Gegenpol und die Kehrseite der Tiefe und Kraft , mit welcher er das Leben zu empfinden fähig wurde in diesem Hause , und nur wer den heißen Sonnenschein , die leuchtende Trockenheit des Glückes recht voll und anhaltend zu ertragen berufen ist , wird solcher Schwäche teilhaftig , wenn die Sonne sich verhüllt . So saß er eine gute halbe Stunde , und es war ihm so elend zu Mute wie noch gar nie in seinem Leben . Denn alles ging ihm durch den Sinn , was er wollte und hoffte , und formte sich sämtlich in das Bild des einzigen Dortchens , dem zu Ehren und zu Lieb er allein alles tun und erleben mochte , was ihm irgend beschieden war . Die Sakristei war der älteste Teil der ziemlich ansehnlichen Kirche und bestand aus einer uralten Kapelle , die zuerst auf diesem Platze gestanden . Es war ein dunkles romanisches Gewölbe , dessen Fenster zum großen Teil vermauert waren , und man hatte hier viele Gegenstände hingebracht und aufgestapelt , welche im Laufe der Zeit den Raum in der eigentlichen Kirche beengt . Vorzüglich aber ragte ein großes Grabmal hervor von schwarzem Marmor , auf welchem , aus dem gleichen Stein gehauen , ein langer Ritter ausgestreckt lag , die Hände auf der Brust gefaltet . An seiner linken Seite , auf dem Kranze des Sarkophags , stand eine verschlossene Büchse von Erz , reich gearbeitet und mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt . Sie enthielt das vertrocknete Herz des Ritters , und sein Wappen war auf ihr eingegraben . Die Büchse und die feine Kette waren gänzlich oxydiert und schillerten schön grün im Zwielicht der Sakristei . Das Grabmal aber gehörte , laut den Hausberichten , einem französischen Ritter an , welcher von wilder und heftiger , aber ehrlicher und verliebter Natur gewesen und dessen Herz , als er vor allerhand Unstern und Frauenmißhandlung flüchtig herumzog , in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war . Dies war zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts geschehen , und seine Familie hatte hier , wo er in den letzten Tagen gepflegt worden , das Grabmal errichten lassen . Dasselbe vor Augen , saß Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften , als er hörte , daß wieder Leute in die Kirche traten . Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein , und bald unterschied er Dortchens und Apollönchens Stimme , die miteinander leise sprachen . Sie schienen diesmal nicht zu lachen , sondern angelegentlich etwas zu beraten . Doch bald war ihnen der Ernst zu lang , und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht , indem Dortchen rief » Komm , wir wollen den verliebten Ritter besehen ! « Sie stellten sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht . » O Gott ! ich fürchte mich ! « flüsterte Apollönchen , » wir wollen hinausgehen ! « - » Warum denn , Närrchen ? « sagte Dortchen laut , » der tut niemand was zuleid ! Sieh , wie es ein guter Kerl ist ! « Sie nahm das erzene Gefäß in die Hand und wog es bedächtig ; aber plötzlich schüttelte sie es , so stark sie konnte , auf und nieder , daß das arme tote Herz darin zu hören war und die Kette dazu erklang . Sie atmete heftig , war rot wie eine Rose im Gesicht , und ihr schöner Mund lachte und zeigte die weißen Zähne . » Sieh die Klappernuß ! höre die Klappernuß ! « rief sie , » da ! klappre auch einmal ! « Sie drückte dem zitternden Apollönchen die Herzbüchse in die Hände ; aber dieses schrie ängstlich auf , ließ die Büchse fallen , und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals