würden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhören , und noch immer nicht genug haben ! - Du merkst doch , Eurybates , wem dieß eigentlich gilt , und wozu es gesagt ist ? Der Philosoph hat , wie du siehst , darauf gerechnet , recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben , und hat ihnen wenigstens seinen guten Willen zeigen wollen , ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes Leben lang zu lesen haben . Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten . Man werde , sagt er , fürs erste nicht glauben wollen , daß eine solche Einrichtung ausführbar sey ; und wenn man dieß auch zugäbe , so werde man doch nicht glauben , daß sie die beste sey . Er erklärt sich also nochmals , daß er sehr ungern daran gehen würde diese Dinge zu berühren , aus Furcht man möchte die ganze Sache bloß für ein windichtes Project halten . Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm abläßt , und ihn zu bedenken bittet , daß er weder undankbare , noch unglaubige , noch übelwollende Zuhörer habe : so rückt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus , und wir vernehmen zu unsrer großen Verwunderung : der wahre Grund seiner Schüchternheit sey eigentlich bloß , weil er selbst nicht recht überzeugt sey , daß es mit diesem Theil der Gesetze , die er seiner Republik zu geben gedenkt , so ganz richtig stehe , und er also große Gefahr laufe , nicht etwa bloß sich lächerlich zu machen ( denn das würde wenig zu bedeuten haben ) , sondern , indem er auf einem so schlüpfrigen Wege im Dunkeln nach der Wahrheit herumtappe , auszuglitschen , und , was noch schlimmer wäre , auch noch seine Freunde im Fallen mit sich nachzuziehen . Er wolle also Adrasteen zum voraus fußfällig angefleht haben , ihm zu verzeihen , wenn das , was er itzt zu sagen vorhabe , etwa gegen seine Absicht , strafwürdig seyn sollte ; denn ( sagt er ) ich bin der Meinung daß es eine kleinere Sünde sey , jemanden unvorsetzlich todt zu schlagen , als ihn in Dingen , wo es auf das , was schön und gut , rechtlich und sittlich ist , ankommt , irre zu führen ; - eine Gefahr , die man allenfalls eher bei Feinden als bei Freunden laufen möchte . Siehe also zu , lieber Glaukon , wie du es angreifen willst , um mir zu einem solchen Wagestück Muth zu machen . - Wohlan denn , sagt Glaukon lachend , wenn wir ja durch das , was du sagen wirst , in einen falschen Ton gerathen sollten , so sprechen wir dich zum voraus von aller Schuld und Strafe los . Rede also ohne Scheu . - Gut , erwiedert Sokrates , wer hier losgesprochen wird , ist dort rein , wie das Gesetz sagt : hoffentlich also wenn er es dort ist , wird er es auch hier seyn . - So laß dich denn nichts mehr abhalten , anzufangen , sagt Glaukon , und jener entschließt sich endlich dazu , doch nicht ohne nochmals zu verstehen zu geben , daß es ihn viele Ueberwindung koste , und daß er vielleicht besser gethan hätte , sich die Sache sogleich bei der ersten Erwähnung vom Halse zu schaffen . - Und wozu , um aller Götter willen ! alle diese langweiligen Grimassen , welche Plato seinen verkappten Sokrates hier machen läßt ? Ist ' s Ernst oder Scherz ? Im letztern Fall konnte wohl nichts unzeitiger seyn ( um kein härteres Wort zu gebrauchen ) als in einer solchen Sache den Spaß so weit zu treiben ; bittet er aber Adrasteen ( mit der man sonst eben nicht zu scherzen pflegt ) in vollem Ernst um Nachsicht , und ist es wirklich zweifelhaft , ob die neuen Gesetze , die er seiner Republik zu geben gedenkt , gut , gerecht und geziemend sind : was in aller Welt nöthigte ihn sie zu geben ? zumal , da der Zweck , wozu er diese Republik erdichtete , bereits erreicht ist , und vollkommen erreicht werden konnte , ohne daß die