Von einem Wege konnte man kaum sprechen , denn derselbe war zu jeder Jahreszeit , ja bei jedem Witterungswechsel ein anderer ; man fuhr , ritt oder ging , wie es eben am zweckmäßigsten schien . Schon mehr als einmal hatte hier ein Unglück stattgefunden ; noch zu meiner Zeit war ein Knecht , der mit einem leeren Wagen in der Nacht die Strecke passiren wollte , mit sammt seinen Thieren , in einem der breiten , tiefen Torfgräben ertrunken . Während ich über die Haide dahinstürmte , kamen mir die Umstände bei diesem Unglücksfall wieder in ' s Gedächtniß bis in die kleinsten Einzelheiten . Ich erinnerte mich , wie der Mann geheißen , und daß er eine Braut gehabt hatte aus Trantowitz , eine hübsche , blonde Dirne , die sich über den Tod des Geliebten gar nicht hatte zufrieden geben können , und die man noch wochenlang nachher auf dem Hünengrabe hatte sitzen sehen , die starren Augen unverwandt auf die Stelle gerichtet , wo er ertrunken . Es war mir , als ob das hübsche , arme Mädchen eine flüchtige Aehnlichkeit mit ihr gehabt hätte . Eine ganz wahnsinnige Angst erfaßte mich und plötzlich stand ich still , mit wildklopfendem Herzen in die Nacht hineinhorchend . Ich meinte , ich hätte dumpfes Geschrei aus nicht allzugroßer Entfernung vernommen . Aber aus welcher Richtung ? War es vor mir gewesen ? rechts , oder links ? oder hatte ich mich getäuscht ? hatten mich meine aufgeregten Sinne betrogen , und die klagenden Stimmen des Windes in hülferufende Menschenstimmen verwandelt ? Da noch einmal ! jetzt hatte ich mich nicht getäuscht , und jetzt hörte ich auch , von woher die Rufe kamen : gerade aus der Richtung vor mir ! nein von links her ; nein von rechts ! das war sicher von rechts gewesen ! Und jetzt wieder näher , aber wiederum aus einer andern Richtung , als ob auf der öden Haide die Geister der hier und dort , und dort und hier Verunglückten alle auf einmal aus ihren nassen Gräbern heraufgestiegen wären und einander riefen . Und keine Möglichkeit , auch nur einen Schritt vor sich zu sehen , selbst die Blitze hatten seit ein paar Minuten aufgehört ; es war , als ob man die Finsterniß greifen könnte . Ich warf einen verzweifelten Blick hinter mich , und sah zu meiner unsäglichen Freude die Lichter aus den Laternen , wenn auch aus einiger Entfernung , auf die Stelle zukommen . Ich rief mit der ganzen Kraft meiner Lunge , sie sollten sich beeilen ; dann stürzte ich auf gut Glück weiter , und prallte entsetzt zurück , als ich plötzlich im grellen Licht eines mehrere Secunden anhaltenden Blitzes dicht vor mir die riesige , gespensterhaft weiße Gestalt eines sich hoch aufbäumenden Pferdes erblickte . Ich war auf einen der Wagen gestoßen , dessen Pferde der Kutscher , der muthig ausgehalten hatte , vergeblich abzusträngen versuchte . » Wo sind die andern Wagen ? « rief ich , indem ich , ohne recht zu wissen , was ich that , dem Manne in seinen Bemühungen half . » Das mag Gott wissen , « sagte der Mann . » Ich habe genug mit denen hier zu thun gehabt . « » Es kommen Laternen ! « » Ist auch hohe Zeit ! Willst stehen , verdammter Schimmel ! « Da war Hans schon mit einigen der Laternen-Männer . Die Pferde standen , wenn auch vor Angst zitternd , und schnoben mit weit aufgerissenen Nüstern in die Lichter . Auf dem Hintersitze des Wagens lag eine Gestalt ausgestreckt ; der Schein einer Laterne