. Ob Ihr mich am Gewande zupft , oder mit dem Ellbogen tippt , es ist ja doch wahr . Von dieser Tafel ginge ich zum Kloster , wenn es dem Junker frommen möchte , - und nimmer , .... ach mein Gott , gewiß nimmer würd ' es mich gereuen . « - Die Edelfrau warf einen halb lächelnden , halb mißbilligenden Blick auf Reginen , die das von stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt , und Dagobert konnte nur , von seltsamen Gefühlen befangen , erwiedern : » Um die Rosen Eurer Jugend wäre es Schade , mein liebliches Fräulein . Solcher Liebreiz ist zu gut für ' s Kloster . Seyd indessen bedankt , daß Ihr mir ein theilnehmend Herz erschlossen , « fügte er nach kurzem Schweigen hinzu : » Das Bewußtseyn , von Euch bemitleidet zu werden , soll der Engel seyn , der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schicksal erlesenen , freiwillig gewählten Kerker . « - » Ist das die Rede eines jungen Deutschen ? « fragte Diether , der die letzten Worte des Gesprächs vernommen hatte : » Ist das eines jungen Reichsstädters , eines Altbürgers Sprache ? O , mein Sohn , wie schmerzlich betrübst Du Deinen Vater . Bedenke : mein Gewissen , - das des greisen Mannes ist ruhig geworden , da alle Zweifel beseitigt wurden , und der heilige Vater Dir die Wahl freigestellt , und Dein Starrsinn verschmäht die Huld der Kirche . « - Dagobert erwiederte einige Worte der Beruhigung , und versuchte , dem Vater vorzustellen , daß er weniger in ohnmächtigem Groll gegen das Schicksal handle , als nach innigem Pflichtgefühl . Diether schüttelte ungläubig den Kopf , und versank in jenes Zuhören , das nur das Ohr in Anspruch nimmt , ohne den Verstand zu überzeugen . Plötzlich wurden aber seine Züge lebhafter ; Frau Margarethe , die , den Schlüsselbund an der Seite , als geschäftige Hauswirthin um die Tafel ging , gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen , und deutete verstohlen auf die Thüre des Nebengemachs . » Sieh , wie unsere Gäste froh sind ! « sprach Diether , Dagobert ' s Hand fassend : » Die zahlreichen Trinksprüche , die der Hülshofen ausgebracht , haben die Köpfe erhitzt , und der Mund geht über in raschem Gesprächsel . Die Frauen sind nicht minder lebendig geworden , und schmausen plaudernd die venedischen Mandeln und Weinbeeren , die in Fülle vor ihnen stehen . Alles ist froh bei diesem Doppelfeste , an welchem ich Deiner Mutter ersten Lebenstag feiere , wie meinen zweiten Hochzeitstag , damit Jedermann sehe , daß ich meiner Frauen Unschuld erkannt , und sie wieder aufgenommen habe , in mein Herz , in meine Arme . Laß mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufügen : lasse sie auch das Fest Deiner Befreiung seyn . Komm mit mir , mein Sohn . Die Männer vermissen nicht den Wirth , die Frauen nicht die Hausfrau ; uns bleiben einige Augenblicke . O , daß sie günstig währen für uns , wie für Dich ! « - Er zog , rasch aufstehend , seinen Sohn schnell mit sich in ' s Nebenzimmer , wohin auch Frau Margarethe folgte . Dagobert , der nicht wußte , wie ihm geschah , und was alles dieses zu bedeuten haben möchte , prallte an der Thüre vor Erstaunen zurück , da er im Hintergrunde des Gemachs auf einem Lehnsessel ruhend , eine bleiche Frauengestalt erblickte , deren Gesichtszüge man früher genau gekannt haben mußte , um in ihnen diejenigen der , ehemals so reizenden , Wallrade wieder zu finden , Von Diether ' s , wie von Dagobert ' s Anblick bewegt , erhob sich die Jammergestalt , unterstützt von der hülfreichen Oberin des Weißfrauenklosters , die mit der Freundin gekommen war , und streckte die Hände dem Vater entgegen . » Endlich sehe ich Euch wieder , mein Vater ; « sprach sie mit annoch sehr schwacher Stimme : » Nachdem Eure Hände segnend mein Haupt berührt hatten , da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien , entzogt Ihr mir Euern Anblick , und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von mir , denn Ihr fühltet Euch nur stark genug , der Sterbenden , nicht der Lebenden zu verzeihen . Ich murrte nicht gegen Euern Entschluß ; ich habe