Rede davon zu seyn brauchte , wie die junge Brut in derselben gezeugt und abgerichtet werden sollte ? Und wie kommt es , wofern sein Zaudern und Achselzucken nicht eine platte und aller öffentlichen Ehrbarkeit spottende Spaßmacherei ist , daß er , sobald er über der Darlegung seiner widersinnischen Ehgesetze ein wenig warm wird , auf einmal aller seiner vorigen Aengstlichkeit vergißt , und so positiv und zuversichtlich mit den anstößigsten Behauptungen herausrückt , als ob sich nicht das Geringste mit Vernunft dagegen einwenden ließe , und als ob er auf lauter so gefällige Leser rechne , wie sein vom Zuhören berauschter Freund Glaukon , der für die paradoxesten Sätze immer die eilfertigste Beistimmung in Bereitschaft hat ? - Ich gestehe , daß ich auf diese Fragen keine Antwort weiß . Uebrigens , lieber Eurybates , wirst du mir hoffentlich eine ausführliche Beurtheilung dieses Theils der Platonischen Republik ( dem ich ungern seinen rechten Namen geben möchte ) um so geneigter nachlassen , da , so viel ich selbst sehe und von andern höre , allenthalben nur Eine Stimme darüber ist . Das Unwahre , Ungereimte und Unnatürliche in diesen Ehgesetzen liegt freilich so unverschämt nackend vor allen Augen da , daß der erste Eindruck nicht anders als unserm Philosophen nachtheilig seyn kann ; zumal da sein Sokrates gerade die auffallendsten Verordnungen mit der gefühllosesten Kaltblütigkeit vorträgt , und z.B. von dem anbefohlenen Abtreiben oder Aussetzen der Kinder , die aus der Vereinigung der Männer unter dreißig und über fünfundfunfzig Jahren mit Weibern unter zwanzig und über vierzig etwa erfolgen möchten , nicht anders spricht , als ob die Rede von jungen Hunden oder Katzen wäre . Freilich ist diese Sprache dem Gesichtspunkt gemäß , woraus er diesen Gegenstand betrachtet ; indessen konnte er doch , wie verliebt er auch in sein System seyn mag , leicht voraussehen , daß sein Grundsatz , » das Verfahren bei Paarung der Pferde und Hunde , wenn man eine gute Zucht erhalten will , müsse , ohne alle Einschränkung und in der größten Strenge , auch auf die Menschen angewandt werden ; « und die männliche gymnastische Erziehung , die er ( diesem Grundsatz zufolge ) den menschlichen Stuten und Fähen , die zur Paarung mit den menschlichen Hengsten und Rüden seiner kriegerischen Bürgerclasse bestimmt sind , mit allen den unsittlichen und zum Theil unmenschlichen , der Natur Trotz bietenden Gesetzen , wodurch er die Gemeinschaft der Weiber und Kinder in seiner Republik unschädlich und zweckmäßig zu machen vermeint - er konnte , sage ich , leicht genug voraussehen , daß dieses , gegen das allgemeine Gefühl so hart anrennende Paradoxon , in einem so zuversichtlichen Ton und so kaltblütig vorgebracht , alle seine Leser empören , und das Gute , so er etwa durch die vortrefflichen Partien dieses wichtigsten aller seiner Werke hätte stiften können , bei vielen , wo nicht bei den meisten , unkräftig machen und vernichten werde . Aber gerade der Umstand , daß er stockblind hätte seyn müssen , um dieß nicht vorauszusehen , und daß er sich dennoch nicht dadurch abschrecken ließ , muß uns billigerweise auf einen Punkt aufmerksam machen , der , wenn wir gerecht gegen ihn seyn wollen , nicht übersehen werden darf ; nämlich auf den Gesichtspunkt , aus welchem er selbst die Sache angesehen hat . Denn ich müßte mich sehr irren , oder dieß würde uns begreiflich machen , wie es zugegangen , daß ein Mann wie er sein eigenes Gefühl so seltsam übertäuben konnte , um baren Unsinn für Aussprüche der höchsten Vernunft zu halten ? - Plato scheint mir von den Geometern und Rechnern angenommen zu haben , daß er immer gewisse Begriffe und Sätze , als an sich selbst klar , ohne Beweis ( wenigstens ohne strengen Beweis ) voraussetzt , aus diesen aber sodann mit der genauesten Folgerichtigkeit alles ableitet , was sowohl aus ihnen selbst , als aus ihrer Verbindung mit andern Begriffen und Sätzen gleicher Art , durch Schlüsse herausgebracht werden kann . Wo von Zahlen , Linien und Winkeln die Rede ist , kann diese Art zu räsonniren nicht leicht irre führen ; oder , wofern dieß auch begegnen sollte , so ist der Irrthum wenigstens leicht und sicher zu entdecken : aber wo es um Auflösung solcher Aufgaben zu thun ist , die den Menschen und dessen Thun und Lassen , Wohl- oder Uebelbefinden , vornehmlich seine ursprüngliche Natur , seine innere Organisirung , seine Verhältnisse zu den übrigen Dingen , seine Anlagen , seinen Zweck , seine Erziehung und Bildung für das gesellschaftliche , bürgerliche und kosmopolitische Leben , und andere hierher gehörige Gegenstände betreffen , kurz , bei Gegenständen , an welche man weder Meßschnur noch Winkelmaß anlegen kann , findet jene Methode keine sichere Anwendung . Der Mensch läßt sich nicht , wie eine regelmäßige geometrische Figur , in etliche scharf gezogene gerade Linien einschließen ; und es sind vielleicht noch Jahrtausende einer anhaltenden , eben so unbefangenen als scharfsichtigen Beobachtung unsrer Natur vonnöthen , bevor es möglich seyn wird , nur die Grundlinien zu einem ächten Modell der besten gesellschaftlichen Verfassung für die wirklichen Menschen zu zeichnen ; und selbst dieses Modell würde für jedes besondere Volk , durch dessen eigene Lage und die Verschiedenheit der Zeit- und Ortsumstände , auch verschiedentlich bestimmt und abgeändert werden müssen . Aber auf alles dieß nimmt ein Plato keine Rücksicht ; und da seine Nephelokokkygia nicht auf der Erde , sondern in den Wolken , d.i. so viel als nirgendswo existirt , und nicht mit physischen Menschen , wie die Natur sie in die Welt setzt , sondern mit menschenähnlichen Phantomen von seiner eigenen Schöpfung besetzt ist , so ist er freilich Herr und Meister , sowohl den Elementen seines Staats als dem Ganzen die Gesetze vorzuschreiben , deren Beobachtung am geradesten und gewissesten zu seinem Endzweck führt . Anfangs ist es , in seiner Voraussetzung , bloß das Gefühl körperlicher Bedürfnisse , was eine Handvoll Hirten , Ackerleute und Handwerker bewegt , den ersten Grund zu seiner Republik zu legen . Der kleine Staat erweitert sich unvermerkt ; die Anzahl der Bürger nimmt zu ; ihre Bedürfnisse deßgleichen . Nicht lange , so fühlt man , daß ohne innere und äußere Sicherheit der Zweck der neuen Gesellschaft nicht erhalten werden könnte ; daß zu Erzielung der innern Sicherheit gute Zucht und Ordnung , zu Handhabung der Ordnung Gesetze , zu Vollziehung der Gesetze eine Regierung , und zum Schutz der Regierung und des Staats überhaupt eine bewaffnete Macht vonnöthen ist . Um nun dieß alles seinem Ideal gemäß so zweckmäßig als möglich einzurichten , baut unser philosophischer Lykurg seine ganze Gesetzgebung auf zwei Grundgesetze . Das erste ist : die höchste Wohlfahrt des Ganzen soll der einzige Zweck des bürgerlichen Vereins oder des Staats seyn , also auf das Wohl eines jeden einzelnen Gliedes nur insofern , als es ein Bestandtheil des Ganzen und eine Bedingung des allgemeinen Wohlstandes ist , Rücksicht genommen werden ; folglich jedermann verbunden seyn , für den Staat zu arbeiten , zu leben und zu sterben , und nur , insofern er diese Bedingung erfüllt , soll er seinen verhältnißmäßigen Antheil an dem Wohlstand desselben nehmen dürfen . Das zweite : zu Verhütung aller schädlichen Folgen , welche in andern Republiken daraus entstehen , wenn jedermann sich nach Willkür beschäftigen und also auch mit Sachen , die er nicht