Schwester schwach ? Es galt ihre Ruhe auf dieser , ihre Seligkeit auf jener Welt . Sie ist mein Kind ! - Und ich nicht , Mutter ? bin ich nicht Ihr Sohn ? - Ich erzähle euch hier so zusammenhängend als möglich , was mit der äußersten Verwirrung gesprochen ward , indem eins dem andern immer in die Rede fiel , ich war besonders wegen dieser unerwarteten Wendung in großer Verwirrung . Zuletzt ward ich heftig , meine Worte fallen mir jetzt nicht wieder ein , aber sie mochten wohl eben nicht sanft sein ; ich strömte über von Vorwürfen , daß sie ihren Sohn , ihren einzigen Sohn , im blinden Aberglauben den Pfaffen aufgeopfert hatte , und schonte sie vielleicht zu wenig . Sie ward aufgebracht und rief endlich in großer Hitze : Trotze nicht länger , Florentin , und höre etwas , wozu ich nicht wieder einen schicklichen Augenblick finden werde , denn wir werden uns nie wiedersehen ! Ich bin nicht deine Mutter , und meine Tochter ist nicht deine Schwester ! - Das war freilich etwas Neues , ich war wie betäubt . Wo ? wer ? wer denn ? rief ich . - Dazu ist jetzt nicht Zeit , auch nützt es dir nicht , es zu wissen , deine Eltern leben nicht mehr ; sie waren mir teuer , darum warest auch du es mir . Es wird geläutet , ich muß jetzt fort . Halte dich nicht länger auf , Florentin , wenn man dich hier erblickt , so vermag ich dich nicht zu retten . Es ist der letzte Liebesdienst , den ich dir erweise : laß dich umarmen , mein Sohn ! Ich bin zwar nicht deine Mutter , aber ich habe mütterliche Sorge für dich getragen , vergiß es niemals ! Lebe wohl , Gott segne dich ! Flieh ! ich höre Stimmen im Nebenzimmer ! Oder kehrst du noch um ? wirfst du dich reuig in die Arme der heiligen Kirche ? - Leben Sie wohl ! rief ich ihr nach , als sie mich standhaft verneinen sah und sich mit einem Ausdruck von Schmerz und Unwillen ins Nebenzimmer wandte . Jetzt hörte ich viele Stimmen , unter allen hervor die mir so verhaßte Stimme des Priors . Betäubt eilte ich fort , im allgemeinen Getümmel kam ich unbemerkt wieder hinaus . Manfredi erwartete mich , der Abrede gemäß , an der Gartenmauer ; ich setzte mich in den Wagen , und ohne ihm weiter etwas zu sagen , mußte er wieder hinfahren , wo wir hergekommen waren . Dies war das tragische Ende unsrer Heldenunternehmung ! Begreifen Sie jetzt wohl , Juliane , wie leicht es ist , einen Narren aus mir zu machen ? Manfredi sahe mich mit großen Augen an , und wartete mit Gelassenheit , bis der Strom von Ausrufungen und Schimpfreden , der sich reichlich von meinen Lippen ergoß , gemäßigter wurde . Endlich war ich ruhig genug geworden , ihm den Verlauf meiner Unternehmung zu erzählen . Er war nicht wenig erstaunt über die Veränderungen , Erklärungen und Verwicklungen , die diese hervorgebracht hatte . Die Schwäche meiner Schwester fiel ihm wenig auf , er gestand mir , er hätte gleich anfangs Hindernis von ihrer Seite befürchtet , und ihre Einwilligung würde ihn weit mehr gewundert haben . Er war mit mir überzeugt , daß sie einst ihr Gelübde bereuen , und dann diesen verlornen Moment gern mit ihrem Leben zurückrufen würde . Mein guter Manfredi trauerte über ihr Schicksal , und suchte sie gegen meine heftige Anklage in Schutz zu nehmen . Von seiner Liebe zu ihr war nicht wieder die Rede zwischen uns . Entweder sie war in ihm ebenso schnell erloschen als aufgelodert , oder er drängte sie gewaltsam in sein Innres zurück , um den gemeinschaftlichen Angelegenheiten , die uns