Geliebten . Dann erst eilte er leise zu der Stelle , an der der Mohrenknabe ihn erwartete . » Der Schlaf überwältigte mich , « sagte er entschuldigend ; » sprich rasch , bringst Du Gutes oder Schlimmes ? « Eine andere Stimme als die des Knaben antwortete ihm , die tiefe , ruhige Stimme eines Mannes , die er noch nie gehört . » Verzeihen Sie , mein Herr , « sprach dieselbe , » aber es ist nöthig , daß ich sogleich für Nursah das Wort nehme , denn die Zeit drängt , und wir dürfen die Augenblicke , die uns vielleicht zu Ihrem Beistand noch gegönnt sind , nicht versäumen . « » Ich kenne Sie nicht , mein Herr ! « » Es ist dies auch nicht nöthig , « entgegnete der Andere , » ich bin ein ehrlicher Mann wie Sie und bereit , einem solchen gegen die Intrigue und die Bosheit beizustehen . Nursah , mein Diener , hat mich von Allem in Kenntniß gesetzt , und daß Sie nur in Angelegenheiten einer Dame sich thörichter Weise in das türkische Lager gewagt haben . Dennoch fürchte ich , daß Ihnen der Tod gewiß ist , denn die Befehle des Muschirs sind streng und ich glaube , daß Graf Pisani , dessen Gefangener Sie bis jetzt sind , Sie sicher den Türken ausliefern und so sich von einem Nebenbuhler auf die leichteste Art befreien wird . Er muß seine besondern Zwecke haben , daß er dies nicht sogleich gethan , aber ich hörte , wie er gestern Iskender-Bey sagte , er spare ihm für heute Morgen eine besondere Ueberraschung auf . « » Ich kenne mein Schicksal und werde ihm als Soldat begegnen . Nehmen Sie meinen Dank , mein Herr , für Ihre freundliche Theilnahme , wenn sie mir auch nicht helfen kann . « Der Arzt - Nursah ' s Gebieter - schwieg einige Augenblicke , dann fragte er leise : » Haben Sie Muth ? « » Sie sprechen zu einem Soldaten , mein Herr . « » Mißverstehen Sie mich nicht . Ich meine nicht den Muth der Schlacht , der im Pulverdampf Gefahr und Tod kühn in ' s Auge schaut , der nach der Blutarbeit des Tages sich ruhig auf dem Schlachtfeld neben die Leichen von Freund und Feind lagert . Ich meine einen höhern Muth , der dem Schrecken des Todes in anderer furchtbarer Gestalt mit festem Herzen in ' s Angesicht blicken kann , - dem Tode in seinem martervollsten Gewande . « » Ich verstehe Sie nicht ! « » Ich muß zu Ende kommen , « sagte der Arzt , » es ist der einzige mögliche Weg der Rettung , den ich ersonnen . Sie müssen in die Hölle eines türkischen Typhus-Lazareths . « Der tapfere Soldat schauderte unwillkürlich . » Der Vorschlag ist schrecklich und gefährlich , ich weiß es , aber es ist der einzige , den ich Ihnen machen kann und - Gott hält seine Hand über Jedem , im Krachen der Geschütze , wie im Pestathem des Krankenhauses . Was die menschliche Kunst thun kann , Sie gegen die Infection zu schützen , soll geschehen , das Meiste aber muß der Muth in Ihrer Brust thun , denn Sie müssen mindestens einen Tag und eine Nacht in dieser schrecklichen Umgebung zubringe , und verläßt Sie der Muth , so nützen alle Präservative der Medizin Nichts und die Krankheit erfaßt Sie . « » Uber wie wird man glauben , daß ich krank bin ? « » Das werden Sie sogleich erfahren , wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt . « » Und glauben Sie , wenn ich mich der Gefahr unterwerfe , mich retten zu können ? « » So weit es in menschlicher Voraussicht steht , ja . « Der Gedanke an Helene überwand