als die wollüstige Todessehnsucht des Pantheismus ist die freudige Lebensertragung , welche das quälende Ich abschüttelt und durch allumfassende Liebe ins Unendliche erweitert . Die rauschendste Melodie auf der Aeolsharfe der Empfindung wird stets das vaterländische , das Stammgefühl entlocken . Aus dem zerfahrenen Kosmopolitismus der ästhetischen und pessimistischen Weltanschauung erhebt sich der Geist , von der Naturbetrachtung sich der Geschichtsbetrachtung zuwendend , zu der Erkenntniß des Nationalbewußtseins . Da gewinnt die rauhe Wirklichkeit einen gesunderen Reiz , als Schönheitskultus ihn bieten kann ; da wandelt sich der Schauder vor der ehernen Nothwendigkeit in ein stolzes Wohlgefühl : Getragen zu werden von dem ewigen Wirbel des Weltenrades , das Jeden als Atom des Allgemeinen zu seiner Bestimmung fortreißt . Das trotzige unselige Ich , das auf sich allein gestellt die Welt umfassen möchte und von der Last dieser selbstaufgelegten Mission erdrückt ward , erkennt sich jetzt freudig als unterthan höheren Gesetzen . Die Ideen » Volk « und » Vaterland « bieten den wahren Schlüssel zum Verständniß des Einzellebens . Die Eitelkeit des Persönlichen zerrinnt so in den Stolz des Patriotismus , die Selbstsucht des Einzelnen überwindet sich leicht zu Nutzen und Ruhm der Rassenselbstsucht . Diese Weltanschauung schreitet zu wahrer Selbsterfüllung vor , sie bildet den verengten innersten Kreis nach all den weitausgreifenden Wirbeln des jugendlichen Idealismus . VIII. Und Krastinik schaute umher von dem Schloß seiner Väter über das Bergland zu seinen Füßen . » In dem Burzenland ist ' s immer schön , « singt ein Volkslied über das Waldland , das sich um Kronstadt erstreckt . Das wußte ja schon der deutsche Orden , der bei seiner Übersiedelung nach Europa zuerst im Siebenbürgener Burzenlande seine Zelte aufschlug . Die von ihm gegründeten sieben Burgen sollen dem Lande Transsylvanien seinen neuen Namen gegeben haben . Noch jetzt ragen sieben solcher Burgen des Deutschthums im Lande : Hermannstadt , Kronstadt , Schäßburg , Mediasch , Bistritz , Reps und Broos . Von den alten Burgen des Ordens aber stehen noch gar viele im Burzenlande . Die Heldenburg , die Zeidener , die Tartlauer , die Rosenauer , die Törzburg , die Marienburg . Wer denkt hier nicht an die Residenz des Ordensstaates in Preußen , wohin die kühnen Kämpen von hier aus zogen ? So schlingt sich denn ein geheimnißvolles Band um die Errichtung zugleich Preußens und Siebenbürgens , der nordöstlichen und südöstlichen Mark des deutschen Imperiums . » Ins Ostland wollen wir reiten , « klingt das alte sächsische Auswandererlied aus dem 12. Jahrhundert herüber . Dieser Zug gen Osten gewann dem Deutschthum nacheinander die Elbgrenze , die Donau , die Oder , die Weichsel . Diesem Zug gen Osten verdankte das alte Deutsche Reich seine Weltherrschaft und ihn muß es wieder aufnehmen , will es die alte Obmacht wieder erneuen . Nicht ohne tiefste Bedeutung besingt das deutsche Nationalepos den Ritt ins Hunnenland . Die Hunnen dehnen sich weithin von Donau und Theiß zu Don und Wolga und die einst geladenen Nibelungengäste , die deutschen Kolonieen , drohte , wie abgerissene schwache Reiser der großen Walsereiche , die wüste hunnische Sintfluth zu verschlingen . Wer kennt nicht jenen hehren Gesang , wo in der Seele des deutschen Mannesideals Rüdiger von Bechlaren der Conflikt widerstreitender Pflichten tobt ? Die Deutschen sind seine Freunde und Blutsverwandten , an den Hunnenkönig bindet ihn der Treueid seiner Loyalität Wird Rüdiger noch immer der Deutschenfeindin Krimhild , der Zarin aus deutschem Blut , zu Willen bleiben ? Heut ist wohl der Markgraf ein klügerer Mann . Überwältigend stieg die geistige Weltherrschaft der deutschen Raçe vor der Betrachtung des ungarischen Grafen empor . Wo wäre nicht deutsche Erde ? Wie der Römer allüberall auf deutschem Boden stand , so tritt der