und dem man nicht über den Zaun traut ? Jesus Christus ! Werden Österreichs Farben nicht höher geachtet , als der Bettelbrief eines Gauners ? Nein fürwahr ; das mögt Ihr abstellen , ihr Herren , denn ich werde mich nimmer herablassen , Eure Erlaubniß zu fordern , will ich mein Geleit zurücksenden , wie Heute geschieht . Um Eure Verbrecher kümmre ich mich nicht , und frei will ich Alle sehen , die mein Wappen und Zeichen tragen . Darum befehlt stracklich und ohne Verzug , daß man meinen Wildmeister auf Schloß Ambras , sammt seinem , in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem anvertrauten Gefolge , das ich gen Tyrol sende , ungehindert ziehen lasse , bei meiner Ungnade . « - Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht . Ein Schöffe eilte , um das Gebot des Fürsten schleunigst vollziehen zu lassen , und mahnte die Wächter ab , die sich noch immer ungestüm in den Weg des reisigen Trosses warfen , und sich auch nicht so willig den Geboten des Schöffen fügten , als dieser es erwartet hatte . - » Seht , ehrsamer Herr ! « behauptete der Anführer der Söldner : » ich will nicht selig werden , wenn das Weib , das sich so ängstlich hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt , nicht dasselbe ist , das gestern und erst noch Heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam , um den darin versteckten Mörder heimzusuchen , und ganz gewiß befindet sich der Letztere unter diesem übermüthigen Trosse . « - » Und wenn es wäre , « erwiederte der Schöffe heftig , - » so befiehlt , doch hier der Rath , und an Euch ist ' s Gehorsam zu üben . « - » Ei , so waschen wir unsre Hände in Unschuld ; « antwortete der Führer unmuthig , und wendete sich gegen die Seinigen . Indem ritt der Anführer des Zuges heran , und fragte : » Wird ' s bald , Herr Schöff ? Wie lange soll ' s noch dauern , frage ich ? « - Der Schöffe , der dem Frager in ' s Auge sah , vermochte nichts zu entgegnen , denn er selbst , der den Todtschläger vor wenig Tagen bis zu der Thüre des deutschen Hauses verfolgt hatte , glaubte in dem schmucken Jägersmann den Gebannten zu erkennen . Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren , die grobe Kutte vertauscht mit einem grünen prächtigem Rock , an der Stelle des Gürtelstricks Österreichs . Schärpe , so waren es die Augen , die Züge , die Gestalt , die Stimme des flüchtigen Mörders . Der Schöffe , ein junger Mann , war in feiner Überraschung auf dem Punkte , das Gebot seiner Herren eigenmächtig zu wiederrufen , aber zu eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns : » Laßt freien Paß ! durch die Reihen der Fußknechte ; « auseinander flog der drohende Trupp ; und unter Hörnerschall jubelte der reisige Troß , den bedeckten Wagen in der Mitte , durch die staunenden Hüter hindurch , entlang die Straßen von Sachsenhausen , hinaus aus dem Thore , und ohne Säumen fort auf dem Heerwege , den der Herzog am verwichenen Tage einhergezogen . Und als die Warte , hinter den Reitern lag , und mit ihr die Gränze der Reichsstadt , da näherte sich der Anführer , nach dankbarem , den Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage , dem Wagen , aus welchem ein in Thränen schwimmendes Frauenantlitz , und ein rosiges Kindergesicht ihn anlächelten . Gerührt reichte er die Hand seinen Lieben , und rief : » Segne Gott den edeln Herzog und den biedern Comthur . Wir sind frei , und ein guter Engel möge Dich , Katharine und unser Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude , und mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen . Sieh , mein gutes Weib , dort hinter jenen aufdämmernden Bergen , dort liegt unsre neue Heimath . Laß ' uns vergessen , was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt . Ich hatte die schwere Prüfung verschuldet , aber Gott ist gnädig und Deine Fürbitte , Du Reine , von ihm erhört worden . Wir dürfen - ich ahne es , - wir dürfen noch glücklich seyn ! « - Fußnoten 1 Das dem Musikkenner wohlbewußte Lied , welches seine Anfangssylben zu Bildung der Tonleiter hergab , und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiterkeit gesungen wurde . Ut queant resonare fibris etc. Zehntes Kapitel . Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren , Und nicht in Dir , Du bleibst noch ewiglich verloren . Geistlicher Spruch . In einer einsam Zelle des Predigerklosters saß Dagobert , die Laute in der Hand , und sang mit halblauter Stimme ein frommes Lied , zu welchem das schwermüthige Antlitz des Jünglings , wie die klagenden Töne , die er den Saiten entlockte , passende Begleiter waren . Er überhörte , ganz seinem Tiefsinn hingegeben , daß man schon einigemal leise an die Thüre gepocht hatte , bis dem rüstigen Klopfer draussen die Zeit lange wurde , und seine Hand die Klinke öffnete , ohne ferner ein einladendes Wort von innen zu erwarten . Dagobert staunte , den Hülshofner vor sich zu sehen ; allein , da mit dem Gesichte des Bekannten auch zugleich manche wohlthuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde , so verzog sich unwillkürlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommenden Lächeln , und er fragte sanft : » Ei , alter Freund , wie kommt Dein fröhlich Angesicht in diese Klause ? Mich befremdet das , obgleich ich Dich gerne hier sehe . « - » Laßt mich Euch mit einer andern Frage antworten ; « entgegnete Gerhard , der sich ohne weiters neben den jungen Mann setzte : » Wie kommt der weiland fröhlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle , wo alle Freuden des Lebens schon vor der Thüre Valet nehmen ? Traun , ich hätte nimmer gedacht , Euch wieder zu finden , schmal und blaß , trotz einem bußfertigen Sünder , der zur Seelgerette noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will , um sich darin in den Himmel zu stehlen . « - » Deine Vergleichung könnte mich kränken , « versetzte Dagobert gelassen , » wenn ich sie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte , Freund . « - » Narr hin , Narr her , « erwiederte Gerhard lächelnd : » Laßt das gut seyn , Junker . Schon oft hat ein lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet , als der hohläugigste Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend . Ihr konntet mich einst wohl leiden , und deßhalb habe ich ' s , nach meiner Rückkehr von einer lustigen Rheinfahrt unternommen , Euch auf den Zahn zu fühlen , und meine Meinung zu sagen , - deutsch und gerade heraus , wie ich mir sie denke . Bei allen Kreuzen und Dornen ! Ihr seyd nicht mehr der Schatten dessen , der Ihr ehemals wart . Und desto schlimmer ist ' s , da Ihr Euch selbst zum Schatten machtet . Hui ! wie viele Freude machtet Ihr mir , da Ihr auf dem Wege wart , ein recht ungeschlachter Kapitelherr zu werden , geistlich aus Zwang , aber rüstig bei Jagd und Gelage ! Aber nun , da das Gelübde Eurer Mutter den Stachel verloren hat , und es Euch frei steht , einen Andern an Eure Stelle zu schieben , nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze über die Ohren , um darunter ein rechter Tuckmäuser zu werden , aus eigner Wahl ! Schämt Euch , zum Frömmler seyd Ihr nicht geboren , und der Friede belohnt niemals solch widernatürlich Beginnen . « - » Du schiltst mich unverdient ; « antwortete Dagobert , ohne jedoch eine leichte Röthe bezwingen zu können , die über seine bleiche Wange hinlief : » Mein Bewußtseyn verheißt mir den Frieden , wenn ihn auch diese Mauern nicht verleihen sollten . Ich habe Ruhe und Glück in meines Vaters Haus zurückgeführt . Darinnen , in dieser Überzeugung finde ich tröstenden Balsam für mein ganzes Leben , das jeder andern Blüthe tückisch beraubt worden ist . « - Gerhard lachte wieder und rieb sich mit einer Art von Freude die Hände . » Der liebe Gott , « sprach er , » hat mich zur Abwechslung einmal wenigstens im Leben vernünftiger gemacht , denn Euch . Ich traue kaum meinen Ohren , da ich Euch also reden höre . Ich begreife aber