Als Weib habe ich keine andere Waffe , als die Lust der Rache , die aus Hohn und Spott und Verachtung ihren Honig saugt ; wär ' ich ein Mann , so würde ich Dich vor die Mündung einer Pistole oder die Spitze eines Degens fordern , um Deine schwarze Seele möglichst früh zur Hölle zu senden ! Da ich dies nicht kann , will ich mich wenigstens weiden an der feigen Angst Deiner frechen Seele , an der Qual , die jede Minute Deines unseligen Lebens vergiftet ! O könnte ich noch tausend Jahre leben und Dich in meiner Nähe tausend Jahre leiden sehen , - dann wollte ich meine arme Schwester für hinreichend gerächt halten ! « » Ist es möglich , Bianca ! « wimmerte der zu Boden geschmetterte Graf . » So schön , so voll süßer Reize und so erbarmungslos ? « » Es ist mein Amt . Gott will es , daß ich es treu und redlich übe ! « » O und ich , ich liebte Dich , ich liebe Dich noch ! « » Die Strafe des Himmels ! Das Verhängniß , das richtend über uns waltet ! « » Finsterer Wahnsinn packt mich , wenn Du von mir gehst , wenn ich Dich nicht mehr um mich sehen kann ! « » Zur Steigerung Deiner Seelenqualen will ich nicht von Deiner Seite weichen . « » O diese Nächte ! Diese endlosen , einsamen , gräßlichen Nächte ! « jammerte Adrian . Bianca sah dämonisch lächelnd auf ihn herab . » Sie nennen ihre Nächte einsam ? « sagte sie , aus dem zürnenden Tone plötzlich in einen scherzenden übergehend . » Sie sind sehr ungerecht , Herr Graf . Ich war immer bei Ihnen , oft Stundenlang . - An Ihrem Lager knieend bannte ich Ihre Seele in den Zirkel meiner Macht . Der scharfe Blick meines liebeheuchelnden Auges zauberte sie in die wilde Jagd schreckhafter Träume , und die seelenfolternde Gewalt , die Ihre blinde Leidenschaft mir über Sie gegeben hatte , hob Gestalten und Bilder vor Ihr Auge , die alle Qualen der Hölle über Sie verhingen ! Gewiß , Herr Graf , ich war Ihnen eine treue Haushälterin ! « schloß sie lächelnd , indem sie abermals einen ihrer zärtlichen , zur Liebe reizenden Blicke auf den Unglücklichen warf . Adrian klammerte sich mit beiden Händen an ihre Kleider . » Furie ! « rief er , » göttliche Furie ! Peinige mich im Leben und im Tode , nur ein Mal schließe mich in Deine Arme ! « Lange blickte Bianca auf den zu ihren Füßen sich krümmenden Grafen . Dann schlug sie die Augen zum Himmel auf und sagte : » Schwester Therese , wenn es Dir vergönnt ist , aus dem Jenseits herabzublicken auf diese verbrecherische Welt , dann öffne Dein Auge und sieh , wie ich Deinen Verführer gezüchtigt habe ! Ich bin mit mir zufrieden . « In diesem Augenblicke pochte es . » Man kommt ! « sagte Bianca . » Bitte , Herr Graf , reichen Sie mir die Hand , damit ich Ihnen aus dieser unwürdigen Stellung aufhelfe . « Seufzend erhob sich Adrian . Das Pochen an der Thür wiederholte sich . » Sie erlauben , Herr Graf ? « sagte die schöne Furie und hüpfte graziös zur Thür , die sie öffnete und einige Worte mit dem Bedienten wechselte . Inzwischen war die Sonne untergegangen . Nur blutiges Abendroth überflammte noch Himmel , Haide und See , und warf einen duftigen Widerschein in ' s Zimmer . Adrian stand wie in einer dunkeln Feuerwolke . Bianca trat wieder zu ihm . » Ein Mann wünscht mit Ihnen zu sprechen , gnädigster Herr , « sagte sie mit dem sanftesten und bescheidensten Tone von der Welt , indem sie die Falten ihrer kleinen Atlasschürze , welche Adrians Festhalten in diese gedrückt hatte , mit der Hand sorgfältig ausglättete . » Befehlen