und ich würde dennoch keine Demütigung empfinden . Ja , ich weiß , es hat auch Mädchen gegeben in meiner Lage , die winselnd sprachen : O wärst du ein armer Hirt , mein hoher Liebster ! - Ich aber , ich wünsche mir ihn gar nicht zum Hirten herunter ; nicht soll er seine Größe ablegen um meine Kleinheit ! Sondern das ist eine neue Seligkeit für mich , daß er so vornehm ist , und mich emporhebt aus meiner Niedrigkeit und mich zur Gräfin macht und auf sein hohes Schloß führt . Ach , ich will ja nichts mehr von mir oder durch mich , sondern alles nur von ihm , alles , alles , neben seinem Gefühle auch Ruhm , Ansehen , Reichtum ! Je mehr er mir gibt , desto beglückter fühle ich mich . Denn seine Liebe ist überströmendes Geben und meine durstiges , lechzendes Empfangen . Ich bin sein Geschöpf , er ist mein irdischer Schöpfer ; Gott schafft mich durch ihn zum zweiten Male . Unter den Flügeln der Liebe will ich schlummern und träumen , auf der Höhe , wohin mich diese Schwingen tragen , erwachen , und sie mit frohem Lerchengesange als die Wohnstätte begrüßen , die mir mein Schicksal anwies . « Noch schneidender sagte Clelia , vielleicht um eine entgegengesetzte Regung , die sich anmelden mochte , zu verbergen : » Es ist allerdings höchst wohlfeil und bequem , auf solche Art eine schrankenlose Zärtlichkeit zu beweisen . « Aber Lisbeth blieb ganz ruhig und antwortete im mildesten Tone : » Gnädige Frau , das kam nicht aus Ihrem Herzen . Sie sagten es nur , weil Sie sich so in den Eifer gegen mich hineingesprochen haben . - Wir sind hier zwei Frauen allein , kein Mann hört uns und deshalb darf ich wohl dreister reden , als sich sonst für mich ziemte . Ich weiß nicht , wie mir wird , mein Auge schwimmt , und meine Lippe fühl ' ich zittern , zum Äußersten haben Sie mich gebracht , hören Sie denn das Äußerste , was ein Mädchen sprechen kann . Bin ich ' s noch selbst ? Wie kommen mir solche Gedanken ? Aber Sie sollen sie hören . - Sie sind Frau , und Sie waren Mädchen . Bebten und erröteten Sie nicht , wenn Sie nur dachten , daß eine andere Hand als die Ihrige Ihre Schulter berühre ? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele und Leib ergeben , Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfräuliche Ehre ! Sind wir darin nicht gleich ? Hat die Braut eines Kaisers etwas Höheres als die Majestät ihrer jungfräulichen Ehre ? Ich bin eine Jungfrau , meine gnädige Baronesse . In der Ehre der Jungfrau fühle ich mich geadelt und der Braut des Kaisers gleich . Demütig nehme ich alles an von Oswald , aber nicht gedemütiget , mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes , denn was Ihr Vetter mir geben mag , ich gebe ihm stets doch mehr , als er zu geben jemals imstande sein wird . « Sie schwieg . Die Glut der süßesten Scham flammte ihr auf Wangen , Hals und Nacken . Ihr Blick ruhte durchdringend auf Clelien . Diese fühlte ihre Mittel erschöpft . Sie winkte , daß Lisbeth sich entfernen möge . Lisbeth ging nach der Türe . Sobald aber Clelia die unwiderstehlichen Augen des Mädchens nicht mehr sah , kam ihr noch einmal der den Weltkindern eigentümliche Übermut zurück . Sie rief der Abgehenden leichthin nach : » Ihr seid beide törichte und unsinnige Kinder ! Für jetzt weiß ich nichts mit dir anzufangen , aber ich wette , in wenigen Tagen sprichst du ganz anders und gibst