Es war kein angenehmer Gedanke . Er wollte nicht durch einen Vater , noch weniger durch einen Gensd ' arme-Rittmeister , es war sein Stolz gewesen , nur durch sich empfohlen zu sein . » War das nicht auch vielleicht Phantasie , « fuhr er aus seinen Träumen auf , » eine fixe Idee , wie die der guten alten Oberkirchenräthin ? Bewegen wir uns nicht Alle in einem großen Gespinnst , über das wir nie hinausfliegen , wie wir uns auch anstrengen ? Wir sehen nur nicht das Gängelband , an dem man uns führt . Ja , Alle sind wir eingeführt in die Kreise , wo wir wirken sollen ; der durch seinen Namen , Herkunft , der durch die glatten Wangen , das Geld des Vaters , es war ihm mitgegeben , als er geboren ward . Der ruft den Schneider , den Coiffeur , den Tanzmeister zu Hülfe . Sie lesen , bilden sich , um zu wirken . Was wäre unser ernstestes Studium , wenn uns nicht doch , als endliches Ziel , ein Wirkungskreis vor Augen stände , der uns gefällig machen soll , uns unter den Menschen erhebt , einen Einfluß verschafft ! Warum nun , wo wir immerfort Hülfe suchen müssen , um die Lücken unseres dürftigen Ichs auszufüllen , die von uns stoßen , die man uns darreicht , die von selbst da ist ! Das Netz , das uns umschlingt , heißt Konnexionswesen . Ist ' s nicht in unsere Natur eingeimpft , bedingt durch unsere Gesellschaft , unser Gemeinwesen , lag es nicht ausgeprägt in unserm zünftigen , deutschen Sippschaftswesen ? Der Sohn schlüpfte in die Kundschaft , Rüstung , die Lehen seines Vaters , die Gesetze drückten ein Auge zu , die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem Recht . So überall . Wir sehen freilich Lumpe auf diesem Wege steigen , wo das Verdienst zur Thür hinausgewiesen wird . Warum lässt es sich ausweisen ? Warum greift es nicht zu den Mitteln , welche die Vorsehung ihm bot ? Ist das nicht viel mehr Hochmuth , vielleicht der impertinenteste Dünkel , sich nur selbst genügen zu wollen ? Sollen wir nicht klug sein , wie die Schlangen ? Und was Klugheit ! Grassirt nicht unter diesen Menschen die Manie zu protegiren ? Sie locken uns ; wir brauchen nur zuzugreifen . Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit Derer , die aus sich nichts machen können , Andere zu erheben , die sich ihnen fügen , ihren Launen schmeicheln , in ihre Gedanken hineinlügen . So entstanden Schulen , künstlerische , philosophische , religiöse , so erwuchs das Königthum zu der mythischen Größe . Man erhob sich , weil man Kleinere unter sich groß werden ließ . Man unterließ den Pyramidenbau , weil man inne ward , daß man doch nicht über die Wolken dringe ; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füßen betrachtete , um so erhabener dünkte man sich selbst . Es ist ihr Spielzeug , warum erfassen wir es nicht , und lassen sie spielen zu unserm Zwecke ! « Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe , schräg dem Hotel gegenüber . Ein Theil dieser Fenster war mit grünen Jalousieen verschlossen ; sie schienen nicht erst heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen , der dicke Staub darauf sprach von einem langen Verschluß . Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines , worin Krankenluft wehte . Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren . Er hielt seitwärts . Man streute das Stroh langsam auf das Pflaster vor dem Hause . Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf , eine weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus . Die Geheimräthin Lupinus gab den Leuten Anweisungen , die er nicht hörte . Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde und wehte sich frische Luft zu . - Man nannte die Lupinus eine unglückliche , schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau . Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe , mit welcher sie die harten Unfälle , die Schlag auf Schlag sie trafen , ertrug . Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten , und musste von ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden , zuweilen auch an sich selbst zu denken . Die Zufälle des Geheimraths sollten besonderer Art sein , und er seine Pflegerin durch wunderbare Phantasieen plagen . Von alledem merkte man nichts , wenn sie in der Gesellschaft erschien . Sie sprach von dem , was ihr bevorstehe , mit Ruhe und Fassung . Sie mache sich keine Illusionen , wenn auch die Ärzte ihr Trost zusprächen : mit einem Seufzer fügte sie hinzu , sie habe in ihrem Leben die Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennen gelernt . Sie citirte gern Stellen aus Mendelssohns Plato . Was sei denn das Leben anders , als ein Gefängniß oder ein Wachtposten , aus dem die Seele sich hinaussehnt nach Befreiung oder Ablösung . Sie blickte auch wohl nach den Sternen , und schien über sich selbst zu lächeln , wenn sie in zwei kleinen , die sie bezeichnete , die lieblichen Kinder zu sehen glaubte , die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben müssen . » Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin , « setzte sie mit einem sanften Händedruck hinzu , » dazu bin ich verdorben . Meine Freunde sagen zu oft , daß ich es am Ende glauben muß , ich sei eine Philosophin . Die Leidenschaften , die uns verwirren und aufregen , wer kann von sich rühmen , daß er sie ganz bewältigt , um zu der Ruhe der Seele zu gelangen , welche uns zu wahrhaft Freien macht ! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin , wenn ich nicht einmal so weit Herr über mich ward , wie mein guter Mann ? Er sieht seiner Auflösung mit der Ruhe des Gerechten entgegen , froh wie ein Kind jeden Augenblick genießend , der ihm noch geschenkt ist ; der Sonnenstrahl , der in sein Zimmer fällt , presst ihm ein Lächeln aus , er weht mit der Hand durch die Sonnenstäubchen ; er streichelt den Kater über den Rücken : was wird aus Dir nach meinem Tode werden ? Er kann noch scherzen : ob man nicht Versorgungsanstalten für treue Hausthiere einrichten solle ? Mein Herz blutet bei diesen Scherzen , und das sollte eine Philosophin nicht . Sie sollte auch nicht mehr hoffen , wo der Verstand ihr sagt , daß hinter der Hoffnung ein Strich gemacht werden muß . Ich kann es noch nicht , « sprach sie , sich plötzlich abwendend , das Tuch am Gesicht , » da sehen Sie , was ich für eine Philosophin bin ! « Die Geheimräthin Lupinus ward allgemein bewundert , aber man fröstelte bei dieser Bewunderung und man vermied sie . Walter hatte scharfe Augen . Das Gesicht kam ihm heute besonders spitz vor . Sie schielte ja . Fiel nicht ihr Blick seitwärts über die ganze Straße ? Wie kam ihm die Vorstellung von einem Brennglas , das in der Ferne zünden soll ? Er hatte niemals Zuneigung für sie empfunden . Wie oft hatte er im Gespräch über ernste wissenschaftliche Gegenstände die Schärfe ihres Verstandes , ihre Phantasie im Kombiniren bewundert , aber es war , als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die Anschauung überzog , eine ätzende Substanz , welche die eben noch blühenden Farben verzehrte ; aus dem Gemälde ward ein blauer Kupferstich . Er war nie erhoben durch ihr Gespräch , er ging nie froh von ihr . Was wollte diese Frau ? Jetzt eine Philosophin , die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen ; jetzt schien ihre Brust sich zu heben von Hochgefühlen für Vaterland , Freiheit , für die Heroen der Menschheit . Fand sie eine Schranke , eine eiserne Wand , vor der sie zurücksank nach verzehrendem Kampf ? - Nein , ihre Flügel schienen schon erlahmt , wenn die Zuschauer fortsahen . Und dann wie das Vogelgeschlecht , das auch Flügel hat , aber nie in die Wolken sich erhebt , flatterte sie im Frivolen , Eitlen , gehoben von keinem andern Drang als dem der Gefallsucht . Tausende , die nach dem Interessantsein haschen , zufrieden , wenn irgend etwas als vorzüglich anerkannt wird , sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier , ein kleiner Fuß . ihr feines Whistspiel . Wo blieb sie denn stehen , woran hielt sie sich ? fragte er sich . Wäre sie sich selbst genug ? Auch die Vorstellung , von Allen verkannt zu sein , es ist eine bittere Wollust , aber sie mag zur Säule werden , auf die zuletzt allenfalls eine Säulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewühl herabsieht . Aber - nein , dazu pulste ihr Blut zu ruhig . Der holde Wahnsinn spielte nicht um ihre Schläfe , sie , jeden Augenblick die sich bewusste Beherrscherin ihrer Worte , ihrer Mienen . Wusste sie ja sogar , daß sie den Männern nicht gefiel , daß Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken . Gefühlvolle erkältete ihr Gespräch , Geistvolle fühlten sich gelähmt , nur Solche geriethen in Entzückungen über ihren Geist , die von ihr sich heben und tragen lassen wollten , und auch diese nur so lange , bis sie ihrer nicht mehr bedurften . Und auch das wusste die Unglückselige ! Wohin er blickte , was sie gelten wollte , sie erreichte es nicht . Schwärmte sie für Napoleon , studirte sie Plato , begeisterte sie Fichte , erglühte sie für die Schönheitsformen des Alterthums , war sie plötzlich von patriotischen Gefühlen für die Ehre des Vaterlandes erweckt , war sie die liebevolle Pflegerin des kränkelnden Gatten ? Nichts von alledem ! Walter hatte mathematische Beweise dafür . Sie schloß jetzt wieder die Jalousieen . Die spitzen Finger der magern Hand waren noch sichtbar , wie sie sich mühten eine Schlinge an einen Wandnagel zu befestigen . Es gelang nicht so schnell . Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas Unheimliches für Walter . Was wird sie nun drinnen in der dunklen Stube anfangen ? Handarbeiten ? Sie nahm sie nur vor , wenn Fremde da waren , gewisse angefangene Stücke , die er gut kannte . Stickereien , Nähtereien , die aber nie fertig wurden . Würde sie sich ans Bett des Kranken setzen , den Schweiß von seiner Stirn wischen , seine magere Hand liebevoll streicheln ? Er glaubte durch die Mauer zu sehen , daß sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte . Vielleicht ergriff sie eine Lektüre ? - Was sollte sie lesen ? Und am Krankenbett ! Da lagen gewisse Bücher , Mendelssohns Plato , Tiedge ' s Urania , Fichte , Schleiermacher , aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische . Je nach dem Besuch , der sich meldete , ward eins auf den Tisch gelegt . Die Geheimräthin galt für eine sehr belesene Frau , sie sprach mit Geist über die Novitäten , die - sie nicht gelesen hatte . Walter hatte sie für sie lesen , ihr den Inhalt vortragen müssen . O er wusste Bescheid im Hause ; und wie viel hatte ihm Adelheid mitgetheilt ! - Ein Schmerz , ein Gedanke , ein Blitz zuckte durch seine Brust . Was hatte sie mit Adelheid gewollt ? - Nicht drei Tage waren vergangen , und sie hatte sie gequält , alle ätzende Schärfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen . Was war denn ihre Absicht ? Sein Herz pochte immer heftiger . Ein Möbel , ein Schmuck des Hauses , den man ankauft , um Gäste anzulocken , verdirbt man nicht , man bemüht sich nicht , ihm die natürliche Farbe , seinen Glanz zu rauben . Aber hatte nicht diese Frau - Adelheid hatte es nie ausgesprochen , in ihrem stocken , ihrem Zittern hatte er es gelesen . Mein Gott , was sie gewollt ! - Dunkle Bilder wogten vor seiner Stirn - der Legationsrath , sein räthselhaftes Verhältniß zur Lupinus ! Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen ? - Nein , vergiften - sie vergiften . Aber warum , womit ? Weil Unglückliche den Anblick von Glücklichen nicht ertragen können ? Weil der Adel einer rein gottgeschaffenen Seele zum beständigen Vorwurf für Die wird , welche diesen Adel eingebüßt . Es war plötzlich eine Überzeugung . die ihn durchdrang . Aber war es nur Instinkt gewesen , oder hatte sie systematisch gearbeitet ? Mein Gott , ist es denn möglich , daß eine Frau systematisch an ein solches Geschäft geht ! Es war wohl nur ein Gebilde des Argwohns , und doch - alle ihre Handlungen - und boten Erfahrung und Geschichte ihm . nicht hundert Beispiele einer solchen Verführungslust blos aus dem Gelüst zu verführen ? Wie man dem Tobsüchtigen Wasserstürze giebt , hatte sie auf alle ihre warmen Gefühle einen Eisguß geschüttet . Das junge warme Herz , ja es sollte systematisch erkalten , vor der Zeit absterben , - nicht an eigenen bitteren Erfahrungen , an denen einer egoistischen Seele , die nicht mehr Liebe , Glaube , Hoffnung kannte . Ein blühendes Geschöpf , von der Natur mit allen Frühlingsregungen begabt , wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen . War sie das selbst ? - Nein , etwas lebte doch in der Frau , ein geheimes Feuer - Haß , Neid , eine stille Wollust des Egoismus . Eine kaltherzige Egoistin ist zu Allem fähig . - So wollte sie Adelheid präpariren , zu einer Mitsünderin , einer Verlorenen , Trostlosen . Und er selbst ! - Stand er ohne Schuld da ? Hatte ihn nicht längst eine Ahnung überschlichen , daß die Lupinus dies beabsichtigte ? Und hatte er die Ahnung nicht aus dem Sinn geschlagen , und aus Eigennutz ? War es nicht sein Wunsch gewesen , daß seine Braut dort aushalte , weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte , weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimräthin seinen Wünschen entgegen zu kommen schien , weil er unter andern Verhältnissen , in einem andern Hause für seine Hoffnungen fürchten musste ? Darum hatte er , zwar nicht gegen seine Pflicht gehandelt , aber doch - die Gedankensünde begangen . Selbst ein Egoist , wagte er Andere anzuklagen ! Da rollte die Equipage der Fürstin vorüber , im Fond diese mit Adelheid , auf dem Rücksitz saß Louis Bovillard . Die Fürstin schien zu schlummern . Adelheid und Louis sahen nichts , sie sahen nur sich . Der Wagen war verschwunden , eine Erscheinung . Ein » Gott sei Dank ! « löste sich aus Walters Brust , vielleicht von seinen Lippen . Er fühlte eine wohlthätige Transpiration . Das Schicksal hat es so , es hat es vielleicht zum Besten gefügt . Ja , im Kontobuch stand noch seine Schuld auf der Seite » Soll « , .aber sie war ausgeglichen auf der Seite » Hat « . Er hatte nichts mehr . Seine Geliebte war die Geliebte eines Anderen . Sie war gerettet , und er - verloren ? Nein , er war nur frei geworden , um sein ganzes Ich , ohne Egoismus , hinzugeben einer andern Geliebten , liebten , dem Vaterlande , der Idee , als deren letztes Ziel in der Ferne - Deutschlands Errettung vom Fremdjoch schwebte . Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch und seine Arbeit förderte sich . Er war fertig , als der Minister eintrat . Neunundsechszigstes Kapitel . Alles für einen Andern . Die verfinsterte Stirn des Ministers , mit welcher er eingetreten , erheiterte sich nicht , als er das Papier durchlas . Er flog es nur noch über , als er es auf den Tisch fallen ließ . » Das ist nichts - gar nichts . « - » Euer Excellenz Ideen - « » Die Ausführung taugt nichts . Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den Freimüthigen . Oder an die Zeitung da in Leipzig . Wir arbeiten hier nicht für die elegante Welt . « Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verengte sich , den Entlassungswink anticipirend . » Empfindlich ! Das taugt nicht für die Staatskarriere . « - » Da meine Schrift nichts taugt , kommt wohl darauf nichts mehr an . « - » Man darf nicht der Empfindlichkeit nachhängen , wenn man sich berufen fühlt , für das Gemeinwesen thätig zu sein . « - » Mir wird eben der Beruf abgesprochen . « Der Minister hatte , ohne ihm zu antworten , das Papier wieder in die Hand genommen , und klopfte , indem er sprach , mit der umgekehrten Hand darauf . - » Dürfte « - » sollte « - » wagte ! « » Wie soll das wirken ! Das gleitet an den blasirten Ohren vorüber , wie eine obligate Flöte , die den Waldsturm akkompagniren will . Das Gleichniß vorn , machen Sie ein Gedicht daraus . Diesen hier muß man derb , Schlag auf Schlag , die Nothwendigkeit vors Auge führen . Da ist ein guter Passus , aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt . Und wie sollten sie die Anspielung verstehen ? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen , es ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen . « Walter äußerte etwas davon , daß die Stellung eines Anfängers , der kaum in das Geschäftsleben geblickt , ihm nicht erlaube , sich so fort in die Stellung des Ministers gegen seine Kollegen , oder gegen die Majestät des Königs zu finden . » Das glaube ich gern , « sagte der Minister , der , sichtlich erschöpft und mit andern Gedanken beschäftigt , sich auf das Ruhebett geworfen . » Man muß Vieles erst lernen . « Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung . Der Minister blätterte in einem Notizbuch . Hatte er ihn vergessen ? Plötzlich sprach er : » Setzen Sie sich und schreiben ! « Walter folgte mechanisch . » Nein , hier neben mir ; ich will Ihnen ins Gesicht sehen . « Der Minister sah ihm , kaum zwei Schritte entfernt , ins Gesicht . War das wieder eine seiner eigenthümlichen réparations d ' honneur oder sollte es eine Prüfung sein ? Der Minister dachte an beides nicht . Er übersann ein Thema , mit dem er nicht fertig werden mochte , er steckte das Gedenkbuch wieder in die Tasche : » Es ist gut , ein ander Mal . « Was sollte das heißen ? - Er bestimmte ihm einen anderen Tag . Nein , morgen : überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde . Weshalb ? Wozu ? » Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden . Die Branche , für die Sie sich eignen , muß sich erst ermitteln . « Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an : » Eben war ich auf das Schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt - « » Das ist ausgeglichen , « fiel der Andere ein . » Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben , sich dem Staatsdienst widmen . Ich nehme Ihr Anerbieten an . Wie gesagt , bis sich etwas Bestimmteres findet , betrachte ich Sie als meinen Privat-Sekretär . Ich kann in vielen Dingen Ihre Feder gebrauchen . « - » Ich bin noch nicht gereinigt . Nach einer so schweren Anklage muß der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen . « - » Sind Sie so punktiliös ? Ich sprach mit Fuchsius . Die Sache klärt sich einfach auf . Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war , kam ihm Ihre Schrift zu Händen . « - » Er räumte ein - ? « » Daß er sie benutzt hat . « - » Wer gab ihm ein Recht dazu ? « - » Er hielt die Schrift für eine preisgegebene , verschollene - machen Sie das mit ihm aus . « - » So entblödete er sich nicht , eine fremde Arbeit für die seine auszugeben . « - » Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe , die Ausführung - « » Dreiviertel seiner Schrift - « » Unter anderen Verhältnissen auch würde ich es nicht gut heißen . Hier galt es , eine schwierige Arbeit bald und zum Zwecke tauglich herzustellen . Die suprema lex , das salus reipublicae . Warum doppelt schreiben , was einmal zum Zweck genug ist ? « Der Minister wollte den Regierungsrath gerechtfertigt sehen , es wäre von Walter thöricht gewesen , jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung bestehen . Er gab sie nicht auf , aber er schwieg , weil er auf des Staatsmannes Stirn andere Gedanken gelagert sah . » Ich brauche Jemand , auf den ich mich verlassen kann , der , offenen Kopfes , fähig ist , im Umgang , in der Gesellschaft sich geltend zu machen . Verstehen Sie , Jemanden , der nicht mit de Thür ins Haus fällt , was man mir wohl zum Vorwurf macht der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form zu schmelze weiß . Nicht ein Haarbreit darf er abgeben , aber den Widerstößen soll er eine gewisse Elasticität entgegensetzen . Ich muß ihn brauchen können , nicht zu förmlichen Missionen , für die Form ist Vorrath die Fülle , aber zu gelegentlichen . Keinen Spion , aber er soll die Sinne wach haben . Keinen - « der Minister hielt inne , und als er Walters sich röthende Stirn bemerkte , kam er schnell dem Mißverständniß entgegen . » Er muß von Geburt sein , einen Namen haben , der ihm überall Eingang verschafft , auch am Hofe . Das ist das Traurige , daß die Minister nie mit voller Kraft nach außen und nach innen wirken können , daß sie der Vermittler , Unterhändler bedürfen , nennen Sie ' s immerhin Kundschafter , die sie mit dem Hofe , den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich Kabinetsräthen aufpassen . Jammervoll , unnatürlich ist es , ein Kraftzersplittern , was die besten Intentionen erlahmt , aber es ist nun mal so , und gegen ein Gift braucht man ein Gegengift . « » Unter den Männern von Geburt werden Excellenz eine reiche Auswahl haben . « Der Staatsmann verstand den kleinen Parirhieb , aber mit einem vornehm leichten Aufzucken ging er über etwas hinweg , was zu beachten er nicht für werth hielt . » Die besten sind geschulte Puppen , wenn redlich , steif wie ein Wegweiser . Sie machen Front dahin , wo sie vor zwanzig , dreißig Jahren den Feind sahen ; daß die Dinge sich verändert , daß er jetzt von den Flanken , vom Rücken droht , ist ihnen nicht begreiflich zu machen . Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt . Über das Militär rede ich nicht , nur vom Civil . Da stehn die Posten , wo man sie hingestellt , sich brüstend , daß sie die Stelle nie um einen halben Fuß breit verlassen , aber unaufmerksam , wenn die Contrebande drei Schritte von ihnen bei hellem Tage über die Grenze dringt . Was geht es sie an , sie thun ihre Pflicht ! Wenn die dumpfe Tugendtreue , eigentlich nur Bequemlichkeit , sie auszuhalten drängt , so wäre ihre höhere Tugend und Treue , ihre Befehlshaber aufmerksam zu machen , daß man ihre Kräfte besser verwende . Vor dieser Anmaßung , Überschreitung ihres Dienstes , erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den heiligen Geist . Mag das Vaterland untergehen , wenn sie nur an ihrem Schilderhaus präsentiren . So nicht Einer , nein , Alle , keine Freiheit des Urtheils , keine selbsteigene Bewegungskraft . Je besser die Normalpreußen geschniegelt , gebürstet und geschnürt sind , so kleiner der Kern des Menschen darin . Ja , in Manchem , wenn man ihn aushülst , ist ' s hohl , das Mark in die Rinde geschossen . « » Die Klage der Patrioten ist doch , daß von dieser Schule sich nur zu Viele frei gemacht , « entgegnete Walter . - » Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist , was wundern wir uns über die Überläufer zum andern Extrem ? Diese Ungebundenheit , Frechheit , Lascivität in der Meinung und den Sitten , preise man sie immerhin als Geistesfreiheit , Aufklärung und Liberalität , es sind nur die Symptome einer Auflösung - « » Vor der Gott uns bewahre ! « fiel Walter ein . - » Und nicht bewahren wird , wenn wir nicht selbst etwas dazuthun , wenn wir nicht - « Der Minister war aufgesprungen , er unterbrach sich selbst gewaltsam . Daß er so weit in der ersten Stunde des Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen , schien diesem ein besseres Zeichen der Ehrenrettung . - » Kennen Sie den Legationsrath Wandel ? « fragte der Minister plötzlich . - » Er ist ein Ausländer . « - » Ausländer ! « - Mit einem Lächeln fuhr der Minister fort : » Scheint doch dieser Staat destinirt , von Ausländern seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen . Schwerin war ein Schwedisch-Pommer , Keith ein Brite , Derfflinger ein Österreicher ; auch ist der wackere Blücher ein Mecklenburger , Hardenberg ein Hannoveraner . Moses Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken , und die Väter eines guten Theils unserer Diplomatie , unserer Staatsmänner und Offiziere wussten vor den Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes , das Brandenburg heißt . Vergessen Sie auch nicht , junger Mann , daß die Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind . Eingewanderte , wenn Sie wollen , ich hielt sie für mehr , für Eroberer , - wie der Nilstrom Ägypten erobert hat . « - » Man sagt , Herr von Wandel sei im Thüringischen angesessen . Noch Andere geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande . « - » Meinethalben Island oder Teneriffa , wenn - man muß sich gewöhnen , Preußen anders zu betrachten , als nach dem Naturprozeß . Nation und Staat waren hier nicht eins , sie wurden es . Es kostet auch mich zuweilen Mühe , von den mitgebrachten Vorstellungen zu lassen . Aber es geht nur so , nicht Anders , oder Alles zerfällt . Es war allein der Geist dieser großen Fürstin , der das Verschiedene , Fremdartige aneinander kittete , einen Hauch hineingoß . Diesen Geist muß man lebendig erhalten , immer wieder wärmen die junge Tradition , damit sie nicht alt wird . Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht und Wärmestoff . so greifet nach draußen . Was anderwärts Verbrechen , hier ist es erlaubt , Gebot der Notwendigkeit , der Selbsterhaltung . « » Ich habe nicht die Ehre , Herrn von Wandel näher zu kennen . « » Das Mysteriöse , womit er sich umgiebt , schreckt die Menschen zurück . Ich mag Die nicht tadeln , welche sich hier vor den Blasirtenen verschließen . Eine eiserne Maske vors Gesicht , um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu verrathen ! « - » Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu , als abzustoßen . « - » Charaktere und ernste Sitte bedarf die Nation ; der Staat darf es nicht so genau nehmen . Eine Libertinage , die nicht die publiken Sitten verletzt , darf ich übersehen . Er weiß das Siegel des Anstandes darauf zu drücken . Er beobachtet scharf , hat merveillöse Kenntnisse , Takt , mit seiner Suada entlockt er Geständnisse , ohne selbst etwas zu verrathen , er ist bei den Frauen beliebt , eine fast unerlässliche Eigenschaft eines Diplomaten , den man brauchen will , « setzte der Minister lächelnd hinzu . - » Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin sind Stadtgespräch . « - » Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich . Und zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden , er fürchtet ihn . Das spricht zu seinen Gunsten . « - » So haben Excellenz bereits entschieden - « » Wenn er Feuer in der Brust sich bewahrt hat . Er muß noch glauben können , wenn er nicht mehr lieben kann , hassen , doch aus Herzensgrunde , das Schlechte , Erbärmliche , die Verrätherei , das Schönthun mit den Fremden ; er muß noch hassen können , denn wer nur im Sumpfe fortschwimmt , mit der Resignation , endlich doch zu ertrinken , passt nicht für mich . « - » Er gilt als in intimem Conner mit den Männern der Lombardischen Clique . « - » Wissen Sie , ob er diese Kreaturen nicht nur belauschen , durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur , wenn sie eine haben , ihre geheimsten Gedanken herauslocken will ? Wissen Sie , ob hinter dieser Indifferenz , diesem blasirten Weltbürgerthum nicht ein Haß glimmt , wie ich ihn wünsche ? Ja , dahin sind wir gekommen : bis er seine philanthropischen Schwärmereien , jenen Allerweltsgerechtigkeitssinn , ohne sich selbst je gerecht zu werden , nicht durch Kasteiungen und Blut sühnt , bis er nicht wieder zum Egoisten wird , ist Deutschland verloren . « » Ich glaube , Excellenz , in diesen Studien befindet sich auch unser Volk . « - » Studien ! « Da liegt das Elend . Studien vor einer Krisis ! » Der Haß , der seine Verwünschungen ins Firmament speit , thut es nicht , der Weltsturm treibt die Dünste fort , ehe es zum Gewitter kommt ! Handeln ! und bis dahin ließen wir ' s kommen , daß wir nicht mehr offen handeln dürfen ; die Tugend , die Thatkraft muß sich verbergen , hinter einer Larve agiren . Schlimm , daß es ist , aber es ist . Wir brauchen die Tugenden der Brutus , behüte uns Gott vor ihren Dolchen , aber jener zähen Festigkeit , die