mir unmöglich schien , die Mutter allein zu lassen . Ich ging mit der anbrechenden Abenddämmerung in unser Haus zurück . Jetzt stand auch der schwärzliche Spenglermeister unter seiner Stubentüre ; ich grüßte ihn , und er und mich mit forschendem Blick ein , bei ihm anzukehren , was ich ausschlug , indem ich nur um ein Licht bat . Mit einem solchen versehen , stieg ich wieder unter das Dach hinauf , trat in das Kämmerchen und zündete das alte Messinglämpchen an , bei dessen Schein ich sie die Jahrzehnte hindurch in den langen Winterabenden hatte sitzen sehen . Das Lämpchen war vernachlässigt und nicht mehr blank , jedoch mit Öl gefüllt . Da lag sie nun in ihrem Frieden , und ich , der ich so gedankenlos gezögert , zu ihr zu kommen , fand jetzt nur noch einigen Trost an ihrer stillen Gegenwart , an deren Aufhören ich nicht denken durfte . Ich machte mir mit meiner unglücklichen Schachtel zu schaffen , öffnete dieselbe und zog den feinen Wollenstoff hervor , den ich zu einem Kleide bestimmt hatte . Im Begriff , das Stück auseinanderzufalten und es als leichte schützende Decke über das Bett und die Leiche zu legen , um es ihr nur irgendwie noch nahe zu bringen , fiel mir doch die Nutzlosigkeit einer so gezierten Handlung in so ernster Stunde auf die Seele ; ich wickelte das Zeug zusammen und verbarg es wieder in der Schachtel . Obschon ich von der mehrtägigen Fußreise ermüdet war , brachte ich nun die Nacht aufrecht auf dem Strohsesselchen am Fenster zu und schlief dennoch zeitweise , wobei allerdings das Erwachen jedesmal zwiefach schmerzlich war , wenn ich mich aufs neue der Gegenwart der stillen Mutter versicherte . Am andern Tag kam der Bote eines Begräbnisvereines , den der Vater noch hatte gründen helfen , und traf alle Anordnungen ; ich brauchte keinen Schritt zu tun . Auch die Kosten waren schon lange gedeckt durch die pünktlichen Beiträge der Mutter ; es wurde nachträglich sogar noch eine kleine Rückzahlung angeboten . So war sie auch in dieser Hinsicht ohne jegliche Beschwernis für andere aus der Welt gegangen . Als ich die betreffenden Papiere in ihrem Nachlasse suchte , mußte ich überhaupt Schrank und Schreibtisch öffnen und fand manche Heimlichkeiten , die ich noch nie gesehen . In einem mit Zinn verzierten hölzernen Kästchen lagen vergilbte Putzsachen ihrer Jugendzeit , wie künstliche Blumen , ein Paar weiße Atlasschuhe , Bänder zusammengepreßt und kaum oder nie gebraucht . Dabei einige alte vergoldete Almanache , wahrscheinlich längst verjährte Geschenke , und , was mich am meisten überraschte , ein Buch mit einer kleinen Sammlung abgeschriebener Gedichte oder Lieder , die ihr als Mädchen mochten gefallen haben . Zwischen den Blättern lag ein zusammengefaltetes loses Blatt , ebenfalls von ihrer damaligen erblichenen Handschrift , worauf zu lesen war : Verlornes Recht , verlornes Glück Recht im Glücke , goldnes Los , Land und Leute machst du groß ! Glück im Rechte , fröhlich Blut , Wer dich hat , der treibt es gut ! Recht im Unglück , herrlich Schaun , Wie das Meer im Wettergraun ! Göttlich grollt ' s am Klippenrand , Perlen wirft es auf den Sand ! Einen Seemann , grau von Jahren , Sah ich auf den Wassern fahren , War wie ein Medusenschild Der erstarrten Unruh Bild . Und er sang » Vieltausendmal Glitt ich in das Wellental , Fuhr ich auf zur Wogenhöh , Ruht ich auf der stillen See ! Und die Woge war mein Knecht , Denn mein Kleinod war das Recht ; Gestern noch mit ihm ich schlief - Ach , nun liegt ' s da unten tief ! In der dunklen Tiefe fern Schimmert ein gefallner Stern ; Und