . Kein Klügeln mehr ! Ist die Ehre verlohren , dann kann ich vom Morgen bis zum Abend philosophiren , ich bekomme sie darum nicht wieder . Ja , ich will es glauben , sie war rein , bis ich ihre Sinnlichkeit weckte . Aber jetzt - das verstehst Du nicht ! Ein Weib ist ein Weib , und Natur ist stärker , als Vernunft . Warum stürzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die Arme ? Woher diese Thränen , diese Todesblässe , und jetzt , dieser unüberwindliche Trübsinn . Ich sehe es , sie will sich darüber erheben ; aber sie vermag es nicht . Ist ihr Wille noch so rein wie vormals , was kann ihr dann fehlen ? - Sie muß mir danken , daß ich sie gerettet habe , und scheinbar thut sie das auch . Aber im Innersten ihres Herzens wüthet das Gift - und in dem meinigen ? - O es war Schicksal ! wer konnte entrinnen ? - Dreyzehnter Brief Wilhelmine an Reinhold Antonelli ist fort . Gestern hörte er , Olivier habe R .... zu seinem Aufenthalte gewählt . An Zurückhalten , Überlegen , war gar nicht zu denken . Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt . Wo er seinen Bedienten gelassen hat ? mag Gott wissen . Ich habe vergessen darnach zu fragen . Aber ihn nun wieder allein gehen zu lassen war mir unmöglich . Nicht wahr ? ich habe Recht gethan ? Man sagt , sie dürfe nicht einmal schreiben . Es ist abscheulich . Meine Mutter weint , und mein Vater scheint alle Heyrathsanträge vergessen zu haben . Ich kann nicht aus der Stelle . Alle meine Koffer sind gepackt . Aber was würde bey einer noch größern Entfernung aus mir werden . - Sähe ich nur eine einzige Zeile von ihrer Hand , wüßte ich nur , was sie jetzt denkt und empfindet - ich wollte mich fassen . Aber diese schreckliche Ungewißheit ! - O ! lange darf sie nicht dauern . Vierzehnter Brief Reinhold an Olivier Ob Deine Drohung mich abgehalten haben würde ? weiß ich nicht ; aber leider ist mir der Urlaub versagt . Ich hoffe , es war nur Übereilung . Du wirst Dich nicht ganz der Leidenschaft hingegeben , Du wirst Dir gestanden haben , daß alles , was Du von Ehre vorbrachtest , nur aus dem Bedürfniß entstand , Dich wenigstens scheinbar zu rechtfertigen . Aber gut , ich nehme an : Du habest das Alles wirklich geglaubt ; aber jetzt ? - Ich bitte Dich ! erspare die Reue und kehre zurück , weil es noch Zeit ist . Gewiß ich kann von meinem Leben nicht überzeugter , als Du von der Nichtigkeit Deiner Besorgnisse seyn . Doch gesetzt , sie hätten irgend einen Grund ; offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst , zeigst Du nicht , daß Du nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst ? Welch eine geringe Meinung Deines Werthes ! welch eine überwältigende Furcht : Du mögtest das Schlimmste verdient haben ! - In der That , ich zweifle , ob Dich irgend jemand wegen eines auf diese Weise erhaltenen Gutes beneiden , und den Mann ohne Furcht in Dir erkennen wird . Ich bitte Dich ! nichts Kleinliches ! nichts mehr was Deiner unwürdig ist . - Nachschrift Ich kann mich der Frage nicht erwehren : wie möchte es wohl gegangen seyn , wenn Du Julien nicht befohlen hättest krank zu werden ? - Vielleicht wäre das Bekenntniß der Liebe noch jetzt , noch in vielen Jahren , wahrscheinlich niemals über Antonelli ' s Lippen gekommen . Willst Du ; so wird es , trotz allem was geschehen ist , auch jetzt noch unwirksam . - Ich bitte Dich ! wolle es ! Du mögtest sonst mehr zu bereuen haben , als Du glaubst . Funfzehnter Brief Olivier an Reinhold Du hast immer Deinen Willen