den so natürlichen Schauder . » Ich bin entschlossen ; sagen Sie mir , was ich zu thun habe . « Eine Schnur senkte sich durch die Oeffnung , ein Fläschchen und ein Päckchen hingen daran . » In dieser Leinwand ist Wolle und dunkelrothe Schminke Sie werden damit sich das Gesicht an einzelnen Stellen betupfen , namentlich Stirn und Schläfe , auch die Gelenke der Hände . Dann trinken Sie den Inhalt des Fläschchens und fürchten Sie nicht die Folgen , wenn auch besondere abnorme Symptome eintreten werden . « » Doctor , - ehe ich Ihren Willen erfülle , versprechen Sie mir Eines bei Ihrer Ehre als Mann . « » Bei meiner Ehre ! « » Geschehe mit mir auch , was da wolle , Sie werden die Gräfin Laszlo von meiner Rettung oder meinem Tode in Kenntniß setzen . « » So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde , wie Ihnen in dieser schweren , - es wird geschehen . « » Dank . Jetzt , Herr , - jetzt liegt mein Schicksal in Ihren Händen . « Er nahm die Wolle und Farbe und erfüllte das Geheiß des Arztes . Dann ergriff er das Flaschchen und während ihm aufgeregt das Herz schlug , betrachtete er den Inhalt durch das Licht . » O vertraue ihm , Signor , « flüsterte die Stimme des schwarzen Knaben , » er ist der beste der Menschen ! « Der Capitain setzte das Flacon an die Lippen und trank es aus . Ein leichter Schauer rieselte durch seine Adern - einige Augenblicke wallte es wie Nebel vor seinen Augen und seine Sinne verwirrten sich . » Mir wird so eigentümlich ! « » Es ist die Wirkung der Medizin , « sagte der Arzt , der sorgfältig die Gegenstände wieder in die Höhe zog . » Vertrauen , Herr , es ist das Einzige , was Sie retten kann . Uebergeben Sie sich den Wirkungen des Laudanums unbesorgt , ich werde über Sie wachen . « Der Offizier , von plötzlicher hinreißender Mattigkeit befangen , war auf den Divan getaumelt , seine Glieder streckten , seine Augenlider schlossen sich . » Leben Sie wohl ! « Nur unklar noch hörte er den Scheidegruß , seine Sinne versagten den Dienst . - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war noch früh am Morgen , als Oberst Pisani bei der im Selamlik gefangenen Gräfin eintrat . Der Eunuch hatte sie nach dem Lärmen eingeschlossen und ihr auf keine ihrer Fragen Antwort gegeben , die ohnehin nicht verstanden wurden . In tausend Aengsten und unter schweren Thränen hatte sie die Nacht hingebracht , - Marutza war nicht zurückgekehrt , - das Schießen und der wilde Lärmen der Verfolgung hatten sie erschreckt und sie mußte glauben , daß Beide in die Hände der Türken gefallen , vielleicht ermordet seien . Es war daher eine Erleichterung für ihr Herz , als sie die Schritte vor ihrer Thür hörte und den Grafen eintreten sah . Bleich und abgespannt , mit fragenden Blicken trat sie ihm entgegen ; der Graf aber mit ernster schmerzlicher Miene faßte ihre Hand und führte sie schweigend zu dem Divan zurück . » O , sprechen Sie , mein Freund , reden Sie , was ist geschehen ? « Der Oberst lächelte bitter . » Sie nennen mich Ihren Freund , und im Augenblick , wo Gräfin Helene mir die Ehre erzeigt , sich meinem Schutz anzuvertrauen , hält sie einen zweiten für nothwendig und knüpft eine Intrigue an mit meinem Gegner , mit dem Rivalen , der bestimmt scheint , mir überall in den Weg zu treten . « » Der Unglückliche - Sie wissen Alles ? « » Ich weiß es , Gräfin , ich