Sie , daß ich ihn vorlassen soll ? « » Ich bin nicht in der Stimmung - « » Um Fremde zu empfangen , wollen Sie sagen ? Zu Ihrer Beruhigung , gnädiger Herr , kann ich Ihnen melden , daß es ein sehr naher Bekannter und noch dazu ein ganz schlichter Mann ist . « Adrian sah die boshaft Lächelnde mistrauisch an . » Sein Name ? « » Ihr Bedienter meinte , eigentlich solle er den Mann als Graf Martell melden , indeß - « » Martell ! « wiederholte Adrian und seine verstörten Züge nahmen den Ausdruck des wildesten Hasses an . Bianca aber winkte , hüpfte nach der Thür und warf dem auf der Schwelle ihr begegnenden Spinner mit verliebtem Blick eine Kußhand zu . Als sich Adrian umwandte , stand ihm Martell allein gegenüber . Zweites Kapitel . Adrian und Martell . Die beiden Halbbrüder standen einander Minutenlang schweigend gegenüber und maßen sich mit finstern feindlichen Blicken . So betrachten sich zwei Raubthiere , ehe sie zum tödtenden Sprunge sich erheben . Martell trug noch seine gewöhnliche schlichte Arbeitstracht , grobe leinwandene Beinkleider und eine Zwillichjacke . Seine abgegriffene Pelzmütze hielt er in der Hand . Ein schwarzbaumwollenes Tuch , von dessen Schadhaftigkeit die vielen Fasern und Troddeln am verschlungenen Knoten Zeugniß ablegten , war lose um den stämmigen Hals geschlungen . Ihm gegenüber stand Graf Adrian in einem kostbaren Pelz , im Uebrigen ungezwungen , aber doch vollkommen elegant gekleidet . Der Spinner war sehr bleich , seine tiefliegenden schwarzen Augen brannten in den dunkeln Höhlen , sein dichtes schwarzlockiges Haar schien einen Todtenkopf zu bedecken . » Was beliebt ? « redete Adrian den unversöhnlich beleidigten , fast zum Lastthier herabgewürdigten Bruder an , seine heimliche Furcht in ein trotziges und hochfahrendes Wesen hüllend . » Herr am Stein , « erwiederte Martell , » oder wie ich eigentlich sagen sollte , Herr Bruder , ich komme , Ihnen anzuzeigen , daß ich nicht mehr Ihr unterthäniger Knecht bin und von morgen an als Arbeiter Ihre Fabrik verlasse . « » Das hättet Ihr Euch ersparen können . Nach dem Vorgefallenen verstand sich dies von selbst . Guten Abend ! « » Sie erlauben , Herr am Stein ! Ehe ich Sie von meiner , ich kann es mir wohl denken , verhaßten Gegenwart befreie , habe ich noch einige Worte mit Ihnen zu sprechen . « » Jedenfalls muß ich auf die größte Kürze dringen , « fiel Adrian ein . Ohne auf diese Bemerkung Rücksicht zu nehmen , fuhr Martell fort : » Da ich demzufolge für immer aus Ihren Diensten gehe , scheint es mir unerläßlich , daß wir zuvor Abrechung mit einander halten . « » Ist man Euch rückständigen Lohn schuldig , so wendet Euch an Vollbrecht . « » Von Geld ist hier nicht die Rede Herr am Stein , sondern von einer moralischen Abrechnung . « » Das verstehe ich nicht . « » Dann muß ich es Ihnen erklären , « sagte Martell mit grollender Stimme und trat dem grausamen Bruder , der an einem Spigeltische lehnte , um einige Schritte näher . » Ich will nicht anheben von dem Beginn unserer Verbindung und von den Ungerechtigkeiten , die ich während derselben von Anfang an erduldet habe . Es sind deren so viele , daß ich mich ihrer nicht mehr erinnern kann . Deshalb vergesse ich sie geflissentlich und nehme an , sie hätten mich nie oder doch nur als ein unabwendbares Schicksal getroffen ! « » Ihr würdet sehr gut thun , wenn Ihr Euer ganzes Leben als von so unabwendbarem Schicksal gleitet betrachten wolltet . « » Ich weiß zu