ein unverbrüchliches Stillschweigen bewahren über das , was man ihnen anvertraut , daß sie schweigsam sind wie das Grab . « » Aus welchem sie kommen , « sagte schaudernd Herr Beil . » Ich höre und werde ebenso schweigsam sein , stumm wie das Grab , - ganz Gespenst . « Der Baron lehnte sich in seinen Sessel zurück , blickte an die Decke empor und drückte die Fingerspitzen beider Hände fest gegen einander . » Sie haben noch nie Deutschland verlassen , « sagte er , » Sie gingen noch nie südlich , überstiegen noch nie die schneebedeckten Alpen , um von ihnen herabsteigend Italien zu erreichen . « Ah ! das ist ein schönes , herrliches Land , ein angenehmer Himmel , prächtige Gegenden , schöne Menschen ; glücklich , wer dort hindurch fliegen kann mit einem leichten , fröhlichen Herzen , sich bald hier aufhaltend , bald dort , wie es ihm gerade gefällt , bald in großen , lebhaften Städten , bald in der malerischen Einsamkeit des Landes ; jetzt an des Meeres prächtigen Felsgestaden , bewundernd dem Tosen der Wellen zulauschend , jetzt in die Berge hineinfliehend , wo man nichts mehr vernimmt als das Rauschen der Lorbeer- und Orangenzweige und den Gesang eines Vogels . - » Wenn man einmal dort war und man ist zurückgekehrt nach dem kalten Norden , so zieht es Einen beständig wieder dorthin , man vergißt , daß das schöne Land auch seine Plagen , seine Unannehmlichkeiten hat ; man denkt nur an den blauen Himmel und den blitzenden Sonnenschein , der das reichste Gold auf die Landschaft ausgießt , der hervorzaubert all ' die göttlichen Tinten , die wir mit keinem Namen bezeichnen können . Man träumt nur von jenen wunderbar klaren , duftreichen Nächten , wo die Mondsichel in einer unbegreiflichen Klarheit am Himmel steht , wo Leuchtwürmer hin- und herschwärmen , wo aus dem dunkeln Laub der Orangen die weißen Blüthen sichtbar sind im geheimnißvollen und reizenden Schimmer . - Ah ! eine solche Nacht ist herrlich ; dazu das Leuchten des Meeres , wenn dein Boot nun vom Ruder zurückgehalten , an die Ballustrade des prächtigen Gartens rauscht , wo herüberhängende Lorbeerzweige eine sichere Bucht bilden , wo man auf die Gefahr hin , zu stranden , unaufhörlich nach den dunkeln Gebüschen blickt , unter denen ein flatterndes Gewand hervorleuchtet . - Ah ! - Doch weiter ! - Dem Süden zu , gleich den Zugvögeln ! Vorbei an dem heitern Florenz , dem ernsten Rom , dem lustigen Neapel . Laßt hinter uns liegen den mächtigen Vesuv mit seiner ewigen Rauchwolke , die , einer riesigen Pinie gleich , in der klaren Luft fast unbeweglich über ihm steht ; vorbei an dem tiefblauen Golfe , den die malerischen Gestade umgeben , aus dem die seltsam geformten Inseln hervortreten , der übersät ist mit weißen kleinen Segeln . - Vorbei an allem Dem , über das Meer hinüber , den Gestaden entlang , welche dir der Steuermann in der Dunkelheit zeigt und die sich fast grauenhaft bemerkbar machen in der Nacht auf dem finstern Wasser . Funken und Flammen steigen donnernd aus ihnen empor , und wie glühend übergossen , zeigt sich blitzartig der Krater , um gleich darauf wieder zu verschwinden - Stromboli . Noch einige Stunden und Palermo liegt vor dir . O Palermo , reizende Stadt ! mit deinem prächtigen Hafen , mit dem Monte Pellegrino , deinem Wahrzeichen und riesenhaften Leuchtthurme ; denn glänzt er nicht weit in die See hinaus , namentlich Abends