daß ein Schwarm Spatzen einen Adler mürbe zupft . Aber darum foll man doch nicht mit Kanonenkugeln gegen Spatzen schießen , denn damit trifft man sie am schlechtesten . Gegen die Spatzen-Verschwörungen der Welt hilft keinerlei Waffe . Sie zersausen sich schon untereinander ums liebe Futter ; so lösen sie sich selbst in Wohlgefallen auf . Bei dieser Spatzen-Theorie flogen ihm unwillkührlich all die Spatzenschwärme vorüber , die im Leben herumpiepen . Da sind die magern Spatzen mit geblähtem aristokratischem Kropf , die dem sogenannten » Staate « ihre Dienste weihen . Jeder dieser Wichte hält sich für ein hochwichtiges Rad des Regierungswagens und alles , was außerhalb dieser Sphäre liegt , für untergeordnetes Unterthanengesindel . Jeder muß kriechen vor Jedem über ihm - der Hauptmann vorm Obersten , der General vorm Commandirenden , der Regierungsrath vorm Geheimrath , der Geheimrath vorm Minister , und alle miteinander kriechen bäuchlings vor jedem gräflichen Hofschranzen und Titularlakeien , um endlich vor » höchsten und allerhöchsten Herrschaften « einen Veitstanz des Byzantinismus aufzuführen . Der Adelspöbel vollendet dies größenwahntolle Strebergepiepe als Massenchorus . Jeder dieser Leute hält sich für hochanständig und bieder , weil er keine silbernen Löffel stiehlt , die bürgerliche Moral intus hat , und dem Nebenmanne nur indirekt das Futter vor der Nase wegstiehlt . Von Interesse für höhere Dinge keine Spur ; die Begriffe der höheren Moral nie auch nur geahnt . Alles eingezäunt in den engsten Kreis hochtrabender Berufspflichten , die höchstens ein fleißiges Biberthum oder eine Fuchsschläue ausbilden können . Zu dieser » Gesellschaft « par excellence gesellt sich nun noch das fette Protzenthum , sei es als Finanzparvenü und Waarenfeilscher jeder Sorte , sei es als Juristen-Rechtsverfälschung , sei es als Gelehrtendünkel Maulwurfshügel für Alpen ansehn , darin beruht der eigentliche Scharfsinn der lieben Welt . Unter den sogenannten » Wissenschaften « stellt lediglich die Chirurgie und die exakte Naturwissenschaft noch etwas Reales vor , schlägt aber ins Urkomische um , wenn sie aus ihrer Seichtigkeit eine Weltanschauung zurechtzimmern will und in kindlichem Unfehlbarkeitsdusel über höhere Gebiete aburtheilt , wie Dubois-Reymond einmal über Goethes » Faust « . Und neben diesen werthlosen Wust und Krimskrams setzt endlich auch noch das Allererbärmlichste , die » Aesthetik « , ihr Häufchen windiger Spreu . Da wimmelt es von Shakespeare-Jahrbüchern und Goethe-Jahrbüchern daß Einem Hören und Sehen vergeht . Von einem Verständniß der Meister natürlich keine Ahnung , statt dessen geistlose Compilationen über jeden Hosenknopf , den man irgendwo in einem Kehricht entdeckte - steht weit abseit , ihr Profanen ! Da entdeckt Einer einen Dritten Theil des » Faust « und beweist , daß der erste Theil ursprünglich in Prosa geschrieben . Darauf aber wird die Urschrift entdeckt , natürlich in Versen - welterschütternde Großthat ! So wird Einer dieser Goethepfaffen stets vom Andern abgethan . » Was ist das für ein Gewäsch über den Faust ! Gebt mir 3000 Thaler jährlich und ich schreibe euch einen Faust , daß ihr die Schwerenoth kriegt ! « rief der titanische Grabbe . In reklame-berühmten Litteraturgeschichten wird daher auch » der thörichte Grabbe « mit einem Fußtritt bei Seite geschleudert . Andre » christliche « Litteraturgeschichten erfrechen sich , den » frivolen Juden Heine « als eine dreiste Null abzuthun . So etwas nennt sich in Deutschland ästhetische Wissenschaft . O Tollheit , o unergründliche Dummheit der Menschen ! Dieses Corps der Rache rümpft die Nase über » moderne Litteraten « und schwindelt einen seichten Reklamegötzen in die Akademie der Wissenschaften hinein : Denn man finde in unsrer traurigen Zeit