unterscheiden , Herr am Stein , zwischen Zufall , der vom Himmel kommt , und zwischen Qualen , welche die Willkür unbarmherziger , selbstsüchtiger Menschen über uns verhängt . So viele deren von Ihnen ausgingen , über diese sollen Sie mir jetzt , nun mich der Spruch gerechter Richter Ihnen gleichgestellt hat , Red ' und Antwort geben . « Adrian zuckte vornehm die Achseln und zog die Stirn in noch krausere Falten . » Durch Ihre Schuld ist der Tod in meine Hütte gebrochen , « rief Martell , » und hat mir den einzigen Sohn unter grausamen Martern geraubt . Dafür fordere ich jetzt Genugthuung ! « Adrian verharrte , ohne aufzublicken , in seinem vornehmen Schweigen . » Mein armes geliebtes Weib liegt in Folge der verlängerten Arbeitszeit auf dem Siechbette und wird langsam eines elenden Todes sterben . Auch dafür fordere ich Genugthuung ! « Abermals tiefes und unverbrüchliches Schweigen von Seiten Adrians . » Ihr teuflisches System , durch vermehrte Arbeit der Unbemittelten Ihr eigenes Vermögen ins Ungeheure zu vergrößern , hat mich selbst der Liebe entfremdet , hat mich beinahe zum Gotteslästerer gemacht und mir den Frieden meiner Seele geraubt , der mich sonst in aller Noth und Drangsal erquickte ! « » Dafür werdet Ihr jetzt auch die Früchte meiner schweren Mühen mit genießen , « fiel Adrian ironisch dem Spinner in ' s Wort . » Zuvor fordere ich für diesen Diebstahl , den Sie rechtlos an meinem besseren Selbst begangen haben , Genugthuung ! « Der Graf lächelte und fing an mit der Spitze seines Fußes auf der parkettirten Diele zu trommeln . » Nummer drei , « sagte Adrian spöttisch . » Ich muß die einzelnen Punkte in meinem Gedächtnisse numeriren , damit ich nicht in die Irre gerathe . Viertens ? Bitte , mein sehr unterhaltender Herr Bruder , fahren Sie fort . Es fängt an dunkel zu werden und ich würde in der That Etwas entbehren , könnte ich Ihr interessantes Mienenspiel bei diesen Mittheilungen nicht mehr beobachten . - Also Viertens , Herr - Martell ? « » Sie haben mich geistig beinahe getödtet , « sagte tief erschüttert der ehemalige Fabrikarbeiter , » und körperlich mich zum Krüppel gemacht ! - Aus elendem , niedrigen Geiz , aus schmuziger Hab- und Gewinnsucht , aus gemeinem Haß gegen Alles , was nicht Ihrer Ansicht war , nicht hochadliger Abkunft sich rühmen konnte , dungen Sie - Meuchelmörder , ließen mir vergiftete Getränke reichen und untergruben meine so starke , nie von einer Krankheit angefochtene Gesundheit ! - Es stünde mir frei , Sie deshalb bei dem weltlichen Gericht zu denunciren , allein ich kann und will das nicht ! Ein Etwas , das ich nicht näher bezeichnen kann , ein unklares Gefühl hält mich davon zurück . Es dünkt mir unsittlich , wenn ein Bruder den Bruder - habe er es auch hundertmal verdient - angibt ! Und sodann wäre mir auch damit nicht gedient , wäre mein Groll , mein Durst nach Rache nicht gelöscht , wenn auch das Gericht den Mann , der mich mit teuflischer List elend machte auf Erden , zum entehrenden Tode verdammte ! - Eben darum komme ich vor dieser Zeit und - fordere Genugthuung ! « » Ist Herr Martell zu Ende ? « » Sogleich . Ich habe blos noch zu fragen , ob Herr am Stein mir diese Genugthuung geben will ? « » Man muß Euch etwas zu Gute halten , Herr Martell , « erwiederte Adrian . » In Eurer bisherigen Lage und Stellung zur Welt konntet Ihr Euch wenig gediegene Bildung aneignen ; es darf mich deshalb auch nicht wundern , daß Ihr Euch klar auszudrücken