sieht , daß der Abschied - einem Anderen schwer wird . Ihr Ton war immer leiser geworden , sie nahm sich zusammen , um ihre Bewegung und die Thränen zu bemeistern , die sich ihr in die Augen drängen wollten . Seba fühlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schönheit und freimüthiger Selbstüberwindung , und wie ein warmer , Frühling verkündender Sonnenschein zog eine neue , selbstlose Hoffnung in ihre Brust ; aber sie sowohl als ihr Vater hüteten sich , es auszusprechen , wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und wie sie beide ihre Wünsche und Hoffnungen theilten . Man nahm ihr Bekenntniß wie eine sich von selbst verstehende Sache hin , und als Seba die Absicht äußerte , den Portier zu befragen oder den Gärtner kommen zu lassen , ob und wann und auf welchem Wege Paul das Haus verlassen habe , gab ihr Vater das nicht zu . Er sagte , da Paul einmal verdächtigt worden sei , habe er , wie immer , richtig gehandelt , indem er Berlin so bald als möglich und heimlich verlassen habe . Es entziehe dieses Letztere sie Alle für den schlimmsten Fall jeder Verantwortlichkeit , und wolle die französische Regierung seiner habhaft werden , lasse man ihn selbst verfolgen , so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein Wesentliches gewonnen . Da die Leute im Hause ihn noch in der Nacht arbeitend glaubten und Herr von Castigni dies gehört habe , werde man es nicht auffallend finden , wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im Hause und im Comptoir erscheine , und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden , daß Herr von Castigni früher als am Vormittage von der Abreise Paul ' s benachrichtigt werde . Er traue es dem Letzteren zu , daß er seine Maßregeln zweckmäßig und umsichtig getroffen haben werde , und wenn es ihm nur gelungen sei , unbehindert aus der Stadt zu kommen , so hoffe er das Beste . Das Land ist freilich überschwemmt von Truppen , aber gerade das erleichtert es ihm vielleicht , unbeachtet zu bleiben ; denn man hat überall mit sich vollauf zu thun , und seine Papiere wird er in Ordnung haben , tröstete Herr Flies , um die Seinigen zu beruhigen . Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel , wie ich vermuthe , noch mit Schlitten reisen , so ist er geborgen und wir hören bald von ihm . Aber bis dahin ? fragten ängstlich Seba und Davide wie aus Einem Munde . Bis dahin müssen wir uns gedulden , meine lieben Kinder , und uns vorbehalten , daß man nicht zu beklagen ist , so lange man für die Seinigen noch fürchten und hoffen kann . Welch ein Unglück ! rief Seba , niedergeworfen von der Sorge um den so lange Entbehrten und endlich Wiedergefundenen , aus . Ja , sagte Herr Flies , es sind böse , böse Zeiten ; aber unglücklich ist man erst , wenn man nicht mehr hoffen kann ! Behaltet guten Muth , zeigt morgen ein heiteres Gesicht , denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Häusern und Sklaven der Fremden in unserem Vaterlande , und obschon wir nicht Verbannte sind , könnten wir singen , wie es in den Psalmen heißt : » Wir saßen an den Wassern und weineten ! « Er seufzte , küßte die Tochter und Nichte auf die Stirn , hieß sie , sich zur Ruhe begeben , und bald war es still und dunkel in dem ganzen Hause ; nur in Paul ' s einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort , bis sie am Morgen in sich selbst erloschen . Siebzehntes Capitel Drei Tage und fast drei Nächte waren seitdem vergangen . Ein feiner , trockener Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder . Von durchsichtigem Gewölke leicht verhüllt , stand der Mond am Himmel , als ein offener Schlitten , von zwei kleinen , raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen , über die Nehrung , über jene Landenge fuhr , die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht . Zwei Männer , in Pelze eingewickelt , saßen in dem Schlitten . Ein polnischer Jude , ebenfalls in seinen Pelz gehüllt , die spitze , verbrämte Sammetmütze tief auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen , machte ihren Kutscher . Die Nacht war kalt . Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer , das sich mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten , dunklen Fläche abhob . Ein Königsberger Kaufmann hatte den Juden , der in Rußland zu Hause war , gedungen , die beiden Fremden über die Nehrung nach der Grenze zu bringen ; aber wie sehr der Jude sich auch bemühte , er hatte es nicht ermitteln können , wer sie wären und was sie in Rußland zu suchen hätten . Daß sie nicht Herr und Diener seien , als welche ihre Kleidung sie bezeichnete und als welche sie sich ausgaben , das hatte der Schlaue bald bemerkt ; denn überall war es der sogenannte Herr gewesen , der , wo es Noth that , die rasche Hand angelegt , während der Diener sich immer erst nachträglich dazu entschlossen hatte . Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht , denn er hatte , so genau er auch darauf merkte , noch kein deutsches Wort von ihren Lippen vernommen ; Franzosen aber waren nicht so gelassen . Für gewöhnliche Reisende war in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Straße , für Kaufleute , die Geschäfte in Rußland machen , also länger dort verweilen wollten , hatten die Fremden ihm nicht genug Gepäck bei sich , und französische Emissäre konnten sie vollends nicht sein , denn diese würden bis zur Grenze die Beförderung durch die Post gefordert haben . Er kam also , je mehr er darüber nachsann , immer wieder auf den Gedanken zurück , daß seine Passagiere , obschon sie Französisch mit einander redeten , Engländer sein müßten und daß sie auf diesem wenig besuchten Wege nach der Grenze gingen , um zu sehen , auf welche Weise sich englische Waaren über Rußland nach Deutschland bringen ließen . Dadurch aber stiegen sie nur in seiner Werthschätzung , denn von einem Handelsverkehre , wie er ihn bei den Reisenden vorauszusetzen für angemessen fand , pflegte für die vermittelnden Juden immer ein kleinerer oder größerer Gewinn abzufallen , und : » Leben und leben lassen « ist ein alter Grundsatz . Es war eine schnelle , lautlose Fahrt . Von Zeit zu Zeit sah der eine oder andere der beiden Reisenden in die Gegend hinaus , und wenn sie gewahrten , daß sie einsam auf der überschneiten Düne blieben , schien ihnen das erwünscht zu sein . Sie redeten dann auch eine Weile mit einander , aber so leise , daß der Jude nicht ermitteln konnte , um was es sich dabei handle , obschon er in der langen Zeit des Krieges und der Franzosenherrschaft genug von der Sprache der Fremden erlernt hatte , um sie verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu können . Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten Anhalten hingegangen , als der Diener sich bei dem Kutscher erkundigte , wie lange man bis zur Grenze noch zu fahren habe . Der Jude , froh der Anrede , weil sich ihm mit derselben doch eine Möglichkeit eröffnete , seine redselige Neugier zu befriedigen , meinte , wenn er so zufahre , wie bisher , und seine Pferde es aushielten , so könne man bald nach Tagesanbruch auf der Grenze sein . Muß man die Stadt passiren , um an die Grenze zu gelangen ? fragte der Diener ihn abermals . Wenn die gnädigen Herren nichts haben zu thun in der Stadt , entgegnete der Jude , so müssen die Herren nicht ; aber ich muß halten in der Stadt oder muß noch einmal machen eine Station hinter der Stadt , von wegen meiner Pferde . Er hatte die Thiere , während er dieses sagte , sich selber überlassen ; sie fingen also langsamer zu gehen an , und der Diener ermahnte den Juden , mit Zusage einer besonderen Belohnung , sie auf ' s Neue anzutreiben . Will das sein ein Bedienter , dachte der Jude , und nimmt seinem Herrn das Wort vorweg . - Er schlug nichts desto weniger mit lautem , ermuthigendem Schrei anscheinend unbarmherzig auf seine Thiere los , wußte den Hieb jedoch so geschickt zu führen , daß er sie gar nicht traf . Der andere Reisende , dessen schweigender Achtsamkeit sich nicht das Geringste entzog , bemerkte diese List . Lassen