der Decadence keinen » Litteraten « , sondern nur einen germanistischen Litterarhistoriker würdig , in so illustrer Genossenschaft zu thronen ! Ja , so wird man » groß « in dieser Welt des Humbugs . Man schmiert eine von gröbstem Cretinismus strotzende Litteraturgeschichte , in der man mit oberfauler » Gelehrsamkeit « die scheußliche Lachmannsche Theorie über das Nibelungenlied wiederkäut und über Goethe in heuchlerische Verzückungen geräth , um die » Epigonen « herzlos mit blödem Unverständniß abschlachten zu dürfen . Dann verschafft man sich vor allem einen Nachschub von liebedienerischen Scholaren und schmuggelt dieselben auf alle leer werdenden Lehrstühle ein . Stirbt man dann , so hat man sich solch einen Famulus als Nachfolger herangezüchtet , der eiligst den vakanten Papststuhl des verehrten Vorbilds einnimmt und in seinem Stile weiterackert . So hat man sogar noch seinen Nachruhm sorglich vorweg » versichert . « In den bildenden Künsten derselbe Lügenmechanismus . Gottsträfliche Intriguanten , die als Künstler nichts als geschickte Macher , erobern sich das höchste Ansehn , indem sie die Feigheit der Schwächeren terrorisiren . Denn nicht das künstlerische Können entscheidet . Wer versteht heut etwas davon , heut , wo der Eine bloß die Sujets beäugelt und die schlechtesten Historienbilder für Heldenthaten ansieht , der Andre bloß die Handwerksmätzchen bestaunt und ein raffinirtes Virtuosenportrait für den Gipfel der Kunst hält ! Und als Untergrund dieser ganzen gleißenden Firniß-Gesellschaft die großen Massen , die als Atlas auf ihren nimmer müden Armen diesen Olympos tragen . Bei ihnen regiert wenigstens nur der Kampf ums Dasein in der rohen äußerlichen Form , und man schachert bei ihnen nicht mit den heiligsten Gütern der Menschheit , mit Wahrheit und Kunst . Sie fürchten Gott und das Kriminalgericht , nähren sich schlecht und recht , und schwören im Uebrigen auf ihre Zeitung . Denn was man Schwarz auf Weiß besitzt , kann man getrost nach Hause tragen . Allerdings steht ja dem so beschaffenen Kasernen-Organismus einer bureaukratisch-kaufmännischen Gesellschaft der Originalmensch und gar das Genie wehrlos gegenüber , und muß nothwendig untergehn . Wie darf es sich unterstehn , die Preise zu drücken , den Markt durch seine Ueberproduction zu stören ! Allein , das ist weise das ist naturgemäß . Was sollte aus einer Welt werden wohin würde die Entwickelung gerathen , wenn man statt des hohlen Scheins das Sein anbeten , wenn man die wahren Könige der Menschheit nicht verborgen im Dunkel stehen und die Nichtse auf dem Markte sich spreizen ließe ! Denn die ungeheure Majorität der Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt werden , durch gute nie . Daher ist nur eine solche Welt geeignet , als bequeme Behausung der Menschenmassen zu dienen , und auf die Massen kommt es ja an . Ein Genie zählt auch nur als einzelner Mensch und darf beileibe keinen breiteren Platz beanspruchen , als jeder beliebige Tropf mit platter Stirn und strammer Lende . Dies ist die wahre Demokratie , die Demokratie der Mittelmäßigkeit , der prudente médiocrité , von welcher Welttyrann Napoleon schwärmte . Darum weihe sich Jeder in stillbeseligter Erbauung dem wahren Ideal : einem normalen Verdauungsprozeß und den schönen blanken Zwanzig-Mark . Vor Geistesthaten präsentirt ja kein Gardist das Gewehr . Ein gutgebratenes Wiener Schnitzel schmeckt besser , als der überflüssige Schönheitsquark , und wer nur als Schnecke am eignen Schleim emporkriecht , erklimmt das erhabenste Ziel eines guten Bürgers : einen hübschen Titelrang . So rollt die wohleingeölte Maschine der sittlichen Weltordnung munter fort . Die Damen plaudern auf dem goldnen Deck der Staatsgaleere , frißt auch drunten geheimes Leck . Aber die Parze des kommenden