Deutsche , wo es auch sei , nur einen Boden , den er mit seinem Blut getauft und mit seiner Cultur gedüngt hat . Die Krastinik ' s stammten ursprünglich aus Mähren , wie ihr slavischer Name verrieth . Erst im 18. Jahrhundert waren sie durch eine Erbheirath siebenbürgische Magnaten geworden und so allmählich ganz ins Ungarische übergegangen . Dagegen kreuzte sich dies slavisch-magyarische Blut fortwährend mit deutschen , da die Hälfte der Stammmütter dem deutsch-österreichischen Adel angehörte . Auch Xaver ' s Mutter war eine Deutsche gewesen . Jetzt erst verstand er , daß in seiner ganzen schwerflüssigen Art das deutsche Element überwog . Daher auch sein rasches Einleben in deutsches Wesen . Darum auch vor allem jetzt der mächtige Trieb einer Stammeszugehörigkeit , der in ihm durch Bewunderung deutscher Kraft erwachte . Dies Deutsche Reich - schien es nicht der einzige feste Punkt in der Erscheinungen Flucht ? Alles wankte und splitterte . Im Westen in Frankreich und England , Anarchie . Im Osten Panslavismus und Nihilismus . In Deutschland allein das Positive allem Negativen trotzend . Ja , die große Sündfluth an allen Enden . Der Panslavismus will sein Ziel erreichen um jeden Preis , entweder mit dem Zaren oder ohne ihn . Und siegt er , so springt der Zarismus doch . Denn alles arbeitet im Westen wie im Osten nur einem Ziel entgegen : der Auflösung aller bestehenden Gesellschaftsformen . Alle Anzeichen sind dieselben wie vor der Großen Revolution . Barbarei lauert aller Enden , den morschen Culturbestand zu vernichten . Um Deutschland muß sich zusammenschließen , was noch auf eine glückliche organische Entwicklung hofft . Nur Deutschland besitzt die unverbrauchte Kraft , sich aus eigener Initiative innerlich aus den Schäden der gegenwärtigen Gesellschaftsbildungen emporzuläutern und aus der häßlichen Puppe dieses Uebergangsstadiums den beschwingten Schmetterling eines neuen Freiheitsbegriffs loszulösen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Jetzt hatte er ein unpersönliches Ideal gefunden , das eine wesenhafte Realität vorstellte . In der freudigen Erleuchtung dieser seelischen Entdeckung aber erkannte er zugleich , wie die Uebertreibung seiner berechtigten Auflehnung gegen sein früheres persönliches Ideal ihn wiederum in Ungerechtigkeit verstrickte . Die krankhafte Reizbarkeit , schwächliche Verbitterung und selbstische Ich-Begeisterung Leonharts wurde vollauf erklärt durch die chemische Zusammensetzung seiner Natur und durch die geologische Lage seiner äußeren Lebensverhältnisse , beide unter die Einwirkung der Elektricität einer geistigen galvanischen Strömung gebracht . Wie gewöhnlich bot sich auch jetzt ein unerquicklichstes Schauspiel , das jeden ernsten Diener der Wahrheit , der bedächtig ein gerechtes Urtheil zu schöpfen sich müht , am tiefsten verletzt . Nur von persönlich gehässigem oder Parteistandpunkt aus wurde nunmehr , nachdem endlich über die » Affaire Leonhart « genug Lügengras gewachsen und der in den Tod Gejagte nach beliebter Taktik gegen seine überlebenden Rivalen als » Klassiker « ausgespielt war , das gegnerische Urtheil laut . Da hatte bald Der bald Jener irgend eine Mordsgeschichte aufzutischen . Theodosius Drollinguère ( er hatte seinen Namen nun glücklich gallificirt , auf daß seine französischen Freunde ihn besser aussprechen lernten ) brachte einen Artikel in seinem Wochenblättchen » Die Wahrheit über F. Leonhart « , worin er Denselben der ostentativen bewußten Verrücktheit zieh . Doch war er zu feige , sein » D. « darunterzusetzen und verschanzte sich hinter ein » B. « , das Zeichen seines Substituts . Dieser Mann hieß Bullerich . Ein schöner Name . Mit polypenhafter Geschmeidigkeit umkrallte hier der bedächtige Drollinguère sein Opfer . Da derselbe sich nicht mehr wehren konnte und keine Angehörigen hinterließ , welche etwa Strafantrag stellen durften , so gestattete sich Theodosius