noch früh im Jahre und nicht eben warm war , öffnete sie die Fensterflügel und legte sich weit hinaus , als das Schmettern der Trompeten sich vernehmen ließ und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden . Auf den Ruf seiner Haushälterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das Fenster , aber es hätte ihres Rufes nicht bedurft . Er kannte sie , diese Trompeten , er kannte ihren Klang und dieses Regiment . Sein Großvater hatte es in der Schlacht von Hohenfriedberg geführt , in der es zur Entscheidung des Sieges beigetragen , sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte zuerst bei demselben gestanden . Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen froher Stunden in seinen Reihen . Die Kriegsräthin kannte auch von früher her verschiedene der Herren Offiziere , und winkte , wie man das in gar vielen Häusern that , den Scheidenden ihre Abschiedsgrüße zu ; indeß man mußte es nicht gewahren oder es nicht beachten wollen . Die Blicke , welche das Fenster streiften , an welchem jene Beiden standen , glitten schnell über sie hinweg , ihr Gruß ward nicht erwiedert . Ob Graf Gerhard das bemerkte ? Die Kriegsräthin hätte das nicht sagen können . Er stand hoch aufgerichtet da , die Arme über die Brust gekreuzt , wie es durch Napoleon ' s Gewohnheit zur Mode geworden war , und sah anscheinend gleichmüthig auf die Vorüberziehenden hinab . Aber mit ihnen zog die ganze , würdige Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber , seine Stirn verdüsterte sich , es zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen ; indeß er sprach kein Wort , und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei , und immer noch drangen die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr . Der Hohenfriedberger Marsch ! sagte er endlich unwillkürlich und das Blut wich aus seinen Wangen ; es faßte kalt nach seinem Herzen . So elend hatte er sich nie gefühlt , auch nicht in jener Stunde , als er gedemüthigt vor den Augen seiner Mutter zusammengebrochen war . Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden . Er sah sich in dem Spiegelbilde , welches sein innerstes Bewußtsein ihm ohne Erbarmen vorhielt , er schämte sich vor sich selbst . In bitterem Grimme trat er in das Zimmer zurück . Der junge Herr Baron ! rief die Kriegsräthin und nöthigte den Grafen damit , wieder an das Fenster zu kommen . Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrußes seinen Säbel vor dem Onkel , und noch einmal sagte sich dieser : Und dazu blasen sie den Marsch von Hohenfriedberg ! Unwillkürlich fragte er sich , was seine Schwester Angelika empfinden würde , sähe sie den Sohn beim Klange dieser Musik unter französischer Aegide in das Feld ziehen ; aber der heitere Blick , der lächelnde Mund und die vollendete Anmuth , mit denen er des Neffen Gruß erwiederte , ließen nicht errathen , was eben erst in der Seele des Grafen vorgegangen war , und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick beunruhigen oder sich mehr als flüchtig von seiner Erinnerung rühren zu lassen , war er nicht gewohnt ! Im Gegentheil : der Zorn , den er gegen sich selbst gefühlt hatte , wendete sich gegen diejenige , welche er sich gewöhnt hatte , als die Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich selbst wie von der Sache seines Vaterlandes zu betrachten , und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran , daß dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte . Ein hübscher junger Herr , sagte die Kriegsräthin , ein ganz Berka ' sches Gesicht ! Man könnte ihn für den Sohn des Herrn Grafen halten , nur daß der Herr Graf viel männlicher und schon viel gebietender aussahen , als Sie des Herrn Lieutenants Jahre hatten . Dem Herrn Vater sieht er gar nicht ähnlich . Der Graf ließ die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsräthin unerwiedert fallen und sagte : Dafür sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so ähnlicher ! Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsräthin . Sie wußte nicht , wo der Graf mit der Bemerkung , die er nicht zufällig gemacht haben konnte , hinauswollte , und da sie sich als Schmeichlerin der Männer von jeher eine scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte , sah sie , daß Graf Gerhard sich in einer Laune befinde , in der sie ihn zu schonen habe . Auch schien er keine Antwort zu erwarten , denn er ging , sobald Renatus aus dem Bereiche des Fensters war , nach dem Nebenzimmer , und erst unter der Thüre desselben sagte er : Sie waren ja , wie ich meine , gestern oder vorgestern bei Ihrem Manne ; was hat er denn beständig für Tremann zu copiren ? Haben Sie ' s vielleicht gesehen ? Die Kriegsräthin bejahte es , aber sie meinte , sie hätte sich aus den Papieren nicht vollständig vernehmen können . Es wären Auszüge aus Reisebüchern , Handelsberichte aus Zeitungen , die ihr Mann zu machen habe . Briefe und Actenstücke oder dergleichen copirt er nicht ? fragte der Graf . Sie antwortete , daß sie sich nicht erinnere , Derartiges gesehen zu haben ; übrigens werde Paul Berlin bald für längere Zeit verlassen . Der Graf warf die Bemerkung hin , er wisse durch Herrn von Castigni , daß Tremann noch an diesem Abende reisen werde . Das bezweifelte die Kriegsräthin nach den Aussagen ihres Mannes , der seine Arbeit erst an einem der folgenden Tage abzuliefern habe . Der Graf entgegnete darauf nichts . Er blieb jedoch noch in dem Zimmer , sah , wie die Menge sich in den Straßen allmählich verlief , nun das militärische Schauspiel vorüber war , und erkundigte sich nach verschiedenen Kleinigkeiten , die er seiner Haushälterin zur Besorgung aufgetragen hatte . Dazwischen warf er ganz beiläufig die Frage hin , ob Tremann nie bei ihr gewesen , seit er wiedergekommen sei . Sie zuckte mit den Schultern . Um sich , wie Sie , Herr Graf , seiner Bekannten in ihrem Unglücke anzunehmen , muß man großmüthiger sein , als Paul es bei Seba und bei ihrem Vater lernen kann . Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu demüthigen , und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen , wie glücklich diese gewesen ist , als ich ihr zuerst erlaubte , zu mir zu kommen , und wie ich mich ihrer angenommen habe , um sie nur erst für den Verkehr mit gebildeten Männern und guter Gesellschaft zuzustutzen . Seit man den Juden so viel Freiheiten gewährt , sind sie hochmüthig und noch schlechter geworden , als sie stets gewesen sind . Erst gestern früh , als ich von meinem Manne kam , ist Seba in einem prachtvollen , echten Shawl , wie keine Königin ihn schöner haben kann , an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorübergefahren , mit einem Stolze .... Sie unterbrach sich , da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn Gegenwart nicht die Zügel schießen lassen durfte , indeß ihre Empörung war so groß , daß sie sich nicht enthalten konnte , den Nachsatz hinzuzufügen : Aber ich werde es ihr gedenken ! Hochmuth kommt vor dem Falle , und es wird mit Seba und mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen ! Wohl möglich , meinte gleichmüthig der Graf , der sie wider seine Gewohnheit nach Belieben hatte sprechen lassen . Wenn Sie übrigens zufällig erfahren , ob Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist , so sagen Sie es mir . Die Sache kümmert mich freilich nicht , ich möchte jedoch um Herrn von Castigni ' s willen wissen , ob man ihn in dem Hause geflissentlich hintergeht , wozu man denn doch Gründe haben müßte , die für jenen bedenklich sein könnten . Sie sagte , dies zu erfahren , werde ihr ein Leichtes sein , und obschon der Graf ihr wiederholte , daß es damit keine Eile habe , hatte er sich kaum entfernt , als die Kriegsräthin schnell ihre nöthigsten Geschäfte besorgte und sich zum Ausgehen ankleidete . Weßhalb dem Grafen so viel daran gelegen war , den Reisetag des jungen Kaufmannes genau zu wissen , das konnte sie sich nicht erklären . Nur , daß es auf