verwundern ? - Einmal ist ' s doch nothwendig , wenn wir unser Ziel erreichen wollen , dass der Alte die Witwe kenne ; und eine bessere Gelegenheit dazu , als diese , wird sich nicht finden . - Kurz , sie macht einen Besuch bei dem Vater , bittet den Vater , gefällt dem Vater , bezahlt ihre Schulden , heiratet den Bruder . Himmel ! rief der Doctor , und ich habe noch kein Kleid auf die Hochzeit . - Die kömmt mir rasch über den Hals . Ich will nur gleich in den Laden . Haha ! - Aber spotte nur ? spotte ! Die Sache ist so gut wie geschehen . Es ist unmöglich , wenn der Vater die Witwe sieht , dass sie ihm nicht gefalle , und auf dieses Gefallen bauen wir dann weiter fort , bringen ihn von allen seinen Vorurtheilen zurück , lassen ihn die Heirat nicht bloss genehmigen , sondern selbst wünschen . Wenn er nun aber die Witwe nicht vorlässt ; wie da ? Leere Grille ! - Oder wenn er wohl gar - was wir doch wirklich zu fürchten haben - sie ungütig aufnimmt ? Wenn Er - ? Sie stand hier einen Augenblick stille , und sah auf den Boden . - Mann ! rief sie dann aus : Du bist mitunter doch allerliebst . Ich mögte dich küssen für deinen Einfall . Für welchen ? Dass er sie ungütig aufnehmen könnte . - O , wenn der Himmel das wollte ! Versteh ' Euch Weiber ein Andrer ! Komm ! Ich eröffne dir das Verständniss . - Nicht wahr ? Wenn der Vater sie ungütig aufnimmt : so begeht er , ganz gegen seine sonstige Art , einen Fehler , den er durchaus , es koste auch was es wolle , wieder wird gut machen wollen ; so setzt er sich selbst aus der guten Laune heraus , in der es immer so schwer wird ihn zu fassen und mit ihm fertig zu werden ; so sind wir auf einmal , und gleichsam durch einen Sprung , an dem Ziele , zu dem wir uns sonst - wer weiss wie langsam und durch wie viel Schwierigkeiten ? - hindurchwinden müssten . Alles gut ! sagte der Doctor . Wenn nur nicht zu besorgen wäre - - Freilich ! - Dass er den Fehler nicht macht . Ganz im Gegentheil ! - Dass er ihn nicht für Fehler erkennt . Ach , wenn er ihn nur erst macht ! Die Erkenntniss wollen dann wir ihm schon verschaffen . - Aber , mein Kind - indem er bedenklich den Kopf schüttelte , und eine sehr ernsthafte Miene annahm - dem eignen Vater eine Falle zu legen - ich weiss nicht - - Eine Falle ! - Was nun das wieder ist ! Eine Falle ! - Ich sinne in der Welt auf nichts Arges , nur auf Liebes und Gutes ; und da kömmt der Mann und erhebt ein Geschrei , als ob ich über Tücke und Hinterlist brütete . - Wer hat mir denn das Basiliskenei in mein Nest geschoben , als eben Er ? Wer hat den unglücklichen Einfall gehabt , als ob der Vater sich übel benehmen könnte ? Er wird sich sehr gut benehmen , sehr gut . Das soll der Herr Doctor nur wissen ! - Mit diesen Worten ergriff sie ihre Enveloppe , und war schon längst auf der Strasse , als der Doctor noch immer den Faden suchte , woran er seinen casuistischen Knäuel entwirren könnte . XIX. Die Verwunderung , womit Madam Lyk ihre neue Freundinn so schnell zurückkommen sah , ging in Freude über , als sie den glücklichen Ausgang der Unterhandlung mit Horn erfuhr ; aber diese Freude wieder in Unruhe , als die Doctorinn fragte , ob sie ausser diesem Horn , den sie nun freilich fürs erste los sei , nicht noch andere Gläubiger habe ? Ich hoffe , sagte die Witwe , keine so dringende und so ungestüme . Gesetzt aber , dass ihrer mehrere aufwachten ; wie da ? - Wär ' es nicht für Ihre Ruhe sehr wesentlich , meine Freundinn , lieber allen auf einmal den Mund zu stopfen ? Wenn mir das möglich wäre ; wie gerne ! - Aber ohne Zeit , die man mir lässt , und ohne Zutrauen , das man mir schenkt - - Kennen Sie meinen Vater ? fiel die Doctorinn ein . Der Person nach - kaum . Sehr von weitem . Aber