ihrem Eheherrn . Übrigens ist es eine ganz gute und liebe Dame , und wenn ich sterbe , so werde ich diesen ganzen Trödel hier zusammenpacken lassen und ihr zuschicken ; vielleicht , wenn es gut geht , rutscht er mit der Zeit weiter ostwärts wieder nach Asien hinüber , woher unsere Urväter gekommen sind , und findet da ein gemütliches Grab ! « Dorothea , welche sah , daß ihrem Gaste diese Reden sehr behagten , aber selbst in ihrem Hochmut verharrte , sagte nun in der alten , halb teilnehmenden , halb gleichgültigen , ja sogar fast mokanten Weise zu ihm » Sie scheinen aber auch von einer Art guter Herkunft zu sein , Herr Lee ? wenigstens freuen Sie sich am Anfang Ihres hübschen Buches Ihrer wackeren bürgertichen Eltern ? « » Allerdings « , sagte Heinrich , dem diese Frage in diesem Augenblick etwas überquer kam , errötend , » bin ich auch nicht auf der Straße gefunden ! « Da klatschte sie plötzlich jubelnd in die Hände , indem sie wieder ihre gestrige offene und natürliche Art annahm , und rief fröhlich » Nun hab ich Sie doch gefangen ! Aber ich bin auf der Straße gefunden , wie Sie mich da sehen ! « Heinrich sah sie verblüfft an und wußte nicht , was das heißen sollte , indessen sie fortfuhr , sich zu freuen , und rief » Sehen Sie , nun konnt ich Sie doch noch verblüfft machen , der sich von diesen Herrlichkeiten so gar nicht verblüffen ließ ! Ja , ja , mein gestrenger Herr von braver Abkunft , ich bin das richtigste Findelkind und heiße mit Namen Dortchen Schönfund und nicht anders , so hat mich mein lieber Pflegepapa getauft ! « Heinrich sah den Grafen verwundert an , und dieser lachte und sagte » Ei , ist dies also nun das Ziel deines Witzes ? Wir mußten nämlich gestern abend lachen , lieber Freund ! als wir Ihre Worte lasen wenn Sie sich selbst bei der Nase fassen , so seien Sie sattsam überzeugt , daß Sie zweiunddreißig Ahnen besäßen ! Als wir aber dann die ganz gesunde Freude lasen , welche Sie doch äußern , so ehrliche Eltern zu besitzen , und wie Sie sich doch nicht enthalten können , über die Vorfahren einige Vermutungen aufzustellen , mußten wir wieder lachen ; nur das liebe Kind hier schmollte und beklagte sich , daß alle , Adelige wie Bürgerliche und Bauern , sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich gänzlich schämen müsse und gar keine Herkunft habe ; denn ich habe sie wirklich auf der Straße gefunden , und sie ist meine brave und kluge Pflegetochter . « Er streichelte ihr wohlgefällig die Locken , Heinrich aber war ganz beschämt und sagte kleinlaut » Ich glaube wenigstens zu sehen , daß ich Sie nicht ernstlich beleidigt habe , mein Fräulein ! - Was jene Anzüglichkeiten betrifft in meinem Geschreibsel über die adelige und bürgerliche Herkunft , so glaube ich nicht , daß ich sie jetzt noch machen würde ; denn ich habe seither gelernt , daß jeder seine Würde am füglichsten wahrt , wenn er andere vor allen Dingen als Menschen betrachtet und gelten läßt und dann sich gar nicht mit ihnen vergleicht und abwägt , haben sie auch welche Stellung und Meinungen sie wollen , sondern auf sich selbst ruht , sich nicht verblüffen läßt , aber auch nicht darauf ausgeht , andere zu verblüffen , denn dies ist immer unhöflich und von ordinärer Art. So gestehe ich , daß ich die jetzige Beschämung vollkommen verdient habe , indem ich mich doch verlocken ließ , die vermeintlich stolze Gräfin abtrumpfen zu wollen , anstatt sie in ihrer Art und Weise ungeschoren zu lassen ! Übrigens ist Ihre Abkunft doch noch die vornehmste , denn Sie kommen