schon ist ' s wie tausend Jahr , Daß das Recht einst meines war . Wenn die See nun wieder tobt , Niemand mehr den Meister lobt Hab ich Glück , verdien ich ' s nicht , Glück wie Unglück mich zerbricht ! « Welch ein Gefallen war es gewesen , das ein so junges Mädchen einstmals dies seltsame Gedicht hatte abschreiben und aufbewahren lassen ? Ich fand noch andere schriftliche Überbleibsel , und zwar aus den letzten Jahren , wo nicht aus letzter Zeit . In einem Mäppchen , das einen geringen Vorrat von Briefpapier enthielt , lag ein Blatt , das offenbar zu einem Briefe als Fortsetzung gehörte , indem die Schrift ganz oben in der linken Ecke anfing . Das Fragment aber lautete : » Wenn es nun Gott wirklich geschehen läßt , daß mein Sohn unglücklich werden und ein irrendes Leben führen sollte , so tritt die Frage an mich heran , ob nicht mich , seine Mutter , die Verschuldung trifft , insofern ich es in meiner Unwissenheit an einer festen Erziehung habe mangeln lassen und das Kind einer zu schrankenlosen Freiheit und Willkür anheimgestellt habe . Hätte ich nicht suchen sollen , daß unter Mitwirkung Erfahrener einiger Zwang angewendet und der Sohn einem sichern Erwerbsberufe zugewendet wurde , statt ihn , der die Welt nicht kannte , unberechtigten Liebhabereien zu überlassen , die nur geldfressend und ziellos sind ? Wenn ich sehe , wie wohlgestellte Väter ihre Söhne zwingen , oft schon vor dem zwanzigsten Jahre ihr Brot zu verdienen , und wie das solchen Söhnen nur zu nützen scheint , so fällt der traurige , altbekannte Selbstvorwurf mir doppelt schwer , und ich hätte in meiner Arglosigkeit nie gedacht , daß eine solche Erfahrung mich jemals heimsuchen könnte . Freilich habe ich seinerzeit um Rat gefragt ; als man aber den Wünschen des Kindes nicht zustimmte , hörte ich auf zu fragen und ließ es gewähren . Damit habe ich mich über meinen Stand erhoben und , indem ich mir einbildete , ein Genie in die Welt gesetzt zu haben , die Bescheidenheit verletzt und das Kind geschädigt , daß es sich vielleicht niemals erholen wird . Wo soll ich nun die Hilfe suchen ? « Hier brach die Schrift ab ; denn vom nächsten Worte stand nur noch der Anfangsbuchstabe . An wen der Brief gerichtet war , ob er mit oder ohne obiges Bruchstück oder gar nicht abgegangen , wußte ich nicht , und eine Antwort fand sich unter den aufbewahrten Briefschaften nicht vor . Wahrscheinlich hatte sie die Sache doch unterdrückt . Dagegen verschmolz sich nun die in dem Gedichte von dem verlornen Glücke aufgeworfene wunderliche Rechtsfrage mit derjenigen des Brieffragmentes und fiel mir zu Lasten als dem einzigen haftbaren Inhaber der Schuld . So war nun der Spiegel , welcher das Volksleben widerspiegeln sollte , zerschlagen und der Einzelmann , der an der Volksmehrheit so hoffnungsreich mitwachsen wollte , rechtlos geworden . Denn da ich die unmittelbare Lebensquelle , die mich mit dem Volke verband , vernichtet hatte , so besaß ich kein Recht , unter diesem Volke mitwirken zu wollen , nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen , kehre erst vor seiner Türe . Nachdem das Grab der Ärmsten sich geschlossen , bewohnte ich einige Zeit das Stübchen , worin sie gestorben . Dann verkaufte ich mit dem Rate des Nachbars das Haus und gewann in der Tat mehrere Tausende an dem Handel , so daß ich nun mit dem , was ich hergebracht , und dem Gewinn zusammen ein kleines Vermögen besaß , aus welchem ich bescheiden und zurückgezogen leben konnte . Das zufällige Wesen aber , das dem winzigen Reichtum anhaftete , ließ mich seiner nicht froh werden , noch weniger ein müßiges Leben darauf bauen ; und da überdies der Mensch nicht nur von dem leiblichen , sondern auch von einem moralischen Selbsterhaltungstriebe beseelt ist , so nahm ich doch einige Studien vor , wie der Graf sie mir angeraten , nicht um mich hervorzutun , sondern lediglich , soviel nötig war , mich für die Verwaltung eines anspruchslosen und stillen Amtes vorzubereiten und die Ordnung , in welche es eingebaut war , einigermaßen zu übersehen . Im übrigen las ich teils schwerere , teils schönere Sachen allgemeiner Natur , um meinen befangenen und bedrängten Gedanken einige Freiheit und Zerstreuung zu verschaffen . Denn während das Reuleid wegen der Mutter allmählich zu einem düstern , aber gleichmäßig ruhigen Hintergrunde von Freudlosigkeit wurde , begann sich das Bild der Dorothea wieder lebendiger zu regen , ohne Licht in das Dunkel zu bringen . Ich trug den Spruch von der Hoffnung , auf das grüne Papier gedruckt , noch immer in meinem Brief-und Schreibtäschchen auf der Brust und las ihn zuweilen mit ungläubigem Seufzen und Kopfschütteln . Den Glücksfall vorausgesetzt , den die schlichten Worte zu verkünden schienen , war ich doch in der Lage , ihn fürchten zu müssen , und fast in der Stimmung eines Prahlers , der in der Ferne eine glänzende Schöne an sich gezogen hat , welcher er die schlechte Hütte nicht zeigen darf , darin er wohnt . Sogar zum bloßen freundlichen Verkehr in die Weite schien ich mir jetzt nicht fähig , da ich die Wahrheit meines Zustandes zu gestehen mich scheute und doch auch nicht lügen mochte . Die Zeit zu scherzhaften Flunkereien und Phantasiespielen , auch im harmlosen Sinne des Wortes , war für einmal vorbei . Es vergingen wohl zehn Monate , bis ich über mich vermochte , an den Grafen zu schreiben , ohne unwahr zu sein oder allzu elend zu erscheinen . Er vergalt mir die Saumseligkeit nicht mit gleicher Münze ; vielmehr erhielt ich bald einen längern Brief von ihm , in welchem er meine Lage , soweit er sie begriff , mit guten Worten besprach und als den Lauf der Welt darstellte , wie er durch Paläste und Hütten gehe , Gerechte und Ungerechte heimsuche und seiner Natur gemäß unablässig sich verändere . » Was unser Dortchen betrifft « , fuhr er fort , » so erfährt sie , und wir andere mit ihr , in gehäuftem Maße auch ihr Teil . Seit Du weg bist , hat sich das Abenteuer begeben , daß sie - meine blutsverwandte Nichte und nichts anderes geworden ist ! Ich kann Dir den Hergang nicht des weitern auseinandersetzen , nur mit ein paar Strichen andeuten Von der bald nach dem Tode meines in den südamerikanischen Händeln umgekommenen Bruders ebenfalls verstorbenen Witwe ist durch Letzten Willen verordnet worden , es solle das Kind durch zuverlässige Leute seinen deutschen Verwandten zugesandt werden . Diese Leute sind aber untreu gewesen . Um gewisse Vermögensteile , die man unvorsichtigerweise ihnen zugleich mitgegeben hat ( übrigens unbedeutende Summen ) , behalten zu können , haben sie mir das Kind auf dem Wege der Aussetzung in die Hände gespielt . Sie haben sich richtig bei jenen Auswanderern nach Südrußland befunden oder sich ihnen vielmehr auf dem Wege in der Donaugegend angeschlossen und die Sache sehr schlau angestellt . Da aus Amerika nie mehr eine Nachfrage anlangte , sowenig als früher ein Bericht von der Absendung des Kindes und dem Tode der Mutter , so hat alles so geschehen können . Erst neuerlich , weil das alt gewordene Sünderpaar vom Gewissen , wahrscheinlich auch von dem Gelüste nach einer Gnadenbelohnung geplagt wurde , haben sich die