gehn , ist das zu viel gefordert ! - Sie sagte - ach Gott , ich klage sie nicht an . Wahr und wahrhaftig , Louis , bei Allem , was Dir theuer ist , glaube mir , ich kam nicht , um von Dir zu pressen , nicht , um Dein Glück zu stören - ich Dich stören ! - Und Du sollst mich auch nicht für eine ausverschämte Person halten , die Dich aussog und es lüderlich verbracht hat , und wenn das Geld fortgerollt , kommt sie wieder . Glaube ihr nicht , Louis , und darum schon muß ich Dir schreiben . Ich vergebe ihr auch das , denn sie hat ' s nicht gesehen , wie ich damals aus dem Thore wankte . Ich glaubte , die Luft würde es gut thun , aber die Luft that ' s nicht gut . Irgendwo , ich habe den hässlichen Ort vergessen , blieb ich liegen - nein , ich wollte da nicht - draußen auf der Landstraße aber fiel ich um , da hoben sie mich auf einen Leiterwagen und fuhren mich rein , in ein großes Haus . Ach , die hässlichen Gesichter , wie sie sich stritten ; Der Bürgermeister war sehr zornig , er wollte mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus , Gott weiß wohin . Sie fluchten . Ich habe Dich fluchen gehört , aber so nicht . Einer schrie , das gäbe eine Untersuchung und mache noch mehr Kosten . Aber wie kommen wir zu der Last ! schrieen sechs Andere . Sie müssen ' s uns ja vergüten auf Heller und Pfennig ! - Eigentlich müsste der Abdecker auch solche kriegen ! lachte Einer . - Louis ! Louis ! ich lag da , sinnlos , starr , wie ein gefallen Thier , um das die Raubvögel sich streiten . Wer das erlebt - der hat kein Recht mehr auf dieser Welt . Und ich sollte noch Dein Glück stören wollen ! Endlich hieß es , man muß doch was finden , wo sie hingehört , und dann hätten sie mich wieder auf den Karren geladen , und das hätte ich nicht ausgehalten ; es wäre wohl so am besten gewesen . Aber als sie darauf suchten , fanden sie Dein Geld . Hätte ich schreien können : es gehört ja Dir , hätte ich es ihnen fortreißen können . Aber ich konnte keinen Finger rühren , keinen Laut rausbringen . Da ward es stille : sie schmunzelten und führten wieder hässliche , lustige Reden . Der Inspektor sagte , die wolle er schon gut und lange pflegen . Da ward mir das Haar geschoren , da stürzten sie kaltes Wasser über den Kopf mir , o , es war doch immer so heiß ! Da sah ich immer Dich , wenn mir wohler ward . Du zucktest die Achseln und sagtest : Sie ist doch auch eine Kreatur Gottes . Ach , Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge . Wärst Du in Person dagewesen , Du hättest ihnen wohl gesagt , daß sie ' s sanfter machten , die rohen Männer , die mich bei den Armen und Beinen in den Badekübel warfen . Es that weh , aber ich fühlte es ja nur halb . » Ich ward gesund . Gott weiß wozu . Sie gaben mir ein langes Papier , das war meine Rechnung , und den Geldbeutel , der war ganz klein geworden . Louis , ich hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben . Ich wanderte nun nach meiner Vaterstadt . Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht , nur an meinen alten Vater , und was ich ihm sagen wollte , wenn ich vor ihm auf die Knie stürzte . Ich wusste es Alles auswendig . Ich Habs ihm aber nicht gesagt . - Als ich durch ' s alte Thor kam , trugen sie ihn heraus . Ich stieß einen Schrei aus , sie stießen mich fort . Ich lief ihnen nach . Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten , drängte ich mich durch ; da warf ich mich auf die Knie , wollte es dem Todten sagen , was ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte . Da haben sie mich erkannt . Da wiesen sie mit den Fingern auf mich , und zischelten . Dann murrten sie laut . Endlich sah ich Gesichter , o Herr Gott , dem Bürgermeister und dem Inspektor seine , die waren freundlicher , hätten sie doch nur laut geflucht ! Aber der Herr Prediger that es . Als mich der Büttel am Armgelenk gefasst und aufgerissen - an der eingefallenen Kirchhofsmauer ließ er mich wenigstens , da durfte ich knieen - da hörte ich des Herrn Predigers Rede . Mich ließen sie keine Erde ihm in die Gruft nachwerfen , aber auf mich warf der Herr Prediger - das kann ich nicht wieder schreiben . Und es war nicht wahr - ich habe meinen Vater nicht umgebracht ! - Und die Blicke nachher , wie sie an mir vorübergingen ! Gott sei Dank , dann ward es frei , der stille Abend , da lag ich über seinem Grabe , und der Lindenbaum fluchte nicht , in seinen Blättern säuselte es wie süße Lieder , und ich schlief ein , bis das Morgenroth mich aus dem Frieden weckte . Um die Mauer schlich ich von hinten nach dem Hause , wo er starb , wo ich geboren bin . War denn das ein Verbrechen , daß ich es zum letzten Mal sehen wollte ! Bürgerfrauen hatten mich bemerkt . Der Rathsdiener , mit dem Schild auf der Brust , kam und sagte - ach , was er mir sagte , ich weiß es nicht : von lüderlichem Gesindel und auf die Finger sehen , und hinausbringen , und ich hätte kein Heimatsrecht mehr ! « » Nein , Louis , ich habe keine Heimat ; wie ich da am rauschenden Wasser stand , da sahen keine rothen Gesichter heraus vom Bürgermeister , und nicht die hässlichen spitzen der Bürgerfrauen - und da - da hörte ich , daß Du glücklich wärst - ich wusste es schon , unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich gesehen , und die Herrschaften , die im Wagen vor der Schenke schwätzten , derweil ihre Pferde Muth tranken , und ich trank auch Muth , sie sagten mir nichts Neues - und da stach es mich , und trieb mich , Dich wollte ich noch einmal glücklich sehen . - Und das hab ' ich nun auch aufgegeben , da ich weiß - - « Hier waren einige Zeilen von Thränen verwischt . » Das Geld brauchst Du nicht - das kümmert mich auch nicht mehr , - und mich wirst Du vergessen - aber wenn ich nur etwas wüsste , was Dir recht lieb wäre , ich wollte Alles thun , mir einen Finger abschneiden , mich wieder verkaufen , wenn ich nur wüsste - Und nicht wahr , das war nicht unrecht von mir . Manche hat sich betrunken , ehe sie ins Wasser sprang . Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen , Dich sehen , wenn Dein schön Auge so recht aus voller Seele lacht . - Nein , ich werde es nicht mehr sehen - Lebe wohl , Du mein Alles - « Die Unterschrift war wieder von den Thränen ausgelöscht . Aber dahinter noch einige kaum lesbare Zeilen : » Aber ich muß Dich sehen - hilf mir Gott , wenn ich mein Wort breche . Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr . Ganz von ferne - sieh Dich nicht um , Du wirst mich nicht entdecken . Trinken muß ich den Strahl aus Deinem Auge , und dann - « Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel über , Walter war von der Lektüre aufgeregt ; aber sein Entschluß schnell gefasst . » Es giebt doch etwas auch neben dem Vaterlande , um was der Mensch sein Höchstes einsetzt , sich selbst . Und wo ist der Sittenrichter , der es kalt verdammt ? « Er nahm das Papier , salzte es und that es in seine Brieftasche : » Ich will ihr Testamentsvollstrecker sein . Wenn sie nur etwas wüsste , was ihm recht lieb wäre , was sie zu seinem Heile thun könnte ! Ich übernehme es für sie . Sein Liebesglück darf durch diese Erinnerung nicht vergiftet werden . Was könnte er ihr helfen , ohne ihre Liebe zu erwidern ! Sie bleibe vor ihm verschwunden , spurlos . Die Wirthin werde ich instruiren . Was er - ohne Liebe , aus Erbarmen für sie thun könnte , kann ich ebenso gut . « Seinen Vorsatz , auf Louis ' Rückkehr zu warten , um mündlich der Überbringer der frohen Botschaft zu sein , gab er jetzt auf . Der Freund weilte zu lange bei seinem Glück . Er nahm Papier und Feder und theilte ihm kurz und klar , was seiner warte , was von ihm gefordert werde , mit . Er stellte sich in den Hintergrund und ließ den neuen Minister selbst den sein , der zuerst sein Auge auf Louis Bovillard geworfen , für sich die bescheidene Rolle eines um Rath Befragten vindicirend , welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften bestätigen können , welche der Minister bereits in ihm entdeckt . Einundsiebenzigstes Kapitel . Ein volles Bekenntniß . Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend Vieles ereignet , von dem wir nicht Zeuge waren ; es drückte sich auf den Physiognomien ab . Adelheid war heut beim Theetisch eine Hebe ; sie ging nicht , sie schwebte . Sie schien fortwährend zu singen . Man hörte es nicht , aber man fühlte es . Ihr Gesicht hatte einen andern Ausdruck . Der Legationsrath bemerkte es gegen die Fürstin . » Ei ! « sagte die Gargazin mit einem besondern Blick . » Ich glaubte , dafür hätten Sie keine Augen ? « - » Für die Schönheit ! « - » Nur für die , welche Sie zergliedern können . Adelheid giebt das den Reiz , was Sie nicht lieben , die Harmonie der Seligkeit . « - » Ein Nebelbild ! « - Wandel blickte dabei scharf aber ruhig auf Louis Bovillard , der in sich versunken im Fauteuil saß , und die Theetasse mit einem verstohlenen Kuß auf die Hand hinnahm , welche sie ihm reichte . Die Beiden hätten das Gespräch kaum gehört , auch wenn es laut geführt worden . Wer sich aber wundert , den Legationsrath auch in dem kleinen Kreise zu erblicken , in dem Louis Bovillard ihm gegenübersitzt , dem sagen wir , daß in der Stadt ein Gerücht umlief , daß zwei Kavaliere neulich in der Jungfernhaide ihre Pistolen versucht ; es sei kein Blut geflossen , aber einige dürre Zweige wären abgefallen . Was ging Louis der Legationsrath noch an ? auch der Legationsrath hatte an anderes zu denken . Er war heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen , nachdem die Familie aus dem Thiergarten zurückgekehrt . » Was geht Sie das an ? « replicirte die Fürstin , ihre Stickerei wieder vornehmend . - » Alles Leben ist ein Traum ! « rief der Legationsrath nach einer Pause . Die Fürstin hielt die Nadel an : » Fallen Sie nicht aus der Rolle , Herr von Wandel ? « - » Welcher ? « - » Die Sie die Güte haben , vor sich selbst aufzuführen . A propos , ich bemerke , Sie fangen an , wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen . Das ist für Berlin zu spät , man kennt Sie einmal als Gutschmecker . Sparen Sie sich die Rolle des St. Germain für Sibirien . Sie können sich dort mit einem Schamanenzauberer associiren . Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen Incarnation nach Europa zurück . « Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei . Sie stieß halb muthwillig seine Hand fort . - » Mir ist immer bange , wenn Sie etwas anfassen , daß die Farbe ausgeht . Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur an der Hand kleben ? « - » Erlaucht vergessen , daß die Chemie die schönsten Farbestoffe präparirt . « - » Bis sie nicht die Schminke erfindet , die einen Todten lebendig macht , geb ' ich nichts auf Ihre Wissenschaft . « - » Sie fordern zu viel . Den Schein des Lebens herzustellen , gilt doch für das höchste - « » Was sie geleistet hat , « fiel die Fürstin ein , » und eben darum hasse ich sie . Eine scheinbare Tugend , ein scheinbarer Reichthum , ein anscheinend blühender Staat , und Alles übertünchte Gräber - durch Ihre Chemie . - Was fixiren Sie Adelheids Freund ? « Wandel senkte die Augen : » Hippokratische Züge . « - » Qu ' importe ! Schmeckt der Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süß , weil sie nur ein Schmetterlingsleben führen ? « - » Der Schmetterling weiß freilich nicht , wie lang sein