würde er nicht während der Operation gewaltig wehklagen und ungehalten seyn , und so wie er an die Sonne selbst gekommen wäre , vor lauter Glanz von allem , was wir andern wirkliche Dinge nennen , nichts sehen können ? Glauk . So plötzlich gewiß nichts . Sokr . Es wird also , wenn ein solcher Mensch die Dinge hier oben sehen soll , Zeit erfordert werden , bis er sich allmählich daran gewöhnt . Was seine Augen anfangs am leichtesten ertragen , werden die bloßen Schatten seyn ; hernach die Bilder von Menschen und andern Dingen im Wasser , zuletzt diese Dinge selbst . Aber was am Himmel zu sehen ist , und den Himmel selbst , wird er lieber Nachts bei Mondenschein und Sternenlicht , als bei hellem Tag im Sonnenglanze sehen wollen . Glauk . Daran ist kein Zweifel . Sokrat . Nach und nach aber wird er es doch endlich so weit bringen , daß er auch die Sonne , nicht bloß ihr Bild im Wasser oder ihren Widerschein in andern Körpern , sondern sie selbst , wie sie ist , und an der Stelle , wo sie sich befindet , anzublicken im Stande seyn wird . Glauk . Das ist nicht anders möglich . Sokr . Und nun wird er auch durch Ueberlegung und Vernunftschlüsse herausbringen , daß es die Sonne sey , welche das Jahr und die Wechselzeiten desselben ordnet , über allem in der sichtbaren Welt waltet und gewissermaßen die Ursache alles dessen ist , was sie zuvor sahen ? Glauk . Offenbar muß er von diesem auf jenes geleitet werden . Sokr . Und wenn er sich nun seines vorigen Aufenthalts , und des Begriffs , den man sich dort von der Weisheit macht , und seiner armen Mitgefangenen erinnert , wird er nicht sich selbst der mit ihm vorgegangenen Veränderung wegen glücklich preisen , und die letztern hingegen bemitleiden ? Glauk . O gar sehr ! Sokr . Und wofern , bei diesen , Lobsprüche , Ehrenstellen und Belohnungen für denjenigen stattfanden , der die vorbeigleitenden Schatten am deutlichsten sah , sich der Ordnung , in welcher sie aufeinander gefolgt oder neben einander erschienen waren , am genauesten erinnerte , und wie es künftig damit seyn würde am besten vorhersagen konnte : meinst du jener würde diese Vortheile vermissen , oder diejenigen beneiden , die bei ihnen geehrt werden und die Oberhand haben , oder er würde nicht lieber ( wie Homer den Schatten des Achilles sagen läßt ) einem » armen Söldner das Feld als Tagelöhner bestellen , « und lieber alles erdulden als in seinen vorigen Zustand zurückkehren ? Glauk . Er würde , denke ich , sich eher alles andere gefallen lassen , als wieder dort zu leben . Sokr . Gesetzt aber , er müßte wieder in die Höhle herabsteigen und seinen alten Platz wieder einnehmen , würde es ihm , wenn er so auf einmal aus der Sonne ins Dunkle käme , nicht zu Muthe seyn , als ob er in die dickste Finsterniß versetzt worden sey ? Glauk . Nichts gewisser ! Sokr . Und wenn er dann , bevor er den Gebrauch seiner Augen wieder erlangt hätte ( wozu einige Zeit erforderlich seyn würde ) von den besagten Schatten wieder Kenntniß nehmen und sich mit den andern Gefesselten darüber streiten müßte , würde er ihnen nicht lächerlich scheinen ? würden sie nicht sagen , er wäre durch sein Hinaufsteigen in die obere Gegend um sein Gesicht gekommen ; und es sey nicht zulässig , daß man auch nur versuche hinaufzukommen , und wofern sich jemand unterfinge einen von ihnen zu entfesseln und hinauf zu führen , müßte man ihn greifen und mit dem Tode bestrafen ? - Glauk . Unfehlbar ; mit nichts Geringeren als dem Tode . Sokr . Machen wir nun , lieber Glaukon , die Anwendung von diesem ganzen Bilde auf das , was wir vorhin gesagt haben . Die unterirdische Höhle bedeutet