war willkommen . Es hätte für Vorurteil , für kleinlich und altfränkisch gegolten , moralische Bedenken zu unterhalten . Erst der Kriegssturm reinigte wieder die Atmosphäre . Die Gestalt des Prinzen Louis Ferdinand wird immer jene Zeit hoher Vorzüge und glänzender Verirrungen wie auf einen Schlag charakterisieren . Alexander von der Marwitz war ihm ähnlich . Der Unterschied zwischen beiden war nur der , daß die Genußsucht des Prinzen seinen Charakter schließlich beeinflußte und schädigte , während Marwitz , in wunderbarer Weise , eine getrennte Wirtschaft , eine doppelte Ökonomie zu führen verstand . Das Bedürfnis geistiger Nahrung war allerdings so groß in ihm , daß er , wie sein älterer Bruder von ihm erzählt , ohne geistige Gesellschaft nicht leben konnte und selbst zum Studieren und Arbeiten durch entsprechenden Umgang angeregt werden mußte . Er schreckte dabei vor » alten Schläuchen « nicht zurück , wenn es nur eben ein alter , feuriger Wein war , den sie boten . Aber alles dies blieb bei ihm lediglich Sache der Zerstreuung , des Studiums , des Kennenlernenwollens . Die geistigen Anregungen , sobald sie eines gesunden Kernes entbehrten , waren ihm wie der Genuß eines berauschenden Getränkes , aber auch nicht mehr . Sie gewannen nicht Einfluß auf seine Überzeugungen , am allerwenigsten auf seine Haltung und Führung . Das Gemeine blieb machtlos über ihn , und so ging er durchs Leben , wie gefeit durch den Adel seiner Gesinnung . Zu diesen Bemerkungen , die darauf aus sind , die Gesamterscheinung Alexanders von der Marwitz ins Auge zu fassen , glaubte ich gleich anfangs schreiten zu dürfen , und der Name Johann von Müllers bot die beste Gelegenheit dazu . Eben dieser war die vollendete Vereinigung von geistiger Kraft und Charakterschwäche , von hohem Erkennen und niedrigem Handeln . Marwitz übersah in Milde , was ihm nicht paßte , und bewunderte , was ihm der Bewunderung wert erschien . Auch die Antipathien des älteren Bruders , wie bereits hervorgehoben , störten ihn hierin nicht . Um Ostern 1804 verließ er das graue Kloster und bezog die Universität Frankfurt , um daselbst die Rechte zu studieren . In dem bereits zitierten Schulprogramm des genannten Jahres heißt es : » Alexander von der Marwitz bildete bei uns seine glücklichen Naturanlagen mit rühmlichen Fleiße aus und empfahl sich durch ein feines und anspruchloses Betragen . Er hat in den meisten Fächern des Unterrichts , besonders in der alten Literatur , glückliche und ausgezeichnete Fortschritte gemacht . « Er blieb nur ein Jahr in Frankfurt , dessen Stern sich damals bereits im Niedergange befand . Halle lockte ihn und in Halle vor allem der Name Wolfs . Johann von Müller schrieb an den letzteren : » Diesen Gruß bringt Ihnen Alexander von der Marwitz . Ich brauche ihn nicht zu empfehlen , weil Sie selbst bald sehen werden , wieviel in ihm ist . « Mit immer wachsendem Eifer ging er hier an das Studium der Alten ; daneben beschäftigten ihn Geschichte und Philosophie , und wie er zwei Jahre zuvor unter den Schülern des grauen Klosters der tonangebende gewesen war , so arbeitete er sich auch hier zu gleichem Ansehen durch . Die Kommilitonen weder meidend noch suchend , immer er selbst , ernst ohne Hochmut , freundlich ohne Vertraulichkeit , so beherrschte er sie , gleich angesehen an Wissen wie an Charakter . Diese Herrschaft war das natürliche und deshalb unvermeidliche Resultat seiner Überlegenheit ; dennoch beklagte sein älterer Bruder in späteren Jahren diese frühen und unbedingten Erfolge , die zuletzt ein Hochgefühl des eigenen Wertes groß zogen , das schwindlig machte . In Halle war Marwitz anderthalb Jahre . Kurz vor der Jenaer Schlacht verließ er die Universität und begab sich nach Friedersdorf , um in Abwesenheit des älteren Bruders , der , wie wir wissen , als Adjutant des Prinzen Hohenlohe wieder in die Armee getreten war , die Verwaltung des Guts zu übernehmen . Mit der Kraft und raschen Umsicht , die ihm überall , damals wie später , zu Gebote stand , auch wo es die praktische Seite des Lebens galt , griff er in die Wirtschaftsführung ein , und ohne jemals vorher sich um landwirtschaftliche Dinge im geringsten gekümmert zu haben , übersah er die Verhältnisse sofort und setzte später den heimkehrenden Bruder durch die Ordnung , die dieser vorfand , in Erstaunen . Seine Wirtschaftsführung während eines vollen Jahres war eine musterhafte gewesen , nur sein überaus reizbares Temperament hatte im Winter 1806 auf 1807 die Verwaltung des Guts und mehr denn das , sein eigenes Leben in Gefahr gebracht . Wir lernen hier eine neue Seite seines Charakters kennen . Die Beschäftigung mit den Wissenschaften , weit entfernt davon , ihm » die Blässe des Gedankens anzukränkeln « oder das innere Feuer , das nach Taten dürstete , zu dämpfen , hatte seine ganze leidenschaftlich angelegte Natur nur noch glühender und leidenschaftlicher gemacht . Gegen Überlegenheit des Geistes und Charakters , wo er sie fand , verhielt er sich wie ein junger Königstiger , der ruhig wird in der Nähe des Löwen . Aber freilich , er fand diese Überlegenheit selten . Sein auflodernder Zorn war es , der ihn , während seiner Gutsverwaltung , zu einer raschen Tat hingerissen hatte , die den Stempel der Ungerechtigkeit breit an der Stirne trug . Eine durch Nachbarn ihm zugefügte Unbill hatte er in einer Weise zu rächen gesucht , die von den damals die Landesobrigkeit bildenden Franzosen als ein Mißbrauch der Gewalt gestraft werden mußte . Er wurde nachts durch französische Gendarmen vom Gute fortgeholt und in Fesseln nach Küstrin abgeführt . Man hielt ihn schon für verloren ; doch wurde die Sache durch vielfach tätige Verwendung schließlich auf gütlichem Wege beigelegt . Die Details über diesen Vorgang fehlen . Ende Oktober 1807 traf der ältere Bruder wieder in Friedersdorf ein . Der Tilsiter Friede hatte zur Entwaffnung so vieler Regimenter geführt und natürlich auch zur Entlassung jenes Truppenteils , der unter dem Namen des » Marwitzschen Freikorps « in Preußen und Pommern gebildet worden war . Der jüngere Bruder verließ nun das Gut wieder und ging nach Memel , wo sich damals der preußische Hof befand . Empfehlungsbriefe führten ihn bei dem Minister Stein ein , Niebuhr schenkte ihm Aufmerksamkeit und Interesse , und sein überaus gewinnendes Wesen , das ihn überall , wo er sich sympathisch berührt und geistig heimisch fühlte , die Herzen wie durch einen Zauber erobern ließ , bewährte sich auch hier . Äußerliche Mittel unterstützten seine Erfolge . Er war groß und schlank , mit feinem jugendlichen Gesicht , und die schönen dunkeln Augen voll Leben und Ausdruck . Wie auf Schule und Universität , so herrschte er alsbald auch hier , wo die Männer des » Tugendbundes « ihn in ihre Mitte zogen . Er belächelte vieles , was er geschehen sah , der gemeinschaftliche Franzosenhaß aber und noch mehr vielleicht der Umstand , daß es gescheite Leute waren , mit denen er eine Stunde geistvoll plaudern und Anregung zu neuen Studien mit heimnehmen konnte , ließ ihn die Kluft absichtlich übersehen , die zwischen ihm und ihnen lag . Es scheint , daß er bis Weihnachten 1808 in Memel blieb und dann nach Berlin zurückkehrte . Sein Umgang hier gestaltete sich