dem Charakter nach ? der Denkungsart nach ? Da hab ' ich die höchste Meinung von ihm . Ich schliesse auf den Vater von seinen Kindern . Die gerathen nicht Immer . Glauben Sie mir : die Kinder des alten Stark könnten besser seyn , wenn sie dem guten Vater ähnlicher wären . Sie sagen für meine Erkenntlichkeit allzuviel . Für mein Herz allzuwenig . - Und nun fing sie an , ein Gemälde zu entwerfen , das zwar wirklich dem alten Herrn ziemlich ähnlich sah , das aber gleichwohl für ein Bildniss , wofür es doch gelten sollte , zu wenig Eignes und Unterscheidendes hatte . Eine zu gerührte kindliche Dankbarkeit , und eine zu lebhafte Begeisterung , die immer idealisirt und verschönert , hatten die Farben gemischt und den Pinsel geführt . Indessen war eben durch diesen Fehler das Gemälde um so geschickter , der Witwe ein unbedingtes Vertrauen einzuflössen , und eine lebhafte Begierde nach einer so vortrefflichen Bekanntschaft bei ihr zu wecken . Wäre mitten unter den schönen Zügen des verständigen , menschenfreundlichen , grossmüthigen Mannes , auch die ernste Falte des Sittenrichters und das heimliche Lächeln des Spötters , die doch so sehr zur Physiognomie des Herrn Stark gehörten , sichtbar geworden : so würde freilich jenes Vertrauen sehr geschwächt , und diese Begierde sehr gedämpft worden seyn . Die Witwe bezeugte in den kräftigsten Ausdrücken ihre Bewunderung , ihre Verehrung , und war nicht wenig neugierig , wohin das Alles gemeint sei . Kennen Sie - muss ich noch weiter fragen - das Blumische Haus ? O sehr wohl . Ich bin Schuldnerinn auch von ihm . Und wie nimmt es sich ? Gut ? - Mehr als gut ; äusserst edel . Es hat mir die grossmüthigste Nachsicht von vielen Monaten bewilligt . Blosse Pflicht , meine Freundinn ! - Es hat sich , wie ich sehe , seiner eignen Geschichte und der grossen Verbindlichkeiten erinnert , die es ehemal gegen den guten seligen Lyk , Ihren Schwiegervater , hatte . Davon weiss ich nichts , sagte die Witwe . Mir schwebt es vor , wie im Traume . - Ich war noch ganz jung , als einst mein Vater sehr spät von der Börse kam , und den ganzen Tag von nichts als von einem gewissen Blum sprach - dem Grossvater des jetzigen - der seine Zahlungen eingestellt hatte , und dessen Fall man für unvermeidlich ansah . - Mein Vater , obgleich in keiner Handlungsverbindung mit ihm , nahm den lebhaftesten Antheil an seinem Schicksal , und zeigte sich höchst erbittert gegen gewisse heimliche Neider , die den ehrlichen schuldlosen Mann verfolgten , und seinen Fall zu befördern suchten . Er fasste den Entschluss , ihn , wo möglich , zu retten ; und der alte Lyk , immer vertrauter Freund unsers Hauses , war von gleicher Gesinnung . Mein Vater untersuchte hierauf die Bücher von Blum , fand seine Rettung , wenn er gehörig unterstützt würde , sehr möglich , so wie ihn selbst an seinem Falle - oder ich sollte sagen , an seiner Verlegenheit - völlig unschuldig . Die Witwe sah bei diesem letzten Zuge nieder , und seufzte . Und nun nahm er , in Verbindung mit Lyk , die ganze Schuldenlast auf sich , bezahlte die Ungeduldigen baar , setzte den Andern Termine , und machte mit einem Worte der Verlegenheit und der Verfolgung des Mannes ein Ende . - Was mir , als Kind , diesen Auftritt tief ins Gedächtniss prägte , war mein Erstaunen , einen alten ehrwürdigen Mann mit schlohweissen Haaren , der meines Vaters Vater hätte seyn können , so bitterlich weinen zu sehen . Der gute Mann war ganz aufgelöst in Dankbarkeit und in Rührung . - Er betrat nachher unser Haus sehr oft , der alte , freundliche Blum , und befestigte sein Andenken bei mir durch eine Menge kleiner Spielsachen und Näschereien , die er mir immer zuzustecken pflegte . - - Nun , meine Freundinn ? Darf ich noch erst sagen , wo ich hinaus will ? - Mein Vater ist noch immer der Alte , sein Wille zu helfen der alte , sein Vermögen dazu - aber nein ! das ist nicht mehr das alte ; das hat sich indess verdoppelt , vielleicht verdreifacht : und also - was kann Sie hindern , ihm ohne Umstände den Antrag zu thun , dass er an Ihnen , wie ehemal an Blum handeln , und alle Ihre Schulden übernehmen wolle ? - Ihre Kinder sind seines Freundes Enkel ; überlegen Sie das ! Die Witwe war über diesen Vorschlag nicht bloss erstaunt , sondern erschrocken . Ihre Dankbarkeit trieb sie an , den Rath einer so wohlmeinenden , so zärtlich um sie bekümmerten Freundinn nicht zu verachten ; und doch zeigte ihre natürliche Blödigkeit ihr die Befolgung dieses Raths als für sie unthunlich , als beinahe unmöglich . Kann ich - fing sie zu stottern an - kann ich den Muth haben , Frau Doctorinn - ich eine Fremde - eine ihm völlig Unbekannte - - Sie dürfen Sich in der That nicht bedenken . Der Dienst , der Ihnen geleistet wird , ist zwar dankenswerth , aber nicht gross . Ihre Sachen , hör ' ich , sind durch meinen Bruder bereits in Ordnung ; eine Durchsicht ihrer Bücher ist nicht mehr nöthig ; Gefahr zu verlieren ist bei Ihnen keine : und also - - Ich lasse nicht ab , liebe Freundinn . Ich bin ein eigensinniges Weib . Sie müssen mir Ihr Wort darauf geben , dass Sie morgen am Tage zu meinem Vater gehen . Der Witwe stand der Schweiss vor der Stirne . Aber die Doctorinn , obgleich nicht ohne Mitleiden mit ihr , hörte nicht auf , ihr zuzusetzen . Freilich , sagte sie , wär ' es natürlicher , Sie an meinen Bruder , als an meinen Vater zu weisen ; denn jenen kennen Sie schon , und ohne Zweifel wissen Sie Selbst , wie viele Hochachtung er gegen Sie hegt , mit welcher Herzlichkeit er Ihnen ergeben ist ; - - Eine feurige Röthe , die sogleich wieder in Blässe überging , flog der Witwe über die Wangen . Die Doctorinn wollte nicht das Ansehen haben , sie zu bemerken . - Allein der seltsame Mensch - Gott mag wissen , aus welcher Grille ? - will ja von hier , will sich von seinem Vater trennen , und eine Handlung unter eigner Firma errichten . - Ausser dass er den Einfluss und das Gewicht nicht hat , wie mein Vater ; so braucht er gegenwärtig sein bischen Armuth für sich : und so sehen Sie wohl - - Ich sehe Alles , sagte die Witwe . Ich bin Ihnen für Ihre Theilnahme , für Ihre so unverdiente , gränzenlose Güte unaussprechlich verbunden : allein , da doch gegenwärtig noch keine Noth ist ; da Horn , wie Sie Selbst mich versichern , fürs erste schweigt , und da die übrigen Gläubiger mich nicht drängen - - Die Doctorinn , ob sie gleich sehr ungern diesen Schritt that , sah sich genöthigt , mit der vollen Wahrheit herauszugehen , und der Witwe zu sagen , dass , wenn sie den Gang zu ihrem Vater verweigerte , ihr guter Mann wegen eines für sie ausgestellten Wechsels ins Gedränge kommen , und nicht wissen würde , wie er den ungestümen , hartherzigen Horn befriedigen solle . - Dieses einzige , unerwartete Wort war entscheidend ; die Witwe versprach nun heilig , obgleich mit schwerem , muthlosen Herzen , dass sie morgen im Tage dem alten Herrn Stark ihre Ehrerbietung bezeugen wolle . XX. Es war um Theezeit ; und die Doctorinn , die sich den Mund ganz trocken gesprochen , aber bei der Witwe den Thee verbeten hatte , kam auf den Einfall , ihn bei der Mutter zu trinken . Sie fand hier zugleich den Vater , der dann und wann bei der Alten ein Schälchen nahm ; und zufälliger Weise auch Monsieur Burg , den Madam Stark so eben wegen eines Gerüchtes ausfragte , das ihr zu Ohren gekommen war . Es hiess : ein ziemlich bemittelter Oheim von Burg , den dieser zu beerben gehofft hatte , sei noch in