seine Gunst beim Volke , und durch seinen Anhang unter den jungen Leuten der Mittelklassen bringen könne ? zumal , da der Umstand , daß seine Aeltermutter dem königlichen Geschlechte des Battus angehörte , ihm einen anscheinenden Vorzug vor den übrigen gibt , deren mehr oder weniger verdeckte Anschläge auf eben dasselbe Ziel gerichtet sind ? Daß dieß nicht meine Vorstellungsart sey , glaube ich durch die That bewiesen zu haben . Aber wie ich sah , daß Ariston seine Partei genommen hatte , was blieb mir übrig , als mich so weit als möglich zu entfernen , wenn ich nicht in den Fall kommen wollte , mich öffentlich entweder für oder wider einen Mann zu erklären , der seit dem Tode seines Vaters als das Haupt unsrer Familie angesehen , und aus leicht begreiflichen Ursachen von allen übrigen Gliedern derselben theils geschont , theils offenbar begünstiget wird ? Aber auch ohne diesen besondern Bewegungsgrund würde ich sehr verlegen seyn , wenn ich eine von euern Factionen schlechterdings zur meinigen machen müßte . Seit Erlöschung des letzten männlichen Sprößlings der Battiaden , ging Cyrene ( wie dir bekannt ist ) in eine ziemlich anarchische Demokratie über , auf welche unser Volk , zur Ehre seines Menschenverstandes , gar bald freiwillig Verzicht that , um sich einer Art von Aristokratie zu unterwerfen , bei welcher es sich ( wie es immer zu gehen pflegt ) so lange wohl befand , als die Regenten redliche und verständige Männer waren , keinen andern Zweck als die allgemeine Wohlfahrt hatten , und Einsicht genug besaßen , sich in der Wahl der Mittel nicht zu vergreifen . Daß diese goldne Zeit nicht bis zur dritten Generation dauerte , versteht sich von selbst . Die Geschichte aller Oligarchien ist auch die unsrige , und es ist leicht vorauszusehen , daß wir in dem krampfhaften Zustande , worin sich unsre Republik dermalen befindet , noch von Glück zu sagen haben werden , wenn wir , ohne die fürchterlichen Folgen einer langwierigen Anarchie zu erfahren , recht bald , es sey nun durch Wiederherstellung der Demokratie , oder Einwilligung in die Oberherrschaft eines Einzigen , wieder zur Ruhe kommen , bevor das mächtige Carthago unsern Händeln auf eine Art , die uns noch weniger behagen dürfte , ein Ende macht . Zwischen zweien Uebeln das kleinste zu wählen , ist oft eine schwere Aufgabe . Ich danke den Göttern , daß ich bei dieser Wahl keine entscheidende Stimme habe ; müßte ich aber schlechterdings meine Meinung sagen , so würde ich rathen , das , was man sich am Ende doch gefallen lassen wird , weil man muß , lieber freiwillig und zu einer Zeit zu verfügen , da es noch in unsrer Gewalt ist , die Bedingungen selbst zu machen , unter welchen wir die Regierung mit dem wenigsten Nachtheil des Gemeinwesens in die Hände eines Einzigen legen könnten . Meines Erachtens gibt es für einen kleinen oder mittelmäßigen Staat keine bessere Verfassung , als diejenige , welche Solon den Athenern gab , gewesen wäre , wenn ihm Pallas Athene den guten Gedanken eingeflüstert hätte , den Pisistratus von freien Stücken zur Uebernahme eines zehnjährigen Archontats zu berufen ; allenfalls mit der Bedingung , ihm diese höchste Würde nach zehn Jahren , wenn das Volk mit seiner Regierung zufrieden wäre , auf seine ganze Lebenszeit zu verlängern . Die Athener sind nie glücklicher gewesen als unter der Regierung des Pisistratus und Hipparchus . Es fehlte ihr nichts als daß sie nicht verfassungsmäßig war . Wäre sie es gewesen , so würde der Tyrann71 Pisistratus ein Muster guter Fürsten heißen ; so würde Athen wahrscheinlich der blühendste , mächtigste und dauerhafteste unter den Griechischen Staaten geworden seyn , und so viele tragische Glückswechsel und alles Unheil des siebenundzwanzigjährigen Verheerungskrieges , der sich so übel für sie endigte , nicht erfahren haben . Möchten die Factionen welche unsre Republik zerreißen , und deren keine noch stark genug ist die Oberhand zu erhalten , sich auf diese Weise zu Rettung des Vaterlandes vereinigen ! Auf allen Fall , und da mein besagter Rath alles ist , was ich für dasselbe thun kann , sey es dir frei gestellt , von diesem Briefe nach deinem Gutbefinden Gebrauch zu machen . Damit ich dir bei meinem Vorschlage nicht etwa einer eigennützigen Rücksicht verdächtig werde , erkläre ich unverhohlen , daß Ariston meine Stimme , wofern ich eine zu geben hätte , nie erhalten würde , so lange Cyrene noch mehr als Einen Mann aufweisen kann , dem ungleich größere Verdienste ein besseres Recht geben , der erste im Staate zu seyn . Lebe wohl , Demokles , und berichte mir mit der ersten Gelegenheit , was für eine Wendung diese Händel nehmen , deren Ausgang mir um so weniger gleichgültig seyn kann , da ich aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Falle mehr dabei zu verlieren als zu gewinnen haben werde . 