im Einklang mit den Bekanntschaften , die er in Memel und Königsberg angeknüpft hatte , zugleich aber wandte er sich mit verdoppeltem Eifer seinen Büchern zu . Politik wurde gelesen , und die staatsökonomischen Sätze Adam Smiths , dessen berühmtes Buch vom » Reichtum der Nationen « auch das Geheimmittel enthalten sollte , wie dem ruinierten preußischen Staate wieder aufzuhelfen sei , wurde der Gegenstand der eingehendsten Studien und Debatten . Schon damals verhielt er sich mehr kritisch als bewundernd gegen das Buch , das die Hardenbergsche Schule zur Panacee für alle Übel stempeln wollte , und wurde nicht müde , auf den Unterschied zwischen einem reichen und freien England und einem armen und unterjochten Preußen hinzuweisen . Er trieb diese Studien mit einem solchen Ernst und verfügte neben dem klar blickenden Geiste , den ihm die Natur gegeben , über ein so umfangreiches Wissen auf diesem schwierigen und bis dahin wenig kultivierten Gebiete , daß ihm , dem zweiundzwanzigjährigen Jünglinge , von Niebuhr – der nicht leicht in Verdacht kommen wird , aus Leichtsinn oder Übereilung gehandelt zu haben – im April 1809 ein Staatsratsposten angetragen wurde . 41 Die Sache war noch nicht entschieden , als der Schillsche Zug dazwischen trat und die Unterhandlungen zerschlug . Marwitz schloß sich dem Zuge an , und wiewohl er wenige Wochen später nach Berlin zurückkehrte , weil er das Kopflose des ganzen Unternehmens erkannt hatte , so wurden doch die einmal abgebrochenen Unterhandlungen nicht wieder aufgenommen . Beinah unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Schillschen Zuge machte Marwitz die Bekanntschaft der Rahel Levin . Er war dem Prinzen Louis Ferdinand an ritterlichem Sinn , an Schönheit der Erscheinung , an künstlerischem Bedürfnis und vor allem auch in jenem Selbstgefühl verwandt , das neben anderen Vorurteilen auch das des Standes überwunden hatte , und so ergab sich diese Bekanntschaft mit einer Art von Folgerichtigkeit . Wie diese Bekanntschaft ihm selber zu hoher Befriedigung gereichte und ihm in schweren Tagen eine Stütze , in dunkeln Tagen ein Sonnenstrahl war , so haben auch wir uns dieses Freundschaftsverhältnisses zu freuen , weil wir dem Briefwechsel , der sich zwischen beiden entspann , das beste Teil alles dessen verdanken , was wir über den Charakter und selbst über die äußeren Lebensschicksale Alexanders von der Marwitz wissen . Ihre Bekanntschaft begann im Mai 1809 , und noch vor Ablauf desselben Monats trennten sich die schnell Befreundeten wieder , um erst nach länger als Jahresfrist die alten Beziehungen abermals anzuknüpfen . Ein gegenseitiges Verständnis scheint sich fast augenblicklich zwischen ihnen gebildet zu haben . Schon am 13. Juli 1809 konnte Rahel schreiben : » Ich ging in den Park hinunter , schön waren Wiesen und Feld . Tausenderlei sah ich um mich her , und alles hätte ich Marwitz gern gezeigt ; er war der Letzte , den ich sah , der so etwas verstand . « Und um dieselbe Zeit schrieb sie an Fouqué : » Ich habe Marwitz nur vierzehn Tage gekannt und mein ganzes Herz liebt ihn ; sein Existenz ist ein Trost für mich . Sie wissen , er ist mit Varnhagen hin nach dem Krieg . « Marwitz war » nach dem Krieg « . Er war Ende Mai nach Österreich gegangen , um an dem Kampfe gegen Napoleon teilzunehmen . Was ihn fort trieb , war ein Mannigfaches ; zunächst die Nachricht , daß sein jüngerer Bruder Eberhard 42 , der seit 1808 in österreichischen Diensten stand , in der Schlacht bei Aspern schwer verwundet worden sei , dann aber sein Haß gegen Napoleon und mit ihm die Überzeugung , » daß – um die Worte