damit . Heinrich , von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten , sah ganz erstaunt zu . Wart , du Teufel ! dachte er , dich will ich schön erschrecken ! Er wischte sich die Augen trocken , stieß einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger Zitterstimme , welche er gar nicht zu verstellen brauchte , und in altem Französisch » Dame , s ' il vous plaist , laissez cestuy cueur en repos ! « Erbleichend und mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Sakristei und Kirche wie besessen , und zwar Dortchen voraus , welche mit einem elastischen Satz über Schwelle und Stufen der Kirchentür hinaussprang , schneebleich , aber immer noch lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte , bis sie eine Gartenbank fand , auf welche sie sich warf . Bebend lief das erschreckte Apollönchen hinter ihr drein und flüchtete sich an ihre Seite , sich kaum fassend . Dortchen , deren Gesicht fast so weiß war wie die Zähne , atmete hoch auf , lehnte sich zurück und hielt die Hände um die Knie geschlungen . » O Gott , es hat gespukt ! das ist mein Tod ! « rief Apollönchen , und Dortchen sagte : » Jawohl , es spukt , es spukt ! « und lachte wie eine Tolle . » Du Gottlose , fürchtest du dich nicht ein bißchen ? Klopft dein Herz nicht zehnmal stärker , als du das Herz da drin gerüttelt hast ? « - » Mein Herz ? « erwiderte Dortchen , » ich sage dir , es ist guter Dinge ! « - » Was hat es denn gerufen « , sagte Apollönchen und hielt sich beide Hände an die eigene pochende Herzseite , » was hat das französische Gespenst gesagt ? « - » Fräulein ! hat es gesagt , wenn es Euch gefällt , so macht dies Herz zu Eurem Nadelkissen ! Geh wieder hin und sag , wir wollten uns bedenken , ob es uns gefiele ! « Eine Stunde später war Dortchen allein auf ihrem Zimmer , das sie abgeschlossen hatte , und war eifrig damit beschäftigt , ein Körbchen mit Naschwerk zurechtzumachen für den Nachtisch . Sie hatte nämlich die Gewohnheit , immer ein solches Körbchen unter ihrem Verschluß zu halten , das mit feinem Zuckerwerk angefüllt war und das sie in buntes Papier wickelte , nachdem sie eine selbstgeschriebene Devise dazugelegt . Hiezu verwendete sie schöne und graziöse Verse aus allen Sprachen und alten und neuen Dichtern , am liebsten kleine gute Sinngedichte , welche geeignet waren , angenehme und witzige Vorstellungen zu erregen und eine heitere Fröhlichkeit zu verbreiten . Auch trieb sie allerhand Schwank damit , indem sie oft zwei verschiedene Zeilen aus verschiedenen Dichtern zu einem Distichon zusammenfügte , so daß man glaubte , Bekanntes zu lesen , und doch nicht klug daraus wurde , indessen die neue zierliche Wendung , der entgegengesetzte Sinn , welchen das Unbekannt-Bekannte abgab , ergötzte und vielfältig in die Irre führte . Dortchen wickelte jetzt rasch und nachdenklich den ganzen Vorrat auf , warf die alten Zettelchen beiseite und schrieb auf neue Streifchen feinen Papieres zwanzig- oder dreißigmal dasselbe Sinngedicht eines alten schlesischen Poeten . Dann wickelte sie diese Zettel mit dem Zuckerwerke wieder ein , wozu sie neues , nur weißes Papier nahm , schloß ihre Türe wieder auf und trug ihr Körbchen nach dem hübschen Schränkchen , das sie im Familienzimmer ebenfalls unter ihrem Verschluß hatte . Heinrich hatte unterdessen endlich ausgetobt , die Schluchzerei , deren er sich schämte , und der Scherz hatten ihn erleichtert und ruhiger gemacht , und er nahm sich nun zum allerletzten Mal bestimmt vor , Dortchen gut zu sein , ohne an etwas Weiteres zu denken noch sich zu bekümmern , und seine Gedanken nach anderen Dingen und nach seiner Zukunft zu richten . Desnahen war er ziemlich zufrieden am Abendtisch , und weil er , als der Abreisende , der Gegenstand des Gespräches war , seine Zukunft mit Wohlwollen besprochen wurde und außerdem der Graf , als sich von selbst verstehend , erklärte , abermals mit ihm zu reisen nach der Hauptstadt , da Heinrich das nicht gehofft hatte , so befand er sich zuletzt so glücklich und lustig wie je und lachte Dortchen freundschaftlich an , als sie endlich mit ihrem Körbchen zu ihm trat . » Heut bekommen Sie zum letzten Mal ein Bonbon von mir ! « sagte sie , » suchen Sie sich ein recht gutes aus ! « Heinrich suchte unbefangen einige Sekunden lang und nahm doch das erste beste , was ihm in die Hände kam , da er es vorzog , die Spenderin inzwischen anzusehen , da dies auch ein letztes Bonbon war . Als er das Ergriffene aufmachte und den Zettel las , errötete er und vermochte nicht denselben laut zu lesen , denn es stand darauf : Hoffnung hintergehet zwar , Aber nur , was wankelmütig ; Hoffnung zeigt sich immerdar Treugesinnten Herzen gütig ; Hoffnung senket ihren Grund In das Herz , nicht in den Mund ! Der Pfarrer nahm das Papier und las das Gedicht . » Allerliebst ! « rief er , » sehr hübsch ! Sie haben eine allerliebste Devise zum Abschied bekommen . Lassen Sie sehen , Fräulein Dortchen ! was ich zum Dableiben erhalten werde ! « Er griff begierig nach dem Körbchen , denn es juckte ihn auf der Zunge , etwas Süßes darauf zu legen . Dortchen zog aber das Körbchen weg und sagte : » Nächsten Sonntag bekommen Sie was zum Dableiben , Herr Pfarrer ! Heute bekommt nur der , welcher geht ! « Heinrich sah sie verwirrt und zweifelhaft an , die aufregenden Verse im Herzen ; aber mit der unergründlichen Halbheit der Weiber stand sie da und verzog keine Miene . Rasch verschloß sie den Korb wieder in den Schrank , und der arme Heinrich hatte keine Vermutung , daß in allen dreißig Bonbons die gleichen Worte standen . Vierzehntes Kapitel Der Wagen stand in aller Frühe bepackt und bereit ; Dortchen begleitete die Abreisenden bis an denselben , umgeben von den übrigen Leuten , so wie auch Apollönchen und der alte Gärtner herbeikamen . Heinrich gab den zutraulichen Dienstleuten allen die Hand und zuletzt auch der Dorothea , welche ihm freundlich die ihrige gab und nun sagte » Adieu , Herr Lee ! « Von Wiedersehen oder dergleichen sagte sie gar nichts ; ebensowenig als Heinrich , und so fuhren der Graf und er rasch von dannen . Die Bilder kamen in zwei Tagen nach und waren bald zur öffentlichen Ausstellung hergerichtet . Der Graf beschäftigte sich so munter mit der Sache , als ob er selbst der Künstler wäre , und hatte die größte Freude daran , überall dabeizusein und seinen Schützling zu bevormunden . Wie er es gewünscht , so kam es auch , als die Bilder endlich in dem Saale hingen , wo die Künstler und die wohlhabenden Liebhaber ab-und zugingen . Sie sprangen ziemlich anspruchsvoll in die Augen , hielten aber die erregte Aufmerksamkeit tapfer aus ; alte Bekannte wunderten sich über das plötzliche Auftauchen des verschollenen Heinrich und drückten ihm mit Achtung und aufrichtigen Glückwünschen die Hand ; der Graf unterließ nicht , vornehm aussehende Herren und Damen vor die Bilder zu führen , so daß sich der Beifall herumsprach und immer ein Trüppchen elegantes Publikum davorstand , kurz , Heinrich konnte nun doch noch