aus sie die Lage des Processes übersehen , den Triumph der günstigen Entscheidung genießen , vielleicht eine Beziehung der Etikette zur Gräfin Paula und ihren Umgebungen anknüpfen konnte . Hätte sich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde gefunden , die seit zwei Jahren in Westerhof , Neuhof , Witoborn , Wien , Schloß Salem und Castellungo gesucht wurde , dann hätte ihre mütterliche Liebe einen andern Rettungsplan aufgreifen müssen , eine Verbindung Hugo ' s mit der Gräfin Paula - eine Auskunft , die auch in der Familie traditionell eine sich von selbst verstehende Thatsache , ein lautes Geheimniß war - freilich für ihr Gefühl ein entsetzliches Unglück ! Denn Paula war in einem fanatischen Geiste für ihren Glauben erzogen worden und Hugo sollte dann scheiden - von seinen Gewohnheiten , sollte brechen mit allen seinen Verbindlichkeiten , sollte » Opfer « bringen , wie sie etwas nannte , was Monika von Hülleshoven eines Tages einmal leise , ganz leise und schüchtern nur der Gräfin eine - sittliche Wiedergeburt genannt hatte ? Die kleine schöne Frau » mit den silbernen Locken « war erst seit einem Jahre in den Lebenskreis der stolzen , immer nur ernsten und feierlich gestimmten Matrone eingetreten . Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin , der inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika , einer geborenen Freiin von Tüngel-Heide , aus ihrer Heimat , im Kloster gelebt und an den beschwerlichen Mühewaltungen derselben theilgenommen . Ihre Gesundheit , ohnehin erschüttert durch die Folge jenes Verstecks ( beiläufig bemerkt in einem chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloß Westerhof ) und durch die darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem täglichen Verkehr mit dem zum Kloster gehörenden großen Spitale . Offen bekannte sie ihrer Freundin Scholastika , da sie kein Gelübde bände , würde sie in die Welt zurückkehren , » denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge über alle Sorge für Fremde , die nicht auf uns allein angewiesen sind « . Es war dies einer der Sätze , die zu einem immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie gehörten . Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben in seiner überlieferten Form . Sie sagte schon damals am ersten Abend , wo sie auf der Herrenstraße im Palais der Salem-Camphausen in einem prächtigen Rococozimmer mit Goldleisten und Spiegelwänden neben der Gräfin am Theetisch saß : » Es sollte keine andern Lebenszwecke geben , außerhalb der Bewährung unserer eigenen Kraft und unserer Erziehung zur Vollkommenheit ! Eine Institution , die mich auch klein , unbedeutend , sklavisch gebunden , krank brauchen kann , ist des Menschen unwürdig . Nur dem sollen wir uns unterwerfen , was unsere Kraft in ihrer Größe braucht , sie entwickelt , uns die Frische des Willens und der Thatkraft erhält . Daß gewisse Gedanken in der Welt realisirt werden müssen , nur um als solche zu glänzen , während das Einzelwesen , das zur Realisirung derselben beiträgt , dabei gering erscheint , werd ' ich nie für gut finden . « Eine Aeußerung , die die Gräfin nachdenken ließ , sie aber zu dem Worte bestimmte : » Ich finde in diesem Ausspruch Wahrheit , aber Sie drücken sie mit zu vielem Menschenstolze aus . Wir ermangeln alle eines andern Ruhmes als dessen , den wir vor Gott haben . « Leicht möglich , daß selbst der Gräfin Bonaventura ' s Auffassung besser gefallen hätte , die wir damals berichteten , als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter Bettlern sah - die Unterordnung gerade der stolzesten Individualität unter einen allgemeinen , der Menschheit im großen und ganzen als ein Schauspiel zur Nacheiferung zugute kommenden Begriff . Freilich war Bonaventura von dieser Auffassung schon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfürsten schmerzlich zurückgekommen . Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Gräfin an Monika ein großes Gefallen gefunden . Sie war ihr ein lebendiger und höchst willkommener Beweis , wie der Katholicismus consequent durchgeführt zur Freigeisterei führen müsse . Sie suchte in ihr eine Proselytin zu gewinnen für die Lehre von der Wiedergeburt lediglich durch den Glauben . Die Bekanntschaft schrieb sich aus dem Briefwechsel her , der zwischen einem wiener Anwalt Monika ' s und Schloß Westerhof entstehen mußte ihrer Erhaltung wegen . Monika besaß ein kleines Vermögen , das der Oberst unangerührt gelassen hatte , als er nach Amerika ging . Im Kloster bedurfte Monika nichts , sie ließ ihre Zinsen stehen . Jetzt erhob sie Ansprüche auf das , was ihr gehörte und ihr noth that . Bereitwillig stellte ihr der Schwager Levin jedes Gewünschte zur Verfügung , ja Tante Benigna , ihre Schwester , wollte zulegen ; letzteres lehnte Monika ab . Der regelmäßige Bezug ihrer Mittel führte sie durch jenen Advocaten mit Terschka zusammen , der der chargé d ' affaires aller Finanzsachen seines Freundes war und tagelang mit der Gräfin rechnen konnte - Graf Hugo behauptete , für die Zusammenstellung von Zahlen kein Geistesvermögen zu besitzen . Terschka , angezogen von Monika ' s interessanter Erscheinung , aufmerksam auf die Namen Ubbelohde und Hülleshoven , die täglich in seinen Correspondenzen mit Westerhof und mit Nück vorkamen , gab der Gräfin Kunde von ihr und nun schien es den künftigen Besitzern der Erblassenschaft des Grafen Joseph standesgebührlich , die Schwester und Schwägerin der beiden Namen , die Paula hüteten und erzogen hatten , an sich zu ziehen . Die Gräfin wollte sogar ein Bewohnen des Palais auf der Herrengasse und bot Monika eine Stellung bei ihr an , die zwischen Freundin und Gesellschafterin die Mitte hielt . Doch auch Graf Hugo und Terschka wohnten zuweilen in diesem Palais und so mußte sie die freundliche Aufforderung ablehnen . Doch blieb ein ganz nahes Verhältniß . Fast täglich , wenn die Gräfin in Wien oder auf Schloß Salem wohnte , leistete ihr Monika Gesellschaft . Nur nach Castellungo , wo die Gräfin das Frühjahr zubrachte , war sie ihr noch nicht gefolgt , hatte das aber für dies laufende Jahr versprechen müssen . Im Grunde hatte diese Beziehung wenig Erhebendes für Monika ; ja die Gräfin ließ an ihr , wie an allen Menschen , nur an denen nicht , die zu Hugo ' s Intimität gehörten , ihren steten Bekehrungs- und Erziehungseifer aus ; nie kam ein Scherz , ein Lachen , eine enthusiastische Freude an Kunst oder Natur bei ihr zum Vorschein ; das Theater existirte nicht für sie ; alles das entsprach glücklicherweise im allgemeinen auch der Stimmung Monika ' s und so folgte sie der greisen Frau , die sich schon an sie gewöhnt hatte , auf Tritt und Schritt , jetzt auch hierher und vielleicht nach England , obgleich sie für letzteres noch nicht ganz entschlossen gewesen war und vorläufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen wollen ... Seitdem von Porzia ' s Onkel Hedemann genannt worden war , fühlte sie sich von räthselhaften Geistern bestürmt , die sie mahnten , ganz zurückzubleiben und die Gräfin morgen allein abreisen zu lassen . Die hohe Gestalt der Greisin trat ein . Sie war mit einem weiten schweren Pelz bedeckt , den ihr der Diener abnahm . Ihre scharfen mageren Gesichtszüge verhüllte ein einfacher Sammethut , den sie noch nicht abgebunden hatte , als sie schon eine Anzahl Briefe , die sie sich selbst vom Postamte mitbrachte , an den Schirm der Lampe hielt und hastig nacheinander erbrach ... Ohne Brille konnte sie nur mit Schwierigkeit lesen . Sie mußte daher innehalten , ihren Hut abbinden und sich ' s bequemer machen ... Porzia bediente sie dabei . Monika ordnete die Zurüstungen zum Thee ... Ich komme vom Doctor Abadonna ! sagte die Gräfin . Ich wollte nicht verfehlen , vor meiner Abreise dem armen , geschlagenen Sohne der Finsterniß wenigstens diese Aufmerksamkeit zu bezeigen ! Dem Herrn sei Lob und Ehre ; denn Terschka schreibt ja - Nun hatte sie das Futteral ihrer Brille geöffnet , das ihr Porzia auf einen stummen Wink Monika ' s gereicht , hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen , den Tisch sich näher rücken lassen , dann auch die Lampe näher gezogen und die Brille auf ihre vom Feuer der Erwartung glänzenden Augen gesetzt und einen der Briefe geöffnet ... Der Courier legte mancherlei inzwischen Angekommenes in ihre Nähe , einige Bücherpackete , einige Einkäufe , die schon vorausgeschickt waren , auch ein großes Papier , in dem sofort Monika , und nicht ohne einen gewissen Anflug von Verlegenheit - die Rechnung des Hotels erkannte ... Alles um die lesende Gräfin her war still und bewegte sich auf den Zehen . Nur sie allein sprach sich laut und mit Interjectionen aus , die ihre Zufriedenheit mit allem ausdrückten , was Terschka und ihre andern Correspondenten berichteten . Die Siegesgewißheit über den gewonnenen Proceß , wie die Aufregung über die bevorstehende Reise nach dem von ihr so lange ersehnten England , wo sie acht Wochen bleiben wollte , erhöhten die Kundgebungen ihrer Stimmung und weckten eine alte Lebendigkeit ihres Wesens , die sie durch ihre trübe Religionsauffassung schon seit so langen Jahren zu dämpfen verstanden hatte . Vor den Dienern schwieg sie . Porzia aber , die ohnehin der Sprache nicht ganz folgen konnte , hinderte sie nicht , an Monika , die sich zuletzt ruhig vor der siedenden Theemaschine niedergelassen hatte und bald auf die Gräfin , bald auf die sinnend sich zu schaffen machende Italienerin sah , von den Eindrücken , die sie im Lesen empfing , einzelnes bruchstückweise mitzutheilen ... Ja , dieser gute Terschka ! sagte sie in abgebrochenen Sätzen ... Wenn einer geschickt war , diese Aenderung mit den Verhältnissen in Westerhof in Güte auszugleichen , so war er es ! ... Eine Parcellirung ... im größten Maßstabe ... wie vorsichtig , sich an einen einfachen , uneigennützigen Mann zu wenden ... einen Juden , Namens Löb Seligmann ... » Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon ! « ... Aber die Offerten der Fuld ' s lehnt er ab ... das ist schön ! ... Diese Helfer in der Noth haben wir in Wien genugsam kennen gelernt ! ... Die Lotterie ist nicht erlaubt , wie bei uns ... Also Verkauf ! ... so gern - ja so gern ich gewünscht hätte , wir hätten die Burg Gottes aufgerichtet im Lande der Edomiter und das Evangelium gepredigt denen , die noch unter dem Gesetze leben - Terschka grüßt Sie , Baronin ! unterbrach sie sich selbst ... Monika dankte leise nickend ... Die Gräfin hatte unter der Brille ein wenig aufgeblickt , um zu beobachten , wie dieser Gruß auf die junge Frau wirken würde ... Ihre Stimme , die schon an sich wohllautend war , nahm einen besondern Ausdruck von Innigkeit an , als sie das Wort sprach : » Terschka grüßt Sie , Baronin ! « Ein Purpurroth war auf Monika ' s Wangen getreten ... Das sah die Gräfin wol und seufzte ... Monika gedachte , ob Terschka nichts von Armgart schriebe , wie er schon oft gethan ... doch auch das Seufzen der Gräfin , das