mir recht , denn das verfliegt , wie es angeflogen ist . « Die Jungfrau wandte sich um und näherte sich mit dem Ansehen einer Priesterin der Weltdame . Erhaben leuchteten ihre Augen , mit voller , tönender und gehaltener Stimme sprach sie : » Wie täuschen Sie sich ! Lassen Sie ab von der Täuschung , welche Sie um eine heilige Erscheinung bringt ! Ich bitte Sie , lassen Sie ab von dem Wahne , hier mit einer Grille , mit einer Laune des Augenblicks zu tun zu haben . Sie würden in diesem Wahne uns noch bittere Schmerzen und sich fruchtlose Mühe machen . Kennen Sie das Wort : Ewig , Frau Baronesse ? Ich hatte es , glaube ich , früher nie gesprochen , denn ich pflegte überhaupt nichts zu sagen , wobei ich mir nichts zu denken wußte . Aber als er mich in der Kirche aufhob und mich vor den Altar niederwarf , ein Weihegeschenk der Liebe für Gott den Allmächtigen , da durchtönte plötzlich das Wort wie mit tausend Zungen mein Innerstes und seit der Stunde singt es durch alle meine Gedanken und Empfindungen immer und immer wie ein himmlisches Halleluja : Ewig ! Denn wer die wahre Liebe empfängt , der empfängt die Ewigkeit in seinem Herzen . An der Ewigkeit aber ist kein Vergang und so rühren Sie denn auch nicht weiter das ewige Wort meines Herzens an , gnädige Baronesse ! - Die Frau unseres Wirtes hier , die sich hin und wieder mit mir beschäftiget hat und der Meinung ist , ein Mädchen brauche aus Büchern nicht viel zu lernen , aber durch den Anblick schöner Menschen lerne ein Mädchen etwas , gab mir in den letzten Wochen Briefe von einer Freundin zu lesen . Die Freundin hat mit ihrem Manne in einer kurzen , himmlischen Ehe gestanden , und der Mann hatte immer gesagt , das Glück sei zu schön , als daß es lange dauern könne . So war denn auch sein Tod wirklich bald erfolgt . Von den letzten Tagen schrieb nun die Freundin unter anderem auch . Er hatte eine fürchterliche Krankheit , die den Hals zusammenschnürte , so daß der Mensch ersticken muß . Den letzten Tag nun hatte der Kranke kaum noch sprechen können , aber immerdar hatte er auf seinen Trauring gesehen und auf denselben gewiesen und dazu mit der größten Anstrengung hervorgestoßen das Wort : Ewig ! Er wand sich in seiner Todesqual , aber das Wort keuchte er , solange ein Laut aus seinem armen Munde kommen konnte . Und so starb er in der Ewigkeit der Liebe . Also wird es nun auch mit mir sein und Oswald . Es ist möglich , daß wir nicht lange beieinander sind , denn auch uns steht ja ein großes und unbeschreibliches Glück bevor . Aber wer nun zuerst sterben möchte , der wird dem andern , solange die Lippe lallen kann , zustammeln : Ewig ! als ein Wort des Trostes , daß die Erde des Grabes die Liebe nicht überschütte ! - Was aber das Grab nicht vermögen wird , davon werden Sie , gnädige Frau , gewiß abstehen , denn in Ihnen ist ein liebliches und freundliches Leben . - Vergeben Sie mir , daß ich so ohne Rückhalt sprach , ich würde alles Ihrem Vetter überlassen haben , denn er ist mein Herr , wäre er schon ganz hergestellt . Da er aber noch nachleidet , so mußte ich reden , weil ich zu reden aufgefordert wurde , und mußte ihn und mich verteidigen gegen die Welt und den Dämon , wovon er vor einigen Tagen vorahnend gesprochen hat ! « Letztes Kapitel Fröhliche Siege Clelia lag erschüttert und aufgelöst im Sofa . Durch alle Torheiten