jetzt so nahe lagen , Raum zu lassen . Es ward beschlossen , daß Manfredi wieder zurück auf die Akademie gehen müßte ; von dort sollte er an seinen Vater schreiben , ihm alles entdecken , und ihn um Rat fragen , ob er es wagen dürfte , in seine Vaterstadt zurückzureisen , oder wenn der Anteil , den er an meinem Unternehmen genommen , bekannt geworden , und es gefährlich für ihn wäre , so sollte er ihn um die Erlaubnis bitten , mir folgen zu dürfen , ich hatte beschlossen , nach Venedig zu reisen . Dürfte er aber zu seinem Vater reisen , so sollte ich in Venedig Nachricht von ihm erwarten , er würde alsdann dort alles anwenden , die bösen Folgen unsers Unternehmens zu unterdrücken , dann wollten wir uns auf irgendeine Weise wieder zusammen treffen . Manfredi versprach mir auch vor allen Dingen keine Mühe und keine Nachforschung zu sparen , um etwas über meine Geburt und meine Eltern zu erfahren : wir hofften , der Marchese selbst würde sich dafür interessieren , und uns eine Aufklärung dieser seltsamen Begebenheit verschaffen . Wie die Kinder beschäftigte uns die Dunkelheit über mein vergangnes Schicksal mehr , als die Sorge für die Zukunft ; ein sonderbares Rätsel war es allerdings , daß fremde Menschen sich eine solche Gewalt über mich hatten anmaßen wollen , und dann mich wieder mit so vieler Sorgfalt behandelt hatten . Die Nacht hindurch reisten wir , dann trennten uns unsre verschiedenen Wege . Den Morgen schieden wir unbekümmert und mit der Zuversicht , uns bald wiederzusehen , um uns dann gewiß nie wieder zu trennen . « Neuntes Kapitel » In wenigen Tagen war meine Reise glücklich und ohne Abenteuer zurückgelegt ; da war ich nun , ohne Aufsicht , ohne Zweck , ohne Plan , als den zu leben , in meinem siebzehnten Jahr , mit aller meiner eigentümlichen Ausgelassenheit , die noch ausgelaßner war , seitdem ich niemand angehörte , mit einem Vermögen von ungefähr tausend Dukaten ( ein unerschöpflicher Reichtum für meine Unbesorglichkeit und Unerfahrenheit ) , sprudelnd vor Gesundheit und Mutwillen und allen erwachenden Sinnen - in Venedig ! - Erwartet hier von mir , ihr lieben Freunde , keine detaillierte Fortsetzung meiner Lebensgeschichte , es könnte mich leicht zu weit führen ; auch gehören meine tollen Begebenheiten in der majestätischen Republik , diesem Sammelplatz aller Torheiten in ernsthafter zeremoniöser Hülle sowie der greulichsten Anhäufung aller Grausamkeiten unter die fröhliche Maske gesteckt , sie gehören nicht in den eigentlichen Lauf meines Lebens : vielmehr ward dieser durch jene gehemmt ; aber sie machen zusammen ein artiges Kapitel in meinen Konfessionen aus , die ich gewiß noch einmal schreiben , und Ihnen zueignen werde , Juliane . « - » Gut , ich werde Sie bei Ihrem Wort halten . « - » Und dieses deswegen , weil sie sich mit einem Bekenntnis endigen sollen , das , aller Wahrscheinlichkeit nach , das letzte sein wird , das ich abzulegen haben werde , und das Julianen am nächsten betrifft . « - » O jetzt keine von Ihren niedlichen Possen , Florentin ! Bringen Sie Ihre Geschichte zu Ende , ich bin höchst neugierig . « - » Und ich höchst ermüdet von den Erinnerungen meiner unnütz vertaumelten Jahre ! Doch ich gehorche . In kurzer Zeit war ich nun in Venedig der Polarstern des guten Tons , die Seele aller Intrigen , der Freund aller lustigen Köpfe , der Anführer aller tollen Streiche , der Tyrann aller zärtlichen , und der Ehrgeiz aller koketten Frauen