schloß das Schreibzeug zu und stellte es wieder weg . Gern wäre Clelia mit ihrem Vetter öfter zusammengekommen , aber es blieb bei kurzen , formellen Besuchen , denn ihre Gutmütigkeit konnte im Bewußtsein dessen , was geschehen sollte , eine befangene Stimmung nicht überwinden . Auch Oswald war einsilbig ; er sehnte sich nach Lisbeth und entbehrte sie schmerzlich . Diese blieb mehrere Tage lang aus , und die Qual des Harrens gab der jungen Baronesse die übelste Laune , die sich plötzlich gegen das arme Kind wendete . » Fancy « , sagte sie am dritten Tage , » wenn das Mädchen morgen nicht kommt , wenn ich noch länger hier herumgeführt werde , so fürchte ich bei der Unterredung von meiner Heftigkeit . « » Es wäre nicht zu verwundern , wenn die gnädige Frau heftig würden , denn so lange auf sich warten zu lassen , ist unerlaubt « , erwiderte Francy . Die junge Dame bedachte sich und sagte : » Aber wenn mir recht ist , so habe ich ihr ja gar nicht ankündigen lassen , daß ich mit ihr reden wollte . « » Nein , sie weiß nichts davon « , sagte Fancy . » Nun , so darf ich ihr ja auch deshalb nicht zürnen ! « rief Clelia zornig . » Wenn Sie sonst nicht wollen , gnädige Frau , nein . « Der Stramin , dieser Zeitvertreiber , wurde abermals zur Hand genommen . Clelia nähte eine halbe Dreifaltigkeitsblume , seufzte aber plötzlich , ließ den Stramin in den Schoß sinken und sagte gepreßt und schwer : » Edmund kann es nie verantworten , was er an mir getan hat . « Fancy seufzte auch und sprach : » Ich hätte das nimmermehr von dem Herrn gedacht . « » Jungfer « , sagte ihre Gebieterin mit einem strengen Tone , » ich verbitte mir alle Bemerkungen über meinen Gemahl . « » O mein Gott ! « rief Fancy und weinte , » nun sehen die gnädige Frau , was es zur Folge hat , wenn Herrschaften ihre Untergebenen durch zu große Güte verziehen . Ich erlaube mir schon Bemerkungen über den gnädigen Herrn . « Sie schluchzte und konnte sich über ihren Fehler gar nicht zufriedengeben . » Laß es doch nur gut sein , das Schluchzen ! « rief Clelia ärgerlich . - » Ich habe mich jetzt ganz kurz entschlossen . Meine Gesundheit kann ich hier nicht zusetzen . Ich werde die Sache doch dem Oberamtmann überlassen . « Fancy war die Beredsamkeit selbst , diesen Entschluß zu loben . » Ja « , sagte sie nach einer preisenden Rede über die doch stets so richtigen Gedanken der Herrin , » ja , der Herr Oberamtmann mag nur die Leutchen , die nicht zusammengehören , auseinanderbringen . Für die gnädige Frau paßt das auch nicht , Sie haben zu so etwas Feinem und Verwickeltem keine Anlage , nicht ein Kind könnten Sie , wenn es eine dumme Unart auslassen will , davon abhalten , aber der Herr Oberamtmann ist darauf gewitzigt , o der hört das Gras wachsen und macht einen mit der feinen List nach seiner Pfeife tanzen , wie er will . Ich wette darauf ; womit Sie sich in Gedanken schon drei Tage lang ängstigen , das hat er morgen in einem Viertelstündchen fertig ; die Mamsell reist sacht ab , weint ein paar Tränen , trocknet sie auf der nächsten Station , den jungen Herrn Grafen wird er auch bald herum haben , denn er besitzt einen ganz außerordentlichen Verstand in dergleichen Sachen , und so klug Sie sind , gnädige Frau , darin stehen Sie ihm nach . - Nein , Ihre Gesundheit dürfen Sie nicht zusetzen und noch dazu umsonst , denn es würde Ihnen schwerlich glücken , aber der