Sie ihn nicht merken , mein Freund , sagte er zu seinem Gefährten , wie sehr wir die Grenze zu erreichen wünschen . Er könnte sonst leicht auf den Gedanken kommen , sich zaudernd eine größere Belohnung zu verdienen , und wir sind in seiner Hand . Die Nähe des Zieles macht ungeduldig , und Sie kennen sicher so gut wie ich die abergläubische Furcht vor dem Scheitern im Angesichte des Hafens ! entgegnete der Zurechtgewiesene , mit diesen Worten sich gleichsam rechtfertigend . O ja ! Es gab eine Zeit , versetzte Paul , in welcher ich diesen Eindrücken sehr unterworfen war ; seit ich aber nicht mehr sonderlich an dasjenige glaube , was man als Glück bezeichnet , habe ich auch die Furcht vor seinen Launen verloren . Sie würden es also nicht als ein Glück erachten , wenn wir ungehindert unser Ziel erreichten , und es nicht ein Unglück nennen , würden wir daran verhindert ? Nein ! entgegnete der Andere . Ich habe für den Fall , daß man es wirklich auf meine Person abgesehen hätte , mit Ihrer Hülfe nach bestem Wissen meine Vorsichtsmaßregeln genommen ! Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht , so ist das unser Verdienst und kein besonderes Glück ! Mißlingt unser Unternehmen , so unterliegen wir nur einem Naturgesetze , der Macht des Stärkeren , denn zwischen uns und unseren Feinden ist die Partie nicht gleich ! Er brach ab , und diesmal war er es , der mit scharfem Auge um sich blickte , denn das Wetter fing an , sich bedenklich zu verändern . Die leichten Wolkenstreifen hatten sich zusammengezogen und verdichtet , der Mond verschwand bisweilen plötzlich hinter ihnen , dann kam er eben so plötzlich aus dem schweren , schwarzblauen Gewölke hervor , das Meer beleuchtend , dessen Wogen sich immer höher hoben , während ein dumpfes Grollen aus seinen Tiefen dem klagenden Weherufe des Windes Antwort gab . Licht und Schatten wechselten schnell und phantastisch mit einander ab , aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener , die Dunkelheit immer tiefer . Nur bisweilen meinten sie noch den Gischt der aufgebäumten Welle zu gewahren , wenn sie unter dem Stoße des heulenden Windes niederdonnerte und hinzischend auf dem eisigen Ufer zerfloß . Je länger sie fuhren , je stärker erhob sich der Sturm . Er trieb ihnen den stechenden Schnee entgegen , daß es ihnen den Athem versetzte und sie die Augen kaum noch öffnen konnten ; aber sie beklagten sich nicht darüber , und das bestärkte den Juden nur in seinen Vermuthungen über sie . Die sind ' s gewohnt , wie ich , dachte er , und er wollte versuchen , ob sich aus der Lage , in welcher sich nach seiner Meinung die Reisenden befanden , nicht ein Vortheil für ihn ziehen ließe . Gnädiger Herr , hob er an , sich auf seinem Sitze halb umwendend , gnädiger Herr ! Der Herr Bedienter haben mich vorhin zu fragen beliebt , ob man kann an die Grenze kommen , ohne zu fahren durch die Stadt . Wenn der gnädige Herr mir geben will fünfunddreißig Rubel mehr , daß ich meine Pferdchen kann nachher rasten lassen , will ich den gnädigen Herrn über die Grenze bringen , ohne daß er soll zu sehen bekommen einen Grenz-Kosaken oder einen Beamten von dem Zoll . Und wer soll mir denn den Paß visiren ? fragte Paul . Der Herr haben also einen Paß ? forschte der Jude ungläubig . Wie anders ? entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein . Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen . Ich bin drüben gleich hinter unserer Grenze zu Hause , fuhr er fort , und habe meine Tochter diesseits verheirathet im letzten Kruge . Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll , und sie kennen mich auch . Wenn vielleicht .... Er hielt überlegend inne , ob er so weit gehen sollte , und wagte es endlich dennoch , seine pfiffige Vermuthung auszusprechen - wenn vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Paß - die Pässe werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger ! Schlimm für Dich , der Du heimlich über die Grenze gehen willst , falls wir Dich verhindern , Deine Contrebande in der Stadt oder draußen bei Deinem Tochtermanne abzulegen , bis Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst ! Und nun fahr zu ! rief Paul befehlend , allen Vermuthungen , Vorschlägen und Planen des Juden damit ein Ende machend , wie sehr dieser sich auch hoch und theuer verschwor , daß er gar keine Waare bei sich habe , daß er ein ehrlicher Mann und ganz ausschließlich nur auf der gnädigen Herren Vortheil bedacht gewesen sei . Aber die Besorgniß , daß es doch vielleicht französische , mit heimlicher Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein könnten , die er fahre , lähmte endlich des Juden Zunge , und , Jeder in seine Gedanken versenkt , sahen die beiden Reisenden schweigend in die Nacht hinaus , während die Sekunden kamen und entschwanden , während Woge um Woge gleichmäßig auf das Eis des Ufers rollte , während der Sturm die Wolken , die er zusammengefegt hatte , in wildem Laufe vor sich her trieb , bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter , und bis endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem Siebengestirn herniedersah . Paul begrüßte ihn wie einen alten Freund . Seine frühesten Erinnerungen knüpften sich an dieses Gestirn . In dem kleinen Hause seiner Mutter hatte er auf seines Vaters Knie gesessen , als dieser ihm das Gestirn gezeigt ; aus dem Fenster der Kriegsräthin , aus Seba ' s Stube hatte er es gesehen . Es hatte ihm geleuchtet in der Schmerzensnacht , die ihn aus der Heimath fortgetrieben , es hatte ihn nicht verlassen , als er , ein flüchtig gewordener Knabe , über das weite Weltmeer gefahren war , und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der Heimath , als er in dem fremden Welttheile nichts sein eigen genannt hatte , als sein nacktes Leben . Eine Rührung , die ihm fremd war , bemächtigte sich seiner . Hingenommen von seiner rastlosen Thätigkeit , war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum Nachsinnen geblieben . Wie man im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem Blicke und sicherer Hand den Ring absticht , hatte er im eiligen Wechsel der Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die Ueberzeugungen und Grundsätze bilden müssen , nach denen er sein Leben regelte . Von der flüchtigen Minute hatte er Belehrung fordern , in die freie Minute sein Empfinden zusammenpressen müssen , und des glücklich Erreichten hatte er sich kaum erfreuen dürfen , weil immer ein neues , nothwendig noch zu Erreichendes schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte . Nun freilich hatte er , was er zuerst erstrebt . Er hatte einen eigenen und einen guten Namen , den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme Mutter hinterlassen hatte , sondern einen Namen , den er sich selbst geschaffen , wie seinen ganzen , nicht unbedeutenden Besitz . Aber wozu das alles ? fragte er sich auch in dieser Stunde . Wer bedarf des Besitzes , den Du Dir erworben hast ? Wen freut es , wenn Dein Fleiß ihn wachsen macht ? Wer sorgt sich darum , wenn er Dir verloren geht ? Für wen bist Du eine Nothwendigkeit in dieser weiten Welt ? Und während diese Gedanken in ihm aufstiegen , nannte er selbst sie ein Unrecht gegen die Frau , welche die Beschützerin seiner Kindheit und das Ideal seiner Jugend gewesen war . Er liebte Seba auch heute noch , wärmer , zärtlicher , begeisterter , als der Sohn die Mutter liebt ; denn seine Liebe war freier , als die Kindesliebe , war nicht naturbestimmt , sondern Erkenntniß und frei Wahl , und überall steht das Freigewählte hoch über allem Angeborenen . Aber Seba war nicht jung wie er , sie bedurfte seiner nicht , sie war nicht ausschließlich sein eigen . Es änderte sich in ihrem Loose , in ihrem Leben nichts , was auch aus ihm werden mochte , und doch dünkte es ihn , als gleiche er immer nur dem Blatte , das der Wind umhertreibt , als fasse er nicht feste Wurzel in dem Leben , so lange er sich nicht nothwendig , nicht unentbehrlich für ein anderes Menschenwesen wisse , so lange er , der keine Heimath