12. An Ebendenselben . Es fehlt viel daran , lieber Demokles , daß mir die Nachrichten von dem immer wahrscheinlicher werdenden Erfolg der Anschläge meines Verwandten , die du mir durch den Schiffer von Gortyna zugefertiget hast , so angenehm wären , als du zu glauben scheinst . Sie würden es auch dann nicht seyn , wenn ich nicht voraussähe , daß meiner Familie vielleicht kein größeres Unglück zustoßen könnte , als wenn Ariston in seinem Unternehmen glücklich wäre . Denn wie lange glaubst du wohl , daß die willkürliche Regierung eines jungen Schwindelkopfes dauern würde , der sich selbst nicht zu regieren weiß , und immer das Spielzeug seiner eigenen und fremder Leidenschaften ist ? Ich beklage es , daß mein Bruder , durch täuschende Aussichten verblendet , seine Partei so eifrig zu unterstützen scheint , daß , wenn die kurze Herrlichkeit vorüber seyn wird , sein Fall nothwendig auch der ihrige seyn muß . Lass ' mich ' s wiederholen , mein Freund , um unsre Republik vor einer unabsehbaren Reihe unseliger Folgen der gegenwärtigen Störung ihres innern Gleichgewichtes zu retten , ist kein anderes Mittel als eine neue Regierungsform : und dieß vorausgesetzt , fordere ich alle Weisen unter Griechen und Barbaren heraus , in diesem Augenblick eine bessere für euch zu ersinnen , als die Solonische unter der Bedingung , deren ich neulich erwähnte ; wenn ihr euch nämlich von freien Stücken entschlösset , unter den vier Ehrgeizigen , die einander die Tyrannie über Cyrene streitig machen , den tauglichsten , d.i. den , der den besten Kopf mit der meisten Stärke des Charakters vereiniget , an die Spitze der Republik zu stellen . Da du , wie ich aus deiner Antwort sehe , meine Meinung nicht ganz gefaßt zu haben scheinst , so erlaube mir , mich über diesen Punkt deutlicher zu erklären . Als die Athener nach dem Tode des edelmüthigen Kodrus beschlossen , daß Jupiter allein würdig sey , der Nachfolger eines solchen Königs zu seyn , gingen sie nicht plötzlich zu einer demokratischen Verfassung über . Die Republik wurde von einem Archon regiert , welcher anfänglich auf Lebenslang , hernach auf zehn Jahre mit dieser höchsten Würde bekleidet wurde : und auch , nachdem man in der Folge für besser hielt , die Verrichtungen derselben unter neun jährliche Archonten zu vertheilen , war die Verfassung zu Solons Zeiten noch immer aristokratisch . Das Volk schmachtete unter dem Druck der vornehmen und reichen Familien , in deren Händen die ganze Staatsverwaltung lag , und selbst die blutigen Gesetze Drakons scheinen einen aristokratischen Geist zu athmen , und dahin abgezielt zu haben , durch ihre furchtbare Strenge dieser Regierungsform eine ewige Dauer zu verschaffen . Natürlicher Weise erfolgte das Gegentheil . Das zur Verzweiflung getriebene Volk fühlte endlich seine Stärke ; die Republik zerfiel in Parteien ; jede hatte einen mächtigen Aristokraten an der Spitze , dessen wahre Absicht wohl keine andere war , als sich seines Anhangs zu Ueberwältigung der übrigen zu bedienen , und sich zum einzigen Stellvertreter des Königs Jupiter zu erklären . In dieser Lage der Sachen fand Solon in dem allgemeinen Vertrauen auf seine Weisheit ein Mittel , alle Parteien zu vereinigen . Man bevollmächtigte ihn , nicht nur die alten Gesetze zu verbessern , sondern auch ( was alle Parteien für das Nöthigste hielten ) der Republik selbst eine neue Verfassung zu geben . Ein so weiser Mann , wie Solon , konnte , da er selbst ohne Ehrgeiz war , unmöglich auf den Gedanken fallen , daß den Gebrechen der Aristokratie abgeholfen wäre , wenn er eine reine