ward häufig unter jauchzendem Zuruf genannt . Irgend eine neue Demonstration vermuthend , warf sich der Graf schnell in die Kleider und griff nach seinen stets geladenen Pistolen . In seinem Zimmer fand er bereits Bianca in einem wundervollen Negligé , beschäftigt , den Frühstückstisch zu ordnen . Mit dem anmuthigsten Lächeln wünschte sie Adrian guten Morgen und ließ es geschehen , daß er dankend ihr die Hand drücken durfte . » Hören Sie den Lärm ? « fragte er mit verstellter Gleichgiltigkeit . » Was mag das dumme Volk wieder haben ? « » Ein klein wenig Geduld , gnädiger Herr , wird uns sogleich davon in Kenntniß setzen . Die Fähre nähert sich bereits dem Ufer . - Befehlen Sie Chokolade ? « » Wenn Sie mir Gesellschaft beim Frühstück leisten wollen , schönes Kind , wird mir Alles munden , was Sie mir reichen ! - In dieser Nacht waren Sie mein Schutzengel . « » Danke sehr ! - War ich hübsch ? « Bei dieser Frage neigte Bianca sich mit so verführerischem Blick zu Adrian , daß es diesem große und schmerzliche Ueberwindung kostete , das Mädchen nicht an sich zu reißen und mit Küssen zu bedecken . » Nicht hübsch , aber schön , entzückend schön , wie jetzt ! - Bianca , bitte - « » Still , still ! - Sie machen mich eitel ! - Oder meinen Sie , ein armes Mädchen bleibe gleichgiltig , wenn es von so liebem Munde immer mit so großen Lobsprüchen überschüttet wird ? « » Ich bin Ihnen also doch lieb , Bianca ? « » Recht sehr ! Warum auch nicht ? - Aber da landet ja die Fähre . « » Vom lieb sein bis zum lieben ist nur ein Schritt . Versuchen Sie doch , mit Ihrem zierlichen Fuße diesen Schritt zu thun , der einen unglücklichen Mann auf einmal unaussprechlich glücklich machen würde ! « » Ich bin nicht liebenswürdig , gnädigster Herr , ich scheine es blos zu sein . Sie würden erschrecken , wenn ich Thörin genug wäre und mich von Ihrem Zureden bestimmen ließe , Ihren Wünschen Gehör zu geben ! « Diese Worte sprach Bianca mit so meisterhafter Kunst , daß Adrian nie ein hinreißenderes Weib gesehen und gehört zu haben glaubte . Er wollte darauf antworten , als die räthselhafte Trompete dicht unter den Fenstern erklang . » Soll ich mich nach der Neuigkeit erkundigen , die der Mann unstreitig zu verkündigen hat ? « sagte Bianca . » Vermuthlich eine wichtige Bekanntmachung . « » Gehen wir zusammen , « erwiederte Adrian . » Ich vermuthe , es wird abermals etwas sein , das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt . « » Hoch lebe Graf Martell , unser gnädiger Herr ! « riefen jetzt hundert und mehr Stimmen in jubelndem Chor . » Mein Bruder ! « sagte Adrian , der Aurel unter dem hervordrängenden Menschenhaufen gewahrt hatte . » Was kann der Kapitän auf Boberstein wollen ? « » Mein großmüthiger Beschützer ? Dann hoffe ich , ist die Zeit der Versöhnung gekommen . Gehen wir dem wackern Manne entgegen ! « Bianca hing sich schmeichelnd an Adrians Arm . Einer solchen Berührung konnte dieser nicht widerstehen . Vor Seligkeit bebend schritt er mit dem heiter plaudernden Mädchen die Treppe hinunter nach dem freien Platze vor dem Hause . Dieser war von einer Menge sehr aufgeregter Menschen umstellt , in deren Mitte Martell an Aurels Arme , der Trompeter zu Roß und der greise Maulwurffänger dem Grafen sogleich in ' s Auge fielen . Als die Menge den Herrn der Fabrik ansichtig ward , erhob sich verworrenes Geschrei und die heftigsten Verwünschungen wurden gegen ihn ausgestoßen . Nur die schöne Mädchengestalt an seinem Arme hielt die Heftigsten ab , Hand an ihn zu