sich durch tapfere Thaten auszuzeichnen . Wer , der den ehrwürdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat , muß sich nicht in Platons Seele schämen , wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen läßt : » daß es , so lange ein Feldzug daure , niemanden erlaubt seyn solle , sich den Küssen eines ausgezeichneten Braven zu entziehen , damit dieser , der Gegenstand seiner Leidenschaft möge nun ein Mann oder ein Weib seyn , desto mehr angereizt werde , nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen ? « - Dieß ist doch wohl eine von den Stellen , deren ich oben erwähnte , wo der verkappte Sokrates seines angenommenen Charakters plötzlich vergißt , und in den sich selbst spielenden Plato zurücksinkt ? Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch aufgefallen , wo er über die parasitische Gefälligkeit der Sophisten gegen die Vorurtheile , Neigungen und Unarten des großen Haufens ( d.i. dessen , was man in demokratischen Staaten den Pöbel , oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt ) , und die schädlichen Eindrücke , die dadurch auf die Jugend gemacht würden , viel Wahres sagt , und bei dieser Gelegenheit von dem besagten großen Haufen unter dem Bild eines großen und starken Ochsen oder Bullenbeißers eine wahrlich nicht geschmeichelte Schilderung macht , sondern ihm ohne alle Schonung so viel Böses nachsagt , daß Timon der Menschenhasser selbst damit hätte zufrieden seyn können ; bald darauf aber , da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite in einem mildern Lichte zu sehen , die Partei des nämlichen großen Haufens nimmt , von ihm als einem gar sanften gutartigen Thiere spricht , und alle Schuld seines Hasses gegen die ächten Philosophen auf die unächten schiebt . Uebrigens ist es eine glückliche Eigenheit unsers Philosophen , daß er nach jeder beträchtlichen Verfinsterung , die er , so oft seine Phantasie zwischen seinen Verstand und seine Leser tritt , zu erleiden scheint , sich sogleich durch irgend eine desto glänzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebührende Achtung zu setzen weiß . Ein Beispiel hiervon ist in diesem fünften Buch die Vorschrift , wie seine Staatsbeschützer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben ; eine Gelegenheit , die er mit eben so vieler Feinheit als Freimüthigkeit benutzt , um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten , worin sie vor ihren eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen müssen , deren gewohntes Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht . Diese Stelle ist , meines Erachtens , eine der schönsten in diesem ganzen Werke , und du wirst mir hoffentlich zugeben , Eurybates , daß die Schuld nicht an Plato liegt , wenn er durch die heilsamen Wahrheiten , die er euch darin stärker und einleuchtender als irgend einer von euern Rednern ans Herz legt , seiner Vaterstadt und der ganzen Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat . Daß dieß wenigstens seine Absicht war , ist um so weniger zu bezweifeln , da dergleichen Seitenblicke auf seine Zeitgenossen und Mitbürger in diesem Dialog häufig genug vorkommen , um uns über einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben . Was ich gleich anfangs meiner Briefe über die Republik Platons gegen den Vorwurf , daß es diesem Werk an kunstmäßiger Anordnung fehle , erinnert habe , scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu bestätigen , womit der Verfasser gegen das Ende des fünften Buchs dem Dialog unvermerkt eine solche Richtung gibt , daß er eine ( dem Anschein nach ) ungesuchte Gelegenheit erhält , in den beiden folgenden Büchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine faßlichere und poetischere Art , als in andern seiner frühern Dialogen , vorzutragen ; eine Gelegenheit , die er , wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand entfernt , und zu einer weitläufigen episodischen Abschweifung verleitet , um so weniger aus den Händen läßt , weil die Abschweifung in der That bloß anscheinend und vielmehr das einzige Mittel ist , seiner Republik eine Art von hypothetischer Realität zu geben , woran wenigstens alle die Leser sich genügen lassen können , die der magischen Täuschung eben so willig und zutraulich als die beiden Söhne Aristons entgegen kommen . Daß er uns übrigens auch auf diesem Spaziergang , den wir mit ihm machen müssen , durch eine Menge unnöthiger Krümmungen in einem unaufhörlichen Zickzack herumführt , der uns das Ziel , worauf wir zugehen , immer aus den Augen rückt , ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates , die man sich , insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhält und erhöht , recht gern gefallen ließe , wenn er nur einiges Maß darin halten wollte ; denn wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren , wenn er bald einen Satz , wie z.B. » Seyn ist von Nichtseyn verschieden « in eine oder zwei Fragen verwandelt , bald die schlichtesten Fragstücke auf eine so spitzfindige und verfängliche Art vorbringt , daß man sich keine andere Absicht dabei denken kann , als das schale Vergnügen , den Gefragten in Verlegenheit zu setzen und zu einer einfältigen Antwort zu nöthigen . Bei allem dem muß ich gestehen , daß etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander zu unterhalten ist , und ich zweifle nicht , Eurybates , daß dir die Pseudo-Sokratische Manier , wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen Dialogen behandelt , wenn gleich nicht immer angenehm , doch gewiß bei weitem nicht so auffallend vorkommen wird als mir . Dieß sey also das letztemal daß ich darüber wehklage , wiewohl in den fünf Büchern , die ich noch vor mir habe , die Anreizung dazu oft genug vorkommen wird . Und nun wieder in unsern Weg ! Glaukon scheint von der Schönheit der neu errichteten Republik so bezaubert , daß er sich nicht enthalten kann , den Philosophen , der die Miene hat als ob er von der innern Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzügen vor den gewöhnlichen noch viel zu sagen gedächte , etwas rasch zu unterbrechen . Von allem diesem , meint er , wüßten sie bereits genug , um sich das , was etwa noch zurückgeblieben sey , selbst sagen zu können ; die große Frage , auf welche alles ankomme , sey itzt bloß : ob diese herrliche Republik unter die möglichen Dinge gehöre ? Sokrates stellt sich , nach seiner Gewohnheit , als ob ihm diese Frage sehr ungelegen komme ; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von einem halsbrechenden Wagestück , und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes dadurch von sich abzulehnen , daß er ihn bereden will , seine Republik könnte als Ideal und Kanon , woran man die Grade der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit aller gegenwärtigen und künftigen Republiken messen könne , immer noch gute Dienste thun , wenn gleich ihre Möglichkeit nicht erwiesen werden könnte . Meinst du etwa ( fragt er den Glaukon ) , ein Maler , der das Modell eines vollkommen schönen Mannes oder Weibes in der höchsten Vollendung seiner Kunst aufgestellt hätte , würde darum ein schlechterer Maler seyn , wenn er nicht zu zeigen vermöchte , wie es möglich sey , daß ein Mensch so schön seyn könnte ? Diese Ausflucht ist , mit Platons Erlaubniß , ein bloßer Taschenspielerkniff ; denn es ist ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Maler , von dem er hier spricht , und zwischen ihm selbst als Maler der vorgeblichen vollkommensten Republik . Freilich braucht z.B. Zeuxis die Möglichkeit seiner Helena nicht zu beweisen ; aber warum dieß ? Weil er sie uns unmittelbar vor die Augen gestellt hat , und ( vorausgesetzt ihre Schönheit sey in der That untadelig ) jedermann , der sie anschaut , sich selbst gestehen muß , er verlange nichts Schöneres zu sehen . Damit ist denn auch jedermann zufrieden , und kümmert sich wenig darum , ob jemals ein sterbliches Weib eine so schöne Tochter geboren hat oder künftig gebären wird ; genug , daß uns der Maler von der Möglichkeit einer so hohen Schönheit durch den Augenschein überzeugt hat . Es fehlt aber viel , daß es mit Platons Republik derselbe Fall sey ; der Augenschein ist nicht zu ihrem Vortheil ; die Stimmen der Anschauer sind wenigstens sehr getheilt , und gegen einen , der sie so herrlich findet als sie unserm in sein eignes Werk verliebten Pygmalion vorkommt , sehen wir zwanzig , denen sie ein sehr unvollständiges , übel mit sich selbst übereinstimmendes , überladenes und unnatürliches Phantom von einer Republik scheint , von welcher der Strenge nach zu beweisen ist , daß ihres gleichen unter den Menschen , so lange sie ihre dermalige Natur behalten werden , weder entstehen , noch , wofern sie auch ( wie andere Mißgeburten ) durch eine zufällige Verirrung der Natur jemals ans Tageslicht kommen sollte , lange genug leben könnte , daß es der Mühe werth wäre zu sagen sie sey da gewesen . Der Platonische Sokrates kann sich also der Pflicht , die Möglichkeit seines politischen Kanons darzuthun , mit Recht nicht entziehen ; und er selbst scheint dieß so gut zu fühlen , daß er dem ehrlichen , durch seine Induction zu schnell irre gemachten Glaukon von freien Stücken einen Vorschlag zur Güte thut , indem er ihn fragt : ob er zufrieden seyn wollte , wenn ihm gezeigt würde , wie eine seinem Ideale wenigstens sehr nahe kommende Republik zur Wirklichkeit gelangen könnte ? Glaukon ist so billig sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen , und Sokrates rückt , nach mehrmaligem Achselzucken , dem vorgeblichen halsbrechenden Wagestück so nahe , daß er bekennt : um allen unsern Republiken eine andere ungleich bessere Gestalt zu geben , bedürfte es nur einer einzigen Veränderung ; aber freilich wäre dieses Einzige weder etwas Kleines noch Leichtes , wiewohl nichts Unmögliches . - » Und was ist es denn ? « fragt Glaukon . - Weil es doch einmal heraus muß , erwiedert jener , will ich es ja wohl sagen , wiewohl ich Gefahr laufe , von dem ausgelassensten Gelächter , wie von einer ungeheuren Welle , überschwemmt und in den Grund gelacht zu werden ; - es ist : » so lange nicht entweder die Philosophen die einzigen Regenten der Staaten sind , oder diejenigen , die man gegenwärtig Könige und Gewalthaber nennt , wahrhaft und in ganzem Ernst philosophiren , so daß die höchste Gewalt im Staat und die Philosophie in einem und eben demselben Subject zusammentreffen , und alle , die sich nur auf eine von beiden beschränken , schlechterdings von der Staatsverwaltung ausgeschlossen werden : so lange , lieber Glaukon , ist gegen die Uebel , welchen die bürgerliche Gesellschaft , ja das ganze Menschengeschlecht unterliegt , kein Rettungsmittel , - und bis es dazu kommt , wird auch die Republik , von welcher bisher die Rede zwischen uns war , weder möglich werden , noch das Licht der Sonne sehen ! « In der That hatte der verkappte Plato hohe Ursache , ungern mit einer Behauptung herauszurücken , von welcher so leicht