leicht , warum Herzog Friedrich , Euer Freund und Gönner , sich so schnell davon gemacht hat . Es thut weh , den Busenfreund verrückt zu sehen . Ich will mit meiner steifen Zunge die bloß an das Vorwärts ! Kolbe auf ! Lanze ab ! Schlagt zu ! Hopp , mein Fuchs ! und an das beliebte : Eingeschenkt ! größtentheils gewöhnt ist , versuchen , Euch klar und heiter darzustellen , wie Ihr gehandelt habt . Närrisch für ' s Erste , denn Ihr zieht ohne Noth den Mönch über Euern ritterlichen Leib . Der zaundürre Dominik Pfülber aus dem Lamprechtgäßlein , der feiste Henne Wiedling unter den neuen Krämen , beide arme Teufel , die um ein Stück Geld augenblicklich baarfuß gehen , und den Bettelsack umwerfen würden , haben Euch um aller Heiligen willen gebeten , ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu verhelfen . Ihr habt ' s nicht gethan , obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar Pfund Heller feil gewesen wären . - Eitel und thöricht handelt Ihr für ' s Zweite Ihr meynt , Ihr habt Glückliche gemacht ? O , Ihr irrt Euch sehr . Was Euer Biedersinn gut gemacht hat , verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so gewisser . Seht Euern Vater an , der nach einem Erben seiner Habe aussieht , und nur die Wahl hat , seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu sehen , oder Alles seinem Enkel zu überlassen , dessen Anblick ihm , der Mutter willen , jedesmal einen Stich versetzt , da wo sich die linke Schulterplatte des Harnisches öffnet . Seht Eure Stiefmutter , die ihr ganzes wiedererworbenes Lebensglück durch den Gedanken vergällt sieht , Euch , ihren Heiland , unglücklich zu wissen . Seht den kleinen Johannes , der einst vergebens an der Brust des liebeleeren Mönchs den Freund suchen wird , zu welchem ihm der beweibte Mann geworden seyn müßte . Seht endlich Euern väterlichen Lehrer Johannes , dessen Antlitz über Euer Beginnen von Gram gefurcht ist , der seufzend schweigt , da die Pflichten seines Standes ihm verbieten , Euch zu ermahnen , demselben nicht beizutreten . So steht ' s um das Glück Eurer Angehörigen , und ich will nicht einmal davon reden , wie mir ' s ums Herz ist , der ich Euch so viel verdanke , und wahrlich für Euch gerne Messe lesen würde , wenn ich zu dem verdammten Latein nicht schon gar zu alt wäre . Glücklich durch Euer freiwillig Unglück wird nur der Pater Reinhold , der für sein Kloster im Trüben fischen wird , bei Eurer Stiefmutter , wird nur der hochnäsige Prälat , Euer Ohm , der in Euerm Hause liegt , wie ein schmarotzender Blutigel , und sich an Euerm Erbe für den lumpigen Maierhof zu entschädigen gedenkt , den er einst der bösen Wallrade abgetreten . Lachen wird nur der Schultheiß , der Euch weniger leiden mag , als mein Roß eine Bremse ; sich freuen wird nur der Oberstrichter , der , weil er seinen lüderlichen Sohn in so verdrießlichem Handel verlor , Eurem Vater herzlich den Verlust des seinigen gönnt . O , ich könnte , da ich einmal in Fluß gerathen bin , dieses Bild noch sehr in die Länge dehnen , aber schon wird meine Zunge trocken , und ich muß eilen , Euch noch zu guter Letzt vorzurücken , wie unverzeihlich blödsinnig ihr drittens und schließlich handelt . Ihr sagt , alle Blüthen hätten Euerm Leben abgeblüht , alle wären Euch tückisch geraubt worden ? Donner und Hagel ! Ist das eine Sprache für einen Mann , oder überredet sich nicht vielmehr also ein krankes Gemüth , eingesperrt in dumpfiger Zelle ? Welches Glück vermißt Ihr ? Den Besitz einer Jüdin , vor der jeder Rechtgläubige ein Kreuz schlägt , weil sie ein Satanskind ist , wenn gleich ein recht feines . Glaubt mir , junges Herrlein , ob ich gleich nicht gelahrt bin , wie Ihr , durch die Juden ist alles Unglück auf die Erde gekommen . Wer erschlug den guten Christen Abel ? Der abscheuliche rothköpfige Jude Kain . Wer hat unsern Herrn und Heiland verrathen und verkauft , den rechtschaffensten Christen seitdem die Welt steht ? - Der verfluchte