Herr Oberamtmann ist der Mann dazu . Gleich hole ich ihn her , damit Sie ihm Ihre veränderte Meinung sagen können . « Die Baronesse hätte gern den unaufhaltsamen Fluß dieser Reden gehemmt , es war ihr aber nicht möglich , Fancys Zunge zum Schweigen zu bringen . Jetzt endlich konnte sie zum Worte kommen . Hochrot und mit den kleinen Füßen stampfend , rief sie : » Nein ! Nein ! Nein ! du sollst den Oberamtmann nicht holen , ich bin ebenso klug als er , Fancy bleib hier ! Fancy ! Fancy ! « - Aber Fancy hörte nicht , sondern sprang fort . - » Gott ! « rief Clelia , fast weinend vor Verdruß , » es ist doch zu arg mit einer solchen Gans von Mädchen , die immer das Echo von einem macht , da bringt sie wahrhaftig den Aktenmenschen schon herauf ; der Himmel sei ihm gnädig , wenn er sich über mich mokiert ! Aber was sage ich ihm ? denn nicht um die Welt lasse ich ihn sich einmischen . « Der Oberamtmann betrat mit Fancy das Zimmer . Fancy hatte ihm wirklich gesagt , die gnädige Frau wisse sich durchaus keinen Rat , die Mesalliance zu hindern , und der erfahrene Geschäftsmann konnte seinen Triumph darüber nicht verbergen . Es wäre möglich gewesen , daß Clelia ihm dennoch die ganze Angelegenheit in seine Hände zurückgegeben hätte , aber dann mußte er sich respektvoll , ernst und zurückhaltend nehmen . Er kam jedoch schmunzelnd , mit einer gewissen Überlegenheit in Blick und Haltung , er nahm sich vor , einen Scherz aus der Sache zu machen , sie nicht zu wichtig zu nehmen . Es war der erste Scherz , den der arme Oberamtmann auf der Reise ausgehen ließ und Ort und Stunde konnten dazu nicht unglücklicher gewählt sein . Sobald Clelia das Schmunzeln ihres Geschäftsfreundes und ehemaligen Nebenvormundes sah , sobald sie bemerkte , daß er ihr leichthin imponieren wolle , und gar , als sie mit weiblicher Ahnungsgabe seine Absicht , scherzen zu wollen , spürte , kehrte sie in den Besitz ihrer ganzen Festigkeit zurück , die wir an ihr zu bewundern schon mehrmals Gelegenheit gehabt haben . Er trat ihr nahe und sagte lächelnd : » Nun , liebes Kind , muß der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch vorrücken ? « - Er wollte ihre Hand ergreifen . Clelia zog sie zurück und entfernte sich von ihm . Seine früheren Beziehungen zu ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben , und wie oft war von ihm dieses Recht geübt worden ! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein , heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm . Er folgte ihr nach . - » Clelchen « , sagte er noch schmunzelnder , » es ist mir lieb , daß Sie einsehen , für dergleichen nicht zu passen . Nun , schämen Sie sich nur nicht ; Don Quixote tritt vor den Riß . « - Abermals trachtete er nach ihrer Hand , die er zärtlich küssen wollte , denn Geschäftsmänner sind nie galanter , als wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen . Clelia riß jedoch beinahe ihre Hand zurück und rief mit scharfem Akzent : » Herr Oberamtmann , ich weiß durchaus nicht , was Sie bei mir und von mir wollen ! « Der Oberamtmann machte ein Gesicht , ähnlich dem , was er zu machen pflegte , wenn einer seiner Inkulpaten , von dem er behaglich das unumwundenste Geständnis erwartete , plötzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte . - Er sah Clelia starr an , dann ging er im Zimmer auf und nieder . Hierauf nahm er den Stramin in die