sogar den Luxus persönlicher Verdächtigung . Leonhart sei ein gesinnungsloser Mensch gewesen , mal liberal , mal conservativ , je nachdem seine Geschäfte es verlangten . Krastinik kannte die Verhältnisse genau und wußte , daß der Dichter nie in irgend einer politischen Beziehung zu irgend einer Partei und irgend einem Blatte gestanden . Mit unwiderstehlicher Komik verlangen jedoch die jüdisch-liberalen Blätter , daß man , falls sie Honorar für Feuilletons oder Novellen zahlen , auch als liberaler Philosemit fungire ; und bei den Conservativen steht die Sache gradeso . Leonhart hatte nie nur um Haaresbreite seine tiefen politischen Ueberzeugungen geändert und sich stets zum demokratischen Cäsarismus bekannt . Auch seine pangermanistischen Ziele hielt er unbeirrt im Auge , seine Verachtung der deutschen Kleinlichkeit und Philisterei verleugnete er nie . Demokratisch in seinen Anschauungen , verehrte er das Hohenzollernhaus aus historischer Erkenntniß und dankbarer patriotischer Pietät als glänzendsten Zeugen der Darwinischen Evolutionstheorie , als berufenstes , Talent und Charakter von Generation zu Generation vererbendes Herrschergeschlecht . Die trostlose Unreife und Dummheit der Eintagsparteien vermag natürlich den inneren festen Zusammenhang solcher Auschauung nicht zu erfassen . Ein in der Wolle gefärbter Demokrat hat auf die Juden und das Plapperment und die liberale Presse zu schwören . Und was ein richtiger Conservativer ist , stimmt fröhlich durch Dick und Dünn mit Gott für König und Vaterland - für Vermehrung der stehenden Heere , Schutzpatent des Militairdünkels und des Kastengeistes , Muckerchristenthum , Feudalrechte und allerunterthänigsten Servilismus . Darum warnte ein christlich socialer Bonze vor diesem » verkappten rothen Revolutionär « und Dr. Bergmann von der » Tagesstimme « vor diesem » opportunistischen Streber « , der naiv genug gewesen , » Majestätsbeleidigungen gegen Schiller und Die dulde Ich nicht « zu äußern und den antisemitischen Dichter Dr. Adler zu loben , während er Feuilleton-Honorare von der freiheitsdurstigen » Tagesstimme « bezog ! ! » The consequence is : beign of no party , I shall offend all parties « , citirte Leonhart achselzuckend aus Byron , wenn auf solch angebliche Widersprüche die Rede kam . Aehnlich verhielt es sich mit den Vorwürfen gegen seinen grellen Hohn und sein » boshaftes Schimpfen « . Krastinik hatte ihn über jeden einzelnen Fall interpellirt und wußte aus vorgelegten Dokumenten am besten , daß Leonhart stets der zuerst Angegriffene gewesen war . Schon sein wohlwollendes Gemüth verbot ihm , Andere zu schädigen . Reizte man ihn freilich , dann vergrößerte sich die momentane Entrüstung durch das verbitternde Bewußtsein seiner allgemeinen schiefen Lage und den allgemeinen Ekel gegen das rechtlose Weltgetriebe . Dann schlug er allerdings seine Krallen so furchtbar ein , daß man an der Klaue den Löwen erkannte . Wofür war er sonst ein Leu ? Der Leon bleibt ein Leon , man kann ihn tödten , aber nicht ändern . Immer und immer wieder löste sich das Räthsel seiner plötzlichen Anfeindung der Menschen dadurch , daß die Anmaßung der Andern nie zu begreifen vermochte , daß er nicht wie ein andrer Gemeiner in Reih und Glied zu marschiren habe . Viel zu gutmüthig , um jemals Andere zu » drücken « , verletzte er doch jede windige Eitelkeit ohne es zu ahnen , gleich wie der sagenhafte Speer Ithuriels überall die Lüge und Schlechtigkeit aufdeckt . Man haßte ihn instinktiv . Er war so groß und dabei so cordial liebenswürdig , daß man ihn doppelt haßte . Später erst wurde er herb und schroff . Er , dem die Thränen in die Augen traten bei der Betrachtung jeder edeln Handlung , verhärtete sich zusehends und zwang sich gleichsam zu eisigem Egoismus . Und fühlte Krastinik nicht , wie auch ihn mehr und mehr eine dumpfe Wuth gegen Lüge und Gemeinheit zu verzehren begann ? Mit voller Billigung