er in der noch mondlosen , aber sternenreichen Dämmerung , worin nur der Abendstern der Mond war , gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne , den Hügel hinaufging : sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig winken , als wollten sie ihm den Gang verbieten . Er ging unbekümmert weiter , ja er wußte nicht einmal , ob nicht sein vom Wachen glühendes und von Lebens-Stößen erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern lasse . Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen Kloster-Garten der stillen Nonne , worin der Lindenbaum laut sprach und die stillen Blumen wie Kinder über der Ruhenden spielten und sich neigten und wiegten . Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen über die kleine Erdenstelle her , über den geheiligten Ort , wo sich Lianens Hülle , das kleine Licht- und Rosenwölkchen , niedergesenkt , als es den Engel nicht mehr zu tragen hatte , der in den Äther gegangen war und aller Wolken nicht mehr bedurfte . Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weiße Gestalt an die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendröte gewandt ; lange schauete er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende Antlitz-Linie an , womit Liane so oft als eine Heilige unbewußt neben ihm gestanden - noch glaubt ' er , ein Traum , der Proteus der menschlichen Vergangenheit , ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel ' es vor , und er erwartete das Vergehen . Es blieb , aber ruhig und stumm . Hinkniend , wie vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklärung und Gottheit , und aufgerissen aus den Erden-Tälern , rief er aus : » Erscheinung , kommst du von Gott , bist du Liane ? « , und ihm war , als sterb ' er . Schnell blickte die weiße Gestalt sich um und sah den Jüngling , sie stand langsam auf und sagte : » Ich heiße Idoine , ich bin unschuldig an der harten Täuschung , sehr unglücklicher Jüngling . « - Da bedeckte er seine Augen , aus schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit . Darauf sah er die schöne Jungfrau wieder an , und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer verklärten Ähnlichkeit mit der Toten ; so lächelte sonst Lianens zarter Mund im Lieben und Trauern , so öffnete sich ihr mildes Auge , so ging ihr feines Haar um das blendend-weiße , gefällige Angesicht , so war ihr ganzes schönes Gemüt und Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt - Nur stand Idoine größer da , wie eine Auferstandene , stolzer und länger ihre Gestalt , blasser ihre Farbe , denkender die jungfräuliche Stirn . Sie konnte , da er sie so schweigend und vergleichend anblickte , sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren , und sie weinte , und er auch . » Betrüb ' ich Sie auch ? « sagte er in höchster Bewegung . Mit dem Sprachtone der Jungfrau , die unter den Blumen lag , sagte unschuldig Idoine : » Ich weine nur , daß ich nicht Liane bin . « Schnell setzte sie hinzu : » Ach diese Stelle ist so heilig , und doch ists der Mensch nicht genug . « - Er verstand ihre Selbst-Rüge nicht . Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner , das Leben stand glänzend aus der engen , bangen Wirklichkeit auf , wie aus einem Sarg , der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen , und beide standen mitten unter ihnen . » Edle Fürstin , « ( sagt ' er ) » hier entschuldigen wir uns beide nicht - Die heilige Stelle nimmt , wie eine zweite Welt , das Fremd sein weg - Idoine , ich weiß es , daß Sie mir einst den Frieden gegeben ; und vor der verborgnen Hülle des Geistes , in dessen Sinne Sie sprachen , dank ' ich Ihnen hier . « Idoine antwortete : » Ich tat es , ohne Sie zu kennen , und darum konnt ' ich mir den kurzen Gebrauch oder Mißbrauch einer entfliehenden Ähnlichkeit erlauben . Hätt ' es von mir abgehangen , so hätt ' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden , wie eine äußere ist , doch so schmerzlich erinnert . Aber ihr Herz verdient Ihr An denken und Ihre Trauer . Man schrieb mir , Sie wären nicht mehr in Lindenstadt . « - Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen . » In einigen Tagen « ( antwortete er ) » werd ' ich auch reisen . Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes und der Wüste , der mein Leben stille macht . « - » Ernste Tätigkeit , glauben Sie mir , söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus « , sagte Idoine , aber die ruhigen Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen , denn durch Hülfe ihrer Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge bekommen , und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen . Er sah sie hier scharf an , ihre Nonnen-Augenlider , die immer unter dem Sprechen sich über die ganzen großen Augen nieder senkten , machten sie einer entschlummerten Heiligen so ähnlich ; - er wurde von ihren letzten Worten an ihr fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert , wo der bunte Blütenstaub ihrer Ideen und Träume , ungleich dem schweren toten Goldstaub des bloßen Reichtums , leicht im heitern Leben flatternd , unbemerkt belebend , endlich feste Wälder und Gärten auf der Erde ausbreitete - alles in ihm liebte sie und rief : nur sie könnte deine letzte wie deine erste Liebe sein - und sein ganzes Herz , durch Wunden offen , war der stillen Seele aufgetan . Aber ein ernster , harter Geist schloß es wieder zu : » Unglücklicher , liebe keine mehr , denn ein dunkler Würgengel geht hinter deiner Liebe mit dem Schwert , und welche Rosenlippe du an dich drückst , diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze , und dann vergeht oder verblutet sie . « Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen ; denn Idoine hatte das Gelübde getan , nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der Liebe zu reichen . So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel , eine Sonne und ein Mond , durch eine Erde getrennt . Sie beschleunigte ihre Entfernung . Albano hielt es nicht für recht , sie zu begleiten , da er jetzt erriet , daß die graugekleideten Menschen , die ihn zurückgewinket , ihre Bedienten gewesen , ihr die Einsamkeit zusichern sollen . Sie reichte ihm an der Gartentüre die Hand und sagte : » Leben Sie glücklicher , lieber Graf ; einst hoff ' ich Sie so glücklich wiederzufinden , als Sie sich machen sollen . « Die Berührung der Hand wie einer himmlischen , die sich aus den Wolken gibt , durchströmte ihn mit einem verklärten Feuer jener Welt , wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben , und die hohe , Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz ; - er konnte nicht sagen , was er in sich besiege und bedecke , aber auch kein anderes kaltes verkleidetes Wort ; - er kniete nieder , drückte ihre Hand an die Brust , sah weinend an den Sternenhimmel und sagte bloß : » Frieden , Allgütiger ! « - Idoine wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den kleinen Hügel in den Prinzengarten hinunter . Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht fliegen , in der sie gern zu reisen wagte . Um den Hügel war es dunkel , die Abendröte und der Abendstern waren untergegangen , die Erde wurde ein Rauch und Schutt der Nacht , am Horizont bauete ein Trauergerüst von Wolken sich auf . Aber in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges , ein lichter Punkt in der Finsternis des Herzens . Und als er den Leucht-Atom anschauete , breitete er sich aus , wurde ein Glanz , eine Welt , eine unendliche Sonne . Jetzt erkannt ' er es , es war die rechte unendliche und göttliche Liebe , welche schweigen kann und leiden , weil sie nur ein Glück kennt , aber nicht das eigne . Er war erfreuet über das Überhüllen seiner Brust und über seinen Entschluß , sie nicht wiederzusehen in der Stadt . » So still « ( sagt ' er halb betend , halb sprechend ) » will ich sie ewig lieben ihre Ruhe , ihr Glück , ihr schönes Streben bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer Himmels-Schwester - Aber wenn die Schlacht für das Recht anfängt und die Töne neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt , um stärker zu bluten , dann ziehe dein Bild , o Idoine , mir im Himmel voran , und ich streite für dich ; und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über die Brust zieht : so will ich im ermattenden Herzen dich festhalten , bis mir die Erde vergeht . « Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des jungfräulichen Herzens , er fühlte , Liane allein dürf ' es wissen , und sie werd ' ihn segnen . 