habe den Verkleideten erkannt , es ist der russische Capitain , mein Feind von Wien her . « » Allmächtiger Gott - so ist er in den Händen der Türken ? « » Der russische Spion ist gestern Abend gefangen worden . « » Aber da Sie ihn kennen , wissen Sie , daß er allein meinetwegen in diese Gefahr sich gestürzt hat , daß Besorgniß um meine Person ihn hierhergetrieben , daß er mich warnen wollte vor der Gefahr , die mir in Krajowa droht durch die Entdeckung meines Thuns , zu dem ich mich durch Sie verleiten ließ . « » Ich weiß von Nichts , « sagte stolz der Oberst , » ich weiß nach meiner Soldatenpflicht nur , daß ein Mann , der verkleidet in dem feindlichen Lager ergriffen ist , in der ganzen Welt als Spion behandelt werden wird , die Gründe , die ihn zu dem kecken Unternehmen bewogen , seien , welche sie wollen . Wenn Gräfin Helene es für gut findet , ein Opfer , das sie ihrer politischen Ueberzeugung gebracht , ihrem treuesten Freunde jetzt als Schuld beizumessen , so habe ich Nichts dagegen zu sagen . Ich kam , um Ihnen , Gräfin , anzuzeigen , daß Sie frei sind , Ihre Befehle in Empfang zu nehmen für Ihr Bleiben oder Gehen , und Ihnen dies traurige Blatt zurückzugeben , mit dessen Hilfe allein es mir gelang , Ihre Befreiung aus dieser unwürdigen Lage so rasch zu bewirken . « Er legte das verhängnißvolle Papier auf den Tisch und trat mit einer kalten Verbeugung nach der Thür zurück . Die Dame stürzte ihm nach und erfaßte leidenschaftlich seinen Arm . » Bleiben Sie , - ich muß Alles wissen . Was ist aus Marutza , meiner Dienerin , geworden ? « » Die Dirne muß mit den Helfershelfern des Gefangenen entwichen sein , den offenbar noch andere Zwecke hierherführten , als die Besorgnisse eines Liebhabers . Das Verschwinden des Mädchens beweist , wie gute Freunde und Verbindungen der Russe hier hatte . Sie selbst , Gräfin , haben ihn in ' s Verderben geführt , indem Sie ihn in diese Mauern beriefen . « Ein stolzer Blick antwortete der bittern Rede . Im nächsten Moment jedoch schon siegte die Angst des Weibes . » Ich beschwöre Sie , sagen Sie mir die Wahrheit , was wird sein Schicksal sein ? « » Der Gefangene , « sagte der Oberst langsam und sein Auge betrachtete lauernd das Opfer , » wird heute noch vor ein Kriegsgericht gestellt und - eine Stunde darauf erschossen werden . « Sie rang verzweifelnd die Hände . » Ich habe seinen Tod veranlaßt ! Allmächtiger Gott ! gieb mir das Mittel seiner Rettung ! Graf , ich beschwöre Sie , bei Allem , was Ihnen heilig , bei Ihrer Liebe zu mir , helfen Sie , retten Sie ! « Sie sank auf die Knie und streckte die Hände flehend zu ihm empor . Er hob sie auf und führte sie zu dem Divan zurück , auf den er sie niederließ . » Was verlangen Sie von mir - es ist unmöglich ! « » Nein , es ist nicht unmöglich , wenn Sie wollen , « flehte die verzweifelnde Frau . » Ich weiß , welche mächtige Verbindungen Sie überall besitzen , ich habe oft genug die Beweise davon gesehen . O , retten Sie mir den Frieden meiner Seele , retten Sie ihn ! « » Um ihn einst glücklich in Ihren Armen zu sehen , « sagte bitter der Graf , - » nein , Helene , dieses Opfer wäre zu schwer . Er selbst hat sich in dies Verderben gestürzt , ohne daß ich das Geringste dazu gethan , ich lasse nur das Schicksal seinen Weg gehen und es befreit mich von meinem gefährlichsten Gegner . Ihn