- » Wie die Dinge nachher wurden , « sprach der Komthur weiter , » so war mir ' s nicht gelegen Euch den Irrthum zu benehmen , denn ich sah Euch unglücklich seufzen unter dem eingebildeten Joche , und meiner Rache Ziel war erreicht . Dieses Stückleins habe ich mich stets gefreut , und Ihr mögt es jetzt meinem weichen Herzen und der Rührung Eures schönen Weibes danken , daß ich Euch den Aufschluß gab . Der vorgebliche Mönch ruht aber längst schon in der Erde . Ein ungeheuerer Polacke hieb ihn neben mir zusammen , in demselben Kampfe , der mir die kahle Stirne eintrug . « - » Komthur ! « rief Bilger außer sich vor Freude : » nimmer hat ein Teufel dem Menschen so viel des Übeln zugefügt , als Ihr , schwerverirrter Mann , mir des Guten gethan habt , in böser Tücke . Weib , Gattin , Katharine ! erwache und freue dich mit mir . Ich bin Dein , nur einzig und allein Dein Gatte . Keine Fremde hat Theil an mir , und unverletzt ist Deine Ehre , unsers Kindes Herkunft . Mag man mich nun auch von hinnen reißen , mich foltern , und mein Haupt vom Rumpfe trennen , weil ich in blindem Wüthen meinen Feind zu erschlagen begehrte , ... ist doch diese Schuld , die gräßliche Gewissensschuld von mir genommen . « - » Ich bin ein gnädiger Beichtiger ! « lachte der Komthur , wieder in seinem Gleichmuth zurücksinkend : » seyd Ihr hingegen ein kluges Beichtkind , und tödtet nicht durch vorlaute Rede die Arme , die jetzt erst mühselig aus der Ohnmacht wiederkehrt . Sie weiß noch nicht , was Ihr begangen , warum Ihr Euch hier befindet . Mitleidig verschwiegen ihr ' s die Oberin des Weißfrauenklosters , und Wallradens Freunde , damit sie gelinder und gemildert die Unglückspost aus Eurem Munde höre . « Der Herr von der Rhön schreckte heftig bei dieser Eröffnung zusammen . Das Schwerste war ihm demnach noch übrig , und langsam mußte er das Geständniß seiner That , die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender werdenden Aufforderungen Katharinens entgegensetzen , welche begehrte , er möchte alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen , und niemals wieder von ihnen weichen . Die Tiefen des Gemüths , zumal des weiblichen Gefühls , sind unergründlich . Ungleich weniger als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katharinen erschreckt hatte , erschütterte sie die Nachricht von Bilger ' s Schuld und gefährlicher Lage . Trotz ihrem weichen versöhnlichen Herzen fühlte sie eine Art von schreckhafter Freude da sie hörte , daß der Arm des beleidigten , verhöhnten , getäuschten Rudolph ' s das Werkzeug der Vergeltung gewesen war , daß durch ihn das gerechte Verhängniß die Frevlerin in den Staub gestürzt hatte . Denn ihre Leichtgläubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung erwachsen zu sehen , und ihre Unerfahrenheit übersah spielend das drohende Schwert , das über ihres Gatten Haupte hing , an einem leisen Faden hing . Hatte er doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblöst , und gebraucht ; war doch Wallrade nicht an der Wunde verschieden , und sogar die Hoffnung da , sie wieder herzustellen . Die kindliche Frau glaubte , es müßten recht bald dem Flüchtling die Thore geöffnet werden zum Auszug in die Freiheit ; sie dachte schon daran , wie sie vielleicht durch eine Fürbitte die Frist abkürzen könne . Bilger hingegen , welcher wohl wußte , daß der Bruch des Stadtfriedens , das Beginnen des Mordes die strengsten Richter finden würde , und daß die Gesetze der Reichsstadt für den Fremden mit Blut geschrieben waren , schwieg trübe und düster bei den Vorsätzen und Hoffnungen , die Katharine in ihrem wachsenden Muthe an den Tag legte , und konnte es nicht über sich gewinnen , durch ein beifälliges Lächeln die Arme zu täuschen . - » Gute Katharine ! « sprach er bewegt : » ich danke dem Himmel aus vollem Herzen , daß er mir das Glück gewährt hat , Euch noch einmal zu schauen , meine Lieben , die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann . Mehr zu begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld , nicht meinem jetzigen Zustande . Ihr habt selbst von den Soldwachen gesprochen , die des Hauses Pforte belagern ; Ihr habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert , die Strenge , mit welcher sie Euch befragten , und den Argwohn , mit welchem sie Euch nachsahen , da Ihr mit Erlaubniß des Komthurs durch dieses Thor eingingt . Diese Wachsamkeit wird sich nur von Tag zu Tag verdoppeln ; begierig werden sie die Stunden zählen , nach deren Verlauf ich ihnen verfallen bin , und - ist die letzte verronnen , mir fürder keinen Augenblick mehr schenken . Ihren Ketten entgehe ich nicht , wie mein Haupt dem Spruche des Blutgerichts . betrüge Dich darum nicht mit eitler Hoffnung , gute Katharine . Wir haben uns wiedergefunden , um uns in Kurzem wieder zu verlieren , denn also ist ' s beschlossen im Himmel , und die Erfüllung dieses Beschlusses schreitet schnell auf Erden . « - » O , was sagst Du , mein Rudolph ? « seufzte Katharine aus bangem Herzen : » Du willst mir jede Hoffnung rauben ? Du verzweifelst an jeder Rettung ? « - » Warum mich hinhalten mit trügerischer Ahnung , mit falschem Vertrauen ? « - entgegnete von der Rhön : » Ich bin nur reich durch Euch , meine Lieben ! Gold und Silber habe ich nicht ; und wo findet der Arme einen uneigennützigen Retter ? « - Der Komthur , der bisher geschwiegen hatte , lächelte hierbei halb spöttisch , halb gutmüthig , und rief : » Bei Kreuz , Dorn und Wunden , Herr ! Ihr wißt die Waffen zu führen , habt gekämpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jägersmann , und wollt nicht vertrauen auf das Glück , das so oft da hilft , Wo weder Klinge noch Pfeil noch der Arm ausreicht ? Ich bleibe dabei : noch lange habt Ihr Frist , und wer weiß , ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht ? « Rasche Schritte kamen den Gang herauf , und auf die Thüre des Saals zu . - Mehrere Stimmen wurden laut . - » Ei , zum Donner ! « fragte de Komthur : » wer stört uns denn noch am späten Abend ? « - Die Antwort auf diese Frage gab der eintretende Oberreiter , der einen Boten des Herzogs Friedrich von Österreich meldete , und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fuße folgte . Von der Rhön fuhr bei seinem Anblick zusammen , denn Dagobert , Wallradens Bruder , war es in leibhafter Gestalt . Mit ungezwungnem Anstande , ohne kaum einen Blick auf den Unglücklichen und dessen Gattin zu werfen , näherte er sich dem Komthur , und redete ihn an : » Zuvörderst , edler Herr , hab ' ich Euch zu berichten , daß Se . fürstliche Gnaden , der Herzog dich hinter mir einherzieht , und von Eurer Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Euerm Hause erwartet , wo er , die kurze Zeit , die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt , wohnen will . « - » Ehre und Schuldigkeit ; « erwiederte der Komthur , und sandte den Oberreiter sogleich an den Trappierer , um die nöthige Vorbereitungen treffen zu lassen : » Se . fürstlichen Gnaden sind ein lieber Gast , und sollen gut gehalten werden in unsers Ordens Hause , das der Freigebigkeit der österreichischen Fürsten viel verdankt . Wie aber nenne ich Euch , mein Herr , der mir die frohe Kunde bringt ? « - » Mein Name ist nicht wohlklingend für diese Mannes Ohr , « entgegnete Dagobert mit einem Seitenblick auf Bilger : » er möge aber wissen , daß ich nicht als sein Feind erscheine , sondern lediglich als des Herzogs Vorläufer , zu dem mich der Zufall gemacht hat , da ich diesen Nachmittag , eine gute Strecke vor der Stadt lustreitend , unversehens auf des Herzogs Geleite stieß . Ich heiße Frosch , des Altbürgers Diether Sohn . « - Issing biß sich betroffen in die Lippen ; sammelte jedoch seine Fassung schnell wieder , und nickte bewillkommend mit dem Kopfe . Judith ersah aber den Augenblick , welchen das tiefe Schweigen , das nun auf allen Lippen herrschte , ihr gönnte , um Katharinen zuzuflüstern : es sey nun die höchste Zeit nach dem Kloster zurückzukehren . Seufzend wand sich die Arme , den Gesetzen der Ehrbarkeit gehorchend , aus Rudolph ' s Arm , und gelobte hoch und theuer , morgen sicher wiederzukehren , wenn der Komthur es erlauben würde . Verbindlich antwortete dieser : er wisse sich nur weniger Fälle aus seinem Leben zu erinnern , wo er gegen Frauen unerbittlich gewesen sey , und er finde vollends keinen Willen in sich , der leidenden Schönheit zu wiederstehen . » Geht mit Gott , edle Frau , « sprach er zum Abschiede : » und mit Gott kehrt wieder , so oft Ihr wollt . Dieses Haus ist eine Zuflucht für den Verfolgten , und wird durch solche liebliche Unschuld doppelt geheiligt , wie durch des Priesters Spruch . Euern Gatten sollt Ihr unverletzt wieder finden , verlaßt Euch darauf . « - Der Herr von der Rhön geleitete Katharinen , vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu schreiten befehljgt war , bis zur Pforte , und während dessen hob Dagobert freimüthig und zutraulich zu dem Komthur an : » Erlaubt , gestrenger Herr , daß ich ein billig Wort zu Euch rede . Ihr seyd noch nicht lange an diesem Platze ; die Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt , und fürwahr , man darf Euch nur in das Gesicht sehen , um dasselbe zu glauben . Sollte ich mich denn wohl täuschen , wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum Guten voraussetze ? Ihr habt der Gelegenheit manche , Gutes zu üben , und gerade jetzt wäre eine herrliche vorhanden . Dieser unglückliche Mann , der bei Euch Schutz und Schirm gesucht und gefunden , - soll er denn aus diesen Pforten endlich doch wieder in die Hände der Schergen gelangen , welchen er mit genauer Noth entkam ? Wollt Ihr ihm nur auf dreißig elende Tage das Leben gerettet haben , damit es nach dieser Frist dennoch des Henkers Beute werde ? Rettet ihn für immerdar , Herr , und werdet der Wohlthäter von drei dankbaren Menschen . « - Der Komthur maß lächelnd den vor ihm stehenden Jüngling , in dessen Auge das reinste Feuer strahlte , die Begeisterung für Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend . - » Ich soll mich über Eure Reden wundern , « begann er hierauf , » und Euch für einen leidigen Versucher halten , der gern enträthseln möchte , was ich im Schilde führe . Ihr seyd Wallradens Bruder , und Blutrache zu üben wäre Eure erste Pflicht , denke ich . « - » Wofür haltet Ihr mich ? « fragte Dagobert kühn entgegen : » Ich sollte einen armen Menschen tödten , der im aufwallenden Zorn die That beging , die ihn - ich weiß es - reut ? Nimmermehr ; und hier , Herr , stehen die Dinge anders denn gewöhnlich . Gestern hat sich ' s entschieden , daß Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf ; der Bußfertigen eigner Wunsch ist ' s , ihren Mörder frei zu wissen und straflos . Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Gesetzes , - jede menschliche Regung mit Füßen treten ? Lernt mich besser kennen , Herr , und folgt meinem Beispiele . Mir ist durch des sterbenden Rudiger ' s Mund bekannt , daß Ihr Antheil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün ; laßt Euch nicht durch eifersücht ' ge Rache verleiten , hier grausam zu seyn , der Tigerkatze überm Meer zu gleichen , von der die Sage geht , daß sie unbarmherzig noch mit dem Opfer spiele , das unter ihren Klauen zittert - ihm einen Schein , eine Hoffnung - eine Spanne von Freiheit lasse , um es im nächsten Augenblicke unerbittlich zu zerfleischen ! « - Da sah der Komthur den jungen Mann mit einem auflodernden Blicke an , der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm . - » Bei meinem Eid ! « rief er : » Ihr nehmt Euch etwas viel heraus , junger Degen , und fürwahr , Euer Name ist nicht geeignet , mich nachsichtiger gegen Euch zu machen , aber Euer kühner Muth gefällt mir , ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrün und Wallraden erinnert hat . Ihr