sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln , deren sie große Vorräthe anschaffte , und Mullrich hatte dann in der Schulstraße einen Buchbinder , der die Exemplare unter Verhältnissen kaufte , bei denen Mullrich nur der Commissionär , der Bevollmächtigte der richtigen Empfänger jener Bibeln war und per Stück immer zwei Groschen Vortheil zog , was bei einem jährlichen Umsatze von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war . Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende , leidensmüde Seelen , wie jener arme Nagelschmiedgesell , der die Bibel behielt und nicht für die Miethe angab . Dieser Ärmste las sich Trost aus ihr , wenn er am Tage mit seinem armen Meister Nägel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags früh in der Stille selbst hausiren gehen mußte und seine Kinder gingen mit hausiren und liefen auf die Dörfer barfuß und boten den Leuten Nägel an und ihre Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit , um Nägel zu verkaufen ; aber mit den letzten Nägeln , die sie an einen Schreiner verkauft hatte , ward ihr auch schon der Sarg gezimmert ... sie war todt . Ach ! welche Fülle des Elends ! Wieviel körperlicher und sittlicher Jammer ist da zusammengedrängt , Ergebung in sein Loos neben der Verzweiflung , es gewaltsam zu ändern . Armuth und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne . Hundert Nummern waren in diesem Hause allein an Bewohner ausgetheilt und jedes Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers . Da ein Kranker , dort ein Sterbender , hier nebenan das kreischende Lachen einer unsittlichen Dirne oder der tobsüchtige Ausbruch eines Trunkenbolds , der seinem Weibe das Wenige , was sie besaßen , in Scherben an den Kopf wirft . Arme Käsemaden , menschliche Infusorien , die sich noch im Tod einander selbst verfolgen , mit Gier verschlucken , einer von des andern Armuth zehren , mit ihr wuchern wollen . Wer das Geheimniß des Lebens studiren will , gehe hieher und beantworte die Frage : Warum sind wir ? Was sind wir ? Was werden wir ? In dem schmuzigen Buche , das die Bewohner nach ihren Nummern anführt , sind an vielen Namen Kreuze gemalt . Das sind Observaten . Sie kamen aus dem Zuchthause und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht . Sie haben einen leidlichen Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen , bis sie von ihnen doch wieder heimgesucht werden . Mancher von diesen sie dann Versuchenden und wieder Verführenden ist nur ein verkappter Verführer . Die Polizei gewann ihn zum Spion . Wohl Dem , der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschläge spricht oder sie ausführt ! In diesem Hause selbst wohnen Spione genug . Mullrich ist der erste unter ihnen . Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing - ein früherer Arbeiter bei Schlurck - auch er rapportirt an den Oberkommissär Pax . Hütet Euch , ihr Nachbarn ! Seht Ihr nicht , wie rasch manchmal einer aus Eurer Mitte verschwindet ? Da hüpfte noch vor kurzem ein keckes Bürschchen die Stufen der engen Treppen hinauf , scherzte mit den Nähterinnen und Fabrikmädchen , die bis unter das Dach wohnen , und heute führen ihn die Häscher davon . Ein Bündel Wäsche unter ' m Arm geht er wol auf zehn Jahre in ' s Zuchthaus . Wer ahnte , daß er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehört ? Wer nicht thätig ist erregt Verdacht . Nur thätig , und sammelte man Glasscherben , wie die alte Frau auf Nr. 43 , oder ernährte man sich vom Scheeren der Pudelhunde , was ein alter Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausführt , der mit der Brille auf der Nase im Hofe sitzt und die Pudel scheert , deren Wolle er sammt den Flöhen an Tapezirer verkauft . Harfenspieler , Tambourinschläger üben sich Morgens Gesänge ein , die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer .... nein -Leiher sparen , um sich den musikalischen Brotbringer allmälig zu kaufen oder von dem Mechanikus , der ihn verleiht , die Stifte zu einem neuen zeitgemäßen