versteht und für die er kein Talent hat , sich bemengen darf , soll jeder Bürger nur Eine Art von Hanthierung oder Geschäfte treiben und darin die möglichste Vollkommenheit zu erreichen suchen . Beide Grundgesetze scheinen auf den ersten Anblick ihre Richtigkeit zu haben : allein so scharf und ohne alle Einschränkung , wie Plato sie annimmt , sind sie nicht was sie scheinen , und könnten auf keinen wirklichen Staat ohne die nachtheiligsten Folgen angewendet werden . Der Irrthum liegt darin , daß er die Bürger als organische Theile eines politischen Ganzen , d.i. als eben so viele Gliedmaßen Eines Leibes betrachtet , welche nur durch ihre Einfügung in denselben leben und bestehen , keinen Zweck für sich selbst haben , sondern bloß zu einem gewissen besondern Dienst , den sie dem Ganzen leisten , da sind . Da dieß bei den Gliedmaßen eines jeden organischen Körpers wirklich der Fall ist , so kann man freilich mit Grund behaupten : daß die Glieder um des Leibes willen da sind , nicht der Leib um der Glieder willen . Allein mit einer bürgerlichen Gesellschaft , die aus lauter für sich bestehenden Gliedern zusammengesetzt ist , hat es eben deßwegen eine ganz andere Bewandtniß . Die Menschen , woraus sie besteht , haben sich ( wie Plato selbst anfangs voraussetzt ) , bloß in der Absicht vereinigt , ihre natürlichen , d.i. ihre weltbürgerlichen Rechte , in die möglichste Sicherheit zu bringen , und sich durch diesen Verein desto besser zu befinden . Hier ist es also gerade umgekehrt : der Staat ist um des Bürgers willen da , nicht der Bürger um des Staats willen . Die Erhaltung des Staats ist nur insofern das höchste Gesetz , als sie eine nothwendige Bedingung der Erhaltung und der Wohlfahrt seiner sämmtlichen Glieder ist ; nur , wenn es allen Bürgern , insofern jeder nach Verhältniß und Vermögen zum allgemeinen Wohlstand mitwirkt , verhältnißmäßig auch wohl ergeht , kann man sagen , daß der Staat sich wohl befinde ; und damit dieß möglich werde , darf der Einzelne in freier Anwendung und Ausbildung seiner Anlagen und Kräfte nur so wenig als möglich , d.i. nicht mehr eingeschränkt werden , als es der letzte Zweck des Staats , mit Rücksicht auf die äußern von unsrer Willkür unabhängigen Umstände , unumgänglich nöthig macht . Daher ist denn auch das zweite Grundgesetz der Platonischen Republik so vielen genauern Bestimmungen , Einschränkungen und Ausnahmen unterworfen , daß , wofern es so scharf und streng , wie Plato will , in Ausübung gebracht würde , eben dadurch , daß es den einzelnen Bürgern ungebührliche und unnöthige Gewalt anthut , dem Ganzen selbst weit mehr Schaden als Vortheil daraus erwachsen müßte . Doch dieß nur im Vorbeigehen ; denn es gehörig auszuführen und anschaulich zu machen , würde ein größeres Buch erfordert , als ich , so lange noch etwas Besseres zu thun ist , zu schreiben gesonnen bin . Sobald man unserm Philosophen seine beiden Grundgesetze zugegeben hat , so ist alles Uebrige in seiner Gesetzgebung so folgerichtig und zweckmäßig als man nur verlangen kann . Vor allen Dingen ist nicht außer Acht zu lassen , daß die gänzliche Ausschließung von allem Eigenthum , die Gemeinschaft der Weiber und Kinder , und die männliche Erziehung , Lebensweise und Bestimmung der erstern , nur in der mittelsten der drei Bürgerclassen , in welche seine Republik zerfällt , nämlich nur unter den bewaffneten Beschützern oder , wie man sie auch mit gutem Fug nennen könnte , den menschlichen Jagd- und Hofhunden seines Staats , Platz findet . Denn die Archonten und Räthe , welche die erste Classe ausmachen , sind zu alt und zu sehr im Anschauen der Ideen der Dinge und der Uridee der Ideen vertieft , um der Weiber noch zu bedürfen ; und wiewohl Plato