selbst zu retten wäre eine Thorheit . « » Graf , das ist unedelmüthig gedacht ! « » Ich verachte einen unnützen Edelmuth , wo es sich um Ihren Besitz handelt . Thoren können alle ihre Hoffnungen und Wünsche zum Opfer bringen und selbst vernichten , ein Mann von Verstand wird es nie thun . Ich mache mich nicht besser als ich bin vor Ihnen , Gräfin , aber den Feind ohne Zweck zu retten , ist ein Frevel gegen sich selbst . « » Ja , das ist die Lehre des hohlen Egoismus , « sagte finster die junge Frau , - » die unser Frevel gegen Alles , was würdig und heilig war , in die Gemüther gepflanzt ! « - Ihre Hand hatte unwillkührlich das Papier ergriffen , das der Graf vorhin neben sie niedergelegt , und ihre Finger entfalteten es bewußtlos , während ihr starrer Blick darauf haftete . Plötzlich zuckte sie zusammen . » Bei Ihrer Ehre und Seligkeit , Graf , so ist er verloren ? « » Er ist es - nur außergewöhnliche Mittel vermöchten ihn zu retten . « » Und - glauben Sie - wenn ich Sie dazu bewege , - ihn retten zu können ? « » Ich hoffe es . « Sie war blaß aber ruhig und gefaßt während der folgenden Worte , nur ihre Hand zitterte leicht , als sie ihm das verhängnißvolle Papier reichte . » Nehmen Sie , ich bin bereit , den Inhalt zu erfüllen , unter der Bedingung , daß Sie den Unglücklichen retten . « Sie sah nicht den Blitz wilder Freude , der über das Antlitz des Sardiniers flog , ihre Augen waren starr auf das Papier geheftet . Dennoch nahm er es nicht - mit der Berechnung eines Schauspielers seine Rolle verfolgend , wich er zurück und sagte leise : » Gräfin Helene würde es später bereuen , und ich mag sie nicht an die Erfüllung ihres Wortes erinnern . « Ihre stolzen Augen blitzten ihn unwillig an . » Was ich gesagt , werde ich halten . In dem Augenblick , wo Sie mir die Nachricht seiner Rettung bringen , bin ich bereit , Ihre Gattin zu werden . - Ist Ihnen dies genug ? « Er beugte sich auf ihre Hand und küßte sie zärtlich . » Ehe der Abend da ist , hoffe ich , den Priester zu Ihnen führen zu dürfen , der diesen Tag zum glücklichsten meines Lebens macht . - Ich werde sofort das Nöthige anordnen , damit Sie wieder weibliche Bedienung erhalten , obschon ich es für das Beste glaube , daß Sie vorerst hier noch verweilen , statt daß ich Sie etwa in das Haus des österreichischen General-Consuls führe . Ihr Aufenthalt hier ist nur Wenigen bekannt geworden , und Sie werden auf diese Weise aller lästigen Neugier der österreichischen Behörden entgehen . Die Gräfin Pisani wird Niemand mit einer Frage belästigen . « » Ich überlasse Ihnen alle Bestimmungen , nur - eilen Sie ! « Ihre Stimme klang gebrochen . » Leben Sie wohl , Helene - meine Braut ! « Er drückte ihre kalte Hand an ' s Herz und verließ das Gemach , in dessen Mitte sie gleich einer Statue der Resignation stand , - die Augen ausdruckslos hinter ihm d ' rein starrend . Dann zuckte ihre Hand nach dem Herzen und mit einem leisen Schrei sank sie zu Boden . - Der Wudkoklak hatte den scharfen Zahn in sein Opfer geschlagen . - In der Lokanda Alexo ' s waren bereits zeitig viele Offiziere versammelt , um dem Verhör und Kriegsgericht über den Gefangenen beizuwohnen . Da er in Widdin ergriffen worden , gehörte die Sache zur Entscheidung Sami-Pascha ' s , des Gouverneurs ; auf den Betrieb Pisani ' s jedoch , der die Sache möglichst aus