geheimen Ausgang gehabt haben , wer nur wüßte , wo ? - Eine ganz sonderbare Nachricht verbreitete sich unlängst . Ein Reisender wollte nämlich in einem kleinen Gebirgsstädtchen im Hohenzollern-Hechingenschen einen Mann , genau aussehend wie unser Held , mit einer ältlichen Dame lustwandeln gesehen haben . Auf Befragen hatte man dem Reisenden gesagt , jener Mann heiße Münch , genannt Hausen , lebe vom Ackerbau , sei ein nützlicher Staatsbürger , guter Gatte und würde ohne Zweifel ein ebenso guter Vater werden , wenn seine Frau noch Kinder bekommen könnte . Wäre dieser unschädliche Acker- und Staatsbürger wirklich Freiherr von Münchhausen , so hätte sich in unserer lehrreichen Geschichte gerade das Gegenteil von dem ereignet , was in anderen Geschichten vorzukommen pflegt . Denn in denen werden meistens alle Vernünftigen toll , in der unsrigen aber wären durch tüchtige Eingriffe des Lebens , sei es mittelst Nichtachtens auf die Schrolle , sei es mittelst Fallens auf den Kopf , oder mittelst Wiedererscheinens einer alten Geliebten , alle Tollen oder Halbtollen vernünftig geworden . Gewiß ein tröstlicher Ausgang ! Mit Wehmut wende ich mich zu Ihrer Frage nach Karl Buttervogel . Dieser praktische Charakter ist leider an seiner einzigen Schwäche untergegangen , er starb nämlich am Übermaß von Gründen . Das ging so zu . Bald nach dem Verlassen des Münchhausenschen Dienstes fand er eine neue Herrschaft , bei welcher er auch mit Pferden umgehen mußte , d.h. er wurde zugleich Kutscher . Einstmals fuhr er nun in einem holprichten Wege so schlecht , daß ihn sein Herr heftig anließ und ihn fragte , warum er nicht im Geleise bleibe ? Karl hätte hierauf einfach antworten sollen , daß er gen Himmel , statt auf die Straße gesehen habe . Er wandte aber den Kopf rückwärts und trug dem Herrn unaufhaltsam eine Fülle von Gründen vor . Da schlug der Wagen in ein tiefes Loch , Karl stürzte vom Bock , fiel vor das Rad , dieses ging über ihn weg und jämmerlich kam er um . An seinem Grabe weint Rieke aus Stuttgart , die er geheiratet hatte , mit zwei unmündigen Kindern . Ich weiß , daß auch Sie seinem Andenken eine Träne zollen werden . Was das optische Glas zu lesen gegeben , kann ich Ihnen nicht sagen . Es liegt unter den Trümmern des Schlosses , die nicht hinweggeräumt worden sind . Habe ich Sie nun zufriedengestellt , lieber Herr Buchbinder ? Der ich mit aller Achtung usw. N.S. Beinahe hätte ich den Oberamtmann vergessen . Eine Geschichte mit so vielen Personen ist wie ein Wirtshaus voll Gäste . Bei der pünktlichsten Aufmerksamkeit wird doch immer der und jener sitzengelassen . Er kam aus dem gewerbfleißigen Wuppertale zurück , schon sehr verstimmt , denn von der Assise hatte er nichts zu sehen bekommen . Den ersten Tag seines Dortseins konnte er nämlich wegen Überfüllung des Saales mit Menschen nicht hinein , am zweiten Tage wurde eine Sache bei verschlossenen Türen verhandelt und am dritten eine ausgesetzt , weil der Hauptzeuge fehlte ; womit die damalige Quartalsitzung schloß . Als er nun gar seinen Freund , den er brautlos erwartete , vermählt wiederfinden mußte , kannte sein Zorn keine Grenzen . Aber die Ehe saß wirklich wie ein guter Riegel fest und spottete jeglicher Bemühungen , sie hinwegzuschieben . Er reiste auf der Stelle ab , hat