geworden . Es gab kein gutes Haus , in das ich nicht freien Zutritt hatte . Da ich mit meinen tausend Dukaten zu leben angefangen , als wären es ebenso viele Tonnen Goldes , so nahmen sie ein rasches Ende . Die Börsen meiner Anhänger benutzte ich nicht , wiewohl sie mir offen standen , weil ich sie nicht brauchte : ich war sehr glücklich im Spiel , und spielte viel . Einigen kläglichen dummen Teufeln , die weder das Spiel , noch sich selbst verstanden ( denn sie hatten in wahrer blinder Wut ihr ganzes Vermögen gegen mich gesetzt und verloren ) , deren Frauen ich kannte und bedauerte , hatte ich ihren Verlust zurückgegeben , wodurch ich bald in den Ruf der Großmut geriet . In dieser brillanten Epoche bekam ich einen Brief von Manfredi . Sein Vater war gleich nach Empfang seines Briefes zu ihm auf die Akademie gekommen . Durch unsre Geschichte war der Prior zu sehr in Vorteil gegen den Marchese gesetzt , als daß er ihn nicht hätte zu benutzen suchen sollen . Manfredi durfte es so wenig als ich wagen , sich in seiner Vaterstadt sehen zu lassen , aber auch nach Venedig durfte er nicht kommen , sondern er mußte nach Frankreich zu dem Regiment , worin sein Vater ihm eine Kompanie gekauft hatte . Der Marchese war sehr aufgebracht wegen des unüberlegten Streichs , besonders weil er es uns eigentlich untersagt hatte , irgend etwas für Felicita ( so heißt sie ) zu unternehmen . Doch ließ er mir durch Manfredi wissen , er würde jemand den Auftrag geben , auf mein Betragen in Venedig achtzugeben , und weiter Sorge für mein Fortkommen tragen , wenn der Bericht über mich gut ausfiele . Noch habe er nichts Näheres über meine Geburt und meine Eltern erfahren können , er würde aber keine Mühe sparen und mir , sobald er etwas Sicheres wisse , Nachricht darüber erteilen . Unterdessen sollte ich der würdigsten Eltern mich würdig machen . Ich hatte eine große Freude über den Brief meines Manfredi , denn außer diesen Nachrichten fand ich die schönsten Beweise von der Fortdauer seiner Liebe und einige freundliche Vorschläge , uns wiederzusehen . Auch der väterliche Ton des Marchese freute und beruhigte mich ; doch war es , als ob irgendein Geist mich abhielt , mich , wie ich gekonnt hätte , ganz seiner Sorge zu überlassen , und seinem gutgemeinten Rat zu folgen . Es widerstrebte etwas in mir der Notwendigkeit , einen regelmäßigen Stand und ein Amt zu bekleiden , es war mir nicht bestimmt , auch fühlte ich selbst mich nicht dazu gestimmt . Zwar nahm ich mir vor , Manfredi aufzusuchen , um bei demselben Regimente , wobei er stand , womöglich Dienste zu nehmen , und ich schrieb es ihm , aber die Ausführung dieses vernünftigen Plans schob ich immer weiter hinaus . Bald wollte ich dies nur noch abwarten , bald jenes ausführen ; kurz es ward nichts daraus . Unter vielen Reisenden und Fremden , die ich kennenlernte , waren ein paar Engländer , die sich sehr an mich hingen : reiche Lords , die ihr Geld um sich her warfen , um ihre Langeweile loszuwerden , und das , was sie für ihr Geld eintauschten , machte ihnen nur noch größere . Ihr sonderbares humoristisches Wesen zog mich an , ihre Langeweile machte mir die größte Kurzweile . Was ihnen an mir gefallen haben mochte , weiß Gott ; sie waren beständig bei mir und sagten oft , in ihrer rauhen Mundart , ich wäre der einzige Italiener , der ihnen nicht unleidlich wäre . Das war freilich sehr schmeichelhaft für mich , wenn ich nur nicht Venedig mit seinen