Demokratie an ihre Stelle setzte : er war bloß darauf bedacht , die Republik durch Vertheilung der Gewalten unter die Archonten , den Areopagus , einen Senat von Vierhundert , und die Volksgemeine , dergestalt zu ordnen , daß er sich eine dauerhafte Harmonie des Ganzen davon versprechen konnte . Indessen bewies der Erfolg in wenig Jahren , daß seine neue Staatseinrichtung mit Einem Gebrechen behaftet war , welchem hätte vorgebeugt werden können , wenn er etwas weiter vor sich hinausgesehen , und der momentanen Stimmung des Volkes auf der einen , und der verstellten Mäßigung der ehmaligen Oligarchen auf der andern Seite , nicht zu viel getraut hätte . Das Volk nämlich war durch die plötzliche Befreiung von den bisherigen Bedrückungen und die Aussicht auf die Vortheile , die es von der Solonischen Gesetzgebung mit Recht erwartete , so zufrieden gestellt , daß es sich mit dem sehr beschränkten Antheil an der Staatsverwaltung , der ihm durch dieselbe eingeräumt wurde , vor der Hand willig abfinden ließ : auf der andern Seite sahen die Ehrgeizigen , die es während der Unruhen auf Alleinherrschaft angelegt hatten , daß sie die Ausführung ihrer Anschläge auf einen günstigern Zeitpunkt verschieben müßten . Aber Solon hätte billig unbefangen genug seyn sollen , vorauszusehen , daß weder die untern Volksclassen noch die Häupter der mächtigsten Familien sich in den Schranken , worein er sie eingeschlossen hatte , lange halten lassen würden ; und daß er also , um der Ruhe des Staats Dauer zu verschaffen , auf ein haltbares Mittel bedacht seyn müsse , den einen und den andern jede Ausdehnung ihrer politischen Rechte unmöglich zu machen . Dieses Mittel würde er in einem Eparchen ( oder wie man ihn sonst nennen wollte ) gefunden haben , dem die Constitution nicht mehr , aber auch nicht weniger Macht in die Hände gegeben hätte , als erfordert wurde , um das Volk durch die Aristokratie , die Aristokratie durch das Volk , und beide durch die Allmacht des Gesetzes in ihren Schranken zu erhalten . Der Einwurf , » die Athener hätten das Nachtheilige eines solchen Vorstehers an den ehmaligen lebenslänglichen Archonten bereits erfahren , « wäre von keiner Erheblichkeit gewesen . Das Nachtheilige lag bloß darin , daß die Gewalt der ersten Archonten zu unbestimmt und zu willkürlich war : denn im Grunde stellten sie eine Art von Königen unter einem andern Namen vor . Aber dieß würde bei meinem Eparchen der Fall nicht gewesen seyn , da er durch den aristokratischen Areopagus , den aus den drei ersten Bürgerclassen gezogenen Senat der Vierhundert , und die allgemeinen Volksversammlungen gesetzmäßig beschränkt gewesen wäre , und diese drei Gewalten einander ( wie es ihr Interesse erforderte ) mit gehörigem Nachdruck unterstützt haben würden . Jeder Versuch des Eparchen sich über die Gesetze wegzuschwingen und unabhängig zu machen , hätte nothwendig mißlingen müssen . Wie gut und wie nöthig es gewesen wäre , daß Solon seinem übrigens so verständig angelegten Staatsgebäude diesen Gipfel aufgesetzt hätte , zeigte sich nach seiner Entfernung nur zu bald . In wenig Jahren wachten die alten Factionen wieder auf : Lykurgus bearbeitete die mittlern Bürgerclassen , Megakles die Aristokraten , Pisistratus das gemeine Volk ; weder Solon noch seine Gesetze konnten dem überhandnehmenden Uebel wehren ; kurz , es bedurfte der Alleinherrschaft des Pisistratus , der zuletzt die Oberhand behielt , Ordnung und Ruhe wieder herzustellen , und die Gesetze Solons wieder in Wirksamkeit zu setzen . Ich hoffe nun , Freund Demokles , dir meine Gedanken über das , was in den dermaligen Umständen zum Besten unsrer Vaterstadt gethan werden könnte , durch dieses so genau auf unsre Umstände passende Beispiel einleuchtend genug gemacht zu haben , um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten , die ich deiner anscheinenden Vorliebe für die reine Demokratie entgegenstellen könnte , wenn ich ein Freund dieser Art von Kämpfen wäre , wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie mit dem andern um seine Meinung ringt , oder wenn ich sie für eine gute Art , jemand von seiner Meinung zurückzubringen , hielte . Zudem würde auch ein