der Nähe der Gräfin zu entfernen wünschte , hatte der Pascha , statt selbst die Untersuchung zu führen , nur einige Offiziere abgeordnet , um dem Kriegsgericht beizuwohnen , und Iskender-Bey um dessen Abhaltung ersuchen lassen . Als Pisani die Lokanda betrat , lag zwischen seinen dunklen Brauen eine tiefe , unheimliche Gedanken verkündende Falte . Es fiel ihm nicht ein , den verhaßten Nebenbuhler entwischen zu lassen , aber es galt List und Schlauheit , der Gräfin den Beweis zu bringen , daß er sein Wort gehalten und der Gedanke , daß ihm dazu eine Verwechselung der Person beider Gefangenen helfen konnte , während die Gräfin nur an den russischen Offizier dachte , lag sehr nahe . Bei der rauhen wilden Geradheit des ehemaligen Grafen Ilinski fühlte er übrigens , daß er vorsichtig zu Werke gehen mußte , um nicht des doppelten Erfolges verlustig zu gehen . Das Kriegsgericht war bereits vorüber , man macht in der Türkei nicht viel Umstände mit einem Menschenleben , - und Mungo , der bei seinem Leugnen geblieben war , kauerte zwischen seinen Wächtern im Tschardak , zum zweiten Mal unter dem traurigen Todesurtheil sich beugend , nur mit dem Unterschied , daß ihm dies Mal die Kugel statt des Stricks zuerkannt worden . Dafür sollte die Execution schon in einer Stunde vollstreckt werden , und keinen helfenden Freund vermochten seine sehnsüchtigen Blicke zu entdecken . Der sardinische Graf nahm den Polen , der den linken Arm noch in der Binde trug , bei Seite . » Ich habe Sie gestern bereits auf einen bessern Fang vorbereitet , Bey , « sagte er ihm , » als Ihre Wachen an dem elenden Kerl dort gethan haben . Der russische Offizier , auf dessen Fährte ich Sie gestern brachte , und der sich als Spion in die Festung eingeschlichen , ist durch einen glücklichen Zufall selbst in meine Hände gekommen , und mein Diener bewacht ihn . Ehe ich jedoch denselben Ihnen überliefere , möchte ich Sie um einen anderen Dienst bitten . « » Sprechen Sie , Freund , « sagte der Bey , dessen Augen bei Erwähnung des gefangenen Russen funkelten . » Der Bursche , den Sie eben verurtheilt haben , behauptet , wie ich höre , ein walachischer Zigeuner und nur auf das bulgarische Ufer gekommen zu sein , um hier Beschäftigung und Unterhalt zu suchen . Der Kerl mag immerhin ein russischer Spion sein , aber er ist jedenfalls sehr untergeordneter Natur und schwerlich den Strick oder das Pulver werth , das an ihn verschwendet wird . Ich habe wichtige Gründe , daß er am Leben bleibt und bitte Sie , begnadigen Sie ihn und lassen Sie ihn laufen . « » Zum Henker ! was haben Sie mit dem Lump ? Sie wissen , daß nur der Oberbefehlshaber oder der kommandirende General dies jetzt noch thun kann . « » Ich werde bei Sami-Pascha das Nöthige besorgen . Geben Sie nur den Befehl , die Execution zu verschieben . « » Das ist leicht , mir liegt an dem Halunken Nichts . « Er rief Jacoub-Aga und ertheilte ihm den Befehl . » Und nun zu Ihrem Russen ! « » In Beziehung auf diesen habe ich Ihnen gleichfalls Einiges zu sagen . Die Offiziere sind noch versammelt und das Kriegsgericht wird daher keine Weitläuftigkeiten weiter veranlassen und kann im Augenblick stattfinden . Ich wünsche jedoch , mein Zeugniß davon ausschließen zu dürfen , das meines Dieners wird genügen , und bitte Sie , die ganze Sache möglichst der Oeffentlichkeit zu