nur Achtung sei , ein Pflichtopfer , sich fort und fort getäuscht , es könnten doch andere Gefühle für ihn zum Durchbruch kommen , und daß nicht ein freies Opfer von seiner Seite , sondern erst ein Zufall , ein Impuls des Momentes , die lange Kette des Truges gesprengt habe ? Und hatte er nicht endlich versichert , auch er fühle sich jetzt frei , glücklich , sie dürfe um ihn nicht sorgen , denn er sei nun zurückgegeben der heiligen , ernsten , höchsten Pflicht des Mannes , ganz seinem Vaterland zu leben . Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen , dort auf der unter Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank , während der Wagen der Fürstin auf der Chaussee langsam auf und ab rollte . » Nun bist Du doch zufrieden , « hatte sie gesprochen , und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglättet . Er hatte geschwiegen , und seine Zufriedenheit in einem Kuß auf ihren Arm gehaucht . - Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand über seine Stirn : » Kalt und feucht ! Die Abendlust könnte Dir schaden ! « Die Nachtvögel zeigten ihnen den Weg . Sie flatterten , an die hellen Scheiben der Glasthür die Köpfe stoßend . Trüb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer . Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen . Es war still im Hause , nur aus dem Souterrain tönte dumpfes Geflüster der Leute , die Fürstin saß in ihrem Armstuhl und hörte über den Thomas a Kempis nicht , wie Adelheid durch die Thür blickte . Aber als sie zurückkehrte , hörte auch Louis nicht ihr Kommen . In sich zusammengesunken , saß er auf dem kleinen Kanapé . Es war nicht die Erwartung , von der der Dichter gesungen . Erst ihr Arm , der sich sanft um seinen Nacken schlang , erweckte ihn . » Noch immer - Walter ! Ist das recht ! « sprach sie . » Der ist glücklich ! « seufzte Louis . » Glücklich ! « Sie blickte ihn vorwurfsvoll an . - » Ist ' s die Lerche nicht , die in den Morgennebeln nach der Sonne steigt . Ist ' s der Träumer nicht , der die ganze Menschheit an die Brust schließen möchte ! Ich möchte sie lieber erwürgen ! « - » Sprich nicht so . Das ist der Nest Deiner Krankheit . « » Vielleicht ein anderer Nest ! « - Er blickte starr vor sich nieder . » Bin ich nicht ein Feuerbrand , bestimmt , was er anrührt , zu zerstören ! Sie hatten ' s mir verhehlt , aber ich erfuhr es : als ich geboren ward , hab ' ich meine Mutter umgebracht . Der Zerstörungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege , und hat sie nicht in meinem Leben lustig gewuchert ! Meinen Vater - doch davon still . Ich ward ein wüster Mensch auf der Universität , nicht so ganz schlecht als Andere , aber indem ich gegen die Schlechten losging , ward ich ein Störenfried unter den Guten . Die Guten sagen , um das Leben gut zu machen , muß man sich vertragen lernen , auch mit den Schlechten . Ich habe es nie gelernt . - Ich habe in ' s Leben gerast . Ich wollte Niemand vernichten , und wie Viele habe ich zertreten . Kennst Du denn mein Leben , Adelheid ? Soll ich das Alles herausziehen aus dem Sumpfe , denn zwischen uns muß Wahrheit sein . Wie sie mich aus den Häusern gestoßen , auf der Straße mir auswichen , mit den Fingern auf mich gezeigt , bis - « » Bis Du Dich selbst aufrafftest ! « » Nein , bis ich auch Dich ins Verderben riß - damals - bis ich auch den einzigen , den treuesten , wahrsten Freund nun um sein Heiligthum betrügen muß . Was ich berühre , opfere ich . Soll ich es hinnehmen , wie die Götter der Alten an dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten ! Was ist ' s denn in mir , frage ich , dies düster glühende Auge , das Zucken meiner Lippen , der nie