der lieblichen Törin hatte sich die Natur gewaltig Bahn gebrochen . Sie achtete nicht mehr darauf , die Chatelaine zu verbergen , ihr Taschentuch hatte sie erhoben und vor das Gesicht gedrückt . Fancy trat in die Türe des Seitenkabinetts . » Kommen Sie einen Augenblick herein , lassen Sie ihr Zeit « , flüsterte sie . Lisbeth ging etwas bestürzt in das Cabinet . Fancy nötigte sie auf einen Sessel und maß mit einem seidenen Faden den Umkreis ihres Haargeflechtes und dann legte sie das Maß an einige Zweige des Myrtenbäumchens . Sie schnitt die Zweige ab und verband sie zum Kranze . Auch das Mädchen hatte eine Träne im Auge . Sie sagte während Ihrer Arbeit : » Wenn ich sie so weinen sehe , schäme ich mich meiner Listen , und doch waren sie notwendig . Denn hätte ich sie nicht durch meine Unterwürfigkeit konfus gemacht und sie nicht in die Verlegenheit hineingeputzt , so hätten Sie , junge gnädige Gräfin , mit ihr einen härteren Stand bekommen , oder der Herr Oberamtmann packte die Sache wieder an und dann würden Sie es nicht durchgesetzt haben . - Die Fancy ist aber dankbar . Seien Sie so gütig , dem Herrn Gemahl zu sagen , die Kastellanstochter habe sich für den alten Vater revanchiert . « Lisbeth verstand nicht , was das Mädchen wollte . Sie hatte auch nicht Zeit , danach zu fragen , denn in Clelias Zimmer hörte sie laut schluchzen und dann ebenso laut lachen und darauf wieder schluchzen und so wechselte es immer ab zwischen Lachen und Schluchzen . Endlich rief es leise und innig ihren Namen . Als Sie in das Zimmer trat , kam ihr Clelia entgegen , schloß sie in ihre Arme , nannte sie Kusine und sagte : » Du sollst ihn haben . « Die junge liebliche Törin gehörte zu den glücklichen Naturen , die , wenn sie närrische Streiche gemacht zu haben einsehen , ohne viele Weiterungen durch Wort und Tat bekennen : Wir haben närrische Streiche gemacht . - Kein Schmollen , kein Hinzögern , kein falscher Widerstand hauchte über den Spiegel dieser komisch anmutigen Seele . Lisbeth hatte sie überwunden , und sie schämte sich nun der Niederlage nicht . Sie drückte sie an sich , sie streichelte ihre Wangen , sie gab ihr die zärtlichsten Namen , nannte sie ihr kaiserlich Kind und eine geborene Prinzessin der Ehre . Lisbeth war von dem plötzlichen Wechsel wie betäubt und ruhte freudetrunken an der Brust der ihr noch vor wenigen Minuten so feindlich gewesenen neuen Freundin . Clelia schlug ihren Arm um den Nacken des bräutlichen Kindes und ging mit ihr halbtanzend auf und nieder ; dann stellte si ' e sich mit ihr vor den Spiegel , stemmte die Hände in die Seite und sagte , drollige Vergleichungen anstellend : » Cendrillon und daneben alle drei Fräulein Schwestern in einer Person . « Sie drohte ihrem Spiegelbilde , schnitt ihm neckische Gesichter und rief : » Wie kann man sich so aufdonnern ? « Sie war in einem Taumel der Lust und trieb darin Rührendes und Possenhaftes durcheinander . Plötzlich kam aber Fancy gesprungen und rief : » Gnädige Frau , der Oberamtmann ! « » O mein Himmel ! « rief Clelia . » Der muß weg , gleich weg , unter jeder Bedingung weg ! Wie kriegen wir ihn weg ? Fancy , gib einen guten Rat ! « Sie lief hin und her , ihr Taschentuch windend . » Wenn wir nur einen Prozeß oder ein Aktenstück ihm in der Ferne zeigen könnten ! « rief Fancy , die nun fast ebenso ängstlich