gehabt ; wenn es Dir gelungen ist , mich im Voraus mit mir selbst zu versöhnen . Aber jetzt zweifle ich daran . Du kennst sie nicht ; sonst würdest Du manches nicht geschrieben haben . Ja , ich gebe zu , die Leidenschaft hat mich verblendet . Es ist wohl manches von dem was ich glaubte , nicht möglich . Aber ich , ich selbst weiß ja , wie man sie liebt , wie man kein Verbrechen scheut , wenn es auf ihren Besitz ankommt . Sieh , bey andern Weibern bleibt noch immer die Hoffnung , man könne etwas Ähnliches , vielleicht gar etwas Besseres wieder finden . Aber bey ihr ist das schlechterdings unmöglich . Diese Engelgestalt kehrt nicht zum zweytenmale wieder . Dieser stillsiegende Geist kann nur diesen Körper bewohnen . Du solltest sie erwachen , Du solltest sie einschlummern sehen . - Es ist einzig . Letzt habe ich sie eine halbe Nacht beobachtet . Der Mond schien ihr gerade in das Engelgesicht und - nun ja , ich nannte mich einen Verrückten , daß ich je etwas Unedles von ihr geglaubt hatte . Aber hoffe darum nicht , daß ich sie fremden Augen wieder Preis gebe . Mein Glück ist zu groß , und das Schicksal um so tückischer . Den groben Tagelöhnern fällt , wenn sie in ihre Nähe kommt , das Arbeitszeug aus den Händen . Den Sohn meines Gärtners habe ich wegschaffen müssen . Er stahl Schuhe , Bänder , und alles was er von ihrer Kleidung habhaft werden konnte , um das alles nachher wie Heiligthümer zu verehren . Brachte ganze Nächte im Garten , vor unserm Schlafzimmer , auf der feuchten Erde zu . Wir wußten nichts davon . Der Bube hatte sich , seitdem ihn der Vater aus der Fremde kommen ließ , immer vor mir verborgen . Kaum sah ich ihn ein paar Mal im Vorüberlaufen . Gestern Morgen öffnet Julie die Thür , und fliegt heftig erschrocken wieder zurück . » Was ist ? « - frag ich nicht minder erschrocken , da ich die Todesblässe auf ihrem Gesicht bemerke . » Es lag ein Mann - antwortet sie , und taumelt mir zitternd entgegen - es lag ein Mann auf der Erde . Beynah wäre ich über ihn gefallen . « - » Wer untersteht sich ! « - ruf ich , und reiße die Thür auf - da sehe ich den Buben in die Wohnung seines Vaters fliehen . Nun erzählt mir der Alte , wie oft er ihn gewarnt habe , wie aber alles fruchtlos gewesen sey . Er irre jetzt ganze Tage in dem benachbarten Walde umher , und kehre nur des Abends wieder zurück . Es versteht sich , daß ich nun auf die Abreise drang . Seitdem habe ich den Tollkopf nicht wieder gesehen . Jetzt läugne , daß ich zu strengen Maaßregeln gezwungen bin . Sechzehnter Brief Olivier an Reinhold Wer war der Gärtnerbursche ? - O mein weiser Freund ! das mögtest Du bey Deinem Sicherheits-System wohl schwerlich errathen . Der Herr Graf Antonelli . Nun , was sagst Du dazu ? - Auch ich , von Dir eingeschläfert , war dumm genug , nicht sogleich darauf zu verfallen . War dumm genug , nicht einzusehen , daß nur in einem südlichen , brennenden Gehirn der Gedanke entstehen konnte , der Geliebten auf diese Weise zu nahen . Ich weiß , wie das in diesem Kopfe lodert , kenne die Wünsche dieses kindischen , brennenden Herzens . Über ihn wegschreiten sollte sie . Von ihren Füßen wollte er berührt werden . - Ächt italienisch ! - Ein deutscher Mann hat von dieser Selbstvernichtung , von diesem mit Leib und Seele zu eigen geben , keinen Begriff . Aber die deutschen Weiber können das alles gar treflich begreifen . Wie ich es entdeckt habe ? Wie man das meiste entdeckt ; durch Zufall . Gestern da ich an der Bleiche vorüber