entgehen , daß sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl gemessen war , als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh , und selbst das hohe , weiße Halstuch , das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein Kinn , wie die Mode es mit sich brachte , hoch empor hob , konnte es nicht verbergen , daß er sein Haupt nicht mehr so stolz trug , nicht mehr so frei bewegte , als in alter Zeit . Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen . Erst nach einer Weile sagte er : Und Du beeiltest Dich , Dich zum Ueberbringer dieser angenehmen Neuigkeit zu machen ; das ist ein sonderbarer Einfall , ein sonderbar Gelüsten ! - Er schüttelte das Haupt und lächelte dazu spöttisch . Renatus regte sich nicht . So entstand eine lange Pause , und wo eine solche sich in den ersten Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen , die eng zu einander gehören , einstellt , ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher Mißverhältnisse . Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen , da er sah , daß man ihm für jetzt keine Befehle zu geben habe , um nicht anzuhören , was man ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte ; auch Vittoria hatte , nachdem sie bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Ueberraschung aus ihrer Ruhe aufgesprungen war , sich entfernt . Sie war es nicht gewohnt , von Renatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüßt , von dem Freiherrn nicht berücksichtigt zu werden , und ernsthaften Verhandlungen , geschäftlichen Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen , widerstrebte ihrer innersten Natur . Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers , dessen leise Hand ihnen über den Zwiespalt forthalf , der sich zwischen ihnen aufthat und der unausfüllbar werden konnte , wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde Schranken setzte . Es war der Caplan , der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm , denn er wußte , was es zu bedeuten hatte , wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die Höhe hob , wenn seine Lippen sich so fest zusammenpreßten , und was Renatus fühlte , wenn er so die Augen senkte . Mit jener ruhigen Bewegung , die von jeher eine der schönen Eigenschaften des Geistlichen gewesen war , ging er , obschon auch ihm Renatus noch die Begrüßung schuldete , auf diesen zu und sprach , indem er ihn in seine Arme schloß : Du wünschtest Deinem Vater offenbar die üble Nachricht weniger empfindlich zu machen , indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst , denn Du hattest Dir es selbst gesagt , daß es der schweren Belästigungen und der noch schwereren Sorgen für den Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe , und Du bist vorausgekommen , um zu sehen , ob Du nicht Deinen Antheil davon tragen könntest . Das macht Deinem Herzen und Deiner Einsicht Ehre , daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen . Die Worte , welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren rechten Standpunkt wiesen , beschämten beide und befreiten sie doch zugleich . Sie warfen weit mehr , als der Caplan es ahnen konnte , dem Sohne vor , daß er in jeder Beziehung nur an sich und sein Bedürfen gedacht habe , sie erinnerten den Vater daran , daß der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei , und geboten dem Sohne Schonung für den Vater , dem Vater Rücksicht und Anerkennung für den Sohn . Aber man findet sich nicht gleich zurecht , wenn man einmal von der richtigen Straße abgekommen ist und die Gegenstände und die Menschen von einer falschen Seite angesehen hat . Renatus erwartete , daß der Freiherr , wie das früher in ähnlichen Fällen geschehen war , nach kurzem Ueberlegen mit der Angelegenheit fertig sein , daß er dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der Frühe des nächsten Morgens kommen lassen werde , um mit wenigen Worten die Sache durchzusprechen , und daß von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde , bis zur Ankunft der Einquartierung . Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille zur Hand , setzte sich am Schreibtische nieder , verzeichnete die Namen und den Rang der Offiziere , die man im Schlosse unterzubringen hatte , ließ sich vom Caplan aus der Registratur , die er , seit Steinert aus seinem Dienste geschieden war , von Rothenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung genommen hatte , verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich daran , die Vertheilung auf die einzelnen Häuser eben nach jenen Papieren und Acten selbst auszurechnen und festzusetzen . Renatus sah mit Verwunderung , wie genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhältnissen der einzelnen Gutsinsassen unterrichtet war ; aber eben so setzte ihn die hartherzige Strenge in Erstaunen , die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach , welche seit Jahrhunderten Hörige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren . Der Caplan hatte beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern , und es kamen dabei so traurige Schilderungen ihrer Noth zur Sprache , Renatus erfuhr durch die Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten , welche dieser bereits zu tragen gehabt hatte , sein Vater äußerte sich so unumwunden über den Mangel an Lebensmitteln , der auf den Gütern herrsche , und über die Schwierigkeit , welche man haben werde , das Geld zur Beschaffung der für die Aufnahme des Stabes nothwendigen Bedürfnisse aufzutreiben , daß Renatus sich abermals die Frage aufwarf , in welcher Welt er denn lebe , und ob er , ob sein Vater noch dieselben Freiherren von Arten-Richten wären , die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in diesem Schlosse gleichsam Hof gehalten hatten . Er mußte es als ein Zeichen des Vertrauens , der Verzeihung ansehen , daß sein Vater ihm ein paar Blätter hinreichte , damit er sie mit ihm zusammen abstimme ; aber er kannte seinen Vater in der Beschäftigung nicht wieder . Er fragte sich : wie ist es möglich , daß er in der Stunde meiner Ankunft an nichts Anderes , als an diese Geschäfte denkt , und er sah es ein , wie dieses nicht der Augenblick und nicht der Zeitpunkt sei , in welchem er seinem Vater mit der Nachricht , daß er sich versprochen habe und eine eigene Familie in Schloß Richten zu begründen wünsche , eine Freude machen könne . Es war ihm schwer ums Herz , er bemitleidete seinen Vater . Der Freiherr und die Zeiten hatten sich so sehr verändert . Wie weit hatten sich sonst Thür und Thor jedem Gaste geöffnet , wie hatte man sich , als seine Mutter noch gelebt , zu jeder Stunde beeilt , den Ankommenden zu bewirthen und zu erquicken ! Jetzt nahmen Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen , jetzt dachte Niemand daran , daß Renatus weit geritten , daß er durch Regen und Nebel gekommen war , daß der Sohn des Hauses eine Erfrischung und Stärkung nöthig haben könne , und so traurig , so erschreckt , so niedergeschlagen und so fremd fühlte er sich , daß er sich nicht entschließen konnte , sie zu fordern ! Die baumlose , kahle Fläche vor dem Schlosse schwebte ihm immer vor den Augen , das Wort von dem letzten Thaler lag ihm immer noch im Sinne . Es half ihm nicht , daß er sich vorhielt , wie natürlich es sei , daß sein Vater der Geschäfte denke , wie thöricht er selber handle , daß er nicht verlange , was er nöthig habe . Er fand endlich eine Art von düsterer Genugthuung darin , sich die Wandlung recht empfindlich zu machen , die hier vorgegangen war , und weil er niemals rechnen und erwägen gelernt hatte , so unterschätzte er jetzt die Lage , in welcher sein Vater und seine Familie sich befanden , wie er sie bisher zu überschätzen gewohnt gewesen war . Es ängstigte ihn , daß seine Vorgesetzten , seine Kameraden einen Einblick in die veränderten Verhältnisse seines Hauses thun konnten ; er dachte mit Schrecken daran , wie gleich die niedergehauene Allee es Jedem verkünden müsse , daß die Axt auch an den Wohlstand seines Stammes bereits gelegt sei . Er kam sich wie ein Heimathloser , wie ein Bettler vor - und Hildegard erwartete von ihm das Glück ihres Lebens , eine schöne , reiche Zukunft ! Zweites Capitel Man hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht , und der nächste Morgen ließ sich auch nicht besser an . Es regnete noch immer fort . Nirgends war ein Durchbruch der Wolken zu bemerken , der auf eine baldige Aenderung des Wetters hätte schließen lassen . Auf dem Lande aber hat ein lange anhaltender Regen etwas Einbannendes , das ihn weit lästiger macht , als in der Stadt . Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen , weiterhin gegen Mittag kamen ungefordert die Schulzen und verschiedene Bauern in das Schloß , um bei dem Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung anzubringen . Renatus sah daraus , daß sein Vater die Verwaltung seiner Güter fast ganz in seine Hand genommen hatte ; aber er konnte sich nicht daran gewöhnen , daß die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses erschallten , daß ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn betrat , und sein Vater that ihm leid , wenn er ihn Geschäfte verhandeln , ihn um Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen mußte , an welche zu denken er in früheren Jahren weit unter seiner Würde gehalten haben würde . Es war still im Schlosse , aber nicht so ruhig , wie dereinst . In dem Zimmer , welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen , waren die Fenster alle geschlossen , obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war . Im Kamine brannte das Feuer . Vittoria lag auf einem türkischen Polster , Renatus saß ihr gegenüber . Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern geschlagen , als ob sie trotz der großen Wärme , welche in dem Zimmer herrschte , an Kälte leide , und bewegte , im Gegensatz dazu , mechanisch und zerstreut den mit Edelsteinen besetzten Fächer in ihrer Hand , als müsse sie sich Kühlung fächeln . Renatus sah , wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen niederfielen , wie ihr kleiner Fuß unter dem gelbseidenen Morgen-Gewande hervorblickte , wie ihre langen Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied , seinem Auge zu begegnen , so geflissentlich er das ihrige suchte . Eine geraume Zeit verging auf diese Weise . Mitunter machte der junge Mann eine Bewegung , als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle ; dann folgte ihm der Blick Vittoria ' s schnell und unmerklich , aber er stand immer wieder von seinem Vorhaben ab , obschon es ihn Ueberwindung kostete , zu bleiben ; und wenn sie sich seines Verweilens auf ' s Neue sicher wußte , senkte sich das Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder , als gäbe es gar nichts , was ihre Theilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen könnte . Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt ; eine jener Unterredungen , die , von dem völligsten Vertrauen ausgegangen , sie plötzlich zu einem Punkte gelangen lassen , auf dem sie sich getrennt empfunden hatten . Im Erstaunen über diese Möglichkeit , im Erschrecken über sie , war von der einen wie von der andern Seite manches Wort gefallen , das man gesprochen , ohne es sprechen zu wollen , Worte , die man bereute und die man doch nicht zurückzunehmen vermochte , weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren . Renatus hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt , sie hatte ihn undankbar genannt . Er hatte ihr vorgeworfen , daß sie nie empfunden habe , was Liebe sei ; sie hatte ihn daran erinnert , daß es dem Sohne seines Vaters übel anstehe , es ihr in das Gedächtniß zu rufen , was ihre Ehe ihr versagt habe ; und bei jedem Tadel , bei jedem Vorwurfe , mit dem sie einander entgegentraten , schärfte der Gedanke , daß es eben Vittoria , daß es eben Renatus sei , der sich also ausspreche , den Stachel , mit dem sie einander verwundeten . Denn Niemand kann uns so tief verletzen , als die Hand eines sehr Geliebten . Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung über sein Wollen hinausgetrieben wird , bis man endlich , gewaltsam einhaltend , mit Erschrecken wahrnimmt , daß man hart am Rande eines Abgrundes steht , so saßen Renatus und Vittoria einander gegenüber . Das Herz war beiden schwer , beiden that die Bitterkeit wehe , die sie gegen den Andern empfanden , Jeder von ihnen hätte einlenken mögen , aber sie konnten den Weg dazu nicht finden , und selbst die urprüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderniß zwischen ihnen , obschon beide des Französischen völlig mächtig waren , das ihnen von jeher zur Vermittlerin gedient hatte . Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe , wie regungslos Vittoria zu Boden blickte , mit welch maschinenmäßiger Sicherheit sie ihren Fächer handhabte . Er hoffte , sie werde ihn einmal fallen lassen , er wünschte ihn aufheben , ihn ihr reichen , irgend eine Veranlassung finden zu können , die es ihm nöthig oder auch nur möglich machte , ein Wort zu ihr zu sprechen , einen Blick von ihr zu erhaschen , ihren Dank zu vernehmen . Es war ihm zu Muthe , als habe man ihm ein lang besessenes Gut entrissen , als habe man ihm mit einer theuren Erinnerung ein Stück seines Lebens genommen , als habe er etwas Unschätzbares vergessen , als habe auch Vittoria ihn vergessen . Er lebte wie unter einem Zauberbanne , und er meinte , Ein Wort , das erste , beste , gleichgültige Wort , müsse diese unselige Verzauberung lösen , müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtniß wiedergeben können , das Gedächtniß all der langen Freundschaft , all der heiteren , überströmenden Neigung , die sie für einander in der Brust