keinen Liebesdienst für Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei , davon durfte sie sich überzeugt halten , und das genügte ihr . Was kümmerte es sie im Grunde auch , ob der Kriegsrath von jenen und von Paul unterstützt wurde oder nicht ! Sie hatte für sich zu sorgen , sich dem Grafen gefällig zu beweisen . Mochte der Kriegsrath sehen , wie er fertig wurde . Jeder für sich und Gott für uns Alle ! sagte sie , als sie ihren Weg antrat , und sie hatte dabei das Bewußtsein , daß sie weltklug und erfahren sei , das Leben muthig nähme , wie es sich ihr biete , und sich mit Ergebung in das Unerwartete und Nothwendige zu schicken wisse . Sechszehntes Capitel An demselben Tage , an welchem die preußischen Truppen ihren Marsch nach Rußland angetreten hatten , versammelte sich in den prächtigen Sälen eines der preußischen Armee-Lieferanten , der in den letzten Jahren ein großes Vermögen erworben hatte und ein glänzendes Haus machte , eine zahlreiche Gesellschaft zu einem Balle . Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den Berufsklassen und Ständen nach eine sehr vielfarbige , und es befanden sich in ihr Personen genug , welche den Augenblick nicht für günstig gewählt zu einem Feste hielten . Aber man durfte sich , wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf sich laden wollte , der Geselligkeit , in welcher das französische Militär und die kaiserlichen Civilbeamten eine große Rolle spielten , nicht entziehen , und schon am Mittage hatte Herr von Castigni sich danach erkundigt , ob er das Vergnügen haben werde , der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen . Abends , um die Stunde , in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte , saßen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer ; aber ihre ernsten Mienen paßten nicht zu dem glänzenden Schmucke , den sie angelegt hatten . Man konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen . Bei dem leisesten Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin , von der es kam , und nachdem Erwartung und Täuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten , sagte Davide endlich : ich möchte wohl wissen , wie den Menschen zu Muthe gewesen ist , als man noch ein ruhiges Leben geführt und sich auf irgend etwas recht von Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat . Seit ich mich erinnern kann , ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen . Schon als kleines Kind habe ich , obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat , es doch immer empfunden , daß man in Sorgen und Nöthen vor Krieg und Feinden und Krankheiten , und in Angst um seine Freunde gewesen ist , und jetzt .... Nun , jetzt ? fragte Seba ; aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten , denn Paul , gleichfalls für den Ball gekleidet , trat in das Zimmer , und Seba empfing ihn mit der besorgten Frage , was der Kriegsrath zu so später und ungewohnter Stunde noch gewollt habe . Nichts für sich , wie Du denken kannst , entgegnete Paul , und natürlich ist ' s nichts Gutes , was den Alten bewogen hat , mich aufzusuchen . Es sind unerträgliche Zustände , in denen wir leben ; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt , wir sind in unseren Häusern nicht mehr sicher vor Verrath und müssen die Verräther als gefeierte Gäste an unserem Tische sitzen sehen . Das kann nicht dauern , es kann nicht dauern ! Das Tischtuch muß endlich zerschnitten werden zwischen uns und ihnen . Der berechtigte Haß verlangt seinen freien Weg , und wie grauenhaft Dir das neulich auch erschien , als ich es in meiner Empörung gegen Dich äußerte : eine sicilianische Vesper dünkt mich berechtigt in den Zuständen , in denen wir uns befinden und in denen jede Faser , die an uns gut und edel ist , nach Rache und nach Vernichtung unserer Unterdrücker schreit ! Es geschah selten , daß seine leidenschaftliche Natur in solcher Weise die Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach , in die er sie