mit Ehren und mit leichtem Sinne von dem Handwerk scheiden , und dieser Abschied erhielt dadurch einen vollern und schwerern Gehalt . Als Heinrich endlich bei den Aufsehern der Säle den Preis der Bilder angeben wollte , drängte sich der Graf dazwischen und schrieb den betreffenden Zettel selbst auf . Aber er schrieb eine so ausgiebige Summe hin , daß Heinrich laut auflachte und rief » Da werden wir lange warten können , bis wir die Fahnen an den Mann bringen ! « - » Das werden wir schon sehen « , erwiderte der Graf , » nur nicht blöde , mein Freund ! « Und in der Tat wurden die Bilder in einigen Tagen gekauft , aber vom Grafen selbst , ohne daß Heinrich es wußte ; denn er ließ den Kauf unter fremdem Namen vor sich gehen und abschließen , und zwar nicht um Heinrich eine Art Geschenk aufzudrängen , sondern weil er die zwei Landschaften , welche er veranlaßt und entstehen gesehen , selber besitzen wollte und schon ihren Platz in seinem Hause angeordnet hatte . Nun hätte Heinrich endlich ohne Hindernis nach seiner Heimat und zu seiner Mutter eilen können ; allein wie er sich dazu anschickte , begegneten ihm noch zwei Abenteuer , die ihn ganz verschieden betrafen . Ein alter Bekannter aus der Zeit , da Heinrich mit Ferdinand Lys und Erikson umgegangen , welcher von seinem Wiederauftauchen gehört , suchte ihn auf und gab ihm einen Brief des Ferdinand , welcher schon vor Monaten aus Palermo gekommen war für Heinrich und von Hand zu Hand ging , ohne bestellt werden zu können . Zugleich teilte er ihm mit , daß neueren Nachrichten zufolge der Schreiber des Briefes seither gestorben sei , ohne jedoch etwas Näheres von den Verhältnissen zu wissen . Heinrich erschrak und ahnte Schlimmes ! Er ließ daher den Überbringer erst fortgehen , ehe er den Brief öffnete ; dann aber tat er ihn auf und las : » Lieber Heinrich ! Nachdem ich mich die Jahre her leidlich herumgeschleppt , muß ich nächstens nun endlich doch noch sterben an dem Stich , den Du mir so tapfer versetzt . Ich tue Dir dies selbst noch kund , um Dir zugleich zu sagen , daß Du mir zwar ein freundliches Andenken bewahren , aber die Sache Dich nicht etwa zu sehr angreifen lassen mögest . Es wäre mir eine Bitterkeit , zu denken , daß Du nur einen Tag lang deswegen unglücklich werden dürftest ; denn was geschehen ist , ist sowohl meine Schuld wie Deine , und da ich zufrieden und glücklich sterbe und mit mir im reinen bin , so ist weiter gar nichts zu sagen als noch einmal ich hoffe , Du werdest so klug sein und Dich meinen Tod nicht anfechten lassen ! Ich habe seither viel an Dich gedacht und bin ein förmlicher Philosoph geworden ! Nach meiner Berechnung , die ich angestellt , mußt Du jetzt aus der Torheit auch heraus sein , wozu ich Dir Glück wünsche ! Lebe wohl , liebe die Welt , sie ist schön , und denke nur mit vollkommen ruhigem Sinn an Deinen treuen Freund ! Der lange Erikson ist schon zweimal hier bei mir gewesen . Er hat einen großen Schacher und Handel angelegt und fährt auf einem eigenen Dampfschiffe , das er selber steuert , in der halben Welt herum , und seine Frau geht ihm nicht von der Seite . Wenn dieser Brief Dich trifft , so schreibe mir , wie es Dir ergeht ! Trifft er Dich nicht , so ist es auch gut , denn alsdann bleibt Dir hoffentlich die ganze Affäre unbekannt ! « Heinrich gab den Brief dem Grafen , ohne etwas zu sagen . Der Graf las ihn und beobachtete Heinrich aufmerksam während einer Stunde , ohne daß sie etwas über die Sache sprachen . Endlich aber sagte der