Ihnen nicht eben auch Alles vergäbe ... Melanie verfiel in ein ernstes Sinnen . Es war ihr , als riefe in ihr eine teuflische hohnlachende Stimme : Entweder also Hackert oder Egon ! Dazwischen gibt es nichts ... Pauline sah auf das türkische Zelt , wo noch immer Werdeck und Schlurck flüsterten ... Der Sanitätsrath sprach gerade am lautesten . Er unterhielt die Gesellschaft durch manche Mittheilungen aus den höhern Kreisen , in denen er sich bewegte und die er ohne indiscret zu sein wiederholen konnte . Dem größeren Theile der Anwesenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen ; man glaubte , in keinem reinen Wasser mehr zu sein . Hier stritt man nicht gern , sondern handelte . Die Enragirtesten scharten sich zur Trompetta und Flottwitz und sprachen oft so leise , daß der Geheimrath glaubte , es fehlte wol irgend an etwas und die Bedienten rief . Harder ' s Anblick war es dann , der Melanie ' s erschreckte Lebensgeister weder schürte und ihr Gelegenheit gab , eine leidliche Unbefangenheit zu sammeln , um sich mit dem hinterlassenen Eindrucke , daß sie dem Rufe ihrer Liebenswürdigkeit vollkommen entspräche , vielleicht bald zu entfernen . Pauline , die diese Absicht merkte , hielt sie aber fest und schien sie veranlassen zu wollen , nach dem türkischen Zelte zu folgen . Was hat der Justizrath nur mit dem Major ? sagte sie lauschend . Man hörte die abgerissenen Worte aus dem leisen Gespräche : Kaminska ... Sibirien ... Kloster zum Herzen Jesu ... Frankreich ... Schwester Jagellona ... Vermögensvertheilung ... Certificate ... Leidenfrost ... Depositalgelder ... Geschäftssachen ! sagte Melanie . Der arme Vater ist geplagt ! Selbst hieher verfolgt ihn die stündliche Mühe und Sorge ! Pauline wußte aber nicht , daß sie nur das Wort Leidenfrost verscheuchte - weil sie durch diesen Namen an ein Bild erinnert wurde , das ihr die schmerzlichsten Empfindungen weckte ... Melanie ging im Saal auf und ab . Als sie zurückkehrte , war ihr Vater verschwunden , Werdeck im Gespräche mit Paulinen ... Sie mußte Heinrichson und Reichmeyern Rede stehen , die von ihrer Reise hören wollten , von ihren Plänen , die Malerei fortzusetzen , von ihren Aussichten für die Geselligkeit des Winters ... Sie antwortete zerstreut , nicht in gewohnter Laune . Es war ihr zu geräuschvoll geworden , sie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels , die Zudringlichkeit des Geheimraths verhinderte ihre Triumphe und sie fühlte plötzlich , daß eine ungeheure Last sie drückte . Es drängte sie mit tausend Stimmen , die innerlich riefen : Fort ! Fort ! Sie ergriff die Hand der Geheimräthin . Gute Nacht , Excellenz ! sagte sie . Keine Förmlichkeiten , meine Liebe ! Aber Sie wollen wirklich gehen ? Pauline erklärte , sie hätte noch auf ein tête a tête am Schluß des Abends mit ihr gehofft ... Ich bin noch von der Reise ermüdet ... sagte Melanie . Ich rechnete auf eine vertrauliche Annäherung ... Sie sind zu gnädig ... Erhalten Sie mir diese Gesinnung ! Nun denn , sagte Pauline und zog das ihr räthselhafte Mädchen noch einen Augenblick bei Seite ; soviel ich Sie heute kennen gelernt habe , liebe Melanie , gehören Sie zu den Unruhigen und Strebenden ! Sie haben ein Herz und fürchten , von ihm getäuscht zu werden . Die Philosophie Ihres geistreichen Vaters , den ich so hoch verehre und der mir täglich neue Beweise seiner Anhänglichkeit gibt , hat Ihnen zu früh schon den Blütenstaub vom Leben gestreift : überall fürchten Sie Illusionen ! Fürchten Sie nicht zu lange , wagen Sie ! Illusionen sind dazu da , daß man sie überwindet und sich in seinem Charakter stärkt . Es hilft nichts , Sie müssen schon