seinen alten Tagen schlüssig geworden , sich zu verheiraten . - Ist das wahr ? fragte die Alte . Leider wahr ! sagte Monsieur Burg . Aber wie in aller Welt kömmt er auf den Gedanken ? Ich hätt ' ihn für vernünftiger angesehen . Wie ? sagte der Alte , den die Lust , sie ein wenig zu necken , ankam . Ist Heiraten Unvernunft , Mutter ? Behüte ! Es wäre Lästerung , das zu sagen . Ehe ist ja eine Einsetzung von Gott . Das mein ' ich ! Und eben deswegen , Mutter - weil der alte Oheim , nach langer Verblendung , das endlich einsieht ; so bereut er sein bisher geführtes sündliches Hagestolzenleben , und kriecht zu Kreuze . Jaja ! rief hier Monsieur Burg , dem der wahrscheinliche Verlust der Erbschaft schwer auf dem Herzen lag - : Kreuz soll er schon finden , denk ' ich , das soll er finden ! Lieber Monsieur Burg ! sagte die Alte , und nahm einen andächtigen Ton an : auf Erden hat wohl jeder sein Kreuz ; und was der Himmel dem Oheim auferlegt , muss er tragen , und muss darüber nicht murren . Das ist Pflicht eines Christen . Die Doctorinn hatte Noth , nicht zu lachen . - Aber , sagte der Alte , du hörst ja , dass er der Trübsal willig entgegengeht , und dass er sich ganz demüthig in die Schule der Geduld begiebt . Was verlangst du denn mehr ? - - Alberne Menschen übrigens sind diese Hagestolzen : das ist gewiss . In der Jugend , hüten sie sich sorgfältig vor einer Thorheit ; und im Alter , begehn sie dafür eine Narrheit . Ei , ei ! rief die Doctorinn aus . Lieber Vater ! Was ist ? - Sie waren ja sonst ein so grosser Freund , ein so eifriger Vertheidiger des Ehestandes . War ich ? - Nun , so will ich ' s auch bleiben , und will die Thorheit geschwind zurücknehmen . Doch die Narrheit , Kind , musst du mir lassen . Drollicht ! - Aber ich bin ' s zufrieden . Es gilt . - Und ist ' s denn wahr , fuhr die Alte zu untersuchen fort , dass die Person , in welche sich der Oheim verliebt hat - - Verliebt , Mutter ? Hat er sich denn wirklich verliebt ? - Ich dachte , er heiratete bloss aus Zerknirschung . Wenigstens , sagte Monsieur Burg , kann die Zerknirschung noch kommen . Das Weib soll hässlich seyn , wie die Nacht . - Und Kinder bringt sie ihm obendrein in das Haus . Ganzer zwei . Wirklich ? - Nun , das war ' s , sagte die Alte , was ich im Sinne hatte , und wornach ich vorhin Ihn fragen wollte . - Also eine Witwe nimmt er zur Frau ? und eine Mutter von Kindern ? Hm ! - Von zwei lebendigen Kindern . Hmhm ! - Scheint dir das sonderbar , Mutter ? Mir nicht . Mir scheint es das Vernünftigste bei der Sache . - Wenn Kinder da sind , so wird denn doch der Alte mit Ehren Vater . - Eine Witwe zu heiraten , ist immer die beste Art , zu fremden Kindern Vater zu werden . Und was giebt ' s denn für eine andre ? fragte die Alte ganz ehrbar . - Ach ja ! - indem die Tochter , die sich nicht länger halten konnte , von Herzen zu lachen anfing , und der Vater mit einstimmte . - Das treuherzige Ach ja ! war nicht gemacht , dieses Lachen zu dämpfen ; und die Mutter , so sehr sie sich Anfangs dagegen sträubte , lachte am Ende mit . - Herr Stark , wie man sieht , war in seiner Feiertagslaune ; aber sicher hätt ' er ihr nicht den Zügel schiessen lassen , und hätte sich kein ' s seiner Spässchen erlaubt , wenn nicht Herr Wraker , der alte Oheim von Burg , ein bekannter Ausschweifling gewesen wäre , der die Hochachtung von keinem Menschen , und also auch nicht von dem Neffen , hatte . - Indessen , als in der Folge des Gesprächs sich der gekränkte Eigennutz des jungen Mannes immer stärker verrieth , und er sich endlich zu bittre , zu unanständige Glossen erlaubte , wies ihn Herr Stark , zwar liebreich , doch alles Ernstes , zurechte . - Er berührte zuerst den Hauptpunct der wahrscheinlich