mögt wissen , daß der Ritter von Issing keiner Weisung bedarf , um Gutes zu thun . Sein eigen Gemüth befiehlt ihm , keine fremde Zunge . Ihr mögt wissen , daß er schon bei sich beschlossen hatte , den armen Mann zu retten , um Gottes und seines Weibes und Kindes willen , und daß er nur den Augenblick erwartet , der ihm erlaubt , ohne ihn der Straffälligkeit gegen seine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen , der doch einmal unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht . « - » Der Augenblick ist gefunden ; « versetzte Dagobert freudig , des Ritters Hand ergreifend und dankbar schüttelnd : » wann erschiene er gelegner , wann so günstig ? Der Herzog kömmt ; von seinem starken Gefolge wird das Haus , werden Sachsenhausens Gassen wimmeln . Die lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden - mehr noch durch des Fürsten Gegenwart , der keinen Häscher in der Nähe duldet , zurückgedrängt - genöthigt , aus der Ferne dies Haus zu beobachten , damit der Mörder ihren Netzen nicht entschlüpfe . Morgen Mittag geht ein großer Theil des Comitats auf demselben Wege zurück . In dessen Mitte , im hellen Glanz der Sonne entschlüpfe der Verfolgte . Für reisige Gewänder sorge ich , wie für die Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu dürfen , bis er in Sicherheit seyn wird . Die überraschende Einkehr des Fürsten , der dadurch veranlaßte Tumult im Hause , - die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch , Herr Ritter , und der von der Rhön ist gerettet , ohne daß Ihr öffentlich die Hand dazu geboten . « - » Schön ausgedacht , « erwiederte der Komthur spöttelnd : » fein schnell und leicht auszuführen , aber ein jugendlich Vornehmen , das erst die That will , und dann die Überlegung . Wie steht ' s denn mit dem Manne , wenn er seinen Gefahren entronnen ist ? Hülflos ist er in die Welt gejagt , und die Seinen erliegen unter der Last des Unglücks , und unter dem Kummer , den Vater abermals von ihnen getrennt zu wissen . « - » Der Herzog wird helfen ; « antwortete nach kurzem Nachsinnen Dagobert : » O , gewiß , er wird helfen . Er hat wieder mit dem Kaiser Friede gemacht , und besitzt , wenn gleich an Länderthum geschmälert , noch manche Hufe Landes , auf welcher ein unglücklicher Hausvater eine sichre Stätte finden mag . Ich hatte ja beschlossen , für mich seine Gunst anzuflehen ; aber mit mir ist ' s ohnehin vorbei , und so mag dem Ärmern werden , wessen ich nichts mehr bedarf . Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen , und rede heute noch mit ihm davon . Ihr aber , Herr Komthur , nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen . Ihr habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgesöhnt , der mir aus Rüdiger ' s Munde nicht lieblich geklungen hat . Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön und seine Gattin vor , und laßt mich gänzlich dabei aus dem Spiele . Es ziemt sich nicht wohl , daß meiner Schwester Feind auf meinem Rücken davon schwimme , und ich möchte seinem wunden Herzen durch kein Wort verrathen , daß er mir , gerade mir , Wallradens Bruder , Dank für sein gerettet Leben , für seine gesicherte Zukunft schuldig sey . « - » Ihr seyd ein wackrer Mensch ; « versetzte der Komthur etwas beschämt , wie es die Röthe seiner Wange bezeugte : » ' s ist seltsam , daß ein Stamm nebeneinander die herrlichste und die böseste Frucht zu tragen im Stande ist . Um dieses Stückleins willen , so Ihr ' s vollführt , muß Eure Seele , wenn ' s zum Letzten geht , gerade auf zum Himmel fahren , des Fegefeuers quitt und ledig . Ich begreife wohl , daß der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter seyn mag , und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sünden ein Geringes ab , wenn ich mein Scherflein zu der biedern That hinzufüge . Es bleibt also dabei ; indessen , so sehr ich mich darob freue , so thut mir weh , daß wir dem Armen nicht den Trost mitgeben können , daß er wisse , wo sein Knabe weilt . Wallrade hat nichtswürdig an dem Kinde gehandelt , und ihr unmütterliches Herz weiß wohl nicht , wo der Bube aufgehoben ist , - im Himmel , oder auf der Erde . Der Knabe ist mein Taufenkel ; ich möchte wohl für ihn sorgen , wüßte ich nur ..... « - » Für Johannes ist gesorgt ; « unterbrach Dagobert den Komthur freundlich und zuversichtlich : » er lebt , und lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermißt nicht die herzlose Mutter , nicht den Vater , den er nicht gekannt . Aber seines Lebens Stätte und Heimath verschweige ich barmherzig dem Vater . Soll diesem einst Glück blühen in seiner frisch aufstrebenden Häuslichkeit , so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd . Für beide wäre der Unschuldige nur eine quälende Erinnerung , die den Frieden ihres Hauses vergiften , ihm ein trauriges Leben bereiten würde . Ich gelobe es Euch , Herr Komthur , Johannes ist in den besten Händen , und einst sollt Ihr Euch selber davon überzeugen . So viel ich Euch jetzt gesagt , mögt Ihr dem bekümmerten Vater auf Euern Rittereid ungefährdet mittheilen . Nur unsers Geschlechts Namen nicht dabei genannt . Laßt dem Herzog vor allem und Euch zunächst das Verdienst der guten That , und Gott gebe hiezu sein gnädiglich Gedeihen . « - Pferde und Wagen braußten und rollten in den Hof . Das lebendige Getümmel eines reisigen Zugs , das Gelärme des fürstlichen Trosses spottete der still gewordnen Nacht , und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Geräusch eines mächtigen Fürstenhofs . Der Komthur eilte , den Herzog ehrerbietig an der Pforte des Hauses zu empfangen , und ließ den Hof von Fackeln erleuchten , daß er im Mittagschein zu liegen schien . Mit einem freundlich herablassenden Gruße stieg Friedrich aus den Bügeln , und schritt auf den Komthur und den herzukommenden Dagobert gestützt , die Treppe hinan , nach den Prunkgastzimmern des Gebäudes , die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen , den hohen Fremdling gebührend aufzunehmen . Der Herzog , müde von der Reise , verschmähte das angebotne Mahl , entließ bald den Komthur , dem er nur auf wenig Tage lästig zu fallen verhieß , und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen Freund , seinen Dagobert , bei sich zurück , den er vermocht hatte , die Nacht mit ihm zu verplaudern , in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Fürst ohnedies seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand . - Der kommende Tag begann eben so geräuschvoll , als der vorige geendet hatte . Die Wachen des Herzogs geriethen in Händel mit den Söldnern des Raths , die sich nicht zurückziehen wollten . Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Römer , um von seinem Erscheinen Meldung zu thun , und den ärgerlichen Streit beizulegen . Eine Ehren- und Schildwache des Raths besetzte nun die Pforte des Deutschherrenhauses , die Häscher zogen sich in die nächsten Straßen , und mußten auf ihr Amt so gut als verzichten , da das Volk , so wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr , in hellen Haufen herbeieilte , um das Haus anzugaffen , in welchem sich der Mann befand , der es gewagt hatte , zu Ehren deutscher Treuen und Redlichkeit , dem Kaiser wie einem großen Concilio die Spitze zu bieten , und lieber einen großen Theil seiner Habe aufgeopfert hatte , als seinen Schwur , sein Fürstenwort . So verstrich die Hälfte des Morgens , und die anwallende Fluth der Menge , welche beständig hoffte , den Herzog ausreiten zu sehen , stieg immer höher , so daß die Gesandtschaft der Stadt , da sie gegen Mittag zum deutschen Hause kam , um den erhabnen Gast zu begrüßen , kaum Raum genug finden mochte , um hindurch zu dringen . Was den Ermahnungen der Väter der Stadt nicht gelang , gelang den mächtigen Pferden , die auf großen Wagen die Gaben heranzogen , welche das gemeine Wesen der Stadt dem Fürsten , der Sitte der Zeit gemäß , darzubieten hatte . Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein , Heu , Hafer und Fischen , und der Schultheiß , umgeben von den Bürgermeistern , dem Oberstrichter und den Schöffen , alle in ihre Amtstracht gekleidet , bat den Herzog , vor dessen Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war , die Geschenke als einen Beweis des guten Willens der Bürgerschaft , und ihrer Anhänglichkeit an den Stamm Östreich , von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Fürst ausgegangen , huldvoll anzunehmen . - Der Herzog , umringt von seinen Marschällen , Dienstjunkern und den Kreuzherren , seinen gastfreundlichen Wirthen , nahm sowohl die Rede des Schultheißen , als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm eignen Leutseligkeit auf , und erwiederte dagegen : » Seyd bedankt , ihr lieben Herren und Freunde , für das , was Ihr mir aus gutem Herzen reicht , und auch jetzo wieder , - Gott sey Preis und Lob , - reichen dürft ; denn unser Haus ist wieder erlöst von des Reiches Acht , und wir sind wieder einig geworden mit unserm lieben Herrn , dem Kaiser . « - Der Herzog bemühte sich , die bittre Miene , die sein Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte , in eine freundliche umzuwandeln , und fuhr fort : » Darum mögt Ihr mir wohl vergönnen , einige Tage unter Euch zu weilen , und mich in Euern Mauern umzusehen , dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne schlichten möchte , über die Euch mein Kanzler eines Weitern belehren wird . Zugleich jedoch habe ich gehofft , hier eine Sache abzuthun , die mir nicht minder am Herzen liegt ; ich habe indessen vernommen , daß sich mir Hindernisse entgegenstellen . Ich habe an den Juden David , Sohn des alten Jochai , der Eures Schutzes genoß , Gelder zu entrichten , die er mir vorgeschossen . Ungern mußte ich hören , daß der Mann sich nicht mehr in hiesiger Stadt befindet , wie auch niemand seiner Angehörigen . « - » Er hat sich flüchtig gemacht ; « versetzte Achselzuckend der Oberstrichter ; » und uns mangelt Kunde , wo er hingerathen . « - » Das ist schlimm , ihr Herren ; « entgegnete Friedrich ernst : » wir dachten , in Gnaden uns des Mannes anzunehmen , und ihn nach Innsbruck zu setzen , als unsern Hofwechsler ; denn wahrlich , er ist der Erlichsten einer , und mit Bedauern erfuhr ich , daß man ihn allhier unredlich beklagt , übel gehalten , und seinen ganzen Wohlstand zertrümmert habe . « Der Oberstrichter zuckte wieder mit verlegnem Gesichte die Achseln ; der Schultheiß aber , den des Herzogs Rede spitzer traf , antwortete : » Mag seyn , gnädiger Herr ; allein der Schein war wider den Mann , und noch hat er sich vor unserm Stuhle , vor welchen er doch mit Leib und Leben gehört , nicht vollkommen gereinigt . « - Die Betonung , mit welcher der Schultheiß diese Worte vorbrachte , verfehlten ihren Entzweck nicht . Der Herzog furchte die Stirne , und sagte : » Gar wohl , mein Herr Ritter und Schultheiß . Ich habe nicht Befugniß , mich in Eure Gerechtsame zu mischen , welche von Kaiser und Reich bestätigt und verbürgt sind . Ich meine jedoch , daß Recht und Urtheil Jedem gleich seyn soll , sey er nun getauft , oder nicht . Ihr habt hier , wie ich höre , einen Judenarzt , dem Ihr Euren Körper anvertraut , sonder Furcht und Angst ; warum schenkt Ihr dem , der vor Euern Schranken steht , nicht gleiches Vertrauen ? Doch , geschehen ist geschehen , und ich bin bereit , die fraglichen Gelder einem berühmten hiesigen Manne zu übergeben , damit der Jude , kehrt er jemals wieder , oder wird uns von ihm Kunde , wieder zu seinem Eigenthum komme . Ich glaube zu diesem Entzweck keinen bessern aus Euch wählen zu können , ihr Herren , als den Schöffen Diether Frosch ; einen biedern , ehrlich strengen Mann , den ich bitte , sich mir vorzustellen . « - Diether trat aus den Reihen der Schöffen , und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn . Der Herzog ließ eine Weile den