einmal sich entschließen , einem Schmerze die Brust darzureichen , nicht ihm aus dem Wege zu gehen . Vertrauen Sie manchmal einem Freunde , einer Freundin ! Wählen Sie mich dazu ! Ich bin so eine alte Wetterfahne , die schon lange im Sturme des Lebens steht und andern Menschen zeigen kann , woher der Wind und die Lüfte kommen und die - nicht selbst mehr an ihren Sitz gelangt . Ich weiß , wie es in jungen Knospen wogt und stürmt und wie die holden Blätter , die zu schlummern scheinen , im Aufruhr sind ! Mein Leben ist Erinnerung . Nutzen Sie manchmal diese stille Arbeit meines Kopfes und Herzens . Sie finden eine Mildthätige , die nicht für sich , auch für die Andern sammelte . Diese ungemein weich und fast lieblich vorgetragenen Worte erschütterten Melanie . Dennoch konnte sie nicht umhin , während Pauline so sprach , einen lächelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Heinrichson hinüberzuwerfen . Ach , auch Pauline verstand dies Lächeln und erwiderte es mit einem gewissen schwärmerisch gelassenen Blicke , als wollte sie sagen : Der Schatz der Liebe ist ja unergründlich ! ... Auch der Ludmer erwies Melanie , die ihre Stellung kannte , viel Artigkeit und Pauline konnte , als das junge Mädchen endlich verschwunden war , nicht läugnen daß Helene d ' Azimont einen großen Kampf würde zu bestehen haben , wenn wirklich Melanie entweder unmittelbar mit Egon oder durch jenen räthselhaften Freund , Dankmar Wildungen , mit ihm in Verbindung stand . Die Gesellschaft löste sich nun auf . Werdeck ' s Rückkehr aus dem türkischen Zelte brachte nur Zündstoff zu Hader und Streit . Seine kaustische , scharfe Art verwundete nach allen Seiten und die Flottwitz stritt mit einer Heftigkeit , daß die Grazien flohen . Drommeldey war längst schon zu Egon ' s Krankenbett ins Hohenberg ' sche Palais gefahren , Graf Franken in die » kleinen Cirkel « . Graf Brenzler , Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des Majors . Endlich ging auch dieser , nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und die universale Geschäftsthätigkeit des Justizraths bewundert hatte , der ihm einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fächern zu haben schien . Was wollen Sie mit ihm ? Doch kein Prozeß ? fragte Pauline . Angelegenheiten meiner Frau ... Wie geht es ihr ? Sie sollten uns besuchen ! Sie sollten ihr Bild sehen . Sie läßt sich für eine alte Gönnerin ihrer Familie in einem polnischen Kloster malen . Von Ihrem Protégé , dem bizarren Leidenfrost ? Von einem jungen talentvollen Maler , Namens Wildungen ! Sehen Sie sich ja das Bild an ! Es wird vortrefflich ! Gute Nacht , liebe Geheimräthin ! Damit ging der Major und ließ Paulinen in Erstaunen zurück , hier wieder den Namen Wildungen zu hören ... Die Trompetta und die Flottwitz hätten jetzt gern das Feld allein behauptet und noch mit der Geheimräthin über Wahlen und mancherlei Demonstrationen , besonders über den » Bazar « zum Besten der verwundeten Krieger , ja schon über die große vorbereitete Weihnachtsbescherung in den Kasernen gesprochen ... Allein sie sagte ganz kurz und schroff : Laßt mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe ! Gute Nacht ! Die beiden Inseparables gingen verdrüßlich . Doch hatten sie im Wagen der Trompetta reichlichen Stoff zur Erörterung aller Vorkommnisse dieses Abends . Sie glossirten auch darüber , daß der einzige und letzte von Allen , der zurückblieb , wirklich der Maler Heinrichson war ... Heinrichson mußte jeden Abend bei solchen Gelegenheiten die Schlußsentenz , gleichsam die Moral des Abends , aussprechen ... Wie ist Ihnen , Pauline ? fragte er auch heute . Still und bewegt ! antwortete sie mit Goethe und reichte dem Freunde die Hand zum Kusse und zum Abschied . Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen geleitet worden , auf dem Neumann inzwischen wohl geschlafen hatte ... Es mochte fast zehn Uhr sein . Die Luft war , man fühlte es an den geöffneten Fenstern der Villa , linde und mild . Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne ; nur da und dort zog über sie her ein Nebelschleier , der vielleicht nur der Widerschein von unzähligen unsichtbaren Sternen war . Noch einen flüchtigen Blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf die hellerleuchteten Fenster des oberen Stockes , bewunderte die elegante Einrichtung des Vorbaus , die sorgsame Pflege der Beete ... Fliehend , sagten wir . Denn der jungen Excellenz , die ihr schon auf der Treppe nachgetrippelt kam und durchaus noch mit ihr sprechen wollte , mochte sie nicht Rede stehen . Als sie im Wagen saß und dieser langsam durch die andern , die auf ihre Herrschaften warteten , sich durchwand , ergriff sie Mismuth und Schmerz . Sie hatte die leidenschaftlichsten Eingebungen ihres Ehrgeizes niederzukämpfen und fühlte aus Gründen , die ihr selbst nicht klar waren , einen unaussprechlichen Neid gegen Helene d ' Azimont , in der sie etwas entdeckt hatte , was sie selbst nicht besaß ... Seelen-Poesie . Sie mußte sich gestehen , daß es Menschen gibt , die um sich her , selbst wenn sie stumm und dem Allgemeinen abgewandt scheinen , einen Zauber verbreiten , mit dem die vergängliche und noch so blendende Wirkung der Schönheit keinen Vergleich aushält . Melanie war besonnen genug , sich zu sagen , daß sie sich diesen geheimnißvollen Reiz nicht geben konnte . Sie wurde geliebt von Menschen , die sie nicht wieder lieben konnte . Selbst diese heutige Scene mit Siegbert Wildungen ! Dies war nicht jener unternehmende , starke , sie bändigende , sie in Asche verwandelnde Geist ! Dem gegenüber war sie nicht Sklavin und auch nicht Fürstin ! Sklavin an sich nicht , aber auch eine Herrscherin nicht . Sie hätte ihren Sklaven geringschätzen müssen und Das konnte sie wiederum mit Siegbert nicht . Dankmar aber ! Dankmar ! Das war ein Sehnsuchtston , der durch ihr Inneres wehklagend rief . Wie gewann Dankmar wieder , wenn sie ihn verglich mit den Männern , die sie eben im Salon der Geheimräthin gesehen hatte ! Dieser Reichmeyer , dieser Heinrichson ! Wie verächtlich erschien ihr diese Gattung von Salonmenschen , die ihr Glück durch eine Lüge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen sind ! Selbst Lasally , der sie liebte und dabei offen gestand , daß er durch ihr Vermögen doch nur sich und seine Pferde retten wollte , selbst der war ihr bedeutender und erschien ihr liebenswürdiger ... Lasally log doch nicht ! Es war ein blasirter , desparater , mürrischer , junger Mann ; aber er kam von allen Männern , die sich ihrem Herzen eingeprägt hatten , Dankmarn in der That am nächsten ! In diesem Augenblicke gedachte sie auch Hackert ' s ... Kaum hatte sie mit Grauen der Worte sich erinnert , die Pauline sprach , daß den Mangel an Tugend ihr nur ein Bettler verzeihen würde oder ein Fürst , als ihr etwas Entsetzliches geschah ... Sich allein im Wagen glaubend , rollte sie durch die sternenhelle Nacht , drückte die Augen zu , hüllte sich in ihren Shawl und glaubte sich nur von dem kühlenden Lufthauche belauscht , der durch die herabgelassenen Fenster des geschlossenen Wagens strömte ... Da fühlt sie sich plötzlich von einem kräftigen Männerarme umfangen und ein stürmischer Kuß brennt auf ihren Wangen ... Der Todesschreck hinderte ihren Aufschrei . Sie fuhr in dem niedrigen Raume