138 . Zykel Albano konnte in einer Gegend , in welcher die einzelnen Säulen und Bogen des zerstörten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen , keine Nacht zubringen : sondern er begab sich traurig-träumend auf den Weg zur Stadt . Unterwegs fand er den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd , der ihn suchte . » Herr Sohn , « ( sagt ' er ) » es sind mir von deinem intimen Freunde , Herrn Schoppe , die wichtigsten Sachen zu Händen gestellt worden , die ich nur in deine eignen wieder auszuhändigen habe , was ich denn hiemit eilig tue . Denn Muße hab ' ich bei Gott wenig , der Fürst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck , weil jemand sagte , sein alter Vater , der ihm zum Todes-Anzeichen soll zum zweitenmal zu erscheinen versprochen haben , sei im Spiegelzimmer zu sehen , was aber nur , hör ' ich , was von Wachs gewesen . Es sind die Sachen , die ich auszuliefern habe , erstlich ein Perspektiv , womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst ( ich bediene mich mit Fleiß Herrn Schoppens eigner Ausdrücke ) , zweitens ein geschriebenes Paket , adressiert an Albano , erzogen bei Wehrfritz , das noch halb in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt , und drittens dein Porträt . « Das Porträt stellte Albano im jetzigen Alter dar , fand man - so viel die Sterne zu sehen gönnten - , indes er sich doch nie malen lassen . Die schwarze Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf Isola bella213 vor die Seele : ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben , wo er die schwarze Stufe , und vorher einen zeigen , wo er das Perspektiv zu finden habe , dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes kenntliches machen werde . Albano tat ängstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der seltsamen Fracht . » Mit Herrn Schoppe geht es gut genug , « ( antwortete Wehrfritz ) » er muß hier in der Nähe sein mit einem fremden Herrn . « Albano fragte nach seiner Kleidung ; diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grünen zur roten . Kaum hatte Wehrfritz die wunderbare Geschichte , wie Schoppe jene Wunderdinge überkam , zu geben angefangen : so unterbrach Albano , der daraus die Auflösung der väterlichen Prophezeiung abnahm , vor Erwartung den Bericht mit der Bitte , ihn zu der nahen Kreuzkapelle zu begleiten , um welche mehrere Laternen standen . Er hatte beide Medaillons immer bei sich und war jetzt so begierig , das Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen , so wie das Papier zu lesen . Bei der äußersten Laterne hielten sie , Albano nahm das Medaillon der veralteten Gestalt hervor , worunter stand : Nous nous verrons un jour , mon frère , er besah es durch das Okularglas : siehe , das alte Gesicht war das junge seiner Julienne . Vertrauend und ungestüm hielt er das altmachende Glas ans junge Bild , worunter stand : Nous ne nous verrons jamais , mon fils , - ein freundliches , aus einem langen Leben herüberlächelndes altes Gesicht erschien , dessen erblicktes Urbild ihm in einer tiefen , dunkeln Erinnerung lag , aber namenlos ; von Lindas Mutter hatt ' es indes keinen Zug . Auf einmal hört ' er eine bekannte Stimme : » Ecco ecco ! - Mein Neveu , mein Herr ! « Es war Albanos Oheim , der den schwarzgekleideten , wehklagenden Schoppe zu ziehen schien und weinerlich den Neffen anredete : » Ach , Neveu ! O ich sage die Wahrheit , nur Wahrheit pour jamais . « Er sah lachend aus und glaubte zu weinen . Der Schwarzrock trat näher , wurde ein Grünrock und sagte : » Herr Graf , täuschen Sie sich keine Minute , unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen Verlust . « - » Mein Schoppe , « ( sagte Albano erschüttert ) » kennst du mich nicht mehr ? « - » O wär ' ich es jetzt ! Ich heiße Siebenkäs « , versetzte der Grünrock und hob jammernd die Hände in die Höhe . » Er liegt aber da in der Kapelle , « ( sagte der Spanier ) » ich will alles so wahrhaftig erzählen , daß es schön ist . Ich glaube nicht , daß der Finstere kommt . « - Albano warf einen Blick in die Kapelle , und mit einem Schrei des Schmerzens stürzt ' er darnieder . 139 . Zykel Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzens und des Oheims Aussagen diese : er war aus dem Notschlummer glühend aufgefahren , auf dem schnaubenden Streitroß der Rachsucht gegen den Spanier wurd ' er fortgerissen . Im Gasthofe des letztern wies ihn der Bediente mit einer Lüge nach dem Schlosse . Hier gelangt ' er , im verworrenen Getümmel um den leidenden Fürsten , ungefragt , ungesehen in das Spiegelzimmer , wo er einmal die Gräfin Linda um Idoinens Friedenswort für den wahnsinnigen Freund gebeten hatte . Als der Zylinder-Spiegel , der die langen Jahre des Alters auf das junge Gesicht gräbt und Moos und Schutt der Zeit darauf schüttet , ihm sein Bild vermooset und verraset entgegen warf , sagt ' er : » Ho ho , der alte Ich steckt wo in der Nähe « und schauete grimmig umher . Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein Ichs-Volk blicken . Er sprang auf einen Stuhl , um einen langen Spiegel loszumachen . Indem er den Nagel desselben rückte , schlug in der Wand eine Uhr zwölfmal . Hier fiel ihm die Weissagung Gaspards ein , die sein Freund ihm anvertrauet hatte , und alle Regeln , die diesem zur Lösung der Rätsel vorgeschrieben waren . In der Weissagung war zwar die Rede von einem Bilderkabinette , aber ein Spiegelzimmer ist auch eines , nur flüssiger und tiefer hinter der Wand . Er nahm ( folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln ) den Spiegel herab - fand und öffnete die Tapetentür in der Größe des Spiegels - die hölzerne weibliche Gestalt mit dem offnen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten saß darhinter - er drückte ( nach der Vorschrift ) den Ring am linken Mittelfinger - die Gestalt stand , innen rollend , auf - trat in das Zimmer hinaus - hielt an der entgegengesetzten Wand still , zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine Linie herab , er zog die Wandleiste auf - das Perspektiv und der wächserne Abdruck des Sargschlüssels lagen in einem Fach darhinter - Jetzt drückt ' er den Ringfinger , die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb : » Sohn , gehe in die Fürstengruft in der Blumenbühler Kirche und öffne den Sarg der Fürstin Eleonore , so findest du die schwarze Stufe . « Wenn das geschehen , hatte der Ritter zu Albano gesagt , und die Marmorstufe doch nicht im Sarge gefunden sei : so soll ' er den dritten Ring am Ohrfinger drücken , worauf etwas geschehe , was er selber nicht vorauswisse . Schoppe versuchte vorher , eh ' er in die Blumenbühler Kirche ging , den Druck dieses Fingers - die Figur blieb stehen - aber innen fing es zu rollen an - die Arme dehnten sich aus und fielen ab - Räder rollten heraus - endlich zerlegte sich die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord , und ein alter Kopf von Wachs erschien . Hier ging Schoppe davon , um nach Blumenbühl zu laufen und aus der Gruft die Leuchte für dieses Nachtstück zu holen . Eben waren mittags Kirche und Gruft - vielleicht weil man dem neuen sterbenden Höhlen-Gast Raum vorbereitete - offen gelassen . Ohne erst den wächsernen Schlüssel in einen eisernen zu verwandeln , erbrach er ungestüm mit einem Arbeitseisen den Sarg und holte die Marmorstufe und Albanos Porträt schnell heraus . Er zerschlug jene hinter einem Busch . Als er die Aufschrift las , untersucht ' er nicht weiter ; er eilte in Albanos Haus , um alles zu übergeben . Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst . Indes traf er den rechtschaffenen Wehrfritz an , durch welchen allein er eine so wichtige Beute abschicken konnte ; er selber war jetzt dem Todfeinde , dem Spanier , auf der Spur , und keine Gewalt konnt ' ihn aus der zornigen Jagdbahn treiben . Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier , der aus dem Prinzengarten , dem Ebenbilde Siebenkäs entfliehend , ihm in die Hände gelaufen kam - Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick , rief : » Herr und Gott , seid Ihr hinter mir und vor mir ? seid Ihr rot und grün ? « - und stürzte seitwärts in die alte Kreuzkapelle hinein , um die heilige Jungfrau kniend anzurufen . Schoppe spannte seine Kontursschwingen aus , schoß hinzu und schlug sie vor der Kapelle zusammen : » Dreh dich um , Spaniard , ich fresse dich von vorne « , sagte er . » Heilige Mutter Gottes , hilf mir - guter böser Geist , steh mir bei , o Finsterer ! « betete der Kahlkopf . - » Rutsche herum , Spitzbube , ohne weitern Spaß ! « sagte Schoppe , indem er mit dem gezognen Stockdegen in der Luft von hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb . Er drehte sich elend auf den Knien herum , und der Kopf hing schlaff vom Halse herab . Schoppe fing an : » Nun hab ' ich dich , Missetäter , du betest mich ohne Nutzen auf den Knien an - ich habe das Richtschwert - toll bin ich auch - in wenigen Minuten , wenn wir uns ausgesprochen haben , stech ' ich gegenwärtigen Stockdegen in dich - denn ich bin ein Toller voll fixer Ideen . « - » Ach Herr , « ( versetzte der Kahlkopf ) » Ihr seid gewiß sehr verständig und bei Verstand und bei sich , ich bitte zu leben , es ist so große Todsünde , das Totmachen . « - Schoppe versetzte : » Von meinem Verstande ein andermal ! In effigie hab ' ich dich schon erschossen , nun will ich die Todsünde