Hand , als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinthe darleihen könne , dann öffnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige Postpapier an , endlich stellte er seine Uhr , obgleich sie richtig ging . Nach diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten Ernste : » Gnädige Frau , ich bin kein Narr . « Clelia versetzte nicht minder ernsthaft : » Und ich bin nicht Ihr liebes Kind und nicht Ihr Clelchen , Herr Oberamtmann . « Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen Äußerungen war so groß , daß Fancy ein Lachen verbeißen mußte . Es trat wieder ein langes Schweigen ein . Endlich unterbrach es der Oberamtmann und sagte : » Ich muß Sie ersuchen , bis morgen abend die Einwilligung der sogenannten Braut , welche wie ich höre , heute abend zurückkommen wird , herbeizuschaffen . Wofern Umstände dies verhindern sollten , so werden Sie entschuldigen , wenn ich das Versprechen Ihrer Mühwaltung in der Sache als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe . « - Nach diesen Worten , die er gemessen und kalt vorgebracht hatte , empfahl er sich mit einer steifen Verbeugung . Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische . Fancy suchte sie durch eine Vorlesung zu zerstreuen . Sie las ihr nämlich ein vierzehn Tage altes rheinisches Zeitungsblatt vor , welches auf dem Zimmer lag . Sie las es von Anfang bis zu Ende , erst las sie von den Verwickelungen im Orient , dann von den Kreuz- und Querzügen der Christinos und Karlisten , dann , wie liebenswürdig sich der und der da und da benommen , dann von der soundsovielsten großen ministeriellen Krisis in Frankreich , endlich von einigen deutschen Händeln . Hierauf ging sie zu den Anzeigen über , an deren Spitze die Verkündigung von Assisen in Elberfeld stand . Es folgten zu vermietende Wohnungen , brave Mädchen sagten , daß sie gut nähen und bügeln könnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jüngling für sein Geschäft . Später sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel , einem anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen . Dazwischen fuhren die Dampfschiffe regelmäßig alle Morgen , auch waren reingehaltene Bleicharte zu haben , wobei aber ein zweifelsüchtiger Leser ein großes Fragezeichen mit Rotstift gesetzt hatte . Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten gemacht , und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten . Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit . Nur als sie von den Assisen hörte , mochten ihre Gedanken , welche sich noch immer ärgerlich bei dem Oberamtmann aufhielten , angeregt werden , weil sie ihn so oft sehnsüchtig davon hatte reden hören . Sie rief : » Nun dahin könnte man ihn ja gleich schicken , wenn er sich hier lästig machen will ! « Spät hörte man einen Wagen vorfahren . Lisbeth kehrte zurück . Clelia befahl ihrer Jungfer , das Mädchen gegen die Mittagsstunde des folgendes Tages zu ihr zu rufen , » denn « , sagte sie , » wenn man jemand wider seinen Willen zu etwas bestimmen will , so darf man ihn nicht im Negligé empfangen . « Sie ging mit vieler Würde zu Bett und dachte in dieser Nacht , wenn sie erwachte , nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl , sondern nur an die Aufgabe des folgenden Tages . Siebentes Kapitel Was Lisbeth auf die Ermahnungen zu einer uneigennützigen und entsagenden Liebe