solcher Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht seyn . Denn nach allem was du mir berichtest zu urtheilen , würde , wenn auch du und deine Freunde euch thätig für die Demokratie erklären wolltet , schwerlich zu hoffen seyn , daß ihr eine Partei zusammenbringen könntet , die nur jeder einzelnen der bestehenden Gegenparteien , geschweige allen zusammen , die Spitze zu bieten vermöchte . Und gewiß würden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen , der sich nur den leisesten Verdacht zuzöge , als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe . Hingegen müßte ich mich sehr betrügen , wenn mein Vorschlag nicht noch durchzusetzen wäre , wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der Freiheit mit gehöriger Mäßigung und Klugheit zu Werke gingen , und sich zu rechter Zeit für denjenigen erklärten , der sich an der höchsten Würde im Staat unter den Einschränkungen der Solonischen Constitution genügen lassen wollte . Ich habe meinen Verwandten ausführlich und nachdrücklich über diese Sache geschrieben ; aber ich gestehe , daß ich mir wenig Erfolg davon verspreche . Auf alle Fälle hab ' ich das Meinige gethan , vielleicht mehr als von einem noch nicht volljährigen Staatsbürger gefordert werden kann . Geschehe nun was die Götter über uns beschlossen haben , oder - um den guten Göttern kein Unrecht zu thun - was von dem allgewaltigen Einfluß der beiden großen Regenten unsers wetterlaunischen Planeten , der Thorheit , die uns von innen , und dem Zufall , der uns von außen beherrscht , vernünftigerweise zu erwarten ist . Es wäre viel Glück , wenn wir , indem wir so blindlings in den Glückstopf des Schicksals greifen , gerade das beste Loos herauszögen . Ich für meine Person bin auf alles gefaßt , und falls ich dahin kommen sollte , wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei mir zu tragen , so tröste ich mich damit , daß ich wenigstens nicht schwer zu tragen haben werde . 13. An Kleonidas . Ich gestehe unverhohlen , daß ich ein großer Freund aller Tage bin , die von unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Müßiggang und Wohlleben gewidmet wurden . Immerhin mögen Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit , wo sie nicht Töchter der Nothwendigkeit sind , unter die preiswürdigsten Tugenden gerechnet werden : wenigstens sind sie es bloß als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller lebenden Natur ist ; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters , und der Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht , um sich zuweilen einen guten Tag machen zu können . An Festtagen seh ' ich allenthalben fröhliche Gesichter ; jedermann ist besser als gewöhnlich gekleidet , thut sich gütlicher , geht ins Bad , kränzt sich mit Blumen . Gemeinschaftliche Opfer , Gesänge und Gebete , feierliche Aufzüge , Uebungsspiele , Tänze und Schauspiele nähren und erhöhen den sympathetischen Trieb , und lassen uns vom geselligen Bürgerleben , dessen tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschäftigkeit so häufig erschweren und verbittern , nur das Gefügige , Angenehme und Tröstliche empfinden . Die Natur hat mir wie du weißt , zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz gegeben . Mir ist nie wohler , als wenn ich mich so ganz aufgelegt fühle allen Menschen hold zu seyn , und dieß bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft fröhlich sehe . Denn da wiege ich mich unvermerkt in die süße Täuschung ein , sie alle für gut und wohlwollend zu halten , und mache mir selbst weiß , sie würden es immer seyn , wenn sie sich immer glücklich fühlten . Du wirst es also ganz begreiflich finden , lieber Kleonidas , daß ich , ungeachtet der schelen Gesichter , die ich mir von meinen gravitätischen Mitgesellen , und zuweilen auch wohl von dem Meister selbst gefallen lassen muß , keine Gelegenheit versäume , wo ich mir diesen behäglichen Lebensgenuß verschaffen kann . Einer meiner hiesigen Bekannten , ein Mann von Geist und angenehmem Umgang , der nach Athenischer Art reich ist , und ( was hier in den Augen einer gewissen Classe noch mehr zu sagen hat ) sein Geschlechtsregister auf mütterlicher Seite von Kodrus ableitet , besitzt ein schönes Landgut