Liede sich umsetzen zu lassen . Da taumelt ein Bierhaussänger daher , der in seinen jungen Jahren auf den Bühnen Buffopartieen sang und jetzt so herabgekommen ist , daß er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand Lazzis und in Scenen gesetzten Faxen singt . Ein Violinspieler begleitet ihn , der in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab ist , daß er mit jenem Sänger abwechselt und auf der Violine mit Strohfäden , angezündeten Fidibus statt des Bogens spielt . Halb und halb sind beide Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden Lachen zu bringen , während ihre » Zuhälterinnen « in einer Cigarrenaschen-Schale das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch Strohblumengeflechte anbieten , die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden . Diese alte Frau wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miethe , von der man nicht weiß , durch welche Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen rückenkranken Mann ernährt . Madame Schlimpanzer und Fräulein Klapperfuß sind sich an Jahren gleich und hassen sich und lieben sich , jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Bällen gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeinträchtigt haben . Ach , die Polizei weiß hier Alles ! Lacht , was Ihr wollt , Sonntags früh , ihr zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfuß , wenn sie » ihrer Betten wegen « darauf dringt , daß Ihr Euch von Kopf bis zum Fuß gründlich wascht ; man weiß doch , daß Eure Vorgänger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und Patronen wickelten ! Sie wurden alle eines Sonntags früh aufgehoben und mit allen ihren Kugelformen und zinnernen alten Löffeln und bleiernen Fensterverlöthungen über die Brandgasse hin in ' s Profoßenamt geführt , von wo aus sie dann in ' s Zuchthaus wanderten ! Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos ! Auch die Geburt und der Tod , die Hebamme und der Leichenträger , sind immer und immer zugleich auf Besuch hier . Der Tod tritt gleich sicher auf . Er nimmt mit fester Hand . Die Geburten sind zaghafter , mit scheuem Gewissen , mit wenig Freude . Manches Kind , eben gekommen , erhält gleich die Nothtaufe , wozu die Wöchnerinnen , da meist die Väter fehlen , den Vizewirth hinaufrufen oder den Alten , der die Pudel scheert , oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten Hofe , der noch sein Zöpfchen trägt und mit philosophischer Ehrwürdigkeit in den Häusern altmodische Uhren reparirt . Ganze Tragödien spinnen sich da an und enden , ohne daß sie ihren Dichter anders finden , als höchstens bei Jahrmärkten die Bänkelsänger . In den Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben . Da heißt ' s : Aus Brandgasse Nr. 9 ein Observat ... lernte im Zuchthause eine Diebin kennen ... sie hat Kinder aus früherer Bekanntschaft ... sie schließen , frei gelassen , auch eine wilde Ehe ... er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Cloaken ... sie verdingt sich zu jeder groben Hanthierung ... die erwachsene Tochter der Frau ... natürlich unehelich ... geht in eine Fabrik ... ein junger Arbeiter , ihr Liebhaber , zieht zu ihnen ... die Mutter gefällt ihm wie die Tochter ... wild geht das durcheinander ... der Trunk erhitzt den Zorn ... Eifersucht und blinde Wuth ... der Gassenkehrer schlägt den Arbeiter ... die Tochter würgt fast die Mutter ... Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm , wie die spätere Versöhnung ... die Beruhigung bei dieser Verwirrung ... Trinkgelage , lustiges Lachen ... die Tochter verläßt die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher ... der Vater zweischlächtiger Bastarde erhält seine Arbeiterstellen gekündigt ... dennoch fließen Mittel ... Woher ? ... Heute Morgen wurde das ganze Nest ausgehoben , Jung und Alt davon geführt ... der Gassenkehrer , die Mutter , die Tochter , der Liebhaber ... Die übrig gebliebenen kleinen Kinder holt die Besserungsanstalt . Frau Mullrich erzählte diese tragischen