seines Bruders zu wiederholen – die Freiheit das allein Wertvolle sei , und alles Wissen in einem Sklavenlande nicht gedeihen , nicht echte Frucht treiben könne « . Zudem war die Teilnahme am Kampf halb Ehrensache für ihn geworden . Er hatte Schill verlassen , weil er das Kopf- und Planlose des Zuges sofort erkannt hatte , aber eben dadurch gleichzeitig die stillschweigende Pflicht auf sich genommen , jedem Unternehmen seine Kräfte zu leihen , das , mit ausreichenderen Mitteln begonnen , irgendwelche Aussicht auf Erfolg bieten konnte . Ein solches Unternehmen war der österreichische Krieg . Marwitz trat in das berühmte Chevauxlegersregiment Graf Klenau ein , dasselbe Regiment , in dem sein Bruder gedient hatte , und machte die letzten Kämpfe des Krieges , die Schlachten bei Wagram und Znaim mit . Auch nach dem Friedensschlusse blieb er bis zum Herbst 1810 in österreichischen Diensten . Gleich die ersten Wochen nach dem Frieden wurden ihm schwer vergällt . Krank war er nach Olmütz gekommen , wo er Quartier in einem Gasthofe nahm . Der Wirt , ein roher und heftiger Gesell , erging sich – aus Motiven , die nicht klar geworden sind , vermutlich aber ohne alle und jede Veranlassung – in heftigen Insulten gegen Marwitz und drang endlich auf diesen ein . Marwitz zog den Degen zu seiner Verteidigung und stieß den Angreifer endlich nieder . Dieser Vorgang machte großes Aufsehen und auf Marwitzens Gemüt einen tiefen und nachhaltigen Eindruck . Denn wiewohl er nur Notwehr gebraucht und den Ausspruch der Gerichte sowohl wie die öffentliche Meinung für sich hatte , so suchte er doch seitdem die Reizbarkeit und den Jähzorn seines Charakters strenger zu bewachen . Das Kriegsleben war etwas , wie es zu Marwitzens innerstem Wesen stimmte , aber das Garnisonsleben war wenig nach seinem Sinn . Alsbald fehlten die Anregungen , ohne die er , wenn der Krieg nicht seine Würfel warf , nicht leben konnte . Wie viele Leute gab es in Olmütz und Prag , die ihm ein Gespräch mit Johann von Müller , mit Niebuhr oder mit Rahel Levin hätten ersetzen können ! Während des Waffenstillstandes , solange die Wiederaufnahme des Krieges noch eine Möglichkeit war , beschäftigten ihn militärische Gedanken , an deren Ausarbeitung er mit einer Raschheit und einem Scharfsinn ging , als habe irgendein Hauptquartier ihn groß gezogen und nicht der Hörsaal oder der Salon . Er entwarf unter anderem ein Exposé , wie , bei Wiedereröffnung des Kampfes , die österreichische Armee zu operieren habe . Eine umfangreiche Arbeit . Über den strategischen Wert derselben schweige ich , sie entzieht sich der Kritik eines Laien , aber die Klarheit der Darstellung ist bewundernswert und fast mehr noch die kühne Selbständigkeit , die ihm die Idee eingab , durch eine weit ausholende Flankenbewegung der Napoleonischen Armee den Rücken abzugewinnen . Er drückte dies in folgenden Worten aus : » Eine veränderte Frontstellung muß unser strategisches Prinzip sein ; Front gegen Osten oder Nordosten – so müssen wir den Angriff erwarten . « Aber der Waffenstillstand führte zum Frieden und mit dem Frieden schwand ihm , ganz abgesehen von jener Aufregung , die ihm Bedürfnis war , auch jene aufs Ganze und Große gerichtete Tätigkeit , deren er bedurfte . Das Einerlei des Dienstes fing an , ihn zu drücken . Eine Korrespondenz , darunter auch der Austausch einiger Briefe mit Rahel , war kein Ersatz für so vieles andere was fehlte , und so nahm er denn den Abschied . Im Herbst 1810 war er wieder in Berlin . Das alte Leben , das ihm so teuer war , nahm hier aufs neue seinen Anfang . Die Bücher , die Studien , der