diese sichtbare Welt ; das Feuer , wovon sie beleuchtet wird , die Sonne ; das Aufsteigen in die obere Gegend und was dort gesehen wird , die Erhebung der Seele in die intelligible Welt . Wenigstens ist dieß meine Vorstellungsart , weil du sie doch zu hören verlangt hast . Ob sie aber die wahre ist , mag Gott wissen ! Genug , mir meines Orts kommt die Sache so vor , wie ich dir sage . Das Höchste in der intelligibeln Welt ist die Idee des Guten , zu deren Anschauen schwer zu gelangen ist . Wer aber dazu gelangt ist , kann nicht anders als den Schluß machen , daß sie die Grundursache alles dessen sey was recht , schön und gut ist , indem sie in dieser sichtbaren Welt das Licht und den Beherrscher desselben hervor gebracht , in der geistigen hingegen , deren unmittelbare Beherrscherin sie ist , die Wahrheit und den reinen Verstand erzeugt ; und daß es also schlechterdings nöthig ist sie zu kennen , um in irgend einem öffentlichen oder besondern Wirkungskreise recht zu handeln . Glauk . Ich denke hierüber wie du , so viel mir immer möglich ist . Sokr . So stimme mir denn auch darin bei , daß es kein Wunder ist , wenn diejenigen , die von dannen herabkommen , keine Lust haben , sich mit den menschlichen Dingen abzugeben , sondern von ganzem Gemüth dahin trachten , sich in jener erhabenen Region immer aufzuhalten . Denn es kann , unserm vorigen Bilde gemäß , nicht anders seyn . Glauk . Das folgt ganz natürlich . - Hieran mag es genug seyn , lieber Eurybates ; und nun erwartest du vermuthlich meine Meinung von diesem allem ? Aber was kann ich dir darüber sagen ? Es ist schwer in solchen Dingen überall eine Meinung zu haben . Das Gewisseste , was ich davon sagen kann , ist , daß meine Vorstellungsart so verschieden von der Platonischen ist , als die Grundsätze , von denen wir ausgehen . Wer von uns Recht hat , mag Gott wissen , möchte ich beinahe mit seinem Sokrates sagen . Und doch dünkt mich , wenn ich alles mit ganz nüchternem Muth überlege , der allgemeine Menschenverstand , oder der allen Menschen einwohnende Sinn für das , was uns Wahrheit ist , spreche ziemlich entschieden für meine Grundsätze . Aber Plato denkt von den seinigen noch vornehmer ; denn sie scheinen ihm so gewiß zu seyn , als daß Eins = Eins ist ; wofern wir also nicht etwa den Delphischen Gott zum Schiedsrichter nehmen wollen , wer soll zwischen uns Richter seyn ? Uebrigens scheint Plato die Schwierigkeiten , die sein dichterisches Lehrgebäude drücken , sehr gut zu kennen . Daher die Vorsicht , jede seiner unerweislichen Voraussetzungen durch andere eben so luftige zu unterstützen ; wie ein Dichter , um ein erstes Wunderding glaublich zu machen , immer ein zweites und drittes in Bereitschaft haben muß . Wir wollen , zum Beispiel , in Betreff der vorliegenden Allegorie so höflich seyn als sein guter Bruder Glaukon , und über alle die ungereimten Voraussetzungen , ohne welche sie nicht bestehen kann , hinaus gehen ; aber das wird uns doch zu fragen erlaubt seyn müssen : was die armen Gefangenen verbrochen haben , daß sie an Hals und Füßen gefesselt ihr Leben in dem häßlichen unterirdischen Kerker damit zubringen müssen , unverwandt vor sich hin zu gucken , und , weil sie nichts als Schatten zu sehen bekommen , sie gezwungner Weise für reelle Dinge anzusehen ? - Du erinnerst dich vielleicht , daß er die Antwort auf diese Frage schon lange in seinem Phädrus bereit hält . Allerdings , sagt er , haben sie durch ein sehr schweres Verbrechen eine so harte Buße verdient . - Aber zum Unglück finden wir uns , wenn wir ihm auch diese Ausrede , als auf eine ihm besser als uns bekannte Thatsache