empor ... Der aber , der sie mit gewaltigem Arme niederdrückte und mit glühendem Tone das Wort : Melanie ! Bist ruhig ! flüsterte , ... war Hackert . Sie sah ' s ! Sie fühlt ' es ! ... Sie wollte schreien . Aber halb ohnmächtig , willenlos , elend , zum blassen Tod entsetzt sank sie auf die Kissen des Wagens zurück , der funkenstiebend , donnernd in die Stadt rollte . Viertes Capitel Brandgasse : Nummer Neun Das Viertel , das zwei Stunden früher Siegbert Wildungen aufsuchte , ist das älteste in der Stadt . Die Brandgasse selbst ist so schmal , daß in ihr kaum zwei Wägen sich begegnen können , ohne bis dicht an die Häuser auszuweichen . Diese Häuser sind hoch und mit überhängenden Stockwerken so gebaut , daß sie sich von oben mehr nähern als von unten . Alle diese Häuser , aus altem Sandstein und dicken geschwärzten Eichenbalken gebaut , haben eine ungewöhnliche Tiefe und werden meistens noch durch Höfe verlängert , von denen einige neuer sind als die Vorderhäuser , da zu verschiedenen Zeiten in diesem alten Stadtviertel Feuersbrünste wütheten . Ungeachtet der Name dieser Straße daher entstanden sein mochte , daß die Flammen sie öfter heimsuchten als andere ; ungeachtet eine allgemeine durchgreifende Zerstörung zum Besten des gesunderen Luftzuges vielleicht für die Stadt selbst zu wünschen wäre , so schreckte man doch bei dem Gedanken zurück , welche große Anzahl ärmster Familien dabei in Lebensgefahr gerathen würde , denn keine Straße war volkreicher als diese Brandgasse . Der Verlust an Hab ' und Gut würde vielleicht durch die Mildthätigkeit ersetzt worden sein , obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich durch weiße Gardinen , Blumenstöcke und Vogelkäfige an seinen kleinen , mit Blei zusammengelötheten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verrieth . Freilich alle Blumen und Vogelkäfige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den Hinterhöfen konnte man nicht für ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses halten , denn diejenige Armuth wenigstens , die sich geistig nicht ganz verwahrlost , schmückt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Käfig von ihres Daseins spärlichen Brocken ab . Mehre der ältesten dieser Häuser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder Kreuze der Ritter von St.-Johannes geziert . Doch sah man nur die drei Blätter des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols , zum Zeichen , daß diese Bauten noch über den Zeitpunkt hinausreichten , wo die größere Anzahl der Ritter dieses Ordens in den Schooß der evangelischen Kirche überging . Aber auch diese Häuser gehörten zu jener Verlassenschaft , die man damals dem Ritter Hugo von Wildungen angewiesen , als die unrechtmäßigste und dreisteste Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde . Auch diese Häuser wurden von Sehlurck für die Commune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution den Miethern androhen , die ihm von den sogenannten Vizewirthen als saumselige Zahler bezeichnet wurden . Diese Vizewirthe bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen ; aber sie zahlten keine Miethe . Nur mußten sie sich als fleißige , zuverlässige Männer in der Hut des Hauses bewähren und die einzelnen Wochengroschen , die sie von den Bewohnern sammelten , pünktlich in der großen Schreiberei des Notars und Administrators Justizraths Schlurck abliefern . Der Vizewirth des Hauses Brandgasse Nr. 9 war ursprünglich ein Schlosser , dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster , halb durch seine eigene Brauchbarkeit Polizeidiener . Dieser vielseitige Mann hieß Mullrich . Die Flickereien