Herrlichkeiten und meines Lebens dort herzlich überdrüssig geworden wäre ! Ich sehnte mich fort . - Ich hatte meine Lords zu allen Kunstwerken , die Venedig enthält , geführt , hatte viele Städte Italiens , wo es etwas Sehenswürdiges gab , mit ihnen durchreist . Dies und der Umgang mit einigen jungen deutschen Malern , die ich in der Zeit kennenlernte , brachten mich auf den Gedanken , die Kunst zu studieren und dann nach Rom zu gehen , um seine Wunder der Kunst zu sehen und zu verstehen . Diesen Gedanken ergriff ich nun aus ganzer Seele und schob das Soldatwerden weit , weit zurück . Ich sann und tat und träumte nichts anders , als Zeichnen , die Werke des Altertums studieren , und mit meinen Malern Kunstgespräche führen . Mit diesen war ich auch entschlossen , nach Rom zu reisen , und mit ihnen dort zu leben : durch einen sonderbaren Vorfall sah ich mich aber genötigt , früher noch , als diese es bewerkstelligen konnten , Venedig zu verlassen . In einem großen Hause ward eines Abends während dem Karneval ein Ball gegeben ; ich ward von den Engländern beredet , mit ihnen hinzugehen . Man spielte , der eine von meinen Lords spielte hoch , und verlor ansehnlich gegen eine Maske , die durch ihr anhaltendes Glück wohl Verdacht gegen sich erregen mochte . Mein ehrlicher Großbritannier verstand das Ding unrecht , und schimpfte etwas zu laut , und in der gewohnten kräftigen Manier . Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel warf der Lord seine Karte der Maske an den Kopf . Ich befand mich an einem andern Ende des Saals in einer Unterhaltung mit ein paar mir unbekannten Masken , die mich neugierig machten , weil sie mich zu kennen schienen , wenigstens wußten sie viel von mir ; plötzlich hörte ich Tumult , sah Stilette blinken , die Maske sank nieder ; in demselben Moment kam der andre Lord hastig auf mich zu , nannte höchst unvorsichtig meinen Namen laut , und rief mich seinem Landsmann zu Hülfe . Ich , noch unvorsichtiger , folgte ihm hin . Man hatte dem Niedergesunkenen die Maske abgenommen , man erkannte den Sohn eines Nobile , er war tot . Der Lärm nahm zu ; der Lord hatte ganz den Kopf verloren , bewegte sich nicht von der Stelle , und ließ das Gedränge um sich her anwachsen . Ich riß ihm das blutige Stilett , das zum Glück noch kein andrer bemerkt hatte , aus der schlaffen herunterhängenden Hand , ließ es fallen , indem ich mich zu gleicher Zeit danach bückte , und es wieder aufnahm . Dem Mörder nach ! rief ich aus , dort nach jener Tür ! er hat hier neben mir das noch blutige Stilett fallen lassen , soeben drängt er sich dort hinaus ! Alles folgte mir nach der Tür , die ich bezeichnet hatte . Der Lord ward verlassen . Seinem Landsmann gab ich einen Wink , und im Vorbeigehen sagte ich ihm : zu mir ! Alsdann mischte ich mich in den dichten Haufen , der nach der Tür strömte ; ich trieb und drängte mit der Menge und kam glücklich hinaus . Ich mietete sogleich selbst eine Gondel , die ich an einem bestimmten Ort warten ließ , und eilte nach meiner Wohnung , wo ich die beiden Lords schon fand . Ich kündigte ihnen an , daß sie unverzüglich fort müßten , bezeichnete ihnen den Ort , wo sie die Gondel in Bereitschaft finden würden , und riet ihnen , gleich nach Rom zu reisen . Sie waren wegen Geld in Verlegenheit ; was sie bei sich gehabt , war im Spiel verloren und nach ihrem Hause durften sie sich nicht wagen , weil man dort gewiß schon auf sie wartete . Ich gab