Begegnisse , die in der Brandgasse gäng und gäbe waren , so leicht , so obenhin , wie wir etwa eine sogenannte Müchler ' sche Anekdote von Friedrich dem Großen erzählen würden . ... Mullrich , der Vizewirth , hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf seinen nächst dem Oberkommissär Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch zurück . Hat der Alte nicht nach 86 gefragt ? Und das ordentlich und gezankt hat er , warum wir ihm nichts mehr über 86 meldeten ! sagte Frau Mullrich und klagte dann , daß die Tage schon so kurz würden . War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab ' s sagen wollen : 86 ist einmal wieder heidi ! Wie ich das elfte mal kam , ging ich zum Justizrath selber , der eben von Hohenberg zurück war und da hieß es : Danke , Mullrich , ich weiß es schon . Er gab mir einen halben Thaler . Wenn der Bartusch das Herz hätte von dem guten Manne , dem Justizrath ! Er war heute ganz wild der Graue . Warum denn ? Gewiß weil Nr. 17 ausgeflogen war . Nicht ? Ha , ha ! Das wird ' s sein , der alte Schleicher ! Wenn nur ' mal die Justizräthin dahinter käme , die - Pst ! Stille ! Mullrich ! Weß ' Brot ich eß ' ... Laß ihn auf Nr. 17 gehen und rede von solchen Sachen nicht . Nr. 17 taugte nur nichts , sonst hätte sie ihr Glück machen können , wie die Jule Spieß ... Jule Spieß ! Die Frau Amtsdienerin ? Ah ! So , wie Nr. 17 hat sich doch die Jule nicht aufgeführt ... Ach ! Ach ! antwortete Frau Mullrich , die tiefer zu sehen , als ihr Mann , immer das Privilegium hatte . Ach , Ach , das war eine Feine ! Die wußte es subtiler anzufassen . Wie oft hab ' ich zu Nr. 17 gesagt : Guste , hab ' ich gesagt , Sie haben anständige Verwandte , Sie sind schön , wie ein Bild , Sie haben Freunde , die vornehme Gönner haben : nehmen Sie die Mamsell Jule , die Frau Rathsdienerin Spieß geworden ist , und damit stichelte ich auf den Bartusch , der doch die Jule Spieß zur Rathsdienerin gemacht hat ... durch einen Rathsdiener und Executor , der sich nichts daraus macht , daß Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider schenkt . Da gab Dir aber wol Nr. 17 eine Ohrfeige , die Auguste ? Was ? Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir über den Kopf gießen . Das ist ein Satan ! Und doch war der Alte ganz zornig , als er hörte , Nr. 17 ist ausgeflogen und hat uns blos die zerbrochene Kaffeekanne , den Spiegel und die Bettstelle zurückgelassen . Ich bin froh , daß sie fort ist ; tröstete sich Mullrich , der hier noch von einer defekten Kaffeekanne hörte ; ich bin froh ; durch die Person wäre noch einmal Feuer ausgekommen . Mit Nr. 86 haben wir so schon unsere Noth , daß der nicht einmal die Häuser ansteckt , wenn er die Nacht auf die Dächer ... Sei still von Dem , Mullrich . Sei still ! Es ist mir immer ängstlich mit Dem ! unterbrach seine Ehehälfte und schüttelte sich , als fröstelte sie ' s. Mit diesen vorsorglichen , fast erschrockenen Worten wollte sie überhaupt dies Gespräch abbrechen , aber der Diensteifer und die Dankbarkeit für den Justizrath Schlurck war für den Viezewirth zu anregend . Er fuhr fort : Ich möchte nur wissen , was die Justizraths mit 86 eigentlich haben . So ein grober , impertinenter , rothköpfiger Schlingel ! Schreiben kann er schön ! Das ist wahr . Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen . Aber seine Krankheit abgerechnet - - Er hat ' s ja nicht mehr . Sei doch still ! Sei still ! Mullrich ließ sich nicht irre machen und fuhr um so mehr fort , als er wußte , daß seine Gattin sich nur zum Schein gegen Schauerliches stemmte . Sie hörte gerade um so lieber von Dingen , die ihr über den Rücken liefen , je mehr sie sie abzuwehren suchte . Mullrich fuhr fort : Der Justizrath sagte gerade , er hat die Krankheit noch . Erst neulich hätt ' ers gesehen . Und so herzensgut ist der brave Mann , daß er mir sagte : Mullrich , sagte Herr Schlurck , der arme Mensch ist zu bedauern ! Er hat für seinen Stand viel gelernt , weiß Manches und hat Kopf . Er hat mein ganzes Herz