nicht gelernt habt . « » Wollte ich mich verständlicher ausdrücken , so müßte ich Ihnen den schurkischen Hals umdrehen , « rief Martell , dessen erkünstelte Ruhe der angeborenen Lebhaftigkeit des Temperamentes zu weichen drohte . » Das ist schon deutlicher , « erwiederte Adrian . » Ich fange an , den Sinn Ihrer Worte ahnungsweise zu begreifen . Aber was wollen Sie , Herr Martell , daß ich thun soll ? « » Herr , mir Genugthuung geben ! Ist das deutlich ? « » Ihre Stimme ist laut , ich habe die Worte vollkommen verstanden . Doch lassen Sie hören ! Auf welche Weise verlangen Sie von mir Genugthuung ? « » Ich wünsche Sie dieselben Qualen empfinden zu lassen , die mir seit Jahren das Herz zerrissen haben , « raunte Martell seinem kalt lächelnden Halbbruder zu , indem er dicht an seine Seite trat . » Ja , « fuhr er fort , » ich habe unter tausend Seufzern diese Stunde herangefleht vom ewigen Richter der Welt , und ich beklage nur , daß es nicht in meiner Macht steht , Auge um Auge , Zahn um Zahn mit Ihnen abzurechnen ! Es peinigt mich , daß Sie keine Kinder haben . Ich würde mich ihrer bemächtigen und mit ihnen verfahren , wie Sie mit meinem armen Haus . Ich würde Ihre Gemahlin peinigen , erschrecken , durch Truggebilde in wahnsinnige Seelenangst hineinhetzen , bis sie zum Schatten hinschwände und unter Seufzen und Schauern eingebildeter Schrecknisse verschied ! Das wäre Abrechnung , wie ich sie will , das wäre Rache , wie sie ein Mann nehmen darf und soll , der so gelitten hat , wie ich ! - Nun ich hoffe , wir verstehen uns endlich . « » Diese Bekenntnisse machen Ihnen als Mensch und Bruder viel Ehre . Ich danke Ihnen dafür . « » Werden Sie mir Genugthuung geben , Herr am Stein ? « » Muß ich nicht ? « versetzte Adrian . » Das Gericht , gegen dessen Weisheit ich nicht die geringsten Zweifel hege , hat Sie einstimmig zum Cavalier erhoben . Sie sind mein leiblicher Halbbruder , sagt man ... Ich habe Sie beleidigt , behaupten Sie ... Enfin , ich bin Ihnen Genugthuung schuldig . « Adrian lachte und begann im Zimmer , das jetzt ganz dunkel geworden war , auf und nieder zu gehen . Martell , etwas verblüfft durch die leichtfertige , beinahe cordiale Art und Weise , wie sein Halbbruder den von ihm gemachten Antrag hinnahm , schwieg eine Weile . » Befehlen Sie Licht , Herr Martell ? « fragte der Graf , der jetzt seine ganze Sicherheit , seinen geübten gesellschaftlichen Ton ungeachtet der Aufregung , die in ihm tobte , äußerlich doch wieder gewonnen hatte . Mich dünkt , es wäre schicklicher . Feinde müssen einander Aug ' in Auge blicken können , wenn sie es ehrlich meinen . Und Adrian zog mehrmals die Klingelschnur , daß die Glocke laut durch das stille Haus dröhnte . Als der Bediente Licht gebracht hatte , blieb Adrian vor seinem Halbbruder stehen . » Beliebt es , Herr Martell , so können wir unsere Angelegenheit vollends beendigen , « sagte er . » Sie haben zu bestimmen , in welcher Weise das , was Sie Genugthuung nennen , stattfinden soll . Lassen Sie hören . « » Sie werden sich mit mir schlagen . « » Ich muß bemerken , mein Herr , « versetzte Adrian sehr höflich , » daß dies abermals zu den unnöthigen Aeußerungen gehört , auf denen ich Sie schon einigemale ertappt habe . Man schlägt sich immer , wenn man Genugthuung fordert ! Es handelt sich jetzt um Ort , Zeit und Waffen . « Martell schwieg eine lange Weile , dann richtete er sein schwarzes Auge durchbohrend auf den Halbbruder und