gegründet , gelten lassen wollen , genöthigt abermals zu fragen : wie die Idee des Guten ( die er zur Grundursache alles Wahren , Rechten und Schönen macht ) recht und wohl daran thue , diese Verbrecher mit einer Strafe zu belegen , wodurch ihnen ein fortdauernder Zustand von Unwissenheit und Irrthum unvermeidlich und alles Aufstreben ins Reich der Wahrheit unmöglich gemacht wird ? Ich sehe nicht was er antworten kann , um seine Idee des Guten von dem Vorwurf zu retten , daß sie , gleich den Göttern unsrer Dichter , kein Bedenken trage , diejenigen , die sich gegen sie vergangen haben , aus Rache in unfreiwillige Irrthümer und Verbrechen zu verwickeln , bloß um einen neuen Vorwand zu erhalten , mit den armen Unglücklichen noch grausamer verfahren zu können . Diesen und einer Menge anderer Klippen und Untiefen , zwischen welchen die Platonische Philosophie , unter beständiger Gefahr zu scheitern oder auf dem Sande sitzen zu bleiben , sich durcharbeiten muß , entgehen wir andern ächten Sokratiker freilich durch den großen Grundsatz unsers Meisters : bloß über die menschlichen Dinge menschlich zu philosophiren , und die göttlichen , als über unsern Verstand gehend , unbesorgt den Göttern zu überlassen : aber wir bekennen uns dadurch auch zu einer Unwissenheit , die uns mit den ungelehrtesten Idioten in Eine Reihe stellen würde , wenn wir nicht wenigstens dieß voraus hätten , daß wir die Ursachen kennen , warum diese Unwissenheit unvermeidlich ist . Demungeachtet läugne ich nicht , daß der Hang alles , was um , über und unter uns ist , ergründen zu wollen , - wiewohl er sich nur bei wenigen außerordentlichen Menschen in seiner ganzen Stärke zeigt - dennoch eines der Merkmale zu seyn scheint , wodurch sich der gebildete und seiner Vernunft mächtig gewordene Mensch von dem bloßen Thiermenschen unterscheidet . Er gehört zu dem ewigen Streben ins Unbegränzte , welches das große Triebrad der unbestimmbaren Vervollkommnung ist , deren höchstem Punkte das Menschengeschlecht sich in einer Art von unermeßlicher Spirallinie langsam und unvermerkt anzunähern scheint . Werden wir jemals dieses Ziel erreichen ? Oder bewegen wir uns ( wie der Aegyptische Hermes gesagt haben soll ) in einem Cirkel , dessen Mittelpunkt überall und dessen Umkreis nirgends ist ? Und ist vielleicht gerade dieß die einzige Möglichkeit , wie wir uns immer bewegen , d.i. nie zu seyn aufhören können ? - Auch die Natur , Freund Eurybates , hat in ihren großen Mysterien unaussprechliche Worte , die wir entweder nie erfahren werden , oder welche der , dem sie sich enthüllte , nicht verrathen könnte , weil es ihm an Worten fehlen würde sich andern verständlich zu machen ? Befände sich jemals ein Sterblicher in diesem glücklichen Falle , würde er nicht , wenn er von dem , was unaussprechlich ist , sprechen wollte , genöthigt seyn , seine Zuflucht , wie Plato , zu Bildern und Allegorien zu nehmen ? Und da er doch sicher darauf rechnen könnte , mit seinen Offenbarungen von niemand verstanden , und nur von sehr Wenigen vielleicht , gleich fernen das Ohr kaum noch leise berührenden Tönen , mehr geahnet als gehört zu werden , thät ' er nicht eben so wohl , wenn er gar nicht davon spräche ? - Aber was hätte da der göttliche Plato zu thun gehabt ? - Ich beantworte also jene Frage mit Nein ; aber nun auch keine Sylbe weiter ! 