nicht zu hören . Die Großen in der Materie , die Ritterschaft , drängte sich in die Städte , um die Kleinen , die in der Zeit des Geistes mächtiger wurden , in den Schatten zu stellen ; Raubvögel , die das Licht der hellern Sonne nicht mehr ertragen konnten , drangen sich der brütenden Henne als Gehülfen auf , und so wurde manches bürgerliche Küchelchen verbrütet , und so entstand das Motto : Sub umbra alarum tuarum . Faulenzer und Blödsichtige lieben sub umbra . Das war ein großer Mann , der nicht sub umbra alarum Alexanders ruhen wollte , und ihn bat , er möge ihm aus der Sonne gehen . Werdos Glück haben sie auch verbrütet , und , da sie ihm nicht aus der Sonne gehen wollten , so hat er sich auf diesen hohen Berg geflüchtet , und sieht sie so aus der ersten Hand . Er sagte mir neulich : » Hierhin in die Trümmer des Faustrechts habe ich die Trümmer der Freiheit meines Geistes gerettet , denn , mein Herr , der Kuckuck jagt die Nachtigall aus ihrem Neste ; die Menschen finden es grausam , weil sie es nicht taten , fangen sie sehr naiv in Schlingen , sperren sie in einen Käfig , schreiben die Geschichte der Stubenvögel und nennen sie Naturgeschichte , da sie doch gewiß eine Kunstgeschichte ist , blenden der Nachtigall die Augen , damit sie immer singt , schreiben ihren Gesang in Worten nieder , füttern sie mit gestohlnen Ameiseneiern , und lassen ihre Kinder etwa auch mit hölzernen Kuckucken aus Nürnberg dazwischenschreien . « - In dieser ganzen Rede lag eine seltsame Darstellung seiner Leiden . Es ist mir sonderbar zu Mute hier , ich habe nie so gesellig eine Nacht so einsam zugebracht , es regt sich alles in mir nach Mitteilung , und doch ist mir die mittelbare des Schreibens etwas unangenehm . Die Lampe verdirbt mir den Mond , er sieht über die Erde herab , wie der Trost über den Jammer , wie das platonsche Auge eines zwanzigjährigen Mädchens über ihren wallenden Busen . Er steht über dem Harem des Großsultans von Goldblech , wie der Orden Pour le mérite über dem Herzen der - und heißt doch ein Brotdieb der außerordentlichen Liebe und Diebe im Kleinen . So macht der Stern kein Herz , und der Mond über dem schlechten Wirtshause in J. hat noch keinem Ermüdeten eine freundliche Nacht gewährt . - Sieh , so stört mich die Lampe , daß ich den Mond lästere . Unten im Tale möchte ich auch etwas hemmen , das mir in meine Ruhe hineinlärmt . Eine Pulvermühle klappt durch die sanfte liebliche Nacht , wie der Puls der Kunst durch die Natur , wie der taktstampfende Fuß eines Musikers durch seine Melodien , wie der Pantoffel der Ehe durch die Liebe . Senne heißt der Bewohner dieser sonderbaren Wohnung , deren Ganzes mich in eine schauerliche gerührte Stimmung versetzt . Ich möchte auch hier wohnen , wenn ich alles verloren hätte , um das ganz genießen zu können , was jedem Edlen übrig bleibt , Natur , Ruhe , Erinnerung und innerer Friede . Oben auf der Spitze eines großen Bergs liegt in einem Amphitheater , das ein dichter Eichenwald bildet , die Burg Reinhardstein , und in einem hohen großen Gewölbe , das in der Mitte des Gebäudes unter einer verfallnen Terrasse steht , hat sich Werdo Senne einige niedliche Gemächer anlegen lassen , die alle einer vollkommen reinen Luft und einer sehr schönen Aussicht genießen . Über sich auf der Terrasse hat er einen kleinen Gemüsgarten angelegt und einzelne Hügel um seine Wohnung her mit Weinreben bepflanzt . Vor dem Eingange des Gewölbes , der mit Epheu und Geisblatt umzogen ist , steht eine ewige Eiche ; an sie hat er sich die Rasenbank hingebaut , auf der er seinen Schwärmereien nachhängt . Hier sitzt er oft halbe Tage lang , und singt Lieder zu seiner Harfe , die er meistens selbst dichtet . Er hat es auf diesem Instrument zu einer seltnen Fertigkeit und einem seltsamen Vortrage gebracht , denn seine eigne , durch gewisse Zufälle bestimmte Ansicht der Dinge und seine heftige Sehnsucht nach etwas , das er allein kennt , giebt seinem Spiel eine ganz eigene Modulation , die alles um ihn her zur Teilnahme bewegt . Ich habe mir eins seiner Lieder gemerkt , er singt es sehr oft , und es scheint mir , als läge viel Aufschluß über seinen Kummer darin . Die Seufzer des Abendwinds wehen So jammernd und bittend im Turm ; Wohl hör ich um Rettung dich flehen , Du ringst mit den Wogen , versinkest im Sturm . Ich seh dich am Ufer ; es wallet Ein traurendes Irrlicht einher . Mein liebendes Rufen erschallet , Du hörest , du liebest , du stürzest ins Meer . Ich lieb und ich stürze verwegen Dir nach in die Wogen hinab , Ich komme dir sterbend entgegen , Ich ringe , du sinkest , ich teile dein Grab . Doch stürzt man den Stürmen des Lebens Von neuem mich Armen nun zu . Ich sinke ; ich ringe vergebens , Ach nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh . Da schwinden die ewigen Fernen , Da endet kein Leben mit dir . Ich kenn deinen Blick in den Sternen , Ach sieh nicht so traurig , hab Mitleid mit mir . Bis jetzt hab ich wenig mit ihm gesprochen , denn er spricht nicht gerne , und ohne zurückzuschrecken hat er durch sein Betragen die Macht , alle Lippen zu verschließen . Die Ruhe um ihn her gleicht jener Ruhe , die jeden Gefühlvollen nach den Arbeiten eines reichlich verlebten Tages am stillen Feierabende ergreift . Ähnliches Schweigen ergriff mich , als ich die Opfer ihrer Meinungen , alte aus Frankreich vertriebene Priester , in unsern Promenaden mit Tränen im Auge ihr trocknes Brot essen sah , als ich den Greis Broglio , als ich den silberlockigen Condé , den Hut in der Hand , mit zur Erde gesenktem Kopfe auf Zeitungen warten sah . Ähnliche Ruhe wird mich ergreifen , wenn ich über die Berge von kalter fester Lava um den Vesuv herum wallen werde . - Er ruht und träumt nach dem Rausche , den wir uns zu trinken noch beschäftigt sind , und bang sehe ich nach seiner Ruhe und belausche seine lauteren Träume und passe sie meinem Rausche an . Spärlich spielen einige Silberlocken um seine Schläfe , wie ein paar freundliche Augenblicke seines Lebens um sein Gedenken , seine schwarzen Augen haben eine schauerliche Mischung von Liebe , Verleugnung und Stärke im Blick , sein Mund ist selten in einen freundlichen Ernst , oft in ein wehmütiges Lächeln gezogen . Wenn er steht oder sitzt , so vermißt man etwas in seiner Lage , und weiß nicht was fehlt , bis er die Harfe an seine Brust und seine Stirn an die Harfe lehnt . An diese Stellung scheint er so gewohnt zu sein , daß , wenn er die Harfe nicht im Arme hat , man ihn sonderbar findet . Mit der Harfe aber ist er mir ganz das Sinnbild der wechselseitigen Freundschaft und des Zutrauens . Er lehnt seine Stirn an sie , wie auf den Arm eines tröstenden Freundes , und klagt ihr seine Leiden . Sie ruht wie die Teilnahme und das Mitleid an seinem Herzen , und scheint unter seinen leisen Griffen freiwillig ihm zuzuhören , und dann und wann in traulichen Worten ihm Trost zuzuflüstern . Er hängt schwärmerisch an ihr , wie die verwelkten Blumenkränze um ihre Saiten , und wenn durch eine rasche Erbebung des Instruments ein Blättchen von den Kränzen herabfällt , so schweigt er , und letzt , da ich ihn belauschte , rollte eine Träne über seine bleichen Wangen , und er sagte : » Wenn alle diese welken Blumen herabgefallen sind , so will ich nicht mehr weinen und nicht mehr singen , so will ich sterben . « Dann sang er : Um die Harfe sind Kränze geschlungen , Schwebte Lieb in der Saiten Klang : Oft wohl hab ich mir einsam gesungen , Und wenn einsam und still ich sang , Rauschten die Saiten im tönenden Spiel , Bis aus dem Kranze , vom Klange durchschüttert , Und von der Klage der Liebe durchzittert , Sinkend die Blume herniederfiel . Weinend sah ich zur Erde dann nieder , Liegt die Blüte so still und tot ; Seh die Kränz an der Harfe nun wieder , - Auch verschwunden des Lebens Not , Winken mir traurig wie schattiges Grab , Wehen so kalt in den tönenden Saiten , Wehen so bang und so traurig : es gleiten Brennende Tränen die Wang herab . Nie ertönt meine Stimme nun wieder , Wenn nicht freundlich die Blüte winkt ; Ewig sterben und schweigen die Lieder , Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt . Schon sind die meisten der holden entflohn ; Ach ! wenn die Kränze die Harfe verlassen , Dann will ich sterben ; die Wangen erblassen , Stumm ist die Lippe , verhallt der Ton . Aber Wonn , es entsprosset zum Leben Meiner Asche , so hell und schön , Eine Blume . - Mit freudigem Beben Seh ich Tilie so freundlich stehn . Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid . Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen - Schöner und lieblicher seh ich sie stehen , Wie meinen Feinden sie mild verzeiht . Der Gram , unzulänglicher Trost und Täuschungen in seinen Erwartungen von der Wirklichkeit und ihrer Zeit haben den Kampf und die Niederlage seiner Seele in seine Gesichtszüge hingezeichnet . Er hat sich mit all seinen Kräften des Selbstglücks und der Beglückung zur Aschenurne seiner Freuden erschaffen gesehen , und die Inschrift auf dem Male , das auf seinen Trümmern steht , liest man in seinem irren Blick , dessen Sprache durch den Jammer , wie die Sprache der Gräber durch den Zahn der Zeit , verwittert ist . Sein Verlust muß unendlich sein , denn er sucht noch immer über der Erde mit seinen Augen hin , als habe er noch Kraft , diesseits eine Blume zu pflücken . Ach Römer ! wie werde ich verglühen , da ich die Flamme noch nicht kenne , die mich durchlodert ; o ! es ist mehr als Lebenswärme , was mich ergreift , wenn ich begehre , was mir fehlt . Ich sehe die Natur um mich her ewig und unermeßlich , und wenn ich sie ganz verschlinge , wie sehr ich es kann , so bleibt es doch öde in meiner Brust , und mein Herz pocht so eintönig , so allein in meinem Busen . Alles ist Harmonie und Melodie , und verschwistert sieht sich alles in den Armen eines andern zum zweitenmal gelebt , zum zweitenmal beseelt ; kein Spiegel meinem Bilde , kein Echo dem lauten verlaßnen Rufe aus meinem Herzen , kein Strahl aus der Seele eines Geschöpfs , der nur mir gehöre , kein Sinn für mich durch das Gepräge der Einzigkeit nur für mich belebt . Die Natur hat mich nicht gestimmt , daß jeder Künstler meine Töne mit dem großen allgemeinen Klang in Akkorde vereinigen kann . Freilich sprach ich anders in meinem vorigen Briefe , da war mir das Leben noch leicht , - jetzt ist es anders . Nur einer wird mehr als leichtfertige , tanzende Töne aus mir in das große Meer von Gesang hinüberweben . Sonderbar ist es , lieber Römer , wenn ich alles dieses fühle , daß es mich ganz vernichtet , zu sehen , daß ich nur mich beglücken , nur mich befriedigen will , daß dieser Drang nach Liebe ein Bedürfnis ist , daß auch mit dem Bedürfnisse Liebe und Freundschaft schwindet und wächst . Ist der Wunsch , seiner Liebe alles aufzuopfern , nur zur Selbsttäuschung in unsere Verbindungen gelegt ? Ist mir denn das Gefühl , mich dem Ideale meiner kühnen Hoffnung uneigennützig , ohne Selbstliebe , nur ganz ihm hinzugeben , nur zur augenblicklichen Schmeichelei erschaffen , und sucht man uns den Egoismus nur wegzuraisonnieren , damit wir ihn uns zur Qual sich wieder in unsere lieblichsten Bilder von Menschenglück als einzig feststehenden Beweggrund eindrängen sehen ? Ich habe gesündigt . Die Natur spricht aus , was ich beklagt habe . Der Mond tritt hinter eine Wolke . Es ist dunkel und schwarz in der Nacht , und meine Lampe schimmert etwas heller durch das Stübchen . Da ist nun die Außenwelt , die Hoffnung und die Sehnsucht , die Tiefe des Himmels und die kleinen Sterne von meiner innern getrennt . Heller leuchtet das Lämpchen , aber nie hell . In meiner Brust ist eine weite Welt gewölbet , mein Egoism kann sie nicht erleuchten . O die Nacht ! Ist der Mond für die Welt da und nur diese Lampe für mich ? Im Dunkel herrschet Ruhe und Vollendung . Die