und keine Familie für sich vorgefunden hatte , sich nicht seine Heimath selbst geschaffen habe in der Familie , die er selbst begründet , so lange er sich in seinen Kindern nicht eine Fortdauer über seinen Tod gesichert habe . Ein scharfer Luftstrom streifte über Paul ' s Stirn und entriß ihn seinem weichen Sinnen . Die Nacht war im Entschwinden . Wie am ersten Schöpfungstage begannen Luft und Wasser sich vor seinem Auge zu scheiden , der Blick wurde wieder Herr der Welt , und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das schwebende und wallende Gewölk , das sie mit ihrem Purpur färbte , stieg endlich in flammender Herrlichkeit die Sonne , mächtig in ihrer Leben bringenden Kraft , aus den dunkeln , kalten Wogen an dem klar gewordenen Winterhimmel empor . Der Morgen , rauh und kalt wie er war , erfrischte Paul und gab ihn sich selber wieder . Er wußte , was ihm das Herz so weich gemacht hatte , aber er scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort , denn Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als eine Unmännlichkeit und Schwäche . Erst das Vaterland und dann das Haus , erst die Freiheit und dann das Glück ! rief er laut sich selber zu , und ohne zu wissen , worauf dieser Wahlspruch sich bezog , stimmte Herr von Werben von Herzen in denselben ein . Dem Juden , der inzwischen nicht aufgehört hatte , seine Passagiere heimlich zu beobachten , entging weder die sichtliche Zufriedenheit , mit welcher sie den Tag begrüßten , noch ihr wachsendes Verlangen , an die Grenze zu kommen , und er gab die Hoffnung noch nicht auf , von ihrer guten Stimmung zu erlangen , was ihre Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte . Daß seine Passagiere keine gewöhnliche Leute seien und daß er unter ihrem Schutze , wenn sie nur wollten , mit seinen Waaren die Grenze gut passiren könne , das hatte sich in den Stunden einsamen Sinnens für ihn als letzte Ueberzeugung festgestellt . Es kam daher für ihn , wie er meinte , nur Alles darauf an , ihr Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu gewinnen , und er ließ es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen . Er rückte seine Spitzmütze vergnüglich weit aus der Stirn zurück , er schnalzte mit der Zunge , knallte mit der Peitsche , schlug , sich zu erwärmen , mit den Beinen gegen seinen elenden Sitz , daß die Stiefel gegen das Holz klapperten . Aber was er auch that , die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen , es schlug alles fehl , denn Paul war Kaufmann genug , um den Begehrenden an sich herankommen zu lassen . Endlich , als über der weiten Fläche die Thürme der Hafenstadt sich schon erhoben , hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe an und sagte , sich mit dem pfiffigen und zugleich ängstlichen Blicke seines Volkes zu den Reisenden wendend , während er mit dem Stiele seiner zerbrochenen Peitsche vorwärts zeigte : Der gnädige Herr sehen , ich habe gehalten mein Wort und meine Zeit ! Was soll ich haben , wenn ich die Herren gerades Weges nach der Grenze fahre ? Das wird sich an der Grenze finden , gab ihm Paul zur Antwort , dessen sich , nun er sich dem Ziele so nahe wußte , das Verlangen , es zu erreichen , mit einer wahren Leidenschaft bemächtigte , und noch ehe der Jude sich besinnen konnte , hatte Paul , um seiner Sache sicher zu sein , sich an seine Seite gesetzt und ihm mit dem Befehle , ihm die nächste Straße nach der Grenze anzugeben , Zügel und Peitsche aus der Hand genommen . Der Jude , sobald er merkte , daß es Ernst und daß kein Auflehnen gegen den fremden Willen möglich sei , ließ zwar Alles geschehen , denn auch er war schneller Berechnung fähig und hoffte seinen Vortheil von seiner Nachgiebigkeit zu ziehen . Aber er schrie und klagte über die Gewaltthat , die Paul an ihm beging . Er jammerte über sein Mißgeschick , er nahm Gott zum Zeugen , daß er ein rechtlicher Mann sei , und klagte Gott an , daß er ihm diese Passagiere zugesendet . Er verwünschte sich und sie und seine Noth und seine Armuth , bis er endlich den kutschirenden Paul , der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar nicht achtete , beschwor , wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge , aus dessen Schornstein man den weißgrauen Rauch aufsteigen sah , eine kleine Rast zu gönnen . Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein , werden ' s die armen Thiere nicht halten aus , und die gnädigen Herren werden liegen bleiben , wenn sie nicht hier anhalten bei dem Abraham , der ein ehrlicher Mann ist und mein Tochtermann ! Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze , und ohne Fütterung können die Pferdchen nicht weiter fort ! Paul konnte es sich nicht verhehlen , daß der Jude hierin die Wahrheit redete . Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit , und die Peitsche und sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie . Als sie vor dem einsamen , an der Straße liegenden Gehöfte des Wirthshauses vorfuhren , trat der Krüger , ebenfalls ein polnischer Jude , vor die Thüre hinaus und erkannte und begrüßte seinen Schwiegervater , der ihm in einer den Reisenden unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief . Wie weit ist ' s von hier zur Grenze ? fragte Paul den Krüger . Eine halbe Stunde , gnädige Herren ! antwortete ihm dieser , weil er dadurch Zeit für die Rast zu gewinnen meinte . Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die Rede . Eine halbe Stunde , sagst Du ! Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde ? Eine Stunde ist ' s , und eine gute Stunde , und die Pferde .... Genug ! versetzte Paul , der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe , wie dieser auch geartet war , kein unnöthiges Hinderniß und keine Gefahr bereiten wollte ; denn er hatte sie gut bedient , und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine Belohnung zugedacht . Genug ! wiederholte er , zog die Uhr aus der Tasche und hielt sie dem Juden vor das Gesicht . Du sollst zwölf Minuten Zeit haben , Deine Pferde zu erfrischen , wenn Du uns danach in einer halben Stunde über die Grenze bringst ! Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom Schlitten ab . Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die triefenden Pferde hingestellt , denen ihr Besitzer ein paar alte Decken überwarf , während die hungrigen Thiere das in Stücke geschnittene , mit Branntwein getränkte Brod gierig verschlangen . Inzwischen waren des Krügers Frau und Kinder herbeigekommen , welche hastig die Kissen von dem Schlitten nahmen , sie mit anderen , eben so elenden Sitzkissen vertauschten und verschiedene Päcke und Rollen unter dem Stroh hervorzogen , das der Fuhrmann unter seinen Füßen liegen gehabt hatte . Zu wiederholten Malen nöthigte der Wirth die Fremden , einzutreten , um ein Glas Branntwein am warmen Ofen zu sich zu nehmen ; aber er konnte sie nicht dazu bewegen . Die Uhr in der Hand , fragte ihn Paul , ob neuerdings viel Verkehr von Fremden in seinem Hause gewesen sei . Der Krüger verneinte es , hoffte aber , es werde bald besser für seine Wirthschaft kommen , wenn erst der Kriegszug des großen Kaisers begonnen haben werde , von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensd ' arme Kunde gebracht habe , der erst gestern wieder bei ihm angesprochen . Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten , außer den preußischen ; sie vigiliren scharf auf die Herren , die da passiren wollen über die Grenze ! setzte er mit bedeutendem und listigem Blicke und Augenzwinkern hinzu . Aber das beredte Wort erstarb ihm auf der Zunge , als er sah , daß Paul das Taschen-Fernrohr , mit dem er nach der Seite , von welcher er hergekommen war , ausgespäht hatte , rasch zusammenschob und , nachdem er einige Worte auf Englisch zu seinem Gefährten gesprochen hatte , dem Fuhrmanne den Befehl gab , augenblicklich aufzubrechen . Er selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen Zügel wieder an , dann sprangen sie in den Schlitten , zwangen den jammernden und lamentirenden Juden , mit ihnen einzusteigen , und nachdem Paul dem Wirthe noch ein Geldstück als Bezahlung zugeworfen hatte , ging es fort , so schnell die unvollständig erquickten Pferde zu laufen vermochten . Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren , als Paul wiederum sein Fernrohr auf die beiden Punkte richtete , deren Gewahrung vorher den Entschluß des plötzlichen Aufbruches in ihm veranlaßt hatte . Er hielt es lange am Auge , während sein Freund die Zügel in die Hand nahm , und fragte dann , als er es absetzte , auf die abgejagten Thiere und den in Todesangst zitternden Kutscher blickend : Was halten Sie von der Sache , Herr von Werben ? Werben blickte ebenfalls zurück , zuckte die Schultern und sagte : Es hilft uns nichts ! Ihre Pferde sind frisch - sie holen uns ein , noch ehe wir die Grenze erreichen . So ist ' s besser , wir machen es gleich ab , meinte Paul . Sie hatten auch diese Worte wieder englisch gesprochen ; Herr von Werben überließ dem Juden wieder die Zügel seiner Pferde , die beiden Reisenden nahmen auf dem hinteren Sitze ihre alten Plätze ein und Paul sagte , sich an den Juden wendend : Fahre langsam ! Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen , und die Pferde fielen gleich in Schritt , als man eben in das beschneite Fichtenholz einfuhr , an dessen anderem Ende , wie der Jude angab , die Grenze sich hinziehe . Was gedenken Sie zu thun , Tremann ? fragte Herr von Werben seinen Gefährten , indem er ein Paar fein gearbeitete Doppel-Pistolen aus der Manteltasche nahm und Paul die Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser auf ' s Neue schärfte und frisches Zündkraut auf die Pfannen schüttete . Das kommt darauf an ! Sind es Preußen , so haben wir unsere geschriebenen Pässe , die in Ordnung sind ; wenn es dagegen Franzosen sind , nun , so - er lächelte mit einem Ausdrucke grimmiger Entschlossenheit , den Herr von Werben nie bisher an ihm bemerkt hatte - so haben wir diese geladenen Pässe , die nun auch in Ordnung sind ! Während die Reisenden , ihre Waffen in der Hand , langsam vorwärts fuhren , hielten an dem elenden Kruge , den sie kurz zuvor verlassen hatten , zwei Reiter . Der eine derselben , in halb militärischer Tracht , war augenscheinlich ein Franzose , der andere ein preußischer Gensd ' arme , welcher jenem als Führer mitgegeben zu sein schien . Sie waren beschäftigt , den Wirth des Kruges zu verhören , und die Auskunft , welche sie auf ihre Erkundigungen erhielten , schien ganz nach dem Wunsche des Franzosen auszufallen . Wir erreichen sie noch vor der Grenze ! rief der Franzose seinem Begleiter zu , und wenn es die sind , die wir suchen , setzte er leise für sich hinzu , so ist mein Glück gemacht . Vorwärts , Kamerad ! - Sie gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten nach der Richtung fort , welche die Reisenden genommen hatten . Es währte nicht lange , bis sie den langsam durch das Gestrüpp dahinfahrenden Schlitten vor sich erblickten . Sie waren noch ungefähr einige Hundert Schritte von demselben entfernt , als der preußische Gensd ' arme gegen seinen Begleiter bemerkte : Das sind schwerlich Leute , die es eilig haben , Herr Commissar , denn sie fahren Schritt , obschon sie uns bereits seit längerer Zeit gesehen haben müssen , und die Grenze ist keine Viertelstunde mehr entfernt . Die müssen ein gutes Gewissen haben ! Aber der Andere antwortete auf diese Bemerkung nur durch ein drohendes Halt , welches er den Fahrenden zurief , während er im vollen Laufe an den ruhig weiter fahrenden Schlitten heransprengte . Kopfschüttelnd und sichtbar unzufrieden folgte ihm langsam der Gensd ' arme . Er traf seinen Begleiter bereits in heftigem Wortwechsel mit den beiden Reisenden . Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Pässe ! schrie der Franzose , in welchem Paul augenblicklich einen der französischen Beamten erkannte , die er täglich bei Herrn von Castigni ein- und ausgehen gesehen hatte . Sie sind allerdings Herr Tremann , ich glaube das meinen Augen , nicht Ihrem Passe