deshalb den glücklichsten Ausgang vorhersage , weil es sogleich im ersten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen wäre und den ganzen Organismus ergriffen hätte . Wenn es eine schleichende , unausgesprochene Form angenommen hätte , sagte er , würde er besorgt sein . Allein eine so gewaltige Erschütterung und der schnelle Ausbruch des Phantasirens erzeugt rasche und gute Krisen . Wir haben ein Nervenfieber , nicht den Typhus . Phantasirt Egon und was ? wollte Helene in ihrer leidenschaftlichen Theilnahme eben fragen ; aber Pauline zog sie fort und flüsterte ihr zu : Mäßigung ! Drommeldey mußte sich nun mit Paulinen beschäftigen , mit ihrem Pulse , den er zu aufgeregt fand , mit ihrem Appetit , den sie für gering erklärte ... Sie haben keine Badereise gemacht , sagte Drommeldey , Sie grübeln zuviel , Sie nehmen das Leben zu ernst . Als Pauline diese » Kur durch Leichtsinn « ablehnte , vertiefte sie sich mit Drommeldey in homöopathische Gespräche , die ihr den Genuß verschafften , mit sich selber zu theoretisiren und eine Art von autodidaktischer Quacksalberei zu treiben ... Sanitätsrath Drommeldey war der gesuchteste Arzt der vornehmen Welt . Er mischte das allopathische Princip mit dem homöopathischen und praktizirte auf diese Art à deux mains . Wer an das Eine nicht glaubte , dem half vielleicht das Andere . Besonders behauptete der kleine , feine , magere , starkgeröthete Herr mit den stechenden listigen Augen , daß die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk des sorgenden Arztes sein müsse . Er hatte durch dies Zauberwort alle vornehmen Frauen gewonnen . Denn eine verstimmte Seele wollen sie alle haben und mehr durch das Gemüth und seine Anregungen , als durch die Pharmakopöe kurirt werden . Drommeldey führte ein Buch über seine Patienten , eine förmliche Chronik ihres ganzen Lebens . Man kann sich denken , wie ihm die Gläubigen anhingen . Die Malades imaginaires behandelte er homöopathisch und ließ sie aus ihren kleinen portativen Apotheken sich die unschädlichsten Dinge selbst dispensiren ; die wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geschick allopathisch an . Er galt nicht nur bei Hofe , sondern mit gleicher Autorität in einem ganzen Bezirk von zwanzig bis dreißig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen . Er war fast in jedem Monat einmal auf einer größeren Reise begriffen . Ihm ganz besonders kamen die Eisenbahnen zu statten , denn sie gaben ihm eine Universalpraxis . Im Übrigen war er keineswegs so kopfhängerisch , wie man nach seiner Verehrung vor der Homöopathie und der medizinischen Wichtigkeit , die er der Seele zuschrieb , hätte glauben sollen . Er liebte ein Glas herben Ungarweins und stritt oft mit dem Justizrath Schlurck , ob die englischen oder holsteinischen Austern nahrhafter wären . Seine Philosophie war so ziemlich die des vorigen Jahrhunderts . Er liebte Anekdoten von Voltaire , Friedrich dem Großen und der Kaiserin Katharina . Ein bon mot stand ihm höher als eine Abhandlung . Sein Wissen wurde besonders von den jungern Ärzten sehr bezweifelt ; allein darum hätt ' er es doch längst zu einem höhern Titel als dem eines Sanitätsrathes - was in der medizinischen Welt soviel wie ein Commerzienrath in der bureaukratischen ist - gebracht , wenn er nicht als halber Homöopath gewissermaßen außerhalb der offiziellen Medizinalverfassung des Landes stand . Die Homöopathie war noch nicht akademisch vertreten . Er verzichtete auf Ehrenämter , begnügte sich mit seinen Orden und den Dukaten , die ihm von allen Seiten zuströmten . Die Säle füllten sich ... Offiziere , Beamte , Künstler kamen , manche nicht ohne Ruf . Es