Handelskontor für die verschiedenen Bedürfnisse der kleinen Kolonie zu führen . Wie sie aber sah , daß die Genossen sie am Schaden ließen und sie verarmen würde , änderte sie das Verfahren . Sie zog ihr Land wieder an sich , ließ es um den Tagelohn von denen bearbeiten , die für eigene Rechnung zu träg dazu gewesen , und so brachte sie alle miteinander dazu , sich zu rühren . Sie setzte den Weibern die Köpfe zurecht , pflegte die kranken Kinder und erzog die gesunden , kurz , der Selbsterhaltungstrieb war mit einer großen Opferfähigkeit so glücklich in ihr gemischt , daß sie die Leute und mit ihnen sich selbst so lange über Wasser hielt , bis ein bedeutender Verbindungsweg in die Nähe der Ansiedlung kam und mit demselben eine wachsende Zahl von kräftigeren Elementen , die schon geschult waren , so daß zusehends die Wendung zum Bessern für alle eintrat . Während der ganzen Zeit aber hatte sie die Bewerbungen um ihre Person abzuwehren , was sie mehr im Scherze andeutete als ernsthaft erwähnte ; zeitweise , wenn gefährliche Abenteurer sich herbeimachten und die Sicherheit bedrohten , hielt sie sich sogar Waffen und verließ sich nur auf sich selber . Als aber das Kalb durch den Bach gezogen , das Gedeihen begründet und die Ansiedlung mit dem Namen irgendeiner berühmten Stadt der Alten Welt vor Christi Geburt versehen war , zog sie sich zurück und überließ sich einer ruhigeren Lebensart ; denn sie war weder eine gewohnheitsmäßige Pädagogin noch eine vorsätzliche Tatverrichterin . Dagegen vervielfachte sie durch den Verkauf ihres Landes ihr ursprüngliches Vermögen und beschaute sich zuweilen während einiger Wochen das Leben in der Hauptstadt des Staates oder anderen größeren Städten , oder sie fuhr auf den breiten Flüssen , wenn sich Gesellschaft fand , landeinwärts , bis sie die wilden Indianer zu sehen bekam . Alles das erzählte sie bruchstückweise und ungezwungen mit solcher Kurzweiligkeit , daß wir nicht müde wurden zuzuhören , zumal jedes Wort den Stempel der Wahrheit an sich trug . Inzwischen war die Zeit wie ein Augenblick für mich verstrichen , da ich seit Jahren nicht so sorglos und glücklich an einem Tische gesessen , und der Einspänner des Wirtes , der mich nach Hause bringen sollte , stand bereit , weil ich für die Morgenfrühe mehrere Amtsgeschäfte anberaumt hatte . Ich dankte der Judith beim Abschiede für die Gastfreundschaft und lud sie ein , sich bald bei mir schadlos zu halten , wo wir zwar auch im Wirtshause essen müßten , weil ich keine Haushaltung führe . » Ich werde schon in den nächsten Tagen angefahren kommen « , sagte sie , » in diesem gleichen Triumphwagen , und mich bezahlt machen ! « Als ich schon im Gefährte saß , drückte sie mir in der Dunkelheit schweigend die Hand und blieb lautlos stehen , bis ich weggefahren war . Das neue Glück , das mich erfüllte , trabte sich jedoch schon am andern Morgen , als ich bedachte , daß ich ihr nun das Geheimnis meines Gewissens und das Schicksal der Mutter enthüllen müsse . Denn wenn es jetzt ein Urteil gab , das ich fürchtete , so war es dasjenige dieser einfachen und wundersamen Frauenerscheinung , und doch war mir weder Freundschaft noch Liebe zwischen ihr und mir denkbar , wenn sie nicht alles wußte . Ich erwartete sie deshalb mit ebensoviel Furcht als Ungeduld , bis sie am zweiten Vormittage kam . Eine gewisse Niedergeschlagenheit war in die Freude des Wiedersehens gemischt , und zwar bei ihr wie bei mir . Nachdem sie sich in meiner Wohnung ein wenig umgeschaut , sagte