erschien , daß er für eine Art von Hausfreund gelten konnte . Er hatte eine dicke Mopsnase , welche durch einen Studentenhieb in zwei Abteilungen geteilt war , zum Denkzeichen einer großen Vornäsigkeit in der Jugend . Der Mund war sehr aufgeworfen und sinnich , und die Tonsur hatte sich allmählich ziemlich vergrößert , obgleich er sie immer noch streng in ihrer kreisrunden Form hielt , da er hierin gar keinen Spaß verstand und die Reitbahn , welche sich an seinem Hinterhaupte dem Blicke darbot , durchaus für eine Tonsur angesehen wissen wollte . Dieser Mann war nun vorzüglich drei Dinge ein leidenschaftlicher Esser und Trinker , ein großer religiöser Idealist und ein noch größerer Humorist . Und zwar war er letzteres in dem Sinne , daß er alle drei Minuten lang das Wort Humor verwendete und es zum Maßstabe und Kriterium alles dessen machte , was irgendwie vorfiel oder gesprochen wurde . Alles , was er selbst tat , redete und fühlte , gab er zunächst für humoristisch aus , und obgleich es dies nur in den minderen Fällen war und mehr in einem maßlosen Klappern und Feuerwerken mit gesuchten Gegensätzen , Bildern und Gleichnissen bestand , so ging aus diesem Wesen dennoch ein gewisser Humor heraus , welcher die Leute lachen machte , besonders wenn der Graf , Dorothea und Heinrich , welche in ihrem kleinen Finger , wenn sie ihn bewegten , mehr Humor hatten als der Pfarrer in seinem Gemüte , zusammensaßen und er ihnen mit ungeheurem Wortschwall erklärte , was Humor sei und wie sie von dieser Gottesgabe auch nicht eines Senfkörnleins groß besäßen . Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle , welche vom Humor handelten , und hatte sich ein ordentliches System über dieses Feuchte , Flüssige , Ätherische , Weltumplätschernde , wie er es nannte , aufgebaut , das ziemlich mit seiner Theologie zusammenfiel . Cervantes führte er ebensooft im Munde wie Shakespeare , aber er fand den größten Gefallen an den unzähligen Prügeln , welche Sancho und der Ritter bekommen , an den Einseifungen , Prellereien und derben Sachen aller Art. Die göttlichen feineren Dinge sah und verstand er gar nicht oder wollte sie nicht sehen , besonders wenn sie wie auf ihn gemünzt waren , was dann zu den Versicherungen seines eigenen Humors den ergötzlichsten Gegensatz bildete . So sah er in dem Abenteuer in der Höhle des Montesinos nur eine äußere komische Schnurre ; den feinen Humor , der in dem langen Seile liegt , welches ganz nutzlos abgerollt wird , indessen der Ritter schon im Anfange die Augen schließt , und insbesondere die Art , wie er sich nachher vielfältig in Hinsicht des in der Höhle Gesehenen benimmt , dies alles sah er gar nicht oder rümpfte unmerklich die Nase dazu . Sein Idealismus , und er nannte sich bald rühmend , bald entschuldigend einen Idealisten , bestand darin , daß er gegenüber seinen Zuhörern , welche alles Wirkliche , Geschehende und Bestehende , sofern es sein eigenes Wesen ausreichend und gelungen ausdrückt , ideal nannten , eben dieses Wirkliche materiellen und groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene , Nichtbegriffene , Namenlose und Unaussprechliche ideal hieß , was ebensogut war , als wenn man irgendeinen leeren Raum am Himmel Hinterpommern nennen wollte . Als Priester aber war er höchst freisinnig und über seine Kirche , in welcher er predigte , hinaus ; seine Religion dagegen war ein aufgeklärter Deismus , welchen er aber viel fanatischer vertrat als irgendein Pfaffe seine Satzungen . Er suchte einen rechten Höllenzwang auszuüben mit idealen und humoristischen Redensarten und bauete artige Scheiterhäufchen aus Antithesen , hinkenden Gleichnissen und gewaltsamen Witzen , worauf er den Verstand , den guten Willen und sogar das gute Gewissen seiner Gegner zu verbrennen trachtete , seiner eigenen Meinung zum angenehmen Brandopfer . Diese Lieblingsbeschäftigung , nebst dem reichlichen Tisch des Grafen , führte ihn häufig in das Haus , und da er zugleich eine ehrliche Haut und ein redlicher Helfer bei allen guten Unternehmungen der Herrschaft war , so wurde er zum Bedürfnis und zur bleibenden Heiterkeit des Hauses . Besonders Dorothea wußte ihn mit der leichtesten Anmut in den Irrgärten seines fanatischen Humors umherzuführen , neckend vor ihm hinzuhuschen und durch die verworrenen Buschwerke seines krausen Witzes zu schlüpfen . Unergründlich war es dabei , ob mehr ihr heiteres Wohlwollen oder ein bedenklicher Mutwillen im Spiele lag ; denn ebensooft , als sie dem Pfarrer Gelegenheit gab zu glänzen , verlockte sie seine Eitelkeit auf das Eis , wo sein Witz das Bein brach . Heinrich ward hierüber etwas verdutzt und verwirrt und wußte sich nicht recht in diesen Ton zu finden , auch wußte er anfangs nicht , worum es sich handelte , bis eines Mittags , als Dorothea in ebenso zarter als fröhlicher Weise den Pfarrer verführte , ihr allerlei seltsame und abenteuerliche Beweise für die Unsterblichkeit aufzuzählen , der Graf sagte » Sie müssen nämlich wissen , lieber Heinrich , daß Dortchen ganz auf eigene Faust nicht an die Unsterblichkeit glaubt , und zwar nicht etwa infolge angelernter und gelesener Dinge oder durch meinen Einfluß , sondern auf ganz originelle Weise , sozusagen von Kindesbeinen an ! « Dorothea schämte sich wie ein Backfischchen , dessen Herzensgeheimnis man verraten hat , und drückte das rotgewordene Gesicht auf das Tischtuch , daß die schwarzen Locken sich auf der weißen Fläche ausbreiteten . Dieser Vorgang machte auf Heinrich einen Eindruck , der aus Verwunderung und Überraschung gemischt war und jenen angenehmen Schrecken herbeiführte , welcher uns befällt , wenn wir entdecken , daß eine geliebte Person Eigentümlichkeiten und Nücken im Gemüte führt , von denen wir uns bei aller Bewunderung nichts träumen ließen . Er vermochte aber gar nichts dazu zu sagen , und erst als er nach Tisch mit dem Grafen durch die Gegend strich , befragte er ihn um das Nähere . » Es ist in der Tat so « , erwiderte derselbe ; » seit sie ihr Urteil nur ein bißchen rühren konnte und diese Dinge nennen hörte , wir wissen die Zeit kaum anzugeben , sagte sie mit aller Unbefangenheit , aus dem kindlichsten und reinsten Herzen heraus , daß sie gar nicht absehen und glauben könne , wie die Menschen unsterblich sein sollten . Es kommt allerdings oft vor , daß rechtliche Leute aus allen Ständen dies ursprüngliche schlichte Vergänglichkeitsgefühl ohne weiteres aus der Natur schöpfen und , ohne skeptischer oder kritischer Art zu sein , dasselbe unbekümmert bewahren wie eine allereinfachste handgreifliche Wahrheit . Aber so lieblich und natürlich ist mir diese Erscheinung noch nie vorgekommen wie bei diesem Kinde , und ihre unschuldige gemütliche Überzeugung , die so ganz in sich selbst entstand , veranlaßte mich , der ich Gott und Unsterblichkeit hatte liegenlassen , wie sie lagen , meinen philosophischen Bildungsgang noch einmal vorzunehmen und zu revidieren , und als ich auf dem Wege des Denkens und der Bücher wieder da anlangte , wo das Kindsköpfchen von Hause aus gewesen , und Dortchen mir über die Schulter mit in die Bücher guckte , da war es erst merkwürdig , wie sich das bestärkte und bestätigte Gefühl in ihr gestaltete . Wer sagt , daß es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit , der hätte sie sehen müssen ; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum , sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch . Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal schöner als anderen Menschen , was da lebt und webt , war und ist ihr teuer und lieb , das Leben wurde ihr heilig , und der Tod wurde ihr heilig , welchen sie sehr ernsthaft nimmt . Sie gewöhnte sich , zu jeder Stunde ohne Schrecken an den Tod zu denken , mitten in dem heitersten Sonnenschein des Glückes , und daß wir alle einst ohne Spaß und für immer davon scheiden müssen . Dieser wirkliche Tod lehrt sie das Leben werthalten und gut verwenden und dies wiederum den Tod nicht fürchten , während das ganze vorübergehende Dasein unserer Person , unser aufblitzendes und verschwindendes Tanzen im Weltlichte diesem ganzen Wesen einen leichten , zarten , halb fröhlichen , halb elegischen Anhauch gibt , das drückende , beengende Gewicht vom einzelnen nimmt und seinen schwerfälligen