fiel in ein bleiches , verwüstetes Gesicht . Es war Arthur . » Was heißt das ? « fragte ich . Hans fragte nicht ; er wußte , was das heißt , wenn Leute , die kein Maaß zu halten gelernt haben , auf dem Heimwege von einer Landpartie mit Ananas-Bowle in dem Wagen liegen und kein Rasen der entfesselten Elemente sie aus ihrem schnöden Schlaf zu wecken vermag . » Den lassen Sie nur , « sagte der Kutscher , » der liegt fest . « » Einer von Euch muß hier bleiben , « rief ich zu den Laternenträgern gewandt ; » Ihr Andern vorwärts ! « Wir gingen weiter , während die Leute - es waren ihrer noch fünf oder sechs - die Laternen hoch hielten , und wir zu gleicher Zeit so laut wir konnten riefen : man möchte versuchen , heranzukommen . Man antwortete von hierher und dorther ; es wurde jetzt klar , daß die ganze Gesellschaft weit auseinandergesprengt war . Nur die Wagen hatten noch einigermaßen zusammengehalten , eine Minute später trafen wir auf den zweiten , der umgestürzt war und von den rasenden Pferden in Trümmer geschlagen wurde , bis es uns nicht ohne Mühe gelang , die Thiere abzuschirren . Dann kamen wir auf den dritten , der etwas abseits bis über die Achsen in dem sumpfigen Grunde stecken geblieben war , nachdem es dem Kutscher gelungen , die Stränge zu zerschneiden . Und nun gestaltete sich die sonderbarste , unheimlichste Scene . Die Blitze zuckten so unaufhörlich , daß wir von dem grauenhaften Licht vollständig eingehüllt schienen . Dazu das Rufen und Schreien der geängsteten Menschen , die jetzt von allen Seiten herbeikamen , das Fluchen der Kutscher und Knechte , das Schnauben und Schnaufen der geängsteten Pferde ; dazwischen das Grollen und Rollen der Donner , das Sausen und Pfeifen der Windstöße , die mit zum Theil furchtbarer Gewalt über die Haide rasten , und den Regen nicht herabkommen ließen , der uns in einzelnen schweren Tropfen in das Gesicht schlug ; die ganze Gesellschaft , so weit sie jetzt versammelt war , einer Schaar gleichend , die zur Hinrichtung geführt werden soll : die Männer mit verstörten Mienen , die Frauen todtenbleich , und alle die Spuren des Umherirrens in der Haide und auf dem Sumpfboden nur zu deutlich an sich tragend . Aber , wenn es schwer gewesen war , sie zusammenzubringen , so sah ich bald , daß es unmöglich war , sie zusammen zu halten ! Alle drängten sie vorwärts , weiter ! Wozu man auch nur noch eine Secunde verlieren wolle : man sei ja beisammen ! Der Regen werde im nächsten Augenblicke herabströmen , die Laternen vielleicht verlöschen , und was solle dann werden ? » Vorwärts , vorwärts ! meine Herrschaften ! « kreischte der Steuerrath ; Herr von Granow rief auch : » Vorwärts , vorwärts ! - « und die Gesellschaft setzte sich in Bewegung . Es war mir bei der unbeschreiblichen Verwirrung , die herrschte , bei dem Rufen , Schreien , Durcheinanderrennen so vieler Menschen unmöglich gewesen , zu constatiren , ob denn wirklich alle , wie behauptet wurde , beisammen seien ; das aber wußte ich ganz gewiß , daß ich sie , die ich einzig und Allein gesucht , noch nicht gesehen hatte , ebensowenig wie Fräulein Duff . Ich weiß nicht warum - oder hatte ich es von Einem der Gesellschaft behaupten hören ? - aber ich hatte angenommen , daß die beiden Damen in dem vierten Wagen , der noch weiter zurück war , und unversehrt sein sollte , sich befinden mußten ; aber in dem Augenblick , als die Gesellschaft mit den Laternen aufbrach , kam jener vierte Wagen auch heran . Ich stürzte darauf los : in dem Wagen - der großen Chaise des Commerzienraths - war außer einer Menge Mäntel und Shawls , die man in der Eile zurückgelassen hatte , nur Fräulein Duff , die in einer Ecke lehnte , und mich , vor Angst mehr todt als lebendig , mit halb gebrochenen Augen anstierte . Vergeblich , daß ich aus ihr herauszubringen suchte , wo denn Hermine geblieben sei ? Sie murmelte nur , wie im Fieber : » suche treu , so findest Du ! « und brach dann in krampfhaftes Weinen aus . Nun berichtete Anton , der unterdessen an den Strängen geknüpft hatte , das Fräulein sei vor noch nicht zehn Minuten aus dem Wagen gesprungen , erst , als die Laternen schon ganz nahe waren . Er wisse nicht warum , denn das Fräulein habe sich gar nicht so gefürchtet , wie die Andern und noch kurz vorher zu Fräulein Duff gesagt , sie werde sie gewiß nicht verlassen . Links hin sei sie gegangen , wenn er recht gesehen , aber er wisse es nicht gewiß , er habe mit den Pferden zu viel zu thun gehabt , die bis jetzt ganz gut gewesen seien , aber nun wollten sie ja wohl auch nicht mehr stehen . Damit war er wieder auf den Bock gestiegen und begann den Andern nachzufahren ; ich rief ihm zu , daß er auf jeden Fall bleiben müsse . Hörte er mich nicht , oder wollte er mich nicht hören , konnte er die Pferde nicht länger bändigen , - auf jeden Fall war ich in der nächsten Minute allein , während der Trupp mit den Laternen sich unter Hans ' Führung über die Haide nach dem Walde bewegte . Einundzwanzigstes Capitel . Ich war im Begriff , den Enteilenden nachzustürzen , um auf jeden Fall ein paar der Laternenträger und einen der Wagen zurückzuhalten , als mir ein grell aufleuchtender , lange anhaltender Blitz das Hünengrab zeigte , welches links von der Stelle , wo ich stand , ungefähr hundert Schritt entfernt lag , und das ich bis dahin nicht bemerkt hatte . Wollte ich von jenem Punkte aus einen freieren Blick gewinnen ? war es eine Ahnung ? war es Beides ? - aber ich stand in der nächsten Minute an dem Fuße des kleinen Hügels zwischen den mächtigen Steinen . Abermals flammte ein blendend heller Blitz auf , und ein Grausen durchzuckte mich , und meine Haare begannen sich zu sträuben . Da , oben , neben den vom Sturm zerzausten Haselbüschen , stand , umflossen von der gespenstischen Helle , mit flatternden Haaren , das arme Mädchen , das nach dem Geliebten ausschaute , der im Sumpf ertrunken war . Und nun wieder rabenschwarze Nacht um mich her , und dann ein krachender Donner , in welchem mein lauter Angstruf verhallte . War ich wahnsinnig geworden ? Aber noch während der Donner krachte , inmitten der Finsterniß , die mich rabenschwarz umgab , kam es wie eine himmlische Erleuchtung über mich , daß mein Herz hoch hüpfte und mein Mund laut aufjauchzte , und ich war oben , ich hatte sie gefunden , ich hob sie in meinen Armen in die Höhe und jauchzte wieder , und sie schlang ihre Arme um mich , und schmiegte sich an meine Brust , fest , so fest ! und dann kniete ich vor ihr und sie beugte sich zu mir und sagte : » Schnell , schnell , jetzt im Dunkeln , wo ich Dich nicht sehe : ich liebe Dich ! ich liebe Dich ! « » Und ich Dich ! « » Mich ganz allein ? « » Ja , ja ! « » Ganz allein mich ? Ganz allein