sie , Hut und Überwurf weglegend : » Es ist doch recht hübsch in diesem großen Amtsdorfe , fast wie in einer Stadt . Ich hätte Lust , hieher zu ziehen und mehr in deiner Nähe zu sein , wenn nur - « Sie hielt verschüchtert inne , gleich einem jungen Mädchen , fuhr dann aber : » Sieh , Heinrich , schon mehrmals bin ich seit meiner Ankunft auf dem Bergpfade gewesen , wo du mich getroffen hast , um hier herüberzuschauen , da ich mir nicht zu kommen getraute ! « » Nicht getraut ! Eine so tapfere Person ! « » Sieh , das ging so zu : Du liegst mir einmal im Blut , und ich habe dich nie vergessen , da jeder Mensch etwas haben muß , woran er ernstlich hängt ! Nun erschien vor einiger Zeit in unserer Kolonie ein neuer Landsmann aus dem Dorfe , der sich jedoch auch schon einige Jahre drüben herumgetrieben hat . Da von den heimatlichen Dingen gesprochen wurde , frug ich beiläufig nach dir und ob man im Dorfe nichts von dir wisse , hoffte aber nicht , etwas zu erfahren , woran ich längst gewöhnt war . Der Mann besann sich ein Weilchen und sagt : Ja , wartet , wie ist denn das ? Ich habe davon gehört , und nun erzählte er . « » Was erzählte er ? « fragte ich traurig . » Er habe gehört , daß du verarmt in der Fremde herumgezogen seist , die Mutter in Schulden gebracht und darüber habest sterben lassen und daß du dann in elendem Zustande heimgekehrt seiest und als ein Schreiberlein irgendwo dein Leben fristest . Als ich so dein Unglück vernahm , packte ich unverzüglich auf , um zu dir zu kommen und bei dir zu sein ! « » Judith , das hast du getan ? « rief ich . » Was meinst du denn ? Sollte ich , die dich als grünen Knaben einst so herzlich geliebt und gekost hat , dich nun in Not und Kummer wissen , ohne zu dir zu kommen ? - Aber da ich nun kam , da war alles nicht wahr ! Zwar die Mutter ist gestorben , du aber bist in guten Zuständen aus der Fremde gekehrt und stehst jetzt beim Regierungswesen und in Ehr und Ansehen , wie ich wohl merke , obgleich man sagt , du seiest etwas stolz und unfreundlich ! Dies letztere ist nun freilich auch nicht wahr ! « » Und du bist also meinetwegen aus Amerika aufgebrochen , obgleich du mich für schlecht gehalten hast ? « » Wer sagt das ? Ich habe dich trotzdem nicht für schlecht , nur für unglücklich gehalten ! « » Das Schlimmste an dem Unglück ist aber dennoch wahr , meine Verschuldung ! Ich habe wirklich meine Mutter in Kummer und Sorgen gebracht und bin eben recht gekommen , der daran Sterbenden die Augen zuzudrücken ! « » Wie ist das denn zugegangen ? Erzähle mir alles , denke aber nicht , daß ich mich von dir werde abwendig machen lassen ! « » Dann hat dein Urteil keinen Wert , wenn es nur durch deine gütige Zuneigung bedingt wird ! « » Eben diese Neigung ist Urteils genug , und du mußt es anerkennen ! Doch erzähle nur ! « Ich tat es in ausführlicher Weise , so ausführlich , daß ich gegen das Ende hin die Aufmerksamkeit auf meine Rede verlor und zerstreut wurde ; denn ich spürte inzwischen den alten Druck von der Seele weichen und wußte , daß ich frei und gesund war . Plötzlich unterbrach ich mich und sagte : » Es nützt nichts , länger zu schwatzen ! Du hast mich erlöst , Judith , und dir danke ich ' s , wenn ich wieder munter bin ; dafür bin ich dein , solang ich lebe ! « » Das läßt sich hören ! « erwiderte sie mit glänzenden Augen und mit einem Ausdrucke von Zufriedenheit in ihren schönen Gesichtszügen , daß der Anblick mich in der Erinnerung immer wieder irremachte , wenn ich im Laufe der Jahre zu