rothhaarige Jude Ischarioth . Wer hat den wackern Haman aufhängen lassen , und den ganzen Hofstaat des damaligen römischen Kaisers Ahasverus ? Wer anders als die abscheuliche Esther , die einen Ohm hatte , zehnmal schlechter als der Eure ? Seht , indem ich also an Alles das denke , was mir in der Jugend der Leutpriester zu Friedberg eingebläut hat , so dreht sich mir das Herz um bei dem Namen Esther . Ihr und ich , und die Euern wären nimmer dergestalt in die Tränke gekommen , wären Ben David der Jude nicht gewesen , und nicht dessen Tochter Esther , an deren Haupt Ihr die Hörner nicht sehen wollt , wie unter den Fransen ihres Kleides nicht die Pferdefüße . Wißt Ihr , woher das kömmt ? Weil sie Euch einen Liebestrank beigebracht hat bei zunehmendem Mond . Wenn sie Euch liebte , warum ließ sie sich nicht taufen ? Warum lief sie davon ? Eine schöne Sippschaft in die Ihr schier gerathen wärt . Der Vater hängt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen , oder sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren . Der aus den Wolken gefallne Bruder wird vielleicht in diesem Augenblick als Falschmünzer in kochendem Öl gesotten , und das heuchlerische Esterchen ..... Nun , nun ! runzelt nur die Stirne nicht also , und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest . Ich meine es ja nicht so böse , aber ich denke , der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben , wenn er Euch vor seinem Altare stehen sieht , im Meßgewand , den Kelch mit seinem heiligen Blute in Händen , und das Bild einer unheiligen Jüdin im Herzen ! « - Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluß des Edelknechts , der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte , und , nachdem er der Freundschaft dieses unerhörte Opfer gebracht , sich allenthalben und vergebens in der dürftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah , um sünen dürren Gaumen zu netzen . » Wir sind Freunde gewesen , so Du weiter fortfährst , altes Sieb ! « sagte Dagobert heftig , und ein Funke des alten lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen . » Beinahe kommt mir der Glaube an , daß man Dich , den wunderlichen Redekünstler , abgesandt , um mich kirre zu machen . An den unüberlegten Worten eines rohen Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf werden , der schon Vaters Ermahnungen , den Bitten der Mutter und der Mißbilligung des hochwürdigen Johannes widerstand ? Welch ein Mensch wär ' ich dann ? Du , - Ihr Alle begreift es nicht , was ich an Esther verloren ; Ihr wißt nicht , daß dieses Mädchen in seinem Irrthume reiner und heiliger ist , als die frömmste Nonne . Ihr ahnt nicht den Werth des Kleinods , das von meiner Brust fiel in das tiefste Meer . Die Welt bietet mir keine Freude mehr ; aber diese kleine Zelle , in welcher ihr Bild zum allererstenmale in mir emporstieg , ist jetzt noch von ihm erfüllt , wird es ewig seyn . Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfüllen , und nicht feilen Miethlingen die Sorge überlassen . Hätte ich einen Seelenfreund , einen Blutsverwandten , der aus reiner Anhänglichkeit für mich das Kreuz auf sich nehmen wollte , vielleicht hätte ich , wenn gleich wider Wunsch und Willen , den Bitten der Ältern willfahrt ; aber da dieses nicht war , nicht ist , so ist ' s beschlossen , auf immerdar , hier in Abgeschiedenheit die Lust zu genießen , welcher ich in der Welt entbehren würde auf ewig ! « - » Thor aller Thoren ! « rief Gerhard aufspringend aus : » Ihr redet also , und draußen lacht der blaue Himmel , rauschen die dichten Zweige , und zwischen ihre Schatten streut Frau Sonne ihre Goldstrahlen , welche den Saft der Traube kochen , und im Voraus Jedem Fröhlichkeit in ' s Auge blitzen , wie in ' s Herz ? Wie anders würdet Ihr reden , hättet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem blankem Wasserspiegel , durch gesegnete Fluren und heitre Städte ; hättet Ihr mit mir erklimmt die Burgen der Freunde , wo es treuen Händedruck gab , und Sang und Klang und Berglust ; hättet Ihr mit mir die Thäler besucht , wo aus jeder Hütte ein freundlich Dirnengesicht lacht , von jedem Giebel schier der lustige Tannenbusch schwankt , und mit Fidel und Schalmei die Erndte gesammelt wird ; hättet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine , den der Keller des Bürgers aufweisen kann , wie die Gewölbe der Schlösser und das plumpe Faß des Weinbauers ! Kreuz und Dorn ! Wer jemals zu Bacharach saß auf dem Stalecker Fels , den Scheitel mit Reblaub bekränzt , ein Mädel im Arm , den Pokal in der Hand , und den Blick weit schweifend über Strom , Städte , Schlösser , Berge und Ebenen , - und hat nicht den Herrn gepriesen unter dem Dache seines prachtvollen Hauses , ... der freilich hat an der ganzen schönen Welt keine Freude , und mag sich auf den Friedhof legen , wann es ihm gefällt , ihm zum Nutzen und seinem Nachbar zum Frommen . Aber das könnt Ihr nicht ; das sagt mir Euer glänzendes Auge , das sich aufgethan hat bei meinen Worten , Eure hochathmende Brust , die sich endlich wieder hebt , wie es einem jungen Kämpen geziemt , und die Leibfarbe der kecken Jugend , die sich abermals auf Euerm Gesichte zeigt . Werft sie vollends ab , diese Trauer , diese unmännliche Schwermuth . Ich bin ein rauher und derber Geselle , aber weinen möchte ich , wie ein gepeitschtes Kind , sehe ich Eure angeborne Fröhlichkeit in solch traurigen unnatürlichen Banden liegen . « - Dagobert rieb sich die Stirne , hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust , schüttelte dann mit mildwehmüthigem Lächeln seine Locken , und des Freundes Hand . » Wahrlich , « sagte er : » Gerhard ! ich hätte nicht so viele Anlagen zu einem Sänger hinter Dir gesucht . Deine Worte haben mich um so mehr ergriffen , als ich ihrer aus Deinem Munde nicht gewärtig war . O , warum sprachst Du nicht blos von dem , was Du besonders liebst : von Deinem Rosse , Deinen Fechterkünsten , Deiner Trinklust und Deinen Schulden ? Ich wäre im Geleise geblieben , und das Leben mir noch abgestandner erschienen , denn zuvor , aber wie ein Zauber hat Deine Rede auf mich gewirkt . Seit Wochen schon glaubte ich , mit mir fertig geworden zu seyn . Indem ich das Vaterhaus verließ , und wieder zu dieser Zelle zog , dachte ich die ganze Welt dahinten gelassen zu haben , aber nun war mir es plötzlich , als müßte ich mindestens noch einmal hinaus in die weite Schöpfung , und noch einmal ihr ganzes Bild in meine Augen ziehen , um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schließen . Der alte Muth hat angeklopft in meiner Brust ; der alte Frohsinn lüftete meine Stirn , und wenn auch gleich diese herrliche entzückende Bewegung nicht zur That werden darf , so habe Dank dafür , Du gute treue Seele . Gehörte mein die Jakobskirche zu Compostell mit all ihren Kronen und Schätzen , - wären mein die Kleinodien des Reichs , - Dein müßten sie werden für das Hochgefühl dieses Augenblicks . « - » Seht Ihr wohl , wie Ihr schwärmt ! « lächelte Gerhard zufrieden : » Die Kronen des heiligen Jakob , wie unsers Herrn und Kaisers wolltet Ihr hinwerfen um den Schatten dessen , was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet , und eine Grille nur verhindert anzunehmen ! Ich schenke Euch indessen meinen Lohn nicht , und Ihr werdet , statt mir Silber und Gold zu schenken , mir etwas zu Liebe thun . « » Sprich ! « entgegnete Dagobert mißtrauisch . - » Thut einen einzigen Schritt noch zurück in die Welt , der Ihr Valet zu sagen denkt ; « sprach Gerhard : » erheitert noch für einen Augenblick das Haus Euers Vaters . Er feiert heute den Jahrstag seiner Vermählung , und - ich darf ' s nicht läugnen , - er , der ehedem nie gute Freundschaft mit mir hielt , er hat mich aufgesucht , und mich gebeten , auf meine Weise zu versuchen , was nicht seinem Munde und nicht dem Munde Frau Margarethens gelingen mochte . « - Dagobert