mich ? und wenn die Erde sich jetzt aufthäte und uns verschlänge , ganz allein mich ? « » Ja , ja ! « Wieder flammte ein Blitz auf , secundenlang Alles in Tagesklarheit hüllend . Sie lachte und jubelte laut auf und rief , sich in meine Arme stürzend : » Nun sehe ich Dich , nun darf ich Dich sehen ! O , wie schön das ist ! wie schön Du bist ! So ! trag ' mich den Hügel hinunter ; nur bis zu den Steinen ! Jetzt laß mich los , Du Starker , Du mein Held ! Du mein Alles ! « » Laß mich Dich weiter tragen , ich kann es ! « » Ich weiß es , würde ich Dich sonst so lieben ? aber laß mich . Du darfst nicht glauben , daß ich ein Schwächling bin ! « Ich hatte sie aus meinen Armen auf einen der großen Steine gleiten lassen ; sie legte mir die Hand auf die Schulter - ich sah einen Moment dicht vor mir ihr süßes , trotziges Gesicht und ihre wie sonst zornig leuchtenden Augen - und sie sagte durch die Zähne : » vergiß es nicht , vergiß es nie , daß ich kein Schwächling bin , wie die andern Weiber , und daß , wenn Du nicht gekommen wärst , mich zu suchen , ja , wenn Du auch mich nur nicht gefunden hättest , ich mich hier im Sumpfe ertränkt hätte , und daß ich mich in dem Augenblick tödten werde , wo Du mich nicht mehr liebst ! Und nun komm ! « Sie warf sich an meine Brust , und glitt aus meinen Armen herab auf den Boden . Wir gingen Hand in Hand über die Haide , wo uns die fortwährend aufleuchtenden Blitze den pfadlosen Pfad zeigten , wo uns die Donner umrollten , und der Regen , der so lange gezögert hatte , in immer dichteren , schweren , warmen Tropfen und dann in Strömen herabzurauschen begann . Was war uns Sturm und Gewitter ? was war uns , daß wir auf öder Haide , von allen andern Menschen verlassen , gegen Sturm und Gewitter ankämpften ? Es war eben die größte Seligkeit für mich : zu wissen , daß ich sie beschützen durfte , daß ich sie beschützen konnte daß ich wahrlich Kraft genug hatte , die Geliebte , wenn es sein mußte , bis nach Trantowitz und nach Zehrendorf zu tragen ; - für sie , sich von mir beschützen zu lassen , den sie so lange geliebt , der jetzt ihr eigen war , und es geworden war , ganz so , wie ihr trotziges Herz , wie ihr phantastischer Sinn es verlangten . Und das kam nun Alles , Alles auf ihre Lippen , in abgerissenen wirren Sätzen , in Gedanken und Bildern , die aufleuchteten und verschwanden , wie die Blitze um uns her , und bald diese Erinnerung wach riefen und bald jene , gerade wie die Gegenstände um uns her aus dem Dunkel aufleuchteten , und wieder im Dunkel verschwanden : die braune Haide , das blinkende Moorwasser , und dann im Walde die Büsche rechts und links und die riesigen Stämme der Bäume , deren mächtige Zweige jetzt von der daherstürmenden Windsbraut wild durcheinander gepeitscht wurden , daß es ein Knarren und Aechzen und Stöhnen und donnerndes Rauschen war , als sollte die Welt untergehen . Aber je wilder es um uns her tobte , desto lauter jubelte sie auf , und lachte wie toll , wenn Keines mehr vor dem Lärmen um uns her die Worte des Andern verstand , und wir uns , was unverständlich blieb , von den Lippen küßten . Ja , sie wurde ganz zornig , als jetzt , nachdem wir den Wald fast schon durchschnitten hatten , ein paar Laternen aufleuchteten , die sich schnell auf uns zu bewegten . » Wollen wir davonlaufen , « sagte sie ernsthaft ; und dann klatschte