völlig anderes im Sinne hatte , verstand sie ... sie wich Fragen und Erörterungen aus und hielt fast den Athem an , jetzt aus andern Gründen noch , als deshalb , die Gräfin nicht in ihrer Spannung zu stören ... Diese erzählte zwischendurch vom Doctor Abadonna ... Er wand sich doch wie der Fürst der Finsterniß ... sagte sie . Kriechend höflich war er ... wie einst die Verdammten vor dem ew ' gen Richter stehen müssen ... Der liebenswürdige junge Herr von Asselyn geht morgen nach Westerhof , um die letzte Abwickelung zu erleichtern ... O mein Sohn ! ... Wie gespannt er schreibt ! ... Nur so kurz ! ... So kurz ! ... Was ? Angiolina ist krank ? Das entschuldigt ihn ! Monika behielt Zeit , die Gedanken zu sammeln , die ihr doch die Brust in fast hörbaren Schlägen heben und wieder sich senken ließen ... Geht Benno jetzt nach Westerhof ? ... Dem fühlte sie wie mit Wonne und doch mit Schmerz nach . Fast Eifersucht war es , das sie erfüllte , und wieder gedachte sie : Was wird der Blonde , der andere , Thiebold de Jonge sagen , der täglich kommt und heute noch nicht da war ? ... Und dabei glitt ihr Blick - wieder auf die Rechnung des Hotels , die so lang , so lang schien ... Eine eigene Ideenassociation : Thiebold ' s Reichthum , ihr kleiner Creditbrief bei dem Hause Piter Kattendyk , die ganz biblische Sorglosigkeit der Gräfin in Geldsachen und Thiebold ein Bewerber um Armgart - dann aber auch - Angiolina , die sie nur einigemal aus der Ferne gesehen ... das schöne , allbewunderte Mädchen , das mit dem Grafen Hugo nur zu verbunden lebte , kam ihr , als krank gedacht , seltsamerweise wie Benno von Asselyn vor , blassen Teints und wie den fernsten Zonen angehörend ... Etwas war die befriedigte Erregung der Gräfin durch den so kurzen Brief des Obersten , ihres Sohnes , doch gestört worden . Sie erinnerte jetzt an den Thee ... Porzia wollte helfen ... Monika bedeutete sie mit einem Augenwink , auf ihr Zimmer zu gehen ... Gern hätte sie ihr gesagt : Singe wieder deine traurig schönen Lieder ! Zaubere uns vor , was alles freudvoll und leidvoll im Menschenherzen liegen kann ! ... Der Gräfin würde sie schön damit angekommen sein . Der Thee entquoll schon dampfend der Maschine , aber die Gräfin weilte noch in ihren Briefen - Lady Elliot schreibt voll Ungeduld - sagte sie , eine Tasse ergreifend ... Sie ist so gütig und gibt immer ein englisches und ein französisches und dann ein deutsches Wort , um meiner Schwäche entgegenzukommen , die ihre Sprache nicht versteht ... » Alle Schrift von Gott eingegeben , ist nütze zur Lehre , zur Strafe , zur Besserung , zur Züchtigung in der Gerechtigkeit « - 30000 Bibeln in einem Jahre in Irland vertheilt ! ... » Könnte man Pater Matthew gewinnen ? « Hm ! Hm ! ... Darin hat sie Recht - aber - » das Thier mit sieben Köpfen schnaubt und dräuet , daß sich darob die Sterne verfinstern « , wenn es an die Bibel geht ... Monika war über alle diese Anspielungen durch tägliches Erörtern vollkommen unterrichtet ... Auch ein langer Brief vom » Onkel Levinus « lag da , den die Gräfin nach einer halben Tasse Thee , die sie schlürfte , mit einer gewissen Scheu überflog und dann an Monika übergab , weil er vielleicht mehr für sie , als für die Adressatin bestimmt schien ... Sie wandte sich jetzt dem Rest ihres Thees und in Gedanken verloren einem leichten Gebäck zu ... Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer schmerzlichen Miene für sich , während die Gräfin die letzten Briefe durchsah , solche , die ihr aus Schloß Salem und Castellungo von ihren Verwaltern gekommen waren ... » Wenn es diesen Zeilen gelingen könnte « , schrieb der Bruder des Obersten , » Ew . gräflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreise nach England anzutreffen , ja Ew . Hochgeboren zu bewegen , die Nähe Westerhofs nicht unberücksichtigt zu lassen und uns mit einem Besuche zu beehren , so würde ich zuvörderst damit den Wunsch unserer lieben Comtesse ausgesprochen haben , dem sich der des Fräuleins Benigna und mein eigener ehrerbietigst anschließt . Die Wege bis zu uns sind bequem oder bieten bei der Milde des Winters keine großen Schwierigkeiten . Persönlich die Gesinnungen wiederholen zu können , die ich als langjähriger Freund und Verwalter des Grafen Joseph über die in Gottes Rath beschlossene Zukunft seiner Besitzthümer immer von ihm vernommen habe , würde mir zur besondern Genugthuung gereichen . Aus dem Schoose der Familie unserer Gräfin , selbst den allerdings jetzt kaum noch den Lebenden angehörenden frühern Vormund derselben , ihren Onkel , den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen , der , wie Ew . Gnaden wissen , immer einer anderweitigen Auskunft , einer Verbindung beider Linien den Vorzug gab , ist nichts unternommen worden , was diesen gegen die Ansprüche des Herrn Grafen Hugo geführten unseligen Proceß hätte schüren und fördern können . Uns lag nur ob , das Vorhandensein jener Urkunde , die christkatholische Religion der jüngern Linie verlangend , möglicherweise aufzufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunsch der Vorvordern zu erfüllen . Die Nachforschungen konnten eine solche nicht auffinden und so gebe denn der gute und gerechte Gott seinen Segen zu der Ausgleichung , die , dank der Einsicht des vom Herrn Grafen übersandten Vermittlers , Herrn Baron von Terschka , vorzugsweise darauf hinauszukommen scheint : Der letzten Erbin der ältern Linie verbleibt Schloß und Hof Westerhof nebst den nächsten Adjacentien auf hundert Morgen in der Runde als standesmäßige Abfindung und erbeigenthümlicher Besitz für ewige Zeiten ; alles andere fällt der jüngern Linie zu , vorbehaltlich der Rückläufe , die der Comtesse für einige Grundstücke und Waldungen offen bleiben . Für die Regulirung dieser Procedur hat Herr Oberprocurator Nück uns die Ankunft des Herrn Benno von Asselyn verkündigt . Wir erfreuen uns in Herrn von Terschka eines weisen und wahrhaft discreten Vermittlers , der in allen diesen schwierigen Verhältnissen seit Monaten Großes geleistet hat . In kurzem ist er der Liebling der Gegend geworden , womit viel gesagt ist bei einem Volksstamm , der sich schwer anschließt , ohnehin , weil man der neuen Wendung der Dinge um so mistrauischer entgegensah , als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen Weltereignisses in einer confessionellen Aufregung befinden , die mehr , als ich wünschen möchte , die Gemüther erbittert und ein paritätisches Zusammenleben unmöglich macht . « ... Monika las zwar für sich ; aber die Gräfin , die jetzt aufstand und sich einiges an ihrer Haustoilette zu schaffen machte , beobachtete sie und sagte : Sind Sie an der Stelle , wo der wunderliche Herr mir die Unmöglichkeit des Zusammenlebens mit Ketzern schildert , nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat , Westerhof zu besuchen ? Monika mußte lächeln , so schmerzlich erregt sie war ... Sie blickte auf das Ende des Briefes , um nach Armgar ' ts Erwähnung zu suchen ... Der Brief lautete im Zusammenhange : » Comtesse Paula ist glücklich , daß sie Westerhof behält . Sie drückt Ihnen , gnädigste Frau Gräfin , ihre ganze Verehrung aus . Es würde Sie gewiß erfreuen , eine Verwandte kennen zu lernen , die mit einem selten gebildeten Geiste eine Einfachheit und Güte des Herzens besitzt , die durch