über das häusliche und eheliche Leben der dritten Classe ( die er überhaupt sehr kurz und mit einer ziemlich sichtbaren Geringschätzung abfertigt ) sich nicht besonders erklärt , so läßt sich doch aus verschiedenen Aeußerungen nichts anders vermuthen , als daß er die Gemeinschaft der Weiber für ein viel zu erhabenes und heiliges Institut ansieht , als daß der Pöbel der Handwerker , Künstler , Krämer , Kaufleute und aller andern die sich mit Erwerb beschäftigen oder um Lohn arbeiten , daran Theil haben dürfte . In der That bringt dieß auch die Natur der Sache mit sich ; denn die Weiber und Töchter dieser Leute haben nöthigere Dinge zu thun , als den Wissenschaften und Musenkünsten obzuliegen , sich in den Palästren nackend mit den Jünglingen herumzubalgen , mit ihnen auf die Wache und in den Krieg zu ziehen u.s.f. Sie sind natürlicher Weise mit Haushaltungsgeschäften , mit Spinnen , Wirken , Kleidermachen , Kochen , Brodbacken und tausend andern Arbeiten dieser Art beladen ; müssen auch - außer der Wartung und Pflege ihrer eigenen Kinder - bei den Kindern der zweiten Classe ( wie sich aus verschiedenen Umständen schließen läßt ) gelegenheitlich Ammendienste thun , und was dergleichen mehr ist ; kurz sie stehen in den Augen unsers Philosophen zu tief unter den edeln Heroinen , die er zu Müttern seiner Staatsbeschützer bestimmt , als daß man glauben könnte , er wolle das hohe Vorrecht der Vielmännerei bis auf sie ausgedehnt wissen ; zumal da bei der dritten Classe die Beweggründe gänzlich wegfallen , aus welchen er die Gemeinschaft der Weiber und Kinder in der zweiten für nothwendig hält . Bei dieser also allein findet in Platons Republik diese aller Welt so anstößige Einrichtung statt : und dazu hat er theils physische theils sittliche Bewegursachen von so großem Gewicht , daß alle entgegen stehenden in keine Betrachtung bei ihm kommen können . Seine Republik soll weder zu groß noch zu klein , sondern gerade so seyn , daß sie weder Verderbniß von innen , noch Anfechtung von mißgünstigen und streitsüchtigen Nachbarn zu befürchten habe . Die Anzahl der Bürger darf also nicht viel über eine bestimmte Zahl zunehmen ; aber desto mehr ist daran gelegen , daß sie muth- und kraftvolle , von der edelsten Ruhmbegierde und reinsten Vaterlandsliebe glühende , und mit allen zu ihrer Bestimmung erforderlichen Tugenden in vollestem Maße begabte Jünglinge und Männer zu Beschützern habe . Der Stifter der Republik hat also diese Classe , auf welcher die Erhaltung derselben in jeder Rücksicht beruht , mit ganz besonderer Sorgfalt ausgewählt , und zu ihrer erhabenen Bestimmung erzogen und ausgebildet . Er mußte aber auch die dienlichsten Maßregeln nehmen , daß eine so wichtige Körperschaft immer wieder durch gleichartige Elemente ersetzt werde , immer von eben demselben Geist beseelt bleibe , und sich dadurch in einer Art von ewiger Jugend und Unsterblichkeit erhalte . Um zwei Hauptquellen einer möglichen Ausartung auf immer zu verstopfen , mußten diejenigen , welche bloß für den Staat leben sollten , weder Eigenthum noch Familie haben . Die möglichste Gleichheit sollte unter ihnen herrschen ; alles Gute und Böse , Arbeit und Vergnügen , Gefahr und Ruhm , Leben und Sterben immer gemeinschaftlich seyn . Solche Menschen können von allem , was mein und dein heißt , nie weit genug entfernt , und unter einander niemals eng genug verbunden werden . Wie gut er aber auch für dieß alles gesorgt hätte , immer würden die Weiber alle seine Mühe zu Schanden gemacht haben , wofern ihm sein Genius nicht ein Mittel zugeflüstert hätte , diesen reizenden Schlangen ihren Gift zu benehmen . Lieber wär ' es ihm ohne Zweifel gewesen , wenn die Mutter Erde , als sie seine Krieger in