vorauszusehen war , daß sie eben so stark gegen alle herrschenden Begriffe und Vorurtheile als gegen das Interesse der jetzigen Machthaber anrannte , und wenn sie gleich bei den meisten nur ein lautes Gelächter über ihre Ungereimtheit erregen würde , von den dermaligen Regierern selbst , als eine gefährliche und nur durch die politische Nullität unsers Philosophen verzeihlich gemachte Lehre , mit Unwillen angesehen werden müßte . Aber auf was für einen Empfang mußte er sich erst gefaßt halten , nachdem man aus dem folgenden sechsten und siebenten Buch verständigt worden war , was er unter dieser Philosophie und diesen Philosophen , welche die Welt ausschließlich regieren sollten , verstehe ! Daß er nämlich keine andre Philosophie für ächt gelten lasse , als seine eigene , und also sein großes politisches Geheimmittel gegen alle die Menschheit drückenden Uebel darauf hinaus laufe : daß alle Regenten zu Platonen werden , oder vielmehr ( da dieß , wenn sie auch wollten , nicht in ihrer Macht steht ) daß der einzige mögliche und wirkliche Plato , Aristons und Periktyonens Sohn , zum Universalmonarchen des Erdkreises erhoben werden müßte , wofern das Reich der Themis und die goldne Zeit des alten Kronos wiederkehren sollte ? Wenn nun aber auch zu dieser einzigen kleinen Veränderung , wie heilbringend sie immer für das gesammte Menschengeschlecht wäre , nicht die mindeste Hoffnung vorhanden ist , wofür will er daß wir seine Republik ansehen sollen ? Doch , dem sey wie ihm wolle , das große Wort ist nun einmal gesprochen , und wir können uns auf unsern Mann verlassen , daß er , seiner verstellten Schüchternheit oder Schamhaftigkeit ungeachtet , keinen Augenblick verlegen ist , wie er sich aus dem Handel ziehen wolle . Er hat sich eines mächtigen Zauberworts bemeistert , womit er sich gegen Hieb und Stich fest machen , womit er , wie man eine Hand umkehrt , Berge versetzen und Meere austrocknen , womit er Alles in Nichts und Nichts in Alles verwandeln kann . Das Bild , das kein Bild ist - des Dings das kein Ding ist , weil es weder von den Sinnen ertastet , noch von der Einbildungskraft dargestellt , noch vom Verstande gedacht und bezeichnet werden kann , mit Einem Wort , die Idee des Dings an sich , das wahre unaussprechliche Wort der Platonischen Mystagogie , die formlose Form dessen was keine Form hat . - Was ist unserm dialektischen Thaumaturgen nicht mit diesem einzigen Aski Kataski 24 möglich ? Ja , wenn unter dem Wort Philosoph so ein Mensch gemeint wäre , wie unsre gewöhnlich sogenannten Philosophen , Sophisten , Allwisser , Liebhaber und Kenner des vermeinten Wahren , Schönen und Guten , welches mit den Augen gesehen , mit den Ohren gehört , mit irgend einem äußern oder innern Sinn gefühlt , von der Einbildungskraft gemalt , von der plastischen Kunst gebildet , vom Verstand erkannt , von der Sprache bezeichnet , und im wirklichen Leben als Mittel zu irgend einem Zweck oder als Zweck irgend eines Mittels , als Ursache irgend einer Wirkung oder Wirkung irgend einer Ursache , gebraucht werden könnte : wenn solche Philosophen die Welt regieren sollten , dann , meint er , würde sie freilich um kein Haar besser regiert werden als dermalen . Aber der Philosoph , der an der Spitze seiner Republik stehen soll und an der Spitze des ganzen menschlichen Geschlechts zu stehen verdient , ist ein ganz anderer Mann ; der hält es unter seiner Würde , sich mit Betrachtung und Erforschung all des armseligen Plunders der materiellen und einzelnen Dinge , abzugeben , welche ( wie der verkappte Sokrates dem ehrlichen Glaukon mit seiner gewöhnlichen dialektischen Taschenspielerkunst sehr wortreich