Graf » Nun , wie ist Ihnen zu Mut ? Wie nehmen Sie diesen Brief auf ? « Ohne Verzug erwiderte Heinrich » Ganz wie er geschrieben ist ! Ich würde ihm ebenso geschrieben haben , wenn Ferdinand mich getötet hätte ! Übrigens vermute ich , daß bei dieser Gelegenheit der letzte Rest von Willkürlichkeit und Narrheit aus mir schwindet . « Noch am gleichen Tage wurde er durch eine gerichtliche Behörde , die schon lange nach ihm gefahndet , ausfindig gemacht und hinbeschieden . Als er dort war und sich als rechtmäßiges Ich ausgewiesen hatte , ward ihm eröffnet , wie jenes tote Trödelmännchen ihn zu seinem Erben eingesetzt habe . Verwundert hörte Heinrich die Vorlesung des Testamentes an , nach welchem der fahrende Kram des Verstorbenen gerichtlich verkauft und erst dann dem eingesetzten Erben der letzte Wille bekanntgemacht und die vorhandene Barschaft eingehändigt werden mußte . Man hatte aber in einem alten silbernen Becher von mächtiger Größe , der mit einem Deckel versehen war , einen ganzen Schatz in Gold und öffentlichen Papieren vorgefunden , was ein ordentliches bürgerliches Vermögen ausmachte und kein Mensch hinter dem Alten gesucht hätte . Dieser sonderbare Becher stand jetzt auf dem grünen Tische des Gerichtszimmers , wurde umgestürzt und der Inhalt dem Erben vorgezählt . Außerdem händigte man ihm einen Brief des Verstorbenen ein , welcher , mit kaum leserlicher Schrift auf grobes Papier geschrieben , folgendermaßen lautete : » Du hast mich böslich verlassen , mein Söhnchen , und bist nie wieder zu mir gekommen , doch kenn ich Dich wohl und vermache Dir mein bißchen Erspartes , weil ich keine Blutsverwandten habe . Hoffentlich wirst Du dasselbige richtig erhalten ; es soll das Löhnchen sein für die Fahnenstecken , so Du angemalet ; denn dazumal , wie ich Dich bei dieser Arbeit sahe , habe ich es mir vorgenommen , und wünsche ich somit , daß es nicht zu spät komme , um Dir einen Beitrag und Anlaß zu geben , wie Du Dich im kleinen als einen treulichen Verwalter gezeigt hast , es auch in beträchtlicheren Dingen zu sein ; Du kannst es wohl , wenn Du es willst und nicht eigensinnig bist . Das Geldchen ist nicht ohne alle Schlauheit , aber jedennoch auf ganz ehrlichem Wege erworben , und ist niemand Unrecht geschehen , so daß Du den Segen mit Anstand verwenden magst , wie Dir gutdünkt . Für den Fall , daß Du die Künstlerei etwa verabschiedet hättest , habe ich verordnet , daß mein Trödel verkauft wird , damit Du Deine alten Sachen nicht wieder zu Gesicht bekommst . Dies bedünkte mich nämlich zweckmäßig und gut , und hiemit bin ich nun froh , mein Erspartes , was mir viel Spaß machte , da die Leute so verschlafen und spaßhaft sind , noch an den Mann gebracht zu haben , und wenn ich hiedurch mir das freundschaftliche Gedächtnis eines braven und geschickten Menschen erkauft habe , der Gott weiß in welcher Himmelsgegend lustig in die zukünftige Zeit hineinlebet , so habe ich noch ein gutes Geschäft gemacht und meinen Nutzen erreicht , und hiemit lebe wohl , mein Männchen . « Nachdem den gerichtlichen Anstalten Genüge geschehen , zog Heinrich ab mit seinem Brief und Becher ; in den Gängen des weitläufigen Gerichtshauses , wo eine Menge bekümmerter oder erboster Streitführender auf- und niederging oder auf Bänken saß , Verklagte und Ankläger , Schuldner und Gläubiger , stellte er einen armen Kerl an , der sich melancholisch da umhertrieb , und gab ihm den schweren Becher zu tragen . Wie er durch die belebte Stadt vor dem Träger hereilte