Jahrhunderts schreitet langsam durch die Nächte dahin in dunkeln Träumen . Die Fackel für den Weltenbrand beleuchtet ihre hungerbleichen Züge , ihr unumwölktes Hirn zerschneidet den Phrasendunst der Zeit . Wer vergebens sich klammert an veraltete Banner , fühlt sich hülflos fortgerissen auf den Bahnen eiserner Nothwendigkeit . Die Wellen kommen , Wellen gehen , und die Planken lockern sich nach und nach . Der Sclave im Rumpf des Schiffes entfesselt sich jauchzend , wenn er droben mit Stiel und Stumpf das Deck zerbersten hört . Und immer näher branden die donnernden Fluthen . Aber ihr hört sie nicht . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schon geraume Zeit vorher hatte Krastinik das letzte Walachen-Dorf der Grenze durchritten . Jetzt bei einbrechender Nacht sah er sich angesichts der rumänischen Grenze in einem schmalen Bergthal . Wo übernachten ? Einige Hütten lagen umher ; ein Hirt im Bärenpelz , ohne Hemd darunter , die nackte Brust offen dem Winde bietend , trieb gerade eine Pferdekoppel von der Weide ein . Der Graf trat ins nächste Gehöft und grüßte . Kaum hätte er sich verständlich machen können , aber ein Zufall begünstigte ihn . Am Tisch neben den walachischen Bauern saß ein stattlicher Mann in braungelbem Jägerrock mit grünen Aufschlägen , Hirschfänger an der Seite . Er erhob sich und grüßte freundlich . Der Graf erkannte den Forstmeister des Comitats , einen Sachsen . Sobald man dem erst finsterblickenden Bauern auseinandergesetzt , daß dies der große Graf des nächsten Bezirks sei , schwenkte er ihm mit der natürlichen vornehmen Grandezza des Romanen sein Glas Landwein entgegen : » Sanitate bona ! « Er habe gehört , wie der Forstmeister verdolmetschte , daß der Domnule ( Herr ) gut gegen seine Leute sei . Dann schenkte er ihm ein und bot den ungeheuren Schafkäse an , der auf dem rohgehobelten Tische stand . Seine Frau , ( in der eigenthümlichen Tracht der Berg-Walachinnen , statt eines Rocks nur zwei rothgestreifte Schürzen vorn und hinten umgebunden ) bereitete dem erlauchten Gast mit gastfreundlichem Grinsen ein Lager in der Wohnstube . Noch lange saßen der Forstmann , eine germanische Barbarossagestalt mit langwallenden Barte , und der Graf zusammen . Ersterer war hierher verschlagen worden , um den Grenzstreit zweier walachischer Horden über ein Thalflüßchen zu schlichten . Eigentlich , vertraute er flüsternd an , befände man sich hier unter lauter Räubern und Schmugglern . Aber der Gastfreund sei natürlich sicher wie in Abrahams Schoß . Als man in tieferes Gespräch gekommen und Krastinik seine deutschfreundlichen Sympathien erschlossen hatte , thaute der Andre auf . Es zeigte sich , daß seine Vergangenheit eine bewegte gewesen war . Als Forst-Eleve in Tharand bei Dresden ausgebildet , hatte er sich wie die meisten Siebenbürger Sachsen ganz als Deutscher gefühlt und die Einheitsbestrebungen der deutschen Turnvereine in sich aufgenommen . Als daher der Freiheitskampf der Schleswig-Holsteiner losbrach , hielt es ihn nicht in der äußersten Südmark deutscher Gesittung ( der sächsischen Coloniae Imperii Germanici , deren Kirchengemälde neben dem ungarischen Wappen den deutschen Reichsadler führten ) und er eilte hinauf zur äußersten Nordmark . Dort an der Eider focht und blutete er für die deutschen Brüder unter dem Befehl des Generals v.d. Tann . Dieser war ihm zeitlebens sein Heldenideal geblieben , obschon er nach der Schlacht von Fridericia für immer in die ungarische Heimath zurückgekehrt . Der heldenhafte und doch vornehm milde Sinn des bayrischen Freiherrn leuchtete ihm noch heute vor als Sinnbild deutscher Männlichkeit und sein Herz schlug höher , als er später von den Thaten des Corps v.d. Tann in Frankreich vernahm . Beide sprachen hierüber . Welch ein Leben , welch ein typisches Sinnbild für die Entwickelung der neuen deutschen Größe ! 