und den Gewissensbiß nicht umsonst herumtragen , sondern mich in natura dazutun , du Seelen-Henker , du Herz-Trepan ! « » Schoppe , Schoppe ! « rief es jetzt einigemal von fernen mit Albanos Stimme . Er sah sich schnell um , nichts war zu sehen . » Guter Schoppe , « ( fuhr es fort ) » lasse meinen Oheim gehen ! « Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum Stich : » Du gar zu versteinerter Bauchredner ! Sollte man nicht gleich ins Zeug hineinstechen wie in ein blessiertes Pferd ? Siehst du denn nicht den höllischen verdammten Mord und Totschlag vor der Nase , deinen Pestwagen schon angespannt , das ausgepolsterte Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die Sense heben ? Beichte , Spaniard , um Jesus willen , beichte , Fliege , eh ' ich spieße , steche ! Etwas präkavierst du dich doch damit vor den Teufeln in der Hölle ; bist sonst drüben ein ganz ruinierter Mann . « » Wo sitzt der Pater ? Ich beichte ja wohl « , sagte der Spanier . » Hier steht dein Galgenpater , schau die Schur « , sagte Schoppe , vom gebückten tonsurierten Kopf den Hut abschüttelnd . » Hört meine Beichte ! - Aber nachts leidet es der Finstere nicht , daß ich die Wahrheit sage - er kommt gewiß , er holt mich , Vater , räuchert mich , wässert mich ein gegen den Teufel . « » Stief-Beichtsohn und Dieb , bin ich dir nicht Beichtpaters und Beichtvaters genug , der dich schon einwässern wird ? Sage nur , Hund , alles , ich absolviere dich und schlage dich dann tot zur Pönitenz . - Sage an , du Krönungsmünze des Teufels , bist du nicht der Kahlkopf und der Vater des Todes und der Mönch zugleich , dessen Figur voll Gas in Mola gen Himmel fuhr , und hattest Bauchrednerei und Wachsbilderei und einige Spitzbüberei bei der Hand ? « » Ja , Vater , Bauchrednerie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben . Aber der böse Geist war überall dabei , ich sagte oft nichts , und es wurde doch gesagt , und die Gestalten liefen . « » Mordian , « ( sagte Schoppe , darüber ergrimmt ) » faß den Hund ! - Noch lügst du , du Kloak ins Paradies gegraben , noch ins Ohr der großen Parze hinein , du mimische Mumie , dein Totenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Lüge ? O Gott , was sind deine Menschen ! « » O Pater , nicht Lügen ! Aber der Finstere will sie nachts , ich habe einen Bund mit ihm angestiftet - Ich hab ' ihn heute abends gesehen , er sah wie Ihr aus und grün - O Maria , o Pater , ich habe die Wahrheit gesagt , dort kommt er grün o Pater , o Maria , und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand - - « » Niemand hat meine Gestalt « ( sagte Schoppe erschüttert ) » als der Ich . « » O umguck ! Der böse Geist kommt zu mir - absolviere stich - ich will wegsterben ! « Schoppe schauete sich endlich um . Der schreitende Abguß seiner Gestalt bewegte sich her - das Feuerauge in der Hand stieg in das Gesicht - die Ichs-Larve war grün gekleidet - » Böser Geist , ich bin doch in der Ohrenbeichte , du kannst nicht her , ich bin heilig « , rief der Spanier und faßte Schoppen . Ihn faßte der Hund . Schoppe starrte die grüne Gestalt an - der Degen entfiel ihm . » Mein Schoppe , « ( rief sie ) » ich suche dich , kennst du mich nicht ? « » Lange genug ! Du bist der alte Ich - nur her mit deinem Gesicht an meins und mache das dumme Sein kalt « , rief Schoppe mit letzter Mannes-Kraft . » Ich bin Siebenkäs « , sagte das Ebenbild zärtlich und trat ganz nahe . - » Ich auch , Ich gleich Ich « , sagt ' er noch leise , aber dann brach der überwältigte Mensch zusammen , und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes , stilles Lüftchen . Mit weiß werdendem Gesicht , krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend , stürzte er um , die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken , und die Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen , das sie nicht sagten - Sein Freund Siebenkäs , der nichts erraten konnte , hob weinend die kalte , festgeschlossene Hand an sein Herz , an seinen Mund und rief : » Bruder , blick auf , dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot , er sagt dir tausend Lebewohl , Lebewohl ! « Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch süße Töne der alten lieben Zeit und heitere Träume der ewigen Liebe zu führen - der Mund fing ein kleines Lächeln an , von Lust und Tod zugleich gezogen - die breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer - es war der letzte des Lebens , und lächelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurück . Nun hast du hienieden geendigt , strenger , fester Geist , und in das letzte Abend-Gewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte , spielende Sonne und füllte es mit Rosen und Gold . Die Erdkugel und alles Irdische , woraus die flüchtigen Welten sich formen , war dir ja viel zu klein und leicht . Denn etwas Höheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben , nicht dein Ich , keinen Sterblichen , nicht einen Unsterblichen , sondern den Ewigen , den All-Ersten , den Gott . - - Das hiesige Scheinen war dir so gleichgültig , das böse wie das gute . Nun ruhst du im rechten Sein , der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle Lebens-Wolke weg gezogen , und das ewige Licht steht unbedeckt , das du so lange suchtest ; und du , sein Strahl , wohnst wieder im Feuer . Fünfunddreißigste Jobelperiode Siebenkäs - Beichte des Oheims - Brief von Albanos Mutter - das Kron - Rennen - Echo und Schwanengesang der Geschichte 140 . Zykel Lange lag Albano im einsamen finstern Abgrund , bis endlich Licht die Schlucht und die grüne Höhe erleuchtete , von welcher er herunterstürzte . Das sonst lebensfärbige männliche Gesicht des Freundes lag weiß vor ihm , der rote Mantel erhöhte noch den Leichenschnee . Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust , als woll ' er sie wärmen und schützen . Als Albano den nackten Degen sah : blickte er im Kreise umher , schauderte vor dem kalten Oheim , vor dem lebendigen Bruderbild des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte leise : » Wie starb er ? « - » Durch mich , « ( sagte Siebenkäs ) » an unserer Ähnlichkeit , er glaubte sich zu sehen , wie dieser Herr hier versichert . « Der Oheim erzählte einige Punkte , Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab ; aber in den warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt ' er den Blick , dem das Tageslicht der Freundschaft untergegangen war . Siebenkäs schien sich in einer seltenen männlichen Haltung zu behaupten . Auch Albano , der jüngere Freund , verbarg seinen Jammer , daß er so viel verloren und daß nun sein Waisen-Herz ausgesetzt sei wie ein hülfloses Kind in die Wüste des Lebens . Wehrfritz fragte ihn , ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch schicken solle . » Mir ? Ich jemals mehr in die Stadt ? « ( fragte Albano ) » Nein , guter Vater , ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten . « Er entsetzte sich vor der bloßen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt , wo einmal ein goldner Sonnenschein und Laubengänge und Himmelspforten voll Blumengewinde für ihn geblühet hatten . O der junge Honig der Liebe , der alte Wein der Freundschaft , beide waren ja vom Schicksal in Gräber gegossen ! - Der Tote wurde in das neue Schloß des Prinzengartens gebracht . Nur Albano und Siebenkäs folgten ihm nach . Als sie allein waren , sah Albano erst , daß der Freund seines Freundes bebe und wanke und daß bis jetzt nur der Geist den Körper getragen . » Nun wir beide « ( sagte Albano ) » dürfen voreinander trauern ; aber nur Ihnen glaub ' ich . Gott , wie war denn sein Ende ? « Siebenkäs ließ vor ihm die letzten Mienen und Laute des Armen vorübergehen . » O Gott , « ( sagte Albano ) » er starb nicht leicht , wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurde - reißend mußte der Höllenfluß sein , der ein so festes Leben weg riß . « - Siebenkäs nahm schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an , weil der Tote so oft in seinen schönsten Momenten auf ähnliche Weise verkannt worden ; aber Albano überwand ihn endlich . Er erzählte weiter , daß er auf der Heimreise begriffen gewesen , als ihn die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Toten auf die Vermutung geleitet , hier müsse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln , wiewohl er vor der ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast fürchten müssen : » Denn , Herr Graf , « ( sagt ' er ) » Jahre und Geschäfte , juristische vollends , ach das Leben selber ziehen den Menschen immer weiter herab , anfangs aus dem Äther in die Luft , dann aus der Luft auf die Erde - Wird er mich kennen ? sagt ' ich . Ich bin ja nicht mehr , der ich war , und die physiognomische Ähnlichkeit möchte wohl die einzige und festeste noch geblieben sein . Aber auch diese war vergangen ; der Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren . O nur eine freie Seele wird nicht alt !