so recht unmittelbar aus Gottes weiter Welt , und man kann sich ja die hochgestelltesten und wunderbarsten Dinge darunter denken ! « » Nein « , sagte der Graf , » wir wollen sie um Gottes willen nicht zu einer verwunschenen Prinzessin machen , die Sache ist sehr einfach und klar . Vor zwanzig Jahren , als meine Frau eben gestorben , trieb ich mich sehr ungebärdig und schmerzlich im Lande herum und kam an die Donau . Eines Abends , als eben die Sonne unterging , fand ich in ihrem Scheine ein zweijähriges Kind mutterseelenallein im Felde auf einem hölzernen Bänkchen sitzen , das unter einem Äpfelbaume war . Die Schönheit des Kindes rührte mich , und ich blieb stehen , da es zugleich verlangend die Ärmchen nach mir ausstreckte und durch reichliche Tränen lächelte , so froh schien es , einen Menschen zu sehen . Ich schaute lange aus , ob niemand Angehöriger in der Nähe sei , und da ich niemand entdeckte im weiten Felde , setzte ich mich auf das Bänkchen und nahm das Kind auf den Schoß , das auch alsogleich einschlief . Da nach Verlauf einer halben Stunde sich niemand zeigte , nahm ich es getrost auf den Arm und ging nach dem nächsten Dorfe , um Nachfrage zu halten . Das Kind gehörte nicht in das Dorf noch in die Gegend überhaupt ; hingegen erfuhr ich , daß im Laufe des Nachmittages eine Schar Auswanderer durchgezogen mit Weib und Kindern , die nach dem südlichen Rußland gingen und sich etwas weiter unten am Flusse den folgenden Morgen einschiffen wollten . Ich gab das Kind nicht aus den Händen , blieb in dem Dorfe über Nacht und begab mich mit dem Morgengrauen nach der bezeichneten Stelle , wo ich den Trupp schon im Begriffe fand , zu Schiffe zu gehen . Es fand sich , daß die Mutter des Kindes , eine junge Witwe , unterwegs gestorben und begraben worden und daß die Gesellschaft dasselbe gemeinschaftlich mitgenommen . Aber noch war es nicht einmal vermißt worden , das arme Geschöpfchen , das sich während des Ausruhens verlaufen , und die guten Leute erschraken sehr , da ich mit dem lieben Tierchen unvermutet erschien . Es brauchte indes nicht viel Beredsamkeit , bis sie mir meinen Fund überließen , da er soviel wie nichts besaß und die arme tote Mutter auf ihre gute Person allein die Hoffnungen der Zukunft gegründet hatte . Aber so eilig ging es zu mit der Abfahrt , daß ich mich nicht einmal nach den genaueren Namen erkundigen konnte . Das wurde rein vergessen , und ich erinnerte mich nachher nur , daß die Leute aus Schwaben gekommen . Von dem Kinde erfuhr ich , daß es Dortchen heiße , und so nannte ich es Dortchen Schönfund , als ich ihm später sein Heimatsrecht bei mir sicherte , und so wissen wir endlich nur , daß Dortchen Schönfund hier ein Schwäblein ist ! Es nahm aber von Jahr zu Jahr so sehr und mit solcher Leichtigkeit zu an Anmut , Tugend und Sitte , daß wir die kleine Hexe ohne Wahl vollkommen als die Tochter des Hauses halten und noch froh sein mußten , wenn sie nicht uns über den Kopf wuchs in allen guten Dingen . Meine Schwester , die Adelige , wollte auch durchaus Mittel finden , das Wesen durch irgendeinen armen Teufel von Grafen zur Aufrechthaltung dieses alten Kastells zu verwenden , aber , wie gesagt , hieran ist mir nichts gelegen , und Schönfündchen ist mir dazu zu gut ! « Das Fräulein hatte bei Erwähnung ihres Fundes und besonders ihrer armen unbekannten Mutter einige heiße Tränen vergossen , das schöne Köpfchen vornübergebeugt und in das Taschentuch gedrückt . Doch lächelte sie schon wieder und sagte » So , Herr Lee ! nun kennen