verlornen Erbschaft , und erklärte diesen Verlust für nichts weniger als ein Unglück : denn , meinte er , Monsieur Burg sei ja Manns genug , um durch eigene Kräfte sein Glück zu machen ; und so ein Glück habe immer mehr Werth , als ein anderes , das durch Erben oder durch Heiraten erlangt werde . - Wenn man , sagte er , die hiesigen grossen Häuser der Reihe nach durchgeht ; so findet man , dass sie alle entweder vom lebenden Stifter selbst , oder höchstens vom Vater her sind : die vom Grossvater her sind schon alle wieder im Abnehmen , im Sinken . Selbst ist der Mann ! sagt ein Sprichwort , das für alle Stände , und besonders auch für den unsrigen , wahr ist . - Dann kam Herr Stark auf die Liebesgeschichte des Herrn Wraker , und fand auch an ihr eine Seite , von der sie ihm gar nicht mehr so thöricht und lächerlich vorkam . - Der Bräutigam , sagte er , ist freilich ein altes morsches Geripp von Manne , das eher für den Sarg als für ' s Ehebett taugt , und die Braut eine ziemlich missgeschaffne , klapperdürre Schöne , deren hervorstehender Zahn und blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht ; aber , Monsieur Burg ! seh ' Er einmal - ich bitt ' Ihn - von diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die Nebenpersonen , die kleinen hülflosen Kinder ! Wie , wenn die Mutter bei sich selbst überlegt hätte , dass sie nur herzlich arm , und dass Armuth eine rauhe Witterung ist , worin solche zarte junge Pflänzchen leicht ersterben oder verkrüppeln ? wenn sie die ihrigen an die sanftere mildere Luft der Wohlhabenheit hätte bringen wollen , um ihnen ein froheres Wachsthum , ein schnelleres Gedeihen , zu sichern ? Dann wäre , von ihrer Seite , die Heirat schon nichts so gar Thörichtes mehr , eher etwas sehr Mütterliches und Kluges . - Und von Seiten des alten Wraker ? Wie , wenn auch der sich durch Gründe hätte bestimmen lassen , die weit mehr unsre Billigung , als unsern Tadel , verdienten ? wenn er , nach einem Leben voll Ausschweifungen , noch zu guter letzt etwas Verdienstliches hätte thun , und das Glück von ein paar unschuldigen Wesen hätte gründen wollen , die es vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten ? - Freilich kränkt er darüber den guten Neffen , der sonst sein nächster Erbe gewesen wäre ; aber - mag er gedacht haben - ein Mann wie der , der so reiche Hülfsquellen in sich selbst hat , und der zu so einem Verluste nur lacht - - O , das thu ' ich auch ; das thu ' ich recht von Herzen ! sagte Monsieur Burg , indem er mit grinsender Miene , die ein verachtendes Lachen ausdrücken sollte , sein Oberschälchen umwandte , und sich empfahl . - Die Tochter ergriff die Hand des Vaters , um sie zu küssen . - Das thu ' ich im Namen der Kleinen , sagte sie : für die Sie Sich so nachdrücklich erklärt haben . - Ach , was solche arme kleine Waisen mich jammern ! - So oft mir dergleichen vorkommen , mögt ' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben , den ich ihnen wieder zum Vater gäbe . - Und der Witwe zum Manne ; nicht wahr ? Denn warum er sonst eben jung seyn sollte - - Wie ? Das sehen Sie nicht ? - Damit er mir nicht zu früh wieder wegstürbe ; und ich dann neue Noth mit den Kindern hätte . Sieh , sieh ! sagte der Alte . Kömmt ' s so herum ? Fein genug ! Aber Sie wollen vielleicht , dass Witwen nur lauter schwache , gebrechliche Männer heiraten sollen ; Krückenstösser , wie den Wraker , die zu nichts weiter taugen , als fremder Leute Kindern Brot zu verschaffen ? - Die armen Witwen ! - Ei nicht doch ! nicht doch ! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind - - denn das gesteh ich dir : eine Heirat zwischen einem jungen Manne und einem alten Weibe ist mir zuwider . - Das ist sie wohl jedem . - Nein ; meine Witwen sind so im Anfang der zwanzig , sind überdies noch brav , gefällig , haushälterisch , fromm - - Aber hässlich ; nicht wahr ? Behüte Gott ! Eher schön . Nun , was fragst du denn lange ? - Gieb sie , an wen du willst , an die jüngsten und die wackersten Männer ! Ich bin es herzlich zufrieden . - Brav , Väterchen ! Herrlich , Väterchen ! dachte die Tochter ; wir wollen dir dieses Wort zu seiner Zeit wieder vorhalten . Es geht dich näher an , als du wohl denkst . - Und nun machte sie sich auf leichten Füssen davon , um nach Art braver Eheweiber , die für den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben , dem ihrigen alles Vorgefallene zu berichten . XXI . Ist wohl nicht möglich ! - sagte Herr Stark , als Monsieur Schlicht mit der Nachricht hineintrat , dass Madam Lyk ihn zu sprechen wünsche . - Er wird sich verhört haben , mein lieber Schlicht . Meinen Sohn wird sie sprechen wollen . Nein , Sie ! Sie ! Ich hab ' ausdrücklich gefragt . Hm ! Also mich ? In der That ? - Nun , so führ ' Er sie gegenüber in das Besuchzimmer . Ich werd ' erscheinen . - Was in aller Welt kann das seyn ? Wie komm ' ich zu einer so galanten Visite ? - Es ist ja wohl kaum halb zehn - indem er nach seiner Uhr sah ; - und die Frau ist schon auf ? ist schon angezogen ? hat schon ihre Chocolade getrunken ? Das ist ja ganz ausser der Regel ! - Er trat , seiner Gewohnheit nach , vor den Spiegel , um sich den Stutz , gerade zu rücken . - Wirst schon wieder schief zu stehen kommen , sagte er lächelnd ; aber , mein guter Stutz - - Glück werden wir ohnehin nicht mehr machen . Wir sind zu alt , sind so sehr ausser der Mode . - - Ich sollte erröthen , sagte die Witwe , die durch das Studium einer ganzen langen Nacht keinen bessern Eingang hatte ersinnen können ; ich sollte , wegen der Störung und des Zeitverlustes , die ich verursache - - Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre Stimme so sehr gedämpft , dass der Alte , der nach Art der Schwerhörigen ihr scharf ins Gesicht sah , und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte , nur aus der Bewegung ihrer Lippen abnahm : sie müsse reden . Auch das Zurückstossen des Stutzes liess ihn nur ein leises , undeutliches Murmeln , keine eigentlichen Töne vernehmen . - Ich muss Sie bitten , fing er jetzt an , mir eine Schwachheit des Alters zu Gute zu halten ; ich habe , wenn die Witterung kalt wird , einen Fluss auf dem rechten Ohre , der aber Gottlob ! so arg nicht ist , dass ich , wie mein Nachbar , ein Hörnchen mit mir herumtragen dürfte . Haben Sie nur die Gefälligkeit , ein wenig lauter zu reden , und ich werde Sie hören . Diese Aufforderung zum Lautreden vermehrte das Herzklopfen der Witwe , die schon so des Athems wenig genug , und dabei ein Anliegen hatte , das seiner Natur nach nicht wollte geschrieen werden . Es kam ihr äusserst gelegen , dass eben jetzt Herr Stark sie zum Niedersitzen auf das altmodische rohrgeflochtene Canape einlud ; denn kaum erhielt sie , bei ihrer heftigen innern Bewegung , sich auf den Füssen . Es gelang ihr jetzt , dem alten Herrn zu bedeuten : dass ihre grosse Verpflichtung gegen seinen würdigen Sohn , der durch lange mühsame Arbeit sie aus einer höchst unangenehmen Verwirrung gezogen , ihr ein gerechtes Vertrauen auch gegen den Vater einflösse , und dass sie hoffe - - Hier sank ihr die Stimme wieder ; und Herr Stark brachte nicht heraus was sie denn hoffe : dass er nehmlich gleiche Grossmuth beweisen , und wenn sie von diesem oder jenem ihrer Gläubiger gedrängt werden sollte , ihr seinen einsichtvollen Rath und selbst seine thätige Unterstützung nicht versagen werde . Er bezog die paar Wörter , die er verstand : Grossmuth , Rath , Unterstützung , noch immer auf seinen Sohn ; und deutete , weil sie jetzt auch von Dank sprach , ihre Hoffnung bloss dahin : dass er ihren Besuch gütig aufnehmen , und sich ihren Dank für die ihr erwiesene Hülfe werde gefallen lassen . Dem gemäss erwiederte er , zu nicht geringem Erstaunen der Witwe : dass sie sich in ihm ganz an den Unrechten wende , indem er Alles was sein Sohn für sie gethan , erst spät hinterher erfahren , und dass er also ihren Dank unmöglich annehmen könne . - Unsre jungen Herren , sagte er , pflegen die Väter nicht zu ihren Vertrauten zu nehmen ; sie fürchten , dass man jede Art von Eröffnung als schuldige Rechenschaft von ihrem Thun und Lassen ansehen werde ; und sich einem solchen Zwange zu unterwerfen , sind sie ganz und gar nicht gemeint . - Die Witwe rang , in einer ziemlich langen , ängstlichen Pause , mit sich selbst , wie sie das nehmen , und ob sie im Gespräche fortfahren oder es abbrechen solle . Sie konnte kaum anders , als das trockne Hinweggehen über den Hauptpunct in ihrer Anrede für ein geflissentliches Ausbeugen und Ablehnen nehmen ; und was der Vater vom Sohne sagte , schien sogar das Betragen desselben zu missbilligen . Indessen war es möglich , dass Herr Stark nur übel gehört hatte ; und so raffte sie sich zusammen , um auf einem andern Wege das Gespräch wieder einzuleiten . - Die Doctorinn , sagte sie , habe ihr die Freundschaft gerühmt , die ehemal zwischen Herrn Stark und ihrem verstorbenen Schwiegervater , dem alten Lyk , geherrscht habe ; und sie lebe der Hoffnung - - Auf dieses Wort , welches Herr Stark vollkommen verstand , gab er die passende Antwort : dass er den alten seligen Lyk von seiner Kindheit an gekannt , und schon in den ersten Schuljahren sein Freund gewesen ; dass sie nachher , ihr ganzes Leben hindurch , in sehr enger Verbindung gestanden , und dass sie gewiss , in vorkommendem Falle , ihre gegenseitige herzliche Freundschaft sich aufs thätigste würden bewiesen haben . - Aber , sagte er , so ein Fall kann , Gottlob ! nicht vor ; wir hielten beide unsre Geschäfte in guter Ordnung , und verschlemmten und verschleuderten nicht : und wo das ist , da ereignen sich die Umstände nicht leicht , in welchen der Freund dem Freunde einen ausgezeichneten Dienst leisten oder wohl gar eine Aufopferung für ihn machen könnte . - Wenn gleich diese Anmerkung nichts weniger als Schmeichelei seyn sollte ; so hatte sie doch bei weitem den Sinn nicht , den die Witwe ihr gab , und den sie nach dem obigen Missverstande - oder itzt kaum mehr Missverstande - fast gezwungen war ihr zu geben . Sie glaubte , einen bittern Vorwurf über die Unordnung zu hören , die ihr verstorbener Mann in seine Geschäfte hatte einreissen lassen , glaubte sich zum zweitenmale empfindlich zurückgewiesen , und erblasste und erröthete , im Gefühl ihrer peinlichen Lage , eins um das andre . Herr Stark , der ohne Brille nicht scharf mehr sah , ward von ihrem Zustande nichts inne . Sie haben , fing er nach einigen Secundem wieder an , den guten alten Schwiegervater wohl nicht mehr gekannt ? Nie - sagte ihm ein stilles , schwaches Kopfschütteln der Witwe . Und seine Frau , die alte redliche Mutter Lyk , wohl eben ; so wenig ? Eben so wenig - sagte ihm ein abermaliges Kopfschütteln ; denn die Witwe , der das Herz immer voller und schwerer ward , war nicht im Stande zu reden . - Hätte Herr Stark von der jetzigen wirklich bedrängten Lage der Witwe , und besonders von ihrer Absicht auf ihn , nur die mindeste Ahnung gehabt : so würde er , bei seiner wahrhaft grossmüthigen Denkungsart , und seiner Achtung für Unglückliche , ihrer sorgfältig geschont , und jedes seiner Worte genau bewacht haben ; aber so hielt er , in seiner Unwissenheit