Lebensfaden ihm zugemessen ist , aber - « der Legationsrath beugte sich näher zur Fürstin - » aber , ich kann Ihnen nicht verhehlen , man begreift meine erlauchte Freundin nicht . Sie begünstigten das Verhältniß , und thun nichts , ihm eine Zukunft zu sichern . « - » Was heißt Zukunft ? « - » Der alte Bovillard stellt sich auf die Hinterfüße . Seit er die Flasche alten Weines , die seinen provencalischen Adel enthält , entkorkt , ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen . Er will nichts für seinen Sohn thun . Mamsell Alltags Vater ist eben so närrisch von seiner neuen Würde benommen . Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den jungen Wüstling . Wenn Niemand etwas für sie thut ! Verschaffen Erlaucht ihm bei Ihrer Legation eine Stellung , und er ist vernünftig genug geworden , um zu wissen , was der Begriff Vaterland werth ist . « - » Haben Sie für nichts Anderes zu sorgen ? « sagte die Füistin , wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt . Der Legationsrath griff gedankenlos nach dem Hut . Es kam zwischen Seufzen und Gähnen heraus : » Wenn man nur nicht so viel Gefälligkeiten übernommen hätte ! « - » Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte ! « fiel die Gargazin ein . - » Spotten Sie nur ! Mir wird der Kopf zuweilen wüst . « - » Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand . « - » Die larmoyante Liebelei des Rittmeisters und der Baronin ennuyirt die Freunde . « - » Les Georges Dandins l ' ont voulu . « - » Nun soll ich die Platoniker wieder auseinander bringen , oder vielmehr aneinander . Man wünscht ein Gezänk , wobei sie sich in die Haare geriethen , einen Eclat , einen coup de main , eine Pulverexplosion . « - » Ich auch , « sagte die Fürstin . » Die Luft wird unerträglich schwül . « - » Der Mann , der Baron , ist zu gar nichts zu gebrauchen . Das ist das Schlimme . « - » Die Baronin scheinen Sie seit einiger Zeit wirklich in Affection genommen zu haben . « - » Ich ? « - Pardon ! Ich vergaß , daß Sie keine Affrktionen haben . » Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus ? « - » Die unglückliche Frau bedarf des Trostes . « - - » Der Mann wohl nicht ? « - » Er ist in Momenten so glücklich . Er kann sich über das Geringste , was seinen Phantasieen schmeichelt , wie ein Kind freuen . Ein alter Einband , eine neue Lesart , die er entdeckt zu haben glaubt . Auch . , meine erlauchte Freundin würde ihre Lust daran haben , denn man kann sagen , es schwebt gewissermaßen schon die Glorie der Erlösung um seine Stirn . Lange wird er es nicht machen . Da ist es denn Pflicht seiner Freunde , was sie vermögen , die letzten Augenblicke ihm zu versüßen . « - » Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein . Nehmen Sie sich in Acht . « - » Die Geheimräthin ist zu eifrig in ihrer Pflege , zu excentrisch , um immer die gehörige Vorsicht zu beobachten . Sie erinnern sich , bei dem Jean Paulfeste , wie Adelheid beinahe verbrannt wäre . « Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin : » Es ist etwas eigenes , das Kapitel von Sympathieen und Antipathieen . « - » Von den Sympathieen haben wir das corpus delicti vor uns , « lächelte Wandel , auf das Liebespaar blickend . - » Aber die Antipathieen haben etwas Monströses , « sagte die Gargazin , » weil wir sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen . Giebt es einen Gegensatz zum Magnet , einen Stein , der abstößt ? « - » Feuer und Wasser mischen sich nicht . « - » Das ist es nicht , was ich meine . Das eine löscht doch , das andere durchglüht das andere . Aber wer erklärt diese innere Seelen- und Körperangst , die ein vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet ? den angebornen Widerwillen , den geheimen Schauder , wo gar kein vernünftiger