entziehen , da Gründe vorliegen , welche das zu frühe Bekanntwerden der Gefangennahme und des Schicksals des Russen sehr nachtheilig machen . « Der Bey schielte ihn von der Seite an ; er kannte sehr wohl die geheimen propagandistischen Verbindungen des Sarden , wenn er auch selbst nicht zu den Eingeweihten gehörte , da seiner rauhen Soldatennatur das Intriguiren im Dunkeln zuwider war . » Meinetwegen . Ich sehe Nichts , was Ihren Wünschen entgegenstände Aber wo ist der Spion ? « » In der Lokanda selbst , - ich lasse ihn in einer der hintern Kammern bewachen . « » Vorwärts denn , ich will ihn sehen , und dann wollen wir ein kurzes Ende machen . Meine Aga ' s , haltet Euch bereit zu einer zweiten Auflage unserer Justiz ! « Er winkte Hidaët und ein Paar Offizieren und folgte mit ihnen dem Sardinier , der sie mit Alexo , dem Wirth zu dem Anbau des Hauses führte , in dessen Gemach der unglückliche Offizier eimgeschlossen war . Sta Lucia und Apollony hielten noch immer hier Wache . » Diavolo ! « fluchte der Bandit , » es ist Noth , daß Sie uns ablösen , Signor Conte , die Zeit wurde uns verflucht lang . Der Bursche spürt , was ihn erwartet , und hat in den letzten Stunden gestöhnt , als fühlte er bereits den Strick um den Hals . Jetzt erst ist er ruhig geworden . « Der Gesellschaft der Offiziere hatte sich wie zufällig Doctor Welland angeschlossen . Als der Graf den Bericht seines Dieners hörte , empfand er eine jähe Freude , indem der Gedanke in ihm aufblitzte , Capitain Meyendorf könnte selbst seinem Leben ein Ende gemacht haben , um der Verurtheilung als Spion zu entgehen . » Oeffne die Thür ! « gebot er . Sta Lucia schob die Riegel fort und stieß die Thür auf ; der Bey , Pisani und einige Offiziere mit den beiden Wächtern traten ein . - Ein unerwarteter schrecklicher Anblick bot sich ihren Augen . Auf dem Divan lang ausgestreckt lag der Gefangene , die Hände krampfhaft geballt , die Augen starr weit aus den Höhlen hervorgetreten , von blauen Rändern umgeben , sonst das Gesicht todtenbleich mit einzelnen rothen Flecken auf Stirn und Wangen . Leichte krampfhafte Zuckungen erschütterten zuweilen die ganze Gestalt . » Przeklecie ! « rief der Bey , » hier kommen wir zu spät , der Bursche hat die Pest oder den Typhus ! « Er blieb schaudernd an der Thür stehen . Durch die erschrockene Gruppe drängte sich der Arzt und trat zu dem Kranken , dessen Puls er alsbald ergriff . » So hat der Tod seine Beute und erspart Ihnen eine Mühe , « sagte der Sardinier hämisch , indem er die traurige Gestalt seines Opfers aus der Ferne betrachtete . - » Lassen Sie den Leichnam verscharren , ehe er durch Ansteckung noch Unheil schafft . « » Nein , « sagte fest der Bey und trat trotz des Schauders in seiner Brust einen Schritt näher , » ich bin zwar jetzt ein Moslem , aber Niemand soll sagen , daß Ilinski die Christenpflicht gegen einen wackern Feind vernachlässigt . Ich erkenne ihn wieder trotz der Verkleidung und Entstellung an der Wunde auf der Wange , die meine eigene Säbelspitze ihm schlug : es ist der tapfere Offizier , der im Gemetzel des Hohlwegs von Czetate mir Stand hielt , und vielleicht mein Leben rettete . Doctor , - wie steht ' s mit dem Mann ? « » Ich fürchte , er ist ein Kandidat des Todes , das Faulfieber ist bei ihm ausgebrochen . « » Dennoch soll er nicht sterben wie ein Hund , ohne daß ein Versuch zu seiner Rettung gemacht worden , obschon es das Beste für ihn wäre , statt des Schimpfes , als Spion zu enden . Sorgen Sie nach Kräften für ihn . « » Dann muß ich ihn in ' s Lazareth bringen lassen , hier kann er nicht bleiben ohne Gefahr , Ansteckung zu verbreiten . « » Thun Sie das , Doctor , - ich werde sogleich Befehl geben , daß Träger bereit seien . « Der tapfere Bey blickte noch ein Mal mitleidig und schauernd auf den Kranken und verließ das Gemach ; Alle folgten ihm eilig , bis auf den Arzt , der - die Hand des Gefährdeten in der seinen , - einen dankbaren Blick zum Himmel warf . - - - - Stunden waren vergangen , wiederum war der Abend gekommen . - In seinen Mantel gehüllt , schritt Doctor Welland durch die schmuzigen Gassen der Stadt hinauf zur Festung . Ein Billet Oberst Pisani ' s hatte ihn dringend ersucht , um diese Stunde sich einzufinden - die Ursach war ihm noch unbekannt . Nur kurze Zeit war er während des Tages in seiner Wohnung , in der Lokanda , gewesen , um Nursah einige Aufträge zu geben ; die übrige hatte er in dem Lazareth zugebracht . Pisani war anfangs in Zweifel gewesen , ob er die plötzliche Erkrankung seines Nebenbuhlers für einen glücklichen Zufall halten sollte , der ihm eine schlimmere That ersparte ; die Meinung des Arztes jedoch , daß der russische Offizier in der höchsten Gefahr schwebe und die Kenntniß vom Zustande der türkischen Heilanstalten ließ keinen Zweifel darüber aufkommen , daß der Tod ihn von dem Gegner befreien werde , und so richtete er sein Augenmerk allein auf die Täuschung der Gräfin . Gleich nach der Fortschaffung des Kanken hatte er sich zurück in ' s Selamlik begeben und dort leicht von Sami-Pascha , mit dem er in sehr genauem Verkehr stand , die Begnadigung des vom Kriegsgericht als Spion Verurtheilten erlangt . Die Ordre dazu wurde auf seinen Wunsch in türkischer und französischer Sprache niedergeschrieben , und da die Person darin im Allgemeinen nur als der des Spionirens angeklagte Gefangene bezeichnet worden , war es ihm leicht , sie zu seinen Zwecken zu benutzen . Mit dem Papier in der Hand betrat er das Gemach der Gräfin , in dem dieselbe am Morgen von den zu ihrem Dienst befohlenen türkischen Frauen am Boden gefunden und mit Essenzen wieder zum Bewußtsein gebracht worden war . Stillschweigend legte er es vor ihr nieder , und als ihre Hand hastig danach griff , ihr Auge den Inhalt überflog und ein leiser Schimmer von Roth wieder die blasse Wange färbte , verrieth Nichts in seinem Gesicht die Gefühle von stolzem Frohlocken und bitterm Groll , die in seiner Brust tobten . » Sie haben Ihr Wort gelöst - vollenden Sie Ihr Werk und geben Sie dem Unglücklichen die Freiheit wieder . Er möge fern sein , ehe ich - das meine halte . Ich bin bereit dazu - nur gönnen Sie mir Zeit bis zum Abend und - lassen Sie uns dann sogleich diesen Ort verlassen . « Er versprach mit kurzen Worten , ihre Wünsche zu erfüllen , und schlug ihr vor , daß sie sich nach der Trauung sofort nach Belgrad auf den Weg machen und dann auf ihre Güter am Maros begeben wollten , um dort die Verhältnisse zu ordnen , indem er eines Urlaubs weiter nicht bedürfe . Sie willigte in Alles und fügte nur die Bitte hinzu , den deutschen Arzt ihr mitzubringen , dessen offenes redliches Gesicht ihr Vertrauen eingeflößt zu haben schien . Der