alter Schuhe und Stiefel - neue zu liefern übernahm Mullrich nicht - besorgte seine Frau , die diese Arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten seligen Gatten gelernt hatte . Der zweite gab die Schlosserei auf , da er in die Lage kam , dem Staate , dem Gerichts- und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu dienen , zu deren äußerer Unterstützung sein mürrisches , brummiges Gebahren ihm sehr zu Statten kam . Die Vergünstigung , Vizewirth in diesem Communalhause der Brandgasse zu sein , verdankte er seiner polizeilichen Stellung ; denn was gab es hier nicht in diesen Spelunken , in diesen Höhlen des Jammers und Verbrechens zu beobachten ! Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden . Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben , nebst einem Kamin auf einem dunklen Vorplatze , Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr. 9. Man behauptete , die kinderlosen Mullrichs hätten durchaus nicht nöthig gehabt , in einem Souterrain zu wohnen , das bei den Frühjahrsüberschwemmungen oft unter Wasser gerieth und bei dieser Gelegenheit mit Glück die höhere Rattenjagd zu betreiben erlaubte ; allein man nannte dieses würdige Ehepaar geizig , eine Meinung , die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum bestätigt finden möchten . Ein Freilogis ist für jeden Stand eine so unschätzbare » Gabe Gottes « , daß sich Frau Mullrich , von der wir diesen Ausdruck entlehnen , hätte der Sünden schämen müssen , wenn sie es aufgegeben hätte ; zu geschweigen , daß die Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die günstige Lage des Ortes und jene Superiorität unterstützt wurde , die der Vizewirth dieses Hauses nicht nur über einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses , sondern über das ganze Gewimmel von drei großen Hinterhöfen behaupten durfte . Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis , das er im Frühjahr mit den Überschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in allen Jahreszeiten mit den Ratten zu theilen hatte , doch so viele Annehmlichkeiten , daß er die Gelegenheit , hinter manche Diebshehlerei zu kommen und sich in seinem Spionirberufe preiswürdig zu bethätigen , nicht gern aufgab . Frau Mullrich war eine Dame , die die emsigste Thätigkeit liebte . Wer weiß , ob sie in einem bessern Quartier hätte auf ihrem Schuster-Dreibein sitzen und zugleich durch ein kleines Schiebfenster , das durch die dunkle Hausflur und durch das Kellerfenster , das auf die nicht viel hellere Straße ging , soviel ihre Spürkraft Anregendes entdecken können . Mullrich ohnehin war den ganzen Tag unterwegs und hatte Gelegenheit genug , auf den schönsten Promenaden , wo es Taschendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu vergleichen gab , frische Luft zu schöpfen . In der Regel kam er , wenn es nicht außerordentliche Fänge gab , um acht Uhr Abends nach Hause , verzehrte dann sein Käs und Brot , trank ein hohes Glas des besten , schäumendsten Dünnbieres und legte sich zeitig zur Ruhe , während seine Frau nun erst aufpaßte , wer zu spät nach Hause kam und für das Öffnen der Hausthür einen Pfennig oder Dreier zahlen mußte . Dem Nachtwächter , der eigentlich dies Privilegium des Hausöffnens für die Spätlinge beanspruchte , hatte sie glücklich diese nach Jahresschluß selbst bei den Armen nicht unergiebige Quelle des Erwerbes abzuringen gewußt . Einige Diebstähle , befördert durch den gutwillig hergegebenen Hausschlüssel des Nachtwächters , hatten ihre desfallsigen Auseinandersetzungen vor dem grauen Bartusch unterstützt . Rechnet man nun noch hinzu , daß die vermögenden Einwohner des Hauses