Leutchen mit allen in solchen Wiederfindungsgeschichten üblichen wohlaufgehobenen Beweisen gemeldet , und wir haben also eine Gräfin mehr im deutschen Vaterlande ! Wie lange es dauert , bis sie zum Gegenstande eines oder mehrerer Romane gemacht wird , steht dahin ; ich habe sie auch auf einige Volksschauspiele und Melodramen vorbereitet . Allein sie hört nicht darauf , da sie bereits die Ausarbeitung des zweiten Teiles des Romanes begonnen hat . Vor vier Wochen hat sich Gräfin Dorothea W ... berg ( eigentlich heißt sie von Haus aus Isabel ) mit einem jungen Freiherrn Theodor von W ... berg verlobt . Das ist nämlich ein hübscher und wackerer Gesell aus einer Linie der so benamsten Leute , welche die unsrige seit Jahrhunderten nichts mehr angeht . Man wird ihm den Grafentitel verschaffen , und ich werde gestatten , daß das Majorat auf ihn übergeht . Denn ich habe ebensowenig Grund , das Fortbestehen des Namens zu hindern , als dasselbe zu wünschen . Wie die Dinge stehen , ist es mir absolut gleichgültig , wenn ich etwa von dem Vergnügen absehe , das ich dem Kinde mache , indem ich seinem Bräutigam gefällig bin . Nun kommt aber noch eine Betrachtung , die uns beide angeht , lieber Freund Heinrich ! Ich habe gut gesehen , daß Du Dich in Dortchen verliebt hast ! Ich habe getan , als sähe ich es nicht , weil ich mich in dergleichen nicht mische , wo die Leute sich selbst helfen können und wissen , was sie zu tun haben . Besonders die langhaarige Nation ist so unberechenbar , daß es nicht lohnend ist , sich ohne Not mit gutem Rate bloßzustellen . Auch Du bist dem Kinde nicht gleichgültig gewesen und auch jetzt noch gut angeschrieben , und es stellt sich die Sache ungefähr so : Hättest Du , was Du als ein maßhaltender Mensch nicht getan hast , während Deines Hierseins die Zeit und Deinen Vorteil wahrgenommen oder hättest Du bald nach der Ankunft in Deinem Vaterlande von Dir hören lassen , so wäre , glaub ich , Dorothea bis zur Stunde die Deinige geblieben . Nachdem Du aber eine so rätselhafte Zeit hast verstreichen lassen , ist sie über diese Kluft weggesprungen , als der entschlossene Freier erschien , der sie zugleich in so glücklicher Weise wieder in die weltliche Ordnung einreibt . Aber auch von diesem Begreiflichen abgesehen , müssen wir die Unbeständigkeit des Kindes , soweit eine solche vorhanden ist , nicht hart beurteilen . Die guten Weiblein sind so auf sich selbst angewiesen und müssen im Grunde die Suppe , die sie sich einbrocken , oft so ganz allein ausessen mit allerlei Leiden und Schmerzen , daß sich hieraus die Plötzlichkeit wohl erklären läßt , mit der ihre Instinkte zuweilen umschlagen . Ihre Blütenzeit geht so rasch vorbei , daß sie , solang kein entscheidendes Wort gefallen ist , auf ein Warten , das sich einstellen zu wollen scheint , nicht gut zu sprechen sind und sich jeden Entschluß im stillen vorbehalten . Wenn sie Hoffnung gegeben haben und nicht rechtzeitig dabei behaftet werden , so gehen sie zur Tagesordnung über ; denn sie wollen ihre Kinder als junge Weiber und nicht als halbe Matronen haben und erziehen . Gerade die Schönsten und Gesundesten eilen ihrem Berufe energisch entgegen und verschmähen dann häufig die Heirat , wenn sie den besten Augenblick verfehlt haben . Meine eigene Ehe galt für eine Art Unicum , und die Leute sagten , es müsse so sein , weil zwei Unica sich geheiratet haben . Soweit das sich auf meine Person bezog , war es natürlich der Spott über meine Abtrünnigkeit von den Vorurteilen ; auf die Frau aber war das Wort in seinem besten Sinne gut