Augenblick das bißchen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben , und nichts macht trauriger , als ein solches Leben möglich zu sehen , ohne es zu gewinnen , ja die allertraurigsten Leute sind die , welche das Zeug dazu haben , recht lustig zu sein , und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft . Wie nun Heinrich an diesen Spielereien und Neckereien aller Art sich sonnte , die oft in nichts anderm bestanden , als daß Dortchen eine Münze oder Glas zum Tanzen brachte und gegen ihn hin dirigierte , worauf er dem Gegenstand einen Nasenstüber gab , daß er wieder zurückflog , mußte er sich tausendmal in acht nehmen , sie nicht drum anzusehen , wenn das Geldstück umgepurzelt war , und über dem kindisch leichten Tun sein schweres Geheimnis zu verraten . Desnahen hielt er sich gewaltsam zurück ; aber das tat ihm so weh , daß er aus Verzweiflung unartig und launisch wurde und sich die schönsten Stunden unwiederbringlich verdarb . Nun glaubte er sich zu heilen , wenn er sich Dortchens Gegenwart entzöge , und fing an , das es erklärter Frühling war , frühmorgens wegzugehen , sich den ganzen Tag im Lande umherzutreiben und erst in der Nacht zurückzukehren , wenn schon alles schlief . Nachdem er dies einige Tage zu seiner großen Qual getan , trieb es ihn , Dorotheen wiederzusehen , und er fand sich bei Tisch ein ; aber er war nun ganz verschüchtert , und weil , wie man in den Wald ruft , es widertönt , so fing Dortchen auch an , sich zurückzuhalten , und schien sich nicht viel mehr daraus zu machen , mit Heinrich zu verkehren . Stracks verzog er sich wieder in die Wälder und blieb drei Tage dort , während welcher er nur in der Nacht zurückkehrte . Das Holz fing sachte an zu knospen , und der braune Boden bedeckte sich schon vielfältig mit Blumen . Heinrich verkroch sich an einem wilden steinigen Abhange , der den ganzen Tag an der Sonne lag , unter ein hohes Gebüsch , durch welches eine klare Quelle rieselte . Dort hockte er im verborgenen , stierte über die duftigen Gehölze und Felder weg nach dem glänzenden Dache des Landhauses in weiter Ferne und grübelte unaufhörlich über sein Unheil . Er fing an , sich zu vergessen und sich nicht mehr zu beherrschen ; bisher hatte er , als ein wohlgeschlossener junger Mensch , noch nie laut gedacht oder vor sich hingesprochen ; jetzt zwitscherte und flüsterte er unaufhörlich , wo er ging und stand , und als er dies endlich entdeckte , war es ihm schon zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden und schaffte ihm einige Erleichterung , weil die stille Luft wenigstens seine Gedanken hören konnte , da sonst niemand auf der Welt dieselben zu ahnen und zu erraten schien . Selbst der Graf befragte ihn gar nicht , was er hätte , und tat , als ob er gar nichts bemerkte von Heinrichs verändertem Wesen . » Oh « , sagte dieser unter den Bäumen , » was für ein ungeschickter und gefrorner Christ bin ich gewesen , da ich keine Ahnung hatte von diesem leidvollen und süßen Leben ! Ist diese Teufelei also die Liebe ? Habe ich nur ein Stückchen Brot weniger gegessen , als Anna krank war ? Nein ! Habe ich eine Träne vergossen , als sie starb ? Nein ! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen ! Ich schwur , der Toten ewig treu zu sein ; hier aber wäre es mir nicht einmal möglich , dieser Treue zu schwören , solange sie lebt und jung und schön ist , da dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann ! Wäre es hier möglich , daß meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Teile auseinanderfiele , daß neben dieser mich ein anderes Weib auch nur rühren könnte ? Nein ! Diese ist die Welt , alle Weiber stecken in ihr beisammen , ausgenommen die häßlichen und schlechten ! Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte , würde ich alsdann imstande sein , dem traurigen Ereignis so künstlerisch zuzusehen und es zu beschreiben ? O nein , ich fahle es ! Es würde mich brechen wie einen Halm , und die Welt würde sich mir verfinstern , selbst wenn ich bestimmt wüßte , daß sie mich gar nicht leiden mag ! Und dennoch , welch ein praktischer Kerl bin ich gewesen , als ich so theoretisch , so ganz nach dem Schema liebte und ein grünes Bürschchen war ! Wie unverschämt hab ich da geküßt , die Kleine und die Große , zum Morgen- und Abendbrot ! Und jetzt , da ich so manches Jahr älter bin und diese schöne und gute Person liebe , wird es mir schon katzangst , wenn ich nur daran denke , sie in unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen , o weh , und doch möchte ich lieber den Kopf in das Grab stecken , wenn dieses mir nicht geschehen kann ! Nicht einmal weiß ich mehr es anzufangen , ein Sterbenswörtchen gegen sie hervorzubringen ! « Dann starrte er wieder über das Land hinaus ; doch kaum waren einige Minuten vergangen , während welcher er neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am Horizonte betrachtet oder auch ein schwankendes Gras zu seinen Füßen , so kehrten die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück ; denn Dortchens goldenes hartes Bild lag so schwer in seinem Herzen , daß es ein Loch in selbes zu reißen drohte und nicht erlaubte , daß die Gedanken länger anderswo spazierengingen . Obgleich er im Grunde dies gern litt und geschehen ließ , so gedachte er doch nicht , sich daran aufzureiben , und begann andere Saiten aufzuziehen , indem er endlich bestimmt und deutlich festzustellen suchte , daß Dorothea gewiß nichts für ihn fühlte und daß ja auch gar kein vernünftiger Grund vorhanden sei , das etwa sich einzubilden . Er musterte ihr Betragen durch und bestärkte sich schmerzlich in dieser unerbaulichen Ansicht , da er ganz mürbe und demütig geworden war und jetzt nicht das geringste Liebenswürdige an sich fand . So bitter dieser selbstgemischte Trank anfangs zu trinken war , so brachte er doch einige Ruhe zurück , infolge derer die eingeschlafene Vernunft auch wieder auftauchte und den Aufgeregten in ihre kühlenden Arme nahm . Was dem einen recht , ist dem andern billig , und Wie du mir , so ich dir , sind die zwei goldenen Sprüche auch in Liebeshändeln , wenigstens bei gesunden und normalen Menschen , und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewißheit , daß sein Leiden nicht im mindesten geteilt wird . Nur eigensinnige , selbstsüchtige und krankhafte Verfassungen laufen Gefahr , sich aufzulösen , wenn sie durchaus nicht geliebt werden von denen , auf die sie ihr Auge geworfen . Aber was hätte sein können und nicht geworden ist , macht wirklich unglücklich , und kein Trost hilft , daß die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen ; denn nur das Gegenwärtige , was man kennt , ist heilig und tröstlich , und es ist jammerschade um jedes totgeborene Lebensglück . Da nun der verliebte Heinrich bei sich ausgemacht hatte , daß Dortchen gar nicht an ihn denke , ward er um vieles ruhiger und befand sich am sechsten Tage seines Lebens in der Wildnis schon so weit , daß er darüber ratschlagen konnte , ob er , zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit , es ihr sagen wolle oder nicht . Er gedachte sich im ersten Falle wieder auf einen unbefangenen und guten Fuß mit ihr zu setzen und ihr alsdann gelegentlich , eh er abreiste und wenn sie einmal recht artig gegen ihn wäre , lachend und manierlich zu gestehen , welchen Rumor sie ihm angerichtet , und ihr zugleich zu sagen , sie sollte sich nicht im geringsten darum kümmern , er habe es ihr nur sagen wollen , um ihr vielleicht eine kleine Freude zu machen , die sie so sehr verdiene ; im übrigen sei nun alles wieder gut und er wohl und munter ! Vor Spott und Schadenfreude war er sicher bei ihr , jedoch tauchte ihm sogleich die Besorgnis auf , man dürfte am Ende ein solches Geständnis doch für eine verkappte ernstliche Liebeserklärung und angelegte Schlauheit ansehen . Diese Idee