Ansprüchen , indes das Ganze doch besteht . Und welche Pietät und Mitleid hegt sie für die Sterbenden und Toten ! Ihnen , welche ihren Lohn dahin haben und abziehen mußten , wie sie sagt , schmückt sie die Gräber , und es vergeht kein Tag , an welchem sie nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt . Dieser ist ihr Lustgarten , ihre Universität , ihr Schmollwinkel und ihr Putzzimmer , und bald kehrt sie fröhlich und übermütig , bald still und traurig wieder zurück . « » Glaubt sie denn auch nicht an Gott ? « fragte Heinrich . » Schulgerecht « , erwiderte sein Freund , » sind beide Fragen unzertrennlich , jedoch macht sie sich nichts aus der Schule und sagt nur : Ach Gott ! es ist ja recht wohl möglich , daß Gott ist , aber was kann ich ärmstes Ding davon wissen ? Wenn wir unsere Nase in alles stecken müßten , so wäre jedem von uns eine deutliche Anweisung gegeben . Ich gönne jedem Menschen seinen guten Glauben und mir mein gutes Gewissen ! « Obgleich Heinrich seinen lieben Gott , zwar etwas eingeschlummert , immer noch im Gemüte trug , so gefiel ihm doch dies alles , was er von Dorothea hörte , ausnehmend wohl , weil sie es war , von welcher man dergleichen sagte ; nur behauptete er für sich , daß er es ebenso liebenswürdig und angenehm an ihr finden würde , wenn sie eine eifrige Katholikin oder Jüdin wäre . Doch widerfuhr es ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal , daß er ohne alle Bedenklichkeit und vielmehr mit ihm selbst wohltuender Gleichgültigkeit vom Sein oder Nichtsein dieser Dinge sprechen hörte , und er fühlte ohne Freude und ohne Schmerz , ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in ihm lösen und beweglich werden . Die Welt sah er schon durch Dortchens Augen an , und sie glänzte ihm in der Tat in stärkerm und tieferm Glanze , und ein süßes Weh durchschauerte ihn , wenn er sich nur die Möglichkeit dachte , für dies kurze Leben mit Dortchen in dieser schönen Welt zusammen zu sein . Doch kannegießerte er seit jenem Tage noch öfter mit dem Grafen über den lieben Gott . Der wahrhafte kluge Edelmann lehnte zwar durchaus ab , ihn belehren und überzeugen zu wollen , und wich seinen Anmutungen gelassen aus . Nur eines Tages wurde er etwas wärmer , als Heinrich anfing » Ich habe , seit ich in Ihrem Hause bin , wieder viel mit meiner Selbstsucht zu kämpfen , indem ich nach alter eingewurzelter Gewohnheit immer dem lieben Gott für das Gute danken möchte , das er mir erwiesen . Denn obschon ich mir schon seit längerer Zeit widerstand und meine kleinen persönlichen Erlebnisse nicht mehr einer unmittelbaren Lenkung Gottes zuschreiben mochte , so verlockt mich das , was mir hier geschah , dennoch immer wieder dazu , und ich muß manchmal lachen , wenn ich bedenke , welch ein lustiges und liebliches Schauspiel es für den guten weisen Gott sein muß , zu sehen , wie ein junger Mensch ihm gern für etwas Gutes danken möchte und sich ganz ehrlich dagegen sperrt aus lauterer Vernunftmäßigkeit ! Warum macht er sich aber auch so närrische Geschöpfe ! « Der Graf sagte » Ich muß Ihnen diesmal , ganz abgesehen vom lieben Gott , wirklich eine Zurechtweisung angedeihen lassen . Die Christen lehren von ihrem Standpunkt aus ganz praktisch und weise , daß man , so schlecht es einem auch erginge und so lange sich auch Gottes Hilfe zu entziehen scheine , nie an ihm verzweifeln müsse , da er dennoch immer da sei . Was dem einen recht , ist dem andern billig ! Warum , wenn wir in neunundneunzig Fällen , wo es uns schlimm ergeht , wo kein glücklicher Stern , d.h. kein guter Zufall uns begünstigt , uns mit der Vernunft und Notwendigkeit trösten und unsere tüchtige feste Haltung rühmen , warum denn im hundertsten Falle , wo einmal ein schönes und glückhaftes Ungefähr uns lacht , alsdann stracks an der Vernunft zu verzweifeln , an der natürlichen Schickung der Dinge , an unserer eigenen gesetzmäßigen Anziehungskraft für das uns Angenehme und Nützliche ? Ist die Vernunft , welche uns über neunundneunzig unangenehme Dinge hinweggeholfen hat , nicht mehr da , wenn das hundertste Ding ein angenehmes ist ? Diese Art zu