ihnen alles , was ich an barem Gelde hatte . Sie versprachen mir mein Darlehn gleich wieder auszahlen zu lassen , denn auf ihr zurückgelaßnes Vermögen in Venedig war nicht mehr zu rechnen . Sie gingen fort , und kamen glücklich nach Rom . Ich hatte alles so schnell und vorsichtig getrieben , daß es selbst vor meinem Bedienten ein Geheimnis geblieben war . Ich hatte mir eine Erkältung zugezogen , und mußte einige Tage zu Hause bleiben . Als ich zum erstenmal den Abend wieder in Gesellschaft ging , kam mir die Dame vom Hause , die meine Freundin war , entgegen , und führte mich , sobald sie unbemerkt war , in ein Kabinett , Sein Sie auf Ihrer Hut , sagte sie , es ist bekannt , daß Sie dem Mörder des jungen Nobile durchgeholfen haben , und daß er Ihr Freund ist . Sie erinnern sich , daß zwei Masken mit Ihnen sprachen , als einer von den Engländern Sie bei Ihrem Namen zu Hülfe rief . Der Ermordete ist ein Anverwandter und Freund der einen von den beiden Masken : er erfuhr erst , wer der Ermordete sei , nachdem Sie sich schon hinausgedrängt hatten . Der Mörder war gleich nicht zu finden , Sie haben ihm fortgeholfen , und der Freund des Nobile hat beschlossen , Sie für Ihre unzeitige Hülfe büßen zu lassen . Sie sind angeklagt , und man wird einen Verhaftsbefehl auswirken . Was diese Maßregel gegen Sie erleichtert , und jeden Verdacht bestärkt , ist : daß man aus Ihrem Geburtsort einigen Leuten von Bedeutung aufgetragen hat , über Ihre Aufführung genau zu wachen . Einer von denen , welchen es aufgetragen worden , ist eben der Ermordete , und dieser hatte es wieder seinem Freunde aufgetragen . Ihre Bekanntschaft zu machen , um Sie besser zu beobachten ; dieser nimmt nun diesen Umstand als einen Beweis , daß Sie Anteil an der Ermordung gehabt , um sich von seiner Aufsicht zu befreien . Ich beklagte mich gegen meine Freundin über diese sinnlose Beschuldigung . Sinnlos oder nicht , fiel sie mir ein , Sie wissen , es ist genug , daß man den leisesten Verdacht erregt , um Sie zu verderben . Sie haben dem Mörder fortgeholfen , dies ist genug , und mehr als genug gegen Sie . Ihr Feind hat sich auf das Zeugnis der andern Maske berufen , daß Sie zu Hülfe gerufen worden , und wirklich hingeeilt sind . Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund , der es weiß , daß ich Ihnen gewogen bin , er hat mich also , kurz vorher , ehe Sie kamen , von allem unterrichtet . Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen ; aber wenigstens sind Sie gewarnt . Eilen Sie nach Hause , sorgen Sie , daß man keine Papiere bei Ihnen findet ! - Ich mußte sogleich fort ; auf der Treppe , wie ich hinuntergehe , kommt der eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen . Gottlob , daß ich Sie finde ! rief er mir zu , Sie müssen fort , gleich auf der Stelle . Ich begleite Sie bis hinaus , und erzähle Ihnen unterwegens . Ich war ohne Geld , von dem jungen Künstler war nichts Überflüssiges zu erwarten . Er mußte einen Augenblick auf mich warten , ich ging wieder zur Gesellschaft zurück ; meine Freundin mochte mir meine Bestürzung ansehen , sie kam mir entgegen , ich vertraute ihr meine Verlegenheit , sie half mir auf der Stelle heraus , nach einem kurzen zärtlichen Abschied verließ ich sie und Venedig . Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gäßchen , und wir kamen glücklich hinaus . Er erzählte mir nun , daß er und sein Freund mich hätten in meiner Wohnung besuchen wollen , zu ihrem Schrecken hätten sie aber Gerichtspersonen bei mir gefunden , die alles durchsucht , und meine Briefe und Papiere durchgelesen hätten . Aus den verwirrten Reden , die ihnen entfallen wären , hätten sie ungefähr vernehmen können , wessen man mich beschuldigte . Sie wären darauf fortgeeilt mich aufzusuchen , und mir zu helfen , daß ich fortkäme . Glücklicherweise wäre ihnen nicht weit von meiner Wohnung mein Bedienter begegnet , von diesem hätten sie erfahren , wo ich hingegangen sei . Ich mußte fort , das sahe ich ein . Meine Papiere waren allein schon hinreichend mir den Prozeß zu machen . Außer einigen launenhaften possenmäßigen Sachen , die ich zu meiner Lust aufgesetzt , in denen ich das würdige Venedig nicht geschont hatte , waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von Frauen , welche die Richter etwas nahe angingen , und die ich unvorsichtigerweise nicht vernichtet hatte . Gnade war also nicht zu hoffen . Ich machte mich sogleich auf den Weg , und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen . Sie versprachen es mir . Der Aufenthalt in Venedig war ihnen durch diese Begebenheit verleidet , auch hatten sie in der Tat viel Anhänglichkeit für mich.Sie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden , ich hätte es ihnen gern und mit Vergnügen geglaubt , hätten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet , ich habe viel von einem Engländer an mir . « Zehntes Kapitel » Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken . Mir war , als hätte mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhältnissen gerissen . War es aber das Plötzliche des ganzen Ereignisses , oder war es , daß mein Leben in Venedig mich beschäftigt hatte , ohne mich zu interessieren , kurz mir schwebte das Ganze wie längst vergangen nur entfernt im Gedächtnis , ich konnte meine Wünsche und meine Gedanken alle vorwärts richten , nichts zog mich zurück . Dies machte mich aufmerksam auf mich selbst , und auf die Leere meiner geführten Lebensart . Ich dachte an Manfredi , ich wünschte bei ihm zu sein ; zu gleicher Zeit fühlte ich eine gewisse Abneigung , mich jetzt schon dem Soldatenstand zu ergeben . Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige Sklaverei , nicht viel besser als Lakaiendienst , und nur durch herrschendes Vorurteil darüber hinausgesetzt . Soldat wollte ich zwar sein , dabei blieb es , dies war der Hintergrund meines Lebensplanes , aber nicht in einer Garnison , nicht bei einer stehenden Armee . Ich wollte nie für den Despotismus , nie für eine unbekannte , oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten . Wie die Helden des Altertums , wollte ich nur für die Freiheit streiten , und in erkämpftem Frieden , ruhig , frei , mein eigen sein . Bei dem Gedanken an die Helden des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege , die Kunst der Alten in Rom zu studieren . Jetzt fühlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs neue in mir erwachen , und ich beschloß meine ganze Zeit und mein Leben in Rom dazu anzuwenden . Sobald ich dort ankam , machte ich auch gleich alle Anstalten , einsam und fleißig meinen Plan auszuführen . Er schien mir so gut und so würdig , daß ich davon an Manfredi schrieb , und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit mitgeteilt , wendete ich meine ganze Beredsamkeit an , ihn zu bewegen , daß er sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte , um mir nachzuahmen . Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten Manfredi . Zu mir könnte er aber nicht kommen , der Marchese halte es nicht für ratsam , daß er seine Laufbahn unterbreche , und habe es ihm untersagt . Meine Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren , der überaus aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei . Man hatte es ihm nämlich aus Venedig mit allen möglichen Verkehrtheiten und Verfälschungen berichtet . Vom Anteil an der Mordtat sprach er mich übrigens zwar frei , aber ich hätte mich niemals , meinte er , in solche gefährliche Gesellschaften mischen sollen . Da ich aber doch die Ehre nicht verletzt hätte , so habe er noch nicht aufgehört , sich für mich zu interessieren , und es sei ihm erfreulich gewesen , aus meinem Briefe an Manfredi zu erfahren , daß ich in Rom sei . Auch habe er gar nichts dagegen , daß ich mich dort einem ruhigen Leben und den Studien überlasse , nur sollte ich meine Zeit zweckmäßig benutzen . Zuletzt kam wieder dasselbe Versprechen , er wolle auch in Rom auf meine Aufführung wachen lassen , und nach den Berichten , die darüber einliefen , würde er mich behandeln . Ich ärgerte mich entsetzlich über diese Aussicht , die so unsichtbar wie die Allwissenheit über mir schwebte , ohne daß sie mit der Allweisheit verbunden gewesen wäre , wie diese ; denn sie hatte mir in Venedig auf die verkehrteste Weise von der Welt den größten Schaden zugefügt . Ich fand kein Mittel , mich von ihr zu befreien , ohne den Marchese zu erzürnen ; er war mir zu wert , niemand als er hatte noch so viel für mich getan . Ich glaubte aber , man würde es bald müde werden , mich zu beobachten , da ich äußerst eingezogen , und bloß mit meiner Absicht beschäftigt lebte . Mit den beiden Lords , die ich noch in Rom fand , und die mir sehr lästig wurden , mußte ich noch viel umherstreifen und ihnen helfen die Beweise ihres Kunstverstandes zusammentreiben , die sie für ihre baren Guineen einhandelten . Sie hatten mir meinen Geldbeutel zurückgegeben , ich fand die geliehene Summe dreifach verdoppelt darin ; was mir gehörte , nahm ich davon , das übrige gab ich ihnen zurück ; nicht etwa , als ob ich es unter meiner Würde gehalten hätte , Geld anzunehmen : unter den Umständen , in denen ich lebte , wäre dies lächerlich und zwecklos gewesen . Mein kleines Vermögen war aufgezehrt , dem Marchese Geld abzufordern , dazu hielt ich mich nicht berechtigt , ob er es mir gleich durch Manfredi hatte anbieten lassen , mich im Fall der Not an ihn zu wenden . Diese Not schien mir aber noch nicht eingetreten . Ich machte den Cicerone , sobald es mir an Geld fehlte , und lebte wieder bei meinen Studien , solange es vorhielt . Von den Fremden , die meiner bedurften , nahm ich unbefangen meinen Lohn an , es war kein andres Verhältnis zwischen mir und ihnen , als daß ich ihnen meine Dienste , sie mir ihr Geld gaben : Mit den Lords stand ich aber nicht auf demselben Fuß ; der Dienst , den ich ihnen geleistet , den konnten sie mir mit Geld nicht bezahlen . Diese Herren aber fühlten meinen Unterschied nicht , sie waren , beleidigt , und taten aufgebracht , daß ich ihre vollwichtige Dankbarkeit verschmähte ; ich konnte sie nur mit dem Versprechen beruhigen , sie in England zu besuchen , wenn ich einst Italien verlassen möchte , und in jeder Geldverlegenheit von ihrer Freundschaft Gebrauch zu machen . Sie reisten endlich nach England zurück . Unterdessen waren