kann nicht unsre Absicht sein , sie Alle zu katalogisiren ... Es war da die stehende Garde der Geheimräthin zugegen . Sie bildete den Stamm ihrer Gesellschaften und konnte recht verletzt werden , wenn sie bei irgend einem größern Mittage oder Abende fehlte . Alle gehörten sie der Richtung an , die noch bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenschaftlich vertreten war . Da es ihr nicht möglich wurde , sich nach der Krisis , in der ihre ästhetische Lebensauffassung zu Grunde ging , auf die Werke der Liebe , die Frauenvereine , die Institute der inneren Mission zu werfen , eine » graue Schwester « , Diakonissin oder Schwanenjungfrau zu werden , so hatte sie es leidenschaftlich mit der Politik und dem conservativen Systeme . Alle diese Anhänger ihrer Fahne waren Beamte , Adlige , Offiziere , auf ' s beflissenste damit beschäftigt , die alte Ordnung der Dinge wiederherzustellen und das demokratische Princip zu bekämpfen . Einige von ihnen sahen in diesem Princip nur die rohen und gemeinen Straßenausbrüche der Demokratie , Andere waren gerechter und gestanden zu , daß die Demokratie das Unglück hatte , in ihren ersten Bildungsformationen eine Menge Schlacken involviren zu müssen ; doch auch das reinere Metall erschien ihnen verderblich und gefährlich . Der Unschuldigste dieser Conservativen war noch der alte Graf Franken , den nichts in seinem Hochtorysmus berührte , an dem Alles abglitt und der erst seit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte , in der Residenz zu wohnen . Viel schroffer schon war der Kammerherr von Ried , ein Schwager Paulinens aus erster Ehe , ein sehr reicher Gutsbesitzer , der zu verarmen fürchtete , wenn die progressive Einkommensteuer und die neue Grundzinsgesetzgebung in Kraft blieb . Die Gespenster des Communismus ließen diesen Mann nicht schlafen . Er hatte eine große Korn-Ligue gestiftet zwischen allen Grundbesitzern des Landes , um den Ministern und Kammern die Spitze zu bieten , ein Unternehmen , über das der Hof nicht wußte , sollte er Freude oder Schrecken empfinden . Kammerherr von Ried organisirte Bauernvereine , die die Gesellschaften der Demokraten bei passenden Gelegenheiten überfielen und Jeden halbtodt prügelten , der sich nicht bereit erklärte , auf der Stelle eine gewisse Landeshymne zu singen . Diese patriotischen Banden wurden fast in der ganzen Monarchie organisirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten , die zwar den Bauernkittel wieder anzogen , aber nicht viel Lust zum Arbeiten hatten , geleitet . In großen Städten wurden von Sackfiedern , Lastträgern , Karrenschiebern solche Kraft-Vereine gebildet . Der Kriegsrath Wisperling , der zugegen war , gehörte zu den schleichenden Naturen , die es verstanden , unter Kanalarbeitern und Schiffsablädern mit einer gefüllten Börse Mannschaften zu werben zu solchen loyalen knüttelhaften Demonstrationen . Er mischte sich auf naive , kindliche Weise unter Brücken-und Bauarbeiter , scherzte , späßelte , theilte Viergroschenstücke aus und veranlaßte eine Zeit lang jeden Sonnabend spät in der Dunkelheit einen Überfall der Clubs und einige halbtodt geschlagene Opfer dieser unzurechnungsfähigen Loyalitätswuth . Einige Sendapostel der Enthaltsamkeitsvereine unterstützten darin diesen sanft flüsternden , immer liebevoll lauernden Kriegsrath Wisperling . Dafür , daß er bei seinen Sonnabend-Abends-Werbungen manchmal irre ging und an die unrechten Elemente im Volke kam und fürchterlich oft schon selbst geschlagen wurde , hatte ihn das Bedauern , das Lob und manche Gratification seiner Vorgesetzten schadlos gehalten . Er wußte , daß er auf der Liste stand , bei nächstens