und oft durch mehrere Menschen von ihm getrennt war , lüftete dieser neugierig den Deckel und guckte , was darinnen wäre . Als er das Gold sah , beschloß er , mit dem Schatz zu entwischen , da seine armen verhungerten Gedanken nicht weiter gingen als die eines Hundes , der einen Braten sieht . Er wollte nur warten , bis Heinrich ein- oder zweimal sich nach ihm umgesehen , wo er dann ein vergnügtes und biederes Gesicht machen wollte , rüstig einherschreitend , jedoch unmittelbar noch dem zweiten oder dritten Umsehen wollte er auf die Seite springen und sich im Wirrsal verlieren , da er dann auf mehrere Minuten sicher war . Da sich aber Heinrich gar nicht nach ihm umsah und er immer darauf wartete , so wurde er an seiner Tat seltsam verhindert , immer nach dem Vorgänger hinstarrend , und er geriet in einen wunderlichen Bann , daß er nichts unternehmen konnte und der Weg zurückgelegt war , eh er das mindeste ausgerichtet ; denn plötzlich blieb Heinrich unter der Tür des Gasthofes stehen , wandte sich um und nahm ihm den Becher ab , indem er ihm eine Goldmünze aus demselben gab . » Nun hab ich ja Geld wie ein Kornhändler ! « sagte Heinrich zu dem Grafen , der seiner harrte , setzte den Sparbecher des Alten vor ihn auf den Tisch , erzählte ihm die Geschichte und zeigte ihm auch den Brief . » Seh einer an ! « sagte der Graf , » ich hielt die alte Zipfelkappe immer für einen Kauz ; daß er aber solche Ideen hinter den Ohren hätte , sah ich ihm doch nicht an ! « » Es ist aber doch eine sonderbare Sache « , erwiderte Heinrich , » ein solches gefundenes Gut zu haben und zu tun , als ob es einem von Rechts und Verdienstes wegen gehörte ! « » Gefunden ! « sagte der Graf , » wie kommen Sie nur dazu , sich wieder so zu zieren ? Sie sind ein wesentlicher Mensch , und aus Ihrem Wesen heraus haben Sie die Stängelchen bemalt oder die Spirallinie gezogen , wie Sie sich ausdrücken . Hundert andere hätten gerade das nicht getan und nicht auf die Art getan wie Sie , und dies hat der Alte sehr richtig bemerkt , so daß Ihr eigenes Wesen das Glück , wie wir es immerhin nennen wollen , anzog und bezwang . Glück aber ist nicht unanständig , Glück braucht jeder Geschäftsmann , auch der , welcher sein gutes Menschenwesen in den Verkehr setzt ! Aber nun machen Sie , daß Sie fortkommen , sonst fangen Sie mir wieder an zu spintisieren und sich zu zieren ! Diesen Becher , der ein altes tüchtiges Stück Gerät ist , geben Sie mir mit zum Andenken ! Vorher aber wollen wir einen guten Abschied daraus trinken und auch den Alten leben lassen ! « Sie ließen ein paar Flaschen starken Weines kommen ; Heinrich warf den Inhalt des Gefäßes heraus und schwenkte das Gefäß aus , der Graf trocknete es mit frohem Sinn und einem frischen Handtuch sorgfältig ab , und nun gossen sie die erste Flasche in den Becher und tranken denselben zum Andenken an den toten Alten . Beim zweiten Becher aber sagte der Graf » Nun wollen wir auch Brüderschaft trinken und uns fortan mit du anreden , denn wir wollen uns getreu bleiben und gute Freunde sein ! « Heinrich wurde ganz rot und sah tief in den Becher hinein , ohne es zu wagen , das edle Anerbieten seines Freundes anzunehmen noch auch es abzulehnen , da zum ersten Mal ein viel älterer und ganzer Mann , dessen Haare schon ergrauten , ihm solches anbot . Endlich aber gewann er durch den Wert , welcher durch des Mannes Vertrauen und Freundschaft in ihn gelegt wurde , einen guten Mut , und er gab dem Grafen die Hand und sah ihn an ; doch erst nach