sich in den Schwarzwald vergraben und nichts mehr von sich hören lassen . Sein Glaube an die Menschheit soll sehr gesunken sein und Clelien nennt er , wie man sagt , nur Armiden , die listige Verführerin . Oswald hofft indessen doch noch ihn auszusöhnen . II Du fragst mich nicht nach den komischen Leuten , obgleich Du , lustig wie ein Knabe , an ihnen Dein Ergötzen hattest und Dich selbst nicht scheutest , über » den gemeinsten aller gemeinnen Bedienten « wie Du ihn nanntest , zu lachen . Du fragst mich nach Oswald und Lisbeth . Ihre Geschichte sei ja noch nicht aus , sagst du . Nein , ihre Geschichte ist auch nicht aus , sie hat erst begonnen . Ich hätte nicht solchen Anteil beiden gewidmet , wenn sie zu denen gehörten , deren Blüte das Läuten der Hochzeitglocken zu Grabe läutet . Die Geschichte ihres Herzens und innersten Geistes nahm von dem Segen des Priesters den Ausgang . Ein zu frühes Beieinandersein der Liebenden hat etwas Ungeschicktes . Das Leben ist nun einmal roh , es trennt mehr , als daß es verbinde . Der Tag wirft viel Schaum und trübe Flut zwischen zwei Herzen , die noch nicht gelernt hatten und auch unter solchen Umständen nicht lernen können , miteinander vertraut zu sein - denn auch das echte Vertrauen will gelernt werden . Daher kommt es denn , daß die meisten einander zu fremd und doch zu nahe in den Ehestand treten . Und so entsteht die trübe und unreine Gestalt vieler Ehen . In manchem Zufälligen hatten die Verbundenen das Wesenhafte zu finden gewähnt , das nimmt Abschied , und nun klagen sie über bittere Enttäuschungen , wo sie im Gegenteil sich vielleicht der Entfaltung eines Wesenhaftesten zu erfreuen hätten . Unser Paar wurde durch anscheinendes Mißgeschick über diese gefährliche Sandbank des Lebens hinübergespült . Draußen , in Wald und Feld , außer dem Pferch der Zivilisation hatten sie einander gefunden , hatten einander vor aller Bekanntschaft geliebt , der Blitz der Ahnung hatte dem einen des andern ewiges Sein und Werden erleuchtet . Aber nun galt es , den kostbaren Gewinn für die Erde zu festigen . An dem Tage ihres Bundes wurden sie getrennt ! Trauriges Los , glückseliges Los ! In Sehnsucht und Wehmut , in zartem Harren und Darben lernte nun eines des andern Tiefstes aus ; das Feinste und Wahrste der Seelen , der Blütenstaub des inneren Menschen wehte hinüber und herüber . Die Leidenschaft konnte nicht aufkommen , denn die Hoffnung , festgeankert auf dem Grunde des Sakraments , hielt sie mit sanfter Hand nieder , die Ferne zeigte jedem die zweite teure Gestalt in verklärten Umrissen . Daher kannten sie einander , als er ihr bei Rotterdam aus dem Boote half , aber sie kannten einander in der edelsten und köstlichsten Weise . Den ewigen Menschen hatte eines in dem andern erschauen gelernt , nicht den zufälligen . Die Begeisterung des ersten Liebesrausches hatte die süßeste und zugleich die ernsteste hohe Schule durchgemacht . In allen Tiefen des Bewußtseins hatte sich das Aufjauchzen des Gefühls als hohe Vernunft wiedergefunden . Und nun haben sie einen Glauben , den nichts erschüttern kann . Wenn der Tag seinen Schaum heranspült und das Bild des Liebsten verunreinigt ; wenn die Laune kommt und das Sonderbare , Dumpfe , so sprechen sie : Das ist nicht Oswald , das ist nicht Lisbeth , das