thatkräftigerem Durchbruch der Reaction für dieses eigenthümliche Rekrutiren Geheimer Kriegsrath zu werden . Auch einer dieser Sendapostel war zugegen , Baron von Held . Er reiste für die Ausrottung der sogenannten Alkohol-Vergiftung und gehörte zu den gewandtesten » Colporteuren « der innern Mission , die ja die politische Krankheit der Völker auch scharf genug in ' s Auge gefaßt hat und sie als Teufelswerk auszurotten sucht . Das christliche Werben gibt sich da zum Deckmantel einer ganz weltlichen Industrie , für eine Menge Bücher , Zeitschriften , Gesellschaften u.s.w. her , warum nicht auch für das reactionäre Wühlen ? Einen der kecksten Agitatoren lernen wir in dem anwesenden Grafen Brenzler kennen . Dieser hatte , um Conflikte herbeizuführen , sich nicht gescheut , schon an den Straßenecken oft zum Bau von Barrikaden aufzufordern und durch geschickte Manöver in solcher Art gleichsam den Feind herauszulocken , um ihn besser auf ' s Haupt schlagen zu können . Graf Brenzler , noch jung , war ein förmlicher Flibustier seiner Partei und lag in einem fortwährenden bald listigen bald offenen Kampfe mit seinen demokratischen Gegnern . Auch einige politisch sehr fanatische Frauen waren schon zugegen . Sie gehörten zu den wildesten Parteigängern , unter denen man Erscheinungen in neuerer Zeit getroffen hat , die die grausamere Natur der Frauen in ein entsetzliches Licht stellen . Für die Aussicht , ihre Männer könnten jährlich hundert Thaler weniger Gehalt beziehen , waren manche vom schönen Geschlecht Furien geworden . Von denen , die um einen bei dem Lärm der Aufstände flatternden Kanarienvogel , um einen winselnden Schooshund wüthen konnten , will ich nicht reden ; auch die wollen wir bemitleiden , die auf der Straße von einem betrunkenen Arbeiter übel angeredet , nach Hause kommen und in Ohnmacht fallen und die Welt mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollen . Aber die Damen waren entsetzlich , die die Besteuerung der Pensionen fürchteten , die , die etwas von den Abzügen der hohen Gehalte gehört hatten . Diese glichen Mänaden und hätten ruhig neben Karl IX. in der Bartholomäusnacht ausgehalten , als dieser mit der Flinte an einem Fenster des Louvre stand und immer schrie : Tuez ! Tuez ! Tuez ! Begrüßen wir nun Diejenigen in Paulinens Salon , die wir schon einmal nennen hörten oder genauer kennen . Vor allen ist die Excellenz selbst zu nennen . Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein kam mit dem Großkreuz auf der Brust , sehr gewählt toilettirt , die Perücke frisch gebrannt und neu gelockt . Seine Haltung verlieh ihm Würde . Er belächelte Jeden sehr gnädig und war gegen Helene d ' Azimont in dem Zelte sogar herzlich . Diese fand ihn , als er in dem blauen Zelte sich neben sie setzte , außerordentlich vergnügt . Sie gestand ihm , daß ein gewisses Etwas in ihm läge , was man kaum anders nennen könnte als Unternehmungsgeist ... Finden Sie Das ? Unverkennbar . O ! O ! Sie haben etwas ! Die Reisen auf die königlichen Schlösser bekommen mir gut . Man athmet dort eine so gesunde Luft ... Das ist es . Auch die Zeit regt an . Die Zeit ? Wie so , Frau Gräfin ? Die Zeit ... Ach ! abscheulich ! Sie thun , als wenn ich ein Greis wäre ! Bitte ! Ich spreche von der Zeit , nicht vom Alter . Ach so ! ... Werden Sie Papa nicht besuchen ? Papa ? Wer ist Papa ? Meinen Papa in Tempelheide ... Dies Gespräch wurde für die erschöpfte Helene schon zu angreifend . Es war ihr drückend , leidlich heiter sein zu sollen . Sie machte Miene , sich doch zu entfernen , während außerhalb des Zeltes Pauline empfing . Der Geheimrath hielt sie aber mit Schmeicheleien auf . Er fand sie bewunderungswürdig . Verdrüßlich antwortete sie : Wovon sprachen wir ? Von Papa , Comtesse ! Papa ! Nein , nein , nein ! Ihr Papa ? Es muß Ihr Großvater sein ! Sie sind zu schalkhaft , zu jung , um nur noch einen Vater zu haben . Treibt er immer noch Zoologie , der alte Herr ? Gehen Sie zu ihm , Excellenz ! Er muß Sie noch zähmen , Sie blicken heut so wild ! Und dabei ist nicht einmal Ihre Cravatte fest geschnürt ! Cravatte ? Trägt man in Paris Cravatten ? Der Graf versprach mir Moden zu schicken ... Recepte ! Recepte ? O ! Ach , Excellenz , fuhr Helene seufzend fort , so lang ich hier bin ... Schicken Sie mir denn auch manchmal , wie sonst , Blumen aus Monplaisir und Sansregret ? Wenn ich sicher bin , nicht durch die Eifersucht eines gewissen - Sprechen Sie von Blumen , Excellenz ! Ich will Solitüde besuchen ... Sie haben dort Treibhäuser . Was gibt es Neues in Solitüde ? Ich habe eine neue Methode des Bewässerns erfunden ... In der That ? Erfinden Sie ? Eine Gießkanne , Comtesse , die aus verschiedenen Schläuchen besteht - Eine Feuerspritze - ! Excellenz , das ist nichts Neues . Doch ! doch ! Comtesse ... Die Majestäten waren entzückt davon . Die Gießkanne ruht auf zwei Rädern ; statt des einen Halses gehen zwei Schläuche , etwa in der Länge von - erlauben Sie , daß ich Ihnen Das genauer vormache ! Hier steht die Gießkanne ... In dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung , die das Element des Intendanten der königlichen Schlösser war , wurde er aber durch seine Gattin gestört , die mit den Malern Heinrichson und Reichmeyer in das blaue Zelt trat und Helenen in Letzterem einen alten Bekannten aus Paris zuführte . Helene empfing den Maler ihrer Villa von Enghien sehr freudig und tiefbewegt . Sie rückte sogleich so , daß Reichmeyer die eben von Excellenz verlassene Stelle des Divans einnehmen mußte . Noch mit dem Worte : Gießkanne ! auf den Lippen stand Herr von Harder einige Sekunden schwebend und ließ sich dann mit Heinrichson in eine weitere Auseinandersetzung über diesen Gegenstand ein . Harder gehörte zu jenen Menschen , deren Ideenarmuth es mit sich bringt , daß sie einen einmal gefaßten Gedanken nicht wieder fallen lassen können . Ganz unbekümmert darüber , ob Heinrichson , der besondere Schützling seiner Gattin , ein Interesse haben konnte , die Construction einer neuen Gießmaschine kennen zu lernen , setzte er diesem doch jene durch den Mechanismus des Denkens einmal in ihm aufgezogene Einrichtung des neuen Bewässerungswerkzeuges auseinander . Heinrichson , der an Alles dachte , nur nicht an die Annehmlichkeit , mit der Excellenz in ein hydraulisches Gespräch verwickelt zu werden , mußte ausharren . Mit den Bücken hier und dorthin forschend , die Gräfin d ' Azimont mit seinen heißen , sprechenden Augen fast verschlingend , dann einmal wieder auch pflichtschuldigst mit einer gewissen Schwärmerei nach dem biblischen Turban Paulinens blickend , unterbrach er die Auseinandersetzungen des Geheimrathes , ohne ihrer im Mindesten zu achten , fortwährend mit den näselnden Worten : Ah ! Sehr wohl ! Sehr schön ! Sehr praktisch ! Aha ! ... Und Excellenz waren entzückt über die Gelegenheit des Beweises , wie sehr das Vertrauen Sr. Majestät gerechtfertigt war , als man ihm , dem altgewordenen Kammerherrn und ehemaligen Reisemarschall des Hofes , die Intendanz der königlichen Gärten und Schlösser überließ . Kaum war Heinrichson hierauf zu Paulinen geschritten und hatte sein Amt angetreten , das eben darin bestand , ihr den ganzen Abend eine gewisse » Assiduität « zu widmen , das heißt : eine gewisse beflissene Emsigkeit des Aufmerkens und ein scheinbares leidenschaftliches Drängen , immer in ihrer Nähe sein zu dürfen , als die unvermeidliche Trompetta mit ihrer ebenso unzertrennlichen Begleiterin , der blonden Friederike Wilhelmine von Flottwitz eintrat . Man nannte sie die Inseparables , falls sich , wie Heinrichson boshaft hinzusetzte , naturhistorisch nachweisen läßt , daß alte Kakadus sich mit jungen Kanarienvögeln paaren ... Wie dem sei , die Trompetta brachte Leben in jede Gesellschaft . Die kleine kugelrunde Frau rollte sich bald da , bald dorthin und schied von keinem Cirkel , in dem sie nicht mehrfach jedem Einzelnen à part einen guten Abend gewünscht hatte . Während Helene glücklich war , mit Reichmeyer allein von Paris , vom See zu Enghien und ihrem Spiegelzimmer reden zu dürfen , zu dem er einige enkaustische Wachsmalereien geliefert hatte , wußte die Trompetta , die ihrer noch nicht ansichtig geworden war , sogleich eine Fülle von Thatsachen über die Zeit und die Menschen anzubringen , die Alle anregte und unterhielt . Da sie Jedes im Tone der Liebe und des herzlichsten Antheils vorbrachte , auch jede Verleumdung , auch jede Nachrede eines schlimmen Gerüchtes , so war es recht boshaft von Heinrichson , daß er zu Paulinen sagte : Da hat man schon wieder die gute Dame aus Sheridan ' s Lästerschule , die nur deshalb die böse Lästerung der Andern tadelt , um wiederholen zu können , was über diese Menschen gelästert wird . Die Flottwitz aber war sogleich von einigen Militairs umgeben , die mit ihr über den neuen Achilles , den Prinzen Ottokar sprachen und ihr Manches im Vertrauen mitzutheilen wußten , was sich auf der nächsten Avancementsliste bestätigen würde . Sie erzählte dafür ihrerseits , daß im weiblichen Reubunde wäre beschlossen worden , für Weihnachten in jedem Kasernenzimmer der ganzen Monarchie einen Weihnachtsbaum anzuzünden , jedem Krieger für die bewährte Treue Äpfel , Nüsse und einen Pfefferkuchen zu bescheeren , der wahrscheinlich den allgeliebten Prinzen Ottokar darstellen würde , falls es nicht schicklicher wäre , den König selbst in dieser Form seinen Landeskindern zum liebevoll flüchtigen Andenken zu übergeben . Das junge schwärmerische Mädchen war so demokratenfeindlich , daß sie mit großer Begeisterung auch von einigen neuen Verhaftnahmen sprach und die guten Aussichten für die nächsten Wahlen lobte . Frau von Trompetta musterte die Anwesenden und fand sogleich heraus , daß sie nur dem politischen Kreise der Geheimräthin angehörten . Pauline hatte sich also noch immer nicht entschließen können , die christlich soziale Richtung der Gräfin von Mäuseburg einzuschlagen , mit der sie die Trompetta in ihrer Weise schon vor einiger Zeit glaubte liirt , richtiger verkuppelt zu haben . Pauline hatte wirklich einmal schon einen schwachen Versuch in der » Krankenpflege « gemacht , es aber nicht sehr weit bringen können in so schweren , den ganzen Menschen und seine Eitelkeit in Versuchung bringenden Aufgaben . Die Trompetta fand also nur politische Elemente ... Ihr war Das ganz gleich , der betriebsamen Frau . Sie plätscherte ja wie ein Meerufer-Fisch in beiden Elementen , im Süßwasser der sozialen Richtung , wie im Salzwasser der Politik . War sie doch auch schon zu der Erkenntniß gekommen , daß eine Frau , die etwas auf sich hält , in Gemeinzwecken nicht ganz zu Grunde gehen dürfe ! Sie hatte ihre aparten Liebhabereien . Sie veröffentlichte Bücher , Bildersammlungen , Stickereien durch wohlthätige Lotterieen . Dies war eine Agitation , die sie ganz auf eigene Hand betrieb und bei der sie sich eine gewisse Selbstständigkeit ihres Namens sicherte . Sie fühlte sich gehobener , bedeutsamer durch die Bitten der Vereine , doch ihrer eingedenk zu