sich zeigte , als ihre Gebieterin . » Mit Speck fängt man Mäuse - Hm ! Wie ? Ja - was - richtig - ich hab ' s - Viktoria ! « » Was ? « » Wo ist die Assise ? « » Die Assise ? « Fancy lief auf das gestern abend gelesene Zeitungsblatt zu . » Hier ! « sagte sie und zeigte mit dem Finger auf eine der Anzeigen . Clelia lachte . - » Nun , albernes Mädchen ? « » Hinein , gnädige Frau mit der jungen Dame in mein Kabinett ! « rief sie , » Sie möchten sich nicht genug verstellen können . Ich schaff den Oberamtmann fort . « Clelia eilte mit Lisbeth in das Kabinett . Der Oberamtmann trat in das Zimmer . - » Ich hörte hier laut sprechen « , sagte er . » Die Stimme der Baronesse unterschied ich und die des Mädchens . Wo ist Ihre gnädige Frau ? Wie steht es ? « » Ganz vortrefflich « , versetzte Fancy mit Emphase . - » Die sogenannte Braut ist beseitigt , abgemacht , hinüber . Noch heute abend reist sie nach Hamburg und wird dort Erzieherin in einer Pension , mit sechsundfünfzig Talern Gehalt . Aber wie haben auch die gnädige Frau gesprochen ! Göttlich , sage ich Ihnen , Herr Oberamtmann , von Tugend , Entsagung und uneigennütziger Liebe ; Sie würden Ihr blaues Wunder gehört haben , ich wurde recht erbaut und faßte gute Vorsätze für mein ganzes Leben , wenn ich auch einmal sollte das Unglück haben , daß mich ein junger vornehmer Herr heiraten wollte . Die Lisbeth bat die Baronesse zuletzt kniefällig um Verzeihung , daß sie nur im Ernst an den Grafen gedacht habe . Jetzt ist sie mit dem Kinde spazieren gegangen , um in der freien Natur sie zu trösten und sie noch recht in der Vernunft zu befestigen . Wenn sie aber nach Hamburg abgereist ist , dann will sie auch den Herrn Vetter auf eine gute Art zu behandeln anfangen . « Kein treuer Staatsdiener , dem von seiner vorgesetzten Behörde ein glänzendes Lob zugeht , kann frohere Augen machen , als der Oberamtmann machte . Er schlug in die Hände , daß es schallte , zog einen ganzen Schoppen Luft in sich und rief : » Nun , Gott sei Dank ! So wäre denn also dieses schwierige Geschäft glücklich beendigt . Ach , Sie glauben nicht , Fancy , was für eine Angst ich ausgestanden habe . Aber meinen Kopf hätte ich daran gesetzt , es durchzutreiben . « » Sie können lachen « , sagte Fancy . » Wir haben die Not gehabt , und Sie hatten das Zusehen . - Und was halte ich hier in der Hand , Herr Oberamtmann ? « - Sie hob das Zeitungsblatt empor . » Was denn , liebe Fancy ? « - Er las . - » Zeitung vom - vom - ei , die habe ich nicht zu sehen bekommen ! - Hm ! Was steht denn da ? - - Assisen in Elberfeld ! « rief der Geschäftsmann mit einem Freudenschrei . » Das hat die gnädige Frau heute gefunden , und feurige Kohlen sammelt sie auf Ihrem Haupte , vergibt Ihnen die Szene von gestern abend und trug mir auf , Ihnen das Blatt da zu zeigen , damit Sie Ihren Wunsch erfüllen können . Der Ort soll nicht gar zu weit von hier sein . Wenn Sie gleich Post nähmen , so kämen Sie noch spät abends dort an . Und unterdessen , daß Sie fort sind , machen wir hier alles mit dem jungen Herrn fertig . « » Also wirklich soll ich doch noch das öffentliche Verfahren kennenlernen ! « sprach der Oberamtmann gerührt . - » Großer Gott , wenn sie nur nicht schon vorüber sind ! Sie gingen nach der Anzeige da vor vierzehn Tagen an . Ich hoffe indessen noch zwei oder drei Tage zu erhaschen , denn wie ich am Rheine vernahm , so pflegen sie in die dritte Woche ihrer Dauer überzugreifen . « - Er wischte sich die Augen . - » Deine Baronesse ist doch eine herrliche Frau « , sagte er . » Empfiehl mich ihr auf das angelegentlichste und sage ihr , in drei Tagen sei ich wieder da , wenn nicht etwa gar zu interessante Sachen vorkämen , denn dann bliebe ich wohl noch etwas länger aus . Adieu , liebe Fancy . « » Sie fahren ? « » Sogleich . Ich gehe auf der Stelle selbst zum Posthalter . « Er eilte fort . Fancy sprang ausgelassen im Zimmer umher . Clelia trat mit Lisbeth aus dem Kabinette . Lisbeth trug den Myrtenkranz , den ihr Clelia drinnen aufgesetzt hatte . » Lauf , Fancy , lauf ! « rief sie . » Schaff mir den Diakonus , lebendig oder tot « , setzte sie in ihrer sprudelnden Laune hinzu . Fancy lief hinunter . » Was haben Sie denn mit mir vor , gnädige- « » Clelia sollst du mich nennen , werde ich nicht deine Kusine ? « versetzte die Baronesse und gab ihr einen leichten Schlag mit dem Zeigefinger über die Wange . - » Was ich mit dir vorhabe ? Trauen will ich euch lassen , im Augenblick ! « » Mein Gott , welche Übereilung ! « rief Lisbeth froh und bestürzt . » Keine Widerrede « , sagte Clelia . » Soll es geschehen , so kann es nur in der Übereilung geschehen . Drei Tage bleibt der Oger weg , das Aktenungeheuer ; nicht drei Viertelstunden will ich verlieren . Euer Bund ist außer aller Ordnung und Regel , in der Ordnung und Regel kriegen wir ' s nimmer fertig . Hurli burli muß es gehen . Himmlisch kannst du sprechen . Herzkind , und einer jungen Strohwitwe , die noch dazu das Unglück hat , selbst in ihren Landläufer von Gemahl verliebt zu sein , den Kopf schon verdrehen ; aber kennst du die Welt , das taube , hartmäulige Tier ? Brautleute sind zu trennen , eine Verlobung ist rückgängig zu machen , da muß man also einen Riegel vorschieben , einen von denen , die nicht weichen und wanken . O die Ehe , der gute , feste , unweichsame Riegel ! Immer gleich sieht er aus , man mag ihn von der oder der Seite beschauen . Seid ihr getraut , so mögen sie schimpfen , skandalieren , schikanieren , ihr sitzt geborgen hinterm Riegel . Da hat selbst der Kaiser seine Macht verloren . Ihr seid Mann und Frau und sie müssen sehen , wie sie sich drein finden . - Jetzt aber komm her , mein Bräutlein , daß ich dich schmücke . « Sie stellte ihren Juwelenkasten neben sich , setzte sich in einen Lehnstuhl und Lisbeth mußte vor ihr auf dem Fußschemel knien . - » Ein anderes Kleid können wir dir nicht anziehen , denn meine sind dir zu weit , du schlankes Reh , aber die besten Brillanten schenke ich dir « ; sagte sie . Ein reiches Collier , die Brosche und die dazugehörigen Ohrgehänge nahm sie aus dem Kasten . Sie legte der Knienden die prächtigen Steine an und um und wie gern ließ sich die glückliche , halbbetäubte Lisbeth zieren ! - » Sieht sie in ihrem weißen Cambrickleidchen und mit den Diamanten vom reinsten Wasser nicht aus wie ein Märchen , einfach , strahlend , ärmlich , feenreich ? « rief sie , als sie ihr Werk vollendet hatte . Sie erhob die Geschmückte und drehte sie nach allen Seiten , um die Wirkung der Brillanten zu prüfen . Der Diakonus kam . Fancy hatte ihn von der Straße hereingeholt . Er kehrte eben aus dem Gerichtshause zurück , den Auftritt mit dem Hofschulzen noch in Haupt