gesellige Verkehr , die Plauderei , die Friktion der Geister , das Blitzen der Gedanken – er hing an dieser Art der Existenz , und doch , wenn er sie hatte , genügte sie ihm nicht . Er kam zu keinem Glück , wenigstens damals nicht . Das Gegenwärtige immer klein findend , von der Zukunft und sich selbst das Höchste wollend , rang er einer Traumwelt nach und verlor die wirkliche Welt unter den Füßen . Er gehörte so recht zu denen , die den Genuß nicht genießen , weil sie selbst im Besitz des Höchsten und Liebsten die Vorstellung nicht aufgeben mögen , daß es noch ein Höheres und Lieberes gibt . In diesem Sinne schreibt Rahel zu Anfang des Jahres 1811 . » Und wie treibens unsere Besten ? Ruhm wollen sie , wollen zehren ohne beizutragen , und – nichts kriegen sie . Besseres noch , so denken sie , werden sie finden , und – nichts finden sie . Statt ihren wahren Freunden selbst Freund zu sein , statt ihnen etwas zu leisten und sich des Glückes zu freuen , das sie durch Opfer und Guttat geschaffen , vergeuden sie ihre beste Kraft in der Beschäftigung mit ihren Plänen , im Kampf mit Phantomen . Marwitz hab ' ich dies noch nie gesagt , weil ich ihn zu sehr liebe und es zu persönlich würde . « So klagte Rahel über ihren » liebsten Freund « in einer Zeit , wo täglicher Verkehr und rückhaltloses Vertrauen ihr die beste Gelegenheit gab , einen Einblick in die Vorgänge seines Herzens zu gewinnen . » Er war des Lebens früh überdrüssig und durchaus ermüdet vom täglichen Einerlei , wenn das Gewaltigste sich nicht von Tage zu Tage jagte . « So beschreibt ihn sein älterer Bruder . Er war ruhelos , unbefriedigt , unglücklich . Aber wir würden ihm unrecht tun , wenn wir dieses Unbefriedigtsein , diesen Lebensüberdruß , Erscheinungen , die mitunter an die krankhaften Stimmungen Heinrich von Kleists erinnern , ausschließlich auf Rechnung eines überreizten Gemütes setzen wollten . Er war allerdings unstet und ruhelos , weil er einem » Phantom « nachjagte , das sich nicht erreichen und erringen ließ , aber er litt auch in aller Wahrheit und Wirklichkeit unter der Wucht schwerer Schläge . Wenn sich eigene Schuld mit einmischte , um so schlimmer . Er hatte ein Recht , ernster drein zu schauen , als mancher andere . Die Schmach des Vaterlandes , die Eisenhand des Unterdrückers , das alles waren sehr wirkliche Dinge , die damals manches Herz mit Schwermut oder Fanatismus erfüllten . Vor Marwitz aber stand noch ein anderes : sein Traum brachte ihm die Gestalt des polternden , zornroten und dann so still und blaß gewordenen Wirts , und wenn die Gestalt verschwand , so zog an ihrer Statt das Bild einer schönen Frau herauf , zu der er sich mit glühender , immer wachsender Leidenschaft hingezogen fühlte . Der Tag ist noch nicht da , über dieses Verhältnis ausführlicher zu sprechen ; vielleicht wird die Pietät gegen einen unserer gefeiertsten Namen es für immer verbieten . Zorn und Liebe , Gewissensangst und Leidenschaft rangen auf und ab in Marwitzens Herzen , und es hätte des heißen Verlangens nach Ruhm und Auszeichnung , nach einem unbestimmten Höchsten nicht bedurft , um jene Rastlosigkeit zu schaffen , die zugleich ein Verlangen nach Ruhe war . Im Mai 1811 ging Marwitz auf kurze Zeit nach Friedersdorf . Die Veranlassung dazu war nicht angetan , ihm die Heiterkeit zurückzugeben , deren er so sehr bedurfte . Das Eintreten des älteren Bruders für das ständische Recht hatte zu seiner Verurteilung geführt , und während er nach Spandau ging , um daselbst seine Haft anzutreten , trat der jüngere Bruder für ihn ein , um , wie fünf Jahre früher , die Verwaltung des Gutes