ist der Zufall . Eines ist für das andere nur da in der schönen Figur jener akademischen Zeit ihrer Liebe . Nach allen Seiten hin erbaut sie die Ehe , die den Namen einer heiligen verdient . Denn sie haben einander einen Doppelschwur geleistet ohne Worte . Eins wollen sie sein und bleiben , aber eins im Leben und in der Welt , nicht sich versteckend vor Leben und Welt . Mit Liebe wollen sie den stumpfen Widerstand der Materie überwinden . Der ist groß . Denn ihr Schritt hat freilich in alle Verhältnisse den tiefsten Riß gemacht . Man läßt Lisbeths Liebenswürdigkeit zwar gelten , aber das Findelkind bleibt ihnen doch ein Findelkind . Die Bekannten haben gestutzt , die Freunde getrauert , die Familie ist außer sich gewesen , habsüchtige Vettern schielten froh nach der Zukunft . Zwischen diesen dürren Klippen , in solcher Wildnis ist ihnen die Aufgabe gesetzt , den Garten eines schönen , fruchttragenden Lebens auszusäen . Daher hat denn ihre Geschichte nur erst begonnen . Überallhin müssen sie sich aufstellen , jeden Schatz aus sich zutage fördern , sie müssen sich vollenden für die Welt und für die Zwecke der Welt , um das Recht des Herzens darzulegen . » Eine Liebesgeschichte und nichts weiter ! « werden manche sagen . Wenn es nichts weiter wurde , so ist daran meine geringe Fähigkeit , nicht mein Sinn schuld . Mein Sinn stand darauf , eine Geschichte der Liebe nachzuerzählen , der Liebe zu folgen bis zu dem Punkte , wo sie den Menschen für Haus und Land , für Zeit und Mitwelt reif , mündig , wirksam zu machen beginnt . Deine Seele hat manchen Gedanken von mir in sich empfangen , Du hast ihn gepflegt und mir schöner zurückgegeben . Von Dir vernahm ich zuweilen erst , was ich eigentlich gedacht hatte . Höre denn auch jetzt , was meine rauhe und ungestüme Lippe Dir zustammelt ; pflege es in einem feinen , guten Gemüte . Unsere Zeit ist groß , der Wunder voll , fruchtbar und guter Hoffnung . Aber irr und wirr taumelt sie noch oft hin und her , weiß die Stege nicht und plaudert wie im Traume . Das rührt daher , weil das Herz der Menschheit noch nicht wieder recht aufgewacht ist . Denn nicht abhanden kam der Menschheit das Herz , es ward nur müde und schlief etwas ein . Im Herzen müssen sich die Menschen erst wieder fühlen lernen , um den neuen Weg zu erkennen , den die Geschlechter der Erde wandeln sollen , denn vom Herzen ist alles Größte auf Erden ausgeschritten . Moses sah an das Elend seines Volkes und führete es hinweg ; Christus wollte sein göttliches Licht nicht für sich behalten , sondern in überströmender Liebe gab er es seinen Brüdern ; nach dem heiligen Grabe lechzete die durstige Brust der Kreuzfahrer , Luther tat mit seinem Herzen die tiefe Frage nach der ewigen Seligkeit , vor welche sich schmauchende Kirchenkerzen gestellt hatten , die von Meßgewändern und Weihrauchwolken verhüllt war . Wenn ich aber das viel gemißbrauchte und deshalb übel berufene Wort brauche , so weißt Du , daß ich damit nicht den schlaffen , von der Empfindelei getauften Muskel meine , der in einer Flut matter Tränen schwimmt . Das volle , starke Herz meine ich , vom Atem Gottes und göttlicher Notwendigkeiten durchweht und begeistet . Ich meine das Herz , welches das schöne Weib des Kopfes ist . Von ihm wird es befruchtet und gibt die