; aber der andere Herr ist eben so wenig Ihr Bedienter , als ich es bin ! Sie müssen beide mit mir umkehren , ich habe Sie nach der nächsten Kreisstadt abzuliefern ! Sehen Sie Sich vor , was Sie thun ! rief Paul ihm zu . Sie sind kein Beamter unseres Königs ! Sie haben keine Vollmacht , Sie haben kein Recht , friedliche Reisende aufzuhalten , die sich durch ihre Pässe ausweisen können ! Sehen Sie selbst Sich vor , Monsieur Tremann ! versetzte hohnlachend der Franzose . Sie sind der Spionage verdächtig , und der Bundesgenosse und Herr Ihres Königs , der Kaiser Napoleon , pflegt mit Spionen keinen langen Proceß zu machen ! Ich rufe Sie zum Zeugen an , wendete sich Paul , da Herr von Werben sich in der Rolle des Bedienten , wenn auch mit großer Selbstüberwindung , schweigend und zuwartend verhalten mußte , an den preußischen Gensd ' armen , der inzwischen ruhig die Pässe der Reisenden durchgesehen hatte - ich rufe Sie zum Zeugen an , daß hier die Majestät Ihres Königs und Herrn beleidigt wird ! Sie sind ein preußischer Unterthan und Soldat , wollen Sie das geschehen lassen ? Der Angeredete war sichtlich bewegt . Er versuchte , sich in das Mittel zu legen ; aber es war vergebens , daß er dem Franzosen bemerklich machte , daß die Papiere der Reisenden völlig in Ordnung seien und daß also gar kein Grund vorliege , dieselben weiter aufzuhalten . Kein Grund ? rief der Franzose . Aber wenn ich Ihnen nun sage , daß dieser Bediente ein Offizier , ein preußischer Offizier , daß es der Hauptmann von Werben ist , den ich hiermit als Deserteur verhafte ! Wie ein Blitz zuckte es über das Gesicht des Gensd ' armen , als Herr von Werben , nun er sich entdeckt sah , der Verstellung ohnehin längst müde , die Mütze zurückschlug , welche sein Antlitz verborgen hatte , und Jener ihn erkannte . Herr Hauptmann , mein Herr Hauptmann ! Sind Sie es denn wirklich ? rief er in freudiger Bewegung aus . Ja , ich bin es ! entgegnete Werben , indem er aus seiner Brieftasche ein Papier hervorzog - aber ich bin kein Deserteur ! Hier ist mein Abschied , von Seiner Majestät unserem Könige unterzeichnet ! Ich bin frei , zu gehen , wohin ich will , und Gott der Allmächtige weiß es , setzte er knirschend hinzu , warum ein preußischer Soldat und Edelmann gezwungen ist , heimlich zu thun , was er offen zu thun berechtigt ist ! Willst Du Deinen Hauptmann an die Franzosen verrathen , Wendland ? - Er hatte den Schlitten verlassen und war mit dem Gensd ' armen ein wenig seitwärts an den Rand des Gehölzes getreten , als plötzlich dicht hinter ihnen ein Pistolenschuß fiel , dem auf der Stelle ein zweiter folgte . Sie blickten zurück : der Franzose , durch den Kopf geschossen , stürzte von dem Pferde , das , davon aufgeschreckt , zurück jagte . Paul stand aufrecht im Schlitten , die abgefeuerte Waffe in der Hand . Er hat es gewollt ! sagte er finster - der Elende hat seinen Lohn ! Er schoß zuerst , fügte er hinzu , indem er mit der Hand nach der linken Schulter fuhr und sie blutig zurückzog . Sein Blut komme über ihn ! Und jetzt vorwärts , Herr von Werben ! Wir sind jetzt Zwei gegen Einen ! Gott bewahre , wir sind unserer Drei , rief der Gensd ' arme , denn wo mein Herr Hauptmann bleibt , da bleib ' ich auch ! Mag der Teufel noch länger preußischer Gensd ' arme in französischen Diensten sein ! Ich gehe mit Ihnen zu den Russen und über die Grenze ! Zweites Buch Erstes Capitel Das Regiment , in welchem Renatus stand , hatte seine vorgezeichnete Straße über die freiherrlichen Güter zu nehmen und sollte dort ein paar Rasttage halten . Der Commandeur bot es also dem jungen Freiherrn an , als Quartiermacher vorauszugehen , um auf diese Weise ein längeres Verweilen in seinem Vaterhause zu gewinnen , und Renatus machte mit Freuden davon Gebrauch . Während des langsamen und in der frühen Jahreszeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken ihm ohnehin oft genug in die Heimath vorausgeeilt . Er hatte die Seinigen seit zwei Jahren nicht gesehen , und er hatte ihnen mitzutheilen , was jetzt ausschließlich seine Seele erfüllte , er hatte von seinem Vater die Zustimmung und den Segen zu seiner Verlobung zu erbitten . Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen , daß man sich danach sehne , ihm bald nachzukommen , um sich in Richten für die gehabten Unbequemlichkeiten und Strapazen zu entschädigen und für die vorauszusehenden Entbehrungen und Anstrengungen zu stärken , machte der junge Offizier sich auf den Weg . Der Freiherr von Arten galt immer noch für einen reichen Mann , seine Gastlichkeit war weit und breit berühmt ; Renatus selber hatte ihrer oft gegen seine Kameraden gedacht , unter denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete des Hauses befanden , und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Aufnahme bei seinem Vater verheißen können . Freilich wußte er , daß Truppen-Durchmärsche für den Gutsbesitzer eine schwere Last seien . Er hatte es mit erlebt , wie furchtbar die Franzosen im Lande gehaust und wie die Italiener durch viele Monate in Richten im Quartier gelegen hatten . Aber Maßlosigkeiten und Gewaltthaten , wie man sie von den Franzosen erdulden müssen , waren von den Landsleuten und unter der strengen preußischen strengen Mannszucht nicht zu befahren , und wenn der lange Aufenthalt der Italiener auch große Summen gekostet hatte , so erinnerte sich Renatus doch sehr deutlich , in welch gutem Einvernehmen man mit ihnen gestanden , wie sein Vater für den Grafen Mariani eingenommen gewesen war , der die Reiterei befehligte , und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte , als man später einmal die Nachricht erhalten , daß der schöne junge Mann auf einem der Schlachtfelder des österreichischen Feldzuges seinen frühen Tod gefunden habe . Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwärts kam , um so mehr wurde er von den Erinnerungen an die Vergangenheit abgezogen , denn der Anblick , welcher sich ihm überall darbot , war kein freundlicher . Seit Monaten hatten die Truppen-Durchmärsche auf dieser Straße nicht aufgehört , und überall waren die Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar . In den Krügen , in denen er füttern ließ , auf dem Gute , auf welchem er übernachtete , waren die Klagen groß , der wirkliche Nothstand unverkennbar , und die Sorge , wie er es in Richten finden werde , fing an , sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu bemächtigen . Dazu gesellte sich jenes Bangen , das man stets empfindet , wenn man sich einem ersehnten Wiedersehen naht . Renatus fing zu berechnen an , seit wann er keine Nachrichten aus der Heimath empfangen hatte . Er überlegte , daß er seinen Vater nun seit zwei Jahren nicht gesehen habe , daß sein Vater bei Jahren sei , daß die letzten Monate wohl auch für seines Vaters Güter große Lasten mit sich gebracht haben müßten , und er sagte sich jetzt zum ersten Male , daß es im Grunde doch eine üble Nachricht sei , zu deren Ueberbringer er sich habe machen lassen . Am letzten Tage war für die frühe Jahreszeit das Wetter schwül . In der Ferne zog ein Gewitter vorüber , das seine Regenwolken über das ganze Land ausbreitete . Renatus war nach der Hauptstadt des Kreises gekommen , in welchem seine väterlichen Güter gelegen waren . Er hatte dort der Behörde die Anzeige des bevorstehenden Truppen-Durchmarsches zu machen , die nöthigen Vorkehrungen zu besprechen , und es war ihm sonderbar dabei zu Muthe , daß er hier etwas Anderes , als seine eigenen Geschäfte zu besorgen hatte . Als er seinen Auftrag ausgerichtet , rastete er bei dem Wirthe , in dessen Gasthause der Freiherr einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hinzubestellen gewohnt war , wenn sich Jemand von der Familie auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete . Der Wirth sagte , daß der reitende Bote aus Richten heute in der Stadt gewesen sei , die Postsendung zu holen ; daß der Herr Baron sich lange nicht hätten sehen lassen und daß er die Zeit nicht denken könne , seit welcher die Frau Baronin zuletzt durch den Ort gekommen sei , die freilich im Winter zu reisen nicht liebe . Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Neigung , mit dem jungen Freiherrn zu verkehren , klagte über die schweren Zeiten , von denen hier Jeder mehr als anderswo gelitten habe und durch die man auf den Gütern noch weit schwerer als in den Städten getroffen worden sei . Er meinte , der junge Herr Baron werde ja wohl von Hause auch davon vernommen haben und nun selber sehen , wie es Alles stehe . Aber Renatus schenkte ihm nicht recht Gehör . Er war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt , um Verlangen nach gleichgültigem Gespräche zu tragen , und gerade weil er viel darum gegeben hätte , den Zwischenraum überfliegen und die Stunden abkürzen zu können , die ihn noch von seinem Ziele trennten , hatte er eine Scheu vor jenen zufälligen Nachrichten aus der Heimath , wie sie dem Entferntgewesenen entgegen gebracht zu werden pflegen . Er hatte Anfangs das Aufhören des Regens abwarten wollen ; aber der Wunsch , vorwärts zu kommen und bei den Seinigen zu sein , wurde mit jeder Stunde lebhafter , und es ward ihm , er wußte selber nicht , weßhalb , je länger desto unheimlicher zu Sinne . Er ging selbst nach dem Stalle , zu sehen , ob man mit den Pferden noch nicht wieder aufbrechen könne , er trat mehrmals vor die Thüre hinaus , nach dem Wetter auszuspähen ; das sah aber gar nicht darnach aus , als ob man ein baldiges Aufhellen erwarten dürfe . Der Wirth unterhielt ihn davon , wie viel Mann Einquartierung er voraussichtlich bekommen werde , berechnete , wie viel Mann auf seine Nachbarn fallen würden , und Renatus dachte , daß er heute zum ersten Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den Wagen und die Dienerschaft seines Vaters fände . Es ging das freilich mit natürlichen Dingen zu , indeß es war ihm deßhalb nicht weniger unangenehm . Mit einem nicht zu überwindenden Mißgefühle setzte er den Czacko auf und blieb dann neben dem Wirthe unter dem Vordache des Hauses stehen , um zu warten , bis sein Bursche die Pferde gesattelt haben werde . Er konnte es in der geheizten , mit Tabacksdampf erfüllten Gaststube vor Ungeduld nicht mehr ertragen . Als sie so vor der Thüre standen , sahen sie durch den Regen einen verdeckten , leichten Korbwagen herankommen , den zwei starke Braune zogen . Das ist der Steinert aus Marienfelde , sagte der Wirth ; dem können der Herr Baron nur auch gleich sagen , was ihm bevorsteht , denn leer ausgehen wird der auch nicht . Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran , weil er meinte , daß Steinert einkehren werde . Dieser hatte es jedoch nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen , denn er war nicht weit gefahren , hatte kaum noch eine Stunde bis nach Hause und wollte nur noch hören , ob und was es etwa Neues gäbe . So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog , erkannte er den jungen Edelmann , obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen hatte , und mit jener Freude , die jeder Gutgeartete über das schöne Heranwachsen eines Menschen empfindet , den er als Kind gekannt hat , rief er Renatus ein herzliches Willkommen und die Frage zu , was er denn Gutes aus der Ferne bringe . Aber Renatus vermochte ihm nicht in gleicher Weise zu erwiedern . Es verdroß ihn , daß ihn Steinert nicht , wie in früheren Jahren seinen Vater und die anderen Edelleute , als den gnädigen Herrn ansprach , sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte . Es dünkte ihm eine verkehrte Welt zu sein , in welcher Adam Steinert behaglich und trocken in seinem Wagen einherfuhr , während er , der Freiherr Renatus von Arten-Richten , als Quartiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog , und obschon er gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit , zu der sie sich in ihm verwandelten , thörichte und zu bekämpfende nannte , fühlte er sie doch in einem solchen Grade , daß sie ihm alle Freiheit des Behabens nahmen . Es dünkte Renatus