1848 als Freischärler mit deutschen Milizen der Kriegsmacht des Inselreichs trotzend . 1866 als süddeutscher Heerführer mit unerschütterlichem Muth dem Höllenfeuer der Preußen Stand haltend , um die Waffenehre zu retten , aber innerlich jauchzend über jeden Sieg der norddeutschen Großmacht , die auserwählt , um den Traum aller großdeutschen Patrioten zu verwirklichen . Und nun 1870 , glücklich und stolz als deutscher Häuptling dem Aufgebot des gemeinsamen Herzogs zu folgen , greift er mit einem Hochmuth kriegerischer Ueberlegenheit die französischen Heere an , als sei er ein altfränzösischer Maréchal de l ' Empire . 1848-1888 , nur vierzig Jahre , für Deutschland vier Jahrhunderte . Welch erschütternder Beweis für die Allmacht der geheimen Drehungsgesetze , das binnen vier Jahren ( 64-70 ) die Entscheidung fiel über des ununterbrochene Ringen und Streben dieser großen zerrissenen Nation , seit 1648 , dem Westfälischen Frieden ! Ein Volk aber , das solche Leiden verwand und in rastloser Arbeit seinem letzten Ziele entgegentrieb durch alle Ränke des neidischen Europa hindurch - ein Volk , das sich urplötzlich in seiner ganzen Löwenkraft erhob und seine waffenstarrende Mähne schüttelt , - ein solches Volk ist berufen , das letzte Wort zu sprechen und das Größte zu vollbringen , das Reich freier Gesittung zu erobern nach Niederwerfung aller inneren und äußeren Unkultur . In der Hohenzollernschen Weltmonarchie liegt der Schlüssel der Zukunft . Schneeweiß angethan in Majestät , wacht zu Häupten ihres Herrscherstuhls der Väter alter Ruhm , das wohlerworbene Herrscherrecht der Besten . Herrschen , ja was heißt Herrschen ? Es ist ein weiter Weg von dem geflochtenen Bart eines chaldäischen Priesterkönigs bis zur Allongeperücke des Roi-Soleil und von da zum Krückstock Friedrichs des Großen . Stets wiederholen sich dieselben Arten . Die Tugendtyrannen ( Brutus mit dem Dolch , Lykurg , und die schwarzen Suppen ) tyrannisiren sich selbst ins Grab und kein Mensch dankt es ihnen . Die » liebenswürdigen « Landesväter bewirthen ihre Unterthanen großartig mit deren eignem Ruin , pumpen den Staat ohne Schuldschein an , nehmen den Zehnten , aber küssen dafür leutselig die Töchter des Landes . Wenn ein paar naseweise Harmodiusse ihnen das Handwerk legen , so setzt man diesen Ideologen zwar Bildsäulen , aber erst schlägt man sie sorgfältig todt . Der Perserkönig vollends , der jährlich ein paar Tausend Menschen » verbraucht « und dem Weltmeer hundert Hiebe auf die Sohlen geben läßt , wenn er Bauchgrimmen hat , ist ein Vater des Vaterlands - und zwar in mehr als einer Beziehung . Bis an die Grenzscheide der großen Revolution kannte man nur diese Gattungsarten des Herrschermetiers . Aber auch der » aufgeklärte Despotismus « hat seine Stunde gehabt und der demokratische Cäsarismus als Säbelregiment wird aussterben mit den Napoleoniden . Aufleben aber soll und wird jenes altgermanische Prinzip des » Herzogs « , erbaut auf gegenseitiger Mannentreue des Herrschers und seiner Mannen , wo jede Individualität frei bewahrt bleibt und nur freiwillige loyale Unterordnung unter den Vertreter der Staatsgewalt regiert . Dies germanische Prinzip vererbte Karl der Große , dieser » erste Diener seines Staates « , den sächsischen Kaisern , und weil die Salier und Hohenstaufen unter wälschem Einfluß , sich demselben entfremdeten , mußte das Kaiserthum zu Grunde gehn . Aber in den Hohenzollern lebte es um so herrlicher wieder auf . Diese Mon-archie wird sich stabiliren auf einem rocher de bronce . Nicht auf dem » constitutionellen « Unfug der Plappermente , wo Geldsäcke und rabulistische Advokaten ( ja sogar eine besonders auf den Parlamentssport trainirte Sorte von bezahlten