schwieg erschüttert ; dann sagte er , den Kopf schüttelnd : » Dieser Gang wird mir weh thun ; denn alle Proben meiner Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern . « - » Ei , so zeigt Euch doppelt standhaft ; « versetzte mit gutmüthigem Scherz der Edelknecht : » kommt aber mit mir ; noch ehe der Pförtner das Kloster schließt , bringe ich Euch frei und frank hieher zurück , und Ihr mögt Euch meinentwegen Morgen schon die Platte scheeren lassen . Aber heute seyd noch einmal den Euern ; heute fehlt nicht in Eurer Eltern Mitte ; denn nicht froh würden sie seyn , sagten sie , wenn der Schutzgeist ihres Glücks unter ihnen fehlte . Darum , wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure halsstarrige Weigerung in Wermuth verkehren . Es gibt ja in dem Ehestand . Galle genug durch ' s ganze übrige Jahr . « Dagobert ' s Augen wurden feucht ; seine Blicke flogen gen Himmel und mit einem freundlichen : » Keinen Wermuth in den Becher meiner Ältern ! « ergriff er das Barett , die Hand des Freundes und verließ mit ihm schneller , als dieser es gedacht hatte , das Haus des heiligen Dominikus , um seinen Ältern festliche Wohnung einmal , das Letztemal - dachte er - vor seiner Einkleidung zu betreten . - Wie wurde ihm zu Muthe , da er dieses Haus wieder sah , geschmückt mit der alten gediegenen Pracht , die nur bei den feierlichsten Anlässen hervorgeholt würde aus den bergenden Schreinen . Schon die Flur , die Treppe verkündete Festlichkeit , und aus den Mienen der , dem Sohne des Hauses entgegeneilend Diener leuchtete das Behagen , den willkommensten Gast , zu empfangen . Der alte Diether , von der guten Botschaft erfreut , umarmte den Sohn auf der letzten Treppenstufe , und Frau Margarethe trug in ihren zarten Händen den aus silbernen Münzen kunstfertig zusammengefügten Pokal herbei , um ihn , mit duftendem Weine gefüllt , dem lieben Dagobert zu kredenzen . » O , meine Ältern ! « sprach der überraschte und gerührte Jüngling , ihre Liebkosungen dankbar vergeltend , ... » wie macht Ihr mir es doch so schwer , dieses Haus wieder zu betreten , da ich es ja doch wieder meiden muß ? Aber Euers Vermählungsfestes Jahrstag , der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag ist , forderte meine Gegenwart , obgleich noch in diesen unheiligen Kleidern dabei erscheinen muß . « » Vor dem Herrn ist der reine unbescholtne Sinn das hochzeitlichste Gewand , « sprach dagegen der Predigermönch Johannes , der , Wallradens Söhnlein an der Hand , zu den Umschlungenen trat : » Ein drolliger Schalk hat Dich der Klause entlockt , guter Dagobert , in welcher ich Dich ungerne sah . Möge ein guter Engel es fügen , daß Du nicht mehr dahin zurückkehrest . « - Der junge Mann sah ihn betroffen an . Während dessen aber ergriff Diether ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube ein , um deren Tafel ein bunter Kranz fröhlicher Gäste sich reihte . Die Männer , größtentheils nahe Freunde des Hauses , begrüßten den Sohn mit dem gewichtigen Handschlage ; die geladenen Frauen mit sittiger Kopfneigung , und er rieb sich verwundert die Augen , als ihn der Vater zu seiner Rechten setzte , und er in seinen Nachbarinnen die Edelfrau von Dürning und ihre anmuthige Tochter Regina erkannte . Beide Frauen , seine Überraschung gewahrend , theilten sie gewissermaßen , in einer Befangenheit verharrend , die sich in Mutter und Tochter gleich aussprach , obschon von verschiedenen Beweggründen erzeugt . » Ihr staunt , ehrsamer Junker , « begann endlich die Edelfrau , » Ihr staunt , uns hier anzutreffen . Allein die Ursache , daß wir seit kurzer Frist in diesem Hause fast heimisch geworden , ist zugleich die Ursache der Beschämung , die mir es schier verwehrt , ohne Rückhalt mit Euch zu reden . Es ziemt jedoch dem Fehlenden , zuerst den Mund zum Vergleiche aufzuthun . So mag ich Euch denn nicht bergen , daß mir schon lange in der Seele leid gethan , was ich damals in bitterm ungerechten