Oberst versprach , daß er einer der Zeugen sein solle . Dann entfernte er sich und überbrachte die Begnadigung Sami-Pascha ' s dem Bey , der - kurz gebunden in seinen Beschlüssen , - dem Zigeuner eine genügende Tracht Schläge mit den Steigbügelriemen aufzählen und ihn dann durch zwei Soldaten aus der Stadt transportiren ließ mit dem Bedeuten , daß , wenn er sich je wieder darin blicken lasse , ihm Kugel oder Strick gewiß sei . Nursah - der schwarze Knabe - folgte von fern dem kleinen Zuge . - - Der Wind vom Flusse her strich eisig durch die winkligen Straßen und über die Wälle und Mauern her , als Welland das Konak des Pascha ' s betrat . Der große Hof war durch Fackeln erhellt , eine Anzahl von Soldaten und Dienern des Gouverneurs auf den Beinen , und der Arzt bemerkte nicht ohne eine heimliche Freude , eine bespannte Araba , möglichst bequem mit einem Deckschirm eingerichtet und in ihrer Nähe eine Eskorte von zehn türkischen Kosaken unter einem On-Baschi haltend , denn er hoffte nicht mit Unrecht , daß das Fuhrwerk die ungarische Dame aus Widdin führen solle . Noch ahnte er nicht , in wessen Begleitung . Es war dem Golde und den Bemühungen des Obersten gelungen , einen bosnischen Franziskaner-Geistlichen , der sich in Widdin aufhielt , aufzutreiben und diesen durch ein reichliches Geschenk zu vermögen , die Trauung zu vollziehen ; denn er kannte den Werth des Augenblicks und der günstigen Gelegenheit zu gut , um sich durch irgend eine Schwierigkeit zu einem Aufschub bewegen zu lassen . Der Doctor wurde auf die Frage nach dem Grafen in das Gebäude zur Seite gewiesen , vor dessen Tschardak die Araba hielt . Als ihn Sta Lucia , - der hier Wache zu halten schien , - erblickte , eilte er in ' s Haus und der Oberst kam ihm alsbald entgegen und führte ihn in ein Seitengemach . » Welche Nachricht , Doctor , bringen Sie von dem Kranken ? « » Er ist in diesem Augenblick vielleicht schon verschieden . « » Sie haben mir gestern zwar eine Bitte ziemlich rauh abgeschlagen , ich hoffe aber , daß Sie eine andere aus Rücksicht auf die Nerven einer Dame erfüllen werden . Wenn die Gräfin sich nach dem Gefangenen erkundigt , so verschweigen Sie ihr , in welcher Lage er sich befindet und sagen ihr vielmehr , daß er gerettet sei . « » Ich werde Ihren Wunsch erfüllen . « » Haben Sie irgend ein flüchtiges Salz , eine Essenz zur Stärkung der Lebensgeister bei sich - die Gräfin ist nicht wohl und bedarf Ihres Beistands ? « Der Arzt bejahte . » Wohl , so bitte ich Sie , mir zu folgen . Doch erinnern Sie sich , daß Sie - wenigstens im Schweigen mir Gehorsam schuldig sind . « Er führte ihn in ein größeres Gemach , in dem bereits mehrere Personen versammelt waren , Iskender-Bey mit seinen beiden Adjutanten und der Kolassi Wersbitzki , der Kommandant der türkischen Kosaken mit einem seiner Offiziere . Alle grüßten ihn freundlich und der Bey erkundigte sich sogleich nach dem russischen Capitain . Der Doctor wiederholte die Worte , die er dem Grafen gesagt . Es blieben ihnen nur wenige Augenblicke der Unterhaltung , - dann führte der Oberst , der sich durch eine zweite Thür entfernt hatte , an seiner Hand die Gräfin Helene in das Gemach . Hinter ihnen d ' rein kam der Franziskaner ; - erst jetzt bemerkte der Doctor , daß in einer Ecke des Zimmers ein weißbehangener Tisch mit Lichtern und einem