voller Waffenrüstung aus ihrem Schooß hervor springen ließ , sie auch mit dem Vermögen begabt hätte , ihres gleichen entweder aus sich selbst , oder mit ihresgleichen hervorzubringen . Da die Weiber nun aber einmal zu diesem wichtigen Geschäft leider unentbehrlich sind , und überdieß nicht wohl geläugnet werden kann , daß die Neigung zum weiblichen Geschlecht gerade die Seite ist , wo die Natur den Mann am wenigsten befestigt hat , was blieb dem guten Plato übrig , um zu verhindern , daß seine braven Krieger durch den Umgang mit diesen Zaubrerinnen nicht geschwächt , weichlich gemacht und durchaus verdorben werden könnten , als den künftigen Müttern der Kriegs- und Staatsmänner durch eine rauhe männliche und kriegerische Erziehung so viel nur immer möglich von ihren gefährlichen Reizungen abzustreifen , sie , so weit es die Zärte und Schlaffheit ihrer Natur gestatten möchte , zu einer Art von Androgynen zu erheben , oder wenigstens mit den Atalanten , Deianiren und Penthesileen der heroischen Zeit auf gleichen Fuß zu setzen ? Durch dieses Mittel war nun zwar für eine derbe und kräftige Nachkommenschaft gesorgt : aber wenn er den Vätern erlaubt hätte , in eine monogamische Verbindung mit den Müttern zu treten , würden zwei mächtige Naturtriebe , die Liebe zu den eignen Kindern und die wechselseitige Zuneigung des Mannes zu der Mutter , des Weibes zu dem Vater ihrer gemeinschaftlich Erzeugten , zum Nachtheil der Vaterlandsliebe ins Spiel gesetzt worden seyn , und die unvermeidlich aus dem Stande der Ehe hervorgehenden besondern Familienverhältnisse würden , so zu sagen , eine Menge kleiner Staaten im Staat erzeugt haben , wobei sich die Grundsätze , der Geist und die Tugend des letztern unmöglich lange in ihrer ersten Reinheit hätten erhalten können . Mit Einem Wort , es bedurfte nichts als die bloße Beibehaltung der gewöhnlichen Ehe , um aus unsrer Platonischen Republik an sich ( dieser vollkommensten oder vielmehr einzigen , in welcher , nach Plato , die reine Idee der Republik sichtbar dargestellt ist ) ein so armseliges Ding von einer gemeinen heillosen Alltagsrepublik zu machen , wie man ihrer in Griechenland , klein und groß , zu Hunderten zählt . Es blieb ihm also , um der Verderbniß des Staats von dieser Seite den Zugang auf ewig zu versperren , kein anderes Mittel , als die Gemeinschaft der Weiber und Kinder zu einem Grundgesetz zu machen . Jeder Soldat der Republik erhielt dadurch ein unbestimmtes Recht an alle Frauen und Jungfrauen seiner Classe , keiner ein ausschließliches an Eine . Die Liebe in der eigentlichen Bedeutung des Worts fand hier keine Statt ; das Zeugungsgeschäft sollte als eine rein physische oder thierische Sache behandelt werden , wobei es bloß darum zu thun wäre , sich einer Pflicht gegen den Staat zu entledigen , und also auf selbstsüchtige Befriedigungen keine Rücksicht genommen würde . Man muß gestehen , unser Philosoph thut sein Bestes , um einer sich aufdringenden Vergleichung seiner sogenannten Ehen mit dem ungefähren momentanen Zusammenlaufen jener kaum durch die Gestalt vom Vieh unterschiedenen Waldmenschen , welche man sich gewöhnlich als die Stammeltern des menschlichen Geschlechts vorstellt , zuvorzukommen . Vor dem zwanzigsten Jahre der Weiber und dem dreißigsten der Männer erklärt das Gesetz alle Befriedigungen des Triebes , von welchem hier die Rede ist , für unrechtmäßig , unheilig und sacrilegisch . Der Tag , an welchem eine Anzahl von Jünglingen und Mädchen das gesetzmäßige Alter zur Platonischen Ehe erreicht haben , ist ein republikanisches Fest , das mit Opfern , Gebeten , und von den Dichtern der Republik besonders dazu verfertigten Epithalamien aufs feierlichste begangen wird . Jede Verbindung