einem Weilchen des gleichmütigen und ruhigen Gespräches brachte er auch endlich das Du über die Lippen , so gleichsam im Vorbeigehen brachte er es bescheiden , doch tapfer an , daß der Graf lächelte und ihn beim Kopf kriegte . Der ältere Freund reiste noch am selben Tage auf sein Gut zurück , und der jüngere machte sich endlich am nächsten Morgen auf den Heimweg . Es widerstrebte ihm , den alten graden Weg , den er unter wechselndem Geschick schon so oft zur Hälfte zurückgelegt , abermals anzutreten , und reiste daher in einem Bogen durch Süddeutschland auf die Stadt Basel zu . Er war nun gerade sieben Jahre abwesend ; dies dünkte ihn , so schnell sie auch vorübergeschwunden , jetzt eine Ewigkeit , da ihm mit einem Male , als er sich dem Vaterlande nähern sollte , alles schwer aufs Herz fiel , was sich in demselben begeben , ohne daß er den allerkleinsten Teil daran hatte . Noch schwerer fiel ihm die Mutter aufs Gewissen , die er nun endlich wiedersehen sollte , und in die Freude und Hoffnung über das Wiedersehen mischte sich eine seltsame Beklemmung und Furcht , wenn er sich die Veränderung dachte , welche mit ihrem äußern Aussehen vorgegangen sein mußte , und er fühlte die Flucht und das Gewicht dieser sieben Jahre tief mit für die alternde Mutter . Seit seine erste Heimreise so romantisch unterbrochen worden und er in dem Hause des Gastfreundes gelebt , hatte er erst das Schreiben an sie immer aufgeschoben , weil er dachte , so bald als möglich selbst hinzukommen und mit seiner wohlhergestellten Person Ende gut , alles gut zu spielen . Dann , als er in die Liebeskrankheit verfiel , vergaß er sie zeitweise ganz , und wenn er an sie dachte , wäre es ihm nicht möglich gewesen , auch nur eine Zeile zu schreiben , sowenig als etwas anderes zu beginnen , und am wenigsten hätte er gewußt , in welchem Tone er an die Mutter schreiben sollte , ohne sie zu täuschen , da er selbst nicht wußte , ob er den Tod oder das Leben im Herzen trage . Er ließ daher die Dinge gehen , wie sie gingen , vertraute auf die gute Natur der Mutter und setzte ihre Ruhe mit seiner Ruhe auf die gleiche Karte . Jetzt aber befiel ihn , der noch vor kurzem einen so großen Respekt und eine gewisse Furcht vor dem jungen schönen Weibe gehegt , das er liebte , jetzt befiel ihn dieses Gefühl , wie eine Art Scheu , in verdoppeltem Maße vor der alten schwachen , lange nicht gesehenen Mutter , und es war ihm zu Mute , wie wenn er einer strengen Richterin entgegenginge , die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung zöge . Zugleich bemerkte er , sobald er einen Tag lang wieder ganz allein gewesen , daß unversehens der heillose Druck von Dortchens Bild , der , solange er mit dem Grafen noch fröhlich beisammen war , sich nicht hatte verspüren lassen , wieder in seiner Brust saß , und er mußte nun fürchten , daß dies nie wieder wegginge , ohne daß er etwas dazu tun konnte . Und zwar war es nun diesmal so , da er sonst ganz gefaßt und ruhig war , daß es ihm das Herz zusammenschnürte , ohne daß er besonders an sie dachte , und wenn er ganz beschäftigt mit anderen Dingen war , so wartete der verborgene Herzdrücker und harrte freundschaftlich aus , bis Heinrich sich an die Ursache erinnerte und über sie seufzte . Um dieser Dinge willen war er froh , einen mäßigen Umweg zu machen , um sich nur erst ein wenig zurechtzufinden , da ihm nun das Wiedersehen der Mutter wichtiger war , als wenn er vor eine Königin hätte treten müssen , und er doch mit Ruhe und Unbefangenheit