8. Fortsetzung und Beschluß des Vorigen . Meinem Versprechen zufolge werde ich die vier Bücher , die noch vor uns liegen , wie reich und schwer an Inhalt sie auch sind , und wie viel gegen Manches zu erinnern wäre , wenn es scharf gesichtet werden sollte , so schnell als möglich durchlaufen , und ( wenn anders die Versuchung nicht hier oder da gar zu stark werden sollte ) nicht mehr davon sagen , als zur Uebersicht des Ganzen nöthig ist . Die Behauptung , » daß die beste ( der Vollkommenheit am nächsten kommende ) Republik nur unter der einzigen Bedingung , wenn sie ächte Philosophen zu Regenten habe , realisirt werden könne , « hatte den Platonischen Sokrates auf die verschiedenen Untersuchungen und Erläuterungen geführt , die den Inhalt des sechsten Buchs ausmachen . Die allegorische Dichtung zu Anfang des siebenten sollte das , was er über ächte und unächte Philosophie , über Irrthum , Wahrheit und Meinung ( die zwischen beiden liegt ) vorgebracht hatte , durch ein passendes Phantasiebild begreiflicher machen . Das Resultat davon ist : daß nur der , dessen Geist aus der Sinnenwelt ( die uns andern gemeinen Menschen die wirkliche scheint ) in die Welt der Ideen empor gestiegen , und durch diese sich endlich bis zum unmittelbaren Anschauen der Idee des Guten erhoben hat , den Namen eines Philosophen verdiene . Da nun unsre Republik lauter solche Philosophen zu Vorstehern haben soll , so fragt sich : durch was für eine Erziehung diese letztern zu ihrer Bestimmung zubereitet , auf welchen Stufen sie zu ihr empor geführt , und welchen Prüfungen sie unterworfen werden sollen , bevor sie für fähig und würdig zu erkennen sind , in unsrer Republik das zu seyn , was die Vernunft in dem Mikrokosmos der menschlichen Seele und die Idee des Guten im Weltall ist ? Diese Aufgaben beschäftigen unsern Philosophen durch das ganze siebente Buch , und geben ihm , indem er von den Wissenschaften spricht , wodurch seine künftigen Archonten sich den Eingang in die übersinnliche Ideenwelt eröffnen sollen , Gelegenheit , manches Brauchbare zu sagen , aber auch manches , das mir und vermuthlich seinen meisten Lesern ziemlich unverständlich ist , und uns den Argwohn abnöthigt , daß er uns entweder absichtlich tantalisiren27 , oder eine Unwissenheit , die er mit uns und allen andern Sterblichen gemein hat , hinter die vielversprechende geheimnißvolle Miene , womit er uns - nichts offenbart , verstecken wolle . Die Wissenschaften , welche seine künftigen Archonten mit besonderm Eifer treiben sollen , sind die Arithmetik , Geometrie , Astronomie und Musik . Aber daß du dir ja nicht einbildest , der Platonische Sokrates denke über diese Wissenschaften wie der Sohn des Sophroniskus , der seinen jungen Freunden zu rathen pflegte , sich nicht tiefer in sie einzulassen , als zu ihrem Gebrauch im Rechnen , Feldmessen , in der Schifffahrt , und zum Singen , Citherspielen und Tanzen nöthig ist ! Gerade das Widerspiel ; er spricht von dem praktischen Theil derselben mit einer Art von Verachtung , und empfiehlt sie seinen Zöglingen nur , insofern sie die Seele durch Betrachtung des Uebersinnlichen reinigen und zum Anschauen des Wesens der Dinge und der Idee des Guten tüchtiger machen . In dieser Rücksicht räumt er der Dialektik28 ( die ihm etwas ganz anders ist als was gewöhnlich unter diesem Namen verstanden wird ) die oberste Stelle unter allen ( in Vergleichung mit ihr nur uneigentlich so genannten ) Wissenschaften ein , weil sie sich ( wenn ich ihn anders recht verstehe ) zu den übrigen verhält , wie in seinem vorigen Gleichnißbilde von den Gefesselten in der unterirdischen Höhle das Anschauen der Sonne selbst zum Anschauen des Feuers , welches den Gefesselten die Schatten der zwischen ihnen und dem Feuer vorübergetragenen Dinge sichtbar macht ; daher denn auch niemand als der wahre Dialektiker im Stande ist , die übrigen Wissenschaften so zu veredeln , daß sie zu Stufen werden , worauf die Seele , nachdem sie sich von allem was ästhetisch ist losgewunden29 hat , » vermittelst eines Organs , das mehr als zehntausend körperliche Augen werth ist , « zur unmittelbaren Anschauung des Auto-Agathon , als dem höchsten Endpunkt alles Reindenkbaren , sich erheben kann . Mehr verlange nicht , daß ich dir von diesen übersinnlichen Geheimnissen sagen soll ; denn ich gestehe dir unverhohlen , daß mein Geistesauge ( mit Plato zu reden ) noch zu sehr mit barbarischem Schlamm ( borborô barbarikô ) überzogen ist , um von dem unendlich subtilen dialektischen Licht , womit dieses siebente Buch erfüllt ist , nicht geblendet zu werden . Beinahe möchte man den wackern Glaukon beneiden , der , wie es scheint , als ein ächter junger Adler mit heilen Augen in diese Sonne schauen kann , und dem alles , was er bloß hört , auf der Stelle so klar einleuchtet , als ob er es aus Platons eigenen Augen sähe . Ernsthaft von der Sache zu reden , Eurybates , glaube ich , trotz der Blödigkeit meines Gesichts für unsichtbare Dinge , ziemlich klar zu sehen , daß es nur auf den guten Willen unsers Mystagogen angekommen wäre , die erhabenen Lehren , die er uns , bald in die seltsamsten Bilder verschleiert , bald in einer nur ihm und seinen Eingeweihten verständlichen Sprache , als eine Art von Räthsel zu errathen gibt , in der Sprache der Menschen deutlich genug vorzutragen , daß jeder nicht gänzlich im Denken ungeübte Leser sie ohne große Anstrengung hätte verstehen und beurtheilen können . Aber vielleicht würden sie dann auch nicht wenig von dem hohen Werth , den er ihnen beilegt , verloren haben , und es wäre beim ersten Blick in die Augen gefallen , daß wir durch die Verwandlung bloßer ausgeweideter Gedankenformen in das was er Ideen nennt , und sogar durch das Aufschauen zu seinem Auto-Agathon , - in welches unser geistiges Auge , eben so wenig als unser leibliches in die Sonne , länger als einen Augenblick ( und auch da nicht ohne zu erblinden ) schauen könnte , - bei weiten nicht so viel gewinnen als er uns zu versprechen scheint . Denn es hat ( menschlicherweise von der Sache zu reden ) mit diesem Auto-Agathon , diesem König der unsichtbaren Welt , diesem ersten unergründlichen Grund alles dessen was wahrhaftig ist , so ziemlich eben dieselbe Bewandtniß wie mit der Sonne , dem Herrscher in der sichtbaren . Was wir von beiden wissen , ist sehr wenig , und wir reichen nicht weit damit , wenn es darum zu thun ist , uns eine reelle , d.i. im praktischen Leben brauchbare und hinreichende Kenntniß der Menschen und der Dinge um uns her anzuschaffen , deren wir gleichwohl am meisten bedürfen , da von den Verhältnissen dieser Menschen und dieser Dinge zu uns , und von der Art , wie wir diese gebrauchen und uns gegen jene benehmen , unser Wohl oder Weh abhängt . Ob die Welt um uns her aus reellen Dingen oder bloßen Erscheinungen bestehe , wenn es für gesunde Menschen auch eine Frage seyn könnte , wäre doch eine unnütze Frage , weil wir uns , um nicht wie Thoren zu handeln , immer so benehmen müssen , als ob alles , was gesunden und vernünftigen Menschen reell scheint , es auch wirklich sey . Sich mit Gewalt in eine unsichtbare Ideenwelt hinein zu träumen oder hinein zu abstrahiren , ist schwerlich der rechte Weg , die Sinnenwelt , die nun einmal unser Wirkungskreis ist , kennen zu lernen ; aber wohl das unfehlbarste Mittel , eine jede andere als die Rolle eines schwärmerischen Mystosophen ziemlich schlecht in ihr zu spielen . Was würde man von einem zum Maler oder Bildner bestimmten Menschen sagen , der , wenn er in eine Galerie von