Euern Zorn verschuldet . Aber zürnt mir nicht , daß ich nach einem Mittel forschte , Euern Unwillen zu mildern . Frau Margarethe , die gute Frau , die ich bisher schmählich mißkannt , und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat , wie ein helfendes Engelsbild , zollte meinem Vorsatze Beifall , und ermuthigte mich , zu Euern Füßen mich zu werfen , daß ich Vergebung erhalten möge . « - Der gerührte Vater hinderte Wallradens Kniebeugung , und ermahnte sie liebevoll , auf ihrem Sessel zu verbleiben , und nicht ihm , der schon von Allem wisse , sondern dem Bruder zu verkünden , was sie , von Gott erleuchtet , beschlossen habe , und bereit sey , zu vollführen . - Erwartungsvoll sah Dagobert auf die entstellte Schwester , die , wie ein Bild des Leides ihn eine kleine Weile stumm betrachtete , und nachdem die in ihrem Antlitz aufgestiegnen düstern Schatten verdämmert waren , also begann mit langsamen Worten aber vernehmlicher Stimme : » Obgleich , mein Bruder Dagobert , eine Mutter uns gebar , so haben wir uns dennoch nie geliebt , und es wird einst dort oben zur Sprache kommen , wessen Schuld es gewesen . Indessen hat mein unglückselig Geschick mir durch die Schreckensthat , die an mir verübt worden , den Fingerzeig gegeben , daß man noch hienieden selbst die Hand zum Frieden und zum Guten bieten müsse , weil die Zeit verinnt , und schnell herbeikömmt der Tod . Verzeihe mir daher , mein Bruder , so ich Dich beleidigt . « - » Auf Deinem Schmerzenslager habe ich Dir vergeben , Dich gesegnet ; « erwiederte Dagobert : » ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich . « - » So nimm auch ein Geschenk von mir ; « fuhr Wallrade fort . - » Was Deine Liebe mir zugedenkt ; « entgegnete Dagobert : » mein sey es , und ich will Dir ' s danken , als ein Pfand unsers Geschwisterbundes . « » Du schwörst mir , daß Du nichts verschmähst , es sey auch noch so dürftig und gering , oder noch so köstlich und begehrenswerth ? « - » Ich schwör ' Dir ' s zu , Schwester ; « antwortete Dagobert rasch , und über die Gesichter aller Anwesenden ging die Sonne der Freude auf . - » So empfange von mir Deine Freiheit ; « sprach gewichtig und betonend Wallrade : » Unser Vater verzweifle nicht kinderlos . Bleibe Du ihm , da sein lieberer Sohn ihm starb . Des Papstes Brief läßt zu , daß Mann oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete . Ich thue das Gelübde an Deiner Statt , und löse also das Deiner Mutter , die auch die meinige war . « - Das hatte Dagobert nicht gedacht ; unüberlegt hatte er sich in der Betheuerung fangen lassen , und suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen , ob Wahrheit , ob Lüge sie sprach . Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich , als wie aus Stein geformt , und dankend umarmte sie Margarethe , und dankend schüttelte ihr der Vater die Hand , obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Berührung des Absterbens ihres kleinen Johannes . Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin , und reichte hierauf ziemlich kühl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine Rechte . - » Ich will wohl glauben , « sprach er , » daß das Vergangene Dein Herz gewendet , Schwester . Ein Erdstoß stürzt ja auch Felsen ein . Allein , die Art , wie Du das Gute thust , ist ganz der Schlangenlist ähnlich , die Dich früherhin beseelt . Du hast mich in einer Schlinge gefangen , und zerstörst grausam das Gebäude eines wehmüthig stillen Einsiedlerglücks , daß sich meine Einbildung in die Zukunft hinein , aus der Welt hinaus gebaut hatte . Ich müßte nicht ein Mann seyn , dem sein Wort heilig ist , ich müßte nicht die Freudenthränen meines Vaters , meiner zweiten Mutter sehen , wenn ich länger unerbittlich bleiben sollte . In Gottesnamen denn ! geh ' hin an meiner Statt , und diene dem Herrn , aber diene ihm ohne Falsch , mit redlichem Herzen . Erwarte aber keinen Dank von mir , denn ihr Alle , die ihr mich liebt , ihr raubt mir die Ruhe , die ich hoffte , und schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens , auf dessen schönsten Fluren mir dennoch ewig das Schönste fehlen wird . « - Nicht wie einer , dem eine wohlthätige Hand die unverdienten Ketten abgenommen , - nein ; - wie ein Knecht , den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen , ging er zu der Versammlung zurück . - » Kehrt Euch nicht an den Sonderling , Wallrade ! « sprach zu dieser entschuldigend Margarethe : » Wir achten oft eine Wohlthat gering , die wir nachher nicht hoch genug zu schätzen vermögen . « - » Laßt das , liebe Frau ; « erwiederte Wallrade kalt : » Nicht ihm zum Guten , sondern mir zu Liebe thue ich das , was ihm mißfällt . Mein Gewerbe ist jetzo hier vollendet , darum , Vater , bitt ' ich um ein tröstend Aschiedswort , und sag ' Euch Lebewohl . « - » Wie ? « fragte Diether besorgt : » Schon willst Du scheiden ? nicht den Freunden unsers Hauses diejenige zeigen , deren Aufopferung mir den Erben erhält ? « - » Wo denkt Ihr hin , Vater ? « fragte Wallrade bitter lächend entgegen : » Mein abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis der Fröhlichen . Ihre Blicke , ihr Flüstern , ihr Achselzucken würde mir den Tod geben . Ich gehe zu meiner Zelle zurück . « - » Aber , Wallrade , « - redete Margarethe sanft in ihr Ohr : » wollt Ihr nicht wenigstens den Knaben sehen , der Euch angehört ? Euern Johannes ? « - Da fuhr Wallrade empor , und schoß einen Blick auf Margarethen , daß diese zusammenfuhr , denn alle Flammen einer auflodernden Hölle sprühten daraus ihre Funken . Dabei schüttelte sie heftig den Kopf , und rief aus gepreßter Brust : » Nein ! nein ! nimmer ! in Ewigkeit nicht ! « - Während sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog , daß er gänzlich verhüllend herabfiel über die drohende Gestalt , und das noch drohendere Antlitz , faßte Margarethe den staunenden Diether bei der Hand , und zog ihn hinweg aus der Thüre . » O kommt ! « flüsterte sie : » Ich fürchte mich . Gewiß hat sie sich nicht ganz gebessert , denn unmöglich kennt ein Mutterherz solche Härte und Grausamkeit , hat es die Sünde nicht versteinert , « - Eben so kopfschüttelnd , als Diether seiner Gattin folgte , also blickte die Oberin Walburg , die Freundin an , da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren . » Erkläre mir doch das größte Räthsel , « sprach sie mit forschendem Auge . » Wallrade erkläre Dich selbst ; denn ich höre auf , Dich zu begreifen . Wo ist die Weichheit hin , die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklärte , und jedes Deiner Worte in Honigseim tauchte ? Wohin die Liebe , die Du damals für den Sohn aussprachst , den Du mißhandelt ? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines Vaters Hause ? Die gottgeweihte Magd , - die , die sich selbst hingibt , um Andrer Willen , zum Sühn- und Löseopfer , - in Dir habe ich sie nicht erkannt . Deine Liebe scheint von Erz zu seyn , die Wohlthaten , die Du spendest , - obgleich ungezwungen und freiwillig , - sie erwecken Grauen . Mir selbst erscheinen sie , wie verhängnißvolle Gaben , die das Verderben unter angenehmer Hülle bergen , und fast möchte ich lieber der Knabe seyn , den Du so unmütterlich verwirfst , als zu Jenen gehören , die sich Deiner Liebe erfreuen , wie die , welche wir verlassen haben . « - Wallrade lächelte hierauf nachdenklich und arg , und versetzte unbefangen : » Der Geist , mit dem wir in ' s Leben traten , begleitet uns auch bis zum Grabe , und ist unterthan dem Körper , obgleich dieser nur ein Leib aus Staub und Asche ist . Sind unsre Glieder schwach , so erlahmt auch Wille und That . Sind sie stark , so erstarkt auch unsre Seele . Daraus erkläre Dir selbst , meine Freundin , die mich schon seit meiner frühsten Jugend kannte , wie ich in meinem Siechthum so ganz anders reden und handeln konnte , als ich früher that , und ferner thue und reden werde . An den Pforten des Todes war ich nicht mehr Wallrade , - nur ein zur Grube taumelndes , irrdisch , schwaches Weib . Aber , so wie die Kräfte wuchsen , so kam auch der alte Geist wieder zurück , und obgleich noch nicht völlig