sie in die Hände , als wir jetzt des guten Hans mächtige Stimme : » halloh , halloh ! « schreien hörten . » Er ist ' s , « rief sie , » mein guter Hans , mein lieber Hans , mein bester Hans ! Er soll der Erste sein , der es erfährt . Es hat keiner ein besseres Recht darauf . « Da war auch schon Hans , der den beiden Knechten vorausgeeilt war , uns mit hochgehaltener Laterne in das Gesicht leuchtend , und abermals mit der ganzen Kraft seiner Lunge : halloh , schreiend , diesmal aber vor Freude , daß er uns so glücklich gefunden . Ja , so glücklich ! - so glücklich , daß er die Laterne auf den Boden setzen , und erst Hermine , und dann mir , und dann wieder ihr und nochmals mir die Hände schüttelte und immer wieder schütteln mußte , indem er dabei fortwährend : » so , so ! « sagte , als ob wir ein paar eigensinnige , junge Pferde wären , mit denen er sich lange abgequält und die er endlich zur Raison gebracht . Die beiden Knechte waren ebenfalls herangekommen . » Die armen Menschen , « sagte Hermine ; » sie müssen auch vergnügte Gesichter machen . Gieb mir schnell , was Du bei Dir hast ; und Sie , Hans , es ist ganz gleich , gebt nur , gebt ! « Ich mußte meine Börse - es war nicht viel darin - in ihre Hände ausschütten und Hans suchte in allen Taschen herum und fand einige zerknitterte Tresorscheine , die sie ebenfalls nahm und den beiden Leuten gab , die mit offenem Munde dastanden und nicht wußten , wie ihnen geschah . Ein paar Thaler waren hingefallen . Die Leute sagten : » es wäre eine Sünde , das liebe Geld da liegen zu lassen , « und fingen an zu suchen , während wir Drei weiter gingen und Hans berichtete , daß die ganze Gesellschaft jetzt bei ihm zu Hause sei und daß er bereits anspannen lasse , um sie auf Leiterwagen - andere hatte Hans nicht - nach Zehrendorf fahren zu lassen , wohin er auch bereits einen reitenden Boten geschickt habe , damit man dort seine Vorkehrungen treffe . » Wir Beide gehen ! « rief Hermine ; » nicht wahr , Georg ? aber ansehen wollen wir uns die Gesellschaft ; es muß ein sonderbares Bild sein , und jetzt habe ich den Humor dazu . O , ich bin so glücklich , so glücklich ! « Es war in der That ein sonderbares Bild , das sich uns darbot , als wir das verfallene Herrenhaus von Trantowitz erreichten . Auf dem weiten , kahlen Flur , in Hans ' enger Stube , in dem Heiligthum seines Schlafgemaches sogar , in der Küche , zu der man von dem Flur gelangte , irrten und wirrten Hausleute , die helfen sollten , und die verunglückten Vergnügungsfahrer durcheinander , rufend , scheltend , weinend , lachend , je nachdem sie sich in die Situation zu finden wußten oder nicht . Zu den Ersteren gehörte ohne Zweifel Fritz von Zarrenthien und seine kleine Frau , die von Hause aus die lustigsten , vergnüglichsten und zugleich harmlosesten Geschöpfe waren , wenn sie auch in dem Sturm auf der Haide sich nicht viel besser gehalten hatten als die Andern . Jetzt aber prahlte Fritz , während er in der Küche , mit Hülfe der Köchin , einen Weinpunsch braute , von den Heldenthaten , die er , wenn man ihm glauben durfte , im Verlauf des Abends ausgeführt hatte und seine kleine , behende , lachlustige Frau bemühte sich um die Damen , die außer ihr sämmtlich in der bösesten Laune und freilich auch in der traurigsten Verfassung waren . Die Steuerräthin saß in Hans ' Lehnstuhl , wie