gestillte Durst meiner Seele , daß mir das Beste , Köstlichste aufbewahrt ist ! - Nun ich siech bin , trostlos hinter mir , trostlos vor mir , willst Du blühendes , junges , reines Leben Dich an den morschen Stamm ranken , ich soll , muß Dich zerstören , weil Du mein bist . - Ja , Walter hat Recht , nicht für ihn , aber Du bist auch nicht für mich . « » Für wen denn ? « sprach sie , und der Ernst , der aus Louis ' Worten hauchte , schien plötzlich auf sie übergegangen . Aber Louis ' Ernst war ein düsterer , ihre Worte waren ein sonorer Metallklang . Er hatte es nicht gesehen , wie sie in krampfhafter Erschütterung den Arm von seiner Schulter zurückgezogen hatte , und das Gesicht mit beiden Händen bedeckte . So setzte sie sich in die andere Ecke des Sopha ' s , und eine Pause trat ein . » Weinst Du ? Habe ich Dich gekränkt , Adelheid ? « » Ich weine nicht , « sagte sie im selben Tone , » und Du kannst mich nicht beleidigen . Ich dachte nur über mein Schicksal nach , und - bei Deinen Worten brach es heraus , ach , von so lange her ! Louis , das Schicksal schleudert mich ja in Deine Arme . Was würde ich denn , was bin ich ? O , mein Gott , es ist schrecklich , wenn die Binde so mit einem Mal von den Augen fällt ! « - » Du bist die gefeierte - « » Puppe von - ich weiß nicht wie Vielen . War ich denn nicht herausgerissen auch dem Schooß meiner Familie , dem Glück , der Bildung , für die ich geboren war , haben sie nicht Alle an mir gearbeitet , mich zu erziehen , der Eine so , der Andere so , um aus mir zu machen , was ich nicht war , um mich zuzustutzen zu etwas , sie wussten selbst nicht , was , aber ihr Ziel haben sie Alle erreicht , die vielen Künstler , ich bin wie der Vogel , den man aus dem Neste nahm und buntes Gefieder ihm anklebte . Die , denen das Gefieder gehört , erkennen ihn doch nicht an , sie spotten still über den Eindringling , aber zu den Seinen darf er auch nicht zurück . Er gehört da nicht mehr hin . « » Welche Phantasieen , meine Adelheid ! « » Ich sehe nur zu klar , und nur zu lange ließ ich mich von der süßen , eitlen Gewohnheit einschläfern , daß ich die Augen nicht aufschlug , daß ich die Stimme nicht hörte , die im Innern immer deutlicher rief . Jenes abscheuliche Weib - o sie war noch die Beste , sie wollte mich nur einfach verderben ; da war ich unschuldig : wie der Vogel , der aus dem Neste flattert , fiel ich in das Netz , das sie ausgespannt . Aber die Andere , o , mein Geliebter , ich fühle das Gift , das sie in meine Adern spritzte , es schleicht noch jetzt , es zehrt noch . « - » Die Geheimräthin wollte Dir wohl ! « - » Sie will , sie kann Niemand wohl wollen , glaube es mir , Louis . Sie hat kein Herz ; darum wird ihr unwohl , wo ein Herz warm schlägt . Ich las von einem Gespensterthier , das Nachts sich auf die Schlafenden legt und das Blut ihnen aussaugt . Sie saugt auch das Blut aus , mit ihren spitzen Reden , ihren spitzen Blicken . Ich wäre schlecht geworden , Louis , das fühle ich , ich ward schon eine Andere , wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sie ' s um die Brust , wenn edlere Empfindungen aufzuckten . « » Was wollte sie mit Dir ? « - » Martern will sie , sie muß martern , was glücklicher ist . Sie konnte den Kanarienvogel quälen , wenn er zu lustig schmetterte ; sie beneidete das arme Thier im Käfig , sie marterte ihre Domestiken , ihren Mann , sich selbst auch , wenn sie sich ertappte , daß sie lebhafter gewesen , als sie scheinen wollte . O , Liebster , es ist entsetzlich , wenn ich daran denke , ein Traum , und mich schaudert , er ist vielleicht noch gräßlicher , als ich zu träumen wagte ! « - » Und alle Welt bewundert sie . « - » Die Welt hat Recht . Diese Frau und dieser Mann dazu - « » Welcher ? « - » Der Legationsrath . - Sie sind Beide - hohl , verrathe mich nicht , Louis , ausgehöhlte Gespenster . Sie habe « alles menschliche Gefühl aus sich gesogen , gepresst . - » Man muß die Empfindungen und Regungen , die uns stören , aus sich heraus destilliren , hörte ich ihn einmal sagen , und das haben sie , sie haben daraus präparirt die schöne Glätte , den glänzenden Firniß , den die Welt bewundert . « - » Mein Gott , woher kam Dir die Erkenntniß ? « - » Weiß ich ' s ? Sie hielten mich für das Schooßkind , das man ausputzt , in den Armen schaukelt , mit Glanz und Süßigkeiten nährt , von dem man alles Unangenehme fern hält , auch die Gedanken - und die Gedanken kamen doch , von selbst - ich war unaussprechich unglücklich ! « - » Dich mißhandelt ? « Sie nickte : » Es waren unsichtbare , feine Geißelschläge , die Luft fühlte sie kaum . Wie ein feiner , ätzender Staub auf die Lunge geworfen . « - » Und Du musstest es dulden ? « - » Wie schließt man das Auge vor dem Zucken des Blitzes , das blaue Licht schießt durch die geschlossenen Lider . - Ich musste es dulden , ohne ihr entfliehen zu können , und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen . Und ich musste immer lügen - lügen von unermesslicher Dankbarkeil ; wenn ich es nicht ausgehalten , wäre ja das Urtheil der Welt über mich zusammengebrochen - « Er warf , die Hände faltend , sein Gesicht in ihren Schooß : » Und daran war ich schuld ! « - » Nein , klage Dich nicht an . Es war eine Kette von Bestimmungen . Aber untergegangen wäre ich in der Lüge , das fühle ich . Je größer sie ward , so kälter schlug ' s mir ans Herz . « - » Gott sei Dank , eine Frau , die warm fühlt , nahm Dich zu sich . « Adelheid war aufgestanden . Sie schüttelte den Kopf . Eine hohe Röthe überzog ihr Gesicht , als sie sich zu ihm umwandte , die Hände sanft auf seine Schultern legte und seine Augen küsste : » Laß uns davon nicht sprechen , Liebster . « - » Du zweifelst an der Güte der Fürstin ? « - » Meine Augen wurden geöffnet , wunderbar klar liegt es vor mir ; Blicke , um die mich Niemand beneiden darf . Das ist die entsetzliche Schule der Lupinus . Nein , mein Geliebter , laß uns davon schweigen . « - » Auch hier nicht glücklich ? « - » Ich werde glücklich , denn ich werde wieder ich selbst . « Er blickte sie fragend an . » Bin ich denn mehr , als ich dort war ! Da wollte man den seltenen Vogel in ein Bauer sperren , dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette , hier lässt man mich frei fliegen , weil man weiß , ich kann nicht entfliehen . Ich habe ja kein Haus , wohin . « Eine Leibeigene bin ich , nicht anders als die da unten auf den Bänken schlafen müssen . Jeden braucht man , wozu er gut ist , und so lange er dazu gut ist . Mich staffirt man aus mit allem Glanze , so lange es sich lohnt . Wenn ich nicht mehr hübsch bin , nicht singen , Musik machen , nicht mehr tanzen kann , nicht mehr muntere Antworten gebe , nicht mehr die Herzen entzücke , dann wirst man mich fort , wie jedes andere unnütze Werkzeug . Sie hat so wenig ein Herz für mich , als die Lupinus . Und die Andern ! Sehe ich denn nicht , wie man mich abschätzt ? Gehöre ich zu diesen Erwählten ? Fühle ich nicht unter ihren Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus , was ich ihnen bin , was ich ihnen wäre ohne den geliehenen Lustre ? Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase , wenn ihre Töchter mich einladen , mich mit ihren Freundschaftsversicherungen überschütten ? Zittern die Mütter nicht , wenn die Söhne mir zu viel Aufmerksamkeit erwiesen ? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen ? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug : er trat bald zurück , weil ich kein Vermögen besitze . Die Andern sagten es nicht , aber ich lese ihre Gedanken . Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit , der Pracht und rauschenden Lust , bin ich eine Fremde , mitten in den Schaaren , die mich umdrängen , eine Gemiedene . » Wer wird sie denn nehmen ! « hörte ich eine vornehme Dame zu einer andern flüstern , nachdem sie nachher nicht Worte genug gefunden , mir Schönes zu sagen . » Sie ist doch nur eine Gesellschafterin , « erwiderte die Andre ; » ein vornehmer Lockvogel . « - » Dann kommt zuletzt doch noch Einer , der erste Beste , « setzte die Andere tröstend hinzu . » Und unter der Haube ist unter der Haube . « » Warum hört Adelheid auf das Geschnatter ! « » Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde . Ja , ich bin eine Gebrandmarkte - erschrick nicht , Louis , vor dem Wort , es ist nicht so übel , es sind viel bessere als ich , ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein . So stolz , daß ich auch meines Gleichen suche . Brauchst Du noch Beruhigung um Deinen Freund , so wisse , ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht . Er war mein Mentor , mein Schutzengel , er hob mich , ihm danke ich , daß ich nicht unterging in dem Sumpfe ; aber nun steht er mir auch so hoch da , daß ich den stillen , reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben , nicht stören darf und will . - Du bist mein Retter . Wir haben uns nichts vorzuwerfen , wir sind beide Fremde , Mißverstandene , Gemiedene , Ausgestoßene , und unsere Herzen schlagen zu einander . Das hinter uns lassen wir ruhen , und blicken - wir flüchten Beide - in eine bessere Zukunft . « » Wie Du selbstquälerisch Dich erniedrigst , « sprach er , ihre Hand an sein Herz drückend . » Wenn der gerechte Richter die Wage hält , ist die Schwere Deiner Schuld wie die Flaumfeder , die in der Luft sich wiegt . « » Die Welt ist kein gerechter Richter ; sie wägt auch nicht die Schuld , sie wägt nur die Verhältnisse ab . Auch der gerechte Richter fragt , was ich bin , nicht was ich hätte sein können . Was bin ich denn ! Nicht hier , nicht dort eine Wahrheit ! Ein halbes Kind , herausgerissen aus dem elterlichen Hause , lernte ich tänzeln , ehe ich gehen konnte , Komödie musste ich spielen , ehe ich von dem etwas wusste , was ich spielen sollte . Ehe ich eigen gedacht , empfunden , gelebt , lernte ich reflektiren . Die schlichte Bürgerstochter , plötzlich gestoßen in Kreise der ersten Geister und der vornehmen blasirten Menschen , musste ich Angelerntes hersagen . Louis , erschrickst Du nicht , wie ich rede ! Ist das die natürliche Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens ? Soll , darf sie reflektiren , wie ein Mann , der die Lebensschule durchgemacht hat ! Ich erschrecke oft vor mir selbst ; ich schaudere , wenn ich in den Spiegel sehe . So haben sie mich herausgeschraubt zu einem unnatürlichen Dasein . Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung : kann mich wer so lieben ? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben ? Statt eines kindlichen Mädchens eine , die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde kennen gelernt - « » Aber unberührt von ihr blieb . Deine schöne Natur hat gesiegt . « Sie strich ihm die Locken aus der Stirn : » Sei ehrlich ! Wäre es Dir nicht lieber , wenn ich ein Kind wäre , das arglos , neckisch , vertrauensvoll sich in Deine Arme würfe ? So zerdrücke ich oft eine stille Thräne , wenn ich im Hause bin , wo ich nicht mehr zu Hause bin , wenn die jüngern Schwestern mich mit