getragen bis auf diese Stunde . Er wollte immer sagen : Besinne Dich , Vittoria , ich bin ' s ! Er sagte sich innerlich fortwährend : Es ist ja Vittoria ! - Aber der Bann der harten , unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer und machte ihn immer unfähiger , sich zu befreien . Und dazwischen dachte er mit Mißmuth und mit Sorge an Hildegard , welche die unschuldige Ursache all seines Schmerzes war . Endlich erhob Vittoria das Haupt . Renatus hätte ihr schon dafür danken mögen . Sie sah ihn an , flüchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorüberstreifend , sah in die Flammen , als gewahre sie erst jetzt , daß diese im Erlöschen seien , blickte dann in das Freie hinaus , wie wenn sie den langsamen Fall der feinen , dichten Regentropfen betrachtete , und sprach zusammenschauernd die Worte , mit denen Dante seinen Eintritt in den dritten Höllenkreis bezeichnet : I ' sono al terzo cerchio della piova Eterna , maledetta , fredda e greve ! 1 O , mag es regnen ! rief Renatus , indem er sich , schon durch den Klang ihrer Stimme erfreut , zu ihr hinüberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte , mag es doch regnen , wenn Du nur wieder mit mir sprichst ! - Aber sie nahm seine dargebotene Rechte nicht an . Er hatte also die Kränkung , sie zurückziehen zu müssen , und doch ließ er sich dadurch nicht entmuthigen . Mit ihr von dem Gegenstande zu reden , der sie so weit von einander entfernt hatte , noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung zurückzuwenden , konnte und mochte er nicht wagen , da ihm an einer Versöhnung mit Vittoria gelegen war , und sich selbst verleugnend , indem er zu dem Aeußerlichsten , zu dem Gleichgültigsten seine Zuflucht nahm , bat er : Habe Geduld mit diesem Wetter , Geduld mit unserem Klima ! Aber er konnte nicht von sich selber los , und mit bewegter Stimme fügte er hinzu : Muß ich doch jetzt mich auch gedulden , bis Du mich ruhiger hören , bis Du wieder die rechte Vittoria , meine Vittoria sein willst ! Nur ein paar Tage noch , und die Sonne und der Frühling sind wieder einmal da ! Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen , was wir den größten Theil des Jahres hindurch entbehren müssen ! entgegnete sie ihm , sich nur an seine letzten Worte haltend . Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an eines der Fenster heran . Renatus folgte ihr dahin nach . Sie stützte die Stirn gegen die Scheiben , schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park hinunter , dessen kahle Bäume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen , während der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben anfing . Heute feiern sie in unserem Kloster , hob sie dann mit einem Male wie aus langem Rückerinnern an , den Namenstag unserer Aebtissin , der guten Mutter Benedicta . Wie blühte da Alles in unserem Lande , wie schwamm der Klostergarten in Licht und Duft ! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste , welche kamen , der Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen ! Hätte der Himmel mir statt meines Valerio eine Tochter beschieden , ich hätte sie in das Kloster gesendet ! Ich war sehr glücklich in dem Kloster ! Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das Neue , aber begütigend , wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war , sprach er : Vergiß nicht , Liebe , wie oft Du mir erzähltest , daß Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus gesehnt hast ! Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte , als ich mein Kloster zum ersten Male verließ . Was wußte ich von der Welt ? Ich war ein Kind ! Wie konnte ich begehren , was ich gar nicht kannte ? Und was hat sie mir geboten , diese Welt , in der ich lebe ? Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen . Es war das eine der Bewegungen , die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in einzelnen Augenblicken ähnlich machten , so wenig er ihm sonst auch glich . Er wollte seiner Stiefmutter verbergen , wie sie ihn verletzte , und sich zusammennehmend , fragte er sie mit sanfter Stimme : Und bin ich Dir denn nichts , Vittoria , gar nichts mehr ? Sie schüttelte das Haupt . Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man liebt nicht mit einem getheilten Herzen ! gab sie ihm abweisend zur Antwort , und wieder trat die frühere Stille ein , und wieder sahen sie beide schweigend in den kahlen , nassen Garten hinab und zu den schweren , grauen Wolken empor , die sich nicht zertheilen zu wollen schienen . Endlich raffte sich Renatus auf . Du bist sehr ungerecht , Vittoria ! sprach er , und er mußte innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben , welche er vor wenig Wochen mit Seba über seine Stiefmutter gepflogen , denn er wiederholte die Worte , deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte : Ich habe kein Glück mit meinen Müttern ! Kein Glück ? sprach Vittoria ihm nach , kein Glück ? Und wer hat denn Glück ? Habe ich es ? Habe ich es je gehabt ? - Sie wendete sich zu ihm , nahm ihn bei der Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder , auf dem sie vorhin gelegen hatte . Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke , in ihrer Stimme , selbst in der Kraft , mit welcher sie seine Hand ergriff und festhielt . Er hatte diese zarte Gestalt , er hatte die heitere Natur Vittoria ' s einer solchen Leidenschaft gar nicht für fähig gehalten , so gut er sie zu kennen gewähnt hatte . Weißt Du , was es heißt , fuhr sie in derselben Erregung fort , die um so heftiger erschien , als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte , weißt Du , was es heißt , wenn einem Menschen seine letzte Freude , seine letzte Zuversicht entrissen wird ? Weißt Du , was es heißt , keine Hoffnung mehr zu haben ? Vittoria , wie magst Du also reden ! mahnte der junge Mann , der sich nicht erklären konnte , was in ihrer Seele vorging . Sie lachte . Freilich , rief sie , schweigen , immerfort schweigen ; lachen , singen , immerfort lachen und singen und scherzen wäre besser gewesen ! Es ist ja so bequem , an das Glück der Menschen zu glauben , so angenehm , sich zu sagen , Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich ! Es ist ja so bequem , Dank zu ernten von einem Herzen , das zu großmüthig ist , sein Wehe laut auszuschreien und die Hand anzuklagen , die es aus dem Boden seines Vaterlandes riß , ohne ihm eine neue Heimath in der Fremde bereiten zu können ! Du sagst mir , ich hätte nie geliebt ! - Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen , das ihm in das Herz schnitt . - Und was ist ' s , fuhr sie fort , was Du von der Liebe weißt ? Glaubst Du , die blasse Empfindung , welche man seit Jahren in Dir großgezogen und die man zu benutzen verstanden hat , als man sie für reif hielt , das sei Liebe ? Ist diese blut-und phantasielose Hildegard , die älter ist , als Du , die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens , ist sie ein Weib , das lieben kann , das man lieben kann ? Ist sie in Dein Leben getreten so überraschend , so blendend , so überwältigend wie die Sonne , wenn sie plötzlich um Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen Augen und Du müßtest Dir sagen : Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde , nun bin ich erwacht und ich lebe ! ? Vittoria ! rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr , denn ihm bangte vor dem Geständnisse , das er zu hören fürchten mußte . Aber sie gab auf seine Mahnung nichts , und wie sich selber zur Genugthuung sprach sie : Hast Du es je empfunden , das Glück der Leidenschaft , das so groß ist , daß es kein Gestern hat und an kein Morgen denkt , weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt - das so groß ist , daß Recht und Unrecht , Tugend und Sünde davor wie leere Schemen in sich selbst zerfallen - so groß , daß nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt , ein einziger , der Schmerz der Endlichkeit ! Kennst Du solch ein Glück ? Er antwortete ihr nicht . - Und wenn sie nun kommt , die Trennungsstunde , wenn nun Alles vorüber ist und nichts mehr bleibt , als die Hoffnung eines Wiedersehens , und es kommt der Tag , der es verkündet : es gibt kein Wiedersehen , keines , keines ! Denn die Erde gibt nicht wieder , was sie verschlungen hat . Sie brach in lautes Weinen aus , Renatus lag zu ihren Füßen und preßte ihre Hände in die seinigen . Er wußte nicht , was er ihr sagen oder was er thun solle , ihre Aufregung zu besänftigen . Er dachte gar nicht mehr an sich . Jetzt erfuhr er , was Vittoria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm bisweilen so fremd und unbegreiflich erschienen war . Sie war ihm auch fremd in ihrer Leidenschaft . Es kam mit einer heißen Angst der Gedanke über ihn , daß es seine Stiefmutter , daß es die Gattin seines Vaters sei , die also zu ihm spreche ; aber er hatte das Herz nicht , sie zu verdammen . Er fühlte ein unaussprechliches Mitleiden mit ihr , indeß er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts weiter . Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen , sie schien ihn fast vergessen zu haben . Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken . Sieh ' , sprach sie , wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so leer war und ich mir sagte , daß ich jung sei und noch lange leben müsse und daß ich Niemanden hätte , Niemanden , der mich liebte .... Vittoria , sagte Renatus schüchtern , mein Vater liebt Dich ! - Wie den Vogel , den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Käfig nährt , damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache , daß es Frühling sei ! Ist das Liebe ? Aber Du nahmst seine Hand an , obschon Du es sehen mußtest , daß sein Lebenswinter nahe sei ! Singe ich denn nicht , sieht er mich traurig , glaubt er mich nicht glücklich ? gab sie ihm zur Antwort . Du hast auch Valerio ! erinnerte er sie . Sie sah ihn an und schwieg . Ja , sagte sie danach , ich bin Deines Vaters Frau und ich habe einen Sohn ! Ich lebe für sie . Wer aber lebt für mich ? Valerio ist ein Kind , und mein Gatte ist ein Greis ! - Und wieder schwieg sie . Bin ich Dir denn nichts , nichts mehr , Vittoria ? fragte er , wie am Anfange ihrer Unterredung . Sie schüttelte verneinend das Haupt . Hildegard liebt nicht zu theilen , sprach sie , und Hildegard hat Recht ! Es wohnen nicht zwei Gefühle verträglich in einem Herzen bei einander ! Sie und Du - Du und sie , das ist Deine Zukunft ! Was kümmert Dich die meine ? Renatus verstummte . Er hatte , seit er sich ein selbständiges Urtheil über seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war , ihre Neigung zur Eifersucht gekannt und sie als einen Zug ihres National-Charakters angesehen ; aber daß dieselbe sich auch auf ihn erstrecken könne , hatte er nicht erwartet , und doch war es nicht diese Erfahrung , die ihn rathlos machte . Wer war der Mann , den Vittoria geliebt hatte ? Wann hatte sie ihn gekannt ? Wußte sein Vater davon , und was sollte er selber gegenüber den Geständnissen thun , die ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreißen lassen ? Er erschrak , als sein Vater eintrat , und doch war es ihm sehr willkommen , als derselbe ihn aufforderte , ihn auf einer Fahrt zu begleiten , die er unternehmen wollte , um sich zu überzeugen , wie man in Rothenfeld und in Neudorf die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe . Vittoria war aufgestanden , als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen , und hatte sich an das Fenster gestellt . Als sie den Kopf zurückwendete , war jede Spur der Leidenschaft , der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden , das dunkle Auge glänzte , als hätte es nie eine Thräne gekannt , der schöne Mund lächelte , als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglücks ausgesprochen . Sie verlangte mitzufahren . Der Freiherr , der nicht gewohnt war , ihr etwas abzuschlagen , machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam ; aber sie bestand auf ihrem Sinne , und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie , wenn auch vergebens , die Weigerung ihres Gatten zu bekämpfen und ihren Willen durchzusetzen . Renatus war dabei nicht wohl zu Muthe . Die Zärtlichkeit , welche sein Vater dieser Frau bewies , die Freude , mit der er sie betrachtete , die Befriedigung , mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte , thaten dem Sohne eben so wehe , als die Heiterkeit Vittoria ' s. Er glaubte zu bemerken , daß sie ihn ängstlich beobachte , und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der Lippe : Sprich nicht mit ihr , mein Vater , denn sie liebt Dich nicht ! Sprich nicht mit ihr , denn sie hat Dich verrathen ! - Aber durfte er dem Vater , dessen veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem verwichenen Abende , den Glauben an Vittoria rauben , ihm das Glück zerstören , das er in ihr besaß ? Hatte er ein Recht , ihr unseliges Geheimniß zu verrathen ? Durfte er vergessen , daß er sie selbst beklagenswerth gefunden hatte und daß sie ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag ? Was er erlebte , kam ihm fast unmöglich vor . Es waren die Gestalten , die er kannte , und sie waren es auch wieder nicht . Er liebte sie und hatte doch das alte Verhältniß nicht mehr zu ihnen . Er wollte sprechen und mußte schweigen . Er sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden . Nie im Leben hatte er eine größere Qual empfunden ! Er glaubte zu bemerken , daß Vittoria ' s Augen ihm mit Sorge folgten , daß sie ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wünsche ; er selber hätte sich der Nothwendigkeit , eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein , entziehen mögen , und doch