dachte er jetzt an die höhnischen Glossen Leonharts über den heutigen Adel , welche er früher bestritten hatte . Mit verächtlichem Lächeln hielt er Umschau unter den edeln Standesgenossen des Nachbaradels , wo bereits über den » verrückten Sonderling « nicht wenig medisirt wurde . Eher geht ein Kameel durch ein Nadelöhr , ehe daß ein Junker oder ein Jude sich bescheiden lernt . Die Katze läßt das Mausen nicht und die Abkömmlinge von Strauchdieben oder fürstlichen Maitressen nicht den Wahn des blauen Blutes . Mag dieser elende » Adel « noch so sehr auf die Juden schimpfen , obschon bei manchem näselnden Gardelieutnant die mütterliche Abkunft schon gar nicht mehr verkannt werden kann , - unter dem Tisch waschen sich Juden und Junker allezeit die Hände . Daher sagt Disraeli sehr richtig im » Coningsby « : Die Juden seien wesentlich Torys . Denn der Semit dürstet nach » Vornehmheit « d.h. nach der äußeren Geltung derselben . Er beruhigt sich nur in seiner unersättlichen Eitelkeit , wenn er die übrige Welt zu seinen Füßen sieht . Daher zeigt er sich im Verkehr entweder selbstüberhebend dreist oder kriechend gegen den Mächtigeren , den er durch List besiegen möchte . Diese dem Judenthume eingeborenen Fehler müssen nun mal aus seiner früheren Abhängigkeit entschuldigt werden . Haftet doch im Grunde den meisten Menschen das Snobthum an . Auch besitzen die Juden eine Menge vortrefflicher Eigenschaften , welche für ihre weltkluge Streberei entschädigen , und dies zersetzende Element übt sogar einen wohlthätigen Einfluß aus auf die deutsche Michelei . Daß die unduldsame Eitelkeit dieses auserwählten Volkes natürlich jedes freie Wort in dieser Sache verpönen möchte , scheint halt auch nur eine verzeihliche Empfindlichkeit historischer Rückerinnerung . Gegen die Juden an sich hat man nur einen berechtigten Vorwurf : daß sie geschickter im Kampf ums Dasein zu strebern wissen und wie alle Orientalen kaltblütiger ( trotz scheinbarer aufgeregter Zappelei ) ihr Ziel im Auge halten , als der sanguinisch nervöse Germane . Aber wenn man an den Juden ihr protziges Snobthum tadeln möchte , so kann man dem sogenannten Adel oft nur uneingeschränkteste Verachtung widmen . Die Bauern auf dem Lande wissen ein Lied davon zu singen . Diese Junker unterstützen förmlich den Wucherer , auf daß er den produktiven Stand beraube . Sie verbinden sich mit Geschäftsleuten , ob Christen oder Juden , zu den schmutzigsten Gründungen und theilen den Raub mit ihnen ; sie decken ihnen den Rücken , falls sie in Verlegenheit kommen . Der selige Stroußberg , ein genialer Schwindler , nahm sich entschieden am auständigsten aus unter seinen hochvornehmen Compagnons , die er manchmal im Vorzimmer stundenlang bei Champagner warten ließ , weil er selbst ja diese schmutzigen Mit-Geldschinder der armen Leute als Müßiggänger verachtete . - Auf dem Lande haben die vielgeschmähten Juden immer versteckte Hintermänner , wenn es gilt , den Bauernstand zu untergraben . Dringt die Feudalaristokratie erst massenhaft in den Reichstag ein , so wird sie in geheimer Verbindung mit dem Jobberthum das Volk vollends zu Grunde richten . So werden die Produktivstände immer mehr ausgesogen und gedrückt , daher auch immer verbitterter . Während in den Städten die Socialdemokratie langsam und sicher vordringt , brütet auf dem Lande ein dumpfer Haß gegen diese conservativen Wappenschänder , die in den Plappermenten » verdammt schneidig , äh « ihre elenden Phrasen für Gott , König und Vaterland ableiern und daheim im Stillen ihre Procentchen berechnen . Die bodenlos gemeine Interessenpolitik der Parteien ruinirt systematisch , durch Concentrirung des Großkapitals in » Ringe « , das Bürger- und Bauernthum . Und dann wundern sich diese Blinden , wenn eines Tages ihnen das Haus überm Kopfe zusammenbirst , nachdem sie selbst seine unteren Grundpfeiler durchsägt . Der Krug geht so lange zu Wasser , bis