Bildsäulen und Gemälden der besten Meister geführt würde , diese Kunstwerke , weil sie doch nichts als leblose und unvollkommene Nachbildungen wirklicher Menschen , Götter und Göttersöhne seyen , mit Verachtung anekeln und sich noch groß damit machen wollte , daß er nur die Urbilder seines Anblicks würdig halte ? - Doch dieß im Vorbeigehen ; denn eine scharfe Untersuchung dessen , worauf es in dem Streit zwischen dem göttlichen Plato und dem gesunden Sokratischen Menschenverstand ankommt , würde mich viel weiter führen als ich mir in diesen Briefen zu gehen vorgesetzt habe , und es kann , dünkt mich , an den Winken genug seyn , die ich hierüber hier und da bereits gegeben habe . Nachdem unser Platonischer Sokrates das Kapitel von der Erziehung und Vorbereitung , und den darauf folgenden Beschäftigungen und Prüfungen , wodurch die zur Regierung seiner Republik bestimmten Personen beiderlei Geschlechts zu dem erforderten hohen Grad von Weisheit und Tugend gebildet werden sollen , im siebenten Buche zu Ende gebracht hat , beginnt er das achte mit einer summarischen Wiederholung der Resultate alles dessen , was vom fünften an bisher zwischen ihm und den beiden Brüdern abgehandelt worden , und nimmt , mit Glaukons unbedingter Beistimmung , als etwas Ausgemachtes an : daß in einer vollkommen wohleingerichteten Republik erstens Weiber , Kinder , Erziehung und Ausbildung zu allen in Krieg und Frieden nöthigen Eigenschaften , in den beiden obern Ständen gemeinschaftlich seyn müssen ; zweitens , der zur Vertheidigung bestimmte Stand kein Eigenthum besitzen dürfe , und drittens aus demselben nur die vollendetsten und bewährtesten Philosophen und Kriegsmänner zu Regenten oder Königen ( wie er sie nennt ) erwählt werden sollen . Beide erinnern sich nun des Orts , von wo aus Sokrates durch Adimanths und Polemarchs Zudringlichkeit in diesen Labyrinth von großen und kleinen Digressionen , Absprüngen und Widergängen verleitet worden ; und da beide gleich geneigt sind , der eine zu reden , der andere zuzuhören : so wird nun der im Eingang des fünften Buchs angefangene , aber sogleich unterbrochne Discurs über die verschiedenen Staatsformen wieder aufgenommen , und gezeigt , wie einer jeden dieser Verfassungen ( welche unser Philosoph auf fünf , nämlich eine gesunde und vier mehr oder weniger verdorbene , zurückführt ) eine ähnliche Verfassung im Innern des Menschen entspreche . Die einzige gesunde Staatsverfassung ist ihm die Aristokratie , d.i. die Regierung der Besten , oder ( was bei ihm einerlei ist ) der Philosophen . Ob sie monarchisch oder polyarchisch sey , gilt gleichviel , wenn nur die Philosophie regiert , und alles nach dem Modell seiner bisher beschriebenen Republik eingerichtet ist . Unglücklicherweise ( sagt er ) ist auch diese vollkommenste Verfassung , wie alle Dinge unter dem Mond , der Verderbniß unterworfen ; sie kann und muß nach und nach krank werden , und sobald dieser Fall eintritt , artet sie in die erste der ungesunden Verfassungen , in die Timokratie oder Herrschaft der Ehrgeizigen aus , so wie diese , wenn sie den höchsten Grad ihrer Verderbniß erreicht hat , sich in die Oligarchie , und diese , aus der nämlichen Ursache , sich in die Demokratie verwandelt ; welche , durch eine eben so natürliche Folge , endlich in der verdorbensten und verderblichsten aller Staatsformen , der Tyrannie , ihren Untergang findet . Wie es mit diesen Verwandlungen zugehe , den Charakter und so zu sagen die Krankheitsgeschichte dieser vier Perioden einer ursprünglich kerngesunden , aber nach und nach ausartenden und kachektisch werdenden Republik , und eine