antwortete Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster , wo der Diakonus einige seiner schönsten Exemplare aufbewahrte , ein prächtiges Myrtenbäumchen herein , musterte die längsten und frischesten Zweige , an denen sich zugleich Knöspchen und runde frische Blüten befanden , wehte mit einem leichten bunten Federwedel etwas Staub , der sich auf die Blätter gesetzt hatte , ab , summte dazu , aber so leise , daß ihre Gebieterin nebenan es nicht hören konnte , die alte » veilchenblaue Seide « aus dem » Freischützen « , lächelte , seufzte dann , legte die Hand auf die Brust und ließ das Myrtenbäumchen im Zimmer stehen , um es gleich zu haben , wie sie für sich sagte . Hierauf ging sie zu Lisbeth , und richtete ihre Bestellung aus . Lisbeth war ernst und wehmütig , denn sie hatte bei dem alten Pfleger eine trübe Probe zu bestehen gehabt . Fancy wollte ihr etwas sagen , aber diesem ernsten Antlitze gegenüber erstarb ihr schlaues Wort auf der Lippe . Die junge Dame , der im wahren Interesse ihres nächsten Verwandten ein so schwieriges Geschäft oblag , erhob sich und sagte nach dem Frühstück : » Fancy , was ziehe ich denn wohl heute an ? « - » Gnädige Frau « , erwiderte Fancy , » Sie müssen ganze Toilette machen . « - » Nun , nur nicht zu übertrieben « , sagte die Baronesse . » Nein , nicht zu übertrieben « , versetzte Fancy . Sie kramte hierauf in den Koffern und Kartons und nahm den gewähltesten Putz heraus . Zum Anzuge bestimmte sie das noch nicht getragene prächtige Kaschmirkleid von violetter Farbe mit einer Schnippentaille , und fügte dem Kleide einen weißen Mousseline-de-Soie-Schal hinzu . Unter den Strümpfen suchte sie die feinsten à jour gewebten aus und unter den Schuhen ein Paar von schwarzem Atlas . Kurze weiße Handschuhe mit Spitzen garniert nahm sie aus einem Karton . Als es nun an die Musterung des Schmuckes ging , so schien ihr eine schwere Chatelaine mit goldenen und silbernen Gliedern , gotischem Schloß und Medaillon schicklich zu sein . Drei Armbänder dünkten ihr nicht zuviel , eins mit Steinen , deren Anfangsbuchstaben den Namen : Clelia zusammensetzten , ein prächtiges Geschenk des abwesenden Herrn und zwei einfachere , das eine ein schlichter Goldreifen , das andere mit Türquoisen besetzt . Für die Haarflechten legte sie eine goldene Kette zurecht ; ein blitzendes Diadem wollte sie nachfolgen lassen , bedachte sich aber noch zur rechten Zeit , daß man im Guten zuviel tun könne und stellte es wieder beiseite . Es versteht sich , daß ein gesticktes Taschentuch vom feinsten Batist nicht vergessen wurde . Während dieser ernsten und gründlichen Vorbereitung rüstete sich Clelia ebenfalls und zwar in höherer Weise zu der Unterredung mit Lisbeth . Sie las einen Roman und erwog dabei , was sie dem Mädchen sagen wollte . In der Tat war Oswalds Abenteuer so sehr gegen alle Voraussetzungen seiner Verhältnisse , daß ihr die stärksten Gründe , hergenommen aus dem Wesen uneigennütziger Liebe , echten Schicklichkeitsgefühls und frommer Ergebung in reicher Fülle zuströmen mußten ; Gründe , die nach ihrer Meinung eine schlagende Wirkung auf ein edles weibliches Gemüt nicht verfehlen konnten . Sie erging sich mit Wohlgefallen in den Reden , welche diese Gründe näher entwickeln sollten , und las dazwischen immer einige Seiten des Romans . Da er zu denen gehörte , welche bei uns zweite Auflagen