zu bannen gelernt hatte , und er war offenbar auch unzufrieden mit sich , weil er sich von seinem Zorne hatte übermannen lassen ; denn er nahm sich plötzlich zusammen und sagte ruhiger : Der Kriegsrath kam , um mir zu sagen , daß die Frau , ganz gegen ihre sonstige Weise , heute schon wieder bei ihm gewesen sei . Sie war unter dem Vorwande gekommen , ihm im Namen ihres Herrn , der sich nach Weißenbach erkundigt haben sollte , eine Flasche alten Weines zur Stärkung zu bringen ; indeß wie leicht der Kriegsrath sonst auch zu täuschen ist , war er dieses Mal doch nicht leichtgläubig genug , ihr zu vertrauen , und er merkte denn auch , daß die Erkundigungen des Grafen nicht ihm , sondern mir und meiner Abreise gegolten hatten . Auch Castigni hat meinen Diener deßhalb ausgefragt , hat sich bei diesem durch seine Leute sorgfältig über all mein Thun , über die Personen , welche mich besuchen , über Tag und Stunde meiner Abreise zu unterrichten gestrebt , und die Kriegsräthin hat unter dem Vorgeben , daß der Graf ihrem Manne eine Stelle zu schaffen denke , vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen wolle , den Alten zu überreden getrachtet , daß er ihr die Arbeiten ausliefere , die er für mich augenblicklich unter Händen hat . Und er hat sie ihr gegeben ? unterbrach ihn Seba mit sorgenvollem Erschrecken . Paul verneinte es . Der Alte ist gerade so brav und gut , als sein Verstand und seine Schwäche es ihm erlauben , und ich könnte beinahe wünschen , er hätte der Frau nicht widerstanden , denn alles , was er für mich arbeitet , bezieht sich auf nationalökonomische und commercielle Studien , aber .... Paul , rief Seba , warte nicht bis morgen , reise gleich heute ab ! Wo denkst Du hin ? entgegnete er , während sein Gesicht schon wieder die gewohnte fröhliche Sicherheit zeigte ; ich muß doch mit Davide den besprochenen ersten Walzer und den Kehraus tanzen ! Ach , reisen Sie , lieber Paul ! bat Davide , indem sie ihre Hände bittend faltete . Unmöglich , dazu sehen Sie viel zu reizend aus , Davide ! Ja , hätten Sie die weißen Hyacinthen nicht in Ihren schwarzen Locken , so ließe sich eher davon reden ! Aber er hatte kaum die Worte ausgesprochen , als Davide mit hastiger Hand nach ihrem Haupte fuhr , die Blumen aus ihren Locken und Flechten nahm und siegesgewiß die Worte ausrief : Jetzt müssen Sie gehen , und wir bleiben nun zu Hause ! Liebes , entschlossenes Kind ! sagte Paul , während er sie mit freudigem Erstaunen betrachtete ; aber es wäre nicht wohlgethan , blieben wir von dem Balle fort . Im Gegentheile , ich muß ja dort sein , muß Ihr Tänzer sein , um Sie vor den Bewerbungen Ihres Verehrers Castigni möglichst zu bewahren . Oder wollen Sie lieber ihn als mich zum Tänzer haben ? Es war unverkennbar , daß er großes Wohlgefallen an dem schönen Mädchen hatte ; die freundliche Weise , in welcher er heute mit ihr scherzte , that Daviden aber wehe . Sie wendete sich von ihm , trat an den Spiegel und steckte , da Seba der gleichen Ansicht wie Tremann war , daß man den Ball besuchen müsse , auf deren Geheiß die Blumen wieder gehorsam in das Haar ; sie sprach jedoch kein Wort , und auch Seba war niedergeschlagener , als sie es zeigte . Der erste Walzer war schon in vollem Gange , als Herr Flies und Paul mit den beiden Frauen in die Säle eintraten , und Paul nahm nach den Begrüßungen mit Freunden und Bekannten sogleich mit Daviden seinen Platz in den Reihen der Tanzenden ein . Civilisten und deutsche und französische Offiziere waren in ihnen bunt gemischt , aber zwischen all den glänzenden Uniformen blieb Paul noch immer eine hervorragende Erscheinung durch seine schöne , mächtige Gestalt und den festen Ausdruck seines charaktervollen Gesichtes . Paul sieht gut aus , sagte Herr Flies zu Seba , als das tanzende Paar an ihnen vorüberkam ; und in der That standen die weißen Casimir-Escarpins und der blaue Frack ihm sehr wohl an . Aber Seba , die sonst so stolz auf ihres jungen Freundes Schönheit