neugierigen Fragen bestürmen , über die ich lächeln muß . Wäre ich wieder so ! ruft es , aber ich möchte doch wieder nicht so sein , ich könnte nicht wieder so sein , - es ist eine Kluft gerissen , und ich gehöre hierhin , nicht dorthin . Das ist der Fluch - « » Nicht Deiner Schuld . « Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf : » Wenn mein Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske , log ich nicht , indem ich nicht aus der Rolle fiel ? Mischte sich nicht da etwas Falschheit unwillkürlich in mein Denken und Thun ? Ich log mir Entschuldigungsgründe vor . Die Phantasie ist unerschöpflich . Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner zweiten Mutter , der Gesellschaft , der Welt , bis es nicht mehr ging , bis das Bewusstsein herausplatzte . Schon da an dem schrecklichen Orte ! Dein Blick hatte mich verwundet , aber die Wunde that nicht weh . Hatte sich Dein Gesicht mir nicht eingeprägt ! Es durchschauerte mich mit Angst , als Du mich verfolgtest , aber es war eine bange , süße Angst , bis an jenem Abend , wo Du - « » Da schon ! Entzückendes Bekenntniß ! « Sie nickte , die Hände vorm Gesicht . » Ja , da schon , wie ich Dich mit kaltem Mitleid von mir stieß , Dir verzieh unter der Bedingung , daß Du mich nicht wieder sähest , als ich Dir sagte , ich könne Dich nie lieben , es war schon eine Lüge . Ich presste das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurück . Ich log mir vor , daß es nur Mitleid , daß ich Dich verabscheue , und ich log weiter . Es war die Angst vor Dir , vor mir selbst , ich wollte mich retten aus dem Strudel , aus dem Haus , Selbstsucht war ' s , als ich an Walters Brust bekannte ; ja es war Liebe , aber nicht ihr Sonnenschein , ein süßes Mondenlicht , die Liebe der Achtung , der Dankbarkeit , der Bewunderung . Jahre sind über diese Lüge hingegangen , sie machte mich bitter , unzufrieden , ich musste mich selbst verachten , und - ist das keine entsetzliche Schuld , daß ich zwei Jahr das Lebensglück des edelsten Mannes erschüttern musste ? - Schuld gegen Schuld , Geliebter , wir haben Beide zu büßen und gut zu machen . Einer muß sich am Andern stützen , aufrichten , - Einer dem Andern Muth zusprechen . Das Leben hinter uns begraben und wir fangen Beide ein neues an . « Von der düster brennenden Kerze war ein verglimmendes Dochtstück nach dem andern gefallen ; hier ohne Schaden auf die Marmorplatte des Tisches . Auch war es nicht dunkel im Zimmer , der Mond und das dämmernde Morgenlicht erhellten es . » Das Licht ist mein Vaterland ! « murmelte Louis , in das Licht starrend . Adelheid fühlte wunderbare Kraft ; er schien zerknickt . Mit wie leuchtenden Blicken er auch ihren Reden zugehört , das Leuchten verschwand allmälig , das Auge ward matt , ein wehmüthiges Lächeln spielte um seinen Mund , und die Augenwimpern senkten sich wie die eines Einschlummernden . Und sie hatte doch , eine begeisterte Prophetin , gesprochen . Den Weg zum neuen Leben hatte sie ihm gezeigt - es gab nur einen - das Vaterland . Und das eine Vaterland war ein größeres geworden . Es war nicht heut erst der Gegenstand ihres Gesprächs . Warum hatte Louis immer durch ein stilles Nicken , was eben so gut dem schönen Munde und den schönen Worten galt , geantwortet ? Er seufzte tief auf : » Wo ist denn Deutschland ? « » Ich spreche nicht von dem Traum hinter uns , Lieber , « sagte sie lächelnd , » nicht vom Kyffhäuser und der Kaiserherrlichkeit . Du moquirst Dich darüber . Das deutsche Vaterland liegt vor uns - « » Das Walter Dir malte , « unterbrach er . - » Walter und Hunderte und Tausende unserer Edelsten ! « - » Was in der eigenen Brust des Schwärmers lebt , überträgt er auf die Millionen Kreaturen , in denen nichts lebt , als der Gedanke , wie sie morgen satt werden . « - » Als wüsste ich nicht , wie Du voriges Jahr in edler Begeisterung selbst Deinen Vater aufwecktest ! « - » Damals ! Seitdem - Gieb die Hoffnung auf . - Dies Volk erwacht nicht wieder , es ist kein Volk . - Deutschland ist ein Traum der Dichter ! « - » Und eben floß Palms Blut dafür . Es raucht zum Himmel . « - » Und ist übermorgen vergessen . « - » Ueberall knirscht die verhaltene Entrüstung . Greise , Knaben , schwache Frauen , kannst Du ihre Stimmen verleugnen , die Thränen der Wuth , die am stillen Herde geweint werden ! « » Es lebt nur Einer , « rief er aufstehend - » er , der Gigant , vor dem diese Misere daliegt , wie das Blachfeld vom höchsten Thurm gesehen . Er wird ihr Wohlthäter werden , nicht wie unsere Philanthropen faseln , nicht weil er sie erheben , verständiger , besser , glücklich machen , weil er die Qual ihres Daseins enden wird . Wer , die nicht glauben können , schnell sterben lässt , ist ihr Wohlthäter . Sein Siegeswagen mit schnaubenden Rossen wird über die Staaten und Throne rasseln , und die zerbrochenen Szepter liegen wie Spreu an den Landstraßen . Was bauten sie die Throne nicht fester , warum stahlen sie der Sonne den Schein , um ihre Kronen zu vergolden ! Beim feuchten Herbstwinde kommt das schlechte Metall zum Vorschein . Warum brauchten sie die Stäbe nicht als weise Richter , warum als Korporalstöcke ! Warum ward die Weisheit schimmlig , die Kraft stockig ? Ihnen geschieht Recht und den Völkern . Zum Kehraus wird geblasen , mit Posaunen , Pauken und Kanonen . Er ist der Mann dazu , seine Seele Stahl . Die Weichherzigen , die Gemüthlichen haben ausgespielt ; die Menschheitsthränen sind in den Sumpf gefallen , aus dem kein reiner Bach mehr entspringt ; es muß wettern , blitzen , donnern , daß das Unterste sich zu oberst kehrt . Meine Seele jauchzt , ein Weltgericht ist im Anzug und das neue Evangelium in Blut und Brand getauft . « Adelheid erschrak nicht , es zückte ein Freudenstrahl in ihrem Auge . Das war ja das Schütteln eines Fiebers . Louis zitterte , indem er den Rock vor der Morgenluft sich zuknöpfte ; aber ein hitziges Fieber bringt eine Krisis hervor , das schleichende nur ist ohne Hoffnung . Stahl war noch in dieser Seele . » Du bist für ihn begeistert ? « sprach sie rasch . » Du bist ein freier Mann , « fuhr sie fort , als er schwieg . » Senke nicht den Blick , ich erschrecke nicht darüber , ich freue mich , daß Du begeistert bist . Louis Bovillard , ist das französische Blut in Dir erwacht ? Du begehst dann kein Verbrechen , wenn Du das erworbene Land Deiner Väter abstreifst , wo Dich nichts mehr fesselt . Du kehrst zurück in das Land Deiner Vorfahren . Siehst Du da nur Leben , Rettung , für einen großen Gedanken , für Dich , o so zaudere nicht , aber offen , ehrlich , kehre dahin zurück , zu ihm , den Du für einen Heros und Heiland hältst , schlürfe den Feuerathem ein aus seiner mächtigen Brust , diene ihm , wie Du willst , Du wirst in jeder Gestalt willkommen sein , und lebe auf als Mann . « - Er schwieg noch immer . - » Dein Vater hat es Dir ja leicht gemacht . Er hat seine französischen Erinnerungen wieder ans Licht gezogen , so etwas gefällt jetzt an Napoleons Hof . « Er schwieg noch immer , dann brach es heraus : » Ich kann ihn aber nicht lieben . « » Aber , Louis , Du bist ein Mann . Ein Mann muß lieben oder hassen ; in wetterschweren Zeiten darf er nicht die Hände in den Schooß legen , abwarten , was kommt . Mein innig Geliebter , Du darfst nicht unter die Alltagsmenschen versinken . Dein edles Selbst darf nicht