erleben , so leitete er ihre Gedanken von dem Gegenstande , der ihre Seele beschäftigte , nicht ab . Sie war so sehr in ihr Vorhaben vertieft , daß sie auf Fancys Tun und Treiben nicht achtete und des Fluges der Stunden ebenfalls nicht inneward , die unter solchen Übungen innerer Beredsamkeit rasch zu verfließen pflegen . Fancy mußte sie erinnern , daß die Zeit gekommen sei , sich kleiden zu lassen . Noch immer in ihre Gedanken und Gründe verloren widmete sie dem Anzuge keine Aufmerksamkeit . Sie ließ die einfachen Strümpfe von den zierlichen weißen Füßen streifen und diese mit den spinnwebenfeinen durchbrochenen bekleiden , es fiel ihr nicht auf , als Fancy , nachdem sie die Flechten gemacht , dieselben mit der goldenen Kette umwand , sie schlüpfte in das prächtige Kaschmirkleid , empfing die schwere Chatelaine um die schöne Taille und ließ sich den Schal von Mousseline de Soie um Hals und Schultern legen , ohne bei einem dieser Stücke eine Erinnerung zu machen . Nur als ihr Fancy die weißen garnierten Handschuhe mit blaßroten Bandschleifen brachte , stutzte sie und sagte : » Fancy , das sind ja Ballhandschuhe . « » Gnädige Frau « , versetzte Fancy ernst , » sie gehören zur vollen Parüre . « Clelia musterte sich , trat vor den Spiegel und rief : » Mein Gott , der Anzug ist ja viel zu recherchiert ! Du hast mich geputzt , als führen wir zu Liechtensteins in die Soirée . Den Augenblick ein anderes Kleid her , die Chatelaine fort , die Goldkette aus den Flechten ! « » O Himmel , was habe ich wieder gemacht ! « jammerte Fancy . » Ich dummes Mädchen ! « - Es klopfte . - » Ach ! Ach ! da ist die Lisbeth schon ! « » Hinaus , sag ihr - « » ... daß die gnädige Frau zu recherchierte Toilette gemacht hätten , sich einfacher anziehen müßten ... « Fancy wollte fort . » Bleib ! « rief Clelia außer sich . » Du wärest albern genug , auch so etwas zu sagen . Ich glaube , du hast in dem Neste deinen Verstand verloren . - Es klopft schon wieder ... Sie hat uns reden hören , es fällt mir kein Vorwand ein - ach , du Imbecille , in welche Verlegenheit setzest du mich ! Handschuhe ! « » Hier « , sagte Fancy . » Weg damit ! Soll ich wie eine Opernprinzessin dasitzen , welche sehen lassen will , wie freigebig ihre Liebhaber sind ? Willst du mir nicht auch noch gar einen Fächer in die Hand geben ? - Schwarze , bescheidene ! « » Schwarze , bescheidene ! « rief Fancy und brachte die verlangten . » Armband ! « Fancy knüpfte mit unerhörter Schnelligkeit die drei Armbänder um , während Clelia nach der Türe sah . » Fertig ? « » Ja . « » Herein ! - Himmel , du hast mir ja drei Armb- « aber sie vollendete das Wort nicht und der Überfluß des Armschmuckes war nicht mehr zu beseitigen . Denn schon trat Lisbeth herein . Es war ein großer Gegensatz , diese schlanke , vornehme junge Gestalt im einfachen Gewande der etwas zu kleinen und vollen Baronesse im höchsten Putz gegenüber . Sie trat bescheiden aber sicher auf , Clelia wollte sich anfangs Airs geben , dieses Bestreben zerbrach indessen sogleich an ihrem grundguten Wesen . Sie reichte verlegen-freundlich Lisbeth die Hand , setzte sich ins Sofa , ließ einen Sessel stellen und flüsterte Fancy zu , sie solle sich in ihrem Zimmer nebenan aufhalten . Als ob es zufällig geschähe , breitete sie ihr Taschentuch aus und entzog dadurch wenigsten die Pracht der Chatelaine und der Armbänder ( denn sie