sind sie da ... Die Erzählung ! ... Das Amusement ! .. Was Armgart alles versäumt hätte ! ... Armgart hält sich die Ohren zu . Sie will allerdings alles wissen , aber eines doch nur nach dem andern . Es war indessen alles dasselbe : Kaffee , Chocolade , Baisers , Torten , Pfänderspiele und Pfänderspiele , Torten , Baisers , Chocolade und Kaffee . Die Damen mit den Ponies waren die beiden Engländerinnen gewesen ... Das sagten zehn zugleich ... Und der Herr , der die andern Kleinen über den Bach gehoben , hieß Herr von Terschka ... und das sagten wieder zehn zugleich . Für Salat und Eier und kalten Braten und die französische Betrachtung der Schwester Aloysia in dem stockdunkeln Eßsaal war heute wenig Interesse vorhanden . Silence ! A vos places ! Das stiftete wol einige Ruhe . Aber man knupperte müde und übersatt am Salat und es war hier alles » nicht das « ! Es rebellirte noch lange und murmelte und seufzte fort in dem jungen Volk bis zum Schlafengehen . Angelika vermied ordentlich , Armgart zu begegnen . Sie mied sogar , sie nur zu grüßen . Von der kleinen Liddy oben sprach sie , die sie gleich besucht hatte und fiebernd fand , was den beiden Nonnen große Angst machte und des schlechten Wetters gedenken ließ , das den Arzt verhindert hätte , die Insel zu besuchen . Der Arzt hatte gesagt , er hätte im Roland noch den Abend zu thun ... Im Roland ! So nahe der Insel ! .. Wird der Arzt nicht kommen ? Zuletzt machte sich ' s noch , daß Angelika und Armgart etwas allein waren . Die kleinsten streckten sich schon in ihren Betten . Die ältesten saßen unten noch im Eßsaal und sprachen das Erlebte durch . Auf die Beete und die Wege der Insel , die man sonst auch selbst in der nun schon früher und früher eintretenden Dunkelheit des Abends noch durchschlüpfte , konnte man vor Nässe nicht hinaus , wenn auch der Vollmond einlud , der vielleicht doch noch die Wolken durchbrach . So standen Armgart und Angelika ungestört auf dem Balcon und krampfhaft hielt sich die Hand des jungen Mädchens am eisernen Gitter , als sie erfuhr , was noch der Pfarrer der Freundin mitgetheilt . Die Mutter konnte schon drüben in den Häusern sein , wo die Lichter über den Wellen tanzten ! Jener Fremde , der gestern die Zimmer bestellt in den » Vier Jahreszeiten « , hätte das für bestimmt versichert ... Von Benno ... sie hörte kaum ... wußte Angelika nichts ... und Thiebold de Jonge und den Bruder der Nanny Schmitz und die andern ... von allen denen hätte man gleichfalls nichts vernommen ... Nun schlug es halb Neun ... Rings war alles still , trübe und düster ... Noch kein Stern am Himmel ; doch an der Stelle , wo der Mond hervorbrechen konnte , schien es lichter zu werden ... Armgart wollte sogar ein Boot erkennen , das man durch die Zweige der Bäume vom Hüneneck herübersteuern sähe . Angelika strengte ihre Augen an . Es kam auch ein Boot . Armgart zitterte und stand wie auf der Flucht . Alsbald ließ sich jedoch der Arzt erkennen , der noch so spät nach der kleinen Liddy zu sehen kam . Als dies geschehen , in Begleitung der Englischen Fräulein , fuhr der Arzt nach dem Roland zurück . Angelika begleitete ihn eine Strecke im Hause und wagte nach Benno von Asselyn zu fragen . Benno von Asselyn ? Wir erwarten ihn drüben im Roland ! sagte der Arzt . Ich werd ' ihn von den Damen grüßen . Der Arzt hatte Eile . Sein Schiffer steuerte ihn zurück und bald sah man von allen Seiten , da und dort , Kähne kommen , die alle dem Roland zuschwammen ... Jetzt wollte auch Angelika zur Ruhe gehen . Als sie