machte ihn sogleich wieder traurig , da er nun es doch verschweigen mußte , und wie er dies einsah , schien es ihm erst unmöglich zu sein und seine Gemütsruhe nur dann wieder erreichbar , wenn er sein bestandenes Ungewitter bekennen durfte , am liebsten der Erregerin desselben selbst . Auch schien ihr diese Kunde durchaus von Rechts wegen zu gebühren , und Heinrich war ihr so gut , daß er ihr ohne allen Eigennutz nicht das Geringste entziehen mochte , was ihr zukam . Daher rief er endlich » Ich sag es ihr doch ! « Aber dann fürchtete er wieder , es möchte dennoch ein Mißverständnis hervorgerufen werden und er endlich unter einem schlimmen Eindruck aus dem Hause abziehen müssen , und er rief wieder » Nein ! Ich sag es doch nicht ! Was geht es sie an ? « Endlich nahm er ein flaches rundes Steinchen aus dem klaren Bächlein , das auf einer Seite rosenrot und auf der anderen Seite milchweiß gefärbt war mit blauen Äderchen , und warf selbiges in die Höhe . Wenn die rote Seite oben läge , wollte er reden , wenn die weiße , wollte er schweigen . Die weiße Seite lag oben , und Heinrich war wieder ganz unglücklich , als sie da in der Sonne glänzte . » Ach « , flüsterte er , » dies ist nichts ! wer wird alles auf einen Wurf wagen ? Dreimal will ich werfen und dann gewiß nicht mehr ! « Und er warf wieder und abermals weiß . Zögernd und seufzend warf er zum dritten Mal , da glänzte es rot , und ebenso rot ward sein Gesicht , und eine unaussprechliche Freude strahlte auf demselben . » O nun will ich es ihr sagen ! « sagte er , und ein Stein fiel ihm vom Herzen , und er dachte , nun wäre alles gut . Der Herzenskundige wird hier wohl bemerken , daß diese Fröhlichkeit nur von der leisen Hoffnung herrührte , welche sich in Heinrichs Vorsatz mit einschlich , und daß er , ohne es zu wollen , dennoch im Begriffe war , jene Schlauheit zu begehen , welche er sich nicht zuschulden wollte kommen lassen . Es war gerade Sonnabend , und der Tag näherte sich seinem Ende . Er nahm sich also vor , noch bis in die Nacht umherzustreifen und am Sonntagmorgen dann guter Dinge zu sein , wieder ein unbefangenes Gesicht zu machen und , sobald sich der günstige Augenblick böte , ihr unter Scherz und Lachen sein Bekenntnis abzulegen mit der gemessensten Aufforderung , daß sie sich gar nichts daraus machen und die Sache einzig wie eine kleine Morgenerheiterung aufnehmen solle . Der arme Teufel , wie er sich selbst belog ! Der Sonntagmorgen geriet wunderschön , der reine Himmel lachte durch alle Fenster in das helle Haus , und der Garten blühte schon an allen Enden . Heinrich war wirklich guter Dinge und putzte sich sorgfältiger heraus als gewohnt ; er verlor den Mut nicht , da er sich einbildete , nichts erreichen zu wollen , sich allein wie ein Kind auf die herzliche Plauderei freuend , die er ihr vormusizieren wollte , und sich davon ein reines und ungetrübtes Glück und ein ruhiges Leben versprechend . Und es fielen ihm tausend Narrheiten in den Sinn , welche er dazwischenflechten wollte , um Dortchen zu ergötzen , damit sie ja nicht die mindeste Unruhe oder Betrübnis verspüren sollte . So war er in der rosigsten Laune , und das Herz klopfte ihm stark und lebendig , und indem ihm fortwährend neue Witze einfielen , über die er lachen mußte , traten ihm zugleich Tränen in die Augen , so sehr freute er sich darauf , ihr nun endlich gegenüber zu sein und mit ihr zu plaudern . Aber es fand sich , daß Dortchen schon am Sonnabend viele Meilen weit weggefahren war , um eine Freundin zu besuchen , und wenigstens drei Wochen lang wegbleiben wollte . Hilf Himmel ! welch ein Donnerschlag ! Der ganze schöne Sonntagsfrühling in Heinrichs Brust war mit einem Zuge weggewischt , die Narrheiten und Witze tauchten unverweilt ihre Köpfe spurlos unter die Flut der dunkelsten Gesinnung , und der blaue Himmel ward schwarz wie die Nacht vor Heinrichs Augen . Das erste , was er tat , war , daß er wohl zwanzigmal den Weg vom Garten nach dem Kirchhofe hin und zurück ging , und er drückte sich dabei genau an die Kante des Pfades , an welcher Dortchen hinzustreifen pflegte mit dem Saum ihres Gewandes . Aber auf diesen Stationen brachte er weiter nichts heraus , als daß das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und alle Vernunft wie weggeblasen . Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleißig darauf los . Diese drei Wochen glaubte Heinrich nicht erleben zu können und beschloß , sich so bald als möglich fortzumachen . Er zwang sich deshalb zur Arbeit , so gut es gehen wollte . Zum Glück war dieselbe vor dem Liebeswetter schon so weit gediehen , daß es nur der fortgesetzten Anstrengung weniger Tage bedurfte , um zu Ende zu sein ; allein wenn Heinrich unter bitteren Schmerzen eine Stunde gemalt hatte , mußte er die Pinsel wegwerfen und in den Wald hinauslaufen , um sich wieder zu verbergen ; denn unter den Menschen wußte er nicht , wo er hinsehen sollte . So brauchte er dennoch volle drei Wochen , bis er fertig war , und diese schienen ihm volle drei Jahre zu dauern , während welcher er tausend Dinge und doch immer ein und dasselbe lebte und dachte . Wenn es schönes Wetter war , so machte ihn der blaue Himmel und der Sonnenschein noch tausendmal unglücklicher , und er sehnte sich nach Dunkelheit und Regengüssen , und traten diese ein , so hoffte er auf den Sonnenschein , der ihm helfen würde . Überdies begann er allerlei Unstern zu haben , da er fortwährend zerstreut war . So trat er eines Tages fehl , als er einen steilen Klippenpfad heruntersteigen wollte , und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen hinunter , daß er nicht wußte , wie er unten ankam , und ihm die Sinne vergingen . Dies kränkte und schämte ihn so heftig , daß er elendiglich zu weinen anfing . Ein andermal eilte und klomm er hastig den Berg hinauf , immer höher , um weiter in das Land hinauszusehen , als ob er alsdanm Dortchen entdecken könnte , und als er endlich ganz oben angelangt und sie nirgends sah , legte er sich auf den Boden und schluchzte jämmerlich , und das Unwetter tobte so heftig in ihm , daß es ihn emporschnellte und herumwarf , wie eine Forelle , die man ins grüne Gras geworfen hat und die nach Wasser schnappet . Wiederum ein andermal setzte er sich auf einen verlassenen Pflug , welcher in einer angefangenen Ackerfurche lag , und machte ein trübseliges Gesicht ; denn er begriff nicht , wie jemand noch Freude daran finden könne , zu pflügen , zu säen und zu ernten , und er machte allem Lebendigen umher Leerheit , Nichtigkeit und Seelenlosigkeit zum Vorwurf , da er Dortchen nicht hatte . Da schlenkerte ein vergnügt grinsender Feldlümmel daher , der ein irdenes Krüglein an einem Stricke über der Schulter trug , stand vor ihm still , gaffte ihm in das betrübte Gesicht und fing endlich an , unbändig zu lachen , indem er sich mit dem Ärmel die Nase wischte . Schon das arme Krüglein tat Heinrich weh in den Augen und im Herzen , da es so stillvergnügt und unverschämt am Rücken dieses Burschen baumelte ; wie konnte man ein solches Krügelchen umhertragen , da Dortchen nicht im Lande war ? Da nun der grobe Gesell nicht aufhörte , dazustehen und ihm ins Gesicht zu lachen , stand Heinrich auf , trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihm dergestalt hinter das Ohr , daß der arme Kerl zur Seite taumelte , und ehe der sich wieder fassen konnte , prügelte Heinrich all sein Weh auf den fremden Rücken und schlug sich an dem brechenden Kruge die Hand blutig , bis der Feldlümmel , welcher glaubte , der Teufel sei hinter ihm her , sich aus dem Staube machte und erst aus der Entfernung anfing , mit Steinen nach dem tollen Heinrich zu werfen . Langsam ging dieser davon und bedeckte seine überströmenden Augen mit beiden Händen . Solche Kunststücke trieb er nun , und der Himmel mochte wissen , wo er sie gelernt hatte . Endlich