erwiederte : » Obgleich mein Haus sehr schnell bestellt sein wird , da ich zur Zeit nichts besitze , habe ich dennoch mancherlei Anordnungen zu treffen , die mich aufhalten können . Deshalb wünsche ich , daß unser Zusammentreffen morgen um Mitternacht stattfinde . « » Um Mitternacht ? Wir werden dann auf gut Glück wie Blinde mit einander kämpfen ! Fürchten Sie etwa das Tageslicht oder schreckt Sie die blanke Waffe die drohende Oeffnung einer geladenen Pistole ? « Martell verfärbte sich , doch blieb er gelassen und antwortete ruhig : » Das Zusammentreffen selbst wird Ihnen beweisen , daß ich keine Furcht kenne ! Uebrigens soll es an dem erforderlichen Licht nicht fehlen . « » Nun so sei es ! Und der Ort , wenn ich fragen darf ? « » Der Saal in der Fabrik , wo ich unter Kummer , Sorge und Angst Ihnen arbeitete , damit Sie ein reicher Mann werden konnten . « » Sie haben seltsame Gelüste , mein Herr ! Indeß , wenn man sich auf Tod und Leben schlägt , kommt es nicht auf den Ort an , wo man zum letzten Mal sein Auge schließt . Ich bin also auch damit einverstanden . « » Um nicht gestört zu sein , werde ich Herrn Vollbrecht beauftragen , in dieser Nacht die Arbeiter jenes Saales zu beurlauben . « » Es sei ! - Nun aber die Waffen . - Vermuthlich verstehen Sie den Degen nicht zu führen und wünschen deshalb Pistolen ? « » Nein , Herr am Stein ! Weder Degen noch Pistolen vermögen mir Genugthuung zu verschaffen , das vermag einzig und allein Gott , der als Zeuge unserm gerechten Kampfe beiwohnen wird ! « » Ah , jetzt verstehe ich , « sagte Adrian mit verächtlichem Zucken der Lippen . » Sie haben es auf einen Faustkampf , auf eine Rauferei abgesehen , und weil Sie in solchen Fechterkünsten natürlich sehr geübt sein müssen als geborener und erzogener Proletarier , so hoffen Sie mich auf die leichteste Weise besiegen und zum Krüppel schlagen zu können ! - Sie sind sehr großmüthig , mein Herr , indeß mein Grafenwort darauf , zu solcher Gemeinheit reiche ich Ihnen nicht die Hand . « Martell schoß das Blut ins Gesicht . Den Grafen verächtlich anblickend erwiederte der Spinner : » Stünden Sie auf meinem Platze , Herr am Stein , dann würden Sie vielleicht dies Auskunstsmittel ergriffen haben , ich , bei Gott dem Herrn sei es geschworen , ich habe nie daran gedacht ! Nur Gleichheit der Waffen wünsche , fordere ich , und da ich nun weder ein Fechter noch ein Schütze bin , weil die Noth des Lebens mir keine Zeit zu Spiel und Lust gestattete , so verwerfe ich auch diese Waffen . - Herr am Stein , wir werden uns schlagen , ohne daß Einer die Hand gegen den Andern erhebt ! Es würde dies Brüdern übel anstehen , und ich meines Theils mag das Kainszeichen nicht auf der Stirn mit mir herumtragen ! « Adrian setzte sich und sah den Spinner halb erstaunt , halb ungläubig an . Der Gedanke , Martell möge in Folge des genossenen Giftes an seinem Verstande gelitten haben , gewann bei ihm die Oberhand . » Das ist Alles recht schön , Herr Martell , « entgegnete er , » und zeugt von einem ungewöhnlich zarten Schicklichkeitsgefühl , allein , da es auf Ihr eigenes Verlangen zwischen uns denn doch zum Blutvergießen kommen soll , so erklären Sie sich jetzt gefälligst , wie wir dies zu bewerkstelligen haben ! « » Ihr Blut , Herr am Stein , habe ich nie gewollt , « sagte Martell mit stolzer , eiserner Ruhe , » nur Genugthuung für alle mir und den Meinigen zugefügten Beleidigungen und Qualen , nur Abrechnung für das , was