auf der Insel Aegina , die nicht viel über zweihundert Stadien73 von Athen entfernt liegt , und wiewohl von Natur nur ein kahler Felsen , durch eine fünfhundertjährige Anbauung und den Wetteifer ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur mögliche Weise zu verschönern , eines der anmuthigsten Eilande ist , die im Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen . Eurybates ( so nennt sich mein Freund ) , der das vornehmste Fest der Aeginer , die Poseidonia 74 , gewöhnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt , bat mich ihm dießmal Gesellschaft zu leisten , und ich nahm seine Einladung um so williger an , da diese Festtage gerade in die schönste Jahreszeit fallen , und durch einen großen Markt belebt werden , der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten Inseln herbeizieht . Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt , als Eurybates mir den Antrag machte : ob ich nicht Lust hätte , den Abend in Gesellschaft der schönen Lais75 zuzubringen ? Er setzte , vermuthlich um mir desto mehr Lust zu machen , hinzu : » wenn ich meinen Augen glauben darf , so ist schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande , das ihr den Preis der Schönheit streitig machen kann . « Da mir die Landessitte bekannt ist , so konnt ' ich natürlicherweise nichts anders denken , als die Rede sey von einer Hetäre , mit deren Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirthen gedenke ; und , wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu vermeiden suchte , so kamen doch hier mehrere Umstände zusammen , die eine Ausnahme schicklich zu machen schienen . Kurz , ich sagte meinem Wirthe , es werde mir um so angenehmer seyn , ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu haben , da ich gestehen müßte , daß ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe hätte , dem die schöne Lais den Vorzug abzugewinnen einige Mühe haben würde . Indessen kam der Abend heran , und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing , daß sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte , kam Eurybates , mir zu sagen , es wäre nun Zeit ihm zu seiner schönen Nachbarin zu folgen . - Zu welcher Nachbarin ? - » Zu welcher andern als der schönen Lais , die vor einigen Tagen hierher gekommen ist , um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen , das ihr durch den Tod eines Freundes zugefallen ist , und das glücklicherweise unmittelbar an das meinige stößt . « - Die Rede ist also nicht von einer Hetäre ? sagte ich . - » Nun ja , Hetäre oder auch nicht Hetäre , wie du willst ; im Grunde läßt sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen , wenn sie ja classificiert seyn muß : aber dann ist sie eine Hetäre , wie es , zwei oder drei ausgenommen , noch keine gegeben hat . Sie kommt nicht zu uns , mein guter Aristipp ; man muß zu ihr kommen , und auch dieß ist eine Gunst , die nicht jedem zu Theil wird , der sie allenfalls bezahlen könnte . Die schöne Lais liebt ausgesuchte Gesellschaft , und dem müssen die Grazien sehr hold seyn , der ihr bis auf einen gewissen Grad gefallen zu können hoffen darf . Ohne diese Bedingung ist sie , wie man sagt , um keinen Preis zu haben . Ob es immer so seyn werde , läßt sich vielleicht , ohne sich an Amor und Aphrodite zu versündigen , bezweifeln ; daß es aber jetzt so sey , ist um so glaublicher , da sie kaum zwanzig Jahre zählt , und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glücklichen Lage hinterlassen worden ist . « Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark , daß mir der Weg , der uns nach dem Hause der schönen Korintherin führte , dreimal länger vorkam als er in der That war . Wir fanden sie in einem geräumigen , auf Ionischen Marmorsäulen ruhenden Gartensaale , von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach feiner junger Männer umgeben , und , wie es schien , in einem lebhaften Gespräche begriffen . Schon von ferne , bevor es möglich war ihre Gesichtszüge genau zu unterscheiden , däuchte mir ihre Gestalt die edelste , die ich je gesehen hätte . Ihr Anzug war mehr einfach als gekünstelt und eher kostbar als schimmernd ; leicht genug , um einen Bildner , der keine schöne