er bricht . - Der Adel nützt die Parvenü-Sehnsucht der Juden nach adligem Umgang natürlich nach Kräften auch in » idealen « Gebieten aus . Auch der edle vornehme Graf Fridolin v. Scheckwitz bewirthete auf seiner Villa am Tegernsee den zufällig dort zur Sommerfrische weilenden Chefredacteur der » Berliner Tagesstimme « nebst vier Adjutanten desselben , und fraternisirte mit denselben auf Du und Du , um einigen Reklamerecensionen in der » Berliner Tagesstimme « einzuheimsen . Eine davon schrieb sogar Scheckwitzens eigener Sekretär . Es geschah dies mit unzweifelhaft idealer Absicht , damit doch ja die Intentionen des Dichters richtig gewürdigt würden , und wer könnte dieselben wohl besser verstehen , als des Dichters eigener Famulus ! - Wenn nun aber Scheckwitz , der jedem Adligen nachläuft und nur nach Umgang mit » Standesgenossen « giert und in gemeinstem Servilismus vor jeder Fürstlichkeit katzbuckelt , obschon er ultra-radikale Modeansichten in seinen Werken vertritt , und sogar unter durchsichtiger Maske seinen hochseligen Herrn satirisirte , um sich bei dessen Nachfolger einzuschmeicheln , - wenn nun aber Scheckwitz wegen seines intimen Villeggiatura-Verkehrs mit Doktor Bergmann von seinen » Standesgenossen « entsetzt interpellirt wurde : » Herr Gott , ich biett ' Sie , Graf ! Ein Mensch , der wegen Beleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hat und sogar früher ausgewiesen wurde ! « - dann warf er naiv hin : » Aber , liebste Comtesse , ich brauche diese Juden ! Die Leute müssen halt über mich schreiben ! « So spielte er sich den » Standesgenossen « gegenüber als » Dichter « und den Litteraten gegenüber als » Kammerherr Graf Scheckwitz « auf . - Die am wenigst vornehmen Naturen findet man in der sogenannten Aristokratie . Krastinik spie verächtlich aus in der Erinnerung an so manchen pöbelhaften Kriecher oder Stallknecht mit ellenlangem Stammbaum . Solche Burschen verkaufen ihren » Namen « an die Tochter eines Geldfürsten , hauen die verheirathete Jüdin aus germanischer Ritterlichkeit , bringen ihr ganzes Vermögen durch und lassen die etwaigen Söhne ihre Mutter » das Portemonnaie « nennen . So handelt man wahrhaft standesgemäß , wie es sich für einen solchen Stand frecher Nichtsthuer im Größenwahn ihres Nichts am besten schickt . Die Juden , dies älteste Junkerthum Europas als geschlossene Kaste , sind eigentlich ideologisch-revolutionär angelegt . Darum nennt Renan die hebräischen Propheten mit Recht als Stammväter des Socialismus und Nihilismus . Die Juden stehen den Griechen ebenbürtig zur Seite . Bald siegt der Rationalismus des Hellenenthums , bald der düstre Pessimismus des Judenthums , das sich theilweise in Christi Lehre fortsetzt , In den Juden , einem kräftigen , unterdrückten Volke , lebt ein heißer Sinn für soziale Gerechtigkeit . Sie schufen sich einen eifrigen strengen Gott . Fiat justitia , pereat mundus ! Besser , die Welt geht zu Grunde , als das sie ohne Gerechtigkeit fortbesteht . Heut freilich hat der alles zersetzende Zeitgeist auch die Juden so depravirt , daß sie sogar den eigenthümlichen Größenwahn ihrer Race , immerhin ein Zeichen von Kraft , einbüßten . Sie schämen sich ihrer Väter und verachten den jüdischen Namen . Ihr finstrer Trotz ist gebrochen durch erschlaffenden Mammondienst , und gleichgültig platter Lebensgenuß blieb ihnen übrig als einziges Ziel . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Aber grade , indem dieser wahre Aristokrat mit vornehmem Abscheu all solchen Schmutz erwog , gewann er dem Problem Leonhart , dem Untergang des letzten Idealisten und des letzten genialen Dämons in der nivellirenden Uniformzeit , eine neue Seite ab . Auf immer höhere überschauende Gesichtspunkte erhob ihn die neue Weltanschauung , welche seine naturwissenschaftlichen Studien in ihm reisen ließen . Sind die Menschen an sich wirklich so schlecht , wie Leonhart ' s Verbitterung sie auffaßte ? War der große Egoist Napoleon etwa gerecht , als er gestand : » Ich habe die Menschen stets verachtet und sie stets behandelt wie sie es verdienen « ? Mit Nichten . Die Menschen sind im Ganzen weit besser als ihr Ruf , sind von Natur hülfsbereit und gutartig . Nur soll man nicht ihre Eitelkeit und Selbstsucht verletzen . Thut man dies aber , so sei man wenigstens consequent und wappne sich mit starrem brutalem Egoismus . Auch das muß man Leonhart als Schuld gegen sich selber anrechnen , daß er mit schwächlicher Gutmüthigkeit den Leuten die Wunden verband , die er gerechterweise schlug . Welch ein unreifes Unterfangen , die Welt und die Menschen anzuklagen ! Man bessere oder belehre sie , sei es indem man sie überzeugt , sei es indem man mit Gewaltmitteln sie bekehrt . Aber verlangen , daß Andere ihre berechtigte Selbstsucht auch nur einen Augenblick hintansetzen , um eine fremde Größe aus objectivem Wohlwollen zu fördern , ist lächerlich . Das ganze Naturleben erwächst aus dem Kampf Aller gegen Alle und jedes Wesen in seiner Art dient mit zu dem Gesammtgebäude . Daß eine Geistespotenz wie Leonhart untergehen mußte , bedeutet freilich einen unersetzlichen Verlust für die Gesammtheit . Aber die Welt dafür verantwortlich zu machen wäre widersinnig . Warum schlüpfte dieser Heros , ursprünglich zur That und nicht zum Gedanken veranlagt , in eine so gebrechliche physische Hülle ? Warum versetzte ihn der Zufall in sonstige Umstände und Zeitverhältnisses die ihm jede Möglichkeit versperrten , seine Individualität frei zu entfalten ? Warum sah er nicht klar vor Augen , daß all sein Ringen nach Entwickelung seiner wahren Bestimmung ja doch von vornherein aussichtslos und die Schlacht schon vor Beginn verloren war , und verzichtete darum nicht in stiller selbstüberwindender Ruhe ? Warum haschte und jagte er nach Befriedigung seines Ehrgeizes , statt sich mannhaft zu resignieren ? Die Welt trug in keinem Falle die Schuld . Denn von ihr erwarten , daß sie in einem unscheinbaren Federfuchser den Helden und Herrscher erkenne oder mit ihrem halbblinden Maulwurfsblick das Genie begreife - das heißt alle innere Organisation des Weltgebäudes stören und verrücken . Und warum widmete er überhaupt seinen Geist dem Undankbarsten und Unzeitgemäßesten , dem Berufe , den in einer Zeit wilder realer Kämpfe kein Mensch begehrt und nöthig erachtet , dem Berufe des Dichters ? Hätte er sich auf die Wissenschaft geworfen , so konnte er hier vielleicht eine Waffe finden , um auf die Zeit zu wirken . Es war ein Schicksal , es mußte nun so sein . Aber das persönlich individuelle Unglück , zu spät oder zu früh geboren zu werden , berechtigt noch zu keinem Vorwurf gegen den Weltlauf . Ein Unglück und eine Schuld , für die man ihm nicht zürnen darf , - das war Leonhart ' s Lebensentwickelung . Aber eine Verschuldung bleibt es immer , wenn ein Genie nicht auf seine Mitwelt zu wirken vermag und utopisch an die Nachwelt appellirt . Eine Schwäche und ein Mangel liegt stets darin , wenn ein Mensch sich selbst die Lebensader unterbindet . So ging er denn logisch unter kraft der Verschuldung seiner Charakterschwäche . Warum gerieth er über jede Gemeinheit und Lüge in Harnisch ? warum faßte er , trotz seiner boshaften Menschenkenntniß nicht eben alles persönlich auf ? Mundus vult decipi . Mit Wasser wird Alles gekocht und heut stellen die Leute ihren Kochtopf voll schmutzigem Wasser mit cynischem Applomb ganz öffentlich auf den Tisch . Auch in der Weltgeschichte herrscht einzig die Lüge und die » immanente Gerechtigkeit der Dinge « , von welcher Gambetta schwärmte , wirkt nur in den unterirdischen Wellenbewegungen selbst mit , nicht auf der Oberfläche . Denn alle schlechten Leidenschaften müssen mit den guten zusammenwirken , um Großes und Heilsames zu vollbringen . Allein gelingt dies weder dem guten noch dem schlechten Prinzip . Die Eroberung Indiens