Verdachte Euch gesagt vor unserm Scheiden . Meine Regina , die kein Geheimniß mehr vor ihrer Mutter hat , hat mir erklärt , wie die Dinge zusammenhingen und wie ehrenwerth Euer Schmerz um Esther , wie rein Euer Verhältniß zu Regina gewesen . Glaubt mir , daß ich einen Anlaß herbeiwünschte , um gut machen zu können , was ich verbrach , und wider Vermuthen fand sich dieser . Da Eure überhand nehmende Schwermuth Euch gewaltsam aus dem Hause Eurer Ältern riß , so wurde der Sinn Euers Vaters also erweicht , daß er seine Habe darum gegeben hätte , Esther wieder aufzufinden und in Eure Arme selbst zu führen , wofern sie nur zum Bund der wahren Kirche treten wollte . In dem Bemühen seiner Vatersorge wendete er sich auch an mich , ob ich denn von keiner Spur des Mädchens je gehört . Leider mußte ich verneinen . Diese Zufälligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht und mich veranlaßt , der Einladung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage nachzukommen , weil ich mir die Möglichkeit dachte , vielleicht Euch sehen und von Munde zu Munde sagen zu können , daß ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch bereue , und Euch um Vergebung bitte . « - » Ich müßte wohl jetzo ein recht hartherziger unversöhnlicher Feind seyn , « entgegnete Dagobert lächelnd , » um solche Bitten aus hochgeehrtem Munde tagelang mir wiederholen zu lassen . Leider aber erfordert mein zukünftiger Stand Friedensliebe und Versöhnlichkeit , und somit ertheile ich Euch , edle Frau , von Herzen die gewünschte Absolution , ob mich gleich noch nicht die Weihe des Bischofs dazu befugt hat . « - » Also ist es doch wahr ? « fragte Regina ein wenig vorschnell und ein wenig erschrocken : » Ihr wolltet wirklich in ' s Kloster gehen , edler Junkherr ? einen weißen Rock anlegen , wie der lange Mönch dort , der Euch immer so freundlich anlächelt ? Thut das ja nicht , Herr . Das ritterliche Kleid steht Euch viel besser an , und Ihr seyd für das Kloster viel zu ... viel zu jung . « » Ei , Regina ! « unterbrach die Mutter die Stockende mit verweisendem Blicke : » Was soll das heißen , was soll der Junker von Deiner Frömmigkeit halten , wenn Du also unehrerbietig von den heiligen Klöstern sprichst ? « - » Eure Tochter hat selbst die Frömmigkeit einer Heiligen , « versetzte Dagobert : » Diese bindet sich nicht an ein Kloster oder einen Wallfahrtsort , sondern an den lieben Herrgott selbst , und die Seinen . Rechtet aber mit der heiligen Kirche deßhalb nicht , mein Fräulein . Dringt gleich der feiste Herr dort oben , mein Ohm , der Prälat , auf meinen Profeß , fordert ihn gleich der würdige Herr Dechant , - derselbe , der so eben nach der Pfeffertunke langt , als eine unerläßliche und unaufschiebbare Pflicht , .... so zwingen mich doch die Genannten nicht , und nicht der Bischof , und nicht der heilige Vater sammt dem Concilium : mein Wille thuts , und meines Herzens Gefühl . « - » Das ist traurig ; « sprach Regina niedergeschlagen , und ließ das Haupt sinken : » Ich glaubte Euch nicht , als Ihr damals bei der Forsthütte den Vorsatz ausspracht , in Zukunft einsam in der Welt zu leben . Aber ich sehe , daß Ihr bittern Ernst macht , denn Ihr hättet wohl sonst nicht eigensinnig Alle die zurückgewiesen , die für Euch der Mutter Eid lösen wollten . « - » Ich verabscheue den Beter um Sold , « entgegnete Dagobert kurz , » und besitze auf der Welt kein Freundesherz , das freiwillig , nur um meinetwillen für mich einträte . « - » Nicht ? « fragte rasch Regina , und ihre Augen blitzten auf , so schnell als ihre Lippen weiter sprachen : » Wie aber , wenn ich den Schleier nähme , um Euch zu lösen ? « Dagobert schwieg überrascht und bestürzt . Sein Blick , der verwundert dem Blicke Reginens begegnete , flog plötzlich vor diesem zu Boden , und sein Mund wußte kein Wort zu bilden , um so mehr , als Regina in ihrer kindlichen Unbefangenheit weiter plauderte : » Laßt mich doch immerhin , Mütterlein