wußte auch die linke Hand mit dem Tuche zu bedecken ) den Blicken Lisbeths . Wieviel würde sie darum gegeben haben , wenn sie statt des Kaschmirkleides das von Mousseline de Laine angehabt hätte ! Der volle Putz raubte ihr die Hälfte ihrer Festigkeit . Sie suchte eine Zeitlang vergebens nach einem schicklichen Anknüpfungspunkte des Gesprächs und so saßen beide , als Fancy sie allein gelassen hatte , eine Zeitlang schweigend einander gegenüber . Lisbeth sah vor sich hin und hatte keine Ahnung von dem , was folgen sollte , denn Clelia war ihr immer gütig begegnet . Endlich sammelte sich diese so weit , um die Unterredung beginnen zu können . Sie sagte ihrem Besuche , daß bis jetzt der Gedanke an Oswalds Krankheit alle anderen Vorstellungen in den Hintergrund gedrängt habe , daß aber nun mit seiner Herstellung die Verhältnisse des Lebens in ihr Recht wieder einzutreten begännen , und daß sie daher wünsche über die Gestaltung der Zukunft mit ihr ein ebenso ernstes als vertrauliches Wort zu reden . - Da sie diesen Eingang zwar mit aller ihr zu Gebote stehenden Würde aber doch höchst liebreich vorgebracht hatte , so konnte Lisbeth denselben nur für eine Vorrede zu freundlichen Erklärungen ansehen . Schüchtern versetzte sie , daß die Baronesse ihr mit solchen Worten eine große Freude mache , und faßte nach Clelias Hand , um sie zu küssen . Indem sie aber ihre Lippen der Hand näherte , fiel ihr ein , wer sie durch Oswalds Liebe sei , sie richtete sich daher sanft auf und ließ die Hand Clelias fallen , welche ein Erstaunen über diesen Hergang nicht verbergen konnte . » Nun also , mein Kind , wie soll denn das nun werden ? « sagte Clelia , etwas verlegen mit dem Schal spielend . Lisbeth errötete , senkte ihr Haupt wieder und versetzte : » Von der Zeit unserer Verbindung ist zwischen uns noch nicht die Rede gewesen , zwischen dem Grafen und mir . « » Verbindung ! « rief Clelia lebhaft . » Ei ! Ei ! mein liebes Kind , Sie sprechen ja von der Verbindung mit meinem Vetter , als sei diese eine ausgemachte und sich von selbst verstehende Sache . « Lisbeth hob langsam ihr Antlitz empor , sah Clelien mit großen Augen an und fragte : » Wovon wollten Sie denn mit mir reden , gnädige Frau ? « Die Wirkung einer einfachen aber zur rechten Zeit angebrachten Frage ist oft groß . Clelia hatte sich auf eine begeisterte Versicherung , auf flammende Reden gefaßt gemacht und würde diesen Gluten mit gleichem Feuer begegnet sein . Nun aber sollte sie schlichtweg sagen , was sie wolle ? und diese Zumutung setzt in vielen Lagen des Lebens in eine nicht geringe Verlegenheit . An ihr war jetzt die Reihe , die Augen niederzuschlagen ; sie sprach , daß man es hätte Stottern nennen können : » Sie scheinen gar nicht erwogen zu haben , Lisbeth - denken Sie nur nicht , mein liebes Mädchen , daß ich Sie kränken will - nein gewiß nicht - und wären Sie nur - so wäre ich ja voll Freude - indessen gibt es doch Dinge in der Welt - unwiderleglich vorhandene Dinge - Dinge , Lisbeth - mein Gott , Sie müssen mich ja wohl verstehen ... « » Ja , gnädige Frau , ich verstehe Sie nun « , sagte Lisbeth mit einem Tone , als unterdrücke sie ein stilles Weinen . » Auf denn also , Lisbeth , Mut ! « rief Clelia , Atem schöpfend . - » Nur zeigen darf man einem so reinen Gemüte das Richtige , und es ergreift es . Die wahre Liebe liebt das Glück des Geliebten . Und das