erwägen hatte , wie mit der Schönheit der Dinge doch nicht alles getan und der einseitige Dienst derselben eine Heuchelei sei wie jede andere . Ja , neben der Erinnerung an Dortchens Angesicht am Tische des Kaplans leuchtet mir Judiths Anblick fort wie ein Doppelstern . Beide Sterne sind gleich schön und doch nicht beide gleich in ihrem wahren Wesen . » Nun habe ich Hunger und möchte essen , wenn du was hast ! « sagte Judith ; » aber richte dich ein , den übrigen Tag mit mir im Freien zuzubringen ; unter Gottes freiem Himmel wollen wir unsere Sachen zu Ende führen ! « Wir stellten fest , daß ich nach Tisch mit ihr heimwärts fahre , daß wir aber am Eingange des Tales , wo wir uns zuerst getroffen , den Wagen weiterschicken und den Berg mit der Nagelfluhe besteigen wollten . Fröhlich und zufrieden aßen wir zusammen im Herrenstübchen des Gasthauses zum goldnen Stern . In einem der Fenster leuchtete eine zweihundertjährige gemalte Scheibe mit den Wappen eines Ehepaares , das nun schon lange zu Staub geworden . Über den beiden Wappen stand die Inschrift : » Andreas Mayer , Vogt und Wirt zum gülden Stern , und Emerentia Juditha Hollenbergerin sind ehlich verbunden am 1. Mai 1650 . « Der Hintergrund , auf welchem die zwei Wappen standen , zeigte ein Gartenland mit einer Gesellschaft zechender Engelsfigürchen zwischen Rosenbüschen . Ein geschmücktes Paar , die Handschuhe in den Händen , sah den kleinen Trinkgesellen wohlgefällig zu . Zuunterst aber quer über die Scheibe stand auf einem breiten Bande der Spruch : Hoffnung hintergehet zwar , Aber nur , was wankelmütig ; Hoffnung zeigt sich immerdar Treugesinnten Herzen gütig ! Hoffnung senket ihren Grund In das Herz , nicht in den Mund ! Die gemeinsame Quelle , aus welcher beide Schreiber , die so weit auseinander lebten , der alte Glasmaler und das Fräulein im Grafenschloß , geschöpft hatten , mußte somit ein sehr altes Buch sein . Mich aber berührte diese Aufdringlichkeit des Zufalls , die aus der ganzen Schilderei leuchtete , eher ängstlich und beklemmend als freudig ; denn dieser Machthaber schien sich förmlich zu meinem Führer aufwerfen zu wollen , und der Spruch konnte eine neue Täuschung verkünden . Judith las denselben , ohne auf das Bildwerk zu achten , und sagte lächelnd : » Welch ein schöner Vers und gewißlich wahr ; man muß ihn nur richtig verstehen ! « Wir begaben uns also auf den Weg , schickten den Wagen am Fuße jenes mäßigen Berges weg und wanderten gemächlich hinauf , und zwar auf die Scheitelhöhe . Dort standen , weit in das Land ragend , zwei mächtige uralte Eichbäume , unter welchen eine Bank und ein steinerner , ganz bemooster Tisch sich befanden . Vor der christlichen Zeit sollte hier eine Kultusstätte , später eine Dingstätte gewesen sein und von letzterer Bestimmung der Tisch herrühren . Auf der Bank im Schatten der mächtig ausgreifenden Aste sitzend , schauten wir Hand in Hand in die bläuliche Ferne der Rundsicht . Judith hatte ihren Hut und Sonnenschirm auf den Tisch gelegt . Nach einer Weile , als sie auch den Tisch betrachtet und sich die Bedeutung desselben hatte erklären lassen , sagte sie mit bedächtlichen und bewegten Worten : » Wie nennt man ' s denn in den Ländern , wo es Könige gibt , wenn diese gekrönt werden und an den Altären stehen ? « Ich wußte nicht gleich , was sie meinte , und sann nach . Da ich sie aber unverwandt auf den alten Steintisch schauen sah und sie sogar Hut und Schirm wegnahm , wie um die Sache deutlicher zu machen , fiel es mir ein , und ich sagte : » Es heißt , sie nehmen die Krone von Gottes Tisch ! « Da sah sie mich zärtlich an und flüsterte : » Ja , so heißt es ! Sieh , und nun könnten wir hier auch das Glück von Gottes Tisch nehmen , was die Welt das Glück nennt , und uns zu Mann und Frau machen ! Aber wir wollen uns nicht krönen ! Wir wollen jener Krone entsagen und dafür des Glückes um so sicherer bleiben , das uns jetzt , in diesem Augenblicke , beseligt ; denn ich fühle , daß du jetzt auch glücklich und zufrieden bist ! « Ich schwieg erschüttert still . Doch fuhr sie fort : » Schau , ich habe es mir schon auf dem Meere und während eines Sturmes überlegt , als die Blitze um die Masten zuckten , die Wellen über Deck schlugen und ich in der Todesangst deinen Namen ausrief , und die letzten Nächte wieder hab ich es hin und her gewendet und mir gelobt Nein , du willst sein Leben nicht zu deinem Glücke mißbrauchen ! Er soll frei sein und sich durch die Lebenstrübheit nicht noch mehr abziehen lassen , als es schon geschehen ist ! « Ich schüttelte aber den Kopf und sagte betroffen : » Ich will nicht unbescheiden sein , Judith , allein ich habe es mir doch anders gedacht . Wenn du mir in der Tat gut bist , willst du nicht lieber bei mir leben , als immer so einsam sein , so allein stehen in der Welt ? « » Wo du bist , da werde ich auch sein , solange du allein bleibst ; du bist noch jung , Heinrich , und kennst dich selber nicht . Aber abgesehen hievon , glaube mir , solange wir so sind wie jetzt , in dieser Stunde , wissen wir , was wir haben , und sind glücklich ! Was wollen wir denn mehr ? « Ich begann zu fühlen und zu verstehen , was sie bewegte ; sie mochte zuviel von der Welt gesehen und geschmeckt haben , um einem vollen und ganzen Glücke zu vertrauen . Ich sah ihr ins Gesicht und strich ihr weiches braunes Haar zurück , indem ich rief : » Ich habe ja gesagt , ich sei dein , und will es auf jede Art sein , wie du es willst ! « Sie schloß mich heftig in die Arme und an ihre gute Brust ; auch küßte sie mich zärtlich auf den Mund und sagte leis : » Nun ist der Bund besiegelt ! Aber für dich nur auf Zusehen hin ; du bist und sollst sein ein freier Mann in jedem Sinne ! « Und so ist es auch zwischen uns geblieben . Noch zwanzig Jahre hat sie gelebt ; ich habe mich gerührt und nicht mehr geschwiegen , auch nach Kräften dies oder jenes verrichtet , und bei allem ist sie mir nahe gewesen . Wenn ich den Wohnort verändern mußte , so ist sie mir das eine Mal gefolgt , das andere nicht , aber sooft wir wollten , haben wir uns gesehen . Wir sahen uns zuweilen täglich , zuweilen wöchentlich , zuweilen des Jahres nur einmal , wie es der Lauf der Welt mit sich brachte ; aber jedesmal , wo wir uns sahen , ob täglich oder nur jährlich , war es uns ein Fest . Und wenn ich in Zweifel und Zwiespalt geriet , brauchte ich nur ihre Stimme zu hören , um die Stimme der Natur selbst zu vernehmen . Sie starb , als eine verderbliche Kinderkrankheit herrschte und sie sich mit ihren hilfsbereiten Händen in eine ratlose Behausung armer Leute stürzte , die mit kranken Kindern angefüllt und von den Ärzten abgesperrt war . Sonst hätte sie leicht noch zwanzig Jahre leben können und wäre ebensolang mein Trost und meine Freude gewesen . Ich hatte ihr einst zu ihrem großen Vergnügen das geschriebene Buch meiner Jugend geschenkt . Ihrem Willen gemäß habe ich es aus dem Nachlaß wiedererhalten und den andern Teil dazugefügt , um noch einmal die alten grünen Pfade der Erinnerung zu wandeln .