oratorischen Blasebälgen , die über jeden beliebigen Gegenstand den Wind einer spitzfindigen Debatte auspusten ) die Nation vertreten Sondern auf der Aristo-kratia der Weisesten und Besten der Begabtesten und der Charakterstärksten , wird dereinst diese Weltmonarchie sich gründen , wie die Kirche auf dem Felsen Petri - dereinst , wenn das geschichtliche Naturgesetz eine umwälzende Drehung vollführt , überraschend den Myriaden Blinden , vorherberechnet und prophezeit von wenigen Sehern . IX. Sich zurückziehn vom Gewühl des Marktes , weil die aristokratischen Fingerlein sich dort beschmutzen ? Hier in vornehmer Exclusivität behäbig auf seinem Schlosse horsten und das Leben der Pöbelwelt von oben herab belächeln ? Einst in London hatte er , kurze Zeit in einem Boarding-House lebend , jene Klasse von Rentiers beobachten können , die man fast nur in England und Frankreich , nicht im arbeitsamen Deutschland kennt . Zurückgezogen von den Geschäften , von ihren Zinsen lebend , dreht sich das Leben solcher Leute um den Morgenspaziergang über Constitution Hill , das Verdauen der » Times « zum Frühstück und das feierliche Vorschneiden des Beaf am Mittag . Zieht sich dann Einer noch nach dem Thee und Whist mit seiner Whiskyflasche ins Schlafzimmer zurück und säuft sich fromm in gesunden Schlaf hinüber , so hat er sein Tagewerk würdevoll verbracht . - - Also der Krieg , der so lange drohende , der Krieg , der all die mächtigen Fragen zur Lösung bringen sollte , stand binnen kürzester Frist bevor ? Alle Zeitungen tönten es wieder . Und bei dieser Weltentscheidung sollte er hier hocken bleiben , vielleicht die Landesvertheidigung seines Distrikts als Landsturmcommandeur leiten , höchstens das Deutschthum schirmen gegen etwaige Revolten im Innern ? Nein . Die Erziehung seiner Mündel konnte warten , hier galt es wahrlich seine eigene Erziehung . Mit fester Hand schrieb Graf Xaver Krastinik umgehend an den Commandeur seines alten Regiments sowie an eine höhere Behörde in Budapest : daß er bitte , seine selbsterbetene Entlassung aus dem Dienste zu annulliren , daß er sofort wieder eintreten wolle . Er wußte , daß man mit Freuden sein Gesuch bewilligen würde . Zurück konnte er nicht mehr . Der Würfel war gefallen . Ja , eingereiht aufs neu in die Liste der gewöhnlichen Kämpfer . Keine falsche Erhabenheit mehr , kein eigenwilliges Abschließen in eigenem passivem Werthe . Wie jeder Andere unterworfen der strammen Zucht eines geordneten Berufes , wo jedes eigene Vordrängen unmöglich und jeder nur als Glied des Ganzen gilt . ... Ja , Jeder nur ein Glied des Ganzen . Wer das erkannt , bedarf keines Arztes mehr , um ihm Chinin zu verschreiben für das Fieber der Existenz . Das geschichtliche Gravitationsgesetz dreht das Leben jedes großen Mannes nach dem Wendepunkte hin , wo er aufhört , sich als Werkzeug zu fühlen und sich selbst zum Gotte träumt . Mag der eitle Kiesel die Größe des Montblanc nicht sehen , vergesse doch auch die Alpe nicht , daß auch sie nur das Produkt zahlloser Steingenerationen . Das sollte vor allem der Adel bedenken . Wenn die Genußsucht bei Sekt und Austern schlampampt , so sehnt man sich nach der fröhlichen , seligen Feudalromantik . Da genoß man das adlige Vergnügen , die » Pfeffersäcke « auf offener Straße zu » werfen « . Auch das Jus primae noctis entbehrte nicht des Reizes . So ärgert sich denn unser heutiger Junkertypus im Geheimen schmählich , daß er sich nicht erzgepanzert als Letzter der Barone durchs irdische Jammerthal raubrittern darf . Aber während dieser verkappte Größenwahn zugleich an unheilbarem Verfolgungswahn leidet , da der Adel stets seine angeblichen Rechte gefährdet glaubt , macht sich bereits eine neue Raubritterkaste breit , welche die Preß-Feder im Wappen und mit den Societären der