legen . Dennoch blieb Adrian ruhig , trat entschlossen näher , gebot Schweigen und fragte : » Was hat dieser Auflauf zu bedeuten ? Wünscht Herr Kapitän Aurel am Stein mir eine Mittheilung zu machen , so folge er mir in meine Zimmer . Ich liebe nicht , im Beisein tumultuirenden Pöbels Privatangelegenheiten zu verhandeln . « Sogleich trat die Menge zurück und machte dem Kapitän Platz . Aurel , immer den Spinner festhaltend , trat vor und näherte sich seinem Bruder . Hinter ihm schloß sich abermals der Haufe . » Es ist eine öffentliche , keine Privatangelegenheit , die mich heut nach Boberstein führt , « sagte der Kapitän . » Unser Streit ist zu Ende , wir können , wenn die Parteien sich einigen , uns binnen wenigen Minuten versöhnen . Das Gericht hat in unserer Rechtssache entschieden . « » So schnell ? « stotterte Adrian . » Wo es an Beweisen nicht mangelt , kann ein Urtheil rasch gesprochen werden , mein Bruder ! Der Prozeß ist in meinem und meiner Freunde Sinne gewonnen , mithin für Dich verloren . « » So bin ich ein Bettler ! « rief Adrian erbleichend . » Keineswegs , « versetzte Aurel . » Das Gericht ist nicht ungerecht verfahren . Es spricht Jedem das Seinige zu und so bleibt denn dem Herrn am Stein außer dieser Fabrik noch hinlänglicher Besitz , um als freier , unabhängiger und wohlhabender Mann leben und Gutes wirken zu können . « Adrian athmete wieder auf . Er bat den Bruder durch einen Wink , fortzufahren . » In den nächsten Tagen werden uns die Details des Urtheilsspruches zugefertigt und dieser selbst späterhin im Namen des Gerichts vollzogen werden . Gegenwärtig habe ich nur um die Vergünstigung zu bitten , Du wollest diesen meinen Halbbruder vor der hier versammelten Menge laut und öffentlich ebenfalls als Bruder anerkennen und versöhnend umarmen . « Ein spöttisches Lächeln kräuselte Adrians Lippe . Tückisch ruhte sein Blick einige Secunden auf dem zerlumpten , in Folge des genossenen Giftes gleich einem altersschwachen Greise zitternden Martell . » Ich weiß nicht , « versetzte er mit schneidender Höflichkeit , » ob mein Herr Bruder vielleicht vorher die Güte haben wird , dem neuen Verwandten , dessen Anerkennung das Gericht uns aufzwingen will , zu bedeuten , daß er Schmutz und Kleid der Gemeinheit erst ablege , ehe er Ansprüche macht , in die Gesellschaft anständiger und vornehmer Menschen aufgenommen zu werden . Was mich betrifft , so muß ich entschieden alle Gemeinschaft mit Leuten abläugnen , die , so lange ich denken kann , in meinem Lohn standen und deren Existenz nur von meiner Großmuth abhing . Kann mich das Gericht zwingen , solch einen Menschen Bruder zu nennen , so mag es den Versuch machen ; laut aber muß ich hiermit erlkären , daß ich nur der Gewalt weichen werde ! « Aurel antwortete blos durch eine stumme Verbeugung . Dann kehrte er sich um und winkte den Umstehenden , daß sie zurücktreten möchten . Dies geschah so schnell , als sei Jedermann darauf vorbereitet . Zugleich wurden die beiden Gefangenen , von Gilbert , Paul und dem Maulwurffänger bewacht , sichtbar . Adrian trat einen Schritt zurück und erbleichte , als hätte er Geister gesehen . Der Kapitän fixirte ihn unverwandt und erkannte schaudernd die Schuld auf den fahlen Zügen des Bruders . » Was ist das für Gesindel ? « rief Adrian heftig und befehlshaberisch . » Ich will , daß man alle Landstreicher , die auf meinen Besitzungen eingefangen werden , nicht zu mir bringe , sondern an die betreffenden Gerichte abliefere . « » Tretet vor ! « befahl