und Morgens in immer wechselnden , brennenden Farben ! Ja , bis zum späten Abend , wo die violetten Schatten seiner Schluchten immer größer und bedeutender werden , langsam die Gluth seiner Lichter auslöschen , und ihn endlich mit dem nächtlichen Schleier überziehen . O Monte Pellegrino , wie oft hing mein Auge an deinen seltsamen , zackigen Formen , wie oft verfolgte es den Weg , der dich in den eigensinnigsten Wendungen erklimmt ; - und ruhig blickst du auf Palermo , die prächtige glänzende Stadt mit ihren gelben Kuppeln und strahlenden Zinnen , rings umgeben von den zahllosen Orangen- und Citronengärten , die mit ihrem tiefdunkeln Laube einen Kranz um dich bilden , so daß es aussieht , als läge sie ganz von Bergen eingefaßt - eine kostbare goldglänzende Frucht , mitten in einer ungeheuren Felsenschaale , sanft gebettet auf dem saftigen Grün . - Laßt uns still die Stadt durchschreiten , ich will nicht sehen und gesehen sein , gehen wir hinaus zu einem der Landthore , dem Wege folgend , dessen hohe Ränder mit uralten Aloen bewachsen sind , theils im frischen Safte prangend , auch wohl mit verwelkten Blättern , denn sie trieben einen Blüthenstengel , der , dreißig Fuß hoch , nach allen Seiten seine zahlreichen Kronen hinaus streckt , und nun , als er seine Bestimmung erfüllt , vergehen mußte . - Ueber eine Brücke führt uns der Weg , unten rauscht über die glatten Kiesel ein klares Wasser still und behaglich dahin ; es fließt im Schatten großer Oleanderbüsche , deren prächtige Blumen sich kokett in seinen Wellen spiegeln . An einfachen gelben Häusern kommen wir vorüber , meistens uralten Gebäuden von eigentümlicher malerischer Bauart ; man glaubt hinter den vergitterten Fenstern müßte noch heute Turban und Kaftan erscheinen . Schmucklose aber kunstreiche Wasserleitungen lehnen sich an ihre Ecken oder laufen auch wohl auf schlanken Bögen von einem zum andern ; Schlingpflanzen umranken sie , schauen aber neugierig in die offene Rinne und das rieselnde Wasser , und die tiefer hängenden Blätter schaukeln sich auf der Fluth , aufwärts gekehrt und ihre Blüthen blicken zu den schlanken Palmen empor , welche die spitzigen Blätter wie schützend über das alte Gemäuer ausstrecken . - Alles hier ist Gluth und Glanz , strahlende Lichter und die tiefsten Schatten neben einander , keine nebelhaften , matten Uebergänge wie im kalten Norden . - So immer weiter wandelnd sind wir langsam aus der Ebene emporgestiegen , und sehen , rückwärts blickend , die Stadt , die sie umgebenden Gärten , den wunderbaren Berg der heiligen Rosalie , zu seinen Füßen die ruhige , dunkle Bucht , und weiter hinaus das gewaltige Meer , tiefblau und nur an einem Streifen am Horizont bedeckt von Sonnenglanz und Flimmer . Hier sind wir auch am Ziele . Wir stehen vor einem großen Thor , das halb von überhängenden Bäumen verdeckt ist , einem Thor mit Eisengittern und tadellosen Wappenschildern . Hinter dem Thore beginnt ein weitläufiger Park , in dem Parke liegt ein großes Schloß und in dessen prachtvollsten Zimmern ward ich seiner Zeit geboren . » Ah ! « machte Herr Beil , aber so leise , daß es nur wie ein Seufzer klang . Er war mit halb geschlossenen Augen träumend der lebendigen Schilderung gefolgt , er hatte Palermo mit gesehen , er war aus der heißen Sonne in den schattigen Park getreten und sah das Schloß , ja selbst das bezeichnete Zimmer . Der Baron fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte lächelnd , wie aus einem Traume erwachend : » Ach ja , wir sind Beide noch hier . - War mir doch , als zeigte ich Ihnen die Herrlichkeiten meiner Heimath , knirschte doch ordentlich der Sand unter meinen Füßen ; hörte ich doch den Wind durch die Zweige rauschen wie damals . « » Mir war auch so , « meinte Herr Beil ; » doch ist es das Holz im Ofen , das knirscht und stöhnt , und wenn es auch mit dem Sausen des Winds seine Richtigkeit hat , so streicht er doch leider nicht durch blüthenreiche Zweige , sondern spielt mit den ächzenden Windfahnen und den wackeligen Schornsteinen . « » Und mir ist diese wilde Scenerie lieber , « fuhr der Baron fort : » ich mag nicht weich gestimmt sein . - Daß ich also geboren wurde , wissen Sie , vorher aber folgten einige für mich nicht unwichtige Ereignisse . Meine Mutter war die Tochter einer der mächtigsten Familien Palermo ' s , mein Vater aber ein Engländer , der auf einer großen Vergnügungsreise eines Tages mit seiner Yacht in der Bucht ankerte , an ' s Land stieg , sich durch gute Empfehlungsbriefe in den besten Häusern einführte , meine Mutter sah , sich in sie verliebte und nicht eher ruhte , bis ihr Vater , der Marchese von B. , zu einer Heirath mit dem Fremden willigte . Die Geburt meines Vaters stand übrigens der meiner Mutter nicht nach ; er war der älteste Sohn des Lord K. , einer reichen schottischen Familie , deren Einwilligung zu der Verbindung mit meiner Mutter zu erhalten er als sehr leicht darstellte . Der alte Marchese , dessen Gunst er sich zu erringen gewußt hatte , gab die Heirath zu und etablirte das junge Paar auf dem Schlosse , von dem ich Ihnen sprach . Wenn auch mein Vater von seinem Vermögen noch nichts erhalten hatte , so besaß er doch Gelder genug , um bis zur erlangten Einwilligung seiner Eltern glänzend leben zu können . Diese Einwilligung aber blieb aus , ja , auf viele Briefe , welche sowohl der Marchese als mein Vater nach Schottland schrieben , erfolgte keine Antwort , und als man sich endlich eines Geschäftsmannes bediente , berichtete dieser , Lord K. habe sich in Folge dieser Heirath von seinem ältesten Sohne losgesagt , ihn enterbt und er existire für ihn gar nicht mehr in der Welt . Das muß ein harter Schlag für meine Eltern gewesen sein ; die Schwestern und Brüder meiner Mutter , in ihrem Stolze gekränkt , zogen sich von ihr zurück , der Marchese von B. starb bald darauf , und da nur ein geringer Theil seines Vermögens meiner Mutter zufiel , auch die Gelder meines Vaters ziemlich aufgezehrt waren , so mußte man sich einschränken . Uebrigens schien das dem jungen Paar keinen Kummer zu verursachen , sie liebten sich herzlich ; ihre Kinder - das war ich und eine Schwester - wuchsen zu ihrer Freude gesund und kräftig heran , kurz , es war immer noch eine glückliche Familie . Ob und welche Schritte nun während dieser Zeit mein Vater in Schottland gethan , weiß ich nicht ; genug aber , plötzlich kam die Nachricht , Lord K. wolle sich mit seinem Sohne aussöhnen , er sandte Gelder und Briefe , er schrieb , das Geschehene soll vergessen sein , nur stellte er die Bedingung , meine Eltern sollten Sicilien verlassen und nach der Heimath meines Vaters zurückkehren . So sehr meine Mutter auch ihre schöne Insel liebte , so hatte sie doch in der letzten Zeit so viele