ich unter Ihrer Willkürherrschaft gelitten habe ! Das sühnt kein Blut , das sühnt nur ein Kampf , wie er mir vorschwebt , ein Kampf , der Sie lehrt , wie dem Elenden zu Muthe ist , der unter der Geißel eines übermüthigen Reichen täglich und stündlich tausend Tode stirbt ! « » Verstehe ich Sie recht , « sagte Adrian erschrocken , » so wollen Sie mich dem Hungertode Preis geben . « » Nichts von alledem ! Ich werde Sie vielmehr sich selbst und Ihrer Geschicklichkeit überlassen . Sie sind ein kluger , ein fürchterlich kluger Mann ; Sie sind gewandt und in tausenderlei Fertigkeiten geübt ; Ihnen gebricht es weder an Um- noch an Vorsicht ! Das Alles geht mir ab . Ich bin rasch , ungestüm , körperlich ungeübt , geistig nicht halb so gewandt , wie Sie . Ueberdies hat das von Ihnen nur beigebrachte Gift meinen Körper geschwächt , daß all seine Muskeln ein krampfhaftes Zittern rastlos bewegt . Ich bin also nur noch der Schatten eines Menschen ! Dennoch vertraue ich Gott und meiner Geschicklichkeit und auf Gott , der ja auch über Ihnen waltet , auf Gott und Ihre Geschicklichkeit sind Sie jetzt von mir gefordert ! « » Mein Gott , das sind aber ja keine Waffen ! « rief Adrian erstaunt aus . » Besäße ich auch hundert Fertigkeiten , wäre ich gelenk wie ein Seiltänzer , ich könnte mich durch solche Kunstfertigkeiten doch nicht schlagen ! Das ist also ein Unsinn , eine Thorheit , die allen vernünftigen Grundes entbehrt ! « » Dennoch bestehe ich darauf , « erwiederte Martell . » Sie haben mir die Wahl der Waffen freigestellt und ich wähle als völlig gleiche Waffen unsere beiderseitige Geschicklichkeit . Antwort : Sind Sie damit zufrieden ? « Adrian sann lange hin und her , was der rachsüchtige Spinner wohl unter einem Kampfe verstehen könne , bei welchem einzig und allein die Geschicklichkeit gleichsam als Waffe dienen sollte , er konnte aber zu keinem haltbaren Resultate kommen . Längst schon der Unterhaltung müde , obwohl ihn das unbeholfene Wesen seines Halbbruders einige Male vergnügt hatte , sagte er ärgerlich : » Nun denn , der bloßen Curiosität wegen bin ich mit dieser neuen Art , einen sogenannten Ehrenhandel zu schlichten , einverstanden . Ich nehme die Waffen an , Waffen , von denen ich zur Stunde noch gar keine Vorstellung habe . « » Morgen um Mitternacht . « » Angenommen ! « » Im Saal der Feinspinner und ohne Zeugen . « » Ohne Zeugen ! « sagte Adrian und legte seine kleine weiße Hand in die harte , zitternde des Spinners . » Gute Nacht denn , auf Wiedersehen ! « Martell ließ die Hand des Grafen sinken , kehrte ihm den Rücken und verließ das kostbar meublirte Zimmer des reichen Halbbruders , ohne einen Laut von diesem als Gegengruß zu vernehmen . » Dieser Mensch ist fürchterlich ! « sagte Adrian , als die schweren Schritte des Davongehenden auf dem Corridor verhallt waren . » Hat je ein Mensch so etwas gehört ! Ein Duell auf Geschicklichkeit ! Man sollte glauben , der Tollkopf wolle mich zwingen , nach Art der Jongleure scharfe Messerklingen im Kreise um mich zu werfen ! Müßte ich nicht wider Willen seiner Ehrlichkeit vertrauen , nie und nimmer wäre ich diesen Handel eingegangen . So aber sei es der puren Seltsamkeit wegen und um zu zeigen , daß der legitime Erbe von Boberstein dem Bastard an Muth in keiner Weise nachsteht . « Drittes Kapitel . Ein Mord . Sehen wir jetzt , welchen Eindruck die erwähnten Vorfälle auf die stillen Bewohner des Zeiselhofes machten . Aurel war nach erfolgter