zu übernehmen . Dieser nur kurze Aufenthalt in Friedersdorf scheint eine Krisis für ihn gewesen zu sein . Während ihn die zwischen ihm und Rahel in dieser Zeit gewechselten Briefe zunächst noch auf einem Höhepunkte der Schwermut und Ratlosigkeit zeigen , klärt sich gegen das Ende hin alles auf . Das Gewitter scheint vorüber und wir blicken wieder in klaren Himmel . Einzelne Briefbruchstücke aus jener Zeit mögen diesen Übergang vom Trübsinn bis zur neu erwachenden Hoffnung zeigen . » Mit mir wird es besser . Zwar will mir das Herz noch zuweilen erkranken , aber ich gebiete ihm Ruhe . Wille und Tätigkeit bändigen es . Machen Sie sich meinetwegen keinen Kummer . Untergehen kann ich , aber mir zum Ekel , anderen zur Last leben , das kann ich nicht . Und das ist doch noch sehr glücklich . Ich habe in dieser Zeit zuweilen an den Selbstmord gedacht , aber immer ist er mir vorgekommen wie eine verruchte Roheit . « » Ich bin bis jetzt hier geblieben , teure Rahel , und hatte vor , noch einen Monat hier zu bleiben , weil ungeachtet der Gespenster , die in meinem Innern herumwandeln , doch eigentlich der Körper durch Landluft gedeiht und ich jene durch Tätigkeit zu verscheuchen hoffte . Aber ich traue nicht mehr , denn gesunder bin ich zwar , aber nicht weniger reizbar . Ein einziger Moment kann mich dahin zurückwerfen , wo ich war , und was am Ende aus dem finstern Brüten werden kann , übersehe ich nicht . Nun sehe ich zwei Auswege . Der eine ist , mit Ihnen nach Töplitz zu gehen ( unbeschreiblich reizend ) , der andere ist eine Reise nach England und von dort aus weiter nach Spanien , wo ich Dienste nehmen kann . Wäre es so unrecht , die Kraft der südlichen Sonne an mir zu prüfen ? « Diese Bruchstücke zeigen zur Genüge , daß er unmittelbar vor seinem Abgange aus Berlin einen Entschluß gefaßt hatte . Er will den Anblick fliehen , der so viele Gefahren in sich birgt ; darum dehnt er auch den Aufenthalt in Friedersdorf aus . Er will nicht nach Berlin zurück , denn » er traut sich selbst nicht und fürchtet , daß er dahin zurückgeworfen werden könne , wo er war « . Er bangt vor der Möglichkeit neuen Brütens , neu aufsteigender Gespenster , und er will fort , weit fort – nach Spanien . Er will Dienste nehmen und das Notwendige und Nützliche zugleich erfüllen , notwendig ihm allein , aber nützlich der Allgemeinheit , der guten Sache . Rahels Antworten indessen halten ihn in der Heimat fest und führen ihn endlich aus seiner Friedersdorfer Verbannung wieder in die Welt zurück . » Sie dürfen nicht vereinsamen . In Friedersdorf ist keine Gesellschaft für Sie , und die müssen Sie haben , lebendigen , alles anregenden Umgang . Sie gehen da in Ihren eigenen Stimmungen wie in einem Zauberwald umher und werten bald nichts mehr vernehmen können . « Zuletzt hat er überwunden , und er schreibt , frühere Briefworte Rahels in seiner Antwort wiederholend : » Leben , lieben , studieren , fleißig sein , heiraten , wenns so kommt , jede Kleinigkeit recht und lebendig machen , dies ist immer gelebt und dies wehrt niemand , ... ja , Sie haben Recht , liebe Rahel . Ja , ich weiß das jetzt . Fernab sind mir jetzt alle Träume von Heldengröße und äußerer Bedeutsamkeit ; führt mich das Schicksal dahin , wo ich in großen Kreisen zu wirken habe , so will ich auch das können , aber meine Hoffnungen , meine Pläne sind nicht darauf gestellt . Ich klage auch nicht länger über die Zeit ; ganz dumm ist , wer das tut . Wem das Herrliche im Gemüt gegeben ist , dem wird alle Zeit herrlich . « Beinahe gleichzeitig mit diesem Briefe sehen wir Marwitz nach Berlin zurückkehren , und ein