Kränkungen erfahren , daß sie ihre Vaterstadt , ihre Familie , nicht ungern verließ . Wir schifften uns also ein ; ich zählte damals zehn Jahre , meine Schwester vier . Unser Beider einziger Kummer war , daß wir die alte bekannte Dienerschaft unseres Hauses zurücklassen mußten ; so hatte es Lord K. gewünscht . Die Abreise aus Sicilien schmerzte uns Kinder nicht besonders ; uns freute das schöne Schiff , welches wir bestiegen , die bevorstehende Reise , - und als wir Neapel gesehen , Rom und die hohen schneebedeckten Berge der Schweiz , dachten wir nicht mehr an unsern Monte Pellegrino , nicht mehr an die schöne Bucht Palermo ' s und noch viel weniger an die thränenerfüllten Augen der alten Diener unseres Hauses . Die Erinnerung an Sicilien trat auch nicht eher wieder lebendig vor uns , als bis wir uns der Küste Schottlands näherten . Es war ein frostiger und unheimlicher Herbstabend , das Meer bewegt , die grauen Wellen schwankten hin und her , und wo sie zusammen stießen , bildeten sich weiße Schaumkronen auf dem schmutzigen Wasser . Vor uns wurde das Land sichtbar , die hellen , zerklüfteten Felsen blickten unbestimmt und geisterhaft aus dichtem Nebel hervor . Schwer zerrissene Wolkenmassen hingen am Himmel , und dort am Lande hatten sie sich tief herabgesenkt , daß die aufsteigenden Dünste sichtbar mit ihnen in Verbindung traten . Weiße Möven mit ängstlich gellendem Schrei umflatterten in Schaaren unser Schiff , flohen vor den Windstößen dem Lande zu oder schaukelten einige Augenblicke vor und neben uns auf den Wellen . Mein Vater war unten in der Kajüte beschäftigt , die Mutter und wir auf dem Verdeck . Ich vergesse diesen Augenblick nie , in meinem ganzen Leben nicht : wie schon gesagt , wir dachten so lebhaft an unsere heimathliche Bucht , die namentlich Abends bei untergehender Sonne so prächtig glüht und glänzt - unser neues Vaterland wollte uns gar nicht gefallen . Die Mutter war traurig und bewegt , wie ich sie nie gesehen , sie hielt uns Beide in ihren Armen , sie drückte unsere Köpfchen an sich , und wenn sie sich zu uns herab beugte , um uns zu küssen , so fühlte ich deutlich , wie ihre heißen Thränen auf meine kalten Wangen fielen . Ich werde das nie vergessen . Bald wurden die Segel eingezogen , die Matrosen eilten auf ' s Verdeck , das Schiff legte bei und wir schwammen langsam in das Innere einer kleinen Bucht , die rings von drohenden Felsen umgeben war . Es war schon so dunkel , daß wir auch diese nur in schwarzen Umrissen an dem helleren Nachthimmel bemerken konnten . Am Ufer sahen wir ein paar Lichter , welche einsam durch die Nacht leuchteten . Die Brandung toste , der Wind sauste , es war ein recht unheimlicher Abend . Bald darauf kamen Boote heran ; wir wurden mit Vater und Mutter hinein gebracht , und in kurzer Zeit erreichten wir das Ufer . Dort standen Wagen bereit ; sie waren mit Reitern umgeben , die Fackeln trugen . Ein alter Mann - ich sehe sein widriges Gesicht heute noch vor mir - hielt eine solche , stand neben seinem Pferde und grüßte meinen Vater ehrerbietig . Wir stiegen ein und fort ging ' s im vollen Galopp , einen Berg hinauf , lange , lange über eine öde Haide . - Du findest wohl Schottland nicht so schön wie Italien , sagte mein Vater zur Mutter , die hinaus in das Dunkel starrte und ihre Hand auf die seinige gelegt hatte . - Ich weiß nicht , mein Herz friert , versetzte sie ; es ist aber ein zu häßlicher Abend ; auch die Kinder scheinen ängstlich . - Nur Geduld , entgegnete der Vater , morgen bei Sonnenlicht und an Ort und Stelle wird es euch schon gefallen . O Schottland ist berühmt wegen seiner prachtvollen Gegenden . Wir fuhren vielleicht zwei Stunden beständig sehr schnell durch die Nacht dahin ; endlich hielt der Wagen . Ein eisernes Thor knarrte und seufzte in seinen Riegeln ; wir fuhren hindurch , die Räder rollten sanft auf einem Sandwege . Wir befanden uns in einem großen und , wie es schien , sehr schön angelegten Parke . Gebüsche standen am Wege , und hohe Bäume , deren Zweige vom Wind hin und her gejagt wurden , hingen über unserm Wagen . Zuweilen öffnete sich auch die Aussicht auf Wiesengründe , und auf denselben sah man glänzende Linien und Punkte : kleine Bäche , Teiche und Seen . - « » Verzeihen Sie mir , bester Beil , « unterbrach hier der Baron lächelnd seine Erzählung , » daß ich etwas zu umständlich bin ; ich könnte Ihnen das alles mit wenigen Worten berichten , aber es ist so wichtig für mich , daß ich meinen Zuhörer in eine passende Stimmung bringe . « » Was Ihnen gelungen ist , « antwortete der Andere mit leiser Stimme ; » ich fühle mich bewegt und erwartungsvoll . « » Endlich hielt der Wagen , « fuhr der Baron ruhig fort , » wir standen vor einem großen Schlosse ; der alte Mann , den ich schon drunten am Ufer bemerkt , näherte sich meinem Vater und überreichte ihm ein Schreiben . Dieser riß den Umschlag ab , durchflog den Inhalt und rief aus : Ah ! das ist mir unangenehm . Darauf wandte er sich zu meiner Mutter und sagte : mein Vater , der uns hier empfangen wollte , wurde plötzlich unpäßlich und mußte in dem Städtchen C. , einige Meilen von hier , die Nacht zubringen . Er wünscht mich aber sogleich zu sprechen , und du wirst einsehen , daß es meine Pflicht ist , zu ihm hinzueilen . « » Das sah meine Mutter allerdings ein , bat aber schüchtern , ihn begleiten zu dürfen . Es sei ihr ängstlich hier allein in dem fremden Schlosse , setzte sie mit leiser Stimme hinzu . - Wo denkst du hin ? entgegnete der Vater . Es ist dunkel und nach C. ein schlechter Weg . Und dann , liebes Kind , was fabelst du von einem fremden Schlosse , es ist ja dein eigenes ; hier werden wir künftig wohnen . Morgen mit dem Frühesten bin ich wieder bei dir . Nach diesen Worten traten wir in das große Gebäude und wurden von zahlreicher Dienerschaft empfangen . Lakaien mit silbernen Leuchtern trugen mich und die Schwester die breiten Steintreppen hinauf , zwei Kammerfrauen küßten ehrerbietig den Saum des Mantels meiner Mutter und folgten ihr , welche , vom Vater geführt , vor uns ging . Die Gemächer oben waren wohl prächtig und schön , aber groß und ernst . Wände und Decke waren dunkel , mit Schnitzwerk bedeckt , und die Vergoldung an denselben blickte uns im Glanz der Lichter wie verstohlener Weise mit glühenden Augen an . Wir speisten zu Nacht , der Vater zeigte uns unsere Zimmer , dann drückte er , Abschied nehmend , die Mutter herzlich an sich , küßte mich und die Schwester und entfernte sich . Die Mutter sank auf einen Fauteuil nieder und nahm meine Schwester in ihre Arme . Ich schlich mich an das Fenster , schlüpfte hinter den schweren Vorhang , der es bedeckte , und blickte in die Nacht hinaus . Drunten im Hofe war es lebendig ; ich sah den Qualm der