zwischen einem Jüngling und einem Mädchen ( wiewohl sie nur für den Augenblick gilt ) wird von den Archonten , vermittelst eines künstlichen Looses angeordnet , wodurch immer die schönsten , stärksten und muthigsten zusammen kommen , die schlechtern hingegen lauter Nieten ziehen ; eine Veranstaltung , welche zu Verhütung aller schlimmen Folgen , die aus dieser durch das gemeine Beste nothwendig gemachten Uebervortheilung der armen Schlechtern , wenn sie bekannt würde , zu befürchten wären , ein Staatsgeheimniß bleiben muß . Von diesem ersten großen Copulationstage an , zählen die Glücklichen , welche von den Archonten mittelst dieses heiligen patriotischen Betrugs würdig und tauglich erfunden wurden , der Republik Kinder zu geben , die Weiber zwanzig , die Männer sechsundzwanzig Jahre , während deren ihnen die Pflicht obliegt , sich von dieser Seite um den Staat so verdient zu machen , als ihnen nur immer möglich ist . Alle Kinder , welche binnen dieser Zeit geboren werden , nennen jeden dieser in Diensten der Republik stehenden Zeuger » Vater « , jede dieser Gebärerinnen , Mutter , und werden hinwieder von ihnen Söhne und Töchter genannt ; aber dafür ist gesorgt , daß kein Vater und keine Mutter ihre leiblichen Kinder unterscheiden , noch von diesen unterschieden werden könne . Denn in dieser Classe , wo niemand etwas Eigenes haben darf , ist es auch nicht erlaubt ein eigenes Kind und einen eigenen Vater zu haben . Alle , die in dem Lauf einer Generation von fünfundzwanzig Jahren geboren werden , nennen sich Brüder und Schwestern , und erhalten , nachdem sie das gesetzmäßige Alter erreicht haben , auf obige Weise von den Archonten die Erlaubniß , für die Fortdauer der Republik zu arbeiten . Vor dieser Zeit aber ist z.B. einem Jüngling von sechs oder achtundzwanzig Jahren nicht erlaubt , ein Mädchen von siebzehn oder achtzehn zur Mutter zu machen , wie entschieden auch immer ihre beiderseitige Tüchtigkeit , und wie dringend ihr innerer Beruf dazu seyn möchte , da sie täglich auf der Palästra handgemein mit einander zu werden Gelegenheit haben ; und sollte gleichwohl ein solcher unglücklicher Fall sich ereignen , so muß die Frucht der gesetzwidrigen Verbindung abgetrieben , oder , wenn sie dennoch Mittel findet lebendig ans Tageslicht zu kommen , sogleich als der Ernährung unwürdig auf die Seite geschafft werden . Zwischen Eltern und Kindern , d.i. zwischen Männern und Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Männern von der zweiten und dritten findet ( da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und Großeltern verhalten ) keine gesetzmäßige Begattung statt ; und überhaupt ist es eine der heiligsten Pflichten der Regierer des Staats , den Zeugungstrieb bei ihren Bürgern so viel als möglich einzuschränken , und ja nicht mehr Kinder aufkommen zu lassen , als nach Beschaffenheit der Umstände nöthig sind , damit der Staat sich immer bei gleicher Stärke erhalte ; woraus klar ist , daß sie auch von Zeit zu Zeit für einen tüchtigen Krieg zu sorgen haben . Denn es brauchte nur einen hundertjährigen Frieden , um die Regierung in die gefährliche Nothwendigkeit zu setzen , das vorbesagte Loos so einzurichten , daß von hundert Paar Jünglingen und Mädchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen Unfruchtbarkeit verdammt werden müßten , wofern die Menge der Kinder , denen der Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird , nicht auf eine so ungeheure Zahl steigen sollte , daß dem Platonischen Sokrates selbst , wie kaltblütig er auch diese Dinge ansieht , bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu Berge stehen müßten . Alle diese und eine Menge anderer Ungereimtheiten und Abscheulichkeiten , die sich jedem Unbefangenen bei diesem Theil seiner Gesetzgebung aufdringen , verschwinden in Platons Augen vor dem großen Grundsatz : daß die höchste denkbare Vollkommenheit des Staats der einzige Zweck desselben , und der einzelne Bürger nur insofern für etwas zu rechnen sey , als er bloß für das Ganze lebt , und immer bereit ist , diesem seine natürlichsten Triebe und gerechtesten Ansprüche aufzuopfern . Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sey , ist bei ihm keine Frage ; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung Lykurgs , daß es möglich sey , Menschen so zu erziehen und zu bilden , daß man ihnen alles , selbst das Unnatürlichste , zumuthen kann . Er trug also um so weniger Bedenken , die Hauptzüge des Spartanischen Instituts in seiner Republik noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben , die , wie ein eiserner Streitwagen , alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt , und über alle Bedenklichkeiten und Rücksichten , d.i. über die Köpfe und Eingeweide der Menschen weg , in gerader Linie auf das Ziel losrennt , das sie sich vorgesteckt hat . In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen können , lass ' ich dahin gestellt seyn ; mir ist wenigstens gewiß , daß er in allem , was uns an seinem idealischen Sparta am anstößigsten ist , treulich und ohne Gefährde zu Werke ging , und z.B. auf unsre Bedenklichkeit , der abgezweckten höhern Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein zum Opfer darzubringen , mit eben dem naserümpfenden Mitleiden herabsehen wird , womit sein Sokrates sich über » die lächerliche Weisheit « derjenigen aufhält , die das Ringen nackter Mädchen mit nackten Jünglingen auf der Palästra ungeziemend finden . Ich zweifle daher auch keinen Augenblick , daß er wenig verlegen seyn würde , für jeden andern Einwurf , der ihm gegen seine Erziehungs- und Begattungsgesetze gemacht werden könnte , auf der Stelle eine Antwort zu finden ; wiewohl er es nicht der Mühe werth gehalten zu haben scheint , die mancherlei Schwierigkeiten vorauszusehen , welche sich der Ausführung dieser - der Natur , dem sittlichen Gefühl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden - Gesetze entgegen thürmen . Bei einem Philosophen , der seine Geistesaugen immer nur auf die ewigen und unveränderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet hält , kommen die einzelnen Dinge , als bloße vorübergleitende Schemen oder unwesentliche Wolken- und Wasserbilder , in keine Betrachtung ; und da er alle die Knoten , in welche die Meinungen , Neigungen , Bedürfnisse und Leidenschaften der Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhörlich verwickeln und durcheinanderschlingen , immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem zweischneidigen Schwert zerhauen kann , warum sollte er sich die Mühe geben sie auflösen zu wollen ? Etwas , worüber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen seyn dürfte , sind die kleinen Widersprüche mit sich selbst , die seinem redseligen Sokrates hier und da in dem Feuer , womit er seine Behauptungen vorträgt , zu entwischen scheinen . Hierher gehört ( um nur ein paar Beispiele anzuführen ) wenn er , um die gymnastische Nacktheit seiner künftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen , sich auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt , und kein Bedenken trägt , den Satz » alles Nützliche ist auch ehrbar und anständig , und nur das Schädliche ist schändlich , « für eine ausgemachte Wahrheit zu geben . Unglücklicher Weise begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal , da von den Belohnungen die Rede ist , wodurch die Beschützer des Staats aufgemuntert werden sollen , im Kriege