und Herzen . Seine Frau , die auch schon etwas von der Revolution in ihrem Hause gehört hatte , folgte . Fancy schloß den Zug . Die Wirte sahen mit Erstaunen auf Lisbeth , die wirklich dastand , ein armes , reiches , weißes , buntes Wunder . - » Kleine Frau « , rief Clelia ihre Wirtin an , » Sie bekommen heute freies Haus . Sobald wir hier unsere Pflicht getan haben , reise ich ab ; denn den Oberamtmann überlasse ich euch , ihr Guten , und der wird denn auch bald zornschnaubend seiner Wege gehen . « » Herr Pastor « , sagte sie gravitätisch zum Diakonus , » Sie werden ersucht , Ihren Mantel anzulegen , die Bäffchen vorzustecken und sofort Ihr heiliges Amt zu verrichten . « » Wie ? « versetzte der Diakonus äußerst befremdet . » Ohne Aufgebot , ohne Formalitäten ... « » Einspruch erfolgt nicht , auf Kavalierparole « , sagte Clelia noch feierlicher . - » Und was die Formalitäten betrifft , so steht hier eine bekränzte Braut , drüben im Zimmer sitzt ein harrender Bräutigam , ich habe mich als ehestiftende Juno aus dem Stegreife in Staat geworfen , zwei ehrliche Leute als Zeugen werden zu haben sein , weitere Formalitäten sind wohl überall zu einer Hochzeit nicht erforderlich . « Er versagte auf das bestimmteste die Bitte . Clelia wurde aber dringender und fand an der Frau des Geistlichen eine Bundesgenossin . » Ich dächte , liebes Kind , du gäbest nach « , sprach sie mit einem verlegenen vielsagenden Blicke . Mit der ganzen Offenheit , welche seine Äußerung über den modernen Adel gegen die Exzellenz auf dem Oberhofe geziert hatte , rief der Diakonus , sich vergessend : » Nein , mein Schatz , weil du etwas länger Last in der Küche behältst , deshalb kann sich dein Mann nicht scharfen Verweisen oder gar Strafen aussetzen . « » Darüber will ich Sie beruhigen ! « rief Clelia . » Ich kenne Ihren * , er ist in Karlsbad ganz überaus freundlich gegen mich gewesen , denn er erwartet von mir eine Gefälligkeit bei uns daheim . Eine Hand wäscht die andere , ich verbürge mich dafür , daß Sie mit einer leichten Zurechtweisung , die Ihnen nur des Scheins halber erteilt werden wird , entschlüpfen sollen , zumal da in der Sache selbst nichts Unrechtes geschieht . « - Fancy schlich fort ; sie wußte , wo der Ornat hing . » Gnädige Frau « , versetzte der Diakonus emst , » die Formen sind einmal in der Welt und die Formen sind heilsam . Entschuldigen Sie , wenn ich mich innerhalb der mir gewiesenen Schranken halte . « Aber auch Clelia konnte ernsthaft werden . So fest und gehalten , daß es alle Anwesende überraschte , sagte sie : » Meine Eitelkeit erlebt wenigstens einen kleinen Triumph darüber , daß Sie mir so bald und so vollständig Genugtuung geben . Sie grollten mit mir gar sehr in Ihrem Herzen , daß ich die Bettlerin , das Findelkind - denn ich darf sie so nennen , sie weiß , wie lieb ich sie gewonnen habe - nicht in der ältesten Familie des Reichs haben wollte , und nun weigern Sie sich , ja Sie , zwei Lieblinge Ihres Herzens allen Nöten zu entheben . Und weshalb weigern Sie sich ? Einer Form , einer armseligen Form wegen , deren Verletzung Ihnen möglicherweise eine kleine Unannehmlichkeit im Amte machen könnte . O ihr anderen , wann werdet ihr doch ablassen , euch über uns aufzuhalten ? Ich bin doch besser als Sie . Denn ich ward wenigstens von dem königlichen Gemüte dieses Kindes , welches