Grund da ist ? « - » Doch vielleicht der Kitzel zu Paradorieen ! Das häßlich zu finden , was Andere entzückt , fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf , der gerade begabten Naturen eigen ist . « - » Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen ? « Wandel schien etwas betroffen . Er wollte von dem Unglück sprechen , von geheimen Feinden verredet zu werden , wo ein Ehrenmann sich nicht veitheidigen kann , weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb . Das war es nicht , was die Fürstin meinte . » Warum hat Louis ' Vater einen angebornen Widerwillen gegen die Lupinus ? Ich weiß , er hat diese Antipathie . Er kann sie weder sich noch Andern erklären . Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben , unzertrennbar von unsrer Persönlichkeit , wie wir von unserm Schatten . Was ist das nun ? Ich , von meinem Standpunkte , könnte es mir deuten ; aber ich wünschte Ihre Ansicht zu zu kennen . Sie Rationalist . Ihre Wissenschaft muß wenigstens vor sich selbst Alles zurecht legen können , was in der Natur erscheint . « Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstoßenden Kräften , von den Stoffen , die als Wärmeableiter dienen , er ging zur Electricität über und stand beim Blitzableiter , ohne daß wir wissen , wie weit er sich in die Wolken , und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte , als ihn die Fürstin abermals unterbrach . Möglich , daß er nicht ohne Absicht in die Doctrin sich verlor , weil er wußte , daß die Fürstin nie aufgelegt war , Vorlesungen anzuhören , und er in dem Augenblicke noch weniger , sie zu halten . » Warum ist sie auch mir zuwider ? « - » Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel , pflegt man zu sagen . Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein , wo die eine unterging . « - » Wenn ich Ihnen auch zugestände , daß ein solches Gefühl einmal da war , das ist es nicht . Es ist etwas Anderes . Ich kann mit ihr Komödie spielen , aber nachher überfröstelt es mich , wie Jemand zu Muthe sein muß , der erfährt , daß er mit einem von der Pest Inficirten Hände geschüttelt . Nach jenem letzten Abende erschien sie mir im Traum . Ihre kostbaren Kleider fielen in Lumpen , eines nach dem andern , ihr vom Leibe . Ich schrie aus , ich floh vor dem scheußlichen Gerippe . Ich war plötzlich aus dem Bette , und es stand noch immer vor mir , ja es dauerte eine Weile , als ich schon die Augen mit Gewalt aufgerissen hatte , bis es in den Boden versank . Was ist das ? Erklären Sie ' s mir . « - » Vielleicht die polarische Attractionskraft der Gegensätze . Wir träumen das Gegentheil von dem , was wir fühlten , dachten , erlebten , liebten . Das ist der Inhalt der Traumbücher . Die Geheimräthin ist immer sehr gewählt gekleidet , sie spricht und denkt ebenso , alles Rohe und Nackte überkleidet . « - » Darum erschien sie mir roh , nackt , scheußlich . - Wandel , ich möchte Sie einmal im Traum sehen . « Der Haushofmeister war schon ein Weile näher getreten , als er sich jetzt über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte . Die Fürstin ließ die Arbeit sinken , sie stützte den Kopf im Arm . Die verbissenen Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht . Der Haushofmeister flüsterte sie auch dem Legationsrath zu : » Er ist eben verschieden ! « - » Le pauvre diable ! « - sprach Wandel , die Achsel zuckend . » Hat er noch viel gelitten ? Ich meine , hat er noch wie neulich phantasirt ? « - » Er warf sich noch einige Male unruhig , kreuzte sich , wiederholte den Namen der Fürstin , japste ein paar Mal auf , als wollte er etwas sagen . Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder ! « hatte der Haushofmeister erwidert . » Warum musste auch jetzt gerade diese Störung kommen ? « sagte der Legationsrath und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin . » Wissen Sie theuerste Freundin , mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft . « Sie blickte verwundert zu ihm auf . » Ihre beredte Vertheidigung hat mich allerdings von der Naturnothwendigkeit des Institutes überzeugt . Ich erkenne , welche unaussprechliche Wohlthat sie für diese Geschöpfe , Familien , ja diese ganzen Völkerschaften ist , die sich über ihre Naturdumpfheiten nicht erheben mögen . Ja , es ist ein berauschendes Gefühl für die von Gott dazu Erwählten , für diese Armen , Verlassenen , Urtheilsunfähigen ihr Alles zu sein , Vater , Mutter und Vormund , für sie zu fühlen und zu denken , die Sorge für unser eigen Wohl hintenanzusetzen , um für Hunderte und Tausende von Seelen zu sorgen , welche die Vorsehung in unsre Hand legte . Von dieser Seite erscheint auch mir die Institution eine wunderbare , heilsame , aber der Exceß der Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches . « Sie verstand ihn nicht . » Was hat diesem Menschen den Tod gebracht , nachdem er in der Genesung so vorgeschritten , der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen , als die Angst , Gewissensbisse kann man sagen , daß er so lange nutzlos liegen musste , ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können . Wie durchzuckte es ihn . als er hörte , daß Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher interimistisch angenommen . Er biß sich in die Lippen und ballte die Hand , dah ein Anderer , ein Fremder , seine geliebte Herrin fahren sollte . Wir verbargen es Ihnen , er sprang nachher heimlich auf , kleidete sich an , und war schon auf dem Wege nach dem Stall . Wir kamen noch zur rechten Zeit . Als man ihn wieder ins Bett brachte , überfiel ihn der Parorysmus ; er phantasirte nur von Peitsche und Pferden , er umklammerte sein Kopfkissen , wie man Einen erwürgt , und nannte es Christian . Nenne man es Eifersucht , Brodneid , es war etwas Edleres , meine ich , aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf . Es thut mir leid , von einem Todten es zu sagen , aber der Mensch hat sich selbst umgebracht . Ein Selbstmord aus Pflichtgefühl . Diese Excesse des Gefühls , Sie mögen mich darum tadeln , aber ich kann sie nicht gut heißen . Etwas Egoismus ist jeder Creatur nothwendig , oder sie hört auf zu existiren . Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst schuldig . « Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu . Es giebt Momente , wo ein Kluger von einer groben , handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist , als von einer feinen , die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu schmeicheln sucht . Ihr zweiter Blick war auf die Andern gerichtet ; aber sie waren schon verschwunden . Es war ihr lieb : » Adelheid darf nichts davon erfahren , « sprach sie , zum Haushofmeister sich umwendend . » Sie sind nun ganz d ' accord , wie Sie es wünschen ? « warf der Legationsrath hin . - » Heut im Thiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen . « - » Welche ? « - » Die Affektion für ihren Lehrer . Sie haben Recht , Wandel , es giebt auch Excesse einer geistigen Leibeigenschaft . « - » Ich hielt diese fürüberwunden seit jenem Abend . « - » Das Bekenntniß der Liebe stöhnte noch immer unter den Fußklammern des Gewissens . Was der Mensch sich selbst quälen kann ! Sie hat ihm bekannt , wen sie um seinetwillen geopfert , das hat einige Thränen , Schluchzen , platonische Herzschläge verursacht , denn die Rivalen waren Freunde , aber sie sind auf gutem Wege . « Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage , welche die Fürstin verstand . » Wollen Sie mit mir - den guten Paulowitsch sehen ? « fragte die Fürstin den