der Wurm , der den Geist der Nationen zerstört . Lassen wir ihn selber sprechen . » Die Nationalkraft ist der Urgrund alles Produzierens . Selbst wenn unsere Zustände , wie sie jetzt sind , sich befestigen sollten , selbst wenn wir Zeiten der Ruhe entgegengingen , die einen ungestörten Auf- und Ausbau dessen zuließen , was ihr einzuführen gedenkt ( Separation und Dörferabbau ) , so würde damit wenig gewonnen sein . Die Welt hat solche Zeiten schon ein mal gesehen . Es waren die Zeiten der besseren römischen Kaiser . Friede herrschte von den Säulen des Herkules bis zu den Ufern des Euphrat ; das Recht war genau bestimmt und wurde strenge gehandhabt , es wurden manche Roheiten der früheren Zeit verbannt durch die milde Gesinnung der Herrscher und überhaupt alle Störungen entfernt , die dem Wohlsein der einzelnen entgegenstehen mochten . Und doch waren dies dieselben Zeiten , in denen in den höheren Regionen des menschlichen Daseins völlige Öde herrschte , Zeiten , in denen weder Wissenschaft noch Religion , noch Vaterland die Menschen begeisterte . Aber mehr denn das -mehr in den Augen derer , die sich durch die Erscheinung bestechen lassen – auch der äußere Glanz verfiel . Schon unter Augustus verödeten ehemals berühmte Städte , und unter Trajan , dem besten der Kaiser , wurden im ganzen Peloponnes weniger Menschen gezählt , als früher in der einzigen Stadt Athen . So wahr ist es , daß nicht der einzelne produziert , sondern der Geist der Nationen , und daß , wo dieser erstorben und mit ihm Lebenslust und Freude an der Gegenwart entschwunden ist , auch das äußere Dasein allmählich in eine kümmerliche und barbarische Entartung zurücksinkt . Auf den Gemeinsinn , auf die Gesamtkraft kommt es an ; diese zu wecken ist Aufgabe , und alles , was die Kleinheit der Gesinnung und den Egoismus nährt , das schwächt die nationale Kraft und mindert dadurch den wahren und zuletzt auch den alleräußerlichsten Reichtum des Landes . Wohin der Dörferabbau führt , das läßt sich nirgends besser studieren , als im Oderbruch . Es gibt kaum ein ruchloseres Geschlecht . Weder vor göttlichen noch vor menschlichen Dingen haben sie Ehrfurcht , weder den Nachbarn wollen sie helfen , noch dem Staate dienen . Das letztere mit einigem Recht , denn sie verdanken ihm nichts . Im Gegenteil , er hat sie ausgestoßen und sie ihrer eigenen heillosen Roheit preisgegeben . « So waren Marwitzens Gedanken über diese hochwichtige Frage . Er suchte sie nicht als ein » Praktiker « , sondern von einem höheren Gesichtspunkt aus zu lösen . Nicht in allem hat er Recht behalten . Die Separation , die Teilung der Gemeinheiten ist erfolgt und dem Lande , wie sich kaum bestreiten läßt , zum Segen ausgeschlagen . Aber wenn auch die Gesamtheit seiner Aufstellungen seitdem widerlegt sein sollte , was nicht der Fall ist , so würden wir doch immer einer Gesinnung zuzustimmen haben , die diese Fragen von einem idealen Standpunkt aus zu regeln trachtete . Nicht als ein Richtiges , praktisch Unangreifbares habe ich seine Aussprüche zitiert , sondern nur um die hohe Art eines Charakters zu zeichnen , der es verschmähte , dem Tage und der Mode zu dienen . Sein Blick drang in Zeit und Raum über das Zunächstliegende hinaus . Unter solchen und ähnlichen Arbeiten , nur unterbrochen , wenn ein Besuch ihn zu den Berliner Freunden hinüberführte , verfloß das Jahr 1812 . Der November und die ersten Wochen des Dezember vergingen in wachsender Aufregung : die aus Rußland eintreffenden Nachrichten meldeten den sich vorbereitenden Untergang des Napoleonischen Heeres . Wie ihn das erfaßte ! Ein Hoffnungsstrahl dämmerte wieder . Die Studien , die Bücher waren ihm viel , aber der Krieg war ihm mehr , wenigstens ein solcher Krieg . » Alles Wissen war wertlos in einem Sklavenlande . « Krieg war gleichbedeutend mit Freiheit . Etwa am . 