Form unangedeutet lassen will , zu befriedigen , aber zugleich so anständig daß selbst die Grazie der Scham nicht untadeliger bekleidet werden könnte . - Die hat einen feinen Tact für ihre Kunst , dachte ich . Aber stelle dir vor , mein Freund , wie gewaltig ich überrascht wurde , da ich ein paar Schritte näher die nämliche Dame in ihr zu erkennen glaubte , mit welcher ich vor drei Jahren zu Korinth auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft gekommen war , ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu können . Ich mußte alle meine Gewalt über mich selbst zusammenraffen , um der edeln Unbefangenheit , womit sie mich empfing , keine größere Betroffenheit entgegenzusetzen , als sich allenfalls mit der Wirkung ihrer Schönheit auf jeden , der sie zum erstenmale sah , entschuldigen ließ . Daß ich es wollte , war ich mir deutlich genug bewußt ; doch zweifle ich sehr , ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als ich wünschte ; denn gewöhnlich verräth einer durch die Bemühung , etwas unter seinem Mantel zu verbergen , daß er etwas verberge , und dieß ist genug , um die Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen . Das Wahre ist , daß die Furcht mich zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren , den Blicken , womit ich sie durch und durch zu erspähen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen mußte , mir ( wie sie mir in der Folge selbst sagte ) etwas zu gleicher Zeit so schüchtern Unverschämtes , Gieriges und Erstauntes gab , daß sie selbst Mühe gehabt hätte sich in gehöriger Fassung zu erhalten , wenn sie nicht auf diese , bloß von meiner Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wäre . In der That hatte sie sich in den drei Jahren , die seit der ersten verflossen waren , dermaßen verschönert , daß , ungeachtet das Bild meiner Korinthischen Anadyomene noch wenig in meiner Erinnerung verloren hatte , oder vielmehr eben deßwegen , ein kleines Mißtrauen in meine Augen oder in mein Gedächtniß ganz natürlich war . Sie war indessen merklich größer geworden , und die Blüthe ihrer prächtigen Gestalt schien so eben den Augenblick der höchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben ; den Augenblick , wo die Fülle der hundertblättrigen Rose sich nicht länger in der schwellenden Knospe verschließen läßt , sondern mit Gewalt aufbricht , um ihre glühenden Reize der Morgensonne zu entfalten . Dieß verbreitete einen so blendenden Glanz um sie her , daß ich , wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder niederzuschlagen , doch nicht aufhören konnte , mich durch immer wiederholtes Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen . Bei allem dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit , um , zu meinem Troste , wahrzunehmen , daß die andern Anwesenden ( den einzigen Eurybates vielleicht ausgenommen ) , jeder für sich zu stark mit unsrer schönen Wirthin beschäftigt waren , um sich viel um mich zu bekümmern . Auch blieb mir nicht unbemerkt , daß sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien , daß etwas Besonderes in mir vorgehe ; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verständiget hätten , würde die höfliche Kälte , womit sie sich gegen mich benahm , neue Zweifel haben erregen müssen . Diese nur mir verständlichen Blicke sagten mir so zuverlässig sie sey es , daß keine Möglichkeit zu zweifeln übrig blieb ; und nun war es auch um so viel leichter , die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft natürlich genug zu spielen , um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu täuschen , und den leisesten Verdacht eines frühern Verhältnisses zwischen uns unmöglich zu machen . Ich überließ mich jetzt mit meinem gewöhnlichen Frohsinn oder Leichtsinn , wenn du willst , dem heitern Genuß des schönsten Abends , den ich bisher erlebt hatte , und ich wollte alles in der Welt wetten , daß Tantalus an der Tafel Jupiters nicht halb so glücklich war , als ich im Speisesaal dieser irdischen Göttin , welche , nicht zufrieden , uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer Schönheit und ihres Witzes zu sättigen , außerdem noch allem aufgeboten hatte , was Land und Meer und die