Glück ? Ist es ein trunkener Augenblick , ist es die Aufwallung der Flitterwochen ? Ach nein . Das wahre Glück besteht doch zuletzt nur in der Harmonie mit allen Verhältnissen des Lebens ; in dem Gefühle von dieser Harmonie . Sie dem Gegenstande der Neigung unverstimmt zu lassen , das ist Liebe , das ist tugendhafte Liebe . Sie fühlen ja nun selbst , teure Lisbeth , was ich gern unausgesprochen lasse . - Es geht nicht , es geht wahrhaftig nicht . Mein Gott , wären Sie doch nur - aber- Sie empfinden es , wenn Sie meinen Vetter aufrichtig lieben , so dürfen Sie ihn nicht heiraten . Und nun kommen Sie , mein armes Kind , kommen Sie an meine Brust , und weinen Sie sich aus , denn wahrhaftig , ich weiß mit Ihnen zu empfinden . « Sie breitete ihre Arme gegen Lisbeth aus . Diese lehnte aber mit einer demütigen Bewegung das Liebeszeichen ab und sagte : » Gnädige Frau , entschuldigen Sie , wenn ich an dieser Stätte noch nicht zu ruhen wage . - O mein Gott , wie weit sind wir auseinander , wie hätte ich das mir denken können , und wie soll ich es nun anfangen , alles , was mir im Herzen wogt , Ihnen auszusprechen und dennoch die Bescheidenheit gegen Sie nicht zu verletzen ? - Sie wüßten mit mir zu empfinden ? Gnädige Frau , ich wenigsten weiß mit Ihnen nicht zu empfinden . « » Wie ? Sie fühlen keine Verpflichtung , ihm zu entsagen ? « fuhr Clelia auf . » O nein ! nein ! nein ! « rief Lisbeth mutig . » Diese Verpflichtung fühle ich durchaus nicht , Frau Baronesse . Entsagen soll ich ihm , das ist Ihre Meinung . Und warum ? Daß der Findling nicht in das Haus der Grafen Waldburg eindringe , daß der Graf Oswald eine Gräfin heiraten könne oder eine Fürstin , daß er in Harmonie bleibe , wie Sie es nennen , mit den Verhältnissen des Lebens . Ja , ich weiß , so steht es geschrieben oft in den Liebesgeschichten , die ich gelesen . Das Mädchen hält eine schöne Rede von Entsagung und von Pflicht und dann verhüllt sie sich und geht weg und der Liebste sieht sie nie wieder . Gnädige Frau , wenn die Leute , die solche Geschichten aufschreiben , das nicht aus ihrem Kopfe erfinden , so sind solche Mädchen ungereimte Mädchen , abscheuliche Mädchen , Verräterinnen an ihren Liebsten ! - Glück ? - Ich kenne nur ein Glück und nur ein Elend ! Und mein Glück ist , wenn ich mit Oswald zusammenbleibe und sein ehrlich Weib werde und das Elend des Gegenteils kann ich gar nicht ausdenken , denn es ist unsäglich . So also steht es mit mir . Und von ihm sollte ich geringer denken , als von mir ? Von ihm , der mich sein Leben , seine Zuversicht genannt hat ? Worte sollten das gewesen sein , Worte eines , der nicht weiß , was er spricht ? Nein , ein treuer Mensch sagte sie , ein wahrer , ein aufrichtiger Mensch . Die Entsagung , welche Sie von mir verlangen , wäre ja also das schwerste Verbrechen , das ich nur an Oswald begehen könnte . Ich würde sündig an seiner unsterblichen Seele , zugäbe ich , daß ihm ein Name , ein Wappen werter sei , als das Heiligtum seiner Empfindungen ! Zur Schelmin würde ich an dem Herzblute meines Bräutigams , welches seine Lippen verschütteten , weil er einen Tag lang sich nicht in Lisbeth zu finden wußte . Zu Tode wollte er sich bluten , weil ich in meiner dummen Torheit die Breite eines Landweges zwischen uns gesetzt hatte ! Und er sollte leben bleiben , wenn ich die Welt und das Schweigen und die Finsternis zwischen