Kraft seines Mannes und Herrn wieder als göttliches Kind mit tiefen welterlösenden Augen . Dieses Herz erscheint den Schwachen nicht selten kalt und roh , und doch ist es das Wärmste , was es gibt , denn es entzündet mit seinem Brande die Völker . Und das Zärteste ist es auch , denn nicht irdische Stümper rühren es , sondern die Himmlischen spielen darauf , wie auf einer Äolsharfe , und es tönet seine ewigen Akkorde unter den Fingern der Elohim . Unsere Zeit ist ein Kolumbus . Sie sieht wie der Genueser mit den Blicken des Geistes das ferne Land hinter der Wüste des Ozeans . Desselbengleichen erlebt sie die Geschicke des Kolumbus . Auch ihr laufen die Kinder nach , halten sie für wahnwitzig und zeigen an den Kopf . Auch sie steht vor manchem Rate von Salamanca und soll sich aus Kirchenvätern widerlegen lassen . Auch heuer gibt es diesen und jenen heuchlerischen Johann von Portugal , der ihr das Geheimnis abgekauft zu haben wähnt und die Karavelle aussendet von den Inseln des Grünen Vorgebirges , aber nach vierzehn Tagen den schlechten Bootsmann entmutigt wiederkehren sieht . - Sie hat die Anker gelichtet und steuert und steuert . Aber der Genueser hatte die Bussole am Bord und nach der richtete er sein Schiff und ließ sich nicht irremachen , als die Nadel unter entlegenen Graden abzuweichen begann . Die Nadel zeigte ihm den Pfad . In das Schiff der Zeit muß die Bussole getan werden , das Herz . Und keine Abweichung muß den Seefahrer irren , wenn die Reise immer weiter und weiter vordringt . Dann wird nach verzweiflungsvollem Hoffen und Harren plötzlich in einer Nacht vom Schiffe : » Land ! « gerufen werden , und die Insel San Salvador wird nächsten Morgens entdeckt daliegen , wild , üppig , mit großen und schönen Wäldern , mit unbekannten Blumen und Früchten , von reinen , lieblichen Lüften überhaucht und umspült von einem kristallklaren Meere . - Und es kann sein , daß auch die Zeit nach Ophir und nach des Tartarkhanes Gebiete entsteuert zu sein wähnet , und in diesem Wahne , ein erhaben phantasierender Kolumbus , abstirbt , und daß erst spätere Jahre erfahren , Amerika sei an jenem Morgen entdeckt worden . Fußnoten 1 So heißt in manchen Gegenden ein Strick . 2 Ausdruck für Brotherr . 3 Provinzialismus für : Mädchen . 4 Abgekürzt für : Brigitta . 5 Soll wohl heißen : geschlagen . 6 Er meint vermutlich den Vorfall , den die Erbstatthalterin in den holländischen Unruhen auf ihrer Reise nach dem Haag erlebte . 7 Bei den Hochzeitmahlzeiten der Bauern in dortiger Gegend warten der Bräutigam und der Schulmeister auf ; sonst niemand . 8 Vermutlich sind hier die rastlos schwirrenden grauen Nachtfalter mit dem fischschweifartigen Hinterleibe genannt . 9 Ist nun auch schon veraltet . - Doch wer weiß ? 10 Unbegreifliches Verfahren ! Warum setzte er die Interessenten nicht von der ihrem Meister und Freunde drohenden Gefahr in Kenntnis ? Sie würden sich mit ihm gegen die Feinde verbündet haben und nachher hätten sich die allseitigen Ansprüche ordnen lassen . Statt dessen verliert er die Zeit mit unnützem Protokollieren ! Es ist offenbar , daß sein erster Fehlschritt ihm das klare Bewußtsein von der Lage der Sache getrübt hatte . 11 Die Umgrenzung des zu einem Hof gehörigen Feld- , Wiesen- und Baumgrundes . 12 Anfall von Schlagfluß .