Kunst eines Korinthischen Kochs vermochte , um selbst den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen . Nimm es als einen Beweis der Stärke meiner Liebe zu dir auf , daß ich in diesen Stunden der süßesten Seelenberauschung , wo es so leicht war , ein letheisches Vergessen alles dessen , was man sonst liebte , aus den Augen dieser neuen Circe zu trinken , mehr als einmal herzlich wünschte : möchte doch mein Kleonidas hier seyn , wär ' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig ungetreu zu werden ! Es ist , denke ich , dem Menschen überhaupt , und vor allen dem Künstler , zuträglich , in allen Gattungen und Arten das Höchste gesehen zu haben . Eine vollkommene Schönheit ist in Griechenland und vermuthlich allenthalben etwas sehr Seltenes ; die Vereinigung einer solchen Schönheit mit geistigen Reizungen noch seltner . Dieß vorausgesetzt , ist die schöne Lais unter den Griechischen Weibern , was der Phönix unter den Vögeln ist . Ich habe die berühmte und von Sokrates selbst geschätzte Aspasia , wiewohl in einem schon ziemlich vorgerückten Alter , mehrmal gesehen und gesprochen ; sie kann selbst in der Blüthe ihrer Schönheit nie ein Recht gehabt haben , mit Lais um den goldnen Apfel zu streiten . An Stärke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der Vorzug bleiben ; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der Laune ist Lais vielleicht einzig . Die feinsten Wendungen der scherzenden oder nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so geläufig , als ob sie bei meinem alten Mentor in die Schule gegangen wäre . Sie spricht gern und viel , und findet immer den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen . Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu seyn , glaube ich voraus zu sehen , daß diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel Unheil unter den ohnehin so leicht entzündbaren Griechen unsrer Zeit anrichten wird , als die Tochter der Leda unter den Achäern und Trojanern des heroischen Zeitalters . Was sie in meinen Augen am gefährlichsten macht , ist ein gewisser unnennbarer Zauber , den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreißbaren Schlingen vergleichen würde , welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten um das Lager seiner treuen Gemahlin legte . Weil ich mich nicht gern mit unerklärbaren und nichts erklärenden Wörtern behelfe , so habe ich in aller Stille ausfindig zu machen gesucht , worin dieser magische Iynx77 ( mit Sokrates zu reden ) eigentlich bestehe , und , so viel ich jetzt davon sagen kann , dünkt mich , er liege darin , daß sie sich aller ihrer Reizungen immer bewußt ist , ohne daß es scheint , als ob sie ihrentwegen Anspruch an große Bewunderung mache , oder mit geheimen Anschlägen auf Eroberungen umgehe . Sie scheint in vollkommener Selbstgenügsamkeit sich mit der Gewißheit zu befriedigen , es hange nur von ihr ab , sobald sie Lust dazu habe , jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen - zum Narren zu machen ; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe , mehr über sie zu gewinnen , als sie ihm freiwillig einzuräumen geneigt sey . Sie bedient oder begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit , ohne Anschein einer besondern Absicht ; aber wenn sie sich dessen bedient , thut sie es öfters mit einem Muthwillen der an Grausamkeit gränzt , wiewohl es vielleicht bloßer Naturtrieb , ihre Macht zu versuchen , seyn mag . Sie schießt ihre Strahlen umher , wie die Sonne die ihrigen ergießt , unbekümmert wohin sie fallen und wie sie wirken , ob sie erwärmen und beleben , oder auftrocknen , versengen und zerstören . Daß die Sprache der Griechen keinen Namen für diesen gefährlichen Charakter hat , beweiset vermuthlich , daß die schöne Lais in ihrer Art die erste ist . Ich sehe dich für die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern ; aber sey unbesorgt , mein Freund ! Der Salamander , sagt man , befindet sich sehr wohl in eben dem Feuer , worin andre lebendige Wesen verzehrt werden . Ich schwöre dir , daß ich in meinem Leben nie freier , heitrer und aufgeräumter war als diesen Abend . Nicht als ob ich mich einer Gleichgültigkeit rühmen wolle , die