Fackeln , und zuweilen , wenn ihn ein Windstoß auf die Seite jagte , flackerten die dunkelrothen Flammen hoch empor und erleuchteten das finstere Schloß mit seinen vielen Fenstern . Der Vater stieg zu Pferde und gleich darauf sah man ihn wegreiten ; der alte Mann ihm zur Seite , die Reiter mit den Fackeln vor und hinter ihm . Ich weiß nicht , wie sie so dahin galoppirten durch die grünen Gebüsche über den geschlungenen Weg , jetzt verschwanden , so daß man nichts mehr sah als die überhängenden Zweige von der rothen Gluth der Fackeln angestrahlt , jetzt wieder zum Vorschein kamen , da schnürte eine unerklärliche Angst mein Herz zusammen . Sie sahen so unheimlich aus , die finstern Gestalten auf den dahinjagenden Pferden ; mir war gerade so , als entführten sie gewaltsam meinen Vater , als gehe er einem Unglück entgegen und wisse es selbst nicht . Ich wollte ihn zurückhalten , - er mußte gerade den Park verlassen haben ; man sah nur noch einen unbestimmten Schein zwischen den Bäumen , der aber plötzlich erlosch . Ich klopfte an die Scheiben , ich wollte das schwere Fenster öffnen , indem ich ausrief : Vater ! Vater ! reite nicht hinweg , verlasse uns nicht , o du kommst nicht zu uns zurück ! « » Bei diesen letzten Worten war der Baron , von der Erinnerung überwältigt , empor gesprungen , streckte die Hände von sich ab und hatte die Augen starr und weit geöffnet . - Ah ! sagte er nach einer Pause , während welcher sich seine Züge wieder belebt hatten , ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen , zu lebhaft zu denken . Ich bin ein schlechter Erzähler . Jetzt will ich mich aber zusammen nehmen . Es war das für uns alle Drei ein trauriger Abend . Die Mutter saß in ihrem Lehnstuhle , hielt uns Beide in den Armen und starrte nachdenkend vor sich hin , fuhr aber bei dem geringsten Geräusch , das sich im Schlosse hören ließ , erschreckt in die Höhe und drückte uns ängstlich an sich , als wolle sie uns vor irgend einer Gefahr beschützen . Endlich gingen wir zur Ruhe , - wir schliefen in zwei Zimmern neben einander , ich und meine Schwester in dem einen , die Mutter in dem anstoßenden ; die Thüre blieb natürlicherweise offen . Ich weiß nicht , um welche Stunde es war , als ich erwachte ; ich glaubte Stimmen im Nebenzimmer zu vernehmen , und als ich mich in meinem Bette aufrichtete , hörte ich wohl , daß ich mich nicht getäuscht hatte . Der Morgen dämmerte , aber da es spät im Herbst war , drang auch nur ein schwaches , trübes Licht durch die zugezogenen Fenstervorhänge . Ich blickte nach meiner Schwester , die ebenfalls aufrecht in ihrem Bette saß . - Was ist das ? fragte ich sie . - Ich weiß nicht , gab sie mir zur Antwort . Die Mutter weint und bittet . - Ich will zu ihr ! rief ich aus ; ich will ihr helfen . - O ich war damals ein energisches Kind ; Furcht kannte ich nicht . - Die Thüren haben sie zugeschlossen , sagte meine Schwester . Und so war es in der That . Ich glitt von meinem Lager herab , um sie wieder zu öffnen ; doch kaum hatte ich mich auf einige Schritte dem Nebenzimmer genähert , als eine starke Hand meinen Arm faßte . Ich zuckte zusammen , blickte empor und sah neben mir jenen alten Mann mit den finstern , unangenehmen Zügen , der uns am Ufer der See empfangen hatte und später mit meinem Vater fortgeritten war . - Was willst du ? fragte er mit strenger Stimme . - Ich will zu