angewendet ; und dennoch hatte es an einem Haar gehangen , daß sie nicht ein anderer heimgeführt . Das ist eben auch ein Stück Weltlauf ! « Es bedurfte dieser traulichen Vertröstung des ältern Freundes nicht , die Geister der Leidenschaft in mir zu bannen . Die bloße Tatsache , daß Dorothea verlobt war und Isabel Gräfin zu W ... berg hieß , vergegenwärtigte mir den Zustand , in welchen ich sie gebracht hätte , selbst wenn sie das Findelkind geblieben , ich weniger zurückhaltend gewesen und eine Verbindung zwischen uns erfolgt wäre . Es kam mir vor , wie wenn man einen großen Sommervogel in einen kleinen Grillenkäficht hätte setzen wollen . Die geheime Sorge , einer solchen Beschämung durch die schönste Glückserfüllung ausgesetzt zu werden , fiel mir wie ein Stein vom Herzen , und in diesem blieb nur die stille Sehnsucht nach der Verlorenen einträchtig neben der Trauer um die Mutter wohnen . Freilich kam mir dieser Weltlauf etwas teuer zu stehen ; denn der Umweg über das Grafenschloß hatte mich nicht nur die Mutter , sondern auch den Glauben an ihr Wiedersehen und an den lieben Gott selbst gekostet , alles Dinge indessen , deren Wert nicht aus der Welt fällt und immer wieder zum Vorschein kommt . Sechzehntes Kapitel Der Tisch Gottes Etwa ein Jahr später besorgte ich die Kanzlei eines kleinen Oberamtes , welches an dasjenige grenzte , worin das alte Heimat Dorf lag . Hier konnte ich bei bescheidener und doch mannigfacher Wirksamkeit in der Stille leben und befand mich in einer Mittelschicht zwischen dem Gemeindewesen und der Staatsverwaltung , so daß ich den Einblick nach unten und oben gewann und lernte , wohin die Dinge gingen und woher sie kamen . Allein sie vermochten die Schatten nicht aufzuhellen , die meine ausgeplünderte Seele erfüllten , und weil alles , was ich wahrnahm , durch die Düsternis gefärbt wurde , so erschienen mir auch die Menschlichkeiten , denen ich auf dem neuen Gebiete begegnete , dunkler , als sie an sich waren . Wenn ich sah , daß auch hier die Neigung zum Nachlassen und zur Pflichtvergessenheit zum Vorschein kam oder jeder die Wässerlein auf seine Mühle zu leiten suchte , daß Neid und Eifersucht auch in den kleinsten Amtsverhältnissen störend sich einnisteten , so war ich geneigt , das Übel dem Charakter des ganzen Volkes und Gemeinwesens zuzuschreiben , das in der Erinnerung und aus der Entfernung mich so täuschend angelockt habe . Wenn ich aber meines belasteten Bewußtseins gedachte , so schwieg ich , anstatt bei guter Gelegenheit meine Meinung offen herauszusagen . Ich begnügte mich , meine Obliegenheiten so regelmäßig und geräuschlos als möglich zu erfüllen , um die Zeit zu verbringen , ohne Unruhe , aber auch ohne Hoffnung eines frischern Lebens . Das hielten nun die Leute für das Muster einer ordentlichen Amtsführung , und da sie besser und wohlwollender waren , als ich dachte , so machten sie mich nach ein paar weiteren Jahren , ohne mein Zutun und gegen meinen Wunsch , zum Vorsteher des Amtskreises . In dieser Stellung konnte ich nicht umhin , mehr unter die Leute zu gehen und an Zusammenkünften verschiedener Art teilzunehmen , immer als der ziemlich melancholische und einsilbige Amtsmann , der ich war . Jetzt lernte ich , da ich die politische Bewegung im großen und mehr in der Nähe sah , ein Übel kennen , das mir wirklich neu , obgleich es zum Glücke nicht gerade herrschend war . Ich sah , wie es in meiner geliebten Republik Menschen gab , die dieses Wort zu einer hohlen Phrase machten und damit umherzogen , wie die Dirnen , die zum Jahrmarkt gehen , etwa