war , als hätte sie selber ihn geboren , vermochte sich heute seiner nicht zu freuen , weil die Sorge um ihn sie peinigte . Jene errathende Kraft des Herzens , die oft scharfsichtiger ist , als der schärfste Verstand , ließ sie nicht bezweifeln , was den Grafen antreibe , Paul zu verfolgen , und wenn sie ihre eigene Seele prüfte , mußte sie sich gestehen , daß für den Grafen eine Wollust darin liegen müsse , sich an ihr zu rächen , da sie sich die gleiche Befriedigung einst nicht hatte versagen mögen . Sie zählte die Stunden , die noch bis zu Paul ' s Abreise vergehen müßten , die Tage , innerhalb derer er die Grenze erreichen konnte . Daß Graf Gerhard jeder Unwürdigkeit fähig sei , wenn sie seinen Wünschen und Absichten diene , das wußte sie , und er besaß das Ohr und das Vertrauen der französischen Behörden . Es konnte den Grafen nicht viel kosten , Paul und mit ihm ihren Vater wie sie selber zu verderben , denn das Mißtrauen der napoleonischen Regierung war grenzenlos , und wessen man sich von ihren Dienern zu versehen habe , das war durch die Gewaltthaten an dem Buchhändler Palm und an Lord Bathurst hinlänglich erwiesen . Sie überlegte , ob es nicht gerathen sei , Paul an diesem Abende gar nicht mehr nach Hause zurückkehren , sondern in irgend einer befreundeten Familie übernachten zu lassen , aber eben dadurch konnte man den Argwohn , welcher ihn offenbar umgab , nur steigern . Dann kam ihr der Gedanke , daß man irgend einen der Gehülfen ihres Vaters in Paul ' s Wagen mit seinem Diener und mit einem scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schicken könne , während Paul auf Umwegen zu entkommen suchen müsse ; indeß überall trat ihr die Sorge um ihren greisen Vater entgegen , und selbst mit diesem oder gar mit Paul ein vertrauliches Wort zu reden , ward ihr nicht gegönnt , denn sie meinte zu bemerken , daß Herr von Castigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse . Das konnte seine Ursache in der Bewerbung haben , mit welcher der Franzose Daviden umgab ; aber wer viel zu verlieren hat , ist ängstlich , und die lange Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurückhaltung und Vorsicht gewöhnt . Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt , Davide tanzte , Herr von Castigni nahm sie völlig in Beschlag , wenn Paul sie frei ließ , und dieser , welcher sonst kein leidenschaftlicher Tänzer war , sondern meist die Gesellschaft der älteren Männer und Frauen suchte , hielt sich heute ganz zur Jugend . Er machte , so oft es sich thun ließ , Daviden ' s Gegenüber , und obschon sie voll Sorgen war , dachte Seba daran , daß Paul möglicher Weise doch mehr Antheil an ihrer Nichte nähme , als sie bisher geglaubt , daß Daviden ' s unverkennbare Neigung für ihn , die sich heute erst wieder so lebhaft verrathen hatte , ihren Eindruck auf den jungen Mann nicht verfehlt habe , und sie nannte es in ihrem Herzen einen echt weiblichen Zug , daß Davide eben heute sich Herrn von Castigni freundlicher als sonst bewies , daß sie Paul vernachlässigte , da dieser sie zum ersten Male ganz entschieden suchte . Sollte Davide im Stande sein , zu so kleinlichen Mitteln der Vergeltung zu greifen ? fragte sie sich ; sollte sie in der Liebe irgend einer Berechnung fähig sein und einem geliebten Manne gegenüber irgend etwas Anderes empfinden können , als das Verlangen , ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude oder Trauer , je nachdem er sie erwiedert oder nicht erwiedert ? Sie wurde förmlich irre an dem Mädchen , das sie doch so genau zu kennen meinte . Davide sprach so laut , lachte so viel , suchte so unverkennbar die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen ; Seba wußte nicht , was sie davon denken sollte . Aber es mußte auch Paul mißfallen , denn sie sah ihn den Saal verlassen und im Nebenzimmer an den Tisch treten , an welchem alte und junge Männer , Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten . Sie wollte zu ihm gehen und mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen , denn der Ballsaal hatte sich nach dem Schlusse des Theaters noch mehr gefüllt , der Lichtglanz , die Wärme , der Tanz und der Wein hatten die Tänzer , die Männer wie die Mädchen und die Frauen , aufgeregt , und auch Daviden ' s Augen flammten , ihre Wangen brannten , als sie , von Castigni ' s Arm umschlungen , zum vierten und fünften Male die Tour um den Saal zurücklegte , die man sonst immer mit drei Ronden beendigte . Das Haar flog ihr um die Schläfen , die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam , als der Franzose sie endlich dicht vor ihrem Platze aus seinem Arme ließ und , einen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Hand drückend , ihr versicherte , daß er sie nie so schön gesehen habe , wie eben heute , eben jetzt . Aber von dem wilden Tanze erschöpft , trat er zurück , um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen ; auch Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen , und sich rasch umblickend , als fürchte sie gehört zu werden , flüsterte sie leise und athemlos die Worte : Er ist fort ! Seba wendete sich um , sie sah Davide an , und das Wort des Tadels , das auf ihren Lippen schwebte , verstummte . Mit einem Blicke verstand sie , von wem die Rede sei . Woher weißt Du es ? fragte Seba . Ich sah ihn gehen , antwortete Davide . Eben jetzt ? Nein , gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind . Und er hat Dir gesagt , daß er sich entfernen wolle ? Nichts , gar nichts ! entgegnete Davide eben so kurz , denn schon trat ihr Bewunderer wieder an sie heran , und urplötzlich leuchtete die strahlende Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen , tönte das silberhelle Lachen wieder von ihren Lippen , und an der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen . Seba sah ihr sprachlos , aber mit Freude nach . Sie konnte nicht errathen , was Paul beabsichtige , was Davide davon wisse , nur das war ihr klar , daß hier die Liebe ein Mädchen schnell zum Weibe gereift habe und daß man ein junges Herz , welches aus Liebe solcher Herrschaft über sich fähig sei , wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte , sich selber überlassen könne . Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch Bedenken , das Fest eher als die Mehrzahl der Gäste zu verlassen . Sie blieben im Gegentheile mit unter den Letzten , um auch Herrn von Castigni von der Rückkehr in ihre Wohnung abzuhalten . Er hatte , von Davidens Gunst entzückt , Tremann ' s fast vergessen , und es war Seba , welche ihre Nichte geflissentlich befragte , wo Paul geblieben sei . Diese versetzte ruhig : sie wisse es nicht ; er sei verdrießlich gewesen und in das Nebenzimmer gegangen . Als man ihn dort nicht fand , äußerte Davide die Erwartung , daß er zum Kehraus , für den sie mit ihm engagirt sei , schon wiederkommen werde ; und da er sich auch zu diesem nicht einstellte und Seba sich in Castigni ' s Beisein durch Paul ' s Entfernung beunruhigt zeigte , ließ Davide es errathen , daß sie einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe , daß er mißmuthig gewesen sei und wohl vom Balle fortgegangen sein möge , weil er sie damit zu strafen geglaubt habe . Aber sie wisse sich zu trösten ; und an einem Tänzer , fügte sie mit einem lächelnden Blicke auf Castigni hinzu , wird es mir hoffentlich doch nicht fehlen . Inzwischen hatte auch Herr Flies seinen jungen Compagnon vermißt und kam , sich nach ihm zu erkundigen , da Paul , als er eine Weile neben Herrn Flies zusehend am Spieltische gesessen , sich über Kopfweh beklagt hatte . Seba konnte erkennen , daß ihr Vater eben so wenig als sie von Paul ' s Vorhaben unterrichtet gewesen sei , und es blieb unmöglich , sich auf dem Balle von Daviden eine Aufklärung zu verschaffen . Es war schon gegen den Morgen hin , als man , von dem Feste kommend , das Haus erreichte , und selbst während der Fahrt war keine Verständigung möglich gewesen , da man es nicht