und auf mehr als Eine Manier vorspiegelt ) weder Etwas noch Nichts , sondern eine Art von Mitteldingen zwischen Nichts und Etwas sind . Das hauptsächlichste , wo nicht einzige Geschäft seines Lebens ist , sich auf den Stufen der Arithmetik , Geometrie und Dialektik zur Betrachtung der einfachen und unwandelbaren Ideen der Dinge , und von diesen übersinnlichen Wesen bis zum mystischen Anschauen des höchsten Ontôs On oder Urwesens aller Wesen zu erheben , über welches , als etwas an sich Unbegreifliches und Unaussprechliches , ihm eine deutliche Erklärung nicht wohl zuzumuthen ist , und da er durch diese gänzliche Versenkung seines Geistes in das , was an sich wahr , schön , gerecht und gut ist , nothwendig selbst durch und durch wahr , edel , gerecht und gut werden muß : wo könnten wir einen Sterblichen finden , welcher tauglicher und würdiger wäre , die Welt zu regieren , als er ? Alles dieß aus einander zu setzen , und nach seiner Manier zu beweisen , d.i. seinen glaubigen Zuhörern durch weit ausgeholte Fragen , Inductionen , allegorische Gleichnisse und subtile Trugschlüsse weiß zu machen , beschäftigt unsern Sokrates in dem größten Theil des sechsten und siebenten Buchs ; und da die Natur des Dialogs ihm völlige Freiheit läßt sich nach Belieben vorwärts und seitwärts zu bewegen , und sich über dieses und jenes , was er mit Vortheil in ein helleres Licht zu setzen glaubt , mit Gefälligkeit auszubreiten , so war natürlich , daß er - bei Gelegenheit der Schilderung des ächten Philosophen , der bis zum Wahren und Schönen selbst vorzudringen und es in seinem Wesen anzuschauen vermag , im Gegensatz mit den eingebildeten Allwissern und Philodoxen 25 , die ihre Meinungen von den Dingen für die Wahrheit selbst ansehen - über die Quellen der Vorurtheile , welche der große Haufe , besonders in den höhern Classen , gegen die ächten Philosophen heget , über die Ursachen , warum man sie mit anscheinendem Recht für unnütze und vornehmlich zum Regieren ganz untaugliche Leute halte , und über den Grund , warum auch die Philosophen ihres Orts mit Verwaltung solcher heilloser Republiken , wie die gegenwärtigen alle seyen , nichts zu thun haben mögen - sich alles dessen , was er vermuthlich schon lange auf dem Herzen hat , mit vieler Freimüthigkeit entledigt . Dieser Theil des sechsten Buchs , wo Adimanth wieder an die Rede kommt , und durch den Versuch einer Rechtfertigung des popularen Vorurtheils gegen die Philosophen den Sokrates auffordert , sich umständlicher über diese Materie vernehmen zu lassen , scheint mir ( dem persönlichen Antheil , welchen Plato an der Sache nimmt , gemäß ) mit vorzüglichem Fleiß ausgearbeitet zu seyn ; und ausnehmend schön ist unter andern , was er den Sokrates ( den ich hier wieder erkenne und reden zu hören glaube ) von den Ursachen sagen läßt , woher es komme , daß wahrhaft weise und gute Menschen so selten sind , und so manche Jünglinge , mit den herrlichsten Anlagen , der hohen Bestimmung , zu welcher die Natur sie ausgerüstet hatte , unglücklicher Weise für den Staat und für sich selbst , gänzlich verfehlen , ja desto schädlichere Bürger und Regenten werden , je glänzender die Naturgaben und Talente sind , wodurch sie sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Mitbürger zu bemächtigen wissen . Weniger die Probe einer strengen Prüfung haltend , wiewohl mit einem leidenschaftlichen Feuer geschrieben , das den auf sich selbst zurücksehenden und seine eigene Sache führenden Plato verräth , scheint mir die Stelle zu seyn , wo er die Gründe angibt , » warum die Wenigen , die im Besitz der wahren Weisheit sind , sich in die möglichste Verborgenheit