, daß sie von Porzia Biancchi kamen , die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Geräthschaften geordnet hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht überwinden konnte , das Instrument , das sie mit Gewandtheit spielte , anzuschlagen ... Allmählich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hörte nun zu schreiben auf ... Ob sie wol endlich wahr macht , sagte sie sich , was sie uns so oft versprochen , daß sie einmal singen würde ? Ich glaube , sie fürchtet sich immer nur vor der Gräfin , die die menschliche Stimme nur geschaffen erklärt zum Lobe Gottes ! Leise und wie schüchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein melodischer Gesang ... Porzia hatte eine schöne Altstimme ... Monika , um die italienischen Worte zu verstehen , lauschte ... Indem meldete der Courier einen Besuch und wollte im Nebenzimmer , wo Porzia sang , gleichfalls mittheilen , daß es Marco Biancchi war , ihr vor vier Monaten aus England gekommener Onkel , der in großer Eile sie zu sprechen begehrte ... Lassen Sie doch ! sagte Monika und bedeutete den Meldenden , die Sängerin nicht zu unterbrechen . Sie wollte den Italiener selbst empfangen ... Der Sprache desselben war sie mächtig ... Sie sagte , sie würde Porzien das Nöthige dann schon mittheilen ... Marco Biancchi kam in großer Aufregung . Er wollte der Gräfin ankündigen , daß er mit ihr zugleich nach England reisen würde , wo er seit Jahren schon heimisch geworden ... Monika wußte , daß er von dieser Stadt aus noch weiter ins Innere Deutschlands wollte , daß er für seine Kunst , Bilder zu restauriren , Aufträge nach Frankfurt und München hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen gedachte , der in Wien lebte und ihr selbst wohlbekannt war als ein dort vielgesuchter Musiklehrer ... Auf ihr Erstaunen , wie er seinen Plan so schnell hatte ändern können , gab Marco ausweichende Antworten und bald bemerkte sie , daß seine Rückkehr nach England keine freiwillige war , ja daß er mit einem längeren Verweilen in dieser Stadt sich einer Gefahr aussetzen würde ... Porzia schien so in ihrem Gesang verloren , daß sie die nicht leise geführte Conversation des Nebenzimmers nicht hörte ... sie sang und spielte alle die Lieder , die sie schon im Gasthof Zum goldnen Lamm , auf Befehl ihres längst nach Frankfurt zurückgekehrten Vaters , dem Onkel Marco sogleich nach dem ersten Wiedersehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen müssen ... Theils das angeborene lebhafte Naturell , theils das Gefühl von Sicherheit , das in einer in der vaterländischen Sprache geführten Conversation für ihn lag , veranlaßten das Geständniß des Italieners , Herr Benno von Asselyn hätte ihn aufmerksam gemacht , daß eine der Sicherheitspolizei angehörende einflußreiche Person ihm dringend anriethe , sofort Deutschland zu verlassen . Er würde bereits seit seinem ersten Ankommen beobachtet und gelte für einen Emissär der auf englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen ... Für Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens wohlthuend , in Verbindung mit einem , wie sie bald sah , so wohlangebrachten Rathe den Namen Benno ' s zu vernehmen , der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht hatte , während Thiebold fast alle Tage kam und längst auch für sie seine gewohnte Schwärmerei zur Schau trug ... O das ist ja brav von Herrn von Asselyn ! sagte Monika und forschte teilnehmend : Würden Sie sich denn nicht gegen diesen Verdacht haben rechtfertigen können ? Die Miene des Italieners wurde eigentümlich von dem Gesange seiner Nichte begleitet ... Es war ein Ausdruck , der zwar zunächst nur der der Verschmitztheit schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei , das Monika vollkommen als die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte . Ja wäret ihr Italiener wirklich nur fähig , die Freiheit zu ertragen ! sagte sie . Ihr seid aber wahrhaft ein Volk von entthronten Königen ! Entweder müßt ihr herrschen oder in Ketten gehalten werden . - Deshalb verstand euch Napoleon so gut ! Weil nur Er herrschen wollte , hat er euch mehr mit Füßen getreten , als irgendeine andere Nation ! Italia la regina del mondo ! rief Marco und begann , sich in die Stimmung des leisen Gesanges nebenan versetzend , eines der vielen Gedichte zu recitiren , an denen für dies Thema seine Nation so reich ist und deren Zahl auch jeder einigermaßen gebildete Italiener durch die Kunst der Improvisation zu vermehren weiß ... Deshalb wollt ihr die Freiheit für euch , unterbrach Monika seinen langen Monolog , um sie wieder den andern Völkern zu entziehen ! Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen ! rief Marco . Ein Volk von Brüdern , von den Alpen bis zum Meere ! Ein einziger Bund von Bruderstaaten ! Republik oder Monarchie , nur keine Trennung mehr ! Aber dem Schlüssel Petri gönnt ihr dabei alle Pforten des Himmels , nur am wenigsten die eurer großen Roma ! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen und aus der Liste der weltlichen Souveräne streichen ! Aber thätet ihr das , so hat ja eure letzte Stunde geschlagen ! Alle katholischen Nationen würden sich zu einem neuen Kreuzzuge rüsten und Rom würde , wenn es den Kampf aufnähme , zerstört werden . Das ist schon oft geschehen ! erwiderte Marco mit einiger Ironie . Ja , ich weiß , es gibt Italiener , die unserm Glauben untreu geworden sind ! Ich gehöre nicht zu ihnen . Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will , daß er eine große Macht besitzt . Aber ein geistiges verjüngtes Rom soll herrschen ! Der Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menschheit , erhalten von seinen liebenden Kindern , zunächst von den Römern , die durch ihn ihre alte Freiheit und Größe gewinnen müssen ! Rom , der Sitz des Lichtes ! Rom , die Sonne , deren Strahlen die Erde erleuchten ! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen Königin , aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden Sitten und eine Gesetzgebung , die die Freiheit selbst war und das Menschenrecht und die geschriebene Vernunft ! Roms Sprache ist die Sprache der Religion , der Wissenschaft , der Denkmäler ! In alle Sprachen der Barbaren mußte sie eingeführt werden , wenn sie die Gedanken der Civilisation aufnehmen wollten , für welche diese keinen Ausdruck hatten . Roms Bischöfe wurden die neuen Befreier der Welt ! Der Ring des Fischers drückt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden , die noch die Nationen den Händen ihrer Henker abtrotzen werden ! Roms Hirtenstab hat die Leibeigenen befreit , die Städte gegründet , die Gemeinden geschaffen , die Republiken erleuchtet , sie geschmückt mit Bildern und mit Denkmälern des menschlichen Geistes ! Rom , ohne Waffen , Rom , ein Gedanke , hat allein dem treulosen Corsen ins Auge zu sehen gewagt , muthiger , als Könige und Kaiser , die vor ihm im Staube krochen ! Durch Rom wird das Christenthum erhalten bleiben als ein linder Balsam , der das Gemüth von seinen Wunden heilt ! Nicht , Signora , das jesuitische Rom mein ' ich , das ich hasse , weil die Jesuiten die Freiheit hassen und die Unabhängigkeit der Völker und die wahre Größe des Menschen ... Ha ! Ceccone ! Daß Menschen , wie du , dem wahren Rom ein falsches Gewand umhängen durften ! Ceccone ! Politiker statt Priester , Schergen , die die Patrioten verfolgen , statt sie zu schützen gegen die Feinde Italiens ! Signora ! Lassen Sie Italien frei sein von seinen Tyrannen , von seinen - Ceccones und die Geschichte wird ein Volk der Größe finden , Republiken , die sich mäßigen , ein Rom , das den katholischen Glauben wieder zur Sehnsucht aller Völker macht , auch der abgefallenen ! Das Auge des Italieners leuchtete . Sein weißes Haar schien sich zu sträuben . Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der Rednerbühne ... Monika folgte mit Aufmerksamkeit und voll prüfender Ueberlegung ... Cardinal Ceccone war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der römischen Curie ... Die Arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schüttelnd , sagte sie : Nein , nein ! Es gibt andere Italiener , die an diese Siege der katholischen Lehre nicht mehr glauben wollen ! Ich verachte sie ! warf ihr Biancchi entgegen . Sie berufen sich darauf , daß gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann ! Noch las Ceccone keine Messe ... Nun gut ! Aber aus allem , was Ihr mir von Euren Meinungen verrathet , erseh ' ich doch , daß Ihr dem Unbekannten zu danken habt , der Euch rathen ließ , nach England zurückzukehren ! Was aber Porzia betrifft , laßt sie nicht zu viel in der schönen Bibel lesen , bei der ich sie zuweilen überrasche und die sie so heilig zu halten scheint , wie ihre Guitarre ! Es ist das Geschenk eines freundlichen Mannes , der schon ein wenig alt ist , sonst würd ' ich glauben , daß sie sich schwer von seinem Lande trennt ! sagte Marco und wandte sich mit höflicher Verbeugung zu Porzia ' s Thüre ... Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms , das schon so alt ist ? Dann müßt Ihr auch dem Geiste und der Liebe eine Verjüngungskraft zuschreiben ! Wer ist denn der Verehrer dieser Bibel , in der Porzia so eifrig liest , daß ich fast glaube , sie studirt auch die deutsche Sprache darin , ihm zu gefallen ? Biancchi blickte immer auf die Nebenthür und schien auszuweichen , den Namen zu nennen ... Der deutsche Name wird für Eure Zunge zu schwer sein ... Ein Signore Hedemann ist es ! sagte der Italiener festbetonend und verrieth in der prüfenden Schärfe seines Blickes , daß ihm die Beziehung dieses Namens wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame , die so vertraulich und wohlwollend und offenbar von seinen Aeußerungen angezogen mit ihm plauderte ... zugleich wollte er , als guter Anwalt seiner Nichte , die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen , über einen Mann Erkundigungen einzuziehen , der die in St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknüpfte Bekanntschaft auch noch in der Residenz des Kirchenfürsten fortgesetzt hatte , als er zum Betrieb seiner Ankäufe hieher gekommen und so lange geblieben war , bis Frau von Hülleshoven von Ostende zurückkehrte , wo die Gräfin von Salem-Camphausen Porzia dann beim Wandeln in der Kathedrale entdeckte . Porzia war nach der Abreise ihres Vaters geblieben , um nach Frankfurt erst mit dem Onkel Marco zurückzureisen . Welchen Namen nannten Sie ? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes , in Gedanken verlorenes Haupt ... Remigius Hedemann ! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei hinzu : Un intendente del Signore Colonello de Hülleshoven ! Bei dieser Bezeichnung schien ihm das italienische Verhältniß zwischen Diener und Freund vorzuschweben , das bei Landbesitzern und großen Adelsfamilien sich dort noch im Sinne der alten römischen Clientel erhalten hat . Hedemann ! sagte Monika erregt und erhob sich ... Statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und ihm nun über Hedemann weitere Nachrichten zu geben , winkte sie ihm , er möchte jetzt selbst ins Nebenzimmer treten ... aber auch Porzia hatte eben leise ihre Thüre geöffnet und die Stimme des Onkels gehört ... der Italiener trat zu ihr ein . Wie Monika allein war , sammelte sie sich erst langsam von dem Eindruck , den ihr das plötzliche Nennen eines Namens gemacht hatte , der mit ihren ernsten Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand . Hedemann war , solange sie denken konnte , mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines sich nie überhebenden Dieners , Rathgebers und Helfers in aller Noth gewesen ... Daß er und mit ihm der Oberst schon so in ihre nächsten Kreise eingetreten und daß dies zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Mädchen mit einem sie so nahe berührenden Manne bekannt war , nahm ihr fast den Athem . Auf und nieder ging sie und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurückkehren . Sie schloß die Blätter , die sie zusammenlegte , zuletzt in ein Reiseportefeuille , das sie mit der ihr ohnehin heute stündlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete : Solltest du wirklich fliehen ? Solltest du diese Reise nach England mitmachen ? Was zagst du ? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein , wo du dich so gehaßt weißt , und trotzest ihnen - wie der Oberst ... ? Sie wußte von Benno , daß der Oberst vorhatte , sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen Industriezweig zu ergreifen . Voll Erregung klingelte sie dem Courier , ließ die große Lampe heller herrichten , befahl die Vorrichtung zum Thee , da die Gräfin unfehlbar bald zurückkommen würde , und entließ Marco Biancchi , der aufgeregt seiner auf das Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte , sowol mit dem Rath , dem ihm gegebenen Wink baldmöglichst zu folgen , wie mit dem Erbieten , der Gräfin von dieser Wendung die von ihm gewünschte Anzeige zu machen . Daß Marco Biancchi trotz aller angeborenen Größe und Adelswürde seiner Nation Lust zu bezeugen schien , die Reisegesellschaft der Gräfin zu vermehren und auf deren Kosten wenigstens bis Antwerpen zu fahren , bemerkte die junge Frau noch nicht . Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rücksprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Maßregel , um zu seinem Ziele zu gelangen . Porzia , sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels , begleitete ihn hinaus . Inzwischen hörte man einen Wagen anrollen ... Monika , den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend , trat an die vom Regen beschlagenen Fenster , sah in den düstern , von Laternen matt erhellten Abend , und stellte , als sie die Rückkehr der Gräfin erkannt zu haben glaubte , auch noch die kleinere Lampe auf den großen runden Tisch , den sie zum Sopha rückte . Lag dann auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel , in dem sie ihre einfache Toilette ordnete , die Schleifen des Geflechtes , das ihr Haar bedeckte , fester band , die in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig aufwickelte , der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame , die in der That durch die weitgeöffnete Thüre eintrat , so war sie doch in einer Stimmung , wie Armgart damals , als sie mit Benno und Angelika am luftigen Hüneneck stand und in den Riesenhäuptern der Sieben Berge sieben Propheten sah - ungewiß , dem Gegebenen entrückt , » hangend und bangend in schwebender Pein « . 2. Frauen , die nie gelächelt zu haben scheinen , Frauen , die immer ernst , thätig und handelnd ins Leben griffen , wird man darum noch nicht männlich zu nennen brauchen . Ihre Frauenart bewahren sie in eigenthümlichen , ihrem Geschlecht allein angehörenden Zügen . Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche , eine geborene Freiin von Hardenberg . Ihr Gatte wählte sie , angezogen von ihrer imponirenden Gestalt und untadelhaften Schönheit . Im lutherischen Glaubensbekenntnisse waren sich beide gleich , wenn auch die strenge Form , in der die Gräfin das ihrige bekannte , vom Grafen nicht getheilt wurde . Auch trat diese Strenge bei der Gräfin erst hervor , als sie , wie Monika damals von sich an Angelika Müller geschrieben , sich selbst zu erziehen anfing . Der Graf lebte meist in Ungarn , wo unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war , sich in der so schwierigen Geisteskraft auszubilden , mit Ueberzeugung in der Minorität zu stehen . Die Gräfin dagegen , die größtenteils allein in Schloß Salem bei Wien lebte , war mehr in der Lage , ihre Besonderheit zu kräftigen , ja zuletzt bedurfte sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister , ihren Gatten selbst . Nie herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen , aber wo fängt die Bildung des Charakters im Menschen an ? Von dem Tage , wo man eine Lücke unter seinen Wünschen und Hoffnungen fühlt , von dem Tage , wo man irgend worin eine große Niederlage erlitt . Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermögens an seine Gattin gehofft . Diese Hoffnung scheiterte . Kein Wort des Vorwurfs kam über seine Lippen , aber - die Lücke war da , der Zartsinn der Gattin empfand sie und sie mußte sie füllen . Schätze eines frivolen Geistes , die etwa in der Welt blenden konnten , besaß sie nicht ; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes Kindbett gewonnen , durch spätere Fehlgeburten verloren ; ihr einziger Sohn erforderte eine Erziehung und so schöpfte sie aus sich selbst so viel , als sie eben vorfand . Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden , eine pietistische Lebensauffassung . Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen , zu denen sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten . Diese später zurückgedrängte , nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem Innern und wurde ihr zum Ersatz für die Welt , die die Verlegenheiten des großen Hauses bemerkte , für die Zerstreuungen , die sie nie geliebt hatte , für die Hülfsmittel der Bildung , die man ihr für ihren Sohn anbot und die ihr misfielen , für den Gatten endlich selbst , der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser Lebemann war , einst im Bändigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte , sich überschlug und den Hals brach . Das Entsetzen über dies in weiter Ferne von ihr in Erfahrung gebrachte Unglück schien wie starr auf ihren Gesichtszügen festgeblieben zu sein und die Gräfin versteinert zu haben . Ausdruck für ihre Trauer suchend , fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religiöse Bildung ihrer Jugend . Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost , der zwar ausruft : Der Herr hat ' s gegeben , der Herr hat ' s genommen , der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit ! der nun aber auch für immer den ganzen Menschen in den Zustand der Entsagung versetzt . Ein Zurückziehen von der Welt , ein starres Festhalten an ihrem Glauben schien der vornehmen Gesellschaft , von der die Gräfin schon längst kalt und schroff genannt worden , jetzt vollkommen gerechtfertigt . Der Ort , in dem die Gräfin den in Presburg erfolgten Tod ihres Gatten erfuhr , war jenes Schloß Castellungo im Piemontesischen , das sie sich aus ihrem Eingebrachten selbst erkauft hatte , weil ihr die Lage und die rings noch lebende Erinnerung an die alten Waldenser , die Vorläufer der Reformation , gefiel . Sie hatte sich diese Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zugetraut , weil sie damals mit begründeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden sollten . Die Hoffnung schlug aber durch ein Testament fehl und die Gräfin besaß ein verschuldetes Eigenthum , während der Graf selbst , infolge einer seither mit immer größerer Dringlichkeit gesteigerten Erwartung , früher oder später die großen Güter der Dorste-Camphausen im westlichen Deutschland zu gewinnen , in seinem eigenen Haushalt keine Ordnung mehr hielt . Dennoch hatte er die Verlegenheit seiner Gattin auf sich selbst übernommen . Er brachte den Besitz Castellungos für seine Frau so ins Reine , wie eben sein ganzes übriges Besitzthum stand . Er hieß der Herr und war es nur dem Namen nach . Die Aeltern der kleinen Bettina Fuld waren es von Schloß Salem und auch von Castellungo mehr als sein Sohn Hugo , der , als der Vater in der Blüte seiner männlichen Jahre so unglücklich endete , erst sieben Jahre zählte . In einem Anfall von Mismuth über die zunehmende religiöse Neigung seiner Frau hatte sich der Graf bedungen , daß sein Sohn unter allen Umständen Soldat werden sollte . Wenn man in einem so entschieden altgläubig regierten Lande , wie bei uns , innerhalb der Gesellschaft vergißt , daß ein Mitglied des Adels zu den Ketzern gehört , hatte er gesagt , so kann das nur geschehen , wenn ihn der Nimbus der Bravour umgibt ! Unabänderlich war es , daß Graf Hugo Militär wurde . Die Mutter war in Verzweiflung . Schon ihn aus den Augen zu verlieren , schmerzte sie ; nun gar , ihn nicht selbst erziehen , ihn nicht vor den Gefahren der Welt schützen zu können . Graf Hugo besuchte die Militärakademie unter Bedingungen , die ihrer ganzen Stimmung widersprachen . Wenn sie jemals zu einem Lächeln kam , war es in den Augenblicken der Freude , wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige sein konnte , nur unter dem Schutze ihrer mütterlichen Liebe stand , bei Ferien , später bei Urlauben , bei einer längeren Pflege , als er einst verwundet wurde in einem Gefecht gegen türkische Grenzer - drei Jahre stand er an der dalmatinischen Küste - und ihr da allein angehörte . Sagten wir , daß an keinem Weibe , wenn wir es auch männlich nennen , Züge fehlen , die allein nur dem Weibe angehören , so ist dies bei der Gräfin Erdmuthe die Liebe zu ihrem Sohne . Diese äußerte sich nicht etwa in der regelmäßigen Form , wie überhaupt die Liebe sich gibt ; nicht etwa z.B. in der Strenge , die von der Liebe