keine Verkürzung und Schmälerung ihrer Glücksgüter getrübt werden kann , höchstens , daß ihr die Mittel zum Wohlthun verringert sind ... « Wieder unterbrach die Gräfin die im Zimmer herrschende Stille . Sie folgte der Lectüre Monika ' s im Geiste Zeile für Zeile , so fest hatte sich ihr sofort trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingeprägt . Um Comtesse Paula , sagte sie , gesteh ' ich es zu bedauern , daß ich der Aufforderung nicht folgen kann ... Monika verstand vollkommen , was in diesen Worten liegen sollte . Es war die mütterliche Sorge für die immer doch noch nicht ganz gewisse Zukunft . Fand sich noch irgendein Hinderniß für die Ausgleichung des Familienstreits und entging den Salems-Camphausen eine seit fünfzig Jahren ihnen immer dringlicher und dringlicher gewordene Hoffnung , von der ihre Ehre und der Bestand ihres Namens auf Generationen abhängig war , so konnte und mußte der Fall eintreten , daß Graf Hugo um Paula warb ... Deshalb lag in den folgenden Worten , die die Gräfin unter andern Umständen mit viel größerer Strenge würde gesprochen haben , eine bei ihr seltene Milde : Das arme Kind soll nach allem , was ich höre , immer wieder in ihre Visionen zurückfallen ! Sie ertheilt im magnetischen Schlafe Rathschläge an Kranke ! Schloß Westerhof , sagte Nück , soll von Morgens bis Abends belagert sein von Hülfsbedürftigen , die oft aus weiter Ferne kommen , um sich von ihren Leiden heilen zu lassen ! Aus dem wahren Geiste Gottes ist das nicht ... Die Apostel hatten diese Gabe auch , aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts , als nur des Gebets . Sie , Baronin , weiß ich , sagen freilich rundweg , das alles wäre Wahn oder die Macht des Willens , der da sagt : Sei geheilt ! und der Kranke ist - zuweilen geheilt . Der Wille scheint Ihnen allmächtig ! Wenn man an sich selber nur glaubt ! O , Sie wissen , meine Gute , wie wenig ich von allem halte , was ohne die Gnade Gottes ist ! Doch bin ich weit entfernt , den Katholiken die Gnade Gottes abzustreiten , wenn sie sich ihr in inbrünstigem Gebete nahen ! Mischen sie aber Thorheiten ein , wie die fürsprechenden Engel und Heiligen , nun , so mag der Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverständigen Verblendung wol mit väterlicher Geduld vernehmen , ist nur der Grund da des Vertrauens zu ihm . Sie erinnern sich , daß Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige Hildegard nannte , mit der ihr Comtesse Paula Aehnlichkeit zu haben schien . Das sagt ' ich Ihnen ja noch gar nicht , wie ich bei Bingen das Grabmal dieser sogenannten Heiligen gesehen habe ! Ich beschloß , mich etwas genauer über sie zu unterrichten . Da erfuhr ich denn , daß die ernsthaftesten Männer mit dieser Aebtissin , die so viel Wunder verrichtete , in Verbindung standen , ja ein Bernhard von Clairvaux und sogar der damalige Papst - Sie wünschte ihm Glück zur Ausrottung der Waldenser ! warf Monika ein ... Wie ? rief die Gräfin ... Mit diesen wenigen Worten änderte sich plötzlich der ganze Gedankengang der Gräfin ... That sie das ? fuhr sie bestürzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer inne . Sie verließ sich auf die Kenntnisse Monika ' s , die ihr bei solchen entschiedenen Behauptungen verbürgt waren ... Sie that es in einer Sprache , fuhr diese fort , die sie nur in ihren Visionen kannte , der lateinischen . Ihr Beichtvater schrieb diese Visionen nach und veröffentlichte sie später ; es war ein Pater Gottfried ... Ich habe mich in Mußestunden viel mit dem Leben der heiligen Hildegard beschäftigt ... Dann war sie eine Betrügerin ! wallte die Gräfin auf und endete ihre Rede mit