hergestellt , so spüre ich doch die ehemaligen Gefühle wieder die Flügel regen , und ich werde seyn wie ehemals . « - » Du wirst mir unerklärbarer ; « schaltete Walburg ein : » Du , wie ehemals ? Du , mit Deinem Hange zu den Freuden der Außenwelt , willst in ein Kloster Dich verkriechen , und dennoch seyn wie ehemals ? « - » Glaube mir , « antwortete Wallrade . » Der elende Mörder hat mich nicht zum Tode getroffen , aber an seinem Eisen blieb die Blüthe meines Lebens . Weg aus der Welt mit der Unvermählten , deren Rosenwangen und Körperschönheit zu Grabe ging . Dem schönen Weibe gehört die Welt mit ihren Königen und Helden ; der Verblichenen ein Altar und hinter demselben ein spätes Grab . Und ich vollends .... ich , übermannt von der Last von Vorwürfen , die die Welt auf mich geschleudert , weil böse Zufälle und ein tückisches Geschick mich zu Boden warfen ; ... ich sollte wieder hinaustreten in diese Welt ? Nimmermehr ! Ich werfe mich in die Arme der Kirche , - doch nicht als reuige , bußfertige Sünderin : eher würd ' ich sterben . Aber segnen , benedeien müssen mich noch diejenigen , die ich hasse , und bis zum Grabe hassen werde . Die Hand müssen sie noch küssen , die sie züchtigt , und laut ausrufen : Sie ist unsere Wohlthäterin geworden ! Wir haben sie verkannt . Indem ich mich also aufopfere für das Beste dieses Bruders , so bereite ich mir einen Heiligenschein , und jenen in der Brust eine glimmende Hölle . Bleibt Dagobert im Vaterhause , so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstörbares Nest , Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch , und Dagobert selbst , der in seiner Schwärmerei im Kloster glücklich geworden wäre , wird der Unglücklichste der Sterblichen . Durch diesen Schritt werfe ich dem Prälaten , der sein früheres Wohlseyn nicht benutzt hat , wieder den Maierhof zurück , den er mir einstens überlassen ; und mich ergötzt ' s , daß er , der mich an alle Fürsten verkauft haben würde , um seinen Beutel zu füllen , jetzo mir ein dürftiges Almosen danken muß . Die nichtswürdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhön weise ich somit gänzlich an die Mildthätigkeit der Blutsfreunde , und bin freier in meinem Kloster , als ich es vielleicht jemals außer demselben war , lebe meiner Behaglichkeit , und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden . « - » Hör ' auf ! « bat Walburg : » mir zittern die Glieder , so ich Dich anhöre . « - » Meiner Freundschaft verdanckst Du diese seltne Aufrichtigkeit ; « entgegnete Wallrade ernst : » von Deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld , Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung . Eine andre Lebensfrist beginnt hierin für mich . Herab vom Himmel will ich Rache flehen , und wie die Ritterdame vom Söllen einem Turniere , so aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen , das ein unbeugsam Geschick über meine Feinde verhängen wird ; ... und somit , Freundin , Oberin , laß die Kirche schmücken zum Empfange einer neuen Braut , raube mir die Locken , in welchen sich schon manch Gewaltiger hing , ziere mich mit dem Kranze , und dann : Salve Regina ! « - Elftes Kapitel . Die weite Stadt faßt nicht die Zahl der Gäste , ..... Schiller . So sehr lieblich auch der Lenz gewesen war , so stellte sich doch der Sommer ein , als ein glühender Gast , der Fluren und Matten versengte , Bäche austrocknete , und den verschmachtenden Menschen und Pflanzen kaum einige kühle Nachtstunden zur Erholung gönnte . Indessen , je mehr er andauerte , je mehr ließ er wieder nach , von seiner brennenden Strenge , und ein heiterer gewitterleerer Spätsommer entschädigte für des Augustmonats entsetzliche Hitze . Darum strömten auch , wie neubelebt , aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde , zahlreiche Schaaren zu der alten Herbstmesse , die zu Frankfurt wieder eingeläutet wurde , und sie versprach , weit glänzender zu werden , als in vielen vergangenen Jahren . Die Züge der Kaufherren , die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt , des Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen , überboten sich an Zahl und Reichthum . Nicht bloß die Städte am mächtigen Rheinstrome , von Basel beginnend bis gen Cöln , sandten ihre besten Handelswaren , nicht aus dem reichen Nürnberg und Augsburg , oder aus den gewerbfleißigen Niederlanden allein eilten die Fürsten des Handels herzu , sondern auch aus weit entlegnern Landen fanden sich Käufer und Verkäufer ein . Wälschlands Werkherren , die Gevertschen aus der Lombardei , und die Wechsler aus Burgund , die Stahlarbeiter und Wollentuchhändler aus Engelland , die Pelzverkäufer aus den nördlichen Reichen , dem fernen Polen , und dem noch fernern Reußenland , der mächtigen Stadt Neugart , füllten die Gewölbe Frankfurts mit ihren Waaren , und genossen freundliche Aufnahme in der von Menschen aller Völker wimmelnden Stadt . Bis unter die Lucken der Dächer lebte und webte jedes Haus , und dennoch schien die Zahl der Gebäude zu klein , um all die Gäste zu fassen , denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager von lustigen Zelten , und auf den Gassen drängte sich unaufhörlich ein rastlos tobendes Menschenmeer . Stolzer als sonst wohl , sah nun jeder Frankfurter Bürger aus seinem Fenster in das Gewühl vor demselben , und pries glücklich sich und seine Heimath , auf deren Markt das fernste Ausland seine Erzeugnisse brachte , und sein klingend Geld , oder seine gültigen Wechselbriefe . Durch alle Thore rollte der Seegen des Handels , durch alle Pforten zogen heitre Menschen mit lebenslustiger Stirne und schwergefülltem Beutel ; den Mainstrom herab kamen die überfüllten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten Donnerbüchsen und dem Gesange der Mannschaft ; den Strom herauf zu Berg steuerten die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein . Und welche Fröhlichkeit entfaltete ihr Panier , fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu Landsleuten , Bekannte zu Bekannten . Die Glockenschläge und Trompeterstücklein , die vom Thurme den Ankömmlingen entgegenschallten , stimmten zur Freude , denn nun war sie ja überstanden , die gefahrvolle Reise , auf welcher schon manch Unglücklicher Leben und Habe verlor , unter den Mordklauen des räuberischen Gelichters , das Heerstraße , wie Strom unsicher machte . Nun befanden sich ja die sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens , hinter schirmenden Mauern , und im Schooße geregelter Gesetze , die den Meßfremden gar günstig waren , und insonderheitlich keiner Freude wehrten . Darum schwang sich auch das Rad des ernsten und eifrigen Gewerbes scheinbar leicht wie das Spielrad einer Knabenmühle ; die Wichtigkeit des Geschäfts gewann den Anstrich eines sorgenlosen Tauschvertrags , und über den düstersten angefülltesten Gewölben und seinen emsigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Heiterkeit . - Welch ein reges Leben in allen Theilen der Stadt , und längs dem Flusse , wo sowohl die zweckmäßigste Lage , als auch Gewohnheit die Hauptsammelplätze der Kaufmannschaft geordnet haben . Still und besonnen treiben die Tuchhändler aus den flandrischen Städten , die reichen Antwerper , die stolzen Genter und die verschmitzten Herren von Brügge ihr Werk , ohne viel Geräusch , aber mit sicherer Geschäftigkeit . Neben ihren Niederlagen preisen die Schleierhändler von Straßburg den vorüberziehenden Frauen ihre dünne und köstliche Waare , sammt den Gold- und Silberspitzen , die sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger gleiten lassen . - Während auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig glühende Weinhändler aus dem Elsaß den Kauflustigen das duftende Öl ihrer Fässer rühmen , und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen , rufen an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hüte und Handschuhe zum Verkauf , und nicht fern davon die Schweizerhändler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und Zeuge von seltner Güte , die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen . In der Bude des Böhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare , wie in des Steuermärkers Laden das dauernde Eisen rasselt . Gegenüber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus Sachsen schweigend und bedächtig die Silberstangen , um welche die Münzwardeine und der Silberschmiede gelehrte Schaar prüfend steht ; nicht minder vermißt nebenan der Ulmer seine schöne Leinwand mit geräuschloser Fertigkeit , und spart die freundlichen Worte nicht , um die ehrsamen Hausfrauen , die sein Gewölbe füllen , zu seinem Vortheil zu stimmen . Mag immerhin der Krämer aus Pisa oder Lukka aus vollem Halse sein Gewürz , seine wohlriechenden Salben ausschreien , ... lächelnd und still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansee an ihren Ladenthüren , durch welche blankes Schießgewehr , köstliche Nordfelle auf die Straße sehen . Des Zuspruchs holder Frauen sind die schweigsamen Männer nicht gewärtig , ausgenommen vielleicht die Verkäufer der gesalzenen und getrockneten Seefische , und nur Männer suchen in diesen entlegenen Buden und Kellern ernstere Waare , die Metalle und Erze des Nordens , das gefährliche Pulver , die schweren Brandweine in den ungeheuren Tonnen . Hier vorüber geht es aber wieder in das dicke Gewühl des Gewerbes hinein . Die langen Reihen von Fässern , die aus Thüringen herbeigeschafft werden , und Pech , Theer und Kienruß enthalten , ziehen das Volk der Schiffer an ; die Färber und Wollenhändler strömen dagegen zu den Niederlagen der Erfurter , welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid feilbieten . Hier spielen die Waidträger mit ihren Körben und Tragen den Herrn und Meister ; die Messerschmiede , eine unhöfliche Zunft , schließen sich mit ihren Kramstellen an die Thüringer , an diese die Holzwaaren- und Messinghändler von Nürnberg , die Seidenweber von Augsburg , und überall dieselbe Regsamkeit , allenthalben derselbe Eifer , von dem Lehrjungen an , der auf eine Kiste das Zeichen seines Kauf- und Lehrherren pinselt , bis zu dem Ostfriesen , der vor Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt , die er auf den bedeutenden Markt gebracht . - Doch nicht allein für das Nützlichste ist allenthalben im Überfluß gesorgt , ... auch das Lustige und das Seltsame will sein Recht behaupten . Nicht im Handel und Wandel allein sollen die Beutel geleert und gefüllt werden ; das abenteuernde Volk der Kunst will auch , daß man der Thorheit seinen Zoll entrichte , und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende vorübergehe , .. besondere Geschicklichkeit nicht unbelohnt lasse . Hat die Handelwelt ihre Throne auf dem Römerberg , im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms errichtet , so baut dagegen die Kunst , die sich zur Schau stellt , anderwärts ihre luftige Bühne , oder durchzieht wandelnd die Gassen , Bürgern und Fremden vor die Thüre bringend , wonach , sie aus der Thüre keinen Schritt thun würden . Wandernde Dichter und Sänger ziehen umher , von Herold und Pickelhäring begleitet , und halten Wettkämpfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei . Häufig ist der blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes , und aus den Fenstern der Häuser und den Thüren der Laden fliegen die Heller , die ihre Anstrengungen belohnen sollen . Öfter jedoch ziehen sie es vor , die heimlichen gewölbten Stuben der Küfermeister zu besuchen , die in der Messe niemals leer werden , weil ihr Kranz und Busch immer grün , und der dadurch verheissene Wein immer duftig und kühl ist . Der Sänger liebt der Rebe Gold , der wohlgenährte Bürgersmann ist freigebig ; die Fässer laufen über , und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gäste Hand oft das Doppelte dessen in des Herolds Mütze , das der Geber zu steuern sich vorgenommen . Auf dem Roßmarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf vor , obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei . Ein hohes Gerüste besteigen so eben zwei Fechter , die das Volk unter lautem Jubel herbeigeführt . Die Schelme , die so fremd gegeneinander thun , und sich drohend messen mit den Blicken , und die Nase rümpfen , daß der gewaltige falsche Schnurbart sich in die Höhe zieht , - sie kennen sich recht gut , und sind nur zu verschiedenen Thoren eingezogen , um das leichtgläubige Volk zu täuschen , ihre Fertigkeit in höhern Werth zu setzen , und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden . Eine Bürgerfreude ist solch ein Fechteraufzug ; die größte Wonne des Pöbels zwei fremde Kämpfer aneinander zu hetzen . Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe , geschmückt mit einer langen Feder , die schon bei manchem Strauß gewesen , ein ungeheures Schlachtschwert auf der Schulter tragend , ... seltsam aufgeputzt mit farbigen Bändern , erklimmen die Klopffechter die Bühne , um dort zu siegen oder zu unterliegen , je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern ist . Das Volk klatscht sich die Hände wund , schreit sich die Kehle rauh , und aus den , bis zum Gibel mit zahllosen Zuschauern besetzten Häusern des Roßmarktes regnet reiches Schaugeld , von einem kecken Hannswurst erbettelt , in den Seckel der Schalksgesellen , die in ' s Fäustchen lachen , und vielleicht , um dem Schauspiel ein glänzendes Ende zu verleihen , sich gegenseitig den Doctorgrad des langen Schwertes unter albernen Gebräuchen ertheilen . » Ich will doch des Donners und des Hagels seyn , « - sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert , mit welchem er durch das Gewühl schlenderte , - » wenn ich nicht die beiden angeputzten Hasenfüße auf jenem Gerüste , so barsch und reckelhaft sie sich auch haben , mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage , so weit der Himmel blau ist . Das sollen Fechterhiebe seyn ? Buffelei , weiter nichts , mein guter junger Herr . Was meint Ihr dazu ? « - Dagobert blickte den Frager mit der Miene eines Mannes an , der so eben aus einem tiefen Schlaf erwacht , und nicht eine Sylbe von dem gehört hat , was man ihm seit Stunden vorgeredet . - Gerhard schüttelte unwillig den Kopf . » Seyd wieder in Eurer besten Laune , mein Lieber ; « brummte er : » Ich rathe Euch , löscht Eure Lampe aus , und sagt der Welt Gute Nacht ; s ' ist eine Schande für alle Junggesellen des römischen Reichs , daß Ihr , der Wackersten Einer , Euch geberdet , wie ein träumend Kind . Ihr helft der ganzen Welt aus dem Eisen , wie die Historia mit dem Wildmeister erst kürzlich bewiesen , obgleich der Herzog Alles gethan haben mußte ; ... aber Euch selbst könnt Ihr nicht helfen . Schämt Euch , und kommt zu bessern Gedanken . Daß Ihr nicht heirathen wollt , wie es Euer Vater wünscht , ist gut , ... denn nur der unbeweibte Mann ist ein ganzer , - aber der Grund , warum Ihr ' s nicht thun wollt , ist ein schlechter Grund . Für dießmal sey ' s genug , aber seyd doch lustig , in ' s Teufels Namen , s ' ist Meßzeit , Jubel und Freude an allen Ecken , und der wohlweise Rath so sanft wie ein Lamm , er weiß schon warum . Alle fahrende Frauen und Töchter sind losgelassen , und dürfen schwärmen auch ausserhalb dem Rosenthale1 . Die Schenken sind offen die ganze Nacht hindurch , und kein sauertöpfischer Wirth darf mich auf die lange Glocke verweisen , wenn ich nach neun Uhr mein herzhaftes : Eingeschenkt , über den Tisch donnre . Ich mag jetzo meine längste Stoßklinge an die Hüfte stecken , und damit den Waden der jungen Fante beschwerlich fallen , während ich sonst mein kürzestes Schwertlein anhängen muß , das nicht besser aussieht , als das Wetzeisen am Gürtel eines Schlächters . Ja , mir ist ' s sogar nicht verwehrt , Sonntags meinen Bart scheeren zu lassen , so mir ' s gefällt . Es lebe die Meßfreiheit ! Sagt , kann man wohl glücklicher seyn ? Jagt darum die Grillen zum Teufel . Sprecht , wohin wollen wir ? Soll ich Euch etwa zu dem Wundarzt führen , der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und Pillen verkauft ? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blödsinn , oder sein Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen , was das Herz froh macht , und hungrig den Magen ; oder wollen , wir den Vogel