18. Dezember traf in Berlin die Nachricht vom Beresinaübergang ein . Marwitz war wie elektrisiert . Es war ihm klar , daß Preußen sich auf der Stelle erheben , die Reste der großen Armee gefangennehmen und dadurch auf einen Schlag die Niederlage des Kaisers vollenden mußte . Die eigene Wiederherstellung ergab sich dann von selbst . Aber wie das ins Werk setzen ? Er kannte zu gut die Halbheit , die Unentschiedenheit , die in den höchsten Regierungskreisen maßgebend war . Wie war dieser Geist der Schwäche zu bannen ? Er beschwor zunächst seinen älteren Bruder , alles alten Grolls uneingedenk zu sein , und , wie schon erzählt , eine Audienz bei Hardenberg nachzusuchen . Aber die Politik des Abwartens war noch nicht zu Ende . Beide Brüder empfanden die Hardenbergschen Vertröstungen mit gleicher Bitterkeit ; während aber der ältere nach Friedersdorf zurückkehrte , » auf Gott vertrauend , daß er sein großes begonnenes Wunder auch vollführen werde « , brannte dem jüngeren der Boden unter den Füßen . Er konnte sich nicht länger zur Untätigkeit verdammt sehen , und wenn Hardenberg nicht konnte oder wollte , so wollte er . In den ersten Tagen des Januar eilte er nach Ostpreußen . Hier wirkte er mit , daß sich die Provinz für Rußland und den General York erklärte und ihre Landwehr zu errichten begann . Als die ersten Reiterkorps der Russen über die Weichsel gingen , schloß er sich dem Oberst Tettenborn an . Diesen suchte er , als man ins Neumärkische kam , zu kühnen Streifzügen gegen Frankfurt , Seelow und andere kleine Städte , in denen die Trümmer der französischen Armee Posto gefaßt hatten , zu veranlassen ; Tettenborn aber , der sehr eitel war und durch einen nichtssagenden Streifzug gegen Berlin von sich reden machen wollte , opferte wirkliche Vorteile seiner Eitelkeit auf . Marwitz , als er das Spiel durchschaute , ging nach Breslau , um seinen Eintritt in die preußische Armee zu betreiben . Hier aber entwickelte sich alles zu langsam , und bei der Unruhe , die ihn verzehrte , konnte er das Hingehaltenwerden , das Abwickeln großer Dinge nach der Nummer , nicht länger ertragen . Er verließ Breslau wieder , gesellte sich abermals zu den Russen und wohnte dem Gefechte bei Lüneburg bei , das mit der Vernichtung des Morandschen Korps endigte . Darauf begab er sich zu Tschernyschew , wurde dem General Benkendorf attachiert und zeichnete sich bei Halberstadt und Leipzig aus , bei welcher Gelegenheit er dem ganzen Korps sehr wesentliche Dienste leistete . Indessen , wie sich denken läßt , vermochte er den Gedanken nicht aufzugeben , diesen schönsten Kampf , der je gekämpft worden , auf preußischer Seite mitzukämpfen . Im Jahre 1809 hatte er im österreichischen Heere gestanden , jetzt stand er in russischem Dienst und war auch der Feind ein gemeinsamer , so schmerzte es ihn doch , halb unter fremden Fahnen zu fechten . Er bat also abermals um Anstellung im Preußischen . Da man ihn aber nun bei der Infanterie verwenden zu können meinte , und dieser Dienst weder seiner Neigung , noch seiner Körperkonstitution entsprach , so zerschlugen sich die Unterhandlungen abermals und er blieb bei den Russen . Gleich nach dem Waffenstillstand , am 21. oder 24. August , war er mit Tschernyschew in der Nähe von Wittenberg und griff mit den Kosaken ein Karree polnischer Infanterie an . Das Pferd wurde ihm unterm Leib erschossen , die