Einkerkerung der Verbrecher mit seinen Freunden wieder abgereist und hatte in den nächsten Tagen Herta auf die schonendste Weise von dem Wiederfinden ihres verlorenen Sohnes unterrichtet . Es war die traurigste Aufgabe für den Kapitän , die so schwer Geprüfte jetzt auf das Entsetzliche vorzubereiten , ihr beizubringen , in welchem Zustande der Erniedrigung Klütken-Hannes betroffen worden war , wie man einen tief gesunkenen Verbrecher in ihm gefunden habe ! Herta bedurfte geraumer Zeit , um dies neue Unglück , das alle früheren harten Prüfungen und Schicksalsschläge noch zu übertreffen schien , mit der ihr eigenen schönen Seelenruhe und wahrhaft christlichen Ergebenheit zu ertragen . Sobald sie sich aber daran gewöhnt und mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte , daß ihr unseliger Sohn ein verabscheuungswürdiger Brudermörder geworden sei , war sie auch schnell entschlossen und einig mit sich über das , was ihr zu thun jetzt obliege . » Also in Boberstein lebt der Unglückliche ? « sagte Herta mit gepreßter Stimme , » und wenn mein Herz dabei brechen , wenn ich auf der Stelle vor Gram und Kummer sterben sollte , noch einmal ihn sehen , vielleicht mit einem Blick meines Mutterauges ihn trösten muß ich ! « » O stehen Sie ab davon ! « bat Elwire , deren Schmerz sich in einer Fluth von Thränen Luft machte . » Es muß Sie tödten ! « » Halte mich nicht , liebes Kind , es ist meine Pflicht ! « Elwire viel schluchzend der Großmutter um den Hals und bedeckte sie mit Küssen . » Die Tante hat Recht , « sagte der Kapitän nach einer Pause . » Wenn irgend etwas den unglücklichen Mann zur Erkenntniß seiner Frevelthat bringen und ihn der Neue zuführen kann , so ist es der Anblick seiner beklagenswerthen Mutter . Ich werde Sie begleiten . « Herta drückte dem Neffen dankend die Hand . » Nicht wahr , Sie eilen ? « » Sobald Sie wünschen , können wir aufbrechen . « » Auf morgen denn ? « » Ich bin bereit . « » Herta ! Theure Großmutter ! « schluchzte Elwire . » Fürchte nichts , mein Kind ! Ich bin durch ein Leben voll Schrecknisse an das Entsetzliche gewöhnt . Ich werde auch dies ertragen , ich werde die Zusammenkunft mit meinem Sohne , der ... ein Mörder ... geworden ist , .. still überleben . « Thränen erstickten ihre Stimme . Sie verbarg ihr Gesicht in den Locken der schmerzlich bewegten Enkelin . » Nehmen Sie mich mit , Großmutter , « sagte Elwire nach einiger Zeit und sah bittend mit ihren großen von Thränen verschleierten Augen zu Herta auf , vor der sie kniete . » Aber mein Kind ! « » Bitte , nehmen Sie mich mit ! « flehte das schöne Mädchen dringender . » Ich sterbe vor innerer Angst , wenn ich allein zurückbleiben soll ! « » Liebe Elwire , « sagte Aurel , indem er die Weinende sanft aufhob und sie nöthigte , an Hertas Seite niederzusitzen , » es würde Dich zu heftig erschüttern ! Du bist ja nicht allein , die treue , erprobte Dienerin der Tante , die sorgende Emma bleibt bei Dir . « » Nein , nein , Aurel , ich verlasse die Großmutter nicht ! « rief Elwire mit leidenschaftlicher Heftigkeit . » Bedenke , welch ein Wiedersehen ! Welch Zusammentreffen ! « Elwire trocknete ihre Thränen und schlug die Augen zu dem Geliebten auf . » Wiedersehen ! « sagte sie dann düster und ein Frostschauer überrieselte ihren zarten Körper . » Nein , Aurel , ich will ihn nicht wiedersehen , aber ich will um Euch , ich will in Eurer Nähe sein . « Der Kapitän küßte sie auf die Stirne und drückte