Sie meine glorreiche Geschichte und können mich bedauerlich ansehen ! Nun , so sehen Sie mich doch ein bißchen bedauerlich an ! « » Ich werde mich wohl hüten « , sagte dieser , » ich empfinde erst recht den tiefsten Respekt , Fräulein ! und sehe gar nichts an Ihnen , das zu bedauern wäre ; vielmehr bedauert man sich sogleich selbst , wenn man so vor Ihnen dasitzt . « Er schämte sich aber , dies gesagt zu haben , und sah verlegen auf seinen Teller , während er in der Tat eine erhöhte Ehrerbietung gegen das Mädchen empfand , da alle ihre Feinheit und Würde einzig in ihrer Person beruhte und weder erworben noch anerzogen schien . Als man aufstand , hatte der Graf einige Geschäfte mit den Landleuten abzutun und ließ Heinrich die Wahl , ob er ihn begleiten oder sich allein in Haus und Garten umtreiben oder in der Gesellschaft seiner Pflegetochter bleiben wolle . Heinrich zog vor , da es ihm schicklicher schien , sich in die Gärten zu begeben , und tat dies auch , nachdem der Graf sich entfernt . Die Sonne hatte wieder den ganzen Tag geschienen , und es war ein heiteres warmes Herbstwetter geworden . Elftes Kapitel Höchst angenehm gestimmt und aufgeregt ging er in dem schönen Garten umher und fühlte sich lieblich geschmeichelt und gestreichelt durch den artigen Scherz , welchen das Fräulein mit ihm aufgeführt , sowie durch die unbefangene Art , mit welcher sie die Erzählung ihres Herkommens und ihrer Verhältnisse veranlaßt hatte . Aber erst unter den dunklen Bäumen des Lustwaldes stieg ihm plötzlich der schmeichelhafte Gedanke auf , daß er der Schönen am Ende wohl gefallen müsse , weil sie so unverhohlen und freundlich sich mit ihm zu tun machte , und er warf unverweilt sein inneres Auge auf sie mit großem Wohlwollen , auch stellte sich ihm im Fluge ein herrliches und edles Leben dar mit allen seinen Zierden an der Seite dieses guten und liebenswerten Frauenzimmers . Heftig schritt er in dem kühlen Schatten umher und fühlte sein Herz ganz gewaltig schwellen , und er kam sich im höchsten Grade glückselig und deshalb liebenswürdig vor . Aber auf dem obersten Gipfel dieser schönen Einbildungen ließ er den Kopf urplötzlich sinken , indem es ihm unvermutet einfiel , daß dergleichen unbefangene Scherze , frohes Benehmen und Zutraulichkeit ja eben die Kennzeichen und Sitten feiner , natürlicher und wohlgearteter Menschen und einer glücklichen heiteren Geselligkeit wären , welche jeden , den sie einmal arglos aufgenommen und zu kennen glaubt , auch ohne Arg mit ganzer Freundlichkeit behandelt ; daß es ebenso wohl das Kennzeichen der Grobheit und Ungezogenheit wäre , zum Danke für solche feine Freundlichkeit sogleich das Auge auf die Inhaberinnen derselben zu werfen und ihre Person mit unverschämten und eigenmächtigen Gedanken in Beschlag zu nehmen . So hoch diese sich vorhin verstiegen hatten , um so tiefere Demut befiel ihn jetzt , und er beschloß in derselben , die Schönste gegen sich selbst in Schutz zu nehmen , nicht ahnend , daß eine Neigung , die schon mit solcher inniger Achtung vor ihrem Gegenstande beginnt , das allerschärfste Schwert in sich birgt . Und er beschloß , ganz gründlich zu Werke zu gehen und die Dame auch in dem geheimsten Gemüte nicht zu lieben , so daß sie unbewußt ganz unbedenklich in demselben wohnen könne , nur von seiner uneigennützigsten Ehrerbietung und guten Freundschaft umgeben . Dieser herzhafte Beschluß schwellte ihm abermals die Brust und hielt dann sein Blut auf in seinem Laufe , aber sehr schmerzlich süß , daß es ihm wohl und weh dabei ward . Ersteres , weil es immer wohltut , einem liebenswürdigen Wesen Gutes zu erweisen , selbst wenn das durch Entsagung geschieht , und weh , weil es doch eine häkliche Sache ist , eine junge Neigung so ohne weiteres abzuwürgen und eine ganze werdende mögliche Welt im Keime zu zertreten . Indem er dies schmerzliche Gefühl empfand und darüber nachdachte , sagte er » Im Grunde - ein Mädchen zu lieben ist nie eine Unhöflichkeit , wenn man nur etwas Rechtes ist ! Aber von mir würde es jetzt unhöflich und grob sein , weil ich ja nichts , ach so gar nichts bin und erst alles werden muß ! « Zum ersten Mal bereute er so recht die vergangenen Jahre und die scheinbar nutzlose lugend , die ihn jetzt von dieser Erscheinung überrascht werden ließ , ohne daß er bereit und wert war , auch nur im geheimen eine herzhafte Leidenschaft aufkommen zu lassen und zu nähren . Er fuhr seufzend mit der Hand durch das Haar und entdeckte , daß er keinen Hut auf dem Kopfe hatte . » Ein Kerl ! « rief er , » der nicht einmal einen guten Hut , das Zeichen der Freien , auf dem Kopfe trägt ! Da lauf ich barhäuptig wie ein Mönch in fremdem Besitztum umher ! Ich muß einmal nach meinem Hute sehen ! « Er lief in das Gartenhaus . Das freundliche Apollönchen allein war da und holte ihm auf sein Begehren seinen Hut hervor ; aber sie hielt denselben mit einem schalkhaften Lächeln dar , soweit dies ihrer Gutmütigkeit immer möglich war ; denn der Hut sah schändlich aus und war gänzlich zugrunde gerichtet . Vom Regen war er noch aus aller Form gewichen und stellte sich von allen Seiten , wie man ihn auch wenden mochte , als ein höhnisches Unding vor . Wie Heinrich ihn so trostlos in der Hand hielt und Apollönchen mit verhaltenem Lachen dabeistand , trat Dorothea aus dem Saale herein und rief » Wo ist denn das Herrchen ? Ach , da sind Sie ja ! Wenn es Ihnen lieb ist , so wollen wir doch ein wenig spazierengehen , sehen Sie hier , da habe ich Ihnen einen Hut zurechtgezimmert , der Ihnen hoffentlich wohl anstehen soll ! « Wirklich hielt sie einen breiten grauen Jägerhut in der Hand , um den ein grünes Band geschlungen war . Sie setzte ihm denselben auf und sagte » Lassen Sie sehen ! Ei vortrefflich , sage ich Ihnen , sieh mal , Apollönchen ! Ich habe mir erlaubt , Ihre Jugendfarbe daran anzubringen , damit wir doch ein bißchen grünen Heinrich hier haben ! Ist dies Ihr Hut ? Wollten Sie den aufsetzen ? Zeigen Sie ! « » Ach , sehen Sie ihn doch nicht an ! « rief Heinrich und wollte ihn wegnehmen , aber sie entschlüpfte ihm , und den Trübseligen pathetisch vor sich hinhaltend , sagte sie » Lassen Sie ! Ich möchte gar zu gern ein solch schlechtes Ding und Krone der Armut einmal ganz in der Nähe besehen ! Ja , es ist wahr ! kummervoll sieht er aus , der Hut ! Aber wissen Sie , ich möchte doch einmal ein Bursche sein und mit solchem verwegenen Unglückshut so ganz allein in der Welt herumwandern ! Aber durchaus müssen wir ihn in unserm Rittersaal aufpflanzen als eine Trophäe unserer Zeit unter den alten Eisenhüten ! « Heinrich entriß ihr die Trophäe und steckte sie in den Ofen , in dem eben ein helles Feuer brannte , und ging mit ihr , die ihn darüber ausschalt , ins Freie . » Wenn er einmal verbrannt sein mußte « , sagte sie , » so hätten wir ihn doch auf feierliche Weise verbrennen sollen ! Sie haben in Ihrem Schreibebuch selbst so artig besungen , wie Sie Ihre Dornenkrone lustig auf einem Zimmetfeuerchen verbrennen wollten , nun hätten wir den schlimmen Hut dafür nehmen und ihn dergestalt mit guten Zeremonien verbrennen können , zum Zeichen , daß Sie entschlossen sind , es sich von nun an recht wohl gehen zu lassen ! « Er antwortete hierauf nichts und dachte auch an gar nichts mehr , was er soeben erst gedacht , sondern überließ sich ganz gedankenlos dem Vergnügen , an der Seite der schönen Jungfrau zu sein , welche ihm die Gegend zeigte , vor ihm her über Wassertümpelchen und Geleise sprang , ihr Kleid anmutig aufnehmend , und zuweilen lachend zurücksah , ob er ihr auch ordentlich folge . Seit langer Zeit erging er sich zum ersten Mal wieder auf dem Lande , ohne Sorgen und an einem schönen Abend , und er wurde durch alles dies so wohlgemut , daß er auf die harmloseste Weise mit der Schönen umherlief und lachte und anfing , Witze zu machen , ohne jedoch die Bescheidenheit zu verletzen . Es dunkelte schon , als sie wieder auf dem Kirchhof ankamen , wo sie mit dem Herrn des Hauses zusammentrafen ; dieser nahm Heinrich mit sich fort und begehrte mit ihm zu sprechen , während Dorothea zurückblieb , um noch schnell , soweit es das scheidende Tageslicht erlaubte , die Gräber nachzusehen , welche ordentlich unter ihrer Obhut zu stehen schienen . » Ich habe « , sagte der Graf , » jetzt alles überdacht , was wir tun wollen . Ich habe in der Hauptstadt einige Geschäfte und muß diesen Herbst noch hinreisen . So wollen wir gleich morgen zusammen hingehen ; Sie versehen sich da mit allem Nötigen , vorzüglich aber mit einigem Handwerkszeuge , soviel Sie zur Vollendung eines oder zweier ansehnlichen Bilder bedürfen , und dann kehren wir hierher zurück ; denn ich möchte Sie durchaus nicht mehr in der Stadt wissen , und Sie müssen sich vollkommen wohl befinden auf einige Zeit , dies legt eigentlich den besten Grund zu einem guten Wesen ; denn die Welt ist nicht auf Grämlichkeit und Unzufriedenheit , sondern auf das Gegenteil gegründet . Hier machen Sie mit leichtem Mut eine gute Arbeit , Sie werden es tun , ich weiß es ; obgleich ich eigentlich kein Kunstschmecker und Kenner von Profession bin und nur für weniges Gutes , was in seiner ganzen Art mich anspricht , mich zuweilen interessiere , so weiß ich dennoch , daß es in Ihrem bisherigen Handwerke gerade so zugeht wie mit allem andern und daß man unter gewissen Umständen mit gutem Sinne immer das kann , was man will , wenn man nur etwas darin getan hat . Ist die Geschichte fertig , so bringen wir sie nach der Stadt , stellen sie aus , und ich werde alsdann mittelst meiner gesellschaftlichen Stellung das Nötige veranlassen , daß Ihre Arbeit gesehen und mit Anstand verkauft wird . Erst dann können Sie mit Ehren dem Handwerke , das Ihnen unzulänglich dünkt , den Rücken wenden und Ihren Sinn auf das Weitere richten . « Hierauf erwiderte Heinrich nichts , sondern blieb einsilbig den übrigen Teil des Abends hindurch , selbst als der seltsame Pfarrer am Abendessen teilnahm und mit kuriosem Humor die Gesellschaft erheiterte . Aber als Heinrich im Bette lag , überdachte er alle diese Dinge mit großen Sorgen ; denn er erinnerte sich erst jetzt mit Macht an seine Mutter , zu welcher er noch gestern unaufhaltsam hatte laufen wollen , und es wollte ihn bedünken , daß er nun unverzüglich seinen Weg fortsetzen und sich durch keine Umstände von dieser so einfachen und natürlichen Absicht ablenken lassen solle . Es schwebte ihm vor , wie wenn der Vorschlag des Grafen , seine Freundschaft , die Schönheit Dorotheas , das gastliche Haus und das feine Leben darin , alles dies eine künstliche , glänzende und lockende Welt wäre , welche ihn von dem harten und schmalen Weg seines guten Instinktes wegziehen und in die Irre führen möchte . Obgleich er über diese unsinnige oder unklare Ahnung sogleich lachen mußte , dachte er doch , es wäre für einmal besser , wenn er seiner Absicht treu bliebe und unverzüglich nach Hause reise , um da auf heimatlichem Boden aus sich selbst heraus und ohne alle Ansprüche zu sehen , was er treibe . Er beschloß desnahen , am andern Tage unverbrüchlich jenen Weg einzuschlagen , anstatt mit dem Grafen zu gehen , und schlief mit diesem Vorsatze ein , aber nicht ohne alsobald wieder aufzuwachen und nichts anderes vor sich zu sehen in der Dunkelheit als das Bild Dorotheas , welches freundlich , aber unbarmherzig allen Schlaf verscheuchte . Hierüber wunderte er sich sehr und fragte sich bedenklich , ob er etwa wirklich verliebt sei ? Es war lange her , seit er dies gewesen , aber dennoch glaubte er aus dem Grunde zu wissen , was Liebe sei , und hielt seine aufgeschriebenen Knabengeschichten noch immer für Meisterwerke leidenschaftlicher Erlebnisse . Und dennoch konnte er sich jetzo nicht entsinnen , auch nur ein einziges Mal etwa nicht geschlafen zu haben während jener Geschichten , und war ganz verblüfft , erst jetzt ein ihm bisher unbekanntes Gefühl seinen Rumor beginnen zu sehen , welches ganz anders ins Zeug und in die Tiefe zu gehen schien als alle jene Verwirrungen und Anfängerstückchen . Eine frohe Bangigkeit durchschauerte ihn , Furcht und Lust zugleich , sich selbst zu verlieren , und so gefährliche Dinge schienen sich da ankündigen zu wollen , daß er doppelt beschloß , sich am andern Tage zu flüchten . Aber als er in der Frühe geweckt wurde und ein Wagen schon im Hofe stand , während der Graf und Heinrich das Frühstück nahmen , war es ihm nicht möglich , mit einem Worte seines Entschlusses zu erwähnen , ja er dachte kaum noch daran , da es sich von selbst zu verstehen schien , daß er nie einen Augenblick im Ernste von der Seite dieser Person wegkäme . Ohne weiteres stieg er mit seinem Beschützer in den Wagen und mußte der Dorothea versprechen , sich in der Hauptstadt wieder einen grünen Rock anzuschaffen . Als er das versprach und der Wagen in den sonnigen Herbst hinausrollte in der gastlichen Gegend , war es ihm , als ob er böse wäre auf seine arme Mutter , die da im Vaterland säße und in ihrem Schweigen die unerhörtesten Ansprüche erhöbe , alles zu lassen und stracks ein ungeteiltes Herz zu ihr zu bringen ; denn in seiner Konfusion und bei der Neuheit der Empfindung glaubte er , daß es jetzt um die Liebe zu seiner Mutter geschehen sein müsse , da er eine Fremde mit solchen Augen ansah , wie er noch nie eine angesehen . In der Stadt angekommen , sah er sich die Straßen , in denen er in seiner Trübseligkeit umhergegangen , mit Muße an und ging in Gedanken immer selbander durch dieselben hin . Er kaufte sich zwei große Stücke Leinwand und alles dazugehörige Zeug , auch versah er sich mit neuen Kleidern und Effekten , und endlich wollte der Graf auch den alten Trödler aufsuchen , um durchaus die größeren Sachen Heinrichs wiederzuerwerben , die derselbe ihm verkauft . Sie gingen miteinander hin und fanden in dem dunklen Gäßchen den kleinen Laden halb verschlossen . Die andere Hälfte stand nur so weit offen , soviel Licht einzulassen , als eine kleine armselige Auktion brauchte , welche in der Spelunke stattfand ; denn das Männchen war vor wenigen Wochen gestorben . Dies tat Heinrich sehr weh , und er bereute es nun , nicht mehr zu dem Alten gegangen zu sein , da er es bei aller Wunderlichkeit so gut mit ihm gemeint hatte . Es trieben sich nur wenige geringe Leute in dem Laden herum und gingen die dunkle Treppe auf und nieder in der engen Wohnung des Verschwundenen , um den niemand sich sonst gekümmert hatte und der auch um niemanden sich gekümmert . Heinrichs Bilder waren noch alle da mit den übrigen Siebensachen , und es kostete wenige Mühe und noch weniger Mittel , derselben habhaft zu werden . Er verpackte sie im Gasthofe , sie nahmen dieselben gleich mit , und Heinrich sah mit angenehmen Gefühlen wenigstens den wesentlicheren Teil seines ehemaligen Besitztumes wieder beisammen und in einem guten Hause aufgehoben , wo er selbst so gern zeitlebens geblieben wäre . Zwölftes Kapitel Was der Graf vorausgesagt , geschah nun wirklich . Heinrich schlug in einem hellen Gemache seine Werkstatt auf , zwei große ausgespannte Tücher luden mit ihrer weißen Fläche Auge und Hand ein , sich darauf zu ergehen , die alten Bilder und Kartons hingen stattlich an der Wand , und seine Studien lagen ihm bequem zur Hand . Man kann eine Übung lange Zeit unterbrochen haben und dennoch , wenn man sie zu guter Stunde plötzlich wieder beginnt mit einem neuen Bewußtsein und vermehrter innerer Erfahrung , etwas hervorbringen , das alles übertrifft , was man einst bei fortgesetztem Fleiße und hastigem Streben zuwege gebracht ; eine günstigere Sonne scheint über dem spätern Tun zu leuchten . So ging es jetzt Heinrich ; er machte zwei große Forstbilder , einen Laubwald und einen Nadelwald , welche er sich als freundlichen grünen Schmuck für ein lichtes kleines Gemach dachte oder für ein hübsches Treppenhaus , damit da etwa im Winter oder in den Stadtmauern einige Grünigkeiten seien . Die Motive nahm er weislich aus den forstreichen Umgebungen des Landsitzes und komponierte nicht viel darin herum , vielmehr fühlte er einmal das Bedürfnis , das Vorhandene wesentlich darzustellen und es für jedes offene Auge erfrischend und wohlgefällig zu machen . Er überhastete sich nicht und schleppte oder faulenzte nicht , sondern führte Zug um Zug fort , bei der Beschäftigung mit dem einen , ohne zerstreut zu sein , an den nächsten und an das Ganze denkend , und indem es ihm wohl gelang , freute er sich dessen und lachte darüber , ohne im geringsten seinen Entschluß zu ändern und etwa neue Hoffnungen auf dergleichen zu setzen . Indem er so sich mit etwas abgab , das er auf immer zu verlassen gedachte und nur aus äußeren Nützlichkeitsgründen noch einmal vornahm , behandelte er diese Arbeit doch mit aller Liebe und Aufmerksamkeit , und diese ruhige und klare Liebe gab ihm fast mühelos die rechten Mittel ein , so daß unversehens die Bilder eine Farbe bekamen , als ob er von jeher gut gemalt hätte und die Gewandtheit und Zweckmäßigkeit selber wäre . Dies machte ihm das größte Vergnügen , und er bereute gar nicht , daß es das erste und letzte Mal sein sollte , wo er ein guter Maler war , vielmehr dachte er schon während dieser Arbeit an die neue Zukunft , und während er zweckmäßige und besonnene klare Farben aufsetzte , gingen ihm allerhand Gedanken von der Zweckmäßigkeit des Lebens überhaupt durch den Kopf . Der Graf war kein Gelehrter , was man so heißt , aber er kannte den Wert und die Bedeutung aller Disziplinen und wußte für das , wessen er bedurfte , sich das Wesentliche sogleich zu beschaffen und anzueignen , und immer war bei ihm guter Rat und ein gesundes menschliches Urteil zu finden . Demgemäß waren auch seine Büchervorräte und andere Hilfsmittel beschaffen , so daß Heinrich ganz ordentliche Studien betreiben konnte in den Mußestunden und den langen Nächten ; denn er war jetzt immer wach und munter , und eigentlich war ihm alles Mußezeit oder alles Arbeitszeit , er mochte machen , was er wollte . Er studierte jetzt verschiedene Geschichtsvorgänge ganz im einzelnen in ihrer faktischen und rhetorischen Dialektik , und fast war es ihm gleichgültig , was für ein Vorgang es war , überall nur das eine und alles sehend , was in allen Dingen wirkt und treibt , und eben dieses eine packen lernend , wie die jungen Füchse eine Wachtel . Neben diesen erheblichen Sachen fand er noch in dem Hause die beste Gelegenheit , manche gute und nützliche Dinge zu lernen , an welche er bisher nicht gedacht und deren Mangel er erst jetzt bemerkte . Obgleich der Graf seiner sogenannten radikalen Gesinnung und abweichender Handlungen wegen in der ganzen Gegend bei Standesgenossen und anderen Respektspersonen verschrieen und verhaßt war , so hielt er doch einen gewissen Verkehr mit ihnen aufrecht und zwang sie , während seiner Gegenwart wenigstens menschlich und möglichst anständig zu sein , wobei ihn seine Pflegetochter mit geringer Mühe und großem Erfolge unterstützte . So kam es , daß der Gehaßte und Verleumdete doch überall willkommen war und die verkommenen übelwollenden Gesichter gegen ihren Willen aufheiterte , so wie sie sich auch etwas darauf zugute taten , in sein Haus zu kommen , und trotz ihres Nasenrümpfens es nie verfehlten , wenn er von Zeit zu Zeit die Pflichten der Nachbarschaft übte . Heinrich , als aus den mittleren alten Schichten des Volkes entsprungen , hatte bis jetzt dergleichen nicht geahnt oder geübt . Wen er nicht leiden konnte , mit dem ging er nicht um und war gewohnt , seine Abneigung wenig zu verhehlen sowie auch jede Unverschämtheit sogleich zu erwidern und nichts zu ertragen , was ihn nicht ansprach . Diese Volksart , an sich gut und tugendhaft , ist in der gebildeten Gesellschaft hinderlich und unstatthaft , da in dieser wegen der Ungeschicklichkeit im Kleinen das Große und Wichtige gehemmt und getötet wird . Das Volk braucht nicht duldsam zu sein im Kleinen , weil es das Große zu ertragen versteht ; jene aber , welche dieses ohnehin nicht haben oder es selten ertragen können , sind darauf angewiesen , für ihre Armut und Fratzenhaftigkeit Nachsicht und Duldung zu verlangen und gegenseitig zu üben , so daß hieraus ein starker Teil der guten Sitte entspringt , die sich sogar zu veredeln und etwas Tieferes zu werden fähig ist . So lernte jetzt Heinrich nach dem Beispiele des Grafen sich auf seinem Stuhle ruhig zu verhalten , die Fratzen , die Rotznasen und die Erbsenschneller zu ertragen und sich gegen jedermann artig zu benehmen , und was er erst mehr heuchelte , als in guten Treuen empfand , lernte er nach und nach in der besten Meinung von innen heraus tun und befand sich um vieles wohler dabei , ersehend , wie in jedem Geschöpfe etwas ist , was wert ist , daß man einige Liebe auf es wirft und ihm einigen Wert verleiht . Zuletzt schämte er sich sogar bitterlich seines frühern Übermutes und fühlte , wie weit mehr man Gefahr läuft , den Armen und Widersinnigen gleich zu werden , wenn man sie befehdet und zwackt , als wenn man sie gewähren läßt ; denn sie haben etwas Dämonisches und Verheerendes an sich . In einem ganz sonderlichen Verhältnisse zu dem Hause stand der katholische Pfarrer des Ortes , welcher so oft in Gesellschaft des Grafen