ein leeres Körbchen am Arme tragen . Andere betrachteten die Begriffe Republik , Freiheit und Vaterland als drei Ziegen , die sie unablässig melkten , um aus der Milch allerhand kleine Ziegenkäslein zu machen , während sie scheinheilig die Worte gebrauchten , genau wie die Pharisäer und Tartüffe . Andere wiederum , als Knechte ihrer eigenen Leidenschaften , witterten überall nichts als Knechtschaft und Verrat , gleich einem armen Hunde , dem man die Nase mit Quarkkäse verstrichen hat und der deshalb die ganze Welt für einen solchen hält . Auch dies Knechtschaftswittern hatte einen gewissen kleinen Verkehrswert , doch stand das patriotische Eigenlob immerhin noch höher . Alles zusammen war ein schädlicher Schimmel , der ein Gemeinwesen zerstören kann , wenn er zu dicht wuchert ; doch befand sich die Hauptschar in gesundem Zustande , und sobald sie sich ernstlich rührte , stäubte der Schimmel von selbst hinweg . Ich dagegen sah in meiner kranken Stimmung den Schaden des Unechten zehnmal größer , als er war , und schwieg dennoch , anstatt den falschen Schwätzern auf die Füße zu treten ; damit verschwieg ich auch manches , was ich mit wirklichem Nutzen hätte sagen können . Ich fühlte , daß das kein Leben hieß und so nicht fortgehen könne , und begann darüber zu brüten , wie aus dieser neuen Gefangenschaft des Geistes herauszukommen sei . Zuweilen regte sich , und immer vernehmlicher , der Wunsch , gar nicht mehr dazusein . Eines Tages hatte ich mehrere Stunden auf den Straßen meines Verwaltungsbezirkes zugebracht , um in Begleitung des Baumeisters den Zustand derselben zu untersuchen . Nach verrichtetem Geschäfte trennte ich mich von dem Manne , da ich das Verlangen spürte , noch einen Gang in Einsamkeit zu machen . So gelangte ich in ein enges abgeschiedenes Tal zwischen zwei grünen Berglehnen , wo es so still war , daß man die Luft in entfernten Baumwipfeln konnte säuseln hören . Auf einmal erkannte ich das Tal als zu der Heimatgegend gehörig , obgleich es so schlicht von Gestaltung war , daß es nirgends eine eigentümliche Form darbot , und kein menschliches Gebäude zeigte sich dem Auge . Ungefähr in der Mitte des Weges , der das Tälchen durchschnitt , warf ich mich an eine kleine begrünte Erdwelle und überließ mich der schmerzlichen Erinnerung an alles , was ich schon gehofft und verloren , geirrt und verfehlt hatte . Auch zog ich Dorotheens grünen Zettel einmal wieder hervor , der noch immer zwischen einer Falte meiner Schreibtafel steckte . » Hoffnung zeigt sich immerdar treugesinnten Herzen gütig ! « las ich und wunderte mich , daß ich das falsche Wechselchen noch bei mir trug . Da eben ein schwacher Luftzug dicht über der sommerwarmen Erde hinwallte , ließ ich es fahren , und es flatterte gemächlich über Gras und Heideblumen weg , ohne daß ich ihm weiter nachblickte . Am besten wäre es , dachte ich , du lägest unter dieser sanften Erdbrust und wüßtest von nichts ! Still und lieblich wäre es hier zu ruhen ! Nach diesem mir nicht mehr neuen Seufzer ließ ich die Augen von ungefähr an der gegenüberliegenden Berghalde schweifen , an deren halber Höhe ein Felsband von grauer Nagelfluhe zutage trat . Ebenso von ungefähr sah ich eine leichte Gestalt von der gleichen grauen Farbe längs dem Felsbande hingleiten oder schweben , und da die Halde von der Abendsonne beleuchtet war , so sah man gleichzeitig auch den Schatten der Gestalt an der Wand mitgleiten . Ich wußte , daß ein schmaler Pfad dort das Felsgesimse entlanglief , und verfolgte mit den Augen die Erscheinung , die sich mit einem sichtlichen