an Armgart , die noch immer auf dem Balcon verweilte , vorüber mußte , fand sie diese in der größten Unruhe . Wieder steuerte vom Hüneneck gerade der Insel ein Nachen zu . Es ist eine Dame darin ! rief sie . Ein carrirter schottischer Mantel ! Ein Diener hält den Regenschirm ! Das Wort : Es ist meine Mutter ! erstickte in ihrer Freude und in ihrer Angst ... Auch für Angelika gab es kaum einen Zweifel an der Richtigkeit dieser Vorstellung . Sie zitterte ganz wie Armgart . Doch erbot sie sich , hinunterzugehen und genauer zu forschen ... in der Richtung der Nachen irrte man sich oft . Armgart widersprach nicht ... Der Kahn kam näher und näher ... Armgart sah vom Balcon bald rechts , bald links in die Tiefe und wußte nicht , wie sie auf beiden Füßen zugleich stehen sollte ... Angelika durchschreitet die schwülen , dumpfen steinernen Corridore und Treppen . Noch war es ja möglich , daß der Kahn hinüber zum Geierfelsen , nicht an die Insel fuhr ... Armgart rafft sich jetzt auf . Sie huscht in den Schlafsaal , wo ihre Kleider hängen und ihre Wäsche in einer Kommode liegt . Liddy schläft ; die kleinern Bewohnerinnen des Saales schlafen alle ; zwei ältere sitzen noch , unten im Eßsaal , aus dem man sie laut sprechen hört ... Armgart rafft zusammen , was sie mit wenig Griffen finden kann , ihren Mantel , ihren Winterhut , ihre Hemden , einige Tücher , Strümpfe , Unterkleider , Schuhe , Bücher ... Ein großes Umschlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet , ohne Licht tastet sie hin und her , öffnet das Nähtischchen , leert es , wirft alles in ihr Tuch , die Zipfel knüpft sie zusammen und ihr Bündel ist geschnürt . Um Gottes willen , Armgart , was hast du vor ? flüstert Angelika , die zurückgekommen . Ist sie ' s ? Kommt sie ? Eine Dame kommt ! Armgart spricht kein Wort und stürzt mit dem Bündel von dannen . Angelika besinnungslos - folgt , wie von ihr angesteckt ... ... Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf . So feucht der Boden , so kühl die Luft , ist sie doch schon außerhalb des Gartens , quer hindurch über Salat und Rüben und Zwiebelstauden , wie sie die Wege nur abkürzen kann . So stiegt sie dem Lichte zu , das sie an den kleinen bleigefugten Fenstern der Fischerhütten sieht . Angelika , das sah sie , folgte nun schon nicht weiter ... Jetzt an den Fenstern der Fischerhütten anzupochen , da um einen Kahn zu bitten , dort dem Tönneschen , den sie richtig sieht und der in einem Buche studirt , oder den halb zuhorchenden , halb zuschlummernden Aeltern desselben , allen denen erst zu klopfen und zu schmeicheln oder etwas aufzubinden , eine Erfindung , eine Ausrede , einen Auftrag etwa ... etwa auf der Villa Vergessenes holen zu müssen ... das gäbe Fragen , Aufenthalt ... Nein ! Sie kann ja selbst rudern - fort ans Ufer - in einen Nachen - ihn losgekettelt - das Ruder ergriffen - So fährt sie von dannen . Noch konnte sie des jenseit der Insel gegen den Strom angehenden Nachens nicht ansichtig werden ... Sie steuert am Ufer der Insel hin , um nicht zu weit unten am Enneper Thal zu landen ... Sie steuert gerade nach der entgegengesetzten Richtung , als in die jenen Nachen der Strom drängen muß ... Nun aber gewinnt sie die Höhe des Wassers und der ganze Spiegel liegt in dem immer mehr aufgehenden Mondlicht vor ihr ... Auf zweihundert Schritte ist sie von dem Boot entfernt , in dem eine Dame sitzt mit einem Diener - Mutter ! rief es in ihr ... sie suchte - die silbernen Locken ! ... O , wie pocht ihr das Herz ! ... Einmal war ' s ihr