meiner Mutter , sagte ich ihm ; hörst du nicht , daß sie weint ? Wer hat es gewagt , ihr etwas zu Leide zu thun ? - Gewagt ! lachte er höhnisch ; geh ' in dein Bett , Knabe , und bekümmere dich nicht um Sachen , die dich nichts angehen . Damit ließ mich seine Hand los und stieß mich mit der Faust an die Schulter , daß ich ein paar Schritte in das Zimmer hinein taumelte und gefallen wäre , wenn ich mich nicht an meinem Bette gehalten hätte . - Ich war gestoßen worden , zum ersten Male in meinem Leben und von der Hand eines Dieners ; ich ballte meine Fäuste , ich biß meine Lippen blutig ; was sollte ich machen ? Das da war ein starker , wohl bewaffneter Mann , ich ein kleiner , fast unbekleideter Knabe ; ich zitterte vor Zorn und Kälte , setzte mich auf mein Bett und strengte Ohren und Augen an , um zu sehen und zu hören . - Ja , es war die Stimme meiner Mutter , die ich nun im Nebenzimmer wieder vernahm ; sie bat , sie weinte , sie rief nach uns ; - so gebt mir wenigstens meine Kinder ! sprach sie ; ich will ja weiter nichts , o Gott ! o Gott ! nur meine Kinder , meine armen kleinen Kinder ! - Ich weinte mit ihr und rief so laut ich konnte : Mutter ! Mutter ! hier sind wir , laß uns nicht allein ! - Der alte Mann , der an ' s Fenster getreten war , er , der mich gestoßen , streckte mir drohend die Faust entgegen und sagte hohnlachend : schrei nur , kleine Schlange ; man wird dich dafür züchtigen . Im Nebenzimmer war es stille geworden ; der Mann wandte sich gegen die Scheiben und öffnete einen Flügel des Fensters . Unten im Hofe rollten Räder auf dem Sande , Fußtritte erschallten auf der Freitreppe vor dem Hause , und ich glaubte die Seufzer meiner Mutter zu vernehmen . Mit weit aufgerissenen Augen blickte ich um mich her , ich suchte eine Waffe ; ich wollte Mutter und Schwester , ich wollte mich vertheidigen . Ah ! neben meinem Bette befand sich eine Trophäe von Dolchen und Messern aller Art ; er hatte mich gestoßen , er hatte mich eine Schlange genannt , ich wollte es sein , - ich wollte ihn stechen . Ich kroch auf mein Lager zurück , ich faßte nach einer der Waffen - es war ein schuhlanges Messer , zweischneidig , oben breit , unten spitz , das mir am nächsten hing , es ging leicht aus der Scheide , ich hielt es in meiner Hand , und verbarg es hinter dem Rücken . - Ah ! da vernahm ich abermals die Stimme meiner Mutter ; in herzzerreißendem Tone rief sie vom Hofe zu den Fenstern hinauf : Meine Kinder ! laßt mir meine Kinder ! Der alte Mann beugte sich hinaus und rief hinab : Nur fort ! Nur fort ! werft sie in den Wagen und macht , daß ihr von dannen kommt . - Darauf hörte ich noch einen einzigen Schrei drunten , aber einen Schrei , dessen gräßlichen Ton ich nie vergessen werde . Man hörte den Wagen schließen , Peitschen knallen , dann knirrschten die Räder auf dem Sande . - Ich faßte das Messer fest in die Rechte , er am Fenster verschloß die Scheiben wieder und trat in das Zimmer zurück . Jetzt zu dir , Bürschlein , sagte er , und ging direkt auf mein Lager zu . In dem Augenblick war ich kein Kind mehr , ich fühlte nichts Menschliches in mir , ich war ein reißendes Thier , eine Schlange , eine wilde Katze . - Komm nur ! rief ich ihm entgegen , ich bin keine wehrlose Frau ; komm nur , ich will mich vertheidigen . Damit sprang ich in die Höhe , so daß ich auf meinem Bette stand . Die rechte Hand