Aurel . Die Gefesselten gehorchten und näherten sich bis auf wenige Schritte dem bestürzten Grafen . Der Kapitän flüsterte Klütken-Hannes in ' s Ohr : » Ist dieser Mann derselbe , von dem Du in Sold genommen und mit jenem verbrecherischen Befehle beauftragt wurdest ? « » Er ist es ! « sagte kalt und fest der Gefangene . » Mein Herr Bruder wird erlauben , « wandte sich darauf Aurel zu Adrian , » daß man diesen beiden Uebelthätern ein festes Gefängniß einräume . Man hat sie ergriffen in dem Augenblicke , wo sie einen Schuldlosen vergiften wollten . Das Corpus delicti ist in unsern Händen . Sie waren frech genug , sich nur für Werkzeuge eines höher Gestellten auszugeben und wagten sogar den Namen eines Mannes zu nennen , den wir einer solchen Frevelthat nicht für fähig halten können . Schon aus diesem Grunde muß es wünschenswerth sein , die Verbrecher in festes Gewahrsam zu bringen . Die spätere Untersuchung wird das Uebrige enthüllen . Dürfen wir also hoffen - ? « Aurel stand jetzt an Adrians Seite . Hinter ihm lehnte der Maulwurffänger auf seinem Stabe . Seine kleinen grauen Augen magnetisirten den entlarvten Verbrecher , der nur mit Mühe seine Ruhe zu behaupten wußte . Mit lallender , matter Stimme antwortete er : » Man schaffe sie fort - ! Vollbrecht wird einen passenden Raum für sie wissen . « Aurel winkte , daß die Gefangenen abgeführt würden . Es geschah unter staunendem Gaffen des Volkes . Als sie hinter dem Hause verschwanden , beugte sich Aurel zu dem gebückt dastehenden Bruder und sagte , nur ihm vernehmbar : » Der Mann , welcher den Namen Klütken-Hannes führt und dem armen Martell den Gifttrank mischte , gehört auch mit zu den Erben der Boberstein ' schen Güter . Es ist der verlorene Sohn Herta ' s ! « Adrian erstarrte bei dieser Kunde . Sein Auge ruhte gläsern auf dem zürnenden Antlitz des Kapitäns . Dennoch faßte er sich ; nur an dem röchelnden Athemholen und den zuckenden Bewegungen seiner Hände , die nach einem Halt an seiner Kleidung suchten , konnte man die große Erschütterung erkennen , der er fast erlag . Da berührte die Hand des Maulwurffängers den Unglücklichen . » Herr am Stein , « sagte der Greis , » ich habe Wort gehalten . Die Geister der Todten habe ich aus ihren Gräbern hervorgerufen zu Ihrer Züchtigung . Wehe Ihnen , wenn Sie jetzt nicht in sich gehen und bereuen ! « » Hurrah ! Hoch lebe Martell , unser neuer Graf und Gebieter ! « jubelte die Menge , indem sie sich , den riesigen Spinner in ihrer Mitte , zerstreute , um auf die Fabrik an ihr Tagewerk zu gehen . Auch Aurel und der Maulwurffänger zogen sich zurück . Bianca , die während dieser Scene entschlüpft war , um die Blicke der Menge nicht auf sich zu ziehen , trat jetzt wieder vor und schob ihre Hand unter Adrian ' s Arm . Freundlich lächelnd blickte sie ihn an , indem sie mit hinreißender Zärtlichkeit sagte : » Sie werden sich erkälten , Herr Graf ! Bitte , folgen Sie Ihrer gehorsamen Dienerin in ' s warme , trauliche Zimmer ! « Diese Stimme rief Adrian wieder in ' s Leben . Er drückte den weichen , vollen Arm der Schönen und ließ sich von ihr in ' s Haus geleiten . Zehntes Buch Erstes Kapitel . Weibliche Rache . Graf Adrian hatte drei entsetzliche Tage verlebt . Er schloß sich in sein Zimmer ein und ließ Niemand zu sich , als Bianca . Ihr Kommen und Gehen , ihr immer gleich anmuthiges , zartes und theilnehmendes Betragen war in dieser schweren Zeit seine einzige Zerstreuung . Unschlüssig , ob er sich dem Ausspruche des Gerichtes fügen oder dagegen