denken und zu danken ist eigentlich eher eine Blasphemie ; denn indem wir für das eine glückliche Ereignis danken , schieben wir dem Schöpfer ja alle die schlimmen und schlechten Erfahrungen mit in die Schuhe . Daher sind nur die asketischen Christen im Rechte , welche dem Gotte auch für das Übel inbrünstig danken . Dieses tun unsere aufgeklärten Herren Deisten aber doch nicht , sie verdanken ihrem Gotte das Unglück nicht im mindesten , und er ist nur ihr Sonntags- und Freudengott . Was nun Ihren lieben Gott betrifft , lieber Heinrich , so ist es mir ganz gleichgültig , ob Sie an denselben glauben oder nicht ! Denn ich halte Sie für einen so wohlbestellten Kauz , daß es nicht darauf ankommt , ob Sie das Grundvermögen Ihres Bewußtseins und Daseins außer sich oder in sich verlegen , und wenn dem nicht so wäre , wenn ich denken müßte , Sie wären ein anderer mit Gott und ein anderer ohne Gott , so würden Sie mir nicht so lieb sein , so würde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen haben , das ich wirklich empfinde . Dies ist es auch , was diese Zeiten zu vollbringen und herbeizuführen haben nämlich vollkommene Sicherheit des menschlichen Rechtes und der menschlichen Ehre bei jedem Glauben und jeder Anschauung , und zwar nicht nur im Staatsgesetz , sondern auch im persönlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander . Es handelt sich heutzutage nicht mehr um Atheismus und Freigeisterei , um Frivolität , Zweifelsucht und Weltschmerz , und welche Spitznamen man alles erfunden hat für schwächliche und kränkliche Dinge ! Es handelt sich um das Recht , ruhig zu bleiben im Gemüt , was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und des Forschens sein mögen , und unangetastet und ungekränkt zu bleiben , was man auch mit wahrem und ehrlichem Sinne glauben mag . Übrigens geht der Mensch in die Schule alle Tage , und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen , was er am Abend seines Lebens glauben werde ! Dafür haben wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten ! Aber dahin muß die Welt gelangen , daß sie mit eben der schuldlosen guten Ruhe , mit welcher sie ein neues Naturgesetz , einen neuen Stern am Himmel entdeckt , auch die Vorgänge und Ergebnisse in der geistigen Welt hinnimmt und betrachtet , auf alles gefaßt und stets sich gleich als eine Menschheit , die da in der Sonne steht und sagt Hier stehe ich ! « Auf fast ganz weibliche Weise schlüpfte Heinrich in die Grundsätze derer hinein , die er liebte und die ihm wohlwollten , und dies war wohl weniger unmännliche Schwäche als der allgemeine Hergang in diesen Dingen , wo die besten Überzeugungen durch den Einfluß honetter und klarer Persönlichkeit vermittelt werden . War doch der Graf selbst , der gewiß ein Mann war , durch das Wesen eines kleinen unwissenden Mädchens zu seiner Abrechnung veranlaßt worden . Doch wollte Heinrich nicht hinter ihm zurückbleiben und studierte , wohl aufgelegt und von einer anhaltenden neigungsvollen Wärme durchdrungen , die Geschichte des theologischen und philosophischen Gedankenganges der neueren Zeit , wobei ihm jede Erscheinung , jedes Für und Wider , insofern sie nur ganzer und wesentlicher Natur waren , gleich lieb und wichtig wurden , und nur das Naseweise , Inquisitorische und Fanatische in jeder Richtung widerte ihn an . Die Kultur der Religionen vermag die Völker nur aus dem Gröbsten zu hobeln und zu verändern . Auf einer gewissen Stufe angekommen , hat jeder Mensch seinen bestimmten Wert , welcher nicht um ein Quentchen verliert oder gewinnt , ob er diesen Wert in oder außer sich sucht . Dies empfand Heinrich , wie der Graf ihm gesagt , mit leichtem Herzen und großem Behagen , und die sich so oft gestellte Frage , ob er an sich gut sei , glaubte er sich nun freundlich beantworten zu dürfen , da er nicht die mindeste Veränderung und Bewegung an sich empfand und sich von Grund aus weder um ein Haar besser noch schlimmer vorkam , seit er das halbe Wesen und das peinliche Polemisieren mit dem Gott in seiner Brust aufgegeben . So verging der Winter in mannigfacher , aber ruhiger Bewegung . Der Pfarrer , welcher mit humoristischem Zorne den grünen Fremdling seine Fahne verlassen sah , fand sich noch öfter im Herrenhause ein und suchte durch einen Sprühregen von Angriffen und Witzkompositionen den Flüchtling zu bedrängen und einzufangen . Vorzüglich ging er darauf aus , die Welt unter dem Gesichtspunkte seiner Zuhörer als heillos nüchtern , trivial und poesielos darzustellen , und um zu zeigen , wie ganz anders sie sich ausnehme im Lichte eines innigen Gottesglaubens , nahm er energische phantasievolle Mystiker zu Hilfe , in welchen er weniger als Christ denn als geistreicher Liebhaber sehr belesen war . Er brachte wiederholt dergleichen her und war sehr willkommen damit , da , wenn man sich einmal über solche Gegenstände unterhält , alles , was aus ganzem Holze geschnitten ist , gleich wichtig erscheint , belehrt und erbaut . So werden auch stets ein recht herzlicher glühender Mystiker und ein rabiater Atheist besser miteinander auskommen und größeres Interesse aneinander haben als etwa ein dürrer orthodoxer Protestant und ein flacher Rationalist , weil jene beiden gegenseitig wohl fahlen , daß ein höherer spezifischer Wert in ihnen treibt und durchscheint . So hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann in das Haus gebracht , und die kleine Gesellschaft empfand die größte Freude über den vehementen Gottesschauer , seine lebendige Sprache und poetische Glut . Diese unbefangene Freude ärgerte aber gerade den guten Pfarrer und wollte ihm gar nicht passen , und er ergriff eines Abends das Büchlein und begann um so eindringlicher und nachdrücklicher daraus vorzulesen , als ob die Leutchen bis jetzt gar nicht gemerkt , was sie eigentlich läsen . Als er sich etwas müde geeifert , nahm Heinrich das Buch auch in die Hand , blätterte darin und sagte dann » Es ist ein recht wesentliches und maßgebendes Büchlein ! Wie richtig und trefflich fängt es sogleich an mit dem Distichon : Was fein ist , das besteht ! Rein wie das feinste Gold , steif wie ein Felsenstein , Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein . Kann man treffender die Grundlage aller dergleichen Übungen und Denkarten , seien sie bejahend oder verneinend , und den Wert , das Muttergut bezeichnen , das man von vornherein hinzubringen muß , wenn die ganze Sache erheblich sein soll ? Wenn wir uns aber weiter umsehen , so finden wir mit Vergnügen , wie die Extreme sich berühren und im Umwenden eines ins andere umschlagen kann . Da ist Ludwig Feuerbach , der bestrickende Vogel , der auf einem grünen Aste in der Wildnis sitzt und mit seinem monotonen , tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt ! Glaubt man nicht , ihn zu hören , wenn wir die Verse lesen : Ich bin so groß als Gott , Er ist als ich so klein : Er kann nicht über mich , ich unter Ihm nicht sein . Ferner : Ich weiß , daß ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben , Werd ich zunicht , er muß vor Not den Geist aufgeben . Auch dies : Daß Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen , Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen . Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen , wenn man das Sinngedichtchen liest : Man muß sich überschwenken Mensch ! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit , So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit . Besonders aber dies : Der Mensch ist Ewigkeit Ich selbst bin Ewigkeit , wenn ich die Zeit verlasse Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse . Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck , als ob der gute Angelus nur heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äußerer Schicksale bedürfte , und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer ! « » Das wird mir denn doch zu bunt « , schrie der Pfarrer , » aber Sie vergessen nur , daß es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker , Philosophen und besonders auch Reformatoren gegeben hat und daß , wenn eine kleinste Ader von Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre , er schon vollkommen Gelegenheit gehabt hätte , sie auszubilden ! « » Sie haben recht ! « erwiderte