zurückziehen und mit den öffentlichen Angelegenheiten unserer verdorbenen Republiken nichts zu schaffen haben wollen , sondern , in ihren eigenen vier Wänden gegen alle Stürme des öffentlichen Lebens gesichert , beim Anblick der allgemein herrschenden Gesetzlosigkeit , genug gethan zu haben glauben , wenn sie , selbst rein von Unrecht und lasterhaften Handlungen , ihr gegenwärtiges Leben in Unschuld hinbringen , um dereinst mit guter Hoffnung freudig und zufrieden aus demselben abzuscheiden . « - Wenn Aristipp und seines gleichen diese Sprache führten , möchte wohl nichts Erhebliches dagegen einzuwenden seyn ; aber von dem Platonischen Weisen sollte man mit vollem Recht eine heroischere Tugend fordern dürfen ; und ich zweifle sehr , ob irgend eine Republik verdorben genug seyn könne , daß ihm eine solche Verzweiflung an ihrer Besserung erlaubt wäre , oder daß Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit und Furcht vor dem Haß und den Verfolgungen der Bösen für einen zuverlässigen Beweggrund gelten könnte , sich seiner Pflicht gegen das Vaterland zu entziehen . Der wirkliche Sokrates war wenigstens ganz anders gesinnt , und ließ es sich , als er mit sehr guten Hoffnungen aus diesem Leben ging , keinen Augenblick gereuen , das Opfer der entgegengesetzten Denkart geworden zu seyn . Aber freilich ist Platons Weiser kein Sokrates ; und ihm , der sein höchstes Gut im Anschauen des Schönen und Guten an sich , und in der dazu erforderlichen Ruhe und Abgeschiedenheit findet , möchte jene Sinnesart um so eher zu verzeihen seyn , da er sich nothwendig sehr lebhaft bewußt seyn muß , daß er nirgends als in seiner idealischen Republik am rechten Ort ist , und wahrscheinlich als Staatsmann in jeder andern eine traurige Figur machen würde . Ich bin , gegen meinen anfänglichen Vorsatz , indem ich durch ich weiß nicht welchen Zauber , den unser dichterischer Philosoph um sich her verbreitet , mich gezogen fühlte , ihm in seinem mäandrischen Gang beinahe Schritt vor Schritt nachzuschlendern , unvermerkt so weitläufig geworden , daß ich nur so fortfahren dürfte , um über ein unmäßig dickes Buch ein noch dickeres geschrieben zu haben . Die Versuchung ist nicht gering und nimmt mit jedem Schritt eher zu als ab ; aber sey ohne Furcht , Eurybates , ich will es gnädig mit dir machen ; und wenn du dich entschließen kannst , mir nur noch in die wundervolle unterirdische Höhle unsers Mystagogen zu folgen , so verspreche ich dir , dich mit allem übrigen zu verschonen , was du noch zu lesen bekämest , wenn ich meine bisherige Umständlichkeit bis ans Ende beibehalten wollte . Die Behauptung , daß ein Staat nur durch ächte Philosophen wohl regiert werden könne , hatte die Darlegung des Unterschieds zwischen dem unächten und ächten Philosophen herbei geführt . In dieser bis auf den Grund zu kommen , sah sich Plato ( denn mit diesem allein , nicht mit Sokrates haben wir es nun zu thun ) genöthigt , seinen Zuhörern einen Blick in das innerste Heiligthum seiner Philosophie zu erlauben . Da er aber hier keine Eingeweihten vor sich hat und dieser Dialog unter die exoterischen , d.i. unter diejenigen gehört , welche weniger für seine auserwählten Jünger als für die immer zunehmende Menge müßiger und wißbegieriger Leser , bei denen ein gewisser Grad von Bildung vorausgesetzt werden kann , geschrieben sind : so war nicht schicklich , und in der That auch nicht wohl möglich , seine Geheimlehre anders als in Bildern vorzutragen , um uns andre Profanen wenigstens durch einen , wiewohl nicht sehr durchsichtigen , Vorhang in die Mysterien derselben blinzeln zu lassen . Hierzu macht er nun zu Ende des