neues , klares Leben beginnt . Es ist plötzlich , als habe der Most ausgegoren . Viele Ideale sind hin , aber das Schillersche Trostwort : » Beschäftigung , die nie ermattet « , wird auch ein Trostwort für ihn . Ernst , Arbeit nehmen von ihm Besitz , das wirkliche Leben , wie es ist , wohl oder übel , ist plötzlich für ihn da , er stellt sich zu demselben und tritt mitwirkend , mitstrebend an dem Nächstliegenden , in dieses wirkliche Leben ein . Er übersiedelte nach Potsdam , um bei der dortigen Regierung als Hilfsarbeiter einzutreten . Zugleich beschäftigen ihn Vorarbeiten zu einem juristischen oder kameralistischen Examen , das er noch zu absolvieren hatte . Es heißt , als er einige Monate später wirklich an die Absolvierung desselben ging , hätten die Examinatoren offen erklärt , » daß es sich bei dem glänzenden und vielseitigen Wissen des zu Examinierenden nur um die Erfüllung einer Form handeln könne , deren Innehaltung ihnen Verlegenheit bereite « . Marwitz blieb in Potsdam etwa anderthalb Jahre , vom Sommer 1811 bis zum Schluß des Jahres 1812 . Wir können diesen Zeitraum , wie auch das Jahr 1813 , das er draußen im Felde zubrachte , besser überblicken als irgendeine andere Epoche seines Lebens , und haben den Eindruck einer nicht länger ins Weite schweifenden Existenz . Die Richtung auf das » Immense « ist aufgegeben und das Bestreben wird sichtbar , von einem bestimmten Punkt aus , nach der ihm gewordenen Kraft zu wirken und zu gestalten . Er hat nicht das Glück , aber doch Bescheidung und Ergebung gefunden ; die Leidenschaften sind gezähmt . Eine gerade in dieser Zeit besonders lebhafte Korrespondenz zwischen ihm und Rahel läßt uns Einblick in wenigstens eine Seite seines Tuns und Treibens gewinnen . Politische Dinge werden wenig berührt , oder doch nur in philosophisch abstrakter Weise . Persönlichstes aber kommt ausführlich zur Sprache und ästhetische Fragen werden mit Vorliebe behandelt . » Antworten Sie gleich , Ihre Briefe sind mir unentbehrlich « , schreibt Marwitz und fährt an einer anderen Stelle fort : » O wüßten Sie , wie ich Ihre Briefe empfange ! Ich lese sie drei- , viermal hintereinander , und dann laufe ich im Zimmer umher und lasse den Inhalt Ihrer Zeilen in mir nachklingen . « Tagebuchartig werden die Briefe geführt , was der Tag bringt und verweigert , wird besprochen . » Mit welchem Herzensanteil verfolge ich Ihre Spaziergänge in Sanssouci , wie gerne nähme ich teil daran ! « schreibt Rahel und Marwitz antwortet : » Auf Sanssouci war ich lange nicht , es ist jetzt dort stürmisch und öde ; öfters ging ich im Neuen Garten , wo der flutende See und die vielen dichten Tannengebüsche es lebendiger machen und die Marmorhalle vor dem Hause mir ernste , rührende und schwermütige Gedanken erweckt . « Immer wird von Berlin aus zur Arbeit ermutigt . » Nur ans Werk , wir warten hier auf Ihre Arbeit über die Propyläen und über die Politik des Aristoteles . « Daran schließen sich die Vorkommnisse der großen Stadt ; Reflexionen ranken sich um Großes und Kleines . » Gern hätte ich Ihnen gestern schon geschrieben , wenn mich nicht die Nachricht von Heinrich Kleists Tod völlig eingenommen hätte . Ich kenne nicht die näheren Umstände seines Todes ; aber es ist und bleibt ein Mut . Wer bangte nicht vor jenen › dunkeln Möglichkeiten ‹ ? Forsche ein jeder selbst , ob es viele oder wenige sind . « So schreibt Rahel , wohl in Vergessenheit , daß sie die Antwort auf diesen Brief vorweg empfangen hatte , als ihr Marwitz von Friedersdorf aus die schon zitierten Worte schrieb : » Mir ist der Selbstmord immer wie eine verruchte Roheit