Dämmerung erzeugt das Handeln und verdirbt den Raum , ich will ihr Licht nicht . Der Mond schwimmt leise auf dem ewig tiefen Meere der ewig hohen Welt über die Wolkenburg , wie die Natur über den Worten und Werken von mir Kind hervor . Stirb , Erdenlichtchen . Gute Nacht ! Die Lampe verlischt . Es ist schon wieder Tag geworden . Könnte ich dir das Erwachen eines Seligen im Elysium malen , den kein Freund , keine Liebe , den nur die Mühe im Leben begleitete , dem ein einsamer Tod die Augen zudrückte , dessen letzter Blick voll des sterbenden Lebewohls sich in keiner Träne eines Trauernden brach , und in ihn selbst zurück einen Trost sich senkte , dessen letzter Kampf mit der Liebe zum Leben wie Fesselgeräusche von kalten Kerkerwänden wiederhallt . Könnte ich dir ihn malen , wie er ausruft : » Ich war zu spät geboren ! « wenn er in den Garten tritt , in dem alle seine Erdenfreuden als himmlische Blumen blühn , so hätte ich dir meine Empfindung , da ich an diesem Morgen in die Welt sah , in einem Bild zusammengedrängt , hingereicht . Mir selbst zu wenig , und der Welt zu viel , und umgekehrt , legte ich mich gestern abend nieder ; mein Lager war ein mit Moos ausgestopftes Ruhebett ; und die Gastfreundschaft hatte durch ein liebliches Mädchen wohlriechende Kräuter drüber hingestreut . Die Handlung beschäftigte freundlich meine Sinne , und die Wirkung berauschte sie zum Schlafe . Guter , freundlicher Wirt , wußtest du , daß hier ein Schwärmer ruhen sollte , der deine Hütte entweihen konnte , weil du Kräuter und Blumen wie Hieroglyphen der Liebe und Unschuld um ihn streutest ? Indem ich mit den Bildern spielte , spielten sie wieder mit mir , und ich schlief . Ein sonderbarer Ton weckte mich auf . Es war mir leid , daß es die Sonnenstrahlen nicht taten . Ich hätte mich dann eines höheren , einigeren Lebens freuen können . Die Morgenröte kämpfte spielend mit dem Grün der Weinblätter , die an dem kleinen Fenster , vom Morgenwinde bewegt , mir um die Wangen schmeichelten , als wollten sie mich mit meinen Wünschen versöhnen . Die Liebe hatte den Schmetterling geweckt . Die Sonne stieg leise hinter dem Gesichtskreise empor , und küßte die Scheidetränen der Nacht von den Blumen . Sie drang aus sich selbst empor , wie die Glut der Leidenschaft , und das Leben erwachte in steigendem Glanze , während die unbestimmte Trauer im Schleier des Nebels feierlich und verheißend in die Erde stieg . So werden die Seufzer der trauernden Witwe Seufzer der Liebe , und der Kranz schwebender Lichter blühet in Irrlichtern und Feuerwürmchen über Gräbern und Blumen . Die Tränen der Sehnsucht und der Hoffnung haben die Erinnerung umfaßt . Den Schleier des Kummers hebt die tröstende Liebe . Ihr Blick dringt in Mitleid in das Herz . Die zitternde Hand ordnet die vernachlässigte Locke . Man erkennt das Leben im Spiegel . Das Grab ist hinabgesunken , der Trost ist hingewandelt . Die Freude dreht sich wie Liebesneckerei um uns , und der Hochzeitstanz , der seine jubelnden Kreise durch unsere Sinne zieht , ertrinkt mit uns in Lebensallegorien , um die die Bürgerlichkeit mystische Vorhänge gezogen hat . Unter meinem Fenster entwickelte sich ein freundliches Schauspiel . Ein junges Reh hüpfte durch den kleinen Garten bis an das Fenster unter dem meinigen , und raschelte blökend im Weinlaube , als erwarte es etwas . Dann eilte es gegen die Türe , durch die ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat . Der Knabe ging an einen verschloßnen Behälter , holte einen Bündel Kräuter hervor , womit er das Reh fütterte . Alles das tat er mit einer heftigen Eile , und doch schien zwischen ihm und seiner Handlung eine traurige Ruhe zu liegen . Seine schwarzen Augen und die Züge seines bleichen Gesichts bewegten sich schnell , wie Takt ohne Ton , indes seine Haare kraus in dem Winde wehten . Er pflückte eine große Sonnenblume ab , und einige Buchszweige , steckte Taxus dazu , ging langsam