sechsten Buchs den Anfang , indem er uns - mit vieler Behutsamkeit , damit nicht zu viel Licht auf einmal in unsre blöden Augen falle - die Existenz einer zwiefachen Sonne offenbart : der bekannten sichtbaren , die uns zum Wahrnehmen körperlicher Dinge , Gestalten und Schattenbilder verhilft , und einer rein geistigen , folglich auch bloß dem reinen Geist , ohne Beihülfe der Sinne , der Einbildungskraft und des Gedankens , anschaulichen ( welche er die Idee des Guten und das selbstständige Gute , Auto-Agathon , nennt ) , in dessen Licht allein das an sich Wahre , Schöne und Gute unserm Geiste sichtbar werden kann . Die neu entdeckte übersinnliche Sonne scheint den wißbegierigen Glaukon so freundlich anzustrahlen , daß Sokrates sich aufgemuntert fühlt , die Vergleichung eine Weile fortzusetzen . Beide Sonnen , sagte er , sind » die Könige zweier Welten ; « die eine dieser sinnlichen , theils aus körperlichen Dingen , theils aus mancherlei vergänglichen , unwesentlichen Erscheinungen zusammengesetzten Welt ; die andere der übersinnlichen , dem reinen Verstand allein in dem Lichte des selbstständigen Guten sichtbaren . wesentlichen Dinge . So wie die materielle Sonne über uns aufgeht , erscheinen uns in ihrem Lichte die körperlichen Dinge klar und deutlich ; so wie uns dieses Licht entzogen wird , verfinstert sich alles um uns her , wir erblicken nur zweifelhafte , farbenlose , unförmliche Gestalten und wissen nicht was wir sehen . Eben so wird uns , sobald unser Geist in das Lichtreich des Auto-Agathon eindringt , auf einmal die ganze Welt der Ideen , oder der ewigen , unwandelbaren Wesen ( ontôs ontôn ) aufgeschlossen ; wie uns hingegen dieses Licht entzogen wird , sehen wir im Reich der Wahrheit - nichts , und alles um uns her ist Dunkelheit , Ungewißheit , Irrthum und Täuschung . - So wie uns die Sonne in der materiellen Welt zweierlei Arten von Gestalten sichtbar macht , die wirklichen Körper , und die bloßen Schatten und Abspieglungen derselben , z.B. blauen Himmel , Wolken , Bäume , Gebüsche u.s.w. in einem klaren Wasser : eben so erlangt unser Geist durch das übersinnliche Licht , das von dem Auto-Agathon über das ganze Reich der Wahrheit ausstrahlt , eine doppelte Art von Erkenntniß : eine rein wahre , von Plato Noësis genannt , und eine mit Wahn und Täuschung vermischte , die ihm Dianoia26 heißt ; jene durch unverwandtes Aufschauen in das Reich der Ideen , als die allein wahrhaft wirkliche Welt , in welcher kein Trug noch Irrthum stattfindet ; diese durch das Herabschauen in die Welt der Erscheinungen und Täuschungen , wo wir nichts als die Abspieglungen und Schatten der wesentlichen Dinge erblicken ; daher denn auch , natürlicher Weise , nicht mehr Wahrheit in dieser Art von Erkenntniß seyn kann , als in der Vorstellung , die wir von einem Körper bekommen , wenn wir seinen Schatten , oder höchstens seine Gestalt im Wasser erblicken . Unser Sokrates konnte leicht bemerken , daß es dem guten Glaukon , mit dem besten Willen von der Welt , dennoch schwer werde , sich die übersinnlichen Wahrheiten , die durch diese Vergleichungen angedeutet werden sollten , klar zu machen . Er läßt sich also herab , der Blödigkeit seines geistigen Auges durch eine allegorische Darstellung der Sache zu Hülfe zu kommen . Und nun hören wir ihn selbst ! Stelle dir , sagt er zu Glaukon , die Menschen vor , als ob sie in einer Art von unterirdischer Höhle wohnten , die von oben herein weit offen , bloß durch den Schein eines großen auf einer entfernten Anhöhe brennenden Feuers erleuchtet wird . In dieser Gruft befinden sie sich von Kindheit an , am Hals und an den Füßen dergestalt gefesselt , daß