Unsterblichkeits-Assekuranzen die magern Kühe Pharaos auf die fette Weide führt . Die gravitätische Grandezza der litterarischen Börsenjobber sieht bereits alle menschlichen Dinge nur vom Standpunkt des bedruckten Zeitungspapiers der » Oeffentlichen Meinung « ( soll heißen : des Privatinteresses elender Skribenten ) und entscheidet über Krieg und Frieden , als ob die Regierungen gar kein Wörtchen mehr mitzureden hätten . Als des Grafen logische Betrachtungen wieder bis zu diesem Punkte gediehen , erinnerte er sich plötzlich eines Briefes , den er einst von Leonhart empfing . In seinem Briefpult stöberte er denn auch wirklich die vergilbten Blätter auf . » ... Es giebt in der Gesellschaft vier große Motoren . Zwei stabile : Schwert und Geld , zwei revolutionäre : Geist und Knüppel . Unter diesen Kräften ist die äußerlich schwächste , der Geist , die innerlich stärkste . Dann folgt das Schwert , die Staatsgewalt . Dann der Knüppel , die Masse . Am schwächsten ist der scheinbar stärkste Motor , das Geld . Weder mit Geist noch mit Schwert könnte man eigentlich Krieg führen ohne Geld . Und doch führen bankerotte Staaten lustig Krieg und bankerotte Geistesstreiter ebenso . Denn das Geld bildet nur eine todte festliegende Masse und fällt blindlings den andern Kräften zur Beute , wenn sie sich darauf stürzen . Verbinden sich nun Geist und Schwert , wie beim demokratischen Cäsarismus , so führt dies zur Weltunterwerfung . Verbinden sich Geist und Knüppel , so führt dies zur Revolution . Jedes für sich allein unterliegt , zwei vereinte Kräfte aber siegen über die andern . 1 und 2 ( Geist und Schwert ) bilden absolutes Uebergewicht , aber auch 1 und 3 ( Geist und Knüppel ) sind naturgemäß stärker als 2 und 4. Die Geschichte vollzieht sich seit Anbeginn nach gleichen Gesetzen . Allein die neueste Zeit glich einem plötzlichen Sturzfall , wo der Strom all seine Kräfte zusammenstaut . Daher enthüllt sich das Weltgeheimniß klarer denn je in den Jahren 1792-1815 . Es tritt immer eine Epoche ein , wo die Staatsgewalt und das Feudalsystem ( Schwert ) übermächtig drückt und so sein eignes Basisfundament zerquetscht . Dann wenden sich alle drei andern Motoren dagegen . Unter diesem gemeinsamen Druck wird zuerst die Bourgeoisie ( Geld ) hoch gehoben . Aera des constitutionellen Liberalismus . Das Volk der physischen Arbeit aber ( Knüppel ) , nachdem das Schwert zerbrochen , drängt nun heimlich gegen den Geldsack an . Diesen Augenblick benutzt das intellectuelle Proletariat ( Geist ) , sich an die Spitze der Masse zu stellen und mit Hülfe des Knüppels jetzt Schwert und Geld bei Seite zu schleudern . Wie durch geöffnete Schleusen , bricht aber bald die vom Geist entfesselte Masse vor . Durch den früheren Kampf für das Volk gegen Staat und Bourgeoisie erschöpft , wird plötzlich auch der Geist überwältigt . Anarchie überschwemmt alle Ufer der Cultur , nachdem die Revolution den Unrath weggespült . Aber der Geist ist nur zu betäuben , nie zu überwinden . Plötzlich rafft er sich auf und erblickt das zerbrochene weggeworfene Schwert . Er ergreift es , er schmiedet es neu . Zugleich richtet er den umgestürzten Geldsack wieder auf , mit Schwert und Geldsack schlägt er den Uebermuth des Knüppels nieder , bis auch dieser wieder seinem Gebot gehorcht . Der Geist kann nur durch sich selbst überwunden werden . Seine Schöpferphantasie verliert den Maßstab für das materielle Bleigewicht der drei andern Kräfte , die er mit sich schleppt . Die Spitze des Schwertes , nie ruhend in seiner Hand , stumpft sich endlich ab , biegt sich - man entwindet es ihm wieder und die alten Träger des Schwertes herrschen aufs neue . So kehrt äußerlich Alles zum Alten zurück , weil dies als dauernder Zustand naturgemäß , aber die innere Umformung der Weltbedingungen