nach einer alten Mauer an dem Turme dicht neben meinem Fenster , schwang sich mit einer unglaublichen Behendigkeit hinauf , setzte sich nieder , sang mit durchdringender Stimme ein Lied , das mit wenig Melodie in schnelle kurze Takte gedrängt war . Das Reh war zu ihm hinaufgesprungen , und legte ihm vertraut den Kopf in den Schoß . Dann und wann sah er mit Sehnsucht in die Ferne , indem er in einer kühnen Stellung auf der Fußspitze auf dem engen Rande der Mauer stand . Er schaute gespannt in die Weite , indem er die Hand gegen die Sonnenstrahlen vor seine Augen hielt ; dann winkte er , sprang herab , und sein Begleiter ihm nach . Die Gartentüre ging auf , und so trat der Engel , von Gott zum erstenmale auf die Erde gesandt , durch die Türe des Paradieses . Ich stand mit meiner Unzufriedenheit hinter den Weinblättern meines Fensters so schamhaft wie der erste Mensch hinter seinem ersten Kleide . Ein Mädchen , weiß wie der Schnee , mit schwarzen Augen und Locken , wurde von dem Knaben heftig umarmt . Ich verschlang die schöne Gruppe . Das Reh hatte den Blumenstrauß im Maule , und drängte sich an das Mädchen , um ihr denselben zu reichen . Es schien mir , als hätten sich die Geschöpfe Gottes noch nicht veruneinigt und die Sünde die Gewalt noch nicht hervorgerufen . Das Ganze war so unwillkürlich , war so durch sich selbst entstanden , daß es so schön werden konnte . Meine Seele war in meinen Augen . Eine flüchtige Erinnerung meines Unmuts beschämte mich . Die ganze Szene lebte in mir , und doch sah ich nur das Mädchen . Der Knabe hing an ihrem Halse , wie ein kleiner Reiz der Schönheit , den wir nur bemerken , weil er unserm Auge erträglicher ist . In diesem einzigen Geschöpfe , in dieser Gestalt und der augenblicklichen Zusammenstellung ihrer Umgebung ward ich mit der ganzen Ordnung der Dinge versöhnt . Die ganze Welt wird uns lieb , wenn sie uns mit dem Blick der Liebe ansieht ; und wer die Sonne für das Auge der Welt ansehen kann , der muß glücklich sein , wenn sie scheint . Ich habe hier gesehen , daß Schönheit in der Welt wohnt , und daß diese Welt auch in meiner Brust eine Heimat hat . Das Ganze war zu überraschend , und meine Seele zum Empfangen solcher Bilder zu wenig vorbereitet , als daß ich sie ruhig in mir hätte bewirten können . In meiner Seele wechselten alle Gefühle in der kommenden und fliehenden Eile der Leidenschaft . Scham und Stärke , Liebe und Demut , kühne Hoffnung und kleinmütige Furcht eilten mit schmerzlichen Tritten durch mein Herz . Sehnsucht löste sie alle . Die Stimme des Mädchens zündete sie in mir an ; ich sahe nicht mehr , ich hörte nur ; oder ich sah , was ich hörte , denn ihre Töne waren freundliche helle Gestalten , sie trugen ein fremdes Gewand ; es war eine fremde Sprache - ich konnte sie nicht verstehen . Wenn ich in Molly und Joduno etwas geliebt habe , und nicht alles , so finde ich in diesem Bilde gewiß beides . Es ist keine Kühnheit , daß ich dir sage , wie dies Mädchen ist , da ich sie nur sahe ; aber ihre Erscheinung ist ein reines Wort für ihren Inhalt . Sie könnte nur schlechter sein , als sie scheint , und dann wäre sie schlechter als alle Schönheit . Molly , durch Erfahrung gewarnt , durch Umstände gezwungen , zwar kein Produkt der Kunst , aus eigenem Bewußtsein , ist dennoch durch fremde Einflüsse bestimmt worden . Sie ist gewiß vieles nie geworden , was sie hätte werden können , wenn die Natur an ihrer Wiege gestanden und sie als Jungfrau begleitet hätte . Sie ist kein Wesen , das die Mitgabe der Schöpfung ruhig zu einer eigenen schönen Wohnung erbaut hat . Sie lief nicht glücklich auf dem Meere des Lebens aus . Sie ist zurückgekehrt , und hat sich aus den Trümmern ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet , das ihr gerade deswegen angemessen ist , weil es allen andern auffällt . Sie hat nicht , was das Weib allein bezeichnen soll , das Schöne allein ; sie hat nur das Große , das Erhabene , das uns aus dem Kampfe zurückbegleitet . Huldigung und Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem , der vor sie hintritt , aber keiner wird es wagen , das Schöne in ihr zu suchen , das wir in dem Weibe suchen sollen , insofern es edel ist und uns angehört . Sie wird jeden erschüttern , ihn richtig beurteilen und lieben , insofern es ihm gut sei . Ein Starker kann sie nicht lieben , denn er findet seine Größe nur in sich und wollte seine Schönheit in ihr suchen , wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhöhung seines Wesens . Eigenliebe kann zu ihr hinreißen ; man staunt und freut sich , wenn man geschmacklos ist , sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen . Man liebt aber nicht , weil man sich nicht verschönert wiederfindet . Sie hat es durch die Kunst weit gebracht . Alle ihre Handlungen sind mit äußerer Anmut angetan , und tragen das Gepräge einer freien , vorurteillosen Moralität . Dieses ist auch der stete Ausdruck ihres Gesichts , in der Ruhe und Erregung . Aber jeder natürliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit , durch diese öffentliche Entblößung von allen Vorurteilen zurückgeschreckt . Er ist gewohnt , daß die Natur in ihm leise und verschämt die Wahrheit entwickele , zu der er dann wieder das durchsichtige Gewand wird ; - er erschrickt , wenn die Form von dem Geiste plötzlich wie der Schleier von der Nacktheit herabgerissen wird . Es giebt eine Ansicht der nackten Schönheit , die uns zur Demut niederzwingt . Das bürgerliche Leben ist zu sehr Kerkerdunkel , als daß wir es wagen könnten , plötzliches Licht hereinbrechen zu lassen - was uns demütiget , können wir nicht lieben . - Joduno , das gute , muntere Mädchen , konnte mich nur reizen , weil ich von jener kam . Die Welt spielte damals mit mir , und es war in mir eine unwillkürliche Erwiderung dieses Spiels , daß ich mit Joduno auch spielte . Sie war die erste , in der die Welt vor mich trat , und so kindisch , so zum Spielen geneigt . Mein Umgang mit ihr verschwindet in seinen Ursprung , in ein undeutliches Gefühl , das über meinem Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag . Die seltsamen Zauberspiele Mollys und alle ihre Rätsel schliefen einen künstlichen Schlaf in mir , und meine ganze Aussicht war in einen düsteren , undurchdringlichen magischen Mantel gehüllt . Lady Hodefield an Werdo Senne Friede und Ruhe mit Ihnen , treuer , einziger Freund . Ihr Brief hat mich in einer der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft überrascht ; er ist wie ein sanfter Schlaf lösend über meinen Rausch , wie ein winkender bedeutender Traum über den Zweifel meiner Handlung herabgesunken . Ich habe zweimal der eisernen Notwendigkeit den süßesten Genuß geopfert . Die Versuchung , der Zeit einen Possen zu spielen , und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken , was sie in ihrer stillen , folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird , war für ein tollkühnes Weib wie ich nicht klein ; so nannten Sie mich einst , aber ich darf es ja nicht mehr sein . Nur die Blüte darf üppig wagen , darf der Frucht wie ein jauchzender Bote vorausgehen , und ich darf nichts , gar nichts mehr , das ist alles vorbei , die Zeit bereitet mir nun meine Freuden , damit ich hübsch genügsam sei . Ich habe sonst zuviel genossen , nun ist die Zeit da , daß ich den Genuß andrer genug ehre , um ihn nicht zu stören . Und diese Macht danke ich Ihnen allein ; Sie lehrten mich , daß die meisten Unfälle Folgen unserer Voreiligkeit sind , mit der wir der Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen . Ich war in dem Kampfe gegen meine schimmerndsten Gelüsten ermüdet ; auf meinem Sopha hingestreckt , blickte ich nicht ohne Neid nach dem Besiegten . Das Bild der Freude , die ich von mir in die Ferne gewiesen hatte , stand flehend und drohend vor mir , ich war so allein , so empfänglich , die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen ; » ich komme nicht wieder « , sprach sie , und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der verwegensten Reue zubereiten zu wollen , falscher Stolz , falsche Scham , waren ihre Vorwürfe . Doppelt einsam , indem ich die Gesellschaft des einzigen , der außer Ihnen Ansprüche auf meine Liebe hat , von mir gewiesen hatte , war ich , als ich Ihren Brief erhielt . Sie sind ganz gegenwärtig in ihm für mich , obschon Sie schon leise dem Leben drinne entschweben , denn ich kann Ihnen nachsehen . Alle meine Leidenschaften , alle meine Wünsche haben sie nun wieder zu jenem anspruchslosen Frieden gebracht , in den Sie sich Ihren Gram und so freundlich mir meine Schuld zu verschleiern wissen . - Ich habe Karln gesehen - ich wußte nicht , daß er es war , und doch bewies die Natur ihre geheime Macht , unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin , obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten . Ich fühlte , daß er mir angehört , der geistvolle schöne Sohn , auch er war im Innersten seines Herzens gerührt , und neigte sich gewaltsam zu mir hin , ohne es erklären zu können . Ich erkannte ihn durch die Erzählung seines Aufenthalts bei Godwi und seines Geschäfts . Ich erkannte ihn in der Trennung , und es war die höchste Wonne und der bitterste Schmerz in die nämliche Minute gelegt . Nur die Überraschung und die Menge der Menschen um uns machten mir es möglich , den sanft von meinen Blicken zurückzuweisen , den ich in meinem Herzen trage , und den ich umso fester in meine Arme schließen mochte , da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen wiedersah . Ach ich war nicht standhaft , die Entdeckung zu verhindern , es war bloßer Zufall , daß ich mich und sie nicht verriet ! Alles was Sie mir überhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner Krankheit schrieben , scheint mir ebenso richtig , als Ihre Bescheidenheit falsch . Sie wollen gar nichts von dem wenigen , womit ich Ihnen Ihre Existenz erleichtere , verdient haben , und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben . Die Trauer Eusebios ist mir sehr verständlich . Wäre er unter dem glücklichen Himmel seines Vaterlandes , wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte der Glut ständen , so würde er froh sein . Er erwacht vor der Zeit , weil seine Umgebung auf seine Anlage einen zu großen Reiz ausübt . Obschon er keinen Druck und keine Geschichte zu bedenken hat , so kann er dennoch nicht mehr Kind sein . Das Mißverhältnis seines Temperaments zu seinem Leben , und zum Lande , in dem er lebt , zwingt ihn zu reflektieren ; da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben kann , so entsteht aus seiner Reflexion über das bloße Bedürfnis die Sehnsucht in ihm . Er schmerzt mich ; wehe dem , der kein Kind sein konnte , er kann nicht Jüngling , nicht Mann werden - die Jahreszeiten fließen ihm in eines zusammen in seinem Verlangen - und bedarf in jedem Genusse jeden andern . Eusebio hätte noch lange Knospe sein müssen , an der der Tautropfen und die Träne hinabrollt , nun hat sich sein Busen erschlossen , und die Träne liegt still in seiner Kindheit , ein Bote innerer Trauer für sein ganzes Leben . Die Außenwelt hat ihn nicht auf der Stufe , die er einnimmt , gefesselt , es spielte kein Kind mit ihm , und so treibt ihn seine innere Glut aufwärts , die ihn hätte ausbreiten sollen . Ich fühle deutlich seine Zukunft , er wird nie die Formen kennen lernen , in denen er lebt , nur in den zusammengesetztern , reichern länger verweilen , jedem halben Tone wird er entgehen , und leicht viele Stufen des Lebens übereilen . Das Verlangen ist früher und begehrender in ihm ausgebildet , als er sich die Welt gewürdiget hat , er öffnet die Arme mit Sehnsucht , und nimmer kann er mehr umarmen als sich selbst ; so entsteht bei immer neuen Versuchen und einem steten Zurückkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer