, gewiß , Eugenie , die Anwesenheit des Herzogs bei meinem Freunde war mir an jenem Abend sehr , sehr unangenehm . « » Und warum das , Graf Fohrbach ? « entgegnete sie mit einem reizenden Lächeln . » Weil - weil - « sagte er stockend , » weil ich weiß , Eugenie , daß Sie der Herzog mit Aufmerksamkeiten verfolgt . « Sie nickte verschiedene Male mit dem Kopfe und betrachtete das Blumenbouquet , welches Sie in der Hand trug . - » Ja , ja , « sagte sie alsdann mit leiser Stimme , » es ist so ; er erzeigt mir Aufmerksamkeiten , was mir sehr - sehr peinlich ist . Und er läßt nicht davon ab , obgleich ich dieselben gewiß nicht beachte . - - Gewiß nicht , Graf Fohrbach , « fuhr sie nach einer kleinen Pause fort , und schaute ihn dabei offen und ehrlich mit ihren hellen und glänzenden Augen an . - » Aber was kann ich thun ? Wie will ich mich in der Stellung , in der ich mich befinde , ein- für allemal dieser Aufmerksamkeiten erwehren ? - Die Frau Herzogin lächelt darüber , und würde es sehr ungnädig aufnehmen , wollte man ihrem geliebten Sohne diese unschuldige Freude nehmen . « » O , es ist das nicht Ihr Ernst , was Sie da sagen , Eugenie ! « rief entrüstet der junge Mann . » Ich fühle , daß es bitterer Ernst ist , « erwiderte traurig das Mädchen . - » Doch , « setzte sie heiterer hinzu , » brechen wir dies Gespräch ab , das für mich und auch vielleicht für Sie peinlich ist . « » Für mich wäre dies Gespräch nur in dem Fall peinlich , aber dann auch fürchterlich und schrecklich , wenn es unbeendigt bliebe ! « rief Graf Fohrbach entschlossen . » Deßhalb erlauben Sie mir Eugenie , es noch einen Augenblick fortzusetzen . - Freilich könnte es auch wohl mit wenigen Worten beendet sein , « setzte er mit sanfter Stimme hinzu , und ergriff dabei leicht die Hand des jungen Mädchens , die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen brachte ; » und diese wenigen Worte würden mich zum Glücklichsten aller Sterblichen machen . Wollen Sie sie nicht gegen mich aussprechen , Eugenie ? « » Ich weiß sie nicht , « erwiderte sie erröthend . » Aber Sie müssen sie ahnen , Eugenie , « fuhr er dringender fort . » Sie müssen sie in meinen Augen gelesen haben , müssen sie in dem Drucke meiner Hand fühlen , meiner Hand , die jetzt schon schwach und machtlos ist , die bebt und zittert , da sie die Ihrige berührt . - Ja , « setzte er mit leuchtenden Augen hinzu , » Sie brauchen nicht einmal selbstständige Worte auszusprechen , Eugenie , Sie sollen mir nur eine Frage erlauben und mir auf diese Frage mit Ja oder Nein antworten . - Aber hören Sie mich an ! die Beantwortung dieser Frage entscheidet über das ganze Glück meines Lebens , ja , sie ist so wichtig für meine Zukunft , daß ich Sie zuerst um Erlaubniß bitten muß , jene Frage stellen zu dürfen . - Darf ich , Eugenie ? « » So fragen Sie denn , « versetzte nach einer längeren Pause das Mädchen , nachdem es scheu und ängstlich um sich geschaut , » so fragen Sie denn in Gottes Namen ! « » Darf ich Sie lieben , Eugenie ? - - - O , ich will ja nicht mehr als mit einem kleinen Ja hiezu die süße Erlaubniß , « setzte er hinzu , als er bemerkte , wie das Mädchen ängstlich zusammen schauerte . - » Durch die Gewährung meiner Bitte ist ja noch nicht bedingt , daß Sie mich wieder lieben sollen ; freilich hoffe ich auch auf dieses übergroße Glück , aber ich bin nicht so unbescheiden , so viel Seligkeiten auf einmal zu verlangen . « - - In diesem Augenblicke tauchte aus der Ecke des Zimmers die kleine Hofdame wieder hervor und rief lustig : » Jetzt habe ich geschmollt und monologisirt , gelebt , geliebt und genossen des irdischen Glückes so viel als möglich auf einer großen Soirée - Und Sie , Eugenie , haben Sie auch den Salon betrachtet ? - Wenn dem so ist , so wollen wir wieder zur Gesellschaft zurückkehren . « Eugenie wandte den Kopf herum , wie es schien , um eines der transparenten Rosenbouquete zu betrachten , neben welchen sie stand , in Wirklichkeit aber , um ihr glühendes Gesicht zu verbergen . Von den Worten , die sie mit dem Grafen gewechselt , konnte die Andere nichts verstanden haben : sie waren zu leise gesprochen worden , und diese war zu weit entfernt gewesen . Darauf baute denn auch der junge Mann , und während sich die kleine Hofdame näherte , wandte er sich nochmals an Eugenie und wiederholte dringend seine Frage . Ehe diese antworten konnte , eilte die Andere aus ihrem Schmollwinkel herbei , sie hatte einen Blick in den Wintergarten geworfen , und rief mit komischer Angst : » Gerechter Gott ! Eugenie , wir müssen verschwinden , dort kommt der allerhöchste Hof . Rückwärts können wir nicht hinaus , also rasch vorwärts , daß wir nicht von so vielen erstaunten Augen hier im innersten Heiligthum betroffen werden ! - Kommen Sie ! « Damit sprang sie lebhaft die Treppen hinab , die in den Wintergarten führten , und Eugenie folgte ihr . Doch blieb diese oben auf der Treppe , gedeckt von dem uns schon bekannten Camelienstrauche , noch einen Augenblick stehen , wandte sich rasch um und bot dem jungen Manne , der hinter sie getreten war , ihre Hand , wobei sie mit leiser Stimme sagte : » Ja , Graf Fohrbach , ich sage Ja aus vollem Herzen . « Er blieb oben stehen , sie aber schwebte die Treppen hinab , die schöne , schlanke , majestätische Gestalt , und als sie nun dem allerhöchsten Hofe , der wirklich durch den Wintergarten daher kam , begegnete , und sich graziös vor den Herrschaften verneigte , konnte man nichts Reizenderes und Anmuthigeres sehen . » Ah ! welches Glück ! « sprach der Graf tief aufathmend , und drückte seine Hände fest auf die Brust . » Das ist ein seliger Augenblick , wie ihn ein Glücklicher nur einmal in diesem Leben genießt . « Zweiundsechzigstes Kapitel . Eine einfache Geschichte . Die Soirée , von der wir im vorhergehenden Kapitel dem geneigten Leser Einiges mitgetheilt , machte nun alle Stadien durch , wie überhaupt sämmtliche Feste dieser Art. Man tanzte , man spielte , man plauderte , man soupirte , die Lichter brannten herab , die Pflanzen bedeckten sich mit feinem Staube , die Carcelllampen auf den Kronleuchtern und in den Gruppen fingen an trübe zu brennen und zu glucksen , die Konversation wurde matter , Eins ertappte das Andere auf einem unterdrückten Gähnen , und endlich hörte man auf der Treppe Bedienten rufen , drunten Wagen rasseln ; eine Menge Gäste drängte sich an den Ausgang des Tanzsaales und in die Vorzimmer , um , noch ehe sich der allerhöchste Hof fort begab , einen freundlichen Blick zu erhaschen . Man sah ganze Gruppen sich verneigen , ganze Reihen tief knixen ; zum letzten Mal wurde noch mit möglichster Anstrengung gelacht , geflüstert , dann klirrte und rauschte es die Treppen hinab ; die Wagen fuhren davon , von dunkelrothem Licht umgeben , - dem Schein der Fackeln in den Händen der Vorreiter und Lakaien , der an den Fenstern der Häuser vorbeizitterte und manchem erschreckten Schläfer , den das Wagengerassel erweckte , seltsam und unheimlich an den Augen vorbeistrich . Jetzt nahm die Gesellschaft droben in den Sälen einen ganz anderen Charakter an ; verschwunden schien alle Ruhe und Behaglichkeit , und das Ganze hatte das Aussehen eines Ameisenhaufens , den ein muthwilliger Knabe aufgestört . So rannte Alles durch einander , aus den hinteren Zimmern in die vorderen , aus dem Wintergarten in den Tanzsaal , hier einen Händedruck wechselnd , dort einem Bekannten noch einen freundlichen Gruß zurufend , rechts und links Abschied nehmend und sich darauf beeilend , dem Wirthe ein Kompliment zu machen , dann in die Mäntel und Shawls zu schlüpfen , um so schnell als möglich Treppen und Wagen zu erreichen . Kurze Zeit nachher lag das ganze weite Apartement öde und leer . Seine Excellenz stiegen ziemlich fatiguirt die Treppen zu Ihrer Wohnung hinauf , worauf der Haushofmeister mit sämmtlichen Bedienten erschien , um sorgfältig alle Lichter auslöschen und das Silberzeug wegräumen zu lassen , auch Fenster und Thüren zu schließen und darauf die Zimmer im halb verblichenen Glanz sich selbst und ihren Träumereien zu überlassen . Doch hatten um diese Stunde noch nicht sämmtliche Gäste das Haus verlassen ; der junge Graf sah es gern , wenn sich nach beendigter derartiger großer Soirée noch einige Bekannte en petit comité in seiner Wohnung versammelten , um sich von den gehabten Fatiguen bei einem Glase heißen Punsches und einer guten Cigarre zu restauriren . Da der große Salon , wie wir schon wissen , mit zum Feste gedient hatte und jetzt ebenfalls ziemlich derangirt und trostlos aussah , so hatte der Graf sein kleineres Arbeits-Kabinet neben dem Schlafzimmer für seine Gäste öffnen lassen , und der Kammerdiener hatte es so behaglich als möglich eingerichtet . Eine halbe Stunde nach Beendigung des Balles fand sich denn auch hier fast die gleiche Gesellschaft zusammen , die wir schon einmal in diesen Räumen und zwar zu Anfang unserer Geschichte hier beisammen gefunden . Das einzige fremdartige Element , welches man unmöglich ausschließen konnte , war der Herzog Alfred , der es sich nun einmal nicht nehmen ließ , ein Glas der Versöhnung , wie er es auf jenen Wortwechsel im Schlosse anspielend nannte , mit dem Grafen zu trinken , welcher sich für diese höchste Gnade außerordentlich dankbar zeigen mußte . Wenn auch die Anwesenheit des Herzogs nicht das Wünschenswertheste war , was der Gesellschaft dieser jungen Männer begegnen konnte , so hatte sie doch ein Gutes , daß sie wenigstens vor dem Dableiben des Herrn von Dankwart schützte , der sich Seiner Durchlaucht zu wiederholten Malen so unterthänig und vertraulich als nur irgend möglich mit der Versicherung genähert hatte , er für seine Person kenne nichts Angenehmeres , als nach einer großen Soirée noch eine Stunde ruhig eine Cigarre beisammen rauchen zu können . Er hoffte , der Herzog werde ihn zum Dableiben nöthigen ; doch schien dieser etwas an Schwerhörigkeit zu leiden , denn er versicherte den Herrn von Dankwart , er fände es vollkommen begreiflich , daß er , ein kleiner , schwacher Mann , sich bei seiner Lebhaftigkeit von einer solchen Soirée höchst angegriffen fühle , und er nehme es ihm durchaus nicht übel , wenn er sich augenblicklich zurückziehe . So mußte er denn das Zimmer verlassen und sich zu seinem Wagen begeben . Umsonst versuchte er es , mit dem Hausherrn ein interessantes Pferdegespräch anzuknüpfen : der Graf achtete nicht darauf ; umsonst streckte er seine Hände rechts und links aus : es war Niemand da , der Lust hatte , sie zu drücken ; und so schlich er sich denn hinaus , ließ sich den Mantel umgeben , wobei er dachte , es sei doch für einen feinfühlenden Mann sehr unangenehm , in eine Gesellschaft zu gerathen , die im Punkte der guten Lebensart so sehr weit zurück sei . Im kleinen Arbeits-Kabinet etablirten sich unterdessen die Herren auf eine bequeme und angenehme Art. Um das lodernde Kaminfeuer hatte der Kammerdiener alle möglichen Fauteuils gestellt , auch kleine Divans , und darauf machte es sich Jeder so bequem , wie nur irgend möglich . Dem Herzog hatte man die rechte Ecke eingeräumt , und er lag lang ausgestreckt in einer Chaiselongue , mit großer Behaglichkeit ein Glas Punsch schlürfend und den Dampf aus seiner Cigarre ziehend . Hinter ihm lehnte aufrecht in der Ecke Baron von Brand , dessen Anzug noch so korrekt und untadelhaft war , als habe er soeben erst das Ankleidezimmer verlassen , was man von den übrigen Herren nicht sagen konnte ; hier bemerkte man eine gelockerte Halsbinde , dort einen über der Weste schief zugeknöpften Frack ; ja , der Herzog hatte sein großes Ordensband über die Schulter geworfen und es hing solchergestalt über die Lehne herab . Der Major von S. saß in der anderen Ecke ebenso bequem , wie Seine Durchlaucht in dieser ; der neue Rath , Eduard von B. , hatte tausendmal um Entschuldigung gebeten , daß er eine Stellung annehmen müsse , die sich eigentlich nicht mit der Etikette vereinbaren lasse , aber es sei ihm unmöglich , den rechten Fuß mit einem etwas zu engen Stiefel auf den Boden niederhängen zu lassen . Arthur saß gerade vor dem Kamine auf einem niedrigen Sessel und betrachtete aufmerksam die Züge des Herzogs , die er vor ein paar Tagen auf die Leinwand zu skizziren angefangen . So saß die Gesellschaft rauchend und trinkend und unterhielt sich von der vergangenen Soirée , wobei mancherlei sehr Pikantes vorkam ; namentlich waren die Erzählungen des Herzogs mit den sonderbarsten Einfällen und Bemerkungen gewürzt . » Ich habe mich übermäßig angestrengt , « sagte er unter Anderem , » und mit einer wahren Aufopferung getanzt . - Steh ' mir Einer in Gnaden bei ! - aber es ist wahrhaftig keine Kleinigkeit , all ' Das aushalten zu müssen . - Sie , Baron Brand , « wandte er sich an diesen , » habe ich recht vermißt . - Wo zum Teufel staken Sie denn fast den ganzen Abend ? - Schau mir Einer seine Toilette an und sage mir , ob der Mann nur einen einzigen Schritt getanzt haben kann ? « » Da sind Euer Durchlaucht sehr im Irrthum , « erwiderte der Angeredete und warf einen wohlgefälligen Blick in den Spiegel . » Im Gegentheil : ich habe sehr tüchtig getanzt ; aber man hat seine Bewegungen in der Gewalt ; man echauffirt sich nie ; man behält immer noch etwas übrig und gibt sich nie ganz aus . « » Das ist ein schönes Kompliment für uns ! « lachte der Herzog . - » Also wir haben uns vollkommen ausgegeben , sind fertig - ganz hallale ? - Aber Scherz bei Seite , Baron , ich habe mehrmals scharf nach Ihnen ausgeschaut und hätte gern von Ihnen profitiren mögen ; ein paarmal wäre mir Ihr coeur de rose recht erwünscht gekommen . Aber wenn man Sie braucht , sind Sie nicht da . « » Er war anderweitig sehr beschäftigt , « sagte wichtig der Rath . » Ja , Baron , « meinte der Major , » wenn man aus der Schule schwätzen wollte ! « - » Allons , meine Herren ! keine Geheimnisse ! « rief der Herzog . » Wir sind ja ganz unter uns . - Welchem Ehemann ist er gefährlich geworden ? « » Ich sah ihn mit der Baronin von W. eifrig conversiren , « versetzte der Rath . » Und ich kann schwören , daß er der Obersthofmeisterin bedeutend die Cour machte . « Der Baron lächelte wohlgefällig und drückte so kokett als möglich sein duftendes Battisttuch an die Lippen . » Nur zu , meine Herren , « sagte er , » nur zu , ich halte stille . Ah ! ich sehe , dort unser Maler will auch über mich herfallen , und ich muß gestehen , der hat mich wenigstens nicht hinterlistig belauscht , sondern trat mir offen entgegen , als ich in einer sehr angenehmen und eifrigen Konversation begriffen war . - Aber - Stillschweigen , « setzte er mit einem sehr süßen Lächeln hinzu , indem er den Finger auf den Mund legte . » Und an mich denken Sie nicht ? « fragte Graf Fohrbach . » Nehmen Sie sich zusammen ! Ich könnte Ihrer Sünden schlimmste aufdecken . « » Sie ? Da wär ' ich begierig . « Der Graf wandte den Kopf herum und blickte den Baron einige Sekunden fest an ; dann nahm er die Cigarre , aus welcher er sehr bedächtig einen langen Zug gethan , leicht in die Hand und sagte : » Baron , denken Sie an die Polizei . « - Er hoffte bei diesen Worten irgend eine Aenderung auf dem offenen und freundlich lächelnden Gesichte des Herrn von Brand zu entdecken , hatte sich aber vollkommen geirrt , da zuckte keine Miene , da verrieth nicht der mindeste Schatten eine Ueberraschung oder Bewegung . » An die Polizei soll ich denken ? - Wie so ? « fragte er ganz ruhig . » Coeur de rose ! was hat die mit schönen Mädchen zu thun ? « » O Sie Undankbarer ! « erwiderte der Hausherr . » Soll ich wirklich Ihre Sünden offenbaren ? Habe ich denn nicht gesehen , wie Sie der schönen Auguste im Wintergarten eifrig die Hand geküßt ! « » Hätte ich das wirklich gethan ? « fragte Herr von Brand , sich affektirt besinnend . - » Ja es ist möglich . Gott ! in dem Gewühl passirt Einem so Manches ! « » Er ist ein Don Juan , « sagte entschieden der Herzog . » Aber er mag sich stellen wie er will , mit der Tochter des Polizei-Präsidenten hat es noch einen anderen Haken ; ich habe allerlei darüber munkeln gehört . « » Die alte Geschichte ! « entgegnete achselzuckend der Baron . » Weiß Gott im Himmel , ich werde noch ein Einsiedler werden müssen , um allem Gerede zu entgehen . « In diesem Augenblicke erhob sich im Vorzimmer ein so lautes und anhaltendes Lachen , daß sämmtliche Herren erstaunt aufhorchten . Es war das ein so lustiges Gelächter , daß es unmöglich von einem der Bedienten herkommen konnte . - Es mußte ein Fremder und doch Bekannter sein . Gleich darauf vernahm man auch die Stimme des Kammerdieners , der mit Entrüstung sagte : » Aber mein Herr , es ist keine Zeit , dem Herrn Grafen einen Besuch zu machen ; überhaupt dringt man unangemeldet nicht da hinein . « - » Lassen Sie mich nur , « erwiderte die Stimme ; » Sie werden sich einen Dank verdienen , wenn Sie mir helfen , den Grafen zu überraschen . « Dabei wurde die Thür geöffnet und es trat leicht und gewandt ein junger Mann in das Zimmer , der aber in seinem sonderbaren Anzuge durchaus nicht zu den schwarzen Fräcken , den weißen Hals- und Ordensbändern hier paßte . Es mochte das ein Mann von vielleicht dreißig Jahren sein , hoch und schlank gewachsen , aber dabei breitschulterig und von energischem , kräftigen Wesen . Man sah das an der Art , wie er in das Zimmer schritt , wie er seinen Kopf trug und an der abweisenden und gebieterischen Handbewegung , die er gegen die Bedienten machte , welche ihm folgen zu wollen schienen . Er trug einen kurzen und dicken Reiserock , hatte um den Hals einen Shawl gewickelt und an den Füßen Pelzstiefel , die ihm bis zum Knie reichten ; eine Mütze hielt er in der Hand , doch war diese Hand klein und zierlich und mit feinen lederfarbenen Glacéhandschuhen bedeckt . Der junge Mann schritt lächelnd auf den erstaunten Kreis der Herren zu , die am Kamine saßen , und wußte dabei so zu manövriren , daß man sein Gesicht nicht eher deutlich sah , bis er sich mitten in der Gruppe befand , und es von dem Feuer und den Wachskerzen hell beschienen wurde . Ein Ausruf der Ueberraschung und der Freude entfuhr nun aber dem Munde fast aller Anwesenden . » Ist denn das ein Gespenst ! « schrie der Herzog . - » Hol ' Sie der Teufel ! Wo kommen Sie her ? « » Bist du es wirklich , Hugo ? « rief Graf Fohrbach , der aufgesprungen war und dem Angekommenen herzlich die Hand schüttelte . - » Wo kommst du her ? « » Daß ich kein Gespenst bin , gnädiger Herr , « entgegnete der im Reiseanzug lachend , » können Sie erfahren , wenn Sie die Gnade haben wollen , mir Ihre Hand zu reichen . - So ! - Daß ich direkt von einer Reise komme , werdet ihr übrigens meinem Aeußern anmerken . « » Er ist immer noch der Alte , « versetzte der Herzog , während er seine Finger rieb , die ihm Jener etwas heftig gedrückt hatte . - » Aber jetzt lassen Sie sich nieder , unsteter Mensch , und berichten Sie ordentlich , in welchem Welttheil Sie zuletzt waren ! « Ehe der Angekommene diesem Befehle Folge leistete , blickte er sich rings im Kreise um , reichte dem Rath freundlich die Hand und machte eine stumme Verbeugung gegen Arthur und den Baron Brand , die er beide noch nicht kannte . Der Letztere stand ihm aufrecht gegenüber , und als sich diese beiden Männer nun plötzlich anblickten , wichen sie , obgleich kaum bemerkbar , vor einander zurück . - Der Baron faßte sich übrigens augenblicklich wieder und lächelte so unbefangen wie vorher . Der Andere fuhr mit der Hand über das Gesicht bis zum vollen blonden Barte hinab und verbeugte sich leicht , als Graf Fohrbach sagte : » Baron von Brand - Hugo von Steinfeld - Arthur Erichsen - Beide gute Bekannte und Freunde . « » Ehe ich mich niedersetzen kann , « sprach Herr von Steinfeld , » muß ich Sie vorher um Erlaubniß bitten , gnädiger Herr , eine kleine Toilette machen zu dürfen . - Du gibst mir wohl einen leichten Rock , « wandte er sich an den Grafen , » und erlaubst , daß ich mir in deinem Schlafzimmer die schweren Stiefel ausziehen lasse . - Apropos ! deine Dienerschaft hätte mich bald zur Thüre hinaus geworfen . « » Sie hätten Ihren Namen sagen sollen ! « lachte der Herzog . » Durch das viele Bartwerk in Ihrem Gesicht sind Sie sogar für Ihre besten Freunde unkenntlich geworden . « » Dazu rechnen Euer Durchlaucht doch wohl nicht die Bedienten ? « » Du bleibst heute Nacht bei mir ? « fragte Graf Fohrbach . » Ja , heute Nacht , und wenn du erlaubst , noch ein paar Tage , bis ich mir eine passende Wohnung gesucht . - Aber nun komm ' in dein Schlafzimmer ; es ist mir in meinem Anzuge viel zu warm ; ich muß ein bischen andere Toilette machen . « Diese war bald beendigt , und wenige Minuten nachher saß der eben Angekommene mit in der Reihe am Kaminfeuer , während Graf Fohrbach seinem Kammerdiener einige Befehle ertheilte in Betreff eines Zimmers , das eingerichtet werden mußte , sowie auch des Reisewagens des Fremden , den man in einer der Remisen unterbrachte . » Ich hätte schon vor zwei Stunden hier sein können , « sagte Herr von Steinfeld , » doch erfuhr ich zufällig auf der letzten Station von einer großen Soirée . Da ich nun begreiflicherweise keine Lust hatte , mich heute Abend noch anzuziehen , so wartete ich und komme nun gerade rechtzeitig zur angenehmen Nachlese . - Darf ich mich jetzt wohl unterstehen , « wandte er sich gegen den Herzog , » Euer Durchlaucht die feierliche Versicherung zu geben , wie außerordentlich glücklich ich bin , Hochdieselben alsogleich begrüßen zu können ? - Doch hatte ich nicht geglaubt , Sie im schwarzen Frack wiederzusehen . « » O schweigen wir davon ! « erwiderte der Herzog mit einer Handbewegung . » Man glaubt höheren Orts , ich könnte dem Staate besser mit Geist und Feder als mit Faust und Schwert dienen . « » Woran man höheren Orts wohl nicht Unrecht hat , « meinte sich verbeugend der Andere , » denn Euer Durchlaucht großer Verstand wurde mir von allen schönen Frauen gerühmt , mit denen ich das Glück hatte über Sie sprechen zu dürfen . « » Gehen Sie zum Henker mit Ihrem Verstand ! Es ist traurig , wenn die schönen Frauen nichts Anderes an mir zu rühmen wußten . - Doch wo kommen Sie eigentlich her ? Nur eine hübsche Erzählung Ihrer Fahrten und Abenteuer kann Sie wieder einigermaßen in meiner Gunst herstellen . « » Ich stehe gleich zu Befehl . Aber Sie werden mir erlauben , gnädiger Herr , daß ich mich vorher nach dem Befinden meines lieben Freundes hier erkundige . - Von dir , « wandte er sich an den Grafen , » hatte ich die letzten Nachrichten , als du in die Reihe der Adjutanten aufgenommen wurdest . - Und du bist auch avancirt , « sagte er zum Major v. S. » Ich sehe das natürlicherweise an deinen Epauletten und gratulire bestens . - Wie steht ' s aber mit unserm theuren Assessor ? « » Vortragender Rath , wenn ich bitten darf ! « erwiderte Eduard v. B. mit großer Wichtigkeit . » Alle Teufel ! « versetzte der Andere laut lachend . » Ihr könnt euch nicht beklagen ; ihr seid von der Sonne königlicher Gnade ausgebrütet worden , während ich zurückkomme als taubes Ei Gott weiß welchen Departements . « » Und ganz nach Verdienst , « schaltete der Herzog ein . » Weiß der Himmel , lieber Steinfeld , daß Sie des Herumschwärmens niemals satt werden . Soll auch diesmal Ihr Aufenthalt wie gewöhnlich nur einige Wochen dauern , oder gedenken Sie uns auf längere Zeit zu beglücken ? « Der Andere zuckte die Achseln und entgegnete : » Das hängt von vielerlei Umständen ab ; vorderhand habe ich hier Anker geworfen und will abwarten , ob ich liegen bleiben muß auf stürmischer Rhede oder ob ich hinein bugsirt werde in den sicheren Hafen . « » Und jetzt kommen Sie von Rußland ? « » Ja , gnädigster Herr . - Oder auch nein ; denn ich war zuletzt im Kaukasus . « » Horreur ! « rief der Herzog . » Doch nicht am Ende gar bei den Tscherkessen ? « » Eigentlich focht ich gegen sie , « erwiderte Herr von Steinfeld . » Doch unter uns gesagt , ließ ich mich eines schönen Tags gefangen nehmen und verbrachte darauf bei den wilden Söhnen des Gebirges ein angenehmes Jahr . « » Davon mußt du erzählen , « sagte der Hausherr . » Halt ! « rief der Herzog . » Ich habe auf seine Mittheilungen ein näheres Recht ; er ist mir in W. desertirt , und das in Folge einer räthselhaften Geschichte ; - ja , meine Herren , in Folge einer Begebenheit , bei der , vielleicht zum ersten Male , sein Herz mächtig ergriffen war . « » Ist das möglich ? « sprach erstaunt der Major . » Du Umherschweifender , Wankelmüthiger , hättest dir wirklich Fesseln anlegen lassen ? - Unglaublich ! - Ja , wenn das erzählbar ist , so stimme ich auch dafür , denn das ist gewiß noch interessanter als deine Tscherkessen-Abenteuer . « » Laßt mich lieber von den letzteren erzählen , « bat Herr von Steinfeld mit viel ernsterer Stimme , nachdem er einen Augenblick träumend in das Kaminfeuer geschaut . » Der Herzog übertreibt : die Sache ist nicht so interessant ; ihr Alle habt dergleichen schon erlebt . « » Lieber Freund , dein Weigern ist uns verdächtig , « bemerkte Graf Fohrbach . » Jetzt trete ich auf Seite der Anderen und verlange die Geschichte aus W. « » Eine Geschichte , meine Herren , « fuhr der Herzog fort , » über die ich Einiges habe munkeln hören , und in die auch ich halb verwickelt sein soll . Ich wollte sie damals schon erfahren , doch wich er mir anfänglich aus , und wenige Tage nachher war er verschwunden . - Das sind jetzt sechs Jahre ; urtheilen Sie selbst , ob ich lange genug gewartet habe . Sehen Sie , lieber Steinfeld , hätten Sie damals mir allein gebeichtet , so wäre Ihnen das heute vor einer größeren Versammlung erspart geblieben . « » Es hätte mich damals keine Macht der Erde bewegen können , eine Silbe über diese Geschichte zu sprechen , « entgegnete der Andere sehr ernst . - Doch jetzt ist ja Alles vorüber ! « setzte er mit einem leisen Seufzer hinzu . » Also die Begebenheit ! « rief munter Graf Fohrbach . - » Wir sind ja unter lauter guten Freunden , « fuhr er fort und betrachtete die vor dem Kamine Sitzenden der Reihe nach . - Den Baron Brand hatte er in diesem Augenblicke vergessen , denn dieser entging seinen Blicken , da er sich wenige Sekunden vorher auf einen ganz niedrigen Sessel hinter den Herzog gesetzt hatte , und so durch Seine Durchlaucht vollkommen gedeckt wurde . » Es mögen also jetzt sechs Jahre sein , da waren wir zusammen in W. , Seine Durchlaucht der Herr Herzog in Begleitung anderer höchster Personen , und ich wiederum in Begleitung des Herrn Herzogs . « » Aber ohne offiziellen Charakter , « sagte dieser lachend . » Ganz richtig , « fuhr der Erzähler fort . » Ich hatte das unschätzbare Glück , Seine Durchlaucht unterhalten zu dürfen , wenn Niemand Besseres da war , mit ihr dejeuniren und diniren zu müssen , Sie auf Spaziergängen , Fahrten und Ritten zu begleiten ; wobei es mir aber nie erlaubt war , meine wunderbare Dragoner-Uniform anzuziehen . « » Pfui , Steinfeld ! « rief der Herzog . » Wie sind Sie bei den Tscherkssen verwildert ! « » Aber damals war ich es noch nicht , gnädiger Herr , das müssen Sie