sie sich weder von der Stelle bewegen , noch den Kopf erheben und herum drehen können , folglich , gezwungen immer nur vor sich hin zu sehen , weder über noch hinter sich zu schauen im Stande sind . Zwischen dem besagten Feuer und den Gefesselten geht ein etwas erhöhter Weg , und längs desselben eine Mauer , ungefähr so hoch und breit als die Schaugerüste , auf welchen unsre Gaukler und Taschenspieler den Zuschauern ihre Wunderdinge vorzumachen pflegen . Nun bilde dir ferner ein , du sehest neben dieser Mauer eine Menge Menschen mit und hinter einander auf der besagten Straße daher ziehen , welche allerlei Arten von Geräthschaften , Statuen und hölzerne oder steinerne Bilder von allerlei Thieren auf alle mögliche Art gearbeitet , auf dem Kopfe tragen , so daß alle diese Dinge über die Mauer hervorragen . Glaukon findet dieses ganze Gemälde etwas abenteuerlich , und scheint nicht errathen zu können , wo Sokrates mit seinen Gefesselten , die er in eine so seltsame Lage setzt , hinaus wolle . Gleichwohl , fährt dieser fort , sind sie unser wahres Ebenbild . - Aber bevor er diese Behauptung seinem staunenden Lehrling klar machen kann , muß er die natürlichen Folgen entwickeln , welche die vorausgesetzte Lage für die Gefesselten haben müßte . Fürs erste , sagt er , werden sie , da sie unbeweglich vor sich hinzusehen gezwungen sind , weder von sich selbst und denen , die neben ihnen sind , noch von allen den Dingen , die hinter ihnen vorbei ziehen , sonst nichts erblicken können als die Schatten , die auf die gegenüber stehende Wand der Höhle fallen . Ferner werden sie , falls sie mit einander reden könnten , den Schatten die Namen der Dinge selbst beilegen ; und wofern im Grund ihrer Höhle ein Echo wäre , welches die Worte der ( ihnen unsichtbaren ) Vorbeigehenden wiederhohlte , würden sie sich einbilden , die Schatten , welche sie vor sich sehen , brächten diese Töne hervor . Sie würden also unstreitig nichts anders für das Wahre halten , als die Schatten der vorbesagten Geräthschaften und Kunstwerke . Glaukon bejaht alles dieß ohne Widerrede , sogar mit einem großen Schwur ; und Sokrates geht desto getroster weiter . Siehe nun auch , sagt er , wie sie zugleich mit ihren Fesseln von ihrer Unwissenheit entbunden würden , wenn die Natur sie von jenen befreien wollte . Gesetzt also Einer von ihnen würde losgebunden und genöthigt plötzlich aufzustehen , den Kopf umzudrehen , zu gehen und zum Licht empor zu schauen , so ist kein Zweifel , daß ihm alles dieß anfangs sehr sauer werden müßte , und daß ihn das ungewohnte Licht blenden und unvermögend machen würde , die Dinge gewahr zu werden , deren Schatten er vorher gesehen hatte . Was meinst du nun daß er sagen würde , wenn ihn jemand versicherte , was er bisher gesehen habe , sey eitel Tand , und jetzt erst habe er wirkliche und dem Wahren näher kommende Gegenstände vor den Augen ; und wenn man ihm dann eines der vorübergehenden nach dem andern mit dem Finger zeigte und ihn zu sagen nöthigte was es sey , würde er nicht verlegen seyn , und die zuvor gesehenen Schatten für wahrer halten als was ihm itzt gezeigt wird ? Glauk . Ganz gewiß . Sokr . Und wenn man ihn zwänge in das Feuer selbst hinein zu sehen , würde er nicht , weil ihm die Augen davon schmerzten , das Gesicht sogleich wegwenden und auf die Schatten zurückdrehen , die er ohne Beschwerde anschauen kann , und die er eben deßwegen für reeller halten würde , weil er sie deutlicher sähe als die im Licht erblickten Gegenstände ? Glauk . Nicht anders . Sokr . Wenn man ihn nun vollends mit Gewalt und über Stock und Stein aus seiner Höhle heraus an das Sonnenlicht hervor zöge ,