uns würfe ! Nein ! Ich entsage ihm nicht , nicht entsage ich ihn in das Elend und in die Leere hinein ! « » Gott wird Sie aufklären ! « eiferte Clelia . » Gott wird diese Trugschlüsse der Leidenschaft zunichte machen ! Das ist eben deren Entsetzliches , daß nichts für sie vorhanden ist als sie , nicht Erde nicht Himmel , und daß sie sich so in die greuliche Öde hineinstürmt , daraus nachher kein Entrinnen ! - Aber Gott wird Ihnen beistehen , wird Sie schirmen vor dem geistigen Tode . Sie sind fromm , ich sehe Sie in die Kirche gehen , Sie im Gesangbuche lesen . Gott wird ein Licht in Ihrer Seele anzünden . « » Gott ist bei mir in dieser Stunde , er legt mir die Worte auf meine einfältigen Lippen « , erwiderte Lisbeth . - » Ich weiß nicht , ob ich fromm bin , kümmerlich bin ich herangewachsen , aber zur Kirche habe ich mich freilich immer gehalten und an den Allmächtigen glaube ich . Jedoch , seit ich Oswald liebe , habe ich nur ein Gebet und das lautet : Vater sei mit ihm und mir ! - Ich bete nicht für ihn allein und nicht für mich allein , sondern für uns beide bete ich , und das , meine ich , ist das Licht , welches Gott mir in der Seele entzündet hat . Die Erde sehe ich unter mir , den Himmel über mir , und wo wehet der Sturm , der mich fortstürmt ? « Leidenschaftlich rief Clelia : » Bedenken Sie doch nur seine Verhältnisse , bedenken Sie seine Verwandten , von denen die meisten so stolz sind , bedenken Sie unseren König , bedenken Sie endlich Oswalds eigenes Herz , das von äußeren Umständen , von Widerspruch mit den Forderungen der Welt so leicht in Verlegenheit gesetzte Herz eines Mannes , sehen Sie doch um des Himmels willen die Dinge , wie sie sind ! « » Ja , gnädige Frau , ich sehe die Dinge , wie sie sind , nicht wie sie scheinen . Hätte er noch Eltern , so wäre es etwas anderes . Der Eltern Macht ist von Gott , das weiß ich , obgleich ich Arme keine hatte . Entsagen würde ich ihm zwar immer nicht , wenn er auch noch Vater und Mutter besäße , aber geduldig harren und zu ihm sprechen : Oswald , harre auch du in Geduld , bis Gott deiner Eltern Sinn wendet ! Jedoch so ! Verhältnisse und immer Verhältnisse ! Ei , ist es nicht auch ein Verhältnis , wenn ich seine Frau bin ? Also Verhältnis gegen Verhältnis , und wir wollen erwarten , welches das mächtigere und bessere sei ! - Nehmen seine stolzen Oheime und Tanten ihn in ihre Arme , daß er darin ruhe und lächle und wachse und gedeihe ? Nein . Aber ich werde es tun . Baut ihm Ihr König sein Haus auf ? Nein . Aber ich werde es tun mit des Himmels Hülfe . Und wenn er einmal so schwach sein sollte , verlegen auszusehen über mich , denn es ist möglich , daß Sie darin recht behalten - nun , der Schwäche wird eben die Stärke beigesellt ! Ich werde seine Stärke sein , ich werde ihn fragen : Oswald schämst du dich meiner ? Und wahrlich , gnädige Frau , auf die Frage wird er ja sagen , aber er wird sich ermannen und für alle Zeiten den unwürdigen Kleinmut ablegen . « Clelia wurde immer erbitterter . » Ich würde mich tief gedemütigt fühlen durch einen Gatten so hoch über meinem Stande « , sagte sie herb und schneidend . » Das kann wohl sein « , versetzte Lisbeth . » Darin hat jeder seinen eigenen Sinn . Ich fühle mich gar nicht gedemütiget dadurch , daß er ein großer Graf ist und ich ein geringes Mädchen ohne Herkommen bin . Er könnte noch zehnmal größer sein