aber stellte sich von dem andauernden Druck des besagten goldenen Bildes ein bleibender körperlicher Schmerz auf der linken Seite ein , der erst nur ganz leise war und sich nur allmählich bemerklich machte . Als ihn Heinrich endlich entdeckte und von der gewohnten Beklemmung unterschied , fuhr er unablässig mit der Hand über die Stelle , als ob er wegwischen könnte , was ihm weh tat . Da es aber nicht wegging , sagte er » So , so , nun hat ' s mich ! « denn er dachte , dieses wäre nun das wirkliche und wahrhaftige Herzeleid , an welchem man stürbe , wenn es nicht aufhörte . Und er wunderte sich , daß also das bekannte Herzweh , welches in den Balladen und Romanzen vorkommt , in der Tat und Wahrheit existiere und gerade ihn betreffen müsse . Erst empfand er fast eine kindische Schadenfreude , wie jener Junge , welcher sagte , es geschehe seinem Vater ganz recht , wenn er sich die Hand erfröre , warum kaufe er ihm keine Handschuhe ? Doch dann schlug dies Vergnügen wieder in Traurigkeit um , als er sich ernstlicher bedachte und befand , daß nun gar keine Rede mehr davon sein könne , Dortchen etwas zu sagen , da die Sache bedenklich würde und ihr Sorgen und Befangenheit erwecken müßte . Er suchte jetzt sein Wäldchen wieder auf am Berge , das indessen schön grün geworden war und von Vogelsang ertönte . Auf dem Baume , unter dem Heinrich den ganzen Tag saß , war ein Star und guckte , wenn er genug Würmchen gefressen hatte , zutulich auf ihn herunter und stieg jeden Tag um einen Ast näher herab . Während nun Heinrich darüber nachsann , wie dieser Kummer alles andere , was ihn schon gequält , weit hinter sich lasse , wie das Leid der Liebe so schuldlos sei , denn was habe man getan , daß einem ein anderes Wesen so wohl gefalle ? und dennoch so unerträglich und bitter und unvernünftig und einen zugrunde zu richten vermöge , und während er sich jedoch vornahm , daß dies nicht geschehen solle und er sich schon seiner Haut wehren wolle , sprach er nichts mehr als immer den gleichen Seufzer » O Dortchen , Dortchen - Dortchen , Dortchen Schönfund ! Wenn du wüßtest , wie mir es ergeht ! « und dies so oft , daß eines schönen Morgens über seinem Kopfe unversehens eine seltsame Stimme rief : » O Dortchen , Dortchen Schönfund ! Wenn du wüßtest , wie mir es ergeht ! « Dies war der Star , der diese Worte gemächlich auswendig gelernt und nun jedesmal damit fortfuhr , wenn Heinrich eine Weile geschwiegen , so daß sie nun unablässig in dem grünen Busch ertönten . Manchmal , wenn Heinrich nur abgebrochen Dortchen rief und wieder schwieg , sang der Star » Dortchen ? « worauf Heinrich antwortete » Ja , Dortchen ist nicht hierchen ! « Oder wenn er bloß seufzte » Wenn du wüßtest ! « so rief der Vogel nach einem Weilchen » Wie mir es ergeht ! « Es erging ihm aber auch so schlimm , daß er sich nach Dorotheens Wiederkehr sehnte , bloß um eine äußerliche Veränderung zu erfahren und sie noch einmal zu sehen , um dann unverzüglich fortzugehen . Als er gerade am letzten Abend der drei Wochen sich ins Haus begab , hoffte er nicht , daß sie schon dasein würde , sah aber schon vom Garten her , daß Licht in ihrem Zimmer war , und erfuhr , daß sie schon am Nachmittage pünktlich angekommen sei . Sogleich befand er sich um vieles besser und schlief wieder einmal ziemlich gut , ohne von ihr zu träumen , da sie sonst immer ihm im Traume erschienen war . Dies hatte ihn auch immer so gequält , wenn die Geträumte ihm durchaus wohlgeneigt nahte , ein leises gütiges Wort flüsterte oder ihn freundlich ansah und er dann nach dem Erwachen nicht fassen und begreifen konnte , warum es nicht wahr sein und er nicht zu seinem erträumten Rechte kommen sollte , als ob die Gute für das verantwortlich wäre , was er träumte . Am Morgen erklang schon früh ihre Stimme durch das Haus ; sie spielte und sang wie eine Nachtigall an einem Pfingstmorgen , und das Haus war voll Leben und Fröhlichkeit . Heinrich wurde zum Frühstück eingeladen , um die Wiedergekehrte zu begrüßen . Hastig und mit klopfendem Herzen ging er hin ; aber sie war so lustig und aufgeweckt , daß der Erznarr sogleich wieder traurig wurde , da sie auch gar nichts zu merken schien von dem , was mit ihm vorging . Dennoch wirkte ihre Gegenwart so wohltuend auf ihn , daß er sich zusammennahm , nicht mehr weglief und sich still und bescheiden verhielt , ohne viel Worte zu verlieren , allein darauf bedacht , bald fortzukommen . Aber sie machte ihm dies nicht so leicht , sondern trieb hundertfachen Mutwillen , der ihn immer wieder aufregte und störte , wobei sie sich immer an andere wandte und vorzüglich Apollönchen dazu brauchte , welche für sie kichern und lachen mußte , so daß Heinrich nie wußte , wem es gelten sollte , und hundertmal in Versuchung geriet , die Kleine beim Kopf zu nehmen und zu sagen » Du Gänschen , was willst denn du ? « Endlich wurden zwei große Kisten gebracht , in welche die fertigen Bilder gepackt wurden . Heinrich schickte den Tischler fort und nagelte die Kisten selber zu auf dem Hausflur , um nur etwas auszutoben . Er saß bitterlich wehmütig auf dem Deckel und trieb die Nägel mit zornigen Schlägen in das Holz , daß das Haus davon widerhallte ; denn mit jedem Nagel , den er einschlug , nahm er sich gewisser vor , am nächsten Tage fortzugehen , und so dünkte es ihn , als nagle er seinen eigenen Sarg zu . Aber nach jedem Schlage schallte ein klangreiches Gelächter oder ein fröhlicher Triller aus den oberen Gängen des Hauses , die Mädchen jagten hin und her und schlugen die Türen auf und zu . Dies bewirkte , daß Heinrich auf sein Zimmer ging und gleich auch den Reisekoffer packte . Als er damit fertig war , ging er höchst schwermütig , aber gefaßt ins Freie und nach dem Kirchhofe ; dort setzte er sich auf eine Bank und hoffte , Dortchen werde etwa herkommen und er wenigstens einige Minuten noch allein und ohne Bosheit bei ihr sitzen können , um sie noch einmal recht anzusehen . Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde herangerauscht , aber von der Gärtnerstochter und dem großen Haushunde begleitet . Da entfernte er sich eiligst , glaubend , sie hätten ihn noch nicht gesehen , und lief hinter die Kirche . Als er dort die Mädchen wieder sprechen und lachen hörte , ging er in der Verwirrung in das Pfarrhaus hinein , das ganz in der Nähe war , und traf den Pfarrer essend am Tische sitzen , über den die Nachmittagssonne friedlich wegschien . Heinrich setzte sich zu ihm und sah ihm zu . » Ich esse hier mein Vesperbrötchen « , sagte der Pfarrer , » wollen Sie nicht mithalten ? « - » Ich danke « , erwiderte Heinrich , » wenn Sie erlauben , so will ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten ! « - » Das sind mir junge Leute heutzutage « , sagte der Hochwürdige , » das hat ja gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr ! Na , die Gedanken sind auch danach , da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und aber nichts ! « Der Pfarrer merkte nicht , wie materialistisch er sich mit dieser speiselustigen Rede selbst ins Gesicht schlug , sondern war eifrig mit der großen Schüssel beschäftigt , die vor ihm stand . Dieselbe enthielt viele Anhängsel eines frischgeschlachteten Schweines , nämlich die Ohren , die Schnauze und den Ringelschwanz , alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend . Er pries das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld und trank einen tüchtigen Krug braunen klaren Bieres dazu . Als Heinrich fünf Minuten traurig dagesessen und dem Pastor zugesehen hatte , klopfte es an der Tür , und Dorothea trat , nur von dem schönen Hunde begleitet , anmutig und höflich herein und schien aber ein ganz klein bißchen befangen zu sein . » Ich will die Herren nicht stören « , sagte sie , » ich wollte Sie nur bitten , Herr Pfarrer , heute abend bei uns zu sein , da Herr Lee morgen fortreist ; Sie sind doch nicht abgehalten ? « - » Gewiß werde ich kommen « , erwiderte der Pfarrer , der sich schon wieder gesetzt hatte , » bitte , mein Liebster , holen Sie doch einen Stuhl für das Fräulein ! « Heinrich tat dies mit großer Herzensfreude und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch , sich gegenüber . » Danke schön ! « sagte Dortchen , freundlich lächelnd und zierlich vor sich niedersehend , indem sie Platz nahm . Nun war Heinrich doch glückselig , da er in der sonnigen und wohnlichen Pfarrersstube ihr gegenübersaß und sie sich so gutmütig und still verhielt . Der Pfarrer , obgleich er fortaß , sprach immer , und die beiden Leutchen brauchten ihm nur zuzuhören , indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Maule nach der Schüssel starrte . » Ach , der arme Hund , wie es ihn gelüstet « , sagte Dortchen , » essen Sie dies auch , Herr Pfarrer ? oder erlauben Sie , daß ich es ihm gebe ? « Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen , das sich manierlich auf dem Rande der Schüssel darstellte . » Dies Sauschwänzchen ? « sagte der Pfarrer , » nein , mein Fräulein ! das können Sie ihm nicht geben , das eß ich selbst ! Warten Sie , hier ist was für ihn ! « und er setzte dem gierigen Tiere einen Teller vor , in welchen er allerlei Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte . Dortchen und Heinrich sahen sich unwillkürlich einander an und mußten lächeln , nicht über den Pfarrer aus Spott , sondern weil seine vergnügte und selbstzufriedene Freude an dem Sauschwänzchen so lustig war . Auch der Hund , der sich eifrig und begierig mit seinen Knorpeln unterhielt , vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute Stimmung der jungen Leute . Dortchen streichelte ihm den Kopf , als Heinrich ihm den Rücken streichelte , und als sie mit ihrer Hand achtlos der seinigen zu begegnen Gefahr lief , wich er ihr aus , wofür sie ihn , irgendeine gleichgültige Frage benutzend , um so freundlicher ansah . Am offenen Fenster blühte ein Apfelbaum , und weiße Schmetterlinge flogen in die Stube , und als es nun gar so lieblich war , dazusitzen der Lieblichen gegenüber , konnte Heinrich nicht anders , als er mußte sich den Pfarrer noch hinwegdenken , die Stabe zu seiner eigenen machen und sich vorstellen , als wäre Dortchen seine junge Frau und säße an einem solchen Mainachmittage am weißgedeckten Tische herzensallein ihm gegenüber . Heiß werdend und verlegen , streichelte er wieder den Hund , und nun fiel ihm plötzlich ein , wie er vor Jahren mit dem ganz jungen Mädchen ja schon einmal gemeinschaftlich einen Hund geliebkost habe , ohne zu ahnen , daß es je wieder begegnen würde . Nun ist sie groß und schön geworden , dachte er , was er freilich schon am ersten Tage Gelegenheit hatte zu bemerken , und wenn abermals eine Reihe von Jahren dahin ist , so wird sie dem Alter entgegengehen und zuletzt dem Tode ! Ist es möglich , daß dies Wesen und diese Lieblichkeit vergehen soll ? Es ergriff ihn heftiges Leiden um sie , und es schien ihm beim Himmel nicht möglich und nicht möglich zu sein , daß sie anders als in seinen Armen glücklich und zufrieden alt werden könne . Er fühlte , daß ihm sogleich die Augen übergehen würden , stand auf und sagte » Ich muß gehen , ich habe noch viel Zu tun . « Er verbeugte sich verzweifelt , Dortchen stand überrascht auf und verbeugte sich ebenfalls , und dies war sehr komisch und wehmütig , da beide bei dem einfachen Tone , der in dem Hause herrschte , sich längst nicht mehr gegeneinander verbeugt hatten , sondern sich aufrecht begrüßten . Heinrich lief in die Kirche hinein , um sich zu verbergen , und da dort ein altes Mütterchen knieete und ihr Vaterunser betete , so flüchtete er in die Sakristei und setzte sich dort in einen dunklen Winkel , um unaufhaltsam zu weinen und zu schluchzen . Werfe niemand einen Stein auf ihn , weil er schwach war ; denn diese Schwäche war nur der