eine Königin , welche der Sturm der Revolution vom Throne gefegt und welcher bei der Gelegenheit die falschen Haare zerzaust und die Schminke von den Backen gewischt hat . Auf dem Sopha hielten sich die beiden Eleonoren innig umschlungen und weinten , eine an dem Busen der anderen , die heißesten Thränen , ohne daß irgend Jemand , vielleicht auch sie selbst nicht , zu sagen gewußt hätten , worüber ; es wäre denn über ihre durchweichten Strohhüte und ihre verregneten Kleider gewesen , die ihr Unschuldsweiß von heute Morgen mit einer absolut unbestimmten Farbe vertauscht hatten . Die derbe Frau von Granow stand vor Fräulein Duff , welche halb ohnmächtig auf Hans ' Stiefelkiste kauerte und bewies ihr , daß in solchem Fall sich Jeder selbst der Nächste sei , und daß , wenn Fräulein Hermine wirklich in dem Sumpfe ertrunken wäre , ihr - der Gouvernante - daraus kein vernünftiger Mensch auch nur den geringsten Vorwurf machen könne . » Nein , Duffchen , nicht den geringsten Vorwurf ! « rief Hermine , welche eben mit uns durch die offene Thür hereingetreten war und die letzten Worte gehört hatte ; » Duffchen , liebes , einziges Duffchen ! « Und die Aufgeregte fiel ihrer alten , treuen Gouvernante um den Hals und drückte und küßte sie unter leidenschaftlichen Thränen . Wenn eine so sensitive Natur , wie die Fräulein Duff ' s , für die Bedeutung solcher Liebkosungen , solcher Thränen noch einer Erklärung bedurft hätte , so wurde ihr dieselbe jetzt in der großen Gestalt eines Mannes , der in dem Rahmen der Thür stand und mit vermuthlich leuchtenden Augen auf die Gruppe blickte . Sie streckte ihm beide Arme entgegen und rief , aller ausgestandenen Leiden vergessend : » Richard , habe ich es nicht gesagt : suche treu , so findest Du ! « Dieses Wort , das die gute Dame mit der Stimme eines Heroldes , der den Ausgang des Turniers verkündet , überlaut ausgerufen hatte , schreckte die im Zimmer Befindlichen jäh empor . Die beiden Eleonoren ließen einander aus den Armen , sahen hin , sahen sich an ; die zweite ließ ihren Kopf auf die Schulter der ersten sinken und murmelte etwas , wovon ich nur die Worte : » der Verräther ! « verstand . Das war nun vielleicht , Alles in Allem , ein rührendes Bild ; aber ein erschreckliches gewährte die Steuerräthin . Die Ahnung eines hereindrohenden Unheils hatte auf ihrer schmalen durchfurchten Stirn , auf ihren eingefallenen , entschminkten Wangen , in ihren starren , runden Schlangenaugen gelegen ; sie hatte es kommen sehen den ganzen Tag . Vergebens , daß sie mit mütterlichen Armen den lieben Sohn zu schützen versucht hatte vor den Pfeilen der bösesten Laune , welche das stolze , unwillige Mädchen auf ihn abgeschossen ; vergebens , daß Arthur sich in der Ananas-Bowle frischen Muth in so schwerer Bedrängniß und Standhaftigkeit zur Ertragung seiner Leiden zu schöpfen versucht hatte - das Unglück war geschehen und hier , hier stand es vor ihren Augen , vor den Augen der geborenen Baronesse Kippenreiter , der Mutter des liebenswürdigsten aller Söhne , der leiblichen Tante dieses undankbaren Geschöpfes ! Es war zu viel , zu viel ! Die entthronte Königin schnellte empor , an allen Gliedern zitternd : warf , da sie unfähig war , ein Wort zu sprechen , einen vernichtenden Blick auf Hermine , die sich lachend in meine Arme stürzte und schwankte in die Kammer , wo , wie ich hernach erfuhr , der gebeugte Vater an dem Lager seines Kronprinzen wachte , dessen armselige Seele nicht einmal im Stande war , zu begreifen , was er und sein Haus unwiederbringlich verloren hatten . Weg , weg , ihr Bilder ! ihr Gestalten ! ihr sollt mir nicht die schöne Erinnerung dieses Abends trüben ! Ich will euch nicht ganz abweisen - weiß ich doch , daß ich es nicht könnte , wenn ich auch wollte ! - aber drängt euch nur nicht vor ! wollet mich nicht glauben machen , daß ihr es seid , um derenwillen wir leben , um derenwillen wir gedenken ! Auch ihr müßt sein , freilich ! und wohl dem , der das begriffen hat , und sich ein muthiges Gelächter bewahrt hat in der Brust , um euch wegzuspotten , wenn ihr euch nicht auf die Seite weisen lassen wollt . Auch ihr müßt sein ! Aber um der schmutzigen , schwarzen Erde willen , die an den zarten Wurzeln hängt , graben wir sie nicht aus , der Liebe rothe Rose , tragen sie an unserm Herzen nach Haus , pflanzen sie im stillen , sonnigen Raum und pflegen und hegen sie , wie wir können ! - Wer weiß , wie lange wir es können ! Zweiundzwanzigstes Capitel . Wer weiß , wie lange wir es können ! Vielleicht nicht lange , vielleicht nur kurze , nur allzu kurze Zeit ! Es ist ein melancholisches Wort und nur leider das rechte an der Spitze dieses Abschnittes der Geschichte meines Lebens , den ich mit zögernder Feder beginne . Aber der Leser fürchte nichts ! Es war , als ich mich entschloß , dies Buch zu schreiben , nicht meine Absicht , sein Gemüth , das vielleicht von den Pfeilen und Schleudern des Geschicks nur schon zu viel gelitten hat , noch mehr zu verdüstern . Nicht den Muth des Lebens wollte ich ihm rauben oder auch nur schmälern , wenn ich ihm erzählte , was der Jüngling in seines Sinnes Thorheit gefehlt und was er in seinem Herzen gelitten hat ; ich gedachte vielmehr , ihm die Freudigkeit des Handelns , die Fähigkeit des Duldens und die vielleicht noch schwerere der Duldung einzustoßen ; und so wollen wir denn auch gemeinsam , was etwa Schweres dem Manne noch beschieden ist , mit einander in der Erinnerung durchleben , die ja auch das Schwerste leicht in ihre Götterarme nimmt . Nein , nein ! der Leser , der vielleicht mein Freund geworden ist , mag den Freund ruhig weiter auf seinem Lebenswege begleiten ! Und zuerst in das Zimmer des Commerzienrathes , in welches ich am nächsten Morgen zehn Uhr mit einem Herzen eintrat , das vielleicht ein wenig unruhig , aber ganz gewiß nicht bänglich schlug . Ich hätte auch keinem Muthlosen rathen mögen , dem Manne heute Morgen entgegenzutreten , der wie ein Toller in dem Gemache auf- und ablief , um dann vor mir stehen zu bleiben , mich mit wüthenden Blicken von oben bis unten zu betrachten , abermals umherzulaufen , abermals vor mir stehen zu bleiben und zu rufen : » So , so ! Sie wünschen also meine Tochter zu heirathen ? « » Es ist ein Wunsch , der vor zehn Jahren nichts Abschreckendes für Sie hatte , Herr Commerzienrath ; - auf dem Deck des Pinguin , als wir zu Ihren Austernbänken fuhren ; erinnern Sie sich nicht ? « » Herr , lassen Sie die Narrenspossen ! Ich frage Sie noch einmal : Sie - Sie erkühnen sich , mein Schwiegersohn werden zu wollen ? « » Verzeihen Sie , Herr Commerzienrath : Sie fragten vorhin , ob ich Ihr Fräulein Tochter heirathen wolle . « » Das ist dasselbe . « » Sie