Kosaken kehrten um und ein Pole , der aus dem Karree heraustrat , hieb mit seinem kurzen Säbel auf ihn ein . Marwitz schützte sich mit seinem Arm , so gut er konnte , der ihm denn auch , samt der Hand , bei dieser Gelegenheit völlig zerhackt und zerhauen wurde . Endlich trat ein Offizier heraus und rettete ihn . Er ward in das Karree genommen und so angesichts der Seinigen , da die Kosaken nicht wieder zum Angriff zu bringen waren , erst nach Wittenberg , dann nach Leipzig geführt , wo er schlecht behandelt , eng eingesperrt und seine Wunden vernachlässigt wurden . Ende September gelang es ihm , sich unter vielen Gefahren und Abenteuern nach Prag hin zu retten . Hier wurden seine Wunden geheilt , aber die Hand blieb steif und unbrauchbar . In Prag traf er seine Freundin wieder – Rahel . Sie selbst hat diesen Moment des Wiedersehens in Briefen an Varnhagen und ihren Bruder Robert in sehr anschaulicher Weise beschrieben . Ich gebe diese Stelle , zugleich die Worte hinzufügend , in denen sie , nach Marwitzens eigener Erzählung , die Gefechtsszene bei Wittenberg beschreibt : » Gestern führte Tieck einen freiwilligen Jäger , einen Enkel des Staatsraths Albrecht ( aus Berlin ) bei mir ein . Als ich eben mit Tieck und dem jungen Jäger verhandle , geht meine Thür auf und – Marwitz steht vor mir . Den Arm in einer Binde , ruppig , abgemagert , steht er da , einen zerrissenen Bauernkittel an und ein Stück Commisbrod in ein grobes Schnupftuch eingewickelt , in der linken Hand . Welcher Jubel ! Er lebt , ist der Alte , ist gesund , hat aber acht Wunden . Sein Pferd fiel auf ihn und quetschte ihn . Polen fielen über ihn her und stießen ihn mit Kolben , wovon ihm der Degen entsank ; ein anderer packte ihn und gab ihm drei Hiebe in Hand und Arm , ein dritter einen Lanzenstich , ein vierter setzte ihm das Gewehr an den Kopf und schoß los , aber der Schuß versagte . Der Oberst der Polen sprang vor und rettete ihm das Leben . Gefangen war er aber und ist nur durch tausend Aventüren entkommen , und endlich hier . Er ist einfach , gut , wahr , still , mild wie immer , ohne alles Vorurtheil über irgend etwas , was vorgefallen ist . « » Nachschrift . Der polnische Offizier , der Marwitz gerettet hat , ist der Obristlieutenant Skrzynecki 43 , er bot Marwitz seine Börse an , ein gleiches that Obrist Szymanowsky . Ich schreibe dir dieß , weil der Krieg wunderbare Begegnungen schafft , und man wissen muß , wo man Gutes mit Gutem zu vergelten hat . « Am 15. September war Marwitz in Prag eingetroffen ; die Heilung seiner Wunden verzögerte sich und er blieb daselbst bis Mitte Dezember . Dieses Vierteljahr , das letzte , das ihm zu leben bestimmt war , ging wie ein Friedensschein über den Unrast seiner Tage auf . Den Frieden , dem er nachgeeilt war , ohne ihn finden zu können , hier fand er ihn und hier durfte er ihn finden . Die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes drang siegreich vor , und ein Blick auf seine Wunden , das hohe Gefühl , selbst für diese Freiheit gekämpft und geblutet zu haben , gab ihm ein Anrecht , ohne Vorwurf und mit ungetrübter Freude dem Siegeszuge der Verbündeten zu folgen . Die Plauderstunden , in deren stillen Genuß sich sonst vielleicht ein Wermutstropfen , das demütigende Gefühl : » du solltest wo anders sein « , gemischt hätte , er durfte sie jetzt ganz und voll genießen , und er genoß sie wirklich . Die Briefe Rahels aus jener Zeit an Robert , an Varnhagen und andere Freunde lassen keinen Zweifel darüber . » Marwitz « , so schreibt sie an Varnhagen , » wohnt mit uns in demselben Hause . Die Wirthin nahm ihn gleich