also doppelt lästig , daß der Wirth sofort wieder von der Einquartierung zu sprechen anfing , da der Lieutenant sie wirklich auch für Marienfelde anzumelden hatte . Steinert verließ , sobald er davon hörte , seinen Wagen , und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen Offizier genaue Auskunft forderte , wie er Fragen stellte , welche Renatus ihm zu beantworten verpflichtet war , da kam noch einmal und noch stärker der Gedanke über diesen , daß die Welt sich umgewandelt habe . Er besaß im Allgemeinen wenig Leichtigkeit , und das Mißbehagen nahm ihm diese vollends . Er gab Steinert kurz und trocken die Zahl der Leute , der Pferde , den Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer ihres Aufenthaltes an . Steinert , der die kalte , abweisende Haltung des jungen Mannes nach der Freundlichkeit , mit welcher er ihm entgegen gekommen war , mit Recht als einen Hochmuth und eine Unhöflichkeit betrachtete , verzeichnete die Angaben in seinem Taschenbuche , dankte für die Mittheilung und bemerkte , sich zu dem Wirthe wendend , er sei in diesen Zeiten immer recht von Herzen froh darüber , daß er gleich ein tüchtiges Stück von dem Schlosse abgebrochen habe , nachdem er sein Gut gekauft ; denn große Schlösser seien jetzt ein wahres Verderben für den Gutsbesitzer , der in ihnen immer die ganze Generalität zu beherbergen und zu ernähren bekomme , während er schon Noth genug habe , sich mit den Seinigen durchzubringen . Renatus hörte darauf , wie Steinert sich des zeitigen Frühjahres freute und es günstig für die Arbeit nannte , und wie der Wirth ihm kopfschüttelnd entgegnete : Was hilft uns das , wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom Felde in die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schüttstroh nehmen , wie vor Jahren ? Man möchte die Arme am liebsten über einander schlagen und die Felder brach liegen lassen , da hätte man wenigstens nicht den Aerger über die ganze vergebliche Mühe ! Ja , nichts thun , oder arbeiten was die Knochen halten wollen , versetzte Steinert , das ist die Frage , um die es sich jetzt handelt . Rasch schaffen , Alles zu Gelde machen , wenig brauchen , das Geld sichern und abwarten , bis man wieder mit Zuversicht an ein Unternehmen gehen kann - so habe ich ' s die ganzen Jahre her gehalten . Wo sie nichts finden , können sie nichts nehmen , und meiner Haut wehre ich mich noch . Es werden Viele zu Grunde gehen in dieser Zeit , denn es sieht bedenklich auf den meisten Gütern aus , und wer den letzten Thaler in der Tasche haben wird , der wird einmal was machen können ! Er trank das Glas Bier aus , das er gefordert hatte , und ging nach seinem Wagen , als der Bursche des jungen Freiherrn diesem sein Pferd vorführte . Steinert sah , wie der Wirth dem jungen Offizier den regenschweren Mantel reichte , wie Renatus ihn um seine Schultern hing . Da kam eine jener Rückerinnerungen , welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune genommen hatten , auch über Steinert ; aber sie hatte jenen hart und ungerecht gemacht und dieser ward durch sie besänftigt . Wollen Sie mit mir fahren , Herr Baron ? fragte er . Es kommt mir auf einen Umweg nicht an , meine Pferde sind frisch ; wir binden Ihren Schimmel an , ich fahre Sie bis Rothenfeld , und bis dahin läßt der Regen vielleicht nach . Er stand an seinem Wagen und schlug das Spritzleder einladend zurück ; aber Renatus konnte sich nicht überwinden , der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen . Er dankte ihm für seine gute Absicht . Nun denn , rief Steinert , so leben Sie wohl und kehren Sie Ihrem Vater , dem Freiherrn , aus Rußland wohlbehalten wieder . Es wird ihm nahe gehen , Sie im Felde zu wissen , und er ist kein Jüngling mehr . Sie werden überhaupt hier zu Lande mancherlei verändert finden ! Damit fuhr er fort ; auch Renatus stieg zu Pferde , aber das ganze Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen peinlichen Eindruck hinterlassen und die letzten Worte desselben waren ihm schwer auf das Herz gefallen . Was hatte er damit andeuten wollen ? Was war geschehen ? - Der schlimmste Reisegefährte , die unbestimmte Sorge , hatte sich dem jungen Manne zugesellt und wollte nicht von ihm weichen , wie er sie auch zu bannen versuchte . Es war das erste Mal , daß er sich der Heimath nicht freien Herzens näherte , daß seine Gedanken sich ernstlich mit den Umständen und Vermögensverhältnissen seines Hauses beschäftigten . Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen , und obschon dieser weder ausschweifende Neigungen noch übertriebene Bedürfnisse besaß , war er doch gewohnt , jeden seiner Wünsche zu befriedigen . Er wußte , daß sein Vater kein guter Rechner , kein umsichtiger Landwirth sei und viel verbrauche . Das war aber , wie Renatus meinte , bei einem Edelmanne sehr erklärlich , und man hatte es nur zu bedauern , daß der Freiherr bisher niemals passenden Ersatz für Steinert hatte finden können ; denn gerade die besten Landwirthe hatten mit Renatus oft davon gesprochen , daß man die Hülfsquellen seiner väterlichen Besitzungen nicht nach Gebühr benutze , daß man aus den Gütern nicht mache , was sie werden könnten , daß man nicht die nöthigen Kapitalien in sie hineinstecke , um sie im Grund und Boden wuchern und Zinsen tragen zu lassen . Allein eben das flüssige Kapital fehlte seinem Vater , und dieser hatte dem Sohne in guten Stunden wohl den Rath gegeben , sich bei Zeiten nach einer reichen Erbin zur Gattin für sich umzusehen , damit man wieder in größerer Freiheit des eigenen Grundbesitzes froh werden möge . Wie würde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen , daß Renatus die völlig Mittellose in das Haus zu führen denke ? Bei dem Regenwetter dunkelte es früh , und der Sinn des jungen Mannes wurde dadurch eben auch nicht heiterer . Der Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen Wiesen empor und zog in langen , schwebenden Streifen langsam neben und um ihn her . Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vorwärts ; er wollte das Schloß noch erreichen , ehe es Nacht ward . Es dünkte ihn , als sei der Weg weit länger geworden , als komme er nicht von der Stelle ; und wie er den Weg nicht bewältigen zu können glaubte , so kam er auch mit seinen Gedanken nicht vom Flecke . Wenn er sich es vorstellen wollte , wie er seinem Vater sein Herz enthüllen und was Vittoria zu seiner Verlobung sagen werde , sah er Adam Steinert vor sich stehen und es klang ihm das Wort vom letzten Thaler und von dem Unsegen , der jetzt auf den großen Schlössern laste , in den Ohren . Er war froh , als er endlich aus den Wiesen heraus war , als aus dem Nebel der Kirchthurm von Rothenfeld hervortrat und der Anblick der allbekannten , ihm engvertrauten Umgebung ihn von seinem Grübeln abzog . Er schwankte , ob er in der Pfarre vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle ; aber seine Ungeduld sträubte sich dagegen , und auch sein Schimmel schien sich der Nähe des Stalles zu erinnern , in welchem er auferzogen worden war , denn er griff , ohne daß sein Herr ihn dazu antrieb , mit Einem Male lustig aus , so daß Renatus in wenigen Minuten die große Eichen-Allee zu erreichen hoffen durfte , die sich von dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des Schlosses hin erstreckte . Aber er ritt und ritt , die Allee wollte noch nicht kommen . Er drückte dem Pferde die Sporen in die Seite , es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwärts - aber sie kam nicht , die Allee . Was ist das ? fragte Renatus sich , und es fuhr ihm kalt über den Rücken . Er sah um sich , weil er meinte , nur der Nebel verhülle ihm die Bäume und der Nebel sei es auch , der ihn so erkälte ; indeß der Nebel hatte sich verzogen , er konnte an einzelnen Stellen sogar die Sterne durch die Wolken schimmern sehen , und es war auch nicht der Nebel , der ihm das Herz in der Brust erstarren machte und ihm den Hals zusammenschnürte . Denn nun lag es ja vor ihm , das Schloß seiner Väter ; er sah das Licht aus dem Fenster über dem Portale schimmern , das die riesigen , alten Bäume jetzt nicht mehr verdeckten . Schon breitete der Hofraum sich weit und öde vor ihm aus , aber es war nicht mehr , wie es gewesen war , es war nicht mehr die alte Heimath ! Das Schloß seiner Väter war seines schönsten Schmuckes beraubt , der Stolz der Herren von Arten-Richten , die prächtige , uralte Eichen-Allee war niedergeschlagen bis auf den letzten Baum . Jetzt wußte er , was die Worte Steinert ' s bedeutet hatten - und die Thränen stürzten ihm aus den Augen . Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer im Kamin . Der reitende Bote , welcher zweimal in der Woche die Briefe für den Freiherrn aus der Kreisstadt abholte , war um die bestimmte Stunde nach dem Schlosse zurückgekehrt , und fast gleichzeitig mit ihm war der Caplan bei dem Freiherrn angelangt . Er kam trotz seiner vorgerückten Jahre und seiner schwachen Gesundheit regelmäßig an den Abenden von Rothenfeld , wohin er gezogen war , bald nachdem Renatus zum ersten Male das Vaterhaus verlassen hatte , nach Richten herüber , um dem Freiherrn , dessen Augen in der letzten Zeit gelitten , zur Hand zu sein , falls er sich eines Vorlesers bedürftig fühlte oder Briefe zu beantworten hatte ; denn der Sekretär des Freiherrn war noch während des ersten Krieges in die Dienste eines französischen Generals getreten , und man hatte seine Stelle nicht wieder besetzt . Die Lichte waren bereits angezündet , aber es waren nicht die vielarmigen Leuchter , deren der Freiherr sich in früheren Jahren bedient hatte , als er am Abende noch selbst zu lesen und zu schreiben pflegte . Der große Raum war also nicht vollständig erhellt , und das Sopha , auf welchem Vittoria , die beiden Arme mit der anmuthigen Lässigkeit eines Kindes unter das Haupt gelegt , in stillem Hindämmern zu ruhen schien , war ganz in Schatten gehüllt . An dem Tische , auf welchem die eingegangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen , saß der Caplan , und der Freiherr ging , dem Vorlesenden zuhörend , langsam in dem Zimmer auf und nieder , wie es seine Gewohnheit war . Mit Einem Male blieb er stehen . Es wird immer nutzloser , diese Blätter kommen zu lassen , sagte er , indem er den Caplan unterbrach . Man müßte sich mitten im tiefsten Frieden glauben , wenn man keine anderen Nachrichten empfinge , als diejenigen , welche die Zeitungen uns verkünden . Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleon ' s , nur von seinen Decreten in der Gesetzgebung und für das Theater ist heute wieder die Rede , und dazu haben die Truppen-Durchmärsche bei uns nicht aufgehört ; dazu meint man , so oft man zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt , daß wieder irgend ein neuer Quartiermeister oder Fourier im Schlosse anlangt , um uns neue , unerbetene Gäste anzumelden . Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet , als man den Hufschlag eines Pferdes auf der großen Rampe hörte . Da sehen Sie , mein Freund , wir leben gerade wie im Schauspiele ! meinte der Freiherr . Man braucht von den Dingen nur zu sprechen , um sie eintreffen zu machen . - Er ging nach dem Fenster ; auch der Caplan erhob sich , um hinunter zu sehen . Man konnte jedoch in der Dunkelheit nicht erkennen , wer der angekommene Reiter sei , und der Freiherr war eben auf dem Wege , die Klingel zu ziehen , um sich danach zu erkundigen , aber er stand dann wieder davon ab . Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen , den Ereignissen entgegen zu gehen , und er machte sich innerlich einen Vorwurf daraus , daß er die Ruhe verloren habe , sie an sich herankommen zu lassen . Er wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück , legte die Hände wieder über dem Rücken in einander , um bei dem Herumgehen die Brust zu dehnen , und wollte eben den Caplan ersuchen , mit dem Lesen fortzufahren , als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und der Diener in der Thüre erschien . Was gibt es ? fragte der Freiherr , froh , des Zwanges ledig zu sein , den er sich angethan hatte . Ein Offizier , gnädiger Herr , ein Offizier ist angekommen , von den Unserigen einer ! antwortete der Diener , und ehe der Freiherr noch sein Mißfallen über diese unruhige Meldung äußern konnte , war Renatus schon in das Zimmer eingetreten und hatte sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen . Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen . Mein Sohn , mein lieber Sohn ! rief er aus , als Renatus sich niederbeugte , des Vaters Hand zu küssen , und er die Thränen in des jungen Mannes Augen gewahrte . Was bewegt Dich so , Renatus ? Fasse Dich , mein Sohn ! Aber die Stimme seines Vaters , weit davon entfernt , ihn zu besänftigen , rührte den Sohn noch mehr , denn sie klang ihm fremd . Es war nicht mehr der alte , volle Ton , und unfähig , sich zu beherrschen , rief er : Wo ist unsere Allee geblieben , Vater ? Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen , er ließ die Hand des Sohnes fahren , denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen , und nach des Freiherrn Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater eine solche Frage auch zu stellen ; aber daß er sie in der Stunde der Ankunft , daß er sie in dem Augenblicke that , in welchem er den Vater nach längerer Abwesenheit zum ersten Male umarmte , daß er sie im Beisein des Caplans , im Beisein Vittoria ' s und gar in Anwesenheit des Dieners that , das kränkte des Vaters Herz , das beleidigte das Ehrgefühl des Edelmannes und des Hausherrn . Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lücken in die Allee geschlagen . Der Anblick war mir unerträglich , machte mir die Allee zuwider , und ich fand es für angemessen , zu nutzen , was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte ! entgegnete der Freiherr , schnell und abgebrochen sprechend . Aber weßhalb zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an ? Du weißt , daß ich die Ueberraschungen nicht liebe . Was führt Dich hieher ? Ich komme als Vorbote meines Regimentes ! sagte Renatus , durch die Worte seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und verletzt , als der Freiherr sich erwies . Also Einquartierung - schon wieder Einquartierung ? Der Stab unseres Regimentes kommt übermorgen in Richten an und wird drei Tage im Schlosse bleiben ; das Regiment , zwölfhundert Mann stark , ist auf unsere Dörfer vertheilt , der Train bleibt in Marienfelde , berichtete Renatus , als mache er die Meldung vor einem fremden Manne ; aber es kam ihm hart an , denn er sah , wie unwillkommen sie dem Freiherrn war , wie schwer sie ihn bedrückte , und er fand ihn ohnehin nicht , wie er ihn verlassen , nicht , wie des Vaters Bild ihm in der Erinnerung vorgestanden hatte . Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger angehabt , als seinem freiherrlichen Freunde . Da der Caplan niemals stark gewesen war , fiel es an ihm nicht wesentlich auf , daß er magerer geworden . Sein Haar hatte die Farbe nicht merklich geändert , nur dünner war es geworden , so daß die Tonsur sich nicht mehr kenntlich machte . Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen , sein Gesicht hatte seinen alten , friedlichen und milden Ausdruck bewahrt , sein Auge war noch hell , und seine Soutane , jenes priesterliche Gewand , auf das die Mode keinen Einfluß übte , umgab noch mit der alten Sauberkeit , mit der es einst den Leib des Jünglings bekleidet hatte , auch die Gestalt des Greises . Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert . Weil er auf der Höhe des Mannesalters an Fülle sehr zugenommen , ließ die danach eingetretene Verminderung derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen . Die einst so schönen , hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter , alle Züge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprägt , man sah , daß starke Leidenschaften sie gezeichnet hatten . Wer den Freiherrn einst in der Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht gekannt hatte , dem konnte es nicht