haben recht und deshalb thäten Sie vielleicht besser , Herr Commerzienrath , wenn Sie mich gleich als Ihren Schwiegersohn , oder sagen wir , als Ihren zukünftigen Schwiegersohn ansähen und demgemäß behandelten . « Ich hatte das in einem sehr festen und ernsten Tone gesagt , von welchem ich wußte , daß er seinen Eindruck auf das im Grunde feige Herz des Mannes selten verfehlte . Auch jetzt wich er instinctiv ein paar Schritte vor mir zurück , setzte sich in seinen Lehnstuhl , nahm , der Abwechslung halber , anstatt der höhnischen Miene , eine sehr mürrische an und sagte im trockensten Geschäftston : » Also , Sie wollen mir die Ehre erweisen , Herr Georg Hartwig , meine Tochter Hermine zur Gattin zu begehren . Da wäre es nun wohl das Erste , was uns zu thun obläge , über die Ansprüche , die Sie machen können , über die Stellung , die Sie in der Welt einnehmen , über Ihre persönlichen Verhältnisse mit einem Worte , in ' s Klare zu kommen . Sie sind , so viel ich weiß , der Sohn eines Subaltern-Beamten in Uselin , ein junger Mensch , der in seiner Jugend niemals hat gut thun wollen , der darauf für ein abscheuliches Verbrechen mit acht Jahren - « » Sieben Jahren , Herr Commerzienrath - « » Mit Voruntersuchung und nachträglicher Strafe acht Jahren Zuchthaus - « » Gefängniß , Herr Commerzienrath - « » Bestraft ist ; der dann , Dank der Nachsicht der Behörden , die durch die Finger sahen - « » Meine Papiere sind in der vollkommensten Ordnung , Herr Commerzienrath - « » Während ein paar Monaten in meiner Fabrik das Nothdürftigste des Schlosserhandwerks gelernt hat ; und jetzt mit dem beträchtlichen Vermögen von - « » Funfzig Thaler baar , hundertsechzig Thaler ausstehende Schulden , die ich aber wohl nie bekommen werde , Herr Commerzienrath - « » Und füge ich hinzu , mit den entsprechenden Aussichten in die Zukunft , - denn was Sie mir vorgestern von den Vorschlägen erzählten , die Ihnen Seine Durchlaucht gemacht haben soll , so gebe ich darauf nichts - der also , als ein solcher Mensch , mit solcher Vergangenheit , in einer solchen Stellung , mit einem solchen Vermögen und einer solchen Zukunft , um die Hand der Tochter des Commerzienraths Streber wirbt . « » Aufzuwarten , Herr Commerzienrath . « Mein zukünftiger Schwiegervater warf unter seinen buschigen Augenbrauen einen prüfenden Blick in mein Gesicht , welches ihm sagen mochte , daß der Versuch , mich zu demüthigen , von ebenso geringem Erfolg war , wie die Einschüchterungs-Methode , mit der er begonnen . Es mußte ein anderes Register aufgezogen werden . Er stützte die kahle Stirn in die Hand , hüllte sich in eine dichte , schwarze Wolke des Schweigens , aus welcher er plötzlich nach mir mit den heftigen Worten schnappte : » Wenn ich nun aber gar nicht der Millionär , gar nicht der reiche Mann bin , für den Sie mich , wie alle Welt , bisher gehalten haben - wie dann , Herr , wie dann ! « Der Commerzienrath war aufgesprungen und stand vor mir , der ich mich ihm gegenüber gesetzt hatte , die Hände auf dem Rücken , vornübergebeugt und seine stechenden Augen in meine bohrend . » Dann würden die Verhältnisse für mich genau so liegen , wie vorher , um so mehr , als mir schon längst Ihr vielgepriesener Reichthum ernstlich zweifelhaft gewesen ist , Herr Commerzienrath . « Die stechenden Blicke tauchten in den wässrigen , unbestimmten Nebel