gehabt , aber aus dem Hause mußt ' er ! Er stiehlt nicht , er ist ehrlich , Mullrich , sagte er , aber geizig und verschwenderisch , zänkisch , boshaft , je nachdem ' s kommt . Seine Krankheit ist sein Unglück . Sind die eisernen Stäbe auch noch in Ordnung , Mullrich ? sagte er . Ja , Herr Justizrath , sagte ich ; vier Stangen vor jedem Fenster ! Und ganz traurig wurde er , als ich ihm erzählte , wie wir sie ihm eingesetzt hatten auf Herrn Justizraths Kosten und was er für eine Miene gemacht hätte , als er eines Abends nach Hause gekommen wäre und hätte die Fenster vergittert gefunden . Da weint ' er fast , der Herr Justizrath . Ich ging zu ihm hinauf , sagt ' ich , Herr Justizrath , ich ging zu ihm hinauf und sagte : Musje Hackert , nehmen Sie ' s nicht übel , Musje Hackert , aber Sie sind ja vorgestern ordentlich auf dem Dach herum spazieren gegangen . Ein Freund von Ihnen wünscht Das nicht , daß Sie sich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen Denkzettel einmauern lassen , wenn Sie ' s vielleicht vergessen sollten , daß Das die Fenster sind ! Er sah mich grimmig an . Ich hatte aber Muth . Lieber Gott ! sagte ich , auf dem Dach ist ' s kalt , und wenn Sie auch noch so schön klettern können , Herr Musje Hackert , es bricht Einer doch mal den Hals . Was sagte er denn da ? fragte mich der Justizrath . Herr Justizrath , sagt ' ich , es ist ein recht tückischer , glup ' scher Kerl ! Nicht ein Wort hat er gesagt , hat auch nicht gefragt , wer dieser edle Freund wäre und nicht ein Wort hat er geantwortet über ' s Dachherumklettern und seine Krankheit . Aber wie gesagt , Herr Justizrath war ganz gerührt und wie gesagt , einen halben Thaler hat er mir geschenkt . Nun muß es aber doch anders sein , unterbrach Frau Mullrich diese etwas weitschichtige Erzählung und deckte den Tisch ab , wie auch das Bett , in das sich ihr von den gerührten Eiern angeregter Gemahl bald zu legen gesonnen war . Wie so anders ? Wegen der Anfrage von Bartusch . Der hat ja so grimmig über ihn hergezogen und hat doch gesagt : Ein Jahr Zuchthaus wär ' ihm nun gewiß ! Ei was ? Zuchthaus ? Es sind schlimme Sachen von ihm herausgekommen , hat Bartusch gesagt . Von Nr. 86 ? Wenn er sich nicht selbst davonmacht , könnt ' s ihm übel ankommen und er wollte ihm im Ernst rathen , daß er nun Paschol mache und am liebsten gleich weit ! War ich doch auf dem Criminalamte ... habe doch nichts gehört ... Ob er zu Hause wäre , frug Bartusch . Nein , sagt ' ich . Bis Mittag war Das . Da war ein Herr mit ihm gekommen , ein feiner , eleganter Herr - Mit Nr. 86 ? Ich sage Dir , ein ganz feiner , schöner , junger Mann . Wie ein Baron ! Die kleine Riekel Eisold hat erzählt , daß sich der Herr zwei Stunden oben zu ihm hingesetzt hat und immer geschrieben - Curios ! Dem Grauen hab ' ich den Mann beschreiben müssen . Er schüttelte dann den Kopf und sagte : Hackert muß fort ! Wann glauben Sie wol , daß ich ihn treffe , Frau Mullrich ! Das ist schwer zu sagen , Herr Bartusch , sagt ' ich . Aber seit die Eisolds oben Waisen sind , hat er den Hausschlüssel abgegeben , er wollte eigentlich um neun Uhr jeden Abend zu Hause sein . Ein paar Wochen ging ' s so , Herr Bartusch , sagt ' ich , bis er vor fünf bis sechs Tagen gar nicht mehr nach Hause kam und nun erst seit gestern ist er wieder da und so unruhig , daß ich nicht glaube , er kommt vor neun . Es wäre nicht das erste mal , daß er die ganze Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt . Ein Jahr Zuchthaus ! wiederholte erstaunt Mullrich , sich ausziehend und die Nachtmütze aufsetzend . Gewiß falsche Schreibereien . Er kann wie in Kupfer gestochen schreiben . Es soll mich gar nicht wundern , vermuthete seine Gattin , wenn Herr Bartusch noch in der Nacht kommt . Er hatt ' es zu eilig gehabt . Klopft es nicht draußen ? In der That hatte es an jener Thür gepocht , die von der Hausflur erst in einen Vorplatz führte , dem ein Kamin das Aussehen einer Küche gab . Mullrich , eben im Begriff in sein Bett zu steigen , sagte : Mach erst die Thür zu . Ich will schlafen gehen ! Indem pochte es wieder . Die Frau Vizewirthin lehnte die Thür an , die aus ihrer Schusterwerkstatt in die Schlafkammer führte . Mit den Worten : Es wird wol der arme Nagelschmied mit den Pinnen sein ! Er hatt ' es mit dem Gelde nöthig ! ging sie hinaus und stieg die Treppe hinauf , die zu der Hausthürflur führte . Wie unangenehm überrascht war aber Herr Mullrich , als er sich eben im Bett behäbig dehnte und seine Rühreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte , als seine Ehehälfte nach einigen Augenblicken rasch die Thür aufriß und mit erschrockener Hast und Eile und höchst ehrerbietig ihm zurief : Mullrich ! Mullrich ! Es ist der Herr Oberkommissär ! Fünftes Capitel Die Lauscherin O weh , dachte Mullrich , das raubt dir die Nachtruhe . Da soll etwas ausgeführt werden ! Indem hörte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner Frau gegen den Herrn Oberkommissär Pax , den sie zu unterhalten suchte , bis Mullrich sich leidlich angezogen hatte , eintrat und kleinlaut grüßte : Guten Abend , Herr Oberkommissär . Guten Abend Mullrich ! Es gibt wol noch etwas ? Der Oberkommissär Pax , ein militairisch sicher auftretender Mann , mit starker Baßstimme , sagte : Mullrich , ja ! Aber Sie können ein paar Stunden schlafen . Herr Pax , morgen früh um fünf Uhr hab ' ich schon Was ... Mit Kümmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustraße ? Weiß ich schon . Aber es ist heute Nacht großes Gartenfest in der Fortuna . Da gibt ' s allerlei Leute zu beobachten , die mir soeben signalisirt sind . Es hilft nichts . Sie können zwei Stunden schlafen . Um zwölf müssen Sie aber in die Fortuna , wo ' s bis zum Morgen hergeht . Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann können Sie sich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen . Hier sind ein paar Signalements , auf die in der Fortuna gepaßt werden soll . Ich werde selbst in der Nähe sein , aber incognito ... Mullrich nickte etwas verdrießlich und nahm einige dargebotene Papiere an sich , während seine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommissärs mit den ergebensten Interjectionen als : Schön ! Sehr schön ! Sehr wohl ! angenehm ausschmückte . Der Oberkommissär Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein seltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktischen Polizei . In jüngern Jahren Wachtmeister der Cavalerie , dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen , hatte er Veranlassung gehabt , der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen , die Heinrichson jetzt ihrer Gebieterin widmete . Aus ihrem Pflegling und Schützling war Pax eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden ; jetzt galt der vierzigjährige , sehr stattliche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben . Ihr verdankte er seine Anstellung , ihr eine sehr behagliche Existenz , die ihn jedoch nicht hinderte , seinen Obliegenheiten mit seltener Pünktlichkeit nachzukommen . Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhänglich und treu . Die Aussicht , einmal die aufgehäuften Ersparnisse der gefährlichen Matrone zu erben , spornte seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimräthin unterrichtet , wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte . Aber es gab noch manche andere Gelegenheit , sich seinen Gönnern dienstwillig zu erweisen . Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage , die er an Frau Mullrich richtete : Also die Maler-Guste ist ausgeflogen ? Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissär ? fragte die Alte . Auguste Ludmer ... Richtig ! Ha ! Ha ! Die Maler-Guste ! Hat sie den Namen ? Hier nannten sie die Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte . Ja , Herr Oberkommissär , vier Thaler , zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen ... Sie ist aber nicht nach Hamburg , sie ist hier ... Mullrich ... Mullrich war etwas schläfrig im Zuhören . Ja , Herr Oberkommissär , sagte er apathisch ... Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf . Ja ? sagte sie . Die Maler-Guste ? Nummer 17 ? Hörst du denn nicht ? Passen Sie in der Fortuna auch auf die Maler-Guste ... Sie soll auf ganz neue Sprünge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax . Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müssen ! meinte Mullrich , nun sich sammelnd . Seine Gemahlin schwieg jetzt . Sie kannte den Haß des Oberkommissärs gegen ein Mädchen , das mit vollem Rechte behaupten konnte , die Nichte der Madame Ludmer zu sein , während der Herr Oberkommissär , der sich den Neffen derselben nannte , nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden Maler-Guste in Anspruch nehmen durfte . Früher , als dies bildschöne Mädchen den Künstlern Modell stand und sich eines » soliden « Rufes erfreute , konnte ihr der Oberkommissär wenig anhaben ; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr gesunken war , hatte er Grund , eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen , wodurch sie zuletzt veranlaßt wurde , in diese dunkle , abgelegene Brandgasse , in diese armseligen Familienhäuser zu ziehen , wo es ihr schlecht genug ergangen sein mußte , trotzdem , daß sich Bartusch für ihre noch immer nicht ganz zu Grunde gerichtete Schönheit interessirte . Auguste Ludmer war durch eigenthümliche Schicksale , die wir noch näher werden kennen lernen , ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden , in die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrängnisse ein ursprünglich nicht schlechtes weibliches Wesen führen kann ... Der Oberkommissär schärfte Mullrich ein , ein » fixes « Auge auf die Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen , obgleich sie schon seit langer Zeit der Künstlerwelt entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen Bildern angehörte , zu denen sie früher die Anschauung ihrer schönen Formen geliefert hatte ... Es war schon völlig dunkel geworden , aber das scharfe Auge des Oberkommissärs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes , mit dem er in ziemlich naher Verbindung stand ... Ist Das nicht ? ... sagte er . Herr Schmelzing ! Soll ich rufen ? Herr Schmelzing ! Der Oberkommissär schärfte noch einmal die Signalements dem bewährten Vizewirthe ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten ... Teufel , steckt doch hier Licht an ! Man bricht sich ja den Hals bei Euch ! Frau Mullrich führte den Herrn Oberkommissär an ihrer eigenen pechschwarzen Hand durch die pechschwarze Finsterniß der Treppe , die aus dem Keller aufwärts führte , während ein grinsendes Gesicht von einer sich bückenden Gestalt auf der Hausflur in die Wohnung des Vizewirthes fragend niederschaute ... Mullrich hörte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissär die Honneurs machen . Beide verschwanden . Mullrich wollte , als seine Gattin zurückkehrte , nun seufzend und wehklagend in sein Bett zurückkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke , um die wichtigen Signalements hineinzulegen . Die verdammte Tänzerei da in der Fortuna ! brummte er zornig . Alle Welt schreit über Noth und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln , als wenn es Tresorscheine geregnet hätte . Leg ' mir nur den guten Leibrock heraus ! Im Staat soll man auch erscheinen , damit man nicht gleich die Zuchthausschlüssel bei Unsereinem rasseln hört . Das Elysium ist bankrott , sagte seine Gemahlin tröstend , die Fortuna wird auch nicht lange machen . Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat ! Das soll ja eine Pracht in der Fortuna sein ... Der Kümmerlein erzählt ja die blauen Wunder davon ! Mullrich schwieg . Seine Gemahlin war etwas eifersüchtig und hörte ungern , daß es in der Fortuna so wild und zügellos herging , ungern , daß dort Alles von Krystall und Bronze , gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte ... Mullrichs lustiger College , Kümmerlein , hatte ihr schon die verfänglichsten Sachen von der Fortuna erzählt . Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht . Die Gemahlin , die zwar von ihrem Gatten voraussetzte , daß er sehr tugendhaft war , von Kümmerlein aber oft gehört hatte , daß dieser die vielen delikaten Begegnungen seiner sittenbefördernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern und Abirrungen auszubeuten wußte , fragte : Was ist denn Das für eine Frau Schievelbein in der Neustraße ? Während Mullrich nun von einer Vermietherin brummte , von einer Haussuchung bei einem Maler oder Referendar , von Beschlagnahme von Bildern und ähnlichen ihm gegebenen Winken , schlug seine plötzlich etwas gereizte Ehehälfte Licht an und wollte eben die kleinen Läden der Kellerfenster schließen , als sie auf einen Tritt hinaufsteigend , überrascht äußerte : Sieh ! sieh ! Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der Straße und lauert . Der paßt auf 86 oder 87. Ich komme dahinter . 87 ist nicht ganz ohne . Das schlägt die Augen nieder und trübt kein Wasser und dem Riekel hab ' ich gleich angesehen , daß die Thür zwischen 86 und 87 aufgewesen ist . Wenn ich doch einmal dahinter käme - aber ! Du , Mullrich ! Du , Mullrich ! Schläfst du schon ? Schläft der schon ! Schnarcht schon wie ein Ratz ! Jetzt kann ich nicht hinauf zu ihr ... Schlaf du und noch Einer ! Hör ' ! Wie er sägt ! Die Eier machen ihn immer schläfrig . Er soll auch nicht so starkes Bier haben , wie seit ein paar Tagen . In der Fortuna mag ich ihn gar nicht . Bei dem verdammten Hitzreuter gibt ' s Punsch und Kuchen . Und so traktirt werden die Polizeidiener da , daß ihnen zu Hause nichts mehr schmeckt . Kümmerlein ist verdorben genug ... Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst , indem sie ihr Dreierlicht ausputzte und sich anschickte , ein paar alte vom Trödel gekaufte Pantoffeln durch hintern Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln . Sie setzte für diese einem ihrer Miethsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf , nahm ihr Dreierlicht und stellte es hinter eine Glaskugel , die mit Wasser gefüllt war und an einem Riemen auf einer pyramidenförmigen Erhöhung einer Schusterbank stand . Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund und klar auf den in einen neuen Schuh zurückzuverwandelnden alten Pantoffel . Dabei richtete sie durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den draußen wartenden Herrn den Blick . Dieser stand mit einem leichten Spazierstöckchen und schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen , wenn er nicht alle die Menschen musterte , die in der geräuschvollen , menschenüberfüllten Straße an ihm vorübergingen oder in Nr. 9 selbst eintraten . Frau Mullrich achtete schon auf diese letzteren nicht mehr . Erst um 10 Uhr , wenn sie das Haus schloß und die Pfennige bezahlt werden mußten , fing eigentlich ihr großes Controlegeschäft an . Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar , dem sie , von ihrem Schemel aufspringend , durch das Fensterchen , das zur Hausflur führte , nachrief : Heda ! Line ! Willem ! Ein Knabe von zwölf Jahren in einer Blouse und ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren wandten sich um und blickten niederwärts zu dem kleinen Schaufenster der gefürchteten Vizewirthin , vor dem man in diesem Hause gern rasch vorüberschlüpfte . Da steht er ja vor der Thür ... sagte die Alte . Wer ? fragten die Kinder . Der Herr , der zu Eurer Louise wollte ! Zu Louisen ? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn , um einen solchen Herrn , der zu seiner Schwester Louise wollte , sich erst anzusehen . Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger Entfernung auf und ab . Zu Louisen kommt kein Herr ! sagte Wilhelm fast verächtlich zu Frau Mullrich und ging weiter in den Hof . Linchen ! Linchen ! rief aber die neugierige Vizewirthin mit verstärkter Stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenster ... Linchen , wie Mädchen , neugieriger , blieb stehen und folgte nicht so rasch dem Bruder . Linchen komm '