appelliren sollte , ging er mit großer Genauigkeit alle Schriften und Documente durch , die ihm inzwischen von seinem Anwalt zugeschickt worden waren . Aus diesen konnte er leider keine Hoffnung schöpfen ! Martell , Maja Simson und Klütken-Hannes waren unläugbar Kinder seines Vaters , blieben trotz seines Sträubens und seines innern Entsetzens , das sich bei dieser Gewißheit seiner bemächtigte , seine eigenen beklagenswerthen Halbgeschwister ! Maja Simson ' s Ansprüche auf den fünften Theil der Güter des Boberstein ' schen Hauses , die ihr die freiwillige Schenkung des Grafen Magnus gesichert hatte , war als giltig anerkannt worden und sollte der rechtmäßigen Erbin in einigen Wochen rechtskräftig zugeschrieben werden . Ein Brief Adalberts , dem es zu gemein erschien , persönlich sich in diese Angelegenheit zu mischen , und der sich deshalb nur durch Mittelspersonen darum bekümmert hatte , richtete den niedergeschlagenen Herrn am Stein einigermaßen auf . Adalbert schrieb : » Mein theurer Bruder , Es ist mir von Seiten des Gerichtes die Mittheilung gemacht worden , daß wir unsern Prozeß gegen Jan Sloboda und Consorten verloren haben . Obwohl ich auf diesen Ausgang gefaßt war , hat er mich doch überrascht . Die Justiz ist überaus eilig gewesen und hat sich der Sache mit einem Eifer angenommen , den wir für gewöhnlich nicht an ihr rühmen können . Unstreitig sind Dir wie mir die nöthigen Mittheilungen zugekommen . Bei Durchsicht derselben leuchtet mir ein , daß für uns nichts als Kosten in Aussicht stehen , wenn wir den Instanzenzug verfolgen wollen . Wir müssen unter obwaltenden Umständen von jedem Gericht verurtheilt werden . Es scheint mir daher politischer zu sein , uns schweigend in die bittere Nothwendigkeit zu fügen , einen Theil unserer Güter abzutreten , die Kosten gemeinschaftlich zu tragen und uns übrigens von der neuen Verwandtschaft stolz zurückzuziehen . Mir ist nicht bange vor diesen Sprößlingen unseres alten Geschlechtes ! Halb illegitim sind und bleiben sie doch , und da es dem gütigen Himmel gefallen hat , sie unter der niedrigsten Hefe des Volkes aufwachsen , die Gewohnheiten und Allüren derselben annehmen zu lassen ; so hoffe ich , sie werden allesammt Plebejer bleiben bis an ihren Tod ! « » Meine Frau , deren Ansichten fast immer mit den meinigen zusammen treffen , billigt vollkommen , daß wir uns stolz zurückziehen und mit vornehmer Gelassenheit den Bettlern das begehrte Almosen auszahlen . Man kann ja nicht wissen , ob sie es lange genießen werden ! - Ereilt sie der Tod bald , was ich erwarte , da unsere gemeinschaftliche Handlungsweise Verlängerung ihres Lebens weder beabsichtigen noch hervorrufen konnte , so ist es ja immer noch möglich , daß wir sie später wieder beerben . Es käme nur darauf an , ihre Nachkommenschaft , die nicht unbedeutend sein soll , unschädlich zu machen . Beschlüsse darüber fassen wir bei unserer nächsten Zusammenkunft , die ich hier in meinem romantischen Asyl zu halten vorschlage . Der Stammsitz unserer Väter ist mir verhaßt , ich werde ihn sobald nicht wieder betreten . Die Gemeinheit hat ihn mehrfach entweiht . Wir thun deshalb besser und handeln im Geiste unserer großen Ahnen , wenn wir uns einen andern unbefleckten Sitz für uns und unsere Kinder aussuchen . Theile mir Deine Ansichten recht bald darüber mit , füge Dich , wie ich es thue , mit stoischer Ruhe in das Unvermeidliche und eile in die Arme Deines Bruders Adalbert . « Die Nothwendigkeit solchen Entschlusses sah Adrian ein , an