ich nun mit Freuden für meine Verwandte , Gräfin Waldburg , erkenne , rasch bekehrt . Sie aber scheinen der Bitte einer Frau unnahbar zu sein , die nur begehrt , was der Augenblick gebietet , den Sie mir ja auch als Lehrer der Menschen angepriesen haben . - Wohl , ich dringe nicht weiter in Sie . Aber die Zukunft der beiden schiebe ich Ihnen in Ihr Gewissen . Für alle Quälereien , Hemmungen , Verdrießlichkeiten oder gar Mißgeschicke , welche Oswald und Lisbeth noch haben können , bin ich für meine Person nicht ferner verantwortlich . « Der Diakonus stand betreten . Von Anfang an hatte ja eine Stimme in seinem Innern für die Bitte der Baronesse gesprochen . Diese Stimme redete um so lauter , als er kurz zuvor so tief bewegt worden war . Das Große , Echte , Menschliche war ihm in der Gerichtshalle so nahegetreten ; er fühlte , daß es Dinge und Verwickelungen gebe , in denen der Mensch sich vergessen und nur an das Wesen , und an das Los anderer denken soll . Nach einigem Schweigen erwiderte er Clelien : » Sie haben mich auf eine Probe gestellt . Selten wird es vorgekommen sein , daß ein Geistlicher sich scharf tadeln lassen muß vor einer heiligen Handlung , die man von ihm begehrt . Folgte ich einer kleinlichen Empfindlichkeit , so würde ich bei meinem Versagen beharren . Ich bin aber nicht empfindlich , sondern erkläre Ihnen ganz einfach : Sie haben recht . Ich bin bereit , dem Bunde , welcher uns alle , wie es scheint , durch seine liebliche Kraft über das Gewöhnliche erhebt , Weihe und Unlösbarkeit zu geben . « Fancy hatte sich schon während der letzten Worte mit dem Ornate in der Türe gezeigt . Der Diakonus ging hinaus und kam nach einigen Augenblicken im priesterlichen Kleide zurück . - » Wollen wir ihn nicht vorbereiten lassen ? « fragte Clelia . - » Wozu ? « versetzte der Diakonus . - » Das Göttliche regt nicht auf ; es beruhigt . Still treten wir bei ihm ein und ich sage ihm dann in kurzen Worten sanft , was wir wollen ; das ist wohl die beste Vorbereitung . « Er nahm Lisbeth bei der Hand , die Frauen folgten . Schweigend und gefaßt gingen diese guten Menschen nach dem Zimmer , in welchem sich auf den Glücklichen , der noch nichts ahnete , sogleich ein Segen herniederlassen sollte , rein , groß , himmlisch . Ende Zwei Briefe I Sie wollen mir , lieber Herr Buchbinder , wie ein Londoner Publikum , das Nachspiel zu der Tragödie , die einen heiteren Ausgang gewann , nicht erlassen . Sie fragen mich nach unterschiedlichen Dingen und Personen , und da Sie mir während der Arbeit rechtschaffen beigestanden haben , teils durch Heften des Manuskripts , teils durch guten Rat , so will ich Ihnen auch darin gern , inwieweit ich kann , gefällig sein . Vor allen Dingen wünschen Sie zu wissen , was der Arzt zu der Vermählung gesagt habe . Herr Buchbinder , Sie sind ein schlauer Vogel . Der Doktor kam ungefähr eine Stunde nach der Trauung in das Haus und fand noch alles in Entzücken und Tränen . Er war aber gar nicht entzückt und vergoß auch keine Träne . Sondern bitterböse war er und rief : » Verdammt , daß der Humor immer wörtlich genommen wird ! Allerdings war der Graf in großer Gefahr , und noch jetzt ist ein Rückfall zu besorgen , wenn man ihn nicht vor Gemütsbewegungen in acht nimmt . « Er hatte hierauf mit der Baronesse ein Gespräch unter vier Augen . Infolge desselben