Heinrich , » aber nicht ganz in Ihrem Sinne . Was ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde , ist der Gran von Frivolität und Geistreichigkeit , mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt ist ; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festhalten ! « » Frivolität ! « rief der Pfarrer , » immer besser ! Was wollen Sie damit sagen ? « » Auf dem Titel « , versetzte Heinrich , » benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlußreime . Allerdings bedeutet das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage ; wenn wir aber das Büchlein aufmerksam durchgehen , so finden wir , daß es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist , so daß jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische , aber richtige Vorbedeutung erscheint . Dann sehen Sie aber die Widmung an , die Dedikation an den lieben Gott , worin der Mann seine hübschen Verse Gott dediziert , indem er ganz die Form nachahmt , selbst im Drucke , in welcher man dazumal großen Herren ein Buch zu widmen pflegte , selbst mit der Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus . Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann , den heiligen Augustinus , und gestehen Sie aufrichtig trauen Sie ihm zu , daß er ein Buch , worin er das Herzblut seines religiösen Gefühles ergossen , mit solch einer witzelnden , affektierten Dedikation versehen hätte ? Glauben Sie überhaupt , daß es demselben möglich gewesen wäre , ein so kokettes Büchlein zu schreiben , wie dies eines ist ? Er hatte Geist so gut als einer , aber wie streng hält er ihn in der Zucht , wo er es mit Gott zu tun hat ! Lesen Sie seine Bekenntnisse , wie rührend und erbauend ist es , wenn man sieht , wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche Bilderpracht , alles Kokettieren , alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes durch das sinnliche Wort flieht und meidet . Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt , damit ja kein ungehöriger Schmuck , keine Illusion , keine Art von Schöntun mit Unreinem hineinkomme in seine Geständnisse ! Ohne mich zu solchen Propheten zählen zu wollen , fühle ich dennoch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott , und erst jetzt , wo ich keinen mehr habe , bereue ich mit ziemlicher Scham die willkürliche und humoristische Manier meiner Jugend , in welcher ich in meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen Dinge zu behandeln pflegte , und ich könnte mich darüber nicht trösten und müßte mich selbst der Frivolität zeihen , wenn ich nicht annehmen müßte , daß jene verblümte und naiv spaßhafte Art eigentlich nur die Hülle der völligen Geistesfreiheit gewesen sei , die ich mir endlich erworben habe ! « Dortchen hatte das Buch inzwischen auch in die Hand genommen und darin geblättert . » Wissen Sie , Herr Lee « , sagte sie und sah ihn freundlich an , » daß es mir sehr wohl gefällt , wie Sie ein so richtiges ernstes und ehrbares Gefühl haben auch für den Gott , den andere glauben ? Dies ist sehr hübsch von Ihnen ! Aber Himmel ! welch ein schöner Vers ist dies hier : Blüh auf , gefrorner Christ ! Der Mai ist vor der Tür : Du bleibest ewig tot , blühst du nicht jetzt und hier . « Sie sprang ans Klavier und spielte und sang aus dem Stegreif diese sehnsüchtig lockenden Worte , in geistlich choralartigen Maßen und Tonfällen , doch mit einem wie verliebt zitternden , durchaus weltlichen Ausdruck ihrer schönen Stimme . Dreizehntes Kapitel Blüh auf , gefrorner Christ ! Der Mai ist vor der Tür Du bleibest ewig tot , blühst du nicht jetzt und hier ! So klang es die ganze Nacht in Heinrichs Ohren , der kein Auge schloß . Ein lauer Südwind wehte über das Land , der Schnee schmolz an seinem Hauche und tropfte unablässig von allen Bäumen im Garten und von den Dächern , so daß das melodische Fallen der unzähligen Tropfen eine Frühlingsmusik machte zu dem , was in dem Wachenden vorging . Noch gestern hatte er geglaubt , mit seiner jetzigen verschwiegenen Verliebtheit hoch über allem zu stehen , was er je über Liebe gedacht und empfunden , und nun mußte er erfahren , daß er gestern