doch , als sollte sie über das Wasser hinwegfliegen , sollte einen Freudenschrei ausstoßen , die Arme ausstrecken und rufen : Mutter , da hast du dein Kind ! ... Aber auch nur einmal überwältigte sie ' s und sogleich stand ihr der Vater vor Augen , der Vielgeprüfte , der Wettergebräunte , der Flüchtling auf dem Oceane ! ... Und dennoch , dennoch sucht das Auge das Antlitz der Dame ... Es ist ihr abgewandt ... Da stehen die weißschimmernden Birken auf der Insel ... Wird der Kahn vorübergleiten , wird er landen ? ... Er hält ... er will zur Insel ... landet ... es ist nur die Mutter ... und jetzt , jetzt ist ihr ' s doch , als zög ' es sie in den Strom hinunter ... die weißen Birken werden zu den Locken der Mutter ... ein ganzes Leben geht ihr auf , beschienen wie vom Mondlicht ... alles , was sie je nur unter den Trauerweiden und Birken vom Menschen-und vom Frauenloose geahnt , scheint sich ihr plötzlich zu erfüllen , lebendig zu werden , zahllose Gestalten ziehen dahin und wie unter den Klängen einer ganz außerweltlichen Musik ... Schon entführte der Strom die schwache Schifferin ... Sie konnte den Nachen nicht mehr regieren . Er bringt sie aber ans Ufer ... Weit , weit von dem Punkte , auf den sie mit aller nur möglichen Anstrengung ihrer Arme zugesteuert hatte , landet sie . Sie geräth in ein Gestrüpp von Weiden und Schilf , an dem sich bequem und sicher aussteigen läßt . Jetzt gedenkt sie des Nächsten , Kommenden ... Was soll sie beginnen ? Wohin sich wenden ? Ohnehin mit ihrem überschweren Bündel ! Die Thürme hatten schon von da und dort die neunte Stunde geschlagen . War auch die Welt hier noch wacher als auf der Insel drüben , wem sollte sie sich anvertrauen ! Wie weit war nicht der Weg zu einer Post , die erst im nächsten Städtchen am Fuße des Geierfelsen lag ! Ihre Baarschaft betrug einige Groschen über einen Thaler . Den Kahn mußte sie dem Zufall überlassen ... Ein Moment der Besinnung ... Sie wagt den Sprung ins Uferröhricht , nachdem sie ihr schweres Bündel schon vorausgeworfen ... Es gelingt alles . Angelika ' s Anzeige und eine Verfolgung befürchtend , suchte sie nur zuerst eine Gelegenheit , weiter zu kommen . Nirgends Menschen ; aber Lichter auftauchend da und dort ... Sie läßt ihr Bündel im Schilfe liegen und läuft nach Drusenheim hinüber . Den Wirth vom Palmbaum kannte sie ja und er sie ... Was sie sagen wollte , wußte sie noch nicht . Sie wollte nur in die Berge hinüber , vielleicht in ihre Heimat nach Westerhof , in ihr Stift , zum Heiligenkreuz , zu Paula , die ihr plötzlich in der fieberhaften Angst und Verwirrung ihrer Phantasie erschien , als wenn sie am Altar mit dem Grafen Hugo stünde , mit dem schönen Reiterobersten im weißen Waffenrock mit blinkendem Harnisch , und als fehlte nur sie noch , nur sie , sie , um der Freundin die Myrtenkrone aufzusetzen ... So zitterte sie vor Eile ... Sie wußte doch jetzt , was sie den Leuten im Palmbaum sagen , wie sie die gewünschte Hülfe in unverfänglicher Weise anschaulich machen konnte ... Wagen ! Pferde ! Das wurde ihr Wunsch . Athemlos flog sie Drusenheim zu , nicht achtend , daß sie oft bis zum Knöchel versank . An jedes Kreuz am Wege , an jedes Bild des Brückengottes , der auf einem Bachstege stand , richtete sie im schnellsten Vorüber eine Bitte um Beistand . Endlich hatte sie die ersten Hütten erreicht , endlich ist sie in Drusenheim selbst . Horch ! Vom Palmbaum herüber ... tönen da nicht plötzlich melodische Klänge ? Ist nicht Gesellschaft dort oben ? Kaum hat Armgart im schönen Fernhall