auf , aus Rahel- und aus Preußenliebe . Er hat es en prince und ißt bei uns . Ich und ein Stücker sechs bis acht Domestiken warten ihm auf . « – » Du fragst wegen Marwitz . Er hat keinen Orden , aber – Tieck las ihm gestern den Hamlet vor . Niebuhr , den Tieck den Muth hatte für hübsch ausgeben zu wollen , nennen wir seitdem › Venus ‹ und Marwitz heißt schlechtweg der › Sklave ‹ . Er rief mir nämlich zu : › Soll ich noch mehr Ihr Sklave sein ? ‹ was uns alle zum herzlichsten Lachen stimmte . Denn er ist ganz despotisch . « – » Wir plaudern hier oft über Goethe und meiner Liebe und Bewunderung hab ' ich nicht Hehl . Marwitz , mit dem ich hier über alles die knetendsten , herrlichsten Gespräche führe , sagt auch : kein Mensch liebe ihn ( Goethen ) mehr als ich . « Diese wenigen Auszüge gönnen uns einen Einblick in das heitere , bewegte und angeregte Leben , das jene Prager Herbst- und Wintertage ausfüllte . Endlich gegen Schluß des November heißt es : » Marwitz verläßt uns bald « , und wenige Tage später brach er wirklich auf . Er ging zunächst nach Wiesbaden , dann nach Frankfurt am Main , wo er bei der ersten Brigade des Yorkschen Korps eintrat und als diensttuender Adjutant zum General Pirch II. kommandiert wurde . Hier war er endlich voll an seinem Platz . Die Idee eines großen Kampfes war nirgends lebendiger ausgeprägt , als im Yorkschen Korps , und ein Feuergeist , wie Marwitz , mußte sich da am heimischsten fühlen , wo im geringsten Landwehrmann ein Teil jener treibenden Kraft , jenes Blücherschen Geistes zu finden war , ohne welchen jener schöne Kampf nie und nimmer siegreich hinausgeführt worden wäre . Am 1. Januar ging es über den Rhein . Die Gefechte bei Brienne und la Rothière eröffneten den Kampf auf französischem Boden ; der Sieg schien bei den Fahnen der Verbündeten bleiben zu sollen . Da kamen die Unglückstage von Champeaubert und Montmirail . Der Kaiser warf sich auf das russische Korps unter General Sacken und war im Begriff , es zu vernichten , als Sacken selbst , der leichtsinnig dieses Unheil herauf beschworen hatte , an das zunächst stehende Yorksche Korps die dringende Bitte stellte , den Feind in der linken Flanke zu fassen . An Sieg war nicht zu denken , aber die Rettung der Russen mußte wenigstens versucht werden . Die erste ( Pirchsche ) Brigade , bei der Marwitz stand , erhielt Befehl zum Angriff . General Pirch selbst setzte sich an die Spitze der ost- und westpreußischen Grenadiere , zwei Landwehrbataillone folgten als Soutien . So drang man im Sturmschritt gegen das Gehölz von Bailly vor . Aber der Angriff scheiterte . Die Führer der Bataillone fielen , General Pirch wurde verwundet , und Marwitz sank tödlich getroffen . Es scheint , daß eine Flintenkugel ihn in die Schläfe traf . Sein Tod – » der Tod unseres hoffnungsvollen und sehr geliebten Marwitz « , so schreibt Schack in seinem Tagebuche – galt für ein Ereignis selbst in jenen Tagen , wo jede Stunde die Besten als Opfer forderte . Seine Leiche wurde nicht gefunden und dieser Umstand gab Veranlassung , daß man geraume Zeit hindurch glaubte , er sei abermals , schwer verwundet , dem Feinde in die Hände gefallen . Auch Rahel teilte diesen Glauben . Noch am 26. April schrieb sie von Prag aus : » Nun fehlt nur noch Marwitz . Aber ich hoffe . Der kommt wieder , ganz durchlöchert an Körper und Wäsche . « Aber er kam nicht . Er lag , eingescharrt mit hundert andern , auf dem Sandplateau von Montmirail . » Jeder seiner Freunde fühlte seinen Tod nach Maßgabe des eigenen Werthes « , so schrieb Rahel im Juni , als sein Tod nicht länger zweifelhaft sein konnte , und Marwitzens ältester Bruder schrieb die Worte nieder : » Die Welt erlitt an ihm einen großen Verlust . Er war ein außerordentlicher Mensch im Wissen wie im Handeln . Er würde das Höchste geleistet haben , wenn er erst zur inneren Beruhigung gelangt wäre . « Vielleicht war er dieser » inneren Beruhigung « näher , als der Bruder vermutete . Die Unruhe , die Kämpfe , die Leidenschaften , die ihn bis zu jener vorgeschilderten Epoche ( im Sommer 1811 ) verzehrt haben mochten , hatten seitdem ruhigeren Anschauungen Platz gemacht , Anschauungen , die freilich dem älteren Bruder zu großem Teil ein Geheimnis geblieben waren . Sie sahen sich damals zu selten , als daß es sich für den letzteren ermöglicht hätte , solche Wandlungen zu beobachten . Alexander von der Marwitz hatte bis zu jener Zeit ganz und gar den genialischen Leuten unserer politischen Sturm- und Drangperiode angehört ; aber gegen das krankhafte Übermaß in Hoffen und Wollen war endlich seitens seiner angeborenen guten und gesunden Natur eine Reaktion eingetreten , und die Handelsweise seiner letzten Lebensjahre würde uns darüber aufklären können , wenn es nicht direkte Worte täten . » Fernab sind mir jetzt alle Träume von Heldengröße und äußerer Bedeutsamkeit . Führt mich das Schicksal dahin , wo ich in großen Kreisen zu wirken habe , so will ich auch das können , aber meine Hoffnungen , meine Pläne sind nicht länger darauf gestellt . « So hatte er an Rahel geschrieben und diese schon oben zitierten Worte bezeichneten in Wahrheit einen Wendepunkt in seinem Leben , den ersten Moment der Genesung . Der ältere Bruder kannte weder diese Worte , noch die Wandlung des Gemüts , der sie Ausdruck liehen . Marwitz , als ihn der Tod ereilte , hatte den Hang und Drang nach dem Unerreichbaren aufgegeben , er stand nicht mehr kritisch und ironisch außerhalb des Kreises , sondern mitschaffend und mitgestaltend innerhalb desselben . Was er wollte , war ein Erreichbares geworden . Ob die Wege , die Preußen einschlug , nachdem die Gefahr von außenher beseitigt und die Triebkraft der Nation auf Dezennien hin verzehrt war , ihm gefallen hätten , muß freilich billig bezweifelt werden , und in diesem Sinne , aber auch nur in diesem , stehen wir nicht an , die Worte des älteren Bruders zu den unsrigen zu machen : » Es war ein Glück zu nennen , daß Gott ihm verlieh , in seinem siebenundzwanzigsten Jahre für das Vaterland zu sterben . « Auf dem Friedhofe zu Friedersdorf hat die Liebe des Bruders auch ihm , neben dem bei Aspern gefallenen Eberhard von der Marwitz , einen Denkstein errichtet , der die Inschrift trägt : » Christian Gustav Alexander v. d. Marwitz , geb . den 4. Oktober 1787 . Lebte für die Wissenschaften . Erstieg deren Gipfel . Redete sieben Sprachen . Wahrete dieses Vatergutes 1806 und 1807 , wie der Bruder zu Felde lag . Von Freiheitsliebe ergriffen , focht er 1809 in Österreich bei Wagram und Znaym . Diente 1813 dem Vaterlande . Schwer verwundet und gefangen , befreite er sich selbst . Wieder genesen focht er in Frankreich und fiel dort bei Montmirail den II. Februar 1814 . Sein Vater war Behrend Friedrich August v. d. Marwitz , seine Mutter Susanne Sophie Marie Luise von Dorville . Hier stand er hoch , dort höher . Seinem Andenken gesetzt von seinem Bruder . « Es erübrigt uns noch , ehe wir Abschied nehmen von Friedersdorf , ein Umblick in den Räumen des Schlosses selbst . Auch hier heißt es : Die Schale bildet sich nach dem Kern . Die hohe , schwere Eichentreppe hinauf , treten wir , am Ausgang eines Korridors , in das Wohn- und Arbeitszimmer August Ludwigs von der Marwitz . Es ist ein großer luftiger Raum , den aneinandergereihte , verhältnismäßig niedrige Wandschränke , nach Art einer Birkenmaserpaneelierung umziehen . Hier entstanden jene Arbeiten , die , nach der Seite des Wissens und Talentes hin , hervorragend , in noch höherem Maße sich auszeichnen durch ihren Mut und ihre Selbständigkeit und der Mittelpunkt der Bestrebungen geworden sind , die sich , um es zu wiederholen , seitdem längst das Recht der Existenz erobert haben . Unsere Aufmerksamkeit gehört aber nicht länger der Tätigkeit des Mannes , sondern nur dem Orte , an dem er tätig war . Die Wandschränke bergen in ihrer Tiefe den besten Teil jener mehrerwähnten Bibliothek , die der Hubertusburg-Marwitz dem Quintus Icilius bändeweis im Spiel abgewonnen , während die vielen Türfelder die Rahmen für ebenso viele Kupferstiche bilden . Diese Benutzung macht einen eigentümlichen und sehr gefälligen Eindruck , der unter der Wahrnehmung wächst , daß die Auswahl der Bilder mehr nach kleinen Liebhabereien , als nach irgendwelchem Kunstprinzip erfolgte . Neben den Abenteuern des Donquixote begegnen wir ernsten und heitern Szenen aus der Zeit der Befreiungskriege ; alte französische Stiche und moderne Gravierungen lösen sich ab . Interessanter noch als diese Schränke selbst erscheinen die Gegenstände , die sich oberhalb derselben aufgestellt befinden : alte Porträts aus dem Hause Holstein-Beck , ein Brustbild Friedrich von Derfflingers , Sohnes des Feldmarschalls , Büsten und Vasen , und endlich ein Reiterkaskett und ein sonderbar geformter schwarzer Wachstuchhut , dessen nach hinten zu herabhängende Krempe an die Helgoländer Schifferhüte erinnert . Das Kaskett ist Eberhards v. d. Marwitz Chevaulegershelm aus der Schlacht von Groß-Aspern und den schwarzen Wachstuchhut trug August Ludwig v. d. Marwitz am Tage von Auerstedt . Die vordere hochstehende Krempe ist von Kugeln durchlöchert . Den Tag selbst aber hat er in seinen hinterlassenen Schriften mit jener Klarheit und mutigen Unparteilichkeit geschildert , denen wir in der Gesamtheit seiner historischen Aufzeichnungen begegnen . Jenseits der Oder Küstrin Unter Markgraf Hans Unter Markgraf Hans ( 1535 – 1571 ) Markgraf Hans war der zweite Sohn Joachims I. ( Nestor ) und der der Lehre Luthers eifrig zugetanen Elisabeth von Dänemark . Als Joachim starb , erfolgte jene Landesteilung , die dem älteren Bruder , Joachim II. ( Hektor ) , die Kurmark , dem jüngeren , Johann , die Neumark und die lausitzischen Besitzungen zusicherte . Johann wurde den 3. August 1513 » zwischen drei und vier Uhr nachmittags « geboren . So genau diese Zeitbestimmung ist , so schwankend ist die Ortsangabe . Leutinger sagt Angermünde , Angelus sagt Tangermünde , Hänfler sagt Peitz , Rentsch sagt Küstrin , und Kaspar Sagittarius stimmt dem letzteren bei . Es darf aber als jetzt feststehend angesehen werden , daß Markgraf Hans auf Schloß Tangermünde geboren wurde . Er war seiner Mutter Liebling , die sich denn auch eifrig beflissen zeigte , seiner Erziehung allen gegenteiligen Bestrebungen zum Trotz eine protestantische Richtung zu geben . Leutinger erzählt , » daß sich der Prinz weggeschlichen habe , wenn er mit seinem Vater in die Messe gehen sollte « , und fügt hinzu , » daß er der Überfülle von Symbolen und Ceremonien in der katholischen Kirche von Jugend auf abgeneigt gewesen sei « . In Sprachen und Wissenschaften , besonders in der Mathematik , empfing er einen vorzüglichen Unterricht und erwies sich früh als ein Erbe der väterlichen Wohlredenheit . Um ihn für seinen fürstlichen Beruf vorzubereiten , nahm ihn der Vater bei sich darbietenden Gelegenheiten mit außer Landes . 