mit dem Messer hielt ich hinter meinem Rücken verborgen ; er ahnete davon nichts , sondern sprach lachend : die Peitsche wird dich geschmeidig machen . - - Das waren auf dieser Welt seine letzten Worte ; er war mir ganz nah , ich streckte plötzlich meine rechte Hand vor , und klug berechnend , daß mir zu einem Stoße die nöthige Kraft fehle , hielt ich den Arm steif und warf mich vom Bette herab ihm entgegen . Die Wucht meines kleinen aber doch schon schweren Körpers trieb ihm das zweischneidige Messer in die Brust , - ja in die Brust , und zwar tief hinein bis an ' s Heft . « » Gott , im Himmel ! « rief Herr Beil entsetzt , » das war ja ein Mord . « Der Baron hatte das Letzte mit steigender Heftigkeit erzählt ; sein Arm zuckte , seine Augen flammten , er warf sich mit dem Oberkörper vorwärts wie damals , als er jenen Stoß gethan ; dann flogen seine Finger weit aus einander , als lasse er das Heft des zweischneidigen Messers fahren ; doch versuchte er hierauf zu lächeln , strich sich mit der Hand über das Gesicht und sagte nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich wieder vollkommen gesammelt : » Eigentlich war es kein Mord , es war eine Nothwehr ; auch rächte ich meine Mutter . - Ich versichere Sie , bester Beil , eine höhere Macht hatte die Hand des Knaben gelenkt ; jener alte Mann war der Vertraute und schlechte Rathgeber des Lord K. , er hatte zu allem Dem beigetragen , was gegen die Mutter und uns unternommen wurde . « - Hier schwieg der Erzähler , ein finsteres Lächeln flog über seine Züge , während er die Glieder seiner goldenen Uhrkette langsam durch die Finger gleiten ließ . Vierundsechzigstes Kapitel . Ein wildes Leben . » Ah ! « fuhr nach einer Weile der Baron fort , » es ist ein eigenthümliches Gefühl , eines Menschen Blut zu vergießen . Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen ? « » Gott soll mich in Gnaden bewahren ! « erwiderte entsetzt der Andere . » Und wollten sich doch das Leben nehmen ! - Sehen Sie , wie vernünftig das Gespenst für Sie dachte . « » Meines Nächsten Blut ! Mich schaudert ' s , wenn ich daran denke . « » Ja , ja , « erwiderte nachsinnend der Baron , » den Nächsten trifft es meistens , denn bis weithin reicht die Schneide eines Dolches nicht . - Aber keine Wortklaubereien ; - in einem ähnlichen Falle wie dem eben erzählten kann man in späteren Jahren Alles vergessen , den Anblick dessen , der von unserer Hand fiel , sein Blut , das wir sahen ; nur etwas nicht , das ist das schreckliche Gefühl des Eindringens der Waffe . Ah ! das ist unvergeßlich ! « » Nun , es muß Sie trösten , « meinte gutmüthig Herr Beil , » daß Sie damals eigentlich noch unzurechnungsfähig waren - ein Kind . « » O sagen Sie das nicht , ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren , und war nachher so bedacht und entschlossen , daß man mir jetzt die Mutter nicht mehr geraubt hätte . - Doch das war vorbei . - Genug also , er fiel nieder , ich ließ natürlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett zurück . Die Thüren wurden hastig geöffnet , die Dienerschaft lief zusammen , ich hoffte immer , mein Vater werde auch erscheinen . Aber statt seiner erschien ein ältlicher Herr , mühsam am Stocke gehend , - mein Großvater ; ich sah das an der Ähnlichkeit mit meinem Vater , ich habe sein Bild nie vergessen . - Das da hat gute Geschichten gemacht , rief er