das Lied vernommen , das von den obern erleuchteten Fenstern des Palmbaums und vom kleinen Balcon desselben herunter wie wallend und wogend in die stille Nacht erscholl : » Vier Elemente , innig gesellt - « erblickte sie einen Wagen vor der Thür . Sind das doch nicht die Freunde von Nanny ' s Bruder Gebhard Schmitz ? Sind das doch nicht die dennoch Gekommenen , wenn auch verspätet ? Ist Thiebold de Jonge unter ihnen , über den ich soviel lachen muß , weil er so verliebt ist , wie ein Windspiel ? Gehört dieser Wagen hier wol gar den Sängern oben ? Dann - Wie sollt ' ich nicht hoffen , sofort ihn mein zu nennen , einzusteigen und hinauszufliegen in die weite , weite , weite Welt ! Wem gehört der Wagen ? fragte sie rundweg einen Knecht , der eben die Pferde aus dem Stalle führte und einschirrte , während der Kutscher sich noch drinnen gütlich that . Lustig sagte der Befragte : Der Wagen ? Der gehört da oben fünf Herren ! Die haben heute Nacht ' ne Wallfahrt beschlossen in fünf Stationen ! Auf jeder trinken sie eine andere Sorte Punsch ! Fünf Meilen haben sie schon gemacht und in jedem Wirthshaus untersucht , ob die Weinkarte in Ordnung ist ! Vor Trunkenen überfällt jedes weibliche Herz Schrecken und Zagen ... Schon vor dem Hausknecht bebte Armgart zurück ... Oben aber erscholl der Gesang so schön , so melodisch und eben löste sich Schiller ' s Punschlied in Lachen und Jubel auf . Einer der Sänger - es war Joseph Moppes , der süßeste aller » vaterstädtischen « Tenore - trat auf den Balcon , das Glas in der Hand und einen andern , wirklich den Thiebold de Jonge , mit dem linken Arm umschlingend , singt er aus einem andern Liede , wieder von Schiller , dem Allwaltenden in Freud und Leid der Menschen : » Bis die Liebliche sich zeigte , Bis das theure Bild - « Da schon hatte Armgart , nicht wissend , daß sie selbst die Gemeinte , hinaufgerufen : Herr de Jonge ! Hier hängt er ! ruft Moppes ... Gehört der Wagen Ihnen , Herr de Jonge ? Wie ? Was ? spricht Thiebold , jetzt erst die Zartheit der herauftönenden Stimme erkennend ... Wie so ? fragt Moppes , zugleich über den Balcon sich beugend . Wem ? Wie so ? wiederholt Thiebold ... Woso ? parodirt Schmitz , der Dialektkünstler ... Nun stürmt der Rest des Sextetts in des Staunens vollste Blüte ... Clemens Timpe sogar noch mit einem aus voller Kehle geschmetterten : » Preßt der Citrone saftigen Kern ! « ... Und alle schwingen dabei die Hüte wie zur Abfahrt und Mäntel werfen zwei , der kühne Weigenand Maus und der stille Caricaturenstifter Aloys Effingh , geradezu vom Balcon hinunter auf den Wagen obenauf und nun ist es allen in Sicht , daß ja eine Dame mit ihnen parlamentirt ... Wie erstaunten sie , als sie auf Joseph Moppes ' energischstes Ruhe Pause zählten und ein junges Mädchen mit Thiebold Verwunderung und Orientiren und Namen und Fracht und Verklarung des Schiffes austauschte , nach schnellstem Erkennen Gebhard Schmitzens die heute Vielbesungene selbst ... Thiebold war bereits unten ... Die von einer der melodischsten Sopranstimmen vorgetragenen Worte hörten sie : Herr de Jonge ! Ich habe aufs dringendste diesen Wagen nöthig ! Sie werden mir die Gefälligkeit erweisen , nicht wahr , ihn mir auf einige Tage zu leihen ! Mein Gott , Fräulein ! Sind Sie ' s - denn wirklich - Ruhig ! hieß es oben ... Einzig ! Auf Taille ! flüsterte Gebhard Schmitz . Verwundern Sie sich nicht zu lange , Herr de Jonge ! fuhr Armgart fort . Ich bitte ! Befehlen Sie dem Kutscher ! Ich steige ein ! Ich habe die größte Eile ! Wirst