Brandgasse Nr. 9 und seiner drei Hinterhöfe einen Hausschlüssel von ihr , für monatlich drei Groschen , miethen konnten und in der That vierzehn solcher Hausschlüssel im Gange waren , so ergab dies eine Summe , die , wenn man einige unvermeidliche Ausfälle dabei mit in Anschlag brachte , sich immer jährlich auf das stattliche Capital von etwa funfzehn Thalern belief . Die Pfennige aber oder die von Betrunkenen in der Zerstreuung gegriffenen Groschen - manchmal freilich auch zinnerne Knöpfe ! - brachten jährlich mindestens eben soviel ein und da war es wohl zu begreifen , wie Frau Mullrich , vor zwölf , ein Uhr nicht zu Bett ging und des Morgens noch schlief , während ihr Gatte schon » aus den Federn « kroch , Feuer anmachte und Sommers und Winters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht unähnliches Surrogat selbst kochte für die erste innere Erwärmung des innersten Menschen . Es war nach sieben Uhr , als Mullrich seinen heutigen Abendimbiß , der nicht aus Käse , sondern einmal zur Abwechselung aus drei geschlagenen oder gerührten Eiern und Butter und Brot bestand , verzehrte und ruhig die Rapporte seiner Frau anhörte . Die Pinnen sind all , sagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewisse kleine Nägel , die unter die Schuhe geklopft werden . So ? war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort . Er wußte , daß es sich um eine finanzielle Erörterung handelte . Nummer 76 will uns welche verkaufen , das Schock zu fünf Pfennige - Der alte Nagelschmiedgesell sieht ja ganz reputirlich aus . Stiehlt denn der Kerl ? sagte Mullrich phlegmatisch . Bewahre ! antwortete die Ehehälfte . Er muß sie wol verkaufen . Ist ja sein Lohn ! Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Nägel mit . Baar Geld hat so ein Meister nicht . Drum ! Drum ! meinte Mullrich . Dacht ' ich doch neulich , der Nagelschmied bettelte . Vorm Thor sah ich ihn so scheu immer in die Häuser gehen , aus einem heraus und in ' s andere hinein - und die Rocktaschen ganz voll und ganz schwer . Dacht ' ich nicht , er holte sich so Brot zusammen ? Waren Das die Nägel ! ... Fünf Pfennige für ' s Schock ? Nimm sie ! Er läßt sie Einem auch für viere ! Wenn du zwei Dutzend Schock nimmst , gibt er noch eine eiserne Kramme zu für den alten Spiegel , den die Mamsell Nr. 17 dagelassen hat . Das lange Windspiel hat uns doch richtig betrogen . Brennt uns mit 14 Wochen Miethe durch , macht vier Thaler und geht bei Nacht und Nebel davon . Sollen uns an die Sachen halten ! Ein alter zerbrochener Spiegel und eine Bettstelle - ! Die Betten und das Waschlavoir nimmt sie mit und was sie zum Anziehen hat trägt sie auf dem Leibe . Sie ist nach Hamburg und es ist eine Schande , daß man nun so Was nicht gleich mit dem Telegraphen hinterher melden kann ! Wozu sind nur die Dinger ! Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrthümer ihres Mannes . Erstens tadelte sie ihn bei dieser Gelegenheit , daß er sich gerührte Eier für die Nacht bestellt hätte , was eine zu hitzige Speise wäre ; dann aber sagte sie : Eine Kramme noch für ihren Spiegel ? Und die Bettstelle auch behalten ? Da könnte Einer dabei bestehen ! Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich sagt ' s ihm gleich : Die Mamsell Nr. 17 ist durchgegangen , die Miethe ist nicht gezahlt , macht vier Thaler und der Spiegel und die Bettstelle macht einen Thaler , ist für Auslagen , die sie mir schuldig geblieben ist , Seife und Licht und zwei Hausschlüssel ... bleibt immer vier Thaler ! Zwei Hausschlüssel ? Wie denn so zwei Hausschlüssel ? Ha ! Ha ! Wie ich von zwei Hausschlüsseln sprach , drehte sich der alte Sünder um und wollte sich nicht in dem Spiegel sehen lassen - weil er ganz roth wurde . Roth ? Warum denn roth und zwei Hausschlüssel ? Ach ! Schon vor elf Wochen ! Wie ich ihm da gesagt hatte - Herr Bartusch , sagte ich , die Mamsell Nr. 17 zahlt keine Miethe , da wurde er dazumal grob , wie immer , und kletterte selbst zu ihr hinauf . Schon zwei Wochen nicht ! rief ich ihm nach . Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jämmerlichen Miene . Armes Mädchen ! sagt ' er . Muß sich von ihrer Hände Arbeit ernähren - hat keine Eltern - und wie er dann thun kann , als wenn er ein Erbarmen im Leibe hätte wie die ewige Güte - kaum ist er damals fort - das sind nun elf Wochen - kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlüssel für einen Freund . Aha ! dachte ich , für einen Freund ! Ich gab ihr den Hausschlüssel . Kostet drei Groschen monatlich , Mamsell , sagt ' ich . Wird Alles bezahlt werden , und so ging sie schnippisch davon , als wenn sie einen Ehemann gekobert hätte . Und richtig , ich hab ' ihn wohl erkannt , wie er dann am nächsten Abend ankam nach zehn Uhr , in einem großen Mantel - Herr Bartusch ! sagte Mullrich erstaunend , über die » Enthüllungen « seiner Frau . Schleich du nur , dacht ' ich , fuhr seine Ehehälfte fort . Wer sind Sie Herr ? Wo wollen Sie hier hin ? rief ich . Nummer 17 ! piepte es und rasch in den Hof , wie eine Katze , so genau fand er sich zurecht . Und das dreimal ! Nachher ging ' s ja mit Mann und Maus auf das Schloß von dem alten Fürsten und richtig ! Mein Männchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlüssel hat er bei sich behalten . Die Mamsell zahlt keine Miethe , zahlt keinen Hausschlüssel , der Freund ist fort und eines Abends sie auch , bis auf ihr Mobiliar , ihren Spiegel und ihre Bettstelle . An die halten wir uns . Männchen mag nun sehen , wo er die Miethe kriegt . Wer weiß , wo die Lange steckt ! Es hat schon oft einmal geheißen : Hamburg , und hernach war ' s blos die Hamburger Straße . Diese harten Verleumdungen über Bartusch , den eigentlichen Regenten dieser Häuser , wurden von Passanten unterbrochen , die an dem Schaufenster des Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch » schummrige « Stube des Vizewirths hinuntersprachen . Es waren dies zuvörderst Drehorgelspieler , die wegen eines Hausschlüssels parlementirten . Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klängen zu bedienen , wo sie lange auszubleiben gedachten ... Er wurde ihnen leihweise für einen Dreier und nur für diese Nacht bewilligt mit vielen Mahnungen , ihn zu schonen , nicht zu verlieren , Mahnungen , die sich mit einem höflichen Übergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen . Es war nach sieben . Die Handwerker und Arbeitsleute , die im Hause wohnten , kamen nun von der Arbeit . Kinder , Frauen , Mädchen , Männer , rüstig und hinfällig , bunt durcheinander ... Frau Mullrich ließ sie Alle mit scharfprüfenden Augen die Revue passiren . Bei Jedem , der ihr fremd schien , öffnete sie das kleine Schaufenster und sah mit ihrer langen Spitznase hinterher ... Hat die Klapperfuß wieder einen Neuen ? fragte sie , aufmerksam auf einige ihr unbekannte Passanten . Gemeldet ist keiner , sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch , in dem die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand . Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein ... Bei Nr. 40 ist viel Verkehr ... Nein , Mannspersonen mein ' ich ! Mannspersonen ! Da geht ja die Klapperfuß ! Sieh den Staat ! Guten Abend , Madame Klapperfuß ! Und die Mamsell Tochter ! Mullrich , ich glaube , da ist ' s schon wieder ... Nicht richtig ! Das wäre das Fünfte ? Diese Menschen ! Den frommen Herrn , der sie neulich über ihr Sündenleben ermahnen wollte , haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen ... War lange keiner vom Verein da ? Die Bibeln sind ja bald all ... Nur noch zwei auf ' m Lager ... Der Buchbinder in der Schulstraße hat erst neulich gefragt : Herr Mullrich , keine neuen englischen Bibeln ? Der Nagelschmiedgesell , dem wir eine anboten , ist recht fromm und will sie behalten ... meinte Frau Mullrich , geschmeichelt von der Artigkeit des geschäftsfreundlichen Buchbinders . Aber Nr. 25 ließ uns doch eine an Zahlungsstatt ... Wir müssen einmal bei dem Verein anklopfen ; es ist doch immer ein gutes Geschäft . Sei vorsichtig , Mullrich ! Die durchtriebene Person , die Louise Eisold , hat uns erst neulich gedroht , sie wollte den ganzen Commersch mit den Bibeln anzeigen . Mullrich schwieg erschrocken . Zum Verständniß dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der Frau Vizewirthin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige kleine Personal- und Sittennotizen geben . Die mehrerwähnte Madame Klapperfuß z.B. beherbergte im ersten Hinterhofe auf vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen , die sie kasernenartig in » Schlafstelle « hatte . Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig . Sie schliefen je zwei und zwei in einem Bett und hatten für Waschwasser , Handtuch , Bett- und Leibwäsche und Frühstück eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen , die jeden Sonnabend berichtigt werden mußte . Madame Klapperfuß verdankte der Präcision , mit der sie dies Schlafstellengeschäft betrieb , die Mittel , sich auf Volksbällen und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen . Ihre Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfuß , die von verschiedenen , gerade nicht sehr stabilen , sondern ab- und zugehenden Vätern eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte , die jedoch von der Großmutter mit ebenso vieler Zärtlichkeit behandelt wurden , als wären sie der legitimsten Ehe entsprossen . Die Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der Brandgasse Nr. 9 ein weites Feld . Allein die Treppen waren sehr steil , die Thüren sehr eng . Den Missionären dieser braven Institute geschah zuweilen das Widerwärtige , daß die verstockten frechen Sünder sie alle Unannehmlichkeiten der Lokalität empfinden ließen . Demoiselle Klapperfuß hatte z.B. einen Abgesandten der Kirche , der der am nächsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten unehelichen Kindes eine strenge Rüge , ja ein , freilich katholisch klingendes Wort , von Kirchenbuße züchtigend vorhergehen lassen wollte , jene schnöde Abfertigung angedeihen lassen , die Frau Mullrich vorhin andeutete . Überhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich ' s Autorität und Unterstützung hier nicht viel rein Moralisches und Lehr-Strenges zu Stande bringen . Nur das baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrüßt . Ein- für allemal lag auch bei Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt , die er jedem sich der geistlichen Erweckung zugänglich Erklärenden übergeben sollte . Mullrich war zu gewissenhaft , diesen Auftrag unvollzogen zu lassen . Er bot die Bibeln in der That allen diesen Armen und Elenden an . Sie nahmen sie auch , verwertheten sie aber sogleich an der besten Quelle , die sich ihnen in Mullrich selbst darbot . Mullrich behielt das Buch der Bücher gleich an Zahlungsstatt für Miethe oder verfallenen Versatz - denn auch auf Pfänder lieh die Frau Vizewirthin in aller Stille - oder für Hausschlüssel oder Feuerung , die