1521 war er mit in Worms , 1528 in Grimmen ( bei Beilegung des Streites mit dem Pommernherzoge ) , 1530 in Augsburg . Wenigstens nach Ansicht einiger . Eine gleiche Sorgfalt wurde seiner Ausbildung in den ritterlichen Künsten gewidmet , und er galt später , in seinen Mannesjahren , für einen glänzenden Turnierer . Einzelheiten aus seiner Jugend werden im übrigen wenig berichtet . So kam das Jahr 1535 , und beide Söhne leisteten am Sterbebette ihres Vaters das Versprechen , der alten Lehre treu bleiben zu wollen . In ihrem Herzen stand es aber bereits fest , dieses Versprechen einer höhern Pflicht zu opfern . Ihr Übertritt zum Protestantismus durfte lediglich als eine Frage der Zeit angesehen werden . Johann , der entschiedenere der beiden Brüder , wartete nur seine Vermählung mit Katharina , Tochter des streng-katholisch gebliebenen Herzogs Heinrich von Braunschweig ab und nahm dann in der Schloßkirche zu Küstrin das Abendmahl unter beiderlei Gestalt . Das war im Jahre 1538 , » als am Neujahrstage die Blumen blühten « , und bald darauf reiste der Markgraf nach Wittenberg , um sich von Luther selbst eine Kirchenordnung für seine Neumark zu erbitten . Dieser schlug ihm zwei Prediger zu Superintendenten vor , einen gelehrten und einen bibelfesten , unter denen sich Johann ohne weiteres für den letzteren entschied . » Ein Zeichen « , sagt der Chronist , » daß er wohl wußte , worauf es ankam . « So waren Haus und Kirche durch ihn bestellt , und wenn das Wort von der » christlichen Ehe « jemalen eine Wahrheit war , so war es in dem Bunde , den Markgraf Hans und seine Käthe geschlossen hatten . Ihr Ansehen war so groß , daß ein junger Herzog von Lüneburg an den Küstriner Hof kam , um » an einem rechten Tugendhofe selber Tugend zu lernen « , und der Hofprediger Buchholzer schrieb in einer Vorrede : » daß seines Durchlauchtigen Herrn Ehe denen Potentaten und Regenten ein sonderlich Exempel sein müsse , den Ehestand zu lieben « . Markgraf Hans war ein geborener Regierer , und ordnen und aufbauen entsprach so recht dem innersten Zuge seiner Natur . Er fand – wiewohlen das Schlimmste bereits zurücklag – immer noch recht-und gesetzlose Zustände vor , und sein erstes Trachten , nachdem die kirchlichen Fragen im Lande geregelt waren , war darauf gerichtet , ein festes Recht zu gründen und zu handhaben . Zu diesem Behufe schuf er ein neumärkisches » Hof- und Kammergericht « , das lange Zeit in Segen wirkte und auch nach der Wiedervereinigung der Neumark mit der Kurmark als besonderer Gerichtshof fortbestehen blieb . Er widmete diesem Hof- und Kammergericht seine ganz besondere Aufmerksamkeit , wohnte den Versammlungen der Räte bei und zog in schwierigen und wichtigen Fällen auswärtige Rechtsgelehrte hinzu . Von ähnlicher Bedeutung waren seine Polizeiverordnungen , in denen er das bürgerliche Leben in die richtigen Bahnen lenkte , natürlich alles vom Standpunkt eines patriarchalischen Regimentes aus . Ähnlich wie König Friedrich Wilhelm I. , an den er überhaupt , in seinen Tugenden und Fehlern , lebhaft erinnert , griff er in Großes und Kleines ein , bestimmte die Preise der Lebensmittel , verbot den Handwerkern , Werkeltags in Bierhäusern zu frühstücken , und ordnete die Zahl der Gerichte bei Hochzeiten und Kindtaufen . Selbst die Tafelstunden wurden bestimmt . Daneben war er um alles , was krank , elend und bedürftig war , aufs sorglichste und liebevollste bemüht , und die Armen hatten ein Recht , ihn ihren » Vater « zu nennen . Er war aber nicht nur ein glänzender Verweser und Verwalter seines