mir wol einer meinen Hut herunter ? Das war alles , wozu sich Thiebold zeit- und ortsgemäß sammeln konnte . Fahren Sie mich ans Ufer zurück , da , wo die Weiden stehen ! Da , wo die Weiden stehen ! In diesen von allen jetzt mehr gesuchten als gefundenen Weiden blieben sechs verdutzte Blicke hängen ... Armgart saß schon im Wagen und Thiebold hatte auch schon seinen Hut auf dem Kopf . Clemens Timpe hatte versucht ihn just so zu werfen , daß er ihm auf seine blonden hochaufgerichteten Haare fiel ( Thiebold ' s äußerste Unruhe ließ sich am fortwährenden Streicheln seiner Frisur erkennen ) ; der Hut fiel indessen zwischen die Hufe der Pferde und vor die Räder und bekam , da die Pferde schon anzogen , eine starke Prüfung seiner » Garantie « . Das ist das Loos des Schönen auf der Erde ! rief Schmitz ... Thiebold aber , impertinent , wie auch nur er sein konnte , ( Nur Selbstkritik , nicht etwa Verleumdung von uns ) , schwang sich hinten auf den bequemen Bedientensitz , verlor fast im Abfahren seinen nun wieder hinterrücks fallenden Castor - » weiß auf blond ! « hatte noch kürzlich Benno über diesen in gewisser Hinsicht » jetzt gelieferten « Hut und über Thiebold ' s Ansprüche auf Geschmack geäußert - und schon schwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle zu , verfolgt von einem fast kosackischen Hurrah der Freunde Piter ' s , die in diesem Augenblicke sogar vergaßen , daß sie auf ihrer gleichfalls zu Wasser und darüber schon zu viel , viel Rüdesheimer und Punsch gewordenen Partie die Retourgelegenheit verloren hatten ... Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in Kocher am Fall beinahe verdorbenen englischen Patentachsen und die englischen Pferde gehörten gleichfalls Herrn de Jonge senior , der es für zweckmäßig zu halten schien , wenn sie durch de Jonge junior in entsprechenden häufigsten Gebrauch kamen ... Armgart schlug in dem prächtigen Wagen die Hände zusammen und hielt sie hoch gen Himmel empor , aus tiefster Seele dankend allen seinen Heiligen . 14. Während Thiebold durch das geöffnete Schiebfensterchen des Wagens eine glühende Schilderung der Sehnsucht nach diesem Sonntag , eine Schilderung der Spannung seiner Gefährten , der Enttäuschung , daß das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen und vorzugsweise mit Armgart scheitern mußte , entwarf ; während er ihr , oft durch das Schleudern des Wagens im Redestrom unterbrochen , die Versicherung gab , daß dieser Wagen sie , wenn sie darnach Verlangen trüge , bis ans Ende der Welt fahren könnte - die Phrase : » vorausgesetzt , daß ich Sie begleite « , verlor sich in einem Wurf in die Sitzecke - ; während er mit jener ihm ganz eigenthümlich angehörenden Lebhaftigkeit der Demonstration , theils auf die Wege wetternd , theils dem Kutscher commandirend , theils seinen Hut von den Folgen der Räderung herstellend , mimoplastisch auseinandersetzte , daß nur an jeder Station neue Postillonspferde nöthig wären , um couriermäßig mit ihm bis an die Pforten des Himmels oder der Hölle zu reisen ; während er endlich mit allen Zeichen damaliger Telegraphik schilderte , daß seine verblüfften Freunde entweder in Drusenheim übernachten oder auch vom Wirth anspannen lassen könnten , waren sie jetzt bei der Stelle angekommen , wo im Schilfe Armgart ihr Bündel geborgen hatte . Der Kahn trieb schon weithin auf die Höhe des Stromes ... Mit der Versicherung , er gäbe , wenn der Kahn nach Holland schwämme , was nicht vorauszusetzen , der lindenwerther Schifferinnung zum Ersatz eine Bark mit