vorgekommen . « So läuft das briefliche Geplauder zwischen den Befreundeten , einmal heiter , einmal paradox , einmal tief , wie Stimmung und Ereignis das Wort gestalten . Jeden Abend schrieb er , aber der Tag gehörte den Studien . Die Marwitzsche Familie ist noch im Besitz umfangreicher Essays , kritischer Abhandlungen und Gutachten , die jener reifen Zeit ihre Entstehung verdanken . Alle diese Memoires teilen sich in zwei Gruppen , in politische und staatswissenschaftliche . In den Charakter und die Eigenart Napoleons einzudringen , schien er sich zu einer besonderen Aufgabe gemacht zu haben , und man erstaunt billig über die Reichhaltigkeit der zu diesem Zweck unternommenen Studien . Alles , was erschien , wurde gelesen und exzerpiert und unter der Überschrift » Bonapartiana « zusammengestellt . Dazu gesellten sich mündliche Mitteilungen und Auszüge aus Briefen . Was der Tag brachte , ward in bunter Reihenfolge registriert , und Oberst Spiegel , Gentz , Brinkmann , Fürst Lichtenstein , Oberst Bentheim , Itzenplitz , Müffling , General Krusemark fanden sich hier auf denselben Blättern zusammen . » Chassez moi cette Canaille là ! « so erzählt Oberst Spiegel , donnerte Bonaparte einem seiner Kammerherren zu , als er bei einer großen Cour jene dreizehn Kardinäle erblickte , die sich in der Scheidungs- und Wiedervermählungsfrage gegen ihn erklärt hatten . Und wenige Tage später – so fährt derselbe Oberst Spiegel fort – spuckte der Kaiser , mit unverkennbarer Absicht , mitten in die Reihe der Könige hinein , die bei der großen Vermählungszeremonie mit Marie Luise unmittelbar hinter ihm standen . Von besonderem Interesse unter diesen Aufzeichnungen ist die Ansprache Napoleons an eine Deputation märkischer Stände , die , wenn ich nicht irre zu Dresden , auf sein spezielles Geheiß vor ihm erschienen war . Der Kaiser , der sie durch liberale Phrasen kirren und an sich und seine Sache fesseln wollte , sagte mit jener rücksichtslosen Offenheit , die er ebensogut wie List und Verschlagenheit zu handhaben wußte : » Vous êtes gouvernés que cela fait pitié . Votre roi est ... Si l ' empereur Alexandre avait tardé de trois jours de faire sa paix , j ' aurais détrôné votre .. , et je vous aurais fait une constitution , qui vous manque . Nous sommes tous des Romains , les Français , les Italiens et les Allemands , nous sommes la même nation . Je vous aime , vous êtes de bons enfants . Mais par exemple je ne fais pas cas de vos militaires . D ' un côté ils ne sont pas de héros , et de l ' autre ils ont marché sur les têtes des bourgeois . – Je suis militaire , et ce n ' est pas moi , qui voudra jamais déroger aux privilèges du militaire , mais je ne permettrai jamais que mes soldats traitent les citoyens français comme les votres vous ont traités . « Itzenplitz , der ein Mitglied der Deputation war , hat diese Worte aufgezeichnet . Marwitz sammelte dergleichen zu doppeltem Zweck , zu seiner Instruktion und zur Nährung seines Hasses . Aber Hand in Hand mit diesen losen Kollektaneen , bei deren Durchblättern die ganze Epoche , der sie angehören , wieder lebendig vor uns hintritt , gingen abgerundete , tief durchdachte Arbeiten , von denen uns wenigstens eine über die sogenannte » Separation « , d.h. » die Teilung der Gemeinheiten « in aller Vollständigkeit aufbewahrt worden ist . Marwitz ist gegen die Separation . Er sucht zu beweisen , daß die » Teilung der Gemeinheiten « und das sogenannte » Abbauen der Dörfer « ein Fehler sei ; ein Fehler deshalb , weil es den Egoismus des einzelnen steigere , statt ihn zu mindern . Dieser Egoismus erscheint ihm als