wußte die junge Dame die neue Gräfin zu bestimmen , daß sie noch an ihrem Hochzeittage mit ihr abreiste , und so trennte sich das Paar wenige Stunden nach seiner ewigen Vereinigung unter heißen Tränen , aber mit freiem und würdigem Entschlusse . Nachdem Clelia ihren entronnenen Gemahl aus dem Osnabrückschen sich wiedergeholt hatte , reisten sie zusammen durch Holland , Belgien , Frankreich , England bis nach Schottland . Die junge Frau oder Braut sah vieles , merkte auf alles und wechselte mit ihrem Gemahle oder Bräutigam die schönsten Briefe . Man sah ihr nirgend an , daß sie nur ein Findling war , sondern sie betrug sich wie eine geborene Gräfin . In England wurde sie der Königin vorgestellt , diese küßte sie auf die Wange und die Frau von Lehtzen nannte sie » my dear Eliza « . Endlich nach sechs oder sieben Monaten schlug die Stunde der Heimkehr . Der Graf , nun ganz wiederhergestellt , kam den Reisenden bis Rotterdam entgegen und führte sein bräutliches Weib in großer Wonne auf das hohe Schloß am Neckar . Der alte Baron , über welchen sich bei dem Einsturze des Schlosses schützend ein Stück Dach gespreitet hatte , wurde dadurch vor dem Zerquetschen bewahrt . Er schlug nur mit der Stirn auf einen harten Körper , einen Stein oder Balken , auf und trug eine große Brausche davon . Einige Tage lag er betäubt , als er aber wieder zukehrte , war er von allen und jeglichen Einbildungen geheilt . Entweder muß daher an ihm das Dogma des Dorfchirurgen vom Schock und Gegenschock sich bewährt haben , oder die fixen Ideen sind ihm früher von einem Knoten im Hirne entstanden , den ihm die Erschütterung des Falles gesprengt hat . Genug , er war auf den Kopf gefallen und dadurch zu Verstande gekommen . Einen großen Schmerz hatte der alte Mann über die Gefühllosigkeit seiner Pflegetochter , wie er ihr Benehmen nannte . Er wollte sie auch deshalb gar nicht sehen , als sie ihn endlich besuchte , und sie mußte , nachdem sie drei Tage inständig bittend verweilt hatte , unverrichteter Sache abreisen . Jede Einladung nach dem Schlosse am Neckar hat er beharrlich abgelehnt . Die jungen Gatten sorgen aber dennoch für ihn durch einen seiner alten Freunde , der von ihnen ins Vertrauen gezogen worden ist . Dieser zahlt ihm nämlich reichliche Summen aus unter dem Vorwande , es seien Rückstände von Zinsen , die sein ehemaliger Rentmeister nachlässigerweise uneingefordert gelassen habe . Der alte Baron wohnt bei diesem Freunde zur Miete , hat sich wieder Jagdgewehr angeschafft , schießt Rehe , so viele er treffen kann , trinkt Rheinwein nach Bedürfnis und lebt ganz der Gegenwart . Der Schulmeister Agesel ließ in den » Rheinisch-Westfälischen Anzeiger « einrücken , er erkläre jeden , der ihn nicht für einen gewöhnlichen Menschen im vollen Sinne des Worts halte , für einen Schurken , worauf der Küster aus Furcht , insultiert zu werden , seine andere Furcht nach und nach bemeistern gelernt hat . In Dünkelblasenheim steht alles beim alten . Nationallied ist noch immer der Gesang der Fische aus Wielands Märchen : Hätten ' s gern besser Statt immer schlimmer ; Und raten immer , Und treffen ' s nie . Münchhausen wird in den höchsten Kreisen der Gesellschaft ganz außerordentlich vermißt . Von dem Verschwinden dieses wunderbaren Mannes ist der Schleier nie gelüftet worden . Natürlich muß die Krypte einen