zärtlich ihre Hand . » Unter dieser Bedingung nehme ich Deine Begleitung an , « erwiederte er , » nur versprich mir auch , nicht wankend zu werden in Deinem Entschlusse . « » Bin ich nicht Deine Braut ? « sagte Elwire durch Thränen lächelnd . » Du darfst meinem Wort vertrauen , wie meinem Blicke ! - « Nach diesem Entschlusse machte sich eine größere Ruhe bei den Bewohnern des Zeiselhofes geltend . Die Frauen trafen die nöthigsten Vorkehrungen zu der bevorstehenden kleinen Reise , Aurel schrieb eine Menge Briefe an ferne und nahe Freunde . Ausführlich berichtete er das Vorgefallene sowie den Ausgang des Prozesses an Madame Oehler in Hamburg und sprach die Hoffnung aus , sie recht bald wiederzusehen . Der Maulwurffänger war in seinen Wohnort zurückgekehrt , um Gregor und Schlenker die frohe Kunde von dem Ausgange des Prozesses mitzutheilen . Er hatte versprochen , in einigen Tagen wieder nach Boberstein zu gehen , da seine Anwesenheit dort nöthig sein konnte , um Martell theils zu beaufsichtigen , theils zu beruhigen . Man durfte also hoffen , den treuen Bundesgenossen dort anzutreffen , wenn etwa mehrere Tage vergehen sollten , ehe an Rückkehr gedacht werden konnte . Einstweilen war blos Gilbert im Arbeiterdorfe geblieben , um über Alles , was sich daselbst begeben konnte , sogleich Bericht an den Kapitän zu erstatten . - Es war am Tage nach der merkwürdigen Unterredung zwischen Adrian und Martell , als Kapitän Aurel mit Herta , Elwire und Sloboda , der nunmehr für immer seine Wohnung auf dem Zeiselhofe aufgeschlagen hatte , nach Boberstein fuhr , um die Gefangenen zu sehen und zu sprechen . Wir eilen den trauernden Reisenden voraus , um uns nach den Verbrechern zu erkundigen , die wir am Morgen des wichtigen Tages verließen , welcher den drei gräflichen Brüdern drei Halbgeschwister unter so erschütternden Umständen zuführte . Vollbrecht hatte die Verbrecher in einen sichern Ort geführt , aus dem kein Entkommen möglich war . Dieser lag unter den Fabrikgebäuden und bestand aus einem kellerartigen Gewölbe , das für gewöhnlich zu Aufbewahrung von Waarenballen benutzt ward . Feste Thüren und Riegel , ein hohes vergittertes Fenster mit altgothischem steinernen Fensterkreuz und mehrere Ellen starke Mauern ließen auf den ersten Blick erkennen , daß dieses Gewölbe noch ein Ueberbleibsel der alten Burg Boberstein sei . Unmittelbar neben diesem Kellergewölbe befand sich eine der Maschinenkammern , weßhalb die Gefangenen das dumpfe , monotone Stampfen und Rauschen der arbeitenden Maschine Tag und Nacht vernahmen . Auf dieser Seite war auch die Mauer des Gewölbes neueren Ursprungs und , wie ein leises Klopfen daran deutlich verrieth , bei weitem nicht so stark . Der Keller mochte beim Brande der Burg zum Theil eingestürzt , später aber die schadhaften Stellen mittelst Mauerwerk aus Backsteinen wieder aufgeführt worden sein . Dies Gewahrsam war für ein Gefängniß ein ganz erträglicher Aufenthaltsort . Vollbrecht ließ einen Tisch nebst ein paar Stühlen hereinschaffen , ein eiserner Ofen half die etwas dunstige und feuchte Luft erwärmen , Matratzen wurden auf den gedielten Fußboden gebreitet und außerdem für Lebensmittel die nöthige Sorge getragen . Nicht einmal Fesseln legte man den Verbrechern an , da Vollbrecht keinen Auftrag dazu erhalten hatte , vielmehr löste er sogleich mitleidig und menschenfreundlich die Stricke , womit den Unglücklichen die Hände auf den Rücken gebunden waren . So konnten