untergehen in dem Schwarm , den Du verachtest ; nein , aufrichten sollst Du Dich , stärken am Anblick der Jämmerlichen , deren Unentschiedenheit das Elend über uns gebracht . Du musst Dich entscheiden ; hast Du gewählt , o , dann wird der Funke wieder sprühen , er wird Dich drängen zum Handeln . Wo Du wählst , ich folge Dir . « Er hielt seine Hand auf ihre Stirn : » Wäre ich Sachse gewesen , und hätte den großen Karl bewundert , ich glaube doch nicht , daß ich gegen mein Volk streiten könnte . « Ihr Auge blickte ihn freudig an . » In dieser Luft bin ich , sind meine Väter geboren , in diesen Sitten , Gewohnheiten sogen sie das Leben ein , zeugten ihre Kinder . Wir erwarben ein Vaterland , und es hat uns erworben . Ich hätte in den Reihen der Sachsen gestritten , Adelheid , auch wenn ich gewusst , daß Karl sie zertreten musste . « Sie hatte gesiegt , er war wieder gewonnen , doppelt gewonnen . Es waren Momente der Seligkeit , die Feder und Farbe umsonst zu malen versuchen . Die Morgenluft wehte schon frisch ins Zimmer , als sie die Balkonthür öffneten , die ersten Vögel erhoben ihre zwitschernden Stimmen in den dunkeln Gebüschen und ein röthlicher Streifen färbte den östlichen Horizont . Im Himmel und in den Büschen war noch Poesie . Adelheid führte ihren Freund auf dem Wege , den vorhin Wandel genommen , durch das Souterrain nach der Hofpforte . Als sie die steinerne Wendeltreppe hinab waren , kam ihnen Lichtschein entgegen . In der Mitte des Flurs lag eine Leiche , die Diener hatten Kerzen darum angezündet . Sie starrten zurück . » Eine Leiche ! « Adelheid unterdrückte einen Schrei . In dem Augenblick ward ihr Name oben von der Fürstin gerufen . » Wir müssen scheiden ! « - » Bei einer Leiche ! Das ist ein böses Omen , Adelheid . « - » Ein gutes ! « rief sie an seinem Halse . » Auch der Tod soll uns nicht erschrecken , auch der Tod nicht trennen ! « Die Fürstin war sehr blaß . Mit gläsernen , durchwachten Augen starrte sie das junge Mädchen an , aber nicht verwundert , sie noch wach zu finden . Sie fragte auch nicht woher sie komme . Es war eine innere Bewegung , als sie Adelheid an sich drückte und sie bat , bei ihr zu wachen , oder auf dem Sopha zu schlafen . Sie hatte gelesen , das Buch war ihr entfallen , und sie hatte böse Träume gehabt , oder Visionen , wie sie sagte . Man sah , sie fürchtete sich in der unheimlichen Einsamkeit des grauenden Morgens . Adelheid wollte die Kammerfrau wecken . Die Fürstin schüttelte den Kopf : » Thun Sie es diesmal selbst mir zu Liebe . « Sie zitterte heftig , als Adelheid sie entkleidete ; sie hatte nie die Fürstin zittern gesehen . Auch war sie seit lange nicht so zärtlich gewesen . Als sie ihr zum Schlafengehen die Hand drückte , sprach sie : » A propos , ich vergaß Ihnen zu sagen , die Königin hat sich wieder durch die Voß nach Ihnen erkundigen lassen . Bereiten Sie sich vor , bei nächster passender Gelegenheit werde ich Sie der Majestät vorstellen . Sie werden ihr sehr gefallen . « Die aufsteigende Sonne konnte nicht durch die schweren Jalousieläden in das dunkle Zimmer dringen , sonst hätte sie auf dem Sopha ein sehr frohes Gesicht gesehen . Das Lächeln blieb , als Adelheid einschlief . Sie hatte sich bis heut vor der angekündigten und immer wieder aufgeschobenen Vorstellung vor der Königin gescheut . Heut träumte sie , daß Engel sie zu ihr führten . Als Louis Bovillard in sein Zimmer trat , goß die Tageskönigin ihr erstes Roth durch das Fenster . Alle Gegenstände waren purpurn , am leuchtendsten aber sein Gesicht , als er in dem Goldschein Walters Brief las und überlas . Er mochte zuerst glauben , es sei ein Traum . - Er zerdrückte eine Thräne ,