Rhythmus bewegte , der mich an ein irgendwo schon Gesehenes erinnerte . Als die Gestalt , die unverkennbar eine weibliche war , das Ende der Felswand erreicht hatte , wandte sie sich und kehrte denselben Weg wieder zurück ; es sah aus , als ob der Geist des Berges aus dem Gestein herausgetreten wäre , um im Abendscheine auf und ab zu wandeln . Froh , meine schweren Gedanken ein wenig zu verscheuchen , erhob ich mich , ging über den Weg und drang durch das Gehölz empor , das den Fuß der jenseitigen Berglehne bekleidete bis unterhalb der Nagelfluhe , an welcher der Pfad hinführte . In wenigen Minuten hatte ich diesen erreicht . Man blickte dort aus dem Tale hinaus und sah in der Ferne einerseits die Ortschaft im Abendlichte schimmern , wo mein Amtssitz lag . Dieser Aussicht zugewendet sah ich die Gestalt an jenem Ende des Felsbandes stehen und hinüberschauen . Dann kehrte sie sich abermals und kam den Weg zurück , gerade mir entgegen . Kaum war sie mir etwas näher , so erkannte ich die Judith , von der ich seit zehn Jahren nicht ein Wort vernommen , trotz der fremdartigen Tracht , in die sie gekleidet war . Statt der halb ländlichen Tracht , in der ich sie zuletzt gesehen , trug sie jetzt ein Damenkleid von leichtem grauem Stoffe und einen grauen Schleier um Hut und Hals gewickelt , alles aber so ungezwungen , ja bequem , daß man sah , ihre ungebrochenen Bewegungen hatten sich in einem reichlichern und breitern Faltenwurfe von selbst Raum verschafft , ohne daß sie im mindesten schlotterig oder auch eckig ausgesehen hätte . In jenem Augenblicke stellte ich natürlich derartige Beobachtungen nicht an ; sie erklären nur den Eindruck , welchen die unverhoffte Erscheinung auf mich hervorbrachte . An dem Gesichte hatten die zehn Jahre keine andere Veränderung bewirkt , als daß es selbstbewußter geworden und durch einen sibyllenhaften Anhauch eher veredelt als entstellt war . Erfahrung und Menschenkenntnis lagerten um Stirn und Lippen , und doch leuchtete aus den Augen noch immer die Treuherzigkeit eines Naturkindes . So sah ich sie , die Augen erstaunt auf sie gerichtet , mir nahe kommen und die Schritte verlangsamen , als sie meiner ansichtig wurde . Mein Anblick mußte sich mehr verändert haben als der ihre ; denn sie schien unschlüssig , ging jetzt etwas rascher und hielt doch wieder an sich , im Begriff , an mir vorüberzugehen . Dadurch wäre ich beinah auch unsicher geworden , und erst als ich ganz dicht vor ihr stand auf dem schmalen Pfade , konnte ich nicht mehr irren und rief : » Judith ! « Aber gleichzeitig überflog eine unverstellte und doch unbeschreiblich milde Freude ihr schönes Gesicht ; meine Hand lag in ihrer warmen festen Hand , und nach alter Volkesweise öffnete sie dieselbe nicht so bald . » Sind Sie es ? « sagte sie , ohne meinen Namen zu nennen , und ich wagte auch nicht , den ihrigen zu wiederholen , da ich noch weniger wußte , wie ich sie eigentlich nennen sollte ; denn es war durchaus nicht wahrscheinlich , daß eine solche Person allein geblieben sei . Ich fragte daher unbeholfen nur , wo sie herkomme ? » Aus Amerika ! « erwiderte sie ; » seit vierzehn Tagen bin ich hier ! « » Wo hier ? In unserm Dorf ? « » Wo anders denn ? Ich wohne im Wirtshaus , da ich sonst niemanden mehr habe ! « » Sind Sie allein da ? « » Gewiß ; wer soll bei mir sein ? « Ohne daß ich irgendwie weiterdachte , machte mich diese Antwort glücklich ; Jugendglück , Heimat , Zufriedenheit , alles schien mir seltsamerweise mit Judith zurückgekehrt oder vielmehr wie aus dem Berge herausgewachsen zu sein . Indessen waren wir ohne Plan auf dem Pfade weitergegangen , bald dicht aneinandergedrängt , bald eins hinter dem andern , wie es der Raum erlaubte . » Wissen Sie , wo ich Sie das letzte Mal gesehen habe ? « sagte sie jetzt , indem sie sich nach mir zurückwandte ; » als ich auf einem Wagen aus dem Lande fuhr und sie als Soldat auf dem Felde standen in einer kleinen Reihe von Leuten . Da drehtet ihr euch alle , wie an einer Schnur gezogen , plötzlich um , und ich dachte Den bekommst du nie mehr zu sehen ! « Ein Weilchen gingen wir schweigend ; dann fragte ich , wo sie denn hingehen wolle und ob ich sie eine Strecke begleiten dürfe ? » Ich habe nur einen Spaziergang gemacht « , sagte sie , » und denke , ich muß jetzt wieder nach Haus . Würde es Ihnen zu weit sein , mit mir bis ins Dorf zu gehen ? « » Ich komme gern mit Ihnen und will in Ihrem Wirtshause zu Nacht essen « , antwortete ich ; » nachher lasse ich mich in des Wirts kleinem Fuhrwerk heimführen ; denn von dort sind es drei gute Wegstunden . « » Oh , das ist schön von Ihnen ! Ich haue doch heut früh schon eine Ahnung , daß mir etwas Gutes geschehen würde , und nun ist der Heinrich Lee bei mir , der Herr Vetter und Oberamtmann ! « Wir fanden bald einen breitern Weg und wanderten in traulichem Geplauder nach dem Dorfe ; aber noch eh wir dasselbe erreichten , hatten wir uns unbewußt zu duzen angefangen , was wir als Blutsverwandte auch füglich tun durften . Das erste Haus , an dem wir vorübergingen , war das meines verstorbenen Oheimes ; aber es waren fremde Leute darin , seine Kinderwaren zerstoben . Kleine fremde Kinder liefen uns nach und riefen : » Die Amerikanerin ! « Einige boten ihr ehrfürchtig die Hand , und sie schenkte ihnen kleine Münzen . Als wir bei ihrem Hause vorbeikamen , standen wir einen Augenblick still . Der jetzige Besitzer hatte es umgebaut , aber der schöne Baumgarten , wo sie einst Äpfel pflückte , stand unverändert . Sie warf nur einen halben Blick auf mich , schlug ihn dann nieder und errötete sanft , indem sie eilig weiterschritt . Da sah ich , daß dieses Weib , das die Meere durchschifft , sich in einer neuen werdenden Welt herumgetrieben und zehn Jahre älter geworden , zarter und besser war als in der Jugend und in der stillen Heimat . Das nennt man Rasse , würden rohe Sportsleute sagen ! dachte ich bei dem lieblichen Anblick . Im Wirtshause angekommen , wunderte ich mich , mit welcher Umsicht und geräuschlosen Sorgfalt , mit wenig Worten , sie eine gute Bewirtung anzuordnen wußte und so aufmerksam für mich sorgte wie ein Hausmütterchen . Das ließ mich vermuten , daß sie in Amerika ihre Zeit in Städten und guten Häusern zugebracht habe ; allein die Erzählungen und Schilderungen ihres Schicksals , die sie während des Nachtessens mit anmutiger Laune mir sowohl als den mit zuhorchenden Wirtsleuten zum besten gab , deuteten im Gegenteil darauf hin , daß sie im Kampfe mit der Not der Menschen , und indem sie ihre Auswanderungsgenossen geradezu erziehen und zusammenhalten mußte , sich selbst notgedrungen veredelt und höhergehoben hatte . Als sie nämlich mit ihren Landsleuten an Ort und Stelle der Ansiedlung gelangt und andere dazugestoßen waren , zeigte sich fast die ganze Gesellschaft als nicht ausdauernd und ungeschickt bei Widerwärtigkeiten , so wie sich auch die übrigen Eigenschaften , welche die Auswanderung veranlaßt , nicht sogleich verloren . Judith , als die meisten Mittel besitzend , hatte den größten Teil des Bodens angekauft ; sie ließ jedoch ihr Land von den andern benutzen und begnügte sich , eine Art