Landes , er war auch ein Politiker und beherrschte die nach außen hin liegenden Fragen mit absonderem Geschick . Unter diesen Fragen standen einerseits die Beziehungen zu seinem Bruder , dem Kurfürsten , andererseits die zu dem Bischofe von Lebus und dem innerhalb der Neumark reichbegüterten Johanniterorden obenan . Was die Beziehungen zu seinem Bruder , dem Kurfürsten angeht , so waren und blieben sie , soweit das Herz in Betracht kam , immer die besten , während es da , wo die Landes- und beinahe noch mehr die Privatinteressen mitsprachen , an ernsten Zerwürfnissen nicht fehlte . Dies war namentlich auf dem diffizilen Gebiete der Zölle , ganz besonders aber der Oderzölle der Fall , in betreff deren oft schwer festzustellen war , ob der Kurmark oder der Neumark das größere Recht zur Seite stehe . An Nachgiebigkeit war nicht zu denken , weil diese Zolleinnahmen für beide Brüder den allerempfindlichsten Punkt bildeten : für den verschwenderischen Joachim , weil er das Geld beständig gebrauchte , für den sparsamen und geizigen Johann , weil er es beständig vermehren wollte . Ungleich schwieriger noch lagen die Beziehungen zum Orden und zum Bischof , freilich durch eigene Schuld , insofern er von Anfang an bestrebt war , nicht bloß die Macht , sondern vor allem auch den Besitzstand beider zu schmälern . Es sind ihm , was hier gesagt werden muß , alle diese Schritte , weil sie nicht nur von einem protestantischen Fürsten ausgingen , sondern zum Teil auch im direkten Interesse des Protestantismus geschahen , in der Geschichtsschreibung seiner Zeit eher zum Guten als zum Schlimmen gedeutet worden ; ein unparteiisches Urteil aber , das an dem Satze festhält , » daß Rechtsfragen nicht nach jeweiligen Tendenzen gemodelt werden dürfen « , wird nicht umhin können , des Markgrafen Vorgehen gegen Orden und Bischof mit Mißbilligung zu nennen . Um so mehr ( und wir kommen darauf zurück ) , je rücksichtsloser er in der Wahl seiner Mittel war . Rücksichtslos aber klug . Und diese Klugheit bewies er auch , als sich aus dem Schmalkaldischen Bunde , dem er zugehörte , der Schmalkaldische Krieg zu entwickeln begann . Norddeutschland , das in ihm einen Hort des Protestantismus sah , erwartete , daß er als der ersten einer auf die Seite der Bündler treten und einer ihrer Führer werden würde , ja seine damals noch lebende Mutter beschwor ihn , » die protestantische Sache nicht im Stiche zu lassen « . Aber vergebens . Er entschied sich für den Kaiser und führte diesem unter der Fahneninschrift : » Gebet dem Kaiser , was des Kaisers , und Gott , was Gottes ist , « siebenhundert Reiter zu , die denn auch den blutigen Strauß bei Mühlberg mit ausfechten halfen . Den ihn für dieses Verhalten treffenden Tadel hat er durch die Versicherung zu beseitigen gesucht , » daß er das bündlerische Vorgehen nicht als einen Glaubens- , sondern als einen Illoyalitätskampf angesehen habe « , Worte , die sein späteres ruhmvolles Verhalten auf dem Reichstage zu Augsburg rechtfertigen zu wollen scheinen . Nichtsdestoweniger möchte ich die größere Hälfte seiner Handlungsweise einer klugen Berechnung zuschreiben . Er war eben eine durch Mein- und Dein-Fragen auch in seinen Prinzipien stark beeinflußte Natur , und wenn neuerdings , und zwar im Lager der Konservativen selbst , der Satz aufgestellt worden ist , » daß auch das konservativste Blatt immer noch mehr › Blatt ‹ als › konservativ ‹ sei « , so wird sich von Markgraf Hans als dem protestantischsten Fürsten seiner Zeit , vielleicht sagen lassen , » daß er immer noch mehr › Fürst ‹ als Protestant gewesen sei « . Einzelne Züge ,