noch keine Ahnung hatte von der Veränderung , die in dieser Nacht mit ihm vorging , und diese kurze Frühlingsnacht enthielt gleich einem kräftigen Prolog schon alles , was er während vieler Wochen nun erleben und erleiden sollte . Das Gattungsmäßige im Menschen erwachte in ihm mit aller Gewalt und Pracht seines Wesens , das Gefühl der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens warf darein eine beklemmende Angst , daß die , welche alles dies anrichtete und welche ihm so ganz notwendig schien , um ferner zu leben , ihm ja gewiß nicht werden würde . Denn er ehrte sie , indem er jetzt eine ganze Leidenschaft zu empfinden begann , sogleich so , daß er es nun entschieden und entschlossen verschmähte , sie in seinen Gedanken mit seiner Person zu behelligen , indem er , der Welt gegenüber sich keck und eroberungslustig fühlend , vor Dortchen eine gänzliche Demut und Furcht empfand . Doch wechselte die Furcht wohl zwanzigmal mit der Hoffnung , wenn er manche freundliche Blicke , angenehme Worte und zuletzt die Stimme bedachte , mit welcher sie obigen Frühlingsvers gesungen ; doch endete auch dieser Wechsel mit gänzlicher Hoffnungslosigkeit , da er schon in dem Stadium war , wo man einer Schönen , die man liebt , auch die leeren böswilligen Freundlichkeiten und Koketterien verzeiht und sogar mit Dank hinnimmt , ohne eine Hoffnung darauf zu bauen . Dieses war nicht eine sentimentale Schwäche und Mädchenhaftigkeit , sondern es rührte gerade von der Kraft und Tiefe der entfachten Leidenschaft her und von dem ehrlichen Ernste , mit welchem er sie empfand . Denn wo es sich um alles handelt , um ein großes Glück oder Unglück , wird ein wohleingerichteter Mann mitten in der Leidenschaft dennoch Rücksicht für zehn nehmen , und gerade weil es ihm bitterer Ernst ist , glücklich zu sein und glücklich zu machen , so setzt er sein Heil auf die Karte der Hoffnungslosigkeit , weil Liebe , wenn sie durch Hoffnungslosigkeit ihr Spiel verliert , nichts verloren hat als sich selbst . Am Morgen war er stiller als gewöhnlich und ließ sich nichts ansehen ; doch war es nun mit seiner Ruhe vorbei , und mit der Arbeit jeglicher Art ebenfalls , denn sowie er etwas in die Hand nehmen wollte , verirrten sich seine Augen ins Weite , und alle seine Gedanken flohen dem Bilde der Geliebten nach , welches , ohne einen einzigen Augenblick zu verschwinden , überall um ihn her schwebte , während dasselbe Bild zu gleicher Zeit wie aus Eisen gegossen schwer in seinem Herzen lag , schön , aber unerbittlich schwer . Von diesem Drucke war er nur frei , und zwar gänzlich , wenn Dortchen zugegen war ; alsdann war es ihm wohl , und er verlangte nichts weiter und sprach auch wenig mit ihr . Damit war ihr jedoch , als einem Weibe , nicht gedient . Sie fing an , allerlei kleine Teufeleien zu verüben , an sich ganz unschuldige Kindereien in Bewegungen oder Worten , welche einem vermehrten guten Humor zu entspringen schienen , aber ebensowohl täglich heller eine urgründliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes verrieten als auch mit einer federleichten Wendung zeigten , daß sie tausend unergründliche Nücken unter den Locken sitzen hatte . Wenn nun erst die offene und klare Herzensgüte , das , was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt , einen Mann gewinnt und gänzlich in Beschlag nimmt , so bringen ihn nachher , wenn er in seiner Einfalt entdeckt , daß die Geliebte nicht nur schön , gut und huldvoll , sondern auch gescheit und nicht auf den Kopf gefallen sei , diese fröhliche Bosheit des Herzens , diese kindliche Tücke vollends um den Verstand und um alle Seelenruhe , da es nun total entschieden scheint , ohne diese sei das Leben fürhin leer und tot . So ging auch Heinrich abermals ein neues Licht auf , und es befiel ihn ein heftiger Schrecken , nun ganz gewiß nie wieder ruhig zu werden , da er gerade dies kurzweilige Frauenleben nicht sein nennen könne . Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief , sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist , so erneut sie sich selbst durch tausend kleine Züge und Lustbarkeiten in jedem