schleuniger Ausführung desselben hinderte ihn aber Verschiedenes . Adalbert wußte nicht , daß Klütken-Hannes des beabsichtigten Mordes überführt , auf Boberstein gefangen saß . Er ahnte nicht , daß sein unglücklicher Bruder als Anstifter dieses Mordes bereits bekannt war , daß Aurel um die ganze empörende Schandthat wußte und mit einem einzigen Worte den eigenen Bruder verderben konnte ! Ungeachtet seiner schrecklichen Lage verzweifelte Adrian nicht . Er hielt es sogar für möglich noch zu siegen und selbst den Schein der Mitwissenschaft von sich abzuwenden , wenn er Zeit gewinnen konnte . War dies geschehen , dann stand einer Zusammenkunft mit seinem Bruder nichts mehr im Wege . Es gab zwei Mittel , dies Ziel zu erreichen , Flucht oder Tod der beiden Gefangenen . Die Pflicht der Selbsterhaltung , die Nothwehr gebot ihm , zu dem zu greifen , das ihm das sicherste dünkte . Dies konnte nur ein Mord sein , ein heimlicher Mord , der unentdeckt blieb . Adrian schauderte vor solcher That nicht mehr zurück . Er überlegte nur , wie man sie ausführen müsse , um sicher zu gehen , und als er mit sich darüber einig war , fühlte er eine Anwandlung von Freude . Ein Umstand trug bei , die Ausführung ihm leicht zu machen . Niemand kannte die Fremden . Sie lebten als Herumstreicher in der endlosen Haide und wurden schwerlich vermißt , wenn sie gänzlich verschwanden und man das Gerücht von ihrer Flucht verbreitete . An ihrer Habhaftwerdung konnte ohnehin Niemand ein Interesse haben , als Aurel und Martell . Diesen fürchtete Adrian nicht , da er seine Auflösung nahe glaubte , und von Jenem nahm er an , er werde Edelmuth und Großsinnigkeit genug besitzen , um seinen eigenen Bruder nicht des Mordes anzuklagen . Unglücklicherweise bedurfte er noch einer Mittelsperson , da er einen nicht zu überwindenden Abscheu vor persönlicher Ausübung des Verbrechens empfand . Die Anordnungen dazu zu treffen , den Plan zu entwerfen , selbst die Mittel herbeizuschaffen , schien ihm weniger entsetzlich und strafbar , als die Vollbringung der That . Sophistik half ihm über alle Skrupel hinweg und beruhigte ihn vollkommen . » Ich bin ja kein Mörder , « rief er sich ermuthigend zu , » wenn ich nicht selbst Hand anlege ! Ich gebe blos Rathschläge und überlasse die Ausführung , die Anwendung derselben andern Händen . « Auch diese Hände glaubte er schnell zu finden . Die zarte Aufmerksamkeit Bianca ' s , ihr weniger freundlich-kaltes Benehmen seit jenem entscheidenden Morgen , ihre aufmunternden Blicke und Worte ließen Adrian glauben , sie erwiedere seine Neigung . Die Leidenschaft machte ihn blind , er sah die Liebliche sich schon verbunden und in dieser unbegreiflichen Verblendung zauderte er nicht , sein Wohl und Wehe diesem verführerischen Mädchen anzuvertrauen . - Es war gegen Abend . Blitzende Goldfäden spannen sich durch die dunkelgrünen Nadelbehänge der Haide und warfen ein zitterndes Strahlennetz über den leis wallenden See . Adrian saß auf kostbarem Rollstuhle am Fenster und warf von Zeit zu Zeit einen zerstreuten Blick auf den prachtvoll glühenden Abendhimmel . Seine Gedanken schienen aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein , denn das erhebende Schauspiel des Sonnenunterganges erheiterte nicht seine düstern , unheimlichen Mienen . Er war so tief in sich versunken , daß er nicht einmal das Kommen und den schwebenden Schritt Biancas hörte , die , wie immer reizend angekleidet , für den Grafen einige Erfrischungen auftragen wollte . Erst als sie hustete , sah er auf und reichte ihr die Hand . » Immer aufmerksam , immer liebenswürdig und gut , « sagte er mit einem Anflug von Schwermuth . » Meine Schuldigkeit , gnädigster Herr . « » Werden Sie mir nicht auch den Rücken kehren nach diesem Unglück ? « » Warum sollte ich ? Sie sind ja gütig gegen mich , wie früher . « » Ich werde aber sehr mürrisch , zänkisch , herrisch , vielleicht gar tyrannisch werden , denn ich hasse die Menschen , weil sie mich hassen und betrogen haben . « » Nicht doch , Herr am Stein ! Nun und wenn auch bisweilen wirklich die böse Stunde Sie überfällt , so werde ich armes Kind durch meine Possen den garstigen Feind aus dem Felde zu schlagen bemüht sein , und geben Sie Acht , er weicht ! Meine Blicke kann er nicht ertragen . Was meinen Sie ? « Bianca kniete vor Adrian nieder , der noch ihre Hand gefaßt hielt , und ließ einen jener schmelzenden , seelenbezaubernden Blicke auf ihn fallen , über welche die Sirene nach Belieben verfügen konnte . » Was könnte Ihnen unmöglich sein , entzückendes Kind ! « erwiederte der Graf . » Ich glaube , Sie können Todte erwecken und Verdammte selig machen ! « » O nein , so umfassend ist meine Macht nicht , « versetzte die Schöne lächelnd und die Liebkosungen ihres Gebieters ohne Sträuben duldend , was sie bisher noch nie gethan hatte . » Höchstens vermag ich Kranke zu heilen und mürrischen Trotzköpfen ein freundliches Lächeln abzugewinnen . Begeben Sie sich unter meine Herrschaft , und Sie werden der heiterste Mensch werden ! « » O Bianca , habe ich das nicht immer gewünscht ? Aber Du wiesest mich ja von Dir ! « » Die Kriegskunst haben Sie nicht studirt , das sieht man ! « sagte mit schalkhaftem Lächeln die verführerische Kokette , und legte ihr duftendes Lockenhaupt auf seinen Schooß . Adrian küßte wiederholt die weichen glänzenden Haare und die Gluth der Leidenschaft , die ihm Bianca eingeflößt hatte , gab sich in dem Zittern seiner Hände kund , die an den Wangen der Schönen ruhten . » Wollen Sie mich glücklich , mich ruhig machen ? « » Sie wissen es ja ! « » Dann reichen Sie mir Ihre schöne Hand und werden meine treue , verschwiegene Bundesgenossin ! « » Recht gern , Herr Graf , doch blos unter der Bedingung , daß Sie keinen offenen Krieg gegen Ihre Feinde beginnen wollen . Wir Mädchen , wissen Sie , haben vor allen Arten von Waffen eine unwiderstehliche Furcht . « » Ich suche eine Bundesgenossin , die sich auszeichnet durch Treue , Verschwiegenheit und List . Sollte ich mich irren , wenn ich diese drei Vorzüge Ihnen zutraute ? « » Es käme auf die Probe an . « » Und wenn Sie diese Probe nicht beständen ? « » Nun was dann ? « » Dann würden Sie mich vielleicht unglücklich machen und sich selbst schwerer Verfolgung aussetzen . « » Auf diese Gefahr hin hätte ich beinahe Lust , den Versuch zu wagen . « » Im Ernst , Bianca ? « » Im vollen Ernst ! Hier meine Hand ! « » Engel ! Retterin ! Göttin meines Lebens ! « rief Adrian , das noch immer vor ihm knieende Mädchen zu sich emporziehend , mit leidenschaftlicher Gluth umarmend und es wiederholt an sein Herz drückend . » Nicht so ungestüm , Lieber ! « flehte Bianca , ihrerseits eine schmachtende , verschämte Hingebung heuchelnd , die den Grafen vollends in seinem Vorsatze bestärkte und jede Vorsicht bei Seite setzen ließ . Sie blieb aus seinem Schooße sitzen , das Gesicht an seine Brust gedrückt , den rechten , halb entblösten Arm lose um seinen Nacken geschlungen . » Habe wohl Acht aus das , was ich Dir jetzt sage , « flüsterte Adrian , bald die linke weiche Hand der Schönen an seine Lippen drückend , bald einen Kuß auf ihre klare Stirn hauchend . » Sahst Du die beiden wüsten , verwilderten Männer , die mein Bruder Aurel vor einigen Tagen in Banden hierher brachte ? « Bei dem Namen » Aurel « erbebte Bianca unmerklich . Ohne auszublicken , gab sie dem Grafen durch einen Händedruck ihre Mitwissenschaft zu erkennen . » In wenigen Tagen wird man die Elenden verhören , « fuhr Adrian fort . » Ich weiß , daß sie mich verläumdet , daß sie mich bei Aurel und dem Maulwurffänger angeschwärzt haben , um ihre verbrecherischen Handlungen zu bemänteln . Eine Klage steht bevor , wenn sie ihre Aussagen frech zu Protocoll erklären und eine endlose , meinen Namen befleckende Untersuchung wird die besten Jahre meines Lebens vergiften . Dem muß man zuvorkommen , dem müssen und können wir vereint steuern ! « » Wie ? « fragte Bianca und erhob ihren Kopf , das dunkelflammende Auge fragend und neugierig auf den Grafen heftend . » Wie stünde das in unserer , namentlich in meiner Macht ? Ich weiß ja von nichts , ich kann nicht einmal Zeuge sein ! « » Kleine Thörin , wie du Dich einfältig stellst ! Hörst Du nicht , daß es gar nicht bis zum Verhör kommen darf , wenn ich nicht compromittirt werden soll ? « » Also ? « » Sie müssen beseitigt , heimlich entlassen werden ! « » Man soll ihnen demnach zur Flucht behilflich sein ? « » Daß ist mein Plan , indeß - « » Indeß ? « erwiederte Bianca , strich sich die ausgegangenen Locken zurück und legte beide Hände auf ihren Busen . » Der Vorsicht wegen müßte noch etwas Anderes geschehen - « » Etwas Anderes ! Und worin soll dies bestehen ? « » Wozu mir die kluge , schlaue , treue und verschwiegene Bundesgenossin , deren Wort ich besitze , behilflich sein wird ! « Bianca neigte ernst und schweigend den Kopf und entschlüpfte dem Schooße des Grafen . Adrian ergriff ihre Hand . » Schelmen , wie es jene beiden sind , ist nie zu trauen . Läßt man sie also entfliehen , so können sie mir immer noch einen Streich spielen , denn es sind von Grund aus verworfene und dem Henker anheim gefallene Menschen . Jedes Gericht muß sie zum Tode verurtheilen , den sie mehr als ein Mal verdient haben . Es wäre deshalb ein Verdienst , sie unschädlich zu machen - sie unmerklich , ohne vorhergegangene langweilige Untersuchung - sterben zu lassen ! Wer dazu die Hand reichte , würde sich verdient machen um Staat und Gesellschaft ! « » Bitte , sprechen Sie weiter ! « lispelte Bianca . » Ich bin entschlossen , mir dieses Verdienst zu erwerben , allein ich bedarf eines Gehilfen , der mich versteht , der mich dabei unterstützt und - verschwiegen ist ! « » Das begreife ich . Nur weiter , Herr Graf ! « » Du hast Dich mir verbündet , Bianca - Du kennst , Du verstehst , Du liebst mich - Deine Hand - « » Soll die verfluchte Hand einer Mörderin werden ? « » Bianca ! Welche Schlußfolgerung ! Welche Verwandlung Deines Wesens ! - Was geht in Dir vor ? « In der That hatte die verführerische Schöne während der letzten einschmeichelnden Worte des Grafen eine ganz andere , eine furchteinflößende Miene angenommen . Ihre schlanke Gestalt hoch aufgerichtet , ihre großen zornsprühenden Augen auf Adrian geheftet , die vollen Arme fest über dem heftig wallenden Busen geschlungen , warf sie den schönen Kopf mit den schwarzen flatternden Locken zurück , und ein furchtbares Lächeln spaltete die blaßrothen Lippen . Ihr Antlitz war weiß , wie das einer Leiche . » Brudermörder ! Zweifacher Brudermörder ! « rief Bianca und schleuderte Blitze des Zorns und der Verachtung auf den Grafen . » Endlich hab ' ich Dich gefangen , Elender ! « » Wozu diese Verstellung , « entgegnete Adrian , indem er ebenfalls aufstand und das dämonisch schöne Mädchen umschlingen wollte . » Wir verstehen uns ja doch , und ein so schöner und süßer Mund , wie der Deinige , wird nicht aus der Schule plaudern ! Deine Hand aber bleibt zart und weich , wie immer . Von ihr wird nichts weiter begehrt , als daß sie einen silbernen Löffel erfasse und mit der ihr eigenen graziösen Bewegung den armen Gefangenen einen warmen Trank mit Zucker versüße . Sollte das meinem lieben , freundlichen und klugen Mädchen nicht möglich sein ? « Adrian wollte schmeichelnd die Hand Bianca ' s wieder erfassen , diese aber trat stolz einen Schritt zurück und donnerte ihn an : » Hinweg , verabscheuungswürdiges Scheusal ! Hinweg ! - Dein bloßer Hauch verpestet die Luft , die Dich umgibt ... Qualen der Hölle lohen um Dein verbrecherisches Haupt ... Wer Dir naht , geräth in Gefahr , durch bloße Berührung von Dir mit fortgerissen zu werden auf die Lasterbahn , die Du wandelst seit Jahren ! - Ja , ich nenne Dich nochmals einen zwiefachen Brudermörder , denn ich weiß , daß Martell , von Dir mit brennendem Gifte getränkt , dem Grabe entgegenwankt , und Dein eigener schamloser Mund hat mir gestanden , daß ein zweiter Brudermord Dein Tag- und Nachtgedanke ist ! ... O ich kenne die Gefangenen , Herr am Stein ! Ich weiß , daß jener unglückliche Klütken-Hannes der beklagenswerthe Sohn Herta ' s ist , die Dein Vater der Ehre beraubte ! ... Entsetzlich , grauenvoll , seelenerschütternd geht jetzt nach fast einem halben Jahrhundert die Saat der Frevel und Verbrechen auf , die ein gewissenloser Mann ausstreute , und die eigenen unseligen Kinder sind es , die sie mit sich in ' s Verderben reißen ! ... Adrian , Graf von Boberstein , zittere , denn die Rachegöttin zückt ihr Schwert über Deinem Haupte ! - Kennst Du mich ? « Bianca trat , immer die Arme über der Brust verschränkt , dem Grafen näher , der entsetzt über die unerwartete Verwandelung seiner schönen Bundesgenossin in den Polsterstuhl zurückgesunken war . » Bianca , « rief er , die Hände flehend gegen sie ausstreckend , » Bianca , vergib mir ! ... Sei barmherzig ! Sei ein mildes , sanftes Weib ! « » Ha , ha , ha ! « lachte die Rachedurstige . » Erbarmen , Sanftmuth , Vergebung , weibliche Milde suchst Du bei der , deren Schwester Du herzlos in den Tod gejagt hast ? « Todtenblässe lag auf Adrians eingefallenen Zügen . Die vor Seelenangst zitternden Hände gegen das zürnende Mädchen ausstreckend , lallte er : » Wer ... wer ... bist Du ? « » Ich bin die Schwester Theresens , des armen Dienstmädchens , das ob Deiner grausamen , kalten Treulosigkeit ihrem Leben in den Fluthen der Saale ein Ende machte ! Kennst Du dies ? « Und die Rächerin ihrer Schwester hielt dem Grafen jene höhnischen Zeilen vor , die der stolze Edelmann der armen Verführten kurz vor ihrem Tode geschrieben hatte . » Gerechter Gott , ich bin gerichtet ! « schrie Adrian und stürzte Bianca zu Füßen . » Gerichtet und verdammt ! « sagte die Unerbittliche streng und kalt . » Winsele , bis der letzte Kieselstein dieser Welt Empfindung bekommt ; krümme Dich Millionen Jahre hier und dort vor meinen Füßen , um Vergebung von mir zu erlangen ; ich werde nur höhnende Worte , tödtende Blicke , verachtendes Lächeln für Dich haben , denn ich will Rache , Rache für meine schuldlos hingeopferte Schwester !