bleiben und für sie zu wirken . Denn wenn die Trompetta wirkte , so bekam ein Magdalenenstift , eine Diakonissenanstalt , ein Blindenasyl , ein rauhes Haus für verwahrloste Kinder u.s.w. gleich eine sehr bedeutende Summe . Mit den schweren Liebesdiensten der christlich sozialen Richtung selbst gab sie sich nicht ab . Dazu war sie zu flüchtig , zu eitel , zu vergnügungssüchtig . Und oft sagte sie so laut , daß es ihre intimsten Freundinnen , Pauline von Harder und die Flottwitz , hören konnten : Was thut denn auch die Gräfin Mäuseburg anders , als daß sie jeden Morgen die Rapporte von einer alten Kammerjungfer und von ein paar alten Nähterinnen anhört , die statt ihrer zu den armen Wöchnerinnen , zu den Kranken und Hilflosen gehen und ihr die Thatsachen mittheilen , denen sie durch die disponiblen Fonds der Kassen auf ihrem Sopha eine andere Wendung gibt ! Sie notirt sich die Fälle in ihren Büchern und setzt daraus die Statistik zusammen , die sie dem großen Centralausschusse vorlegt ! Besonders wegen der lieben Flottwitz sah die Trompetta heute mit Vergnügen , daß im Salon der Geheimräthin die politischen Elemente überwogen . Die Flottwitz und die Trompetta gehörten zwar zu den musikalischen Akademieen der feindlichen Schwester in Tempelheide , allein Pauline hatte gerade gern eine Verbindung mit dem jenseitigen Feldlager . Die Trompetta sagte oft zu ihr : Pauline , brauchen Sie mich bei der guten Anna als versöhnenden Parlementär ! Aber Pauline schüttelte den Kopf und sagte lächelnd , wie zum Scherz , aber sie meinte es ernstlich : Nein , ma chêre , als Spion ! - Pfui ! Pfui ! hatte zwar die Trompetta darauf erwidert , aber sie besaß ein merkwürdiges Talent , in Form harmloser spielender Berichte gleichsam nur wie beispielsweise und ohne alle Absicht die ganze Chronik der großen Welt in Umlauf zu bringen . Sie entzweite und verband , wie es kam . Junge Mädchen , die ein Herz schon gefunden hatten , mußten sich vor ihr in Acht nehmen . Sie hatte die Leidenschaft , » unpassende Parthieen « zu hintertreiben und blinder Liebe bei Zeiten den » Staar zu stechen « . Denen aber , die noch nichts gefunden hatten , hielt sie gern immer ein ganzes Register vortrefflicher Parthieen entgegen , die sie allenfalls » vermitteln « konnte . So der Flottwitz . Friederike Wilhelmine dachte , bei ihrem Verkehr mit Offizieren , nur an das Wohl der Monarchie und die unbefleckte Ehre und Treue des Kriegsheeres , nicht an eine prosaische Heirath ; aber die Trompetta schob ihr immer doch diese kleinlichen Gedanken an Liebe und Ehe unter . Die Augen der älteren Freundin kuppelten fortwährend für die jüngere und noch vorm Eintreten in den Salon der Geheimräthin hatte sie auf der Treppe zur Flottwitz gesagt : Wenn wir unter den Malern , die bei Paulinen sich versammeln , heute einmal den Siegbert Wildungen wiederfänden ! Sie waren zwar schon auf dem Wege nach Tempelheide verletzt , liebe Friederike Wilhelmine , durch seine demokratischen Äußerungen , wie ich durch seine Blasphemieen ; allein es ist doch ein hübscher , artiger , recht idealischer Mann ... Die Flottwitz hatte darauf nichts erwidert , sondern nur noch beim flüchtigen Vorüberstreichen an einem von Oleandern versteckten Spiegel ihre langen blonden Tirebouchons geordnet . Aber als zu Aller Erstaunen jetzt ihre Antipathie , Fräulein Melanie Schlurck , mit einem alten Herrn eintrat , warf sie doch der gleichfalls überraschten Trompetta einen Blick zu , der etwa sagen sollte : Das da ist ja der Gegenstand , für den dieser junge staatsgefährliche Künstler entflammt ist ! In dies Geschwirre und Gesumse rauschte wirklich gegen neun Uhr , als man schon die