durch die kurze Herrschaft des Geistes wirkt auf Jahrhunderte fort . Und wiederum wiederholt sich dann später dasselbe Spiel . Die Feder mißvergnügter Litteraten aber ist es , die in alle Eiterbeulen hineinsticht und heilendes Arsenik spritzt in die allgemeine Fäulniß des Bestehenden . Auf die Heldenfeder der Luther , Milton , Voltaire , Rousseau folgt die Agitatorfeder der Hutten , Swift und Mirabeau und auf diese die Blutsauger- und Revolverpresse der Marat , Desmoulins , Chaumette . Mit der verhundertfachten Macht der Presse steigt natürlich ihre zersetzende Aggressivkraft . Wie aber könnte die Publizistik diese hohe Aufgabe erfüllen , wenn Gerechtigkeit und Humanität sie schwächten ? Erst in der hohen Schule der rohen Interessenpolitik , der Charakterlosigkeit , der Bosheit und vor allem des Neides ( dieser Spiralfeder der gesellschaftlichen Entwicklung ) wird sie dem Zweck gerecht : Unter dem Druck der Luftpumpe einer stabilen mechanischen Gesellschaftsordnung für die menschlichen Leidenschaften ein Sicherheitsventil zu öffnen . Denn zwischen der Welt als Ganzes und dem Menschen im Einzelnen besteht ein wunderbarer , ob auch weise berechneter , Gegensatz . Die Menschen sind nicht schlecht , wie Misanthropen lügen , sondern bei der Mehrheit überwiegt das Gute . Die menschliche Gesellschaft hingegen ist schlecht durch und durch , weil sie auf den menschlichen Leidenschaften erbaut . Die gewöhnlichen Durchschnittsgefühle der Menschen sind gut , jeder Ueberschwang des Gefühls aber als Leidenschaft wirkt böse und entpuppt nur die selbstsüchtige Seite der Menschennatur . Die Durchschnittsgefühle aber sind sämtlich passiv , die Leidenschaften activ und nur die letzteren setzen sich daher herrisch durch . Auf eine edle Leidenschaft kommen hundert schlechte . Dies der Grund , warum in dieser besten aller Welten die Dummheit und die Ungerechtigkeit regiert , obschon die Menschen selbst meist gutartig . Dies der Grund , warum jeder Ungewöhnliche nur durch wüsten erbitterten Kampf die Anerkennung seines Herrscherrechts erzwingt , warum der Geist stets über den Buchstaben purzelt , warum alle Schaffenskraft auf Erden systematisch eingeengt . Dies aber soll sein , da nur so der ringende Geist sich stählt . Ränge er nicht mit der Welt , so würde ihm der unablässige Ringkampf an Jakobs Furth die Hüfte verrenken . Früher gab es die Geistestyrannei des Clerus , des Feudalsystems , des Sultanismus . Dies alles schwand und schwindet mehr und mehr . Wo also soll der Geist jene stabile Masse finden , an deren erdrückendem Bleigewicht er seine Freiheit erproben soll ? Es giebt nur eine : Die Presse . Sie aber , Liebster , beflecken Sie nicht Ihre reine Hand mit diesem Marterwerkzeug ! Schmeißen Sie Ihre Feder in den nächsten Kamin ! Das räth Ihnen Ihr wahrer Freund Leonhart . « Auch dieser Brief selbst wanderte in den Kamin , wohin ihm ja die Feder Krastiniks vorangeeilt . Der Graf sammelte alle Briefe des Todten , die er bewahrt , und verbrannte sie sorgfältig . Ein symbolisches Verbrennen aller Schiffe hinter sich , einer traumhaften Vergangenheit . Hart und wesenhaft stand die Zukunft vor ihm da . Und statt der Feder schreibe jetzt das Schwert . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Er trat auf den Altan und blickte hinaus in die untergehende Sonne . Welche Schlachtfelder wird sie beleuchten , bald , wie bald ! Ob auch ein Pultawa ? Der alte Dichterinstinkt regte sich ; nur versuchte er nicht mehr , mit Worten das innen Geschaute herauszukünsteln , . sondern begnügte sich mit dem Schauen selber . Ihm war , als sähe er ein anderes Feld vor sich bei untergehender Sonne , und darüber wandelnd einen einsamen Mann : Als sähe er auf der Ebene von Lützen , ehe jener zu neuem Kriege nach Rußland eilte , den