durch die Engländer begleiteten nothwendig unerhörte Greuel . Aber die Thatsache selbst förderte den Fortschritt der Menschheit und ihre Ausführung gereicht jenen energischen Schurken zum Lobe . Warren Hastings , der Henker Indiens , durfte nicht verurtheilt werden , weil er sich einer so löblichen conservativen Gesinnung befliß . Scheert nur ja nicht den Kamm diesem reinen Opferlamm ! Und so saß er denn bald ruhig und wohlgemuth auf seinem Landschloß , das ihm der schuldige Tribut seiner Hindostaner Sclaven zum Dank für seine unvergeßlichen Wohlthaten erbaut . Wenigstens blieb er beständig : auch jetzt noch folterte er eigenhändig , wie früher mit dem Bambus , nunmehr mit der Feder die Seinen . Denn er dichtete als behäbiger Dilettant eine Ode nach der andern : » An die Empfindsamkeit « , » An das Mitleid « , vor allem » An die Tugend « . Seine Hymnen an diese Gottheit waren gefürchtet bei all seinen Gästen , denen er dergleichen salbungsvoll versetzte . Ein herrliches Symbol . Seine Gräuel als Tugend-Dichterling beenden , ziemt dem wahren Lebenskenner , der sich auf der Höhe der Situation erhält . Alle Männer der That und alle Weltmächte , sei es nun das alte Rom oder später das päpstliche Rom , lügen und heucheln aus Prinzip . Als Bonaparte den heiligen Wallfahrtsort Loretto in seinen Schutz nahm , nachdem er grade an den Papst ein demüthiges Schreiben gerichtet , reinigte er sofort das Marienbild von Perlen und Edelsteinen , unwürdig irdischem Tand . Wer beschreibt aber seinen erhabenen Unwillen , als diese schnöden und überflüssigen Zierrathe sich als Glas und böhmische Steine entpuppten ! So waren die Priester in ihrem eiteln weltlichen Sinne ihm lange zuvorgekommen . Sein Schmerz war tief und aufrichtig . O diese Pfaffen , diese Banditen ! - Nichts köstlicher , als wenn zwei Diebe einander selbst bestehlen , der Eine im Namen der Freiheit , der Andere im Namen der Gottheit . Und das Volk , das dumme Heiligenbild , läßt alles wehrlos über sich ergehn . Selbst die Symbole wechseln wie die Ideenbegriffe . Das schöne Wort » Freiheit « kann als » Liberalismus « den krassen Materialismus vertreten und das Königthum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen . Nur ein Begriff wechselt nie , nur ein Symbol bleibt ewig veränderlich : das Vaterland . Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier über dem Streitwagen der Lombarden als Symbol des Vaterlandes . Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der geschlachteten Freiheit , als auf Nelson ' s Admiralschiff die besten Männer Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen . Aber dieserselbe rohe Henker , Sclave zweier Trybaden , dies rumbegossene Beafsteak , verwandelte sich bei der ersten Breitseiten-Lage von Trafalgar in einen würdevollen Heros . » England erwartet , daß männiglich seine Schuldigkeit thue . « Und er fiel im Sieg : » Ich habe meine Schuldigkeit gethan . « Vaterlandsgefühl hebt Tröpfe über sich selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des Einzelmenschen . Die natürlichen Bedingungen , die aus der inneren Organisation erwachsen , sind im Menschenleben so unveränderlich wie im Naturreich . Die Weltgeschichte folgt bestimmten Drehungsgesetzen , die man bisher nicht zu ergründen den Scharfblick besaß . Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der Bodenbeschaffenheit , welche Spanien also für immer zur unculturellen Stagnation verdamme , so ist das eine oberflächliche Einseitigkeit , nämlich eine bloß geologische Betrachtung . Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird , ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Calderon und Cortez . Dann erklären sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt . Der starre Jehovacultus dieses auserwählten Volkes , worin schon arabische Mischung erkennbar wird , befähigte es zur Welteroberung . Weil aber die geologische Lage Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und Spanien konnte seine unnatürliche Weltmacht nicht behaupten . Man wähnt die französische Politik irgendwie durch äußere Einflüsse und Zeitverhältnisse umwandeln zu können . Und doch lehrt die Geschichte , daß die Grundlagen der französischen Politik stets die gleichen blieben . Wie Chlodwig die französische Monarchie auf den Stützpfeiler des katholischen Klerus gegründet , so später der » allerchristlichste « Louis Quatorze . Wie die Könige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt angestrebt , so kämpften Richelieu-Mazarin den Geist der Fronde nieder . Wie jene lüstern nach Lothringens und Flanderns Besitz geangelt , so » reunirre « man später wirklich diese Länder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer Völkerbeglückung . Der » Freiheitsbaum « , den diese Republikaner aufpflanzten , wurde ein Upasbaum der Tyrannei , die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein Haar den späteren Marschällen und Intendanten , Pichegru plünderte Holland , so daß dem Napoleonischen Satrapen Oudinot später kaum etwas übrig blieb . Gaston de Foix , Guébriant , Turenne , Mélac , Louvois lebten weiter unter der Revolution und dem Kaiserreich und wirtschafteten später in Spanien , wo sie sich austoben durften , im Stil des dreißigjährigen Krieges . Das Rheinbundsystem fand schon sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken , welche die erobernde Revolution gründete . Ja , der demokratische Cäsarismus Napoleons I. wie Napoleons III. griff ebenfalls auf Chlodwig zurück und verbündete sich mit Rom . Und die neufranzösische Republik sollte anders handeln ? Ihr blieb in ihrer Partei-Zerklüftung das alte Ziel : Centralisation , Anschluß an Rom und Lothringen vom Rhein bis zur Schelde . - - Sobald man aber die Abhängigkeit aller Volksgenossenschaften von unverrückbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie ( zwei noch unentdeckten Wissenschaften ) erkannt , widerlegen sich auch die Vorwürfe , mit welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen bestreiten . Im Leben der Völker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle , wie im Leben der Einzelnen , und begünstigt das Vorwärtsdrängen . Das chauvinistische Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz . Denn der Neid , dieser blasse scheue Schleicher , tritt manchmal auch als stattlicher mannhafter Widersacher in die Fehde ein . Der Neid ist eine Leidenschaft , die man nicht einmal sich selbst einzugestehen wagt . Der richtige Herostrat in seinem wüthenden Ingrimm gegen überlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor , daß seine Wahrheitsentstellungen die Wahrheit enthielten . Nun giebt es aber auch Gefühle , die man zwanglos auf den Begriff des Neides zurückführen kann und die dennoch den Charakter des Neides verlieren . So z.B. wenn ein » Heros « in Carlyles Sinne an leitender Stelle , die ihm gebührte werthlose oder doch untergeordnete Leute sieht . Oder wenn ein großer Künstler es mit ansehn , muß , wie Unwerth durch selbstsüchtige Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwerth aufgeblasen wird , während Werke mit einem Ewigkeitsgepräge von seichter Oberflächlichkeit lächerlich gemacht und mißdeutet werden . Der erfolglose Werth fühlt Zweifellos Neid gegen den erfolgreichen Unwerth , aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft ? Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefühl und zugleich dem unpersönlichen idealen Zorn über die Schädigung des allgemeinen idealen Interesses durch die falsche Werthung des Verdienstes ? So wird man , abstrakt betrachtet , den Chauvinismus aus einem Neid und Hochmuth ableiten können , den man trotzdem ehrenhaft nennen muß . Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen , wie der edle Sieur de Larochefoucauld , und selbstsüchtige Berechnung in jeder guten Handlung ausklügeln !