ankommen wollte . So gelangte er an einem schönen Junimorgen in die alte schöne Stadt Basel und sah den Rhein wieder fließen , vorüber an dem alten Münster . Schon alle Straßen , die nach der Stadt führten , waren mit Tausenden von Fuhrwerken und Wagen bedeckt , welche eine unzählige Menschenmenge aus allen Gauen sowie aus dem Französischen und Deutschen nach Basel trugen ; die Stadt selbst aber war ganz mit Grün bedeckt und mit rot und weißen Tüchern , Flaggen und Fahnen , die von allen Türmen wehten . Denn es wurde heute die vierhundertjährige Jubelfeier der Schlacht bei St. Jakob an der Birs begangen , wo tausend Eidgenossen zehntausend Feinde totschlugen und deren vierzigtausend von den Landesgrenzen abhielten durch den eigenen Opfertod , während im Schoße des Vaterlandes der Bürgerkrieg wütete . Am gleichen Tage ward auch das große eidgenössische Schützenfest eröffnet , welches alle zwei Jahre wiederkehrt und dazumal in Basel den höchsten bisherigen Glanz und Gehalt erreichte , da es gegenüber der alten kraftlosen Tagsatzung das politische Rendezvous des Volkslebens war in einer gärenden Umwandlungszeit . So stieß Heinrich gleich beim Eintritt ins Land mitten auf seine rauschende und grollende Bewegung , und ohne auszuruhen , ging er mit den hunderttausend Zuschauern auf das Schlachtfeld hinaus und wieder zurück in die reiche Stadt , welche mit ihren zahlreichen silbernen und goldenen Ehrengefäßen den Wirt machte . Doch mit dem Mittage räumte die geschichtliche Feier der Vergangenheit der treibenden Gegenwart den Platz ein , und unter der großen Speisehütte des Schießplatzes aßen schon an diesem ersten Mittag fünftausend waffenkundige Männer zusammen , indessen am andern Ende des Platzes auf eine unabsehbare Scheibenreihe ein Rottenfeuer eröffnet wurde , welches acht Tage lang anhielt , ohne einen Augenblick aufzuhören . Dies war kein blindes Knattern wie von einem Regiment Soldaten , sondern zu jedem Schusse gehörte ein wohlzielender Mann mit hellen Augen , der in einem guten Rocke steckte , seiner Glieder mächtig war und wußte , was er wollte . Inmitten der hölzernen Feststadt , deren Ordnung , Gebrauch und Art trotz aller Luftigkeit herkömmlich und festgestellt war und ihre eigene Architektur erzeugt hatte , ragten drei monumentale Zeichen aus dem Wogen der Völkerschaft , die das große Viereck ausfüllte . Ganz in der Mitte die ungeheure grüne Tanne , aus deren Stamm ein vielröhriger Brunnen sein lebendiges Wasser in eine weite Schale goß . In einiger Entfernung davon stand die Fahnenburg , auf welche die Fahnen der stündlich ankommenden Schützengesellschaften gesteckt und unter deren Bogen dieselben begrüßt und verabschiedet und die letzten Handschläge , Vorsätze und Hoffnungen getauscht wurden . Auf der anderen Seite der Tanne war der Gabensaal , welcher die Preise und Geschenke enthielt aus dem ganzen Lande sowie von allen Orten diesseits und jenseits des Ozeans , vom Gestade des Mittelmeeres , von überall , wo nur eine kleine Zahl wanderlustiger , erwerbsfroher Schweizer sich aufhielt oder die Jugend auf fernen Schulen weilte . Der Gesamtwert erreichte diesmal eine größere Höhe als früher je , und das Silbergerät , die Waffen und andere gute Dinge waren massenhaft aufgetürmt . Während nun in den Stuben der Doktrinäre , in den Sälen der Staatsleute vom alten Metier und in der Halle des Bundes von Anno funfzehn das politische Fortgedeihen stockte und nichts anzufangen war , trieb und schoß dasselbe in mächtigen