genetische Schilderung der Gemüthsverfassung und Sitten eines jeder von den vier verdorbenen Regierungsarten entsprechenden einzelnen Menschen , alles dieß wird im achten und neunten Buch , aus dem Gesichtspunkt , worauf uns Plato gestellt hat , auf eine sehr einleuchtende Art mit vieler Wahrheit und Zierlichkeit vorgetragen . Man erkennt in der Schilderung der Timokratie das heutige Sparta auf den ersten Blick ; auch Korinth , Argos , Theben und andere ihresgleichen , werden sich in seiner Oligarchie nur zu gut getroffen finden ; aber die Darstellung und Würdigung der Demokratie , wozu er an seiner eigenen Vaterstadt das trefflichste Modell vor Augen hatte , geht über alles . Sie ist ein Meisterstück Sokratisch-Attischer Feinheit und Ironie ; zwar etwas scharf gesalzen und reichlich mit Silphion gewürzt , aber wenn den Athenern noch zu helfen wäre , so müßte diese Arznei wirken : oder , richtiger zu reden , wenn sie ( wie Plato selbst schwerlich anders erwartet ) ungefähr eben so viel wirkt als die Ritter , die Vögel und die Wespen des Aristophanes , d.i. nichts , so ist den Athenern schwerlich zu helfen . Gleichwohl sollt ' es mich wundern , wenn diese Satyre auf die Demokratie nicht gerade das wäre , was ihnen in diesem ganzen Dialog am meisten Vergnügen macht . Ich für meine Person wurde auf eine angenehme Weise überrascht , da ich den Sokrates in diesem achten Buch sich selbst unverhofft wieder so ähnlich fand , daß ich ihn zu hören geglaubt haben würde , hätte nicht Plato recht geflissentlich dafür gesorgt , uns gleich zu Anfang durch ein unfehlbares Mittel gegen diese Täuschung zu verwahren . Er bewirkt dieß durch eine Probe seiner Geschicklichkeit in der dialektischen Arithmetik , oder arithmetischen Dialektik , die so hoch über allen Menschenverstand geht , oder , um das Ding mit seinem rechten Namen zu nennen , so rein unsinniger Unsinn ist , daß man die Stelle zwei oder dreimal lesen muß , ehe man seinen Augen glauben kann , daß sie wirklich dastehe . Sie befindet sich zu Anfang des achten Buchs , wo die Rede von der Möglichkeit ist , daß sogar die beste und vollkommenste Republik nach und nach ausarte und sich in eine Timokratie verwandle . Diese Aufgabe , deren Auflösung für einen Mann von unverschrobenem Kopf wenig Schwierigkeit hat , scheint ihm so schwer zu seyn , daß er den Glaukon fragt , ob sie nicht nach Homerischer Weise die Musen anrufen wollten , ihnen zu sagen , wie es zugehen müßte , wenn sich in einer so wohl geordneten Republik ein Aufstand sollte ereignen können . Wahr ist ' s , er setzt sogleich hinzu : » wollen wir sie nicht bitten , sich einen kleinen Spaß mit uns zu machen , wie wenn man kleinen Knaben spielend läppisches Zeug in einem tragischen Ton und hochtrabenden Worten als etwas gar Ernsthaftes und Wichtiges vordeclamirt ? « - und heißt das nicht sich deutlich genug erklären , daß er selbst die hierauf folgende Auflösung des Problems für nichts Besser ' s als Kinderpossen gebe ? Aber wir kennen diese Art ironischer Neckerei an ihm , und er soll uns nicht glauben machen , daß ein so gravitätischer Mann wie er , auf eine so unanständige und zwecklose Art den Narren habe mit uns treiben wollen , indem er uns auf eine sehr ernsthafte Frage die rechte Antwort zu geben Miene macht . Ganz gewiß hat er also mit dem arithmetisch geometrischen Unsinn30 , den er den Musen in den Mund legt , mit diesem unerrathbaren Räthsel einer durch die verworrensten und unverständlichsten Bezeichnungen angedeuteten oder vielmehr nicht angedeuteten geometrischen Zahl - durch deren Einfluß Kinder von schlechterer Art so nothwendig