nicht im mindesten ausgeschlossen ist , sondern in einer blinden Vergötterung . Graf Hugo war ein liebenswürdiger Cavalier , aber auch in vielem nur das , was man eben einen Cavalier nennt . Besten Herzens und namentlich ganz den Gefühlen für Kameradschaft und Freundschaft zugänglich , führte er ein Leben , das die Mutter unbedingt hätte verwerfen müssen . Aber selbst ihre religiöse Strenge , die sie gegen alle ausübte , war für die Beurtheilung der Dinge , die sie von ihrem Sohn erfuhr , nicht vorhanden . Alles , was nur mit dem Geliebten in Beziehung stand , verklärte sich ihr . Traten ihr die Folgen seines Leichtsinns zu deutlich entgegen , so hatte sie hundert Beispiele der Bibel über die Langmuth des Herrn , über seine Geduld mit denen , die er lieb hat , über die Verirrungen David ' s und Salomo ' s und die künftige Erleuchtung und Gottwohlgefälligkeit auch dieser heiligen Sünder . In jeder Mehrung der Schuldenlast , die schon lange das Haus Salem-Camphausen drückte , sah sie , was die Veranlassungen derselben betraf , einen Beweis mehr nur für den Satz , daß eben das Gute in dieser Welt sehr schwer zu erringen und zu behaupten wäre . Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlassungen zurückzuführen , als auf die , welche sich in der Hoffnung auf den endlichen Gewinn in dem seit dem Tode des Grafen Joseph zu Westerhof geführten Proceß sogar bei allem Mangel wieder doch die Verschwendung gestatteten , so wählte sie gewiß die edelsten . Sie übersah die großen Ausgaben für Pferde , Wettrennen , Spiel , Vergnügungen aller Art , wenn sie die kleinen Ausgaben musterte für Bücher , Kupferstiche und Mildthätigkeitsbeweise . Ließ Graf Hugo ein schönes Mädchen , das er bei einer Kunstreitergesellschaft in einer dalmatinischen Stadt am Ufer des Adriatischen Meeres kennen gelernt hatte , in Wien ausbilden und erziehen , so verschlang diese , nach ihrer Meinung und Auslegung so » edle Handlung « , Tausende . Alles , was in den Rubriken des Leichtsinns stand , übertrug sie auf die Rubrik des guten Herzens . » Selig sind die Barmherzigen « , sagte sie , » denn sie werden Barmherzigkeit erlangen ! « Vorzugsweise mußte diese mütterliche Schwäche wunder nehmen in der Beurtheilung auch aller der Verhältnisse , die sich mit dem Sohn verbanden . Der schöne junge Mann stieg in seiner Carrière und befehligte bei wenig über dreißig Jahren schon ein Reiterregiment . Jenes schwarzbraune Mädchen , Angiolina genannt , das er hatte erziehen und überraschend ausbilden lassen , war seine Geliebte geworden . Ihr blieb sie nur des Sohnes Pflegkind , sozusagen ihre Enkelin . Sie , die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sündige Stadt herniederregnen sah , nahm Angiolina ' s Besuche an und ließ sich durch nichts in der Welt das Bild verwischen von dem Findling , den ihr Sohn hatte » einem Leben der Sünde entreißen lassen « . Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln , brauchte nicht einmal ihr die Hand zu küssen und sie mit chère maman ' s zu überhäufen . Alles , was ihn betraf , fand sie in der Ordnung . Selbst wenn Graf Hugo erklärt hätte , er wollte Angiolina heirathen , würde sie sich überredet haben , ihr Sohn nütze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst , jedenfalls jenem schönen Mädchen , das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre . Besonders seltsam war ihre Anhänglichkeit an Wenzel von Terschka . Dieser Abenteurer , denn anders konnte man ihn nicht nennen , tauchte vor einer Reihe von Jahren plötzlich in ihres Sohnes Nähe auf . Durch Bildung und Erziehung fast Italiener , nahm sie ihn doch als das , wofür er sich ausgab , einen Böhmen und Nachkommen der alten Hussiten . War er auch katholisch , so verklärte ihn in ihren Augen die Erinnerung an Hussens Märtyrertod . Wenzel von Terschka war unleugbar böhmisch-deutschen Ursprungs ; die Art , wie er früh nach Italien gekommen , blieb dunkel . Anfangs erschrak die Gräfin vor ihm , als sie ihm zum ersten male begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes , dem er sich durch die trotz der väterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei für Pferde genähert hatte . Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen Künsten . Eine Geistesgewandtheit besaß er , der nur ein innerer Mittelpunkt fehlte . Wenn die Gräfin plötzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte , entsetzte sie sich wol , weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war , geradezu ein priesterlicher ; aber , so seltsam dies Gefühl mit der Lebensweise Terschka ' s , die an allen Excessen des Grafen , seines intimsten Freundes , theilnahm , in Widerspruch lag , sie gewöhnte sich an ein stetes Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas , als müßte sie auf dem rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben , äußerlich anziehenden und in seinem Wesen klugen , sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen . In Piemont , das damals ganz unter der Herrschaft der Jesuiten stand , hatte sie solche Erscheinungen gesehen , mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles aufgeboten , auf ihrem Gebiete das Bekenntniß der Nachkommen Peter Waldus ' , der vor Luther die Kirche zu reformiren suchte , aufrecht zu erhalten ; sie hatte einen seltsamen Einsiedler , einen Deutschen , Bruder Federigo , in einer Hütte , die sich dieser in einem ihr angehörenden Eichenwalde gebaut , wo er dem ringsum wohnenden Volk ein Arzt und weiser Rathgeber geworden , geschützt , als die Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten ; sie hatte die Könige von Preußen , von England , Niederland und von Schweden aufgefordert , ihr Beistand zu leisten für den Kampf , den sie ringsum mit Bischöfen und Erzbischöfen begann , ja mit der Regierung in Turin selbst , um gewisse , den Waldensern gegebene Gewährleistungen aufrecht zu erhalten . Damals wurde Wenzel von Terschka von ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend , sah sie ihn dann selbst und hätte erst ausrufen mögen bei seinem Anblick : Das ist ja ein Jesuit ! Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Höhen von Baden-Baden herauf , während ihr Wagen an der » Spinnerin zum Kreuz « stand , wo sie den geliebten Sohn aus Bruck , seiner Garnison , her erwartete , und sah sie Terschka ' s Sorge für die Rosse , seinen Muth , seine Entschlossenheit , hörte sie seine heitern Reden , beobachtete sie die wilden Unregelmäßigkeiten , die sich die Freunde in einem achttägigen Aufenthalte bei der chère maman erlaubten , so schwand ihr alle Angst und Sorge und sie überredete sich schon bei dem zweiten Besuche , daß Hugo doch schon wieder einen außerordentlichen Takt bewiesen hätte auch in der Wahl dieses seines Gefährten und daß , wenn Sirach sagt : » Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens ; wer Gott fürchtet , bekommt einen solchen treuen Freund ! « hier vielleicht auch das Umgekehrte eintreffen könnte : Wer einen solchen treuen Freund bekommt , der wird auch lernen Gott fürchten ! Wie die Dinge standen , mußte die ganze Sehnsucht der Gräfin auf die endliche Entscheidung des Processes gerichtet sein , der nicht von dem Kronsyndikus von Wittekind , nicht von Levinus von Hülleshoven im Namen Paula ' s gegen die Salem ' sche Linie angestrengt wurde , sondern von den an der Aenderung der Dorste ' schen Verhältnisse erst secundär Beteiligten , vorzugsweise der Geistlichkeit und der Landschaft . Zwei Jahre lang war ihr der Name Nück ' s ein Bote der höllischen Geister . Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus der Offenbarung Johannis , in die sie sich tief vergrübelt hatte , den Doctor Abadonna , den » Engel aus dem Abgrund « . Als endlich die Hoffnungen immer lichter wurden , immer mehr das Gewölk , das das Antreten eines so großen Besitzes verbarg , verschwand , konnte sie der mächtig wallenden Erregung ihrer Mutterfreude nicht länger widerstehen . Längst schon hatte sie mit der Lady Elliot in England eine Berathung pflegen wollen über die Möglichkeit , in Italien die Reformation zu befördern und Rom durch die Bibel zu stürzen . Mit dem ihre ganze Seele erfüllenden Verlangen , die Kräfte , die England für eine solche Unternehmung in Bereitschaft halten konnte , selbst einmal durch den Augenschein zu prüfen , verband sie nun auch die Reise nach dem Orte , von wo