meine guten deutschen Künstler aus Venedig angelangt , und nun hob eine Zeit für mich an , die wohl immer zu den glücklichsten Epochen meines Lebens gehören wird . Ich ging mit niemand um , als mit Künstlern , besonders mit den ausländischen , und unter diesen zeichnete ich besonders wieder die deutschen aus . Unter ihnen fand ich jederzeit den hellsten Sinn , das treulichste Bestreben , und am meisten innere Freiheit . Mein angestrengtester Fleiß brachte mich in kurzem so weit , daß ich mit meinen Gefährten wetteifern konnte . Sobald meine Gemälde verkäuflich waren , legte ich das Gewerbe eines Cicerone völlig nieder , zeichnete und malte ununterbrochen . Um den Verkauf meiner Bilder , meistens Landschaften , bekümmerte ich mich ebensowenig , als um die Anwendung des gelösten Geldes . Das erste besorgten meine Freunde , und die Summen , die zu meiner wenig kostbaren Lebensart vollkommen ausreichten , händigten sie meiner Frau ein . « - » Ihrer Frau ? « rief Juliane erstaunt ; » doch wahrscheinlich bloß Ihrer Haushälterin ? « - » Nein , meiner Frau ! « - » Wie ? Sie sind verheiratet ? « - » Wirklich getraut ? « fragte Eduard . - » Wahrscheinlich traute sie mir , und ich habe ihr nur zuviel getraut . Es war ein sehr schönes Mädchen , eine Römerin , die uns lange zum Modell gesessen hatte . Sie hielt sich klug und bescheiden , so daß sie von uns allen hochgehalten , und wegen ihrer großen Schönheit sehr bewundert ward . Einige Tage fanden wir sie niedergeschlagener als gewöhnlich , ich bat sie , uns etwas vorzusingen , um sich selbst damit zu erheitern . Sie sang uns nun ein Lied , dessen Inhalt ungefähr war : wenn sie einen Mann hätte , der sie liebte , und für sie sorgen wollte , so möchte sie einzig für ihn und seine Wünsche leben , das würde dann ihr größtes Glück sein . Sie sang das Lied mit einer solchen süßen Unschuld , so schüchterner Innigkeit , und sah dabei so entzückend schön aus , daß ich , da sie während des Gesanges ihre Blicke am meisten auf mich geheftet hatte , ihren Wunsch erfüllen mußte . Sie blieb gleich bei mir . - Ich hatte meine große Freude an dem Kinde , wie gut sie sich nahm , und mit welchem Anstande sie dem Hauswesen vorstehen konnte . Ich muß aber gestehen , sie hätte es weit schlechter machen können , sie würde mir doch nicht weniger gefallen haben , denn ihr kleidete alles , was sie unternahm ; man kann sich nichts Reizenderes erdenken , als dieses kleine anmutige Wesen . Meine größte Lust war es , sie zu schmücken , und sie jeden Tag in unsern Zirkel in immer neuem Kostüme und unerwarteten Abänderungen aufs kostbarste zu kleiden , darauf verwandte ich nicht eben den kleinsten Teil meiner Einkünfte . Ich malte sie unter jeder Gestalt , und in allen ersinnlichen Stellungen , als Göttin , als Heilige , als Priesterin , als Nymphe : diese Bilder sollen mir sehr gut gelungen sein . Wir führten das einfachste und doch tollste Leben , das sich erdenken läßt . Ich war der beste Ehemann von der Welt , und ließ mich von ihr beherrschen , soviel sie wußte und vermochte ; sie lernte es immer besser . Je mehr sie ihre Gewalt über mich kennenlernte , desto impertinenter und launenhafter ward sie ; da es mir aber damals auch gar nicht daran fehlte und ich , wenn es darauf ankam , zehnmal launenhafter und tollköpfiger war als sie , so entstand nicht selten ein gar artiges Gepolter und Lärmen zwischen uns . In unsern gewöhnlichen Abendzusammenkünften , die