gezeugt werden müssen , daß , » wofern die Vorsteher unserer Republik aus Unwissenheit dieser unglücklichen Zahl sowohl als der ihr entgegengesetzten vollkommenen , welche den Zeitpunkt des göttlichen Erzeugnisses bezeichnen soll , den rechten Augenblick , ihre Bräute und Bräutigame zusammen zu lassen , verfehlen , es unmöglich ist , daß die Republik eine an Leib und Seele wohlbeschaffene , glücklich organisirte Nachkommenschaft erhalten könnte ; « - ganz gewiß , sage ich , hat Plato mit diesem aller menschlichen Vernunft spottenden Räthsel etwas sagen wollen ; wär ' es auch nur , daß er seine gutmüthigen Leser zu glauben nöthigt , er selbst besitze den Schlüssel zu diesem Geheimniß , ohne welches seine Republik , trotz aller vorhergegangenen Beweise ihrer Möglichkeit , nimmermehr zu Stande kommen kann , wofern er sich nicht erbitten läßt , den künftigen Vorstehern das Verständniß hierüber zu öffnen . Denn nach seiner ausdrücklichen Versicherung ist das Geheimniß dieser Zahlen so beschaffen , daß die Vorsteher , » wie weise sie auch seyn möchten , es weder auf ästhetischem Wege ( durch Sinne , Einbildung und Divination ) noch durch Vernunftschlüsse herausbringen könnten ; « so daß es also ein bloßes glückliches Ungefähr wäre , wenn sie jemals den rechten Moment zur Zeugung ihrer Staatsbürger treffen würden . Auf alle Fälle hat unser Philosoph sich durch diese neue Probe seiner übermenschlichen Kenntnisse in ein sehr beschwerliches Dilemma verstrickt . Denn entweder sind ihm jene mystischen Zahlen bekannt oder nicht . Sind sie ihm nicht bekannt , wie ist es möglich , daß er , um einfältigen Lesern weiß zu machen , er kenne sie , lieber baren Unsinn vorbringen als seine Unwissenheit gestehen will ? Kennt er sie aber , was in aller Welt konnte ihn bewegen sie in ein Räthsel , und dieses Räthsel in Worte und Sätze einzuwickeln , von welchen er selbst gewiß seyn muß , daß sie dem gelehrtesten und scharfsinnigsten seiner Leser eben so unverständlich sind als dem unwissendsten und blödsinnigsten ? Und da nun einmal ( wie er sagt ) außer seiner Republik kein Heil ist , diese aber , so lange seine beiden Zeugungszahlen ein Geheimniß bleiben , niemals , wenn sie auch zu Stande käme , in die Länge bestehen könnte : war es nicht seine Schuldigkeit , sie auf eine wenigstens den Gelehrten verständliche Art der Welt mitzutheilen ? Ist er nicht dem menschlichen Geschlecht auch ohne Rücksicht auf seine idealische Republik eine so wohlthätige Entdeckung schlechterdings schuldig ? Was sollen wir von dem Manne denken , der ein unfehlbares Mittel , die ganze menschliche Gattung zu veredeln , besitzt , und wiewohl er selbst keinen Gebrauch davon machen will oder kann , es nicht nur für sich allein behält , sondern sogar ein leichtfertiges Vergnügen daran zu finden scheint , es den Leuten mit einem dicken Tuch siebenfach bedeckt vorzuzeigen , und sobald er sie recht gelüstig darnach sieht , ihnen den Rücken zu weisen und lachend davon zu gehen ? Ich zweifle sehr , ob Aristophanes selbst , wenn er unsern Mystosophen zum Helden eines Seitenstücks der Wolken hätte machen wollen , es gewagt hätte , ihm eine so erbärmliche Rolle anzudichten , als er hier , in einer unbegreiflichen Eklipse seiner Vernunft , mit augenscheinlichem Wohlgefallen an sich selbst von freien Stücken spielt . Es gibt vielleicht kein auffallenderes Beispiel , wie nachtheilig es ist in mehrern und entgegen gesetzten Fächern zugleich glänzen zu wollen , und wie wohl Plato daran thut , die Künstler und Handarbeiter in seiner Republik durch ein Grundgesetz auf eine einzige Profession einzuschränken , - als