dem völligen Gegentheil dessen , womit sie begonnen hatte . Sie hatte darauf hinaus wollen , daß ihr allerdings an der heiligen Hildegard interessant gewesen wäre , sich nach ihrem Beispiel die ekstatischen Zustände Paula ' s zu denken . Nun aber sagte sie : Auch in Westerhof werden es die Pfaffen sein , die die Krankheit des armen Mädchens benutzen und sie zur Närrin machen ! Ich dorthin reisen ! In der dumpfen Luft würde ich den Athem verlieren ! » Es war aber ein Mann mit Namen Simon , der Zauberei trieb und gab vor , er wäre etwas Großes , und sie sahen auf ihn und sprachen : Der ist die Kraft Gottes , die da groß ist ! Da sie aber Philippi Predigten hörten von dem Reich Gottes und den Namen Jesu Christi , ließen sich taufen , beides Männer und Weiber . « Monika las weiter : » Herr von Terschka unterbricht mich und verbindet seine Bitte mit der unserigen , Ew . gräflichen Gnaden möchten in der That den Umweg nicht scheuen . Begleitete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Asselyn , so würde Ihnen vielleicht der Domherr von Asselyn , sein Vetter , eine interessante Reisegesellschaft sein . Wir erwarten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen Inspection . Auch einigen Worten des Herrn von Terschka , Armgart von Hülleshoven , meine Nichte , betreffend ( jetzt zitterte der Brief in den Händen der von ihrem Kinde geflohenen Mutter ) geb ' ich gerne Ausdruck und bitte Sie , Ihre Begleiterin , Frau von Hülleshoven , meine Schwägerin , zu versichern , daß sowol in meiner langjährigen Freundin , Fräulein Benigna , ihrer Schwester , wie in mir die Reihe der Jahre den alten Groll gelöscht hat . Was Sie auch , gnädige Gräfin , über unser Zerwürfniß erfuhren , beurtheilen Sie es nach dem Temperament von Menschen , die wie unser ganzer Volksstamm ein starkes und unbeugsames Rechtsgefühl haben . Nur auf der rothen Erde konnten die Vehmgerichte entstehen , jene Selbsthülfe des Volks in einer rechtlosen Zeit ... ( Die Buchstaben verwischten sich der Lesenden vor Erregung ... ) Es ist wahr , die Ehe zwischen meinem Bruder und Monika schloß sich ohne Ueberlegung . Der Kronsyndikus von Wittekind , Testamentsvollstrecker ihrer Aeltern , wollte Monika zwingen , seinen Sohn Jérôme zu heirathen . Sie kannte seine Gewaltthätigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefähr . Nach einer vierjährigen Ehe war die Erklärung , sie folge dem Manne nicht in seine neue Garnison , sie besäße keine Liebe für ihn , ein reiner Trotz der Verkehrtheit . Sie wollte anfangen nach Grundsätzen zu leben . Sie wollte wahr sein gegen sich und andere ! Es war der Anfang eines völligen Verwirrens ihres Denkens und Fühlens , das wir nicht dulden durften . Ihren thörichten Sinn wollten wir durch die Vorenthaltung ihres Kindes , der damals dreijährigen Armgart , mit Gewalt brechen . Da wir ebenso gegen den Bruder verfuhren , der Armgart für sich in Anspruch nahm , hatten wir die Ausdauer , einen Kampf mit dem Mutter- und Vaterherzen zu wagen . Und dennoch würden wir nachgegeben haben damals , als Monika erkrankte , wenn sie nicht , kaum zur Hälfte genesen , wie noch im Fieberwahn damals Schloß Westerhof verlassen und in die Welt hinausgerast wäre wie eine Irrsinnige ! Daß diese That , die nun freiwillig ihr Kind aufgab , ein Anfall der maßlosesten Eitelkeit war , die Verzweiflung eines Blickes in den Spiegel und auf ihr ergrautes Haar , wird sie nicht leugnen können . Diese wilde Unregelmäßigkeit ihres Wesens ist leider auf Armgart übergegangen . Die Mutter kann versichert sein , daß von unserer Seite nicht das Mindeste geschehen ist , Armgart aus dem Pensionat der Insel