zwei Masten , mit Vorder- und Hinterdeck , mit Bramsegel , mit Reffsegel , mit u.s.w. , stieg Thiebold aus , um das vielbesprochene , wenn ihm auch noch völlig räthselhafte Bündel mit Gefahr seiner heute trotz des Regens in bequemen Wirthsstuben geschont gebliebenen Lackstiefel herbeizuholen ... Darüber hatte Armgart einige Minuten Zeit , ihrer Lage nachzudenken ... Mit Thiebold sollte sie weiter reisen ? Mit ihm so allein hinaus in die Welt gehen ? ... O Gott - Aber Thiebold kommt schon zurück ... schon schleppt er das Bündel , das er höchst federleicht findet , das ihn aber keuchen läßt wie Cyklopenarbeit ... er bittet um Entschuldigung , wenn sich vielleicht in dem Bündel vom Schilfe her einige Frösche eingenistet hätten ... er wagt die leise Frage , ob das vielleicht die Wäsche des Institutes wäre , die Armgart nach klösterlicher Sitte in dieser Woche zu besorgen und noch spät in die Sieben Berge , vielleicht zu einer dort » vielleicht wohnenden Wäscherin « zu transportiren hätte in Begleitung eines » vielleicht zufällig eben ertrunkenen Schiffers « ... er gesteht , nicht begreifen zu können , warum sie bei soviel Sinn für Wirthschaft und Reinlichkeit soviel Angst hätte , selbst vor harmlosen Wanderern , die eben des Weges daherkamen ... und wie denn überhaupt , mein Fräulein , wenn ich mir die gehorsamste Bitte erlauben dürfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht , d.h. Aufklärung über Wie ? Wo ? Warum ? Wieso ? Jetzt aber ereignete sich eine jener Fügungen , die uns zuweilen das Weltverhängniß noch zum holden Kindermärchen machen können ... Der liebe Vater im Himmel sitzt uns dann trotz aller Philosophie immer noch mit einem langen Barte auf den Wolken und fügt die Schicksale der Menschen mit sichtbarer Hand , ja er greift überall persönlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger . Von hundert Menschen , die da schon gegen zehn Uhr Abends , während der Mond nun ganz aufgegangen war , noch am Ufer hätten stehen und nach einem Nachen sich umschauen können , der sie so spät noch übersetzte , muß gerade der Eine daherkommen , der zwar nicht mit melodischem Wohllaut das Lied vom Ritter Toggenburg intonirt hatte , dem es aber , nach dem Kloster zu Lindenwerth hinüberschauend , tiefinnen klang mit der ganzen Sehnsucht seines Herzens . Hatte es doch für Benno heute am Sonntag diesseits des Stromes Aufnahmen gegeben hier und dort ! Aufnahmen , die an Ort und Stelle zu machen waren ! Die süßeste Hoffnung , die von gestern auf heute sich erfüllen sollte , von dem Abschied beim Einsteigen in den Nachen bis zu einem Wiedersehen im Enneper Thale oder auf der Insel selbst oder heute irgendwo und -wie , hatte scheitern müssen theils am Wetter und den verschlimmerten Wegen , theils an der gegen alles Erwarten sich herausstellenden Bedeutung der Aufträge , die es zu vollziehen gab ... Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigstens für den Abend zur beschleunigten Eile . Nück hatte ihm beim Abschied gesprochen : Herr von Asselyn ! Sie sind ein junger , unterrichteter und für die praktische Auffassung des Lebens , die nur allein eine Zukunft hat , disponirter Mann ! Aber in vielem sind Sie noch völlig Tabula rasa ! Ich will Ihnen wünschen , daß das Leben bessere Zeichen auf Sie schreibt , als zehnjährige Seufzer bis zu einem Assessorat in Schöppenstädt mit fünfhundert Thalern Gehalt ! Sie kennen unsere gespannte Lage mit der Regierung ! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joseph Zapf oder sonstwo Leute finden , die uns nicht eher geholfen glauben , bis nicht alle die aus dem Lande gejagt sind , die nicht an die sieben Sakramente glauben , so lassen Sie sich mit den dummen Leuten in keine philosophischen Erörterungen ein , sondern schonen Sie menschliche Schwächen ! Bei Zapf gehen , hör ' ich , Narren aus und ein , die sich einbilden , es brauchte nur der 24. August im Kalender zu stehen und man könnte die Sainte-Barthélémy noch einmal aufführen ! Klären Sie diese Leute nicht philosophisch auf ! Geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einsicht in die Gesetze ! Verweisen Sie sie auf das , was uns unter allen Umständen als Anlehnung Stand hält , wenn wir uns gegen die neunmal Weisen anstemmen müssen , auf das Edict vom 28. Germinal des Jahres X der fränkischen Republik , das Besitzergreifungspatent von 13 , die Bulle De Salute animarum von 21. Denn darüber , denk ' ich , sind wir einig , daß bei uns Kirche und Gemeinde darauf halten sollen , nach ihren eigenen Gesetzen zu leben . Lieber ein Weltbrand , als ewig unter der Herrschaft der Achselklappen mit den numerirten Knöpfen ! Lieber zum Frühstück fricassirt von französischen zu Marschällen avancirten Köchen , als zerrissen von russischen Wölfen ! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur : Czernebog , den Großen , oder Rom ! Benno fühlte das anders , doch wollte er nicht fehlen unter Leuten , die von Sturmglocken sprachen und das Wort : Von-Berg-zu-Berg-die-Feuerzeichen-Anzünden schon aus gedruckten fliegenden Blättern , aus Liedern und laut gesungenen Reimsprüchen wiederholten . Auch dem wirklich damals » beschränkten « und von Ministern deshalb gründlich verhöhnten » Unterthanenverstand « wollte er die Thorheit der Sensen und Aexte verweisen , mit denen die Bauern verlangten in die Städte geführt zu werden ... Es gefiel ihm sogar , daß Stephan Lengenich übernehmen sollte , einen großen Rath- und Hülfsverein im ganzen Lande zu begründen , einen Bund von Meistern und Gesellen , Handwerkervereine , die damals aller Orten im deutschen Vaterland und zur Anbahnung besserer Zeit auftauchten und von denen der Severinusverein nur erst ein schwaches Vorbild war ... Schon sah Benno mit scharfem Auge im Roland drüben die Fenster des zweiten Stockes erleuchtet ... Er verwünschte seine Verspätung bei der ihm wie ein Verhängniß lockenden Erörterung ... Einen Nachen suchte er jetzt und war , da er keinen fand , gerade im Begriff , schnellen Schritts auf einige Schifferhütten zuzueilen , die freilich noch einige tausend Schritt zu Berg entfernt lagen ... Da sieht er einen Wagen daherjagen und so dicht dem Ufer zu , als sollte ihn eine Fähre aufnehmen ... Diese Fähre sucht er ... Wie mußt ' er erstaunen , als jetzt jemand von dem Bedientensitz des Wagens springt , am Ufer im Röhricht krebst , dann mit einem großmächtigen Bündel zurückkehrt und endlich vollends , als er sieht , daß dies , wie es schien , Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Thiebold de Jonge ! Ja , aber ums Himmels willen ! Was haben Sie denn da ? rief er ihm schon aus der Ferne zu ... Thiebold , vollkommen wissend , daß Benno in der Nähe sein konnte , und darum auch schnell sich zurecht findend , antwortete sogleich mit einem Bedeuten um geheimnißvolle Stille und dem Winke , das » federleichte « Bündel mit aufladen zu helfen ... Mit den langgezogenen , völlig noch ungewiß tastenden Worten : » Aber - Sie sonderbarer - Schwärmer - ! « trat Benno näher ... Nun sieht er in den Wagen und sieht Armgart und Armgart sieht