gehe , treibt mir ein feines gesticktes Tuch entgegen . Ich halte es fest , und bemerke ein A. darinne . Noch denke ich nichts bestimmtes ; aber in dem Augenblicke sehe ich des Gärtners Frau sich ängstlich zwischen der übrigen Wäsche umhertreiben , und dem Winde ein Stück nach dem andern abjagen . » Wem gehört denn das alles ? « - frage ich - » Meinem Sohne « - antwortet sie bluthroth , stotternd , und zitternd . » Ist er noch nicht abgereist ? « - » Ach Gott , nein ! Er hat ein hitziges Fieber , und da war es doch nicht möglich . « » Versteht sich ! - Aber was für einen Arzt habt Ihr denn ? « » Einen Arzt ? - Du lieber Gott ! « » Nun ! Ihr werdet doch nicht wahnsinnig genug seyn den Menschen so liegen zu lassen ? Euer einziges Kind so aufzugeben ! « - » Laßt mir den Alten kommen ! oder - setze ich hinzu , indem ich rasch , ohne weiter auf sie zu hören , fortschreite - besser , ist besser ! « Mit diesen Worten stehe ich an der Thür des Hüttchens ; aber da fällt mir das A. wieder in die Augen , und ich trete einige Schritte zurück . Indem kommt mir der Alte entgegen , und ich stürze nun mit einer Art von Wuth hinein zu dem Bette . Da lag er , von Fieberhitze glühend . Nannte laut ihren Namen , klagte sich an , klagte mich an , und wußte nicht , daß ich vor ihm stand . » Das , das ist Euer Sohn ! « - sage ich zu dem Alten , um mir durch einen Vorwurf Luft zu verschaffen . » Ach gnädiger Herr ! machen Sie mich armen Mann nicht unglücklich ! Ich hätte kein Mensch seyn müssen « - » Schweig ! - sage ich - ich will nichts mehr hören . Geh ' zum Haushofmeister . Er soll Leute herschicken und im rechten Flügel ein Zimmer bereit halten . « Der Anblick hatte mich erschüttert . Das Herz hatte den Kopf überwältigt . Jetzt wollte ich den Alten zurückrufen ; aber gewaltsam fühlte ich mich wieder zum Bette hingezogen , und als ich abermals zur Thür gieng , war es zu spät . Da stand ich nun , und mein böser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter wieder vor Augen . Mit Todesangst übergebe ich Ihnen mein Alles . Ich strich und strich an meiner Stirne , und die Zeile wollte nicht fort . Die Leute waren schon gekommen , er war schon in meinem , meinem eigenen Hause , eh ich das schreckliche Gewühl meiner Empfindungen entwickeln konnte . Laß mich Athem schöpfen ! Ein ander Mal . Siebenzehnter Brief Reinhold an Wilhelmine Wissen Sie es schon ? Antonelli ist krank , ist entdeckt . Der General selbst hat ihn in sein Haus genommen . O er ist mein Freund ! und wird es ewiglich bleiben . Sagen Sie ! wie ist es möglich , einen Mann zu hassen , bey dem das Herz immer die Oberhand behält ? - Allerdings ! auch wir hätten unter ähnlichen Umständen dasselbe gethan . Aber er ! mit seiner fürchterlichen Heftigkeit ! mit seiner glühenden Eifersucht ! - Nein ! nein ! es war schön ! es war wirklich sehr edel . Aber , welche Folgen wird es haben ? - Ich zittre für Antonelli , für Julie , am meisten für ihn selbst . Wahrlich ! das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule . Er , der seines Herzens so oft spottete , wie fürchterlich muß er dadurch büßen . Welch ein Labyrinth ! Ich würde nicht hineingekommen seyn , daß darf ich wohl behaupten ; aber ob , und wie ich mich wieder heraus finden würde ? - In der That darauf weiß ich keine Antwort . Achtzehnter Brief Wilhelmine an Reinhold Wenn Sie , mein theurer Freund ! am Rande eines Abgrundes lustwandeln , sich noch dazu auf dem Wege berauschen , und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten , so bedarf es keiner Inspiration , um zu wissen , wie es Ihnen gehen wird . Wenn Ihnen aber die Abgründe , wie die starken Getränke von Natur zuwider sind , so braucht niemand zu antworten , denn niemand wird fragen . Der Herr General muß erndten , was er gesäet hat . Unser allgemeines Schicksal . - Wer sich darüber wundert , gehört in das Land der gebratenen Tauben . Geben Sie mich auf ! Sie sehen , das Bewundern wird mir eben so unmöglich , wie das Beklagen . Zu dem Ersten gehört immer eine angemeßne Entfernung von dem Gegenstande , zu dem Zweyten ein gewisser Grad von Hoffnung . Leider fehlt es mir an beyden , und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen . Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstört . Mich nun unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen , würde in der That zu den Übermenschlichkeiten gehören , die ich , grade um sie recht bewundern zu können , so viel als möglich von mir entfernt halte . Hätte das Jedermann gethan ; so stünden die Sachen vielleicht etwas besser . Wie sie nach einigen Jahren , vielleicht schon nach einigen Monaten stehen werden , ist bey mir keinem Zweifel unterworfen . - Neunzehnter Brief Olivier an Reinhold Ob sie es weiß ? Ob sie ihn erkannt hat ? - Das frage ich mich des Abends , wenn ich die Augen schließe , und des Morgens , wenn ich sie wieder öffne . Meine Leute haben den strengsten Befehl , seinen Namen nicht zu nennen . Auch wissen nur drey um die Sache . Doch wäre es möglich . - Sie verräth eine Angst , eine Beklommenheit . - Ihr offner , heiterer Sinn ist gänzlich verschwunden . Oft , wenn ich unvermuthet hereintrete , finde ich sie tief in Gedanken versunken , und nur meine Stimme weckt sie aus ihren Träumereyen . Diese Schwermuth hat sie unbeschreiblich verschönert . Kein Band , keine Blume kommt in ihr Haar . Ach wer sie so sähe , um dessen Verstand wäre es geschehen . Auf meinen Befehl trägt sie beständig einen Schleyer . Oft , wenn endlich die männlichen Bedienten entfernt sind , ich mir stundenlang den Genuß versagt habe , sie unverhüllt zu sehen , treibt mich mein Wahnsinn den Schleyer wegzureißen . Wie vom Blitze getroffen , stehe ich dann vor ihr . Es ist eine neue Erscheinung . Ohne es zu wissen , habe ich diesen Engelzügen andre , gemeine Züge untergeschoben , habe zur Lindrung meiner Schmerzen , mir ein andres , minder schönes Bild zusammengesetzt . Jetzt werden sie durch diesen einzigen Blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhöht . Mit Wuth , mit Todesangst fasse ich sie dann in meine Arme , stürze mit ihr fort in das entlegenste Zimmer , starre sie an , laufe auf und ab wie ein Rasender , presse ihre Hände gegen meine Brust , frage sie : ob sie mich liebt ? ob sie mein ist ? ob sie mein seyn will auf ewig ? Schwere Thränen rollen dann über das Engelgesicht . Ihr großes , zartes Herz fühlt dann alle meine Leiden . Sie sagt mir : daß sie für mich leben und sterben , daß sie zur Erhaltung meiner Ruhe jeden menschlichen Anblick vermeiden will . O ! wie wird mir dann ! Abermals fasse ich sie in meine Arme , hebe sie hoch gen Himmel , falle vor ihr nieder , verstumme , versinke mit namenloser Wonne in ihrem Anblick . Aber plötzlich , dünkt mich , ich höre ein Geräusch . » Den Schleyer ! « - ruf ich mit gepreßter Stimme . Reiße die Vorhänge zusammen , stürze durch drey , vier Thüren , schließe sie alle hinter mir zu , komme endlich hinaus - Niemand ist da , und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen . - Zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Er fängt an sich zu bessern , und der Arzt giebt Hoffnung . Was habe ich bey seinen Phantasien gelitten ! - Er glaubte mit ihr vereinigt zu seyn , und schilderte seine Liebe unter glühenden Bildern . Aber dann war es , als ob er mich plötzlich erkannte , und eine gräßliche Vorstellung jagte die andre . Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume , erkannte mich ; aber nicht wie vormals , mit Schrecken . Er hielt meine Hand , nannte mich wieder seinen Vater , erzählte mir von seiner unglücklichen Liebe , beschwor mich , Mitleiden mit ihm zu haben , ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergönnen . Er wolle dann alles , alles thun , was ich von ihm verlange . Und ich ? - O frag mich nicht ? ich bin ein unglücklicher Mann . Ein und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Was ? bin ich ein Weib geworden ? Soll dieser Knabe mich beherrschen ? Er darf sie nicht sehen , er muß fort . Zwey können sie nicht besitzen . Meine Rechte sind die ältern , und ich habe mehr Nachsicht gehabt , als ich sollte . Was irre ich herum bey Nacht und bey Tage ? Was zweifle ich ? was frage ich ? Nur Eins thut hier Noth , und dieß Eine muß geschehen . Will ich Verzicht thun ? Will ich es ? - Rasender Gedanke ! Will ich leben , ohne zu athmen ? - und , liebt er sie wie ich ? Wie viel Weiber kennt er , um die Einzige zu würdigen . Aber sie ? - Wenn sie ihn erkannt hätte , wenn sie sich hingerissen fühlte von Jugend , von Schönheit , überwunden von diesem gänzlichen Dahingeben ? - O ! fort ! fort ! Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug . Zwey und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Jetzt wollte ich Du wärest hier , Du könntest mir rathen . Begreife meine Angst ! ihr ist nicht wohl . Ich habe mir den Fall niemals gedacht . Ihre blühende Gesundheit machte mich sicher . Sie klagt nicht , läugnet wenn ich frage ; aber der Augenschein straft sie Lügen . Ach ist es ein Wunder ! Seit vier Wochen hat sie keinen Athemzug frische Luft geschöpft . O , ich Grausamer ! Wie war es möglich ! - Wenn es zu spät wäre , wenn sie krank würde . - Nein ! nein ! dahin kommt es nicht . Aber schnell muß man helfen . Helfen ? - Wie , o mein Gott ! - Soll ich sie ihm in die Arme führen ? - Nichts ! nichts ! Keine weibische Schwäche ! Er muß fort . Jetzt gleich , jetzt augenblicklich soll Anstalt gemacht werden . Drey und zwanzigster Brief Julie an Wilhelmine Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben . Vergieb mir beste Wilhelmine ! Ich war es meinem theuern Manne schuldig . Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt , und wie viel er leidet durch diese Liebe . Wie sehr wäre ich ihrer unwürdig , suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachtheilig werden könnte . Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus meinem Zimmer gekommen , und wäre bald krank darüber geworden . Da hättest Du ihn sehen sollen ! - O gewiß ! ich muß um vieles besser werden , diese Liebe ganz zu verdienen . Solltest Du glauben , ich würde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht ? - Vor einigen Wochen öffne ich des Morgens die Thür unsers Schlafzimmers , und sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen . Er hatte das Gesicht unter dem Arme verborgen ; aber seine Gestalt blieb mir unvergeßlich . Was ist das nun anders als Eitelkeit ! - kann es nicht ein wahnsinniger Mensch gewesen seyn ? können ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen , zu dem sonderbaren Entschlusse gebracht haben , sein Nachtlager vor unsrer Thür zu wählen ? Aber nein ! die Eitelkeit - oder sollte es wirklich mein Herz seyn ? - besteht darauf , um meinetwillen war er da , um meinetwillen ist er wohl oft schon da gewesen . Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer , durch eine gewisse Ähnlichkeit getäuscht , mit Antonelli . Mit Antonelli , der mich lange vergessen hat . Ach wie sehr täuscht sich ein junger Mann in diesem Alter . Antonelli glaubte eine unüberwindliche Leidenschaft für mich zu fühlen , und nach einigen Wochen bin ich rein aus seinem Gedächtniß verschwunden . Wenn ich nun meinem thörichten Herzen gefolgt , und jetzt allen Quaalen der Selbstverachtung Preis gegeben wäre ! - Aber Gott sey gelobet ! ich bin gerettet . Seit ich die milde herrliche Luft unter den Blüthenbäumen wieder athme , ist himmlischer Friede in mein Herz zurück gekehrt und alle meine Gefühle sind wieder dem Manne geweiht , der mich so einzig , der mich mehr liebt , als ich bis jetzt noch verdiene . Wie sein herrlicher , großer Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt ! So wie ein Mensch leidet , hört er auf sein Feind zu seyn und wäre er es auch Jahre lang gewesen . Wer hätte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hülle gesucht ! - Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen , so viel als möglich davon zu verbergen und sogar zu vertilgen . Gewiß erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann . Aber ich , der er sich so ganz hingiebt , ich blicke in sein schönes Herz und bewundre ihn im Stillen . O wie freue ich mich , daß dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwächen , in meine Hände gefallen ist . Ich will es schonen und ehren . Seine Leidenschaft soll mir heilig seyn , und wenn sie mir auch jemals als Haß erscheint ; immer will ich denken : es war doch nur Liebe . Jetzt eben gieng er von mir . » An wen schreibest Du ? « - fragte er , und sah mich forschend dabey an . » An Wilhelminen « - sagte ich lächelnd . » Klagst Du auch ? « - fragte er weiter und eine rührende Trauer verbreitete sich über sein Gesicht . » Weswegen sollte ich klagen ? « - antwortete ich heiter - » Etwa deswegen - setzte ich hinzu , indem ich seine Hand küßte - daß ich unbeschreiblich geliebt , weit mehr geliebt werde ; als ich verdiene ? « - Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen . Sie schienen mir so einfach , und so wahr . Gleichwohl erschütterten sie ihn auf eine sonderbare Weise . Der theure liebe Mann ! wann wird er einmal zur Ruhe kommen ? - Vier und zwanzigster Brief Wilhelmine an Julie Gieb Dir keine Mühe ! Ich bin zu gut unterrichtet um mich täuschen zu lassen . Aus freyen Willen wärest Du auf Deinem Zimmer geblieben ? - Ja , ja ! eine ganz gute Erfindung für Deine Bedienten . Aber bey mir - wie gesagt , Du kannst die Mühe ersparen . Ließe mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freye Luft schöpfen , und so viele Briefe schreiben als mir beliebte ; ich würde dumm genug seyn mir einzubilden : dergleichen verstünde sich von selbst . Eben so kläglich schicke ich mich zum Bewundern . Freund Reinhold kann Dir ein Lied davon singen . Welche Disharmonie ! In der That , nehme sich Dein Herz nicht manchmal die Freyheit , Dir ein Wörtchen zuzuflüstern , unsre Freundschaft würde zum Räthsel . Aber bey diesen Einschiebseln , die Dir wahrscheinlich als Unregelmäßigkeiten erscheinen , fliegt Dir das Meinige wieder zu . Ich triumphire , daß Dir die hochbelobte Kunst unsrer französischen Gouvernante de corriger la nature noch nicht gelungen ist . Doch wer weiß ! mit der Zeit kann alles noch werden . Hast Du doch schon mit Hülfe dieser Kunst herausgebracht : Antonelli habe Dich vergessen , habe Dich vielleicht niemals geliebt . Ja ! ja ! die Vielleichts machen einem viel zu schaffen . Wollte der Himmel , ich wäre mit denen , die mir noch auf dieser kleinen schwerfälligen Erde übrig bleiben , schon fertig , dann könnte ich Dir bey den Deinigen helfen . Ob ich jetzt immer so lustig bin ? O ganz erschrecklich ! Du siehst die Spuren der Freude hier auf dem Papiere . Fünf und zwanzigster Brief Julie an Wilhelmine Die Spuren waren von Thränen . O meine Wilhelmine ! noch immer grämst Du Dich ; bestehst darauf : ich sey unglücklich . Warum hältst Du diese Vorstellung so fest ? Das Gegentheil ist ja doch möglich , und wird sogar immer wahrscheinlicher . Auch ich , Geliebte , habe manches über mein künftiges Leben nachgedacht . Hätte ich hoffen können , mit einem Manne , den ich leidenschaftlich liebte , glücklich zu werden ; wer wüßte was ich gethan haben würde . - Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben . Alles belehrte mich , daß es auch dem besten Manne unmöglich wird , leidenschaftliche Liebe an einem Weibe zu ertragen , daß Leidenschaft und Weib , ihm eben so widrig klingt , wie Häßlichkeit und Weib , und daß , wo diese traurige Disharmonie sich findet , an kein Glück zu denken ist . Wie wäre es auch möglich ? Haben wir uns einmal dem männlichen - für uns wahnsinnigen Gedanken - überlassen : genießen zu wollen ; so achten wir keine Schranken . Von einer feinern Organisation , weit mehr als die Männer , zum Streben nach dem Unendlichen getrieben , wollen wir nun eine Verbindung , die unter zwey unvollkommnen Wesen , nicht einmal in der Idee bestehen kann . Alle Täuschungen des Wissens , der Ruhmsucht und der thierischen Sinnlichkeit , mit welchen sich die Männer , oft bis an ihr Ende , so glücklich betäuben , sind bey uns nicht wohl möglich . Wir fühlen nun mit allen Kräften unsers Wesens : daß die Verbindung Zweyer , oder Aller zu Eins , der Zweck aller Schöpfung seyn muß . Die Zeit , wo wir den trüben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden , ist für uns schon verflossen . Eins ! eins wollen wir seyn mit dem Geliebten . Kein Gedanke , keine Ahnung soll uns entgehen . Ein ewiger seeliger Tausch , Zusammenklang alles Wissens und Begehrens . Ach ! schon mitten in diesem höchsten Wunsche werden wir plötzlich durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen , und sinken zurück - - - unter die Herrschaft eines Mannes . Während wir uns so in , ja über den Wolken umhertrieben , wie fürchterlich hat sich diese Herrschaft ausgedehnt ! Gleichwohl macht sie den , der sie ausübt , nicht glücklich . Mit ganz andern Wünschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen . Selbst von den Leidenschaften irre geführt , suchte er ein Wesen , das über alle Leidenschaft erhaben , ihm himmlischen Frieden entgegen brächte . In dieser seeligen Stille wird sein Wille sich läutern , sein Verstand von nun an das Beste erwählen . Schon der Anblick dieses Wesens , das rein und vollendet aus den Händen der Natur hervorgieng , hebt ihn über sich selbst . Alles was er mühsam erlernte ,