hatte vermeiden können , Herrn von Castigni ' s Begleitung anzunehmen , indem er , wie er sagte , im Vertrauen auf die Güte seiner Wirthe seinen Wagen einem Freunde angeboten und überlassen habe . Als der Hauswart die Thür öffnete , fragte Herr Flies zu Seba ' s und Daviden ' s Erschrecken , ob Herr Tremann schon zu Hause sei , und die beiden Frauenzimmer blickten einander verwundert an , als der Bescheid erfolgte , Herr Tremann sei ja schon gegen Mitternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein , denn er habe frische Kerzen befohlen , weil er noch arbeiten wolle . Man trennte sich oben an der Thüre der Wohnzimmer . Herr von Castigni stieg wohlgelaunt , den Kopf voll froher Erinnerungen und noch freudigerer Aussichten , die Treppe zu seiner Wohnung hinauf , und ihre Nichte bei der Hand nehmend und rasch mit ihr in die Stube hineintretend , rief Seba : Du hast Dich also geirrt , Paul ist hier ! Gewiß nicht , entgegnete das junge Mädchen mit großer Bestimmtheit ; und während Herr Flies sich noch erkundigte , um was es sich handle , hatte Seba schon einen der Leuchter ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die innere Treppe , welche Fräulein Esther einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte erbauen lassen und die gerades Weges aus dem großen Saale des ersten Stockwerks in das Gartenzimmer führte , nach Paul ' s Wohnung hinunter . Sie klopfte an , es blieb Alles still . Die Thüre war unverschlossen , sie trat also ein , es war Niemand in dem Zimmer . Die Kerzen brannten auf dem Schreibtische , die Schlüssel steckten in den Schubladen und Schränken , Alles lag und stand wie immer , nur die Schreibmappe fehlte . Sie ging in die Nebenstube und öffnete den Kleiderschrank ; da hing der Anzug , den er auf dem Balle getragen hatte . Er war also wirklich nach Hause gekommen , was Seba schon zu bezweifeln angefangen hatte , und schnell , wie sie die Treppe herunter geeilt war , stieg sie dieselbe wieder hinauf , um sich mit den Ihrigen zu besprechen und zu berathen . Man wollte von Davide Auskunft haben , aber diese hatte nichts oder doch nur wenig zu berichten . Sie habe bemerkt , sagte sie , daß Paul öfter nach seiner Uhr gesehen , was er sonst nicht zu thun pflege . Er sei dazu so ungewöhnlich aufgeräumt gewesen , habe fortwährend mit ihr gescherzt , sich auch um die anderen Damen mehr als sonst bemüht , und während sie darüber nachgesonnen , was ihn in eine ihm so fremde Laune versetzt haben möge , habe er wieder plötzlich nach der Uhr gesehen und sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden . Seba wendete ihr ein , daß in diesen Dingen nichts gelegen habe , was Davide irgend zu der Vermuthung habe berechtigen können , daß Paul früher , als er es vorgehabt , seine Reise antreten , sie gleichsam als Flucht antreten werde , und Davide versuchte einen Augenblick , ihre frühere Erzählung durch Hinzufügung verschiedener kleiner Aeußerungen zu verdeutlichen . Indeß plötzlich schien sie anderen Sinnes zu werden , und sich in ihrer ganzen stattlichen Höhe aufrichtend , sprach sie , während ihre Wangen erglühten und ihre Augen , die sie auf den Onkel und auf Seba zu richten versuchte , sich unwillkürlich senkten : Ich will ' s Euch sagen , und Ihr könnt ' s mir glauben , denn ich bin ja nicht eitel und bilde mir nichts ein . Und da sie es nun sagen wollte , stockte ihr das Wort auf den Lippen in holdseliger Scham , und sie mußte sich zwingen , es auszusprechen . Paul , sagte sie , hat mich immer wie ein Kind behandelt , oder wie ein Spielzeug , denn so machen sie es ja Alle mit uns . Auch heute Abend that er das , Du hast es ja gehört , liebe Seba . Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach seiner Uhr sah , da blickte er mich an , als wüßte er , daß ich mich um ihn sorgte . Er war ernsthaft , wenn man ihn nicht beachtete , und als er dann plötzlich aufbrach , da - da drückte er mir die Hand , wie man es nur beim Abschiede thut , wenn man