Blick auf ihm ruhen , wendete sich dann zur Seite , und sprach zu Dagobert , den er aus der Schaar seiner Umgebung zu sich winkte : » Dieser also ist Dein Vater , Dagobert ? « - Dagobert bejahte freundlich , und grüßte den Vater . - » Mich freut ' s , ihn kennen zu lernen ; « fuhr der Herzog fort , dem Altbürger die Hand reichend : » seyd mir willkommen , alter Herr , und empfangt meinen Glückwunsch zu Euerm wiederhergestellten Hausfrieden , wie zu Euerm Sohne . Ja , lieben Freunde ! « setzte er hinzu , dem jungen Manne vertraulich und wohlwollend auf die Achsel klopfend , » einen bessern Mann als diesen hier , hat Frankfurt sicher nicht aufzuweisen , und vielleicht nicht allzuviele die ihm gleichen . Es macht mich froh , die Tugenden und seltnen Eigenschaften des Junkers vor Euer Aller Augen würdigen und preisen zu können . Er ist der treuste , redlichste und heiterste Mensch , den ich kenne , und Schade wäre es , wenn so viel Gutes in einem Kloster verkümmern sollte , wie es den Anschein hat . Nicht wahr , liebe Herren und Meister ? « - Der Schultheiß kaute an den Lippen , über des Oberstrichters Stirne flogen trübe Wolken , aber beide bückten sich gleich den Andern , und stammelten ein : » Freilich , gnädigster Herr , ... aber ... Beweggründe ... « ... « » Schon gut « ; meinte der Herzog mit einem verächtlichen Blicke auf sie : » ich weiß bereits Alles . Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel , diese Ungerechtigkeit des Muttergelübdes wieder gut zu machen . Ich wertze heute noch an den hochwürdigen Dechant Herdan , der am heftigsten , wie der Ohm des jungen Mannes , auf dessen Weihe besteht , einen pergamentnen Brief senden , in welchem der heilige Vater , Martin V. , die Freilassung die der abgetretne Pabst dem Dagobert Frosch ertheilte , im Ganzen bestätigt , mit dem Vorbehalte jedoch , daß ein anderes Glied der christlichen Gemeine , sey es nun ein Mann , oder sey es ein Weib , an seiner Statt das kirchliche Gelübde ablege . Ich zweifle nicht , daß eine fromme christliche Seele zu diesem Berufe bald sich finden werde , und ermahne sowohl den Vater Dagobert ' s , als auch sämmtliche Herrn vom Rathe , wie vom Kapitel , denselben von dem Gelübde , das er durchaus ablegen will , abzuhalten ; bedenkend , daß Gott kein Gefallen hat an einem Diener , der sich ihm nur opfert , weil er mit der Welt zerfallen zu seyn glaubt . - Stille , guter Freund , « flüsterte er nach diesem dem Sohne Diethers zu , welcher einige Worte der Weigerung auf der Zunge hatte : » Montfort hat mich nicht früher an diese Pflicht gemahnt , als mein Herz es schon gethan hat . Erlaubt mir daher , den Weg zu Euerm Besten , - sey ' s auch für Heute Euerm Wunsche zuwider , - kräftig fortzusetzen . « - Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll ; dagegen ward es an dem Hofthore laut und geräuschvoll . Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Reihe stattlicher Fenster hinab gegen die Pforte , und befremdet sah der Herzog die Rathsherren an , da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwächtern gewahrte . » Ei , was gibts dort , ihr Herren ? « fragte er mit gerunzelter Stirne . Ein Bürgermeister wollte hierauf sogleich hinunter , um nach der Veranlassung des Vorfalls zu forschen , allein der Oberreiter welcher eintrat , verkündete sie , indem er meldete , die um das Haus vertheilten Wächter seyen ob der bedeutenden Zahl von Reitern , die dasselbe verlassen wollten , argwöhnisch geworden , und witterten unter denselben den Verbrecher , der sich hier versteckt halte . - Des Comthur ' s Stirne , so wie Dagobert ' s Wange flammte ; der Herzog ließ sich nicht aus seiner strengen Haltung bringen , sondern nahm eine noch drohendere Stellung an . » Was soll das heissen ? « rief er , indem ein Zorngewitter über seine Züge lief : » Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher , von dem man nicht weiß , von wannen , er kommt , wohin er geht ,