ihn , erkennt ihn und ruft : Jesus ! Der Benno ! Benno steht sprachlos . Thiebold klärt auf , soweit er kann , stopft das Gepäck hinein , ruft dem Kutscher den Namen eines Ortes zu , als den der ersten Poststation , und steigt windschnell wieder hintenauf ... Er scheint vorauszusetzen , daß Benno , dem allem wie etwas Unglaublichem zustaunend , dem tolldreistesten aller Menschen in die mondhelle Nacht hinaus die Königin seiner Träume wie zur Entführung überlassen soll ... Ein Augenblick jedoch - und auch Benno sitzt schon oben dicht neben Thiebold und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle De Salute animarum sind vergessen . Armgart sieht alles das voll Seligkeit und hätte nun am liebsten alle beide gleich hereingerufen . Sie hätte Benno die Hand drücken mögen vor Freude über diese doppelte Hülfe ... Aber schon flogen die Rosse zur Chaussee hinauf und auf dieser dann funkenstiebend weiter und weiter dahin ... Der Kutscher merkte schon , daß hier Romantik im Spiele war und dem Drusenheimer allein hatte auch er nicht zugesprochen . Endlich hatte sich Armgart gesammelt und machte wenigstens durch das Schiebfenster so viel Geständnisse , als nöthig waren , um nun schon von Benno Vorwürfe und ernste Ermahnungen zu hören . Darüber drängte ihn Thiebold , als » unerträglichen Pedanten « , vom Schiebfenster weg und klagte über Mangel an Raum ... Und als dann Benno mit Vernunft und Besonnenheit nicht enden wollte , verwies ihn Thiebold vorn auf den Kutscherbock , worüber beide jetzt unter sich selbst in freundschaftlichen Hader geriethen ... Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles drüben auf der Insel still gefunden und im Geiste der guten Angelika gedankt , die ihre Flucht sicher nicht verrathen , sondern gewiß zur suchenden Mutter von einem Versteck auf der Insel selbst gesprochen hatte . So fuhren sie schon unterhalb des Geierfelsen dahin ... Je weiter aber die Insel und der Fluß verschwanden , desto mehr verlor sie die Besinnung und alle ihre Gedanken fingen an , ihr wie zu vergehen ... Was sie von dannen trieb , glaubte Benno jetzt zu errathen ... Die Mutter war angekommen ! ... Er theilte Thiebold seine Vermuthung mit und seine Auslegung der so ihm nun erklärlichen Flucht ... Wie Thiebold , der natürlich die Rechte des Vaters , seines » Lebensretters « , weit über die der Mutter stellte , sich in Armgart ' s heroischer Herzensthat staunend zurecht fand , wurden sie plötzlich von Pferdehufen und von Säbelklappern aufgeschreckt ... Vier bis fünf Gensdarmen ritten an ihnen vorüber ... Benno erkannte Grützmachern und Schulzendorf ; diese erkannten ihn ... Herr von Asselyn ! hieß es mit harmlos überraschtem Tone . Wo wollen Sie denn so spät noch hin ? Thiebold , zwar vorlaut wie immer , aber etwas eingeschüchtert , nannte die nächste Station ... Major Schulzendorf blickte in den Schlag des Wagens . Er sah eine junge Dame ... Auf Damen lauteten die Ordres nicht ... Paschol , Herr Freiwilliger ! rief Grützmacher mit einem jener der Herrschaft des großen Czernebog angehörenden und 1813 in Deutschland zurückgebliebenen Kosackenworte und erinnerte bedeutungsvoll mit dieser Anrede den jungen Demagogen , daß er seine Gesinnung schon neulich als auf » Anno Köpenick « lautend genannt hatte . Der Wagen fuhr von dannen ... Und an einem Kreuzweg hielt wiederum ein berittener Gensdarm . Was geht denn hier vor ? fragte Thiebold höchst erstaunt und plötzlich jetzt von großer Sammlung und viel Vernunft . Benno ahnte fast , daß er einer großen