Lindenwerth abzurufen . Das thörichte Mädchen will sich nur beiden Aeltern zugleich aufgespart haben und führt diesen Gedanken auch jetzt im Stift Heiligenkreuz , wo sie eine Stelle bekommen hat , mit einer Wachsamkeit durch , die jeden Augenblick die Flucht von Lindenwerth wiederholen würde . Die Aussicht , daß mein Bruder Ulrich sich in Witoborn niederläßt , rückt immer näher . Ein meiner Schwägerin wohlbekannter Name , Remigius Hedemann , hat , seitdem die Abwickelung der Verhältnisse unseres beim jetzt so tief gekränkten Geist der Provinz immer unmöglicher gewordenen Landraths ins Stocken gerathen , die Mühlenwerke bei Witoborn erstanden und beide gedenken ein für den Geist unserer Gegend ganz tolles , ja förmlich herausforderndes Unternehmen - eine Papierfabrik zu begründen ! Stehen wir ohnehin in unsern Verhältnissen selbst nicht fest , so wird uns am wenigsten beikommen , in so sich verwickelnde andere einzugreifen . Bruder oder Schwester , beide würden uns zur Verständigung gleich willkommen sein ! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenschaften und wir müssen selbst wünschen , daß in diese harten Herzen Besinnung kommt ! Von meiner Schwägerin hör ' ich durch Herrn von Terschka jetzt so außerordentlich viel Rühmenswerthes , daß Benigna sowol , meine langjährige Freundin , die dem Alter der Versöhnlichkeit mit dem , was die Erde bietet , schon so nahe gekommen ist , wie ich selbst , nichts lieber wünschen , als die endliche Beilegung dieses Zwistes , den ja unsere heilige Kirche nicht gestattet so zu lösen , wie es die Leidenschaften dieser wilden Menschen wünschen mögen durch Scheidung - - « Weiter konnte Monika nicht kommen ... Die Schlußversicherungen der Ergebenheit überschlug sie in der Erregung durch diese offene und für den Charakter ihrer alten Gegner , ihres Schwagers , ihrer so strengen , viel ältern und ihr gewissermaßen als Erzieherin gegenüberstehenden Schwester , sogar gemüthvolle Sprache ... Sie stand auf , ließ den Brief auf den Tisch gleiten , griff an ihr Herz und trat an das Fenster , um die Stirn an den feuchten Scheiben zu kühlen ... Die Gräfin unterbrach nicht diesen Seelenkampf ... Eine lange Pause trat ein , die Monika endlich mit den leisen Worten beendete : Aus alledem sehe ich , theure Gräfin , daß ich besser thun werde - noch in dieser Stadt zu bleiben und Sie - allein reisen zu lassen ! ... Vielleicht erfreut es Sie - noch einen Gefährten zu gewinnen , der bei Porzia sitzen könnte , den Onkel derselben , der genöthigt ist , rasch nach England zurückzureisen ! Ich begrüße Sie dann - bei Ihrer Rückkehr hier oder , erlöst von allen diesen Kämpfen , in Ihrem schönen , sonnigen , glücklichen Castellungo ! Die Gräfin sagte zwar : Ja , ja ! hörte aber plötzlich nur halb ... Sie hatte die Rechnung des Hotels entdeckt und suchte wieder die Brille , um eine nicht unwichtige Frage genauer zu prüfen ... Monika sah , daß die Höhe der Summe , die es hier noch zu zahlen gab , die Gräfin erschreckte . Sie hatten an sich einfach gelebt , aber eine Menge anderweitiger Ausgaben hatte die Gräfin von dem gefälligen Wirthe auslegen lassen . Vollkommen war ihr die Eigenschaft ihrer Gönnerin geläufig , den » Nerv der Dinge « und den » ungerechten Mammon « für etwas zu nehmen , was sich nach Gottes ewigem Rathschlusse allen denen , die ihn lieben , früher oder später doch zum besten wenden müsse ... So vertieft war die Gräfin in eine unter dem Eindruck des gewonnenen Processes von ihr hervorgerufene ansehnliche Reihe von Zahlen , daß sie nicht mehr viel von Monika ' s Worten gehört hatte . Bei alledem wußte sie aber doch , daß in dem Briefe das Wort