schwedischen Pyrrhus , Karl XII. Und ihm war , als höre er die stummen Gedanken des Helden : - - » Wie sie dort niedertaucht , die müde Sonne ! Sie , die im Diadem des eignen Glanzes gethront auf angeglühter Wolken Sitz , sie , deren Leuchtkraft die Gestirne nährte - und nun so matt , so todesmatt versinkend ! Ihr letzter Blick haucht Weihe ringsumher , verklärt im Scheiden noch die bleiche Erde . So wirst du enden , stolzer Erderschüttrer , in deiner Siege Purpur ! Sei es drum ! Mag ich erlöschen und mein Purpur bleichen , wenn ich geleuchtet einen Sommertag . Wie friedlich diese Ebenen entschlafen ! Und dennoch mahnen sie , ein Grabmahl , mich , an meinen Ahnen , dessen Blut sie tranken . Wie ruhig diese Erde ! Also schlief sie , schlief , da sie seinen Todesschrei gehört . Wer weiß , ob nicht der Landmann seinen Pflug unwissend über jene Stelle führt , wo Gustav Adolf sank . So geht die Welt weg mit der Pflugschar der Vergessenheit zermalmend über unser morsch Gebein . Doch kein Zurück auf dessen Wege giebt ' s , den tief im Innersten unwiderstehlich ein Vorwärts treibt , an Ueberthatkraft krankend . Ob auch prophetisch mahnt des Ahnen Loos , die Kugel rollt , und rollt sie abgrundwärts , so lief sie doch des Rechtes schroffe Bahn . Nicht dulden kann ich , der Germanenfürst , daß uns ins Lied der Staaten frech hinein der Russe grunzt , der ungeschlachte Eber . Und ob ein Lützen droht , ich bin bereit . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Immer noch stand der Graf Xaver auf dem Altan seines Schlosses und starrte wie ins Unendliche hinaus in die Dunkelheit . Die Sterne glitzerten hoch am Firmament , zum Schlafe ladend mit geheimem Zauber . Er aber wachte . Der trüben Menschlichkeit Erfordernisse - ihm war , als seien sie abgefallen von seinem Ich , seit er einsam mit der Wahrheit zu Nacht gespeist . Die Vorahnung gewaltiger Dinge stählte jeden Nerv seines Mannesthums , das er zum Ritter geschlagen fühlte durch siegreichen Kampf . An unendlichem Horizont zogen ihm Erkenntnißbilder der Geschichte vorüber . Als die Todesfeuer des Hannibalvolkes verglommen , da stieg eine Rauchwolke drohend empor , als wäre es Dido ' s Rechte , die nordwärts zum Kapitole gewendet . Und Scipio zerwühlte erschauernd seinen blutigen Purpur . - Anderthalb Jahrhunderte seit dem Falle der Meerstadt verflossen , Asche lag und bannendes Salz auf der Stätte . Da saß ein grauer Mann am grauen Meere , in dessen Stirn der Kriegsgott seine Narben schrieb . Marius auf dem Felde des Todes . Und auch er blickte nordwärts . Und er rächte Carthago in Roma ' s Flammen . Jugurtha , ( wie Philipp von Macedonien mit einem goldbepackten Esel jede Festung zu erstürmen schwor ) bepackte römische Consulare mit lybischem Gold ; auch er fiel und mußte fallen . Aber er vermachte seine Rache seinem Besieger : Falsch und kalt wie sein alter Freund der Wüstenkönig , zapfte Sulla der Riesenspinne Roms , geschwollen vom Blute ausgesogener Völker , aufs neue Blut in Strömen ab . Wohl schmiedete Rom das All an seinen Siegeswagen . Die Brut der Wölfin schlang die Welt lebendig ein in ihren blutigen Schlund . Aber die Welt lag unverdaut im Magen und Rom würgte sie wieder aus , erstickend an seiner Gier . So wirkt fernhintreffend der Fluch vernichteter Feinde . Wohl fluthet der Wüstensand um fallende Obelisken und endlos tönt die Klage der Memnonssäule . Aegypten , Carthago , Numidien , Zion , Babylon , alle Reiche Sem ' s riß der Sturmschritt der arischen Race zu Boden . Aber wie bald zertrat die Gräber der Scipionen der neue Emporkömmling , der Germane ! In ewigem Kreislauf auf und ab rollen die Völkergeschicke und jeder Ungebühr ersteht ein Rächer . Heut also stehn wir aufs neu an einem Wendepunkt der ewig rollenden Kugel . Das Slaventhum , mit dem