Legationsrath . Wandel schien ungewiß , welche Antwort sie erwartete : » Man hat es der Geheimräthin Lupinus verdacht , daß sie die Leiche ihres Dieners wie die eines Familiengliedes pflegte und schmückte . Es ist hierorts nicht Sitte . « - » Man muß sich in die des Ortes fügen , « sagte befriedigt und laut die Fürstin , und richtete den Blick nach oben . » Ich werde den treuen Paulowitsch noch oft sehen . Den irdischen Qualen enthoben , schwebt sein verklärter Geist in die Räume des Lichtes . Ob es da Hohe und Niedere , ob Herren und Leibeigene giebt , ob wir Alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen , die nichts Gesondertes duldet , alle Accorde in dem großen Hallelujah , Glockentöne in der ewigen Harmonie ! « Sie sprach es , sich selbst anregend , mit silberreiner Stimme . Aus dem andern Zimmer respondirte das Klavier , in Phantasien , die der Stimmung entsprachen ; ein ernster Grundton , wie das Wogen des Meeres , aber wie Schaumwellen sprühte die Freude dann und wann auf . Es war Adelheid . Wandel hatte , um der Stimmung auch zu entsprechen , die Hände vor sich gefaltet . Als die Fürstin es bemerkte , trat sie an ihn und riß seinen Arm zurück : » Das sollen Sie nicht . Sie können gehen . « Er schien einen andern Befehl erwartet zu haben , aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie : » Gute Nacht , Herr von Wandel , ich will im Thomas a Kempis lesen . Die Lektüre interessirt Sie nicht . « Als der Legationsrath langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging , sah er auf dem Balkon , der nach dem Garten führte , Louis Bovillard auf einer Bank ruhend . Unter Myrthen- und Orangestöcken schien er , den Kopf im Arme , auf die Töne im Zimmer zu lauschen . Oder auch nicht . Als der helle Mondenstrahl , hinter einer Wolke vorkommend , auf sein Gesicht fiel , wäre der Beobachter vor dem finstern Ausdruck erschrocken , wenn es in Wandels Art gelegen hätte , zu erschrecken . In den einsamen Gängen des Thiergartens erst hatte Louis erfahren , wem er sein Schönstes geraubt . Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte ; aber der dunkle Schatten , der auf seine Stirn fiel , zeigte die Gegend ringsum nur um so lachender . Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten ! Darum ihre Kälte , Scheu ; und nun hatte ein Wort sie frei gegeben , Alles gelöst , sie wollte ihm Alles geben , was sie so lange ihm vorenthalten . Und was hatte er denn dem Freunde geraubt ? Sein Schönstes , ja , aber nicht sein Alles . Hatte nicht Adelheid gestern einen Brief empfangen von Walter , einen freundlich heitern , eine Urkunde war es , worin er das ihm anvertraute köstliche Gut , wie er es nannte , der Eigenthümerin zur freien Disposition zurückstellte . Mit welchem Scharfsinn hatte er auseinandergesetzt , daß er nie ein Recht darauf gehabt , daß es höchste Undankbarkeit sei , was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks auf den Altar legt , als verfallen anzunehmen , als unwiderrufliches Eigenthum . Hatte er nicht klar auseinandergesetzt , daß er nicht die Eigenschaften besitze , um Adelheid so glücklich zu machen , wie sie verdiene , dahin , in die glänzenden Höhen sie zu führen , wozu ihre Schönheit , Natur , die sichtliche Fügung des Himmels sie bestimmt . Er sei ein stiller , sinnender Mann , sie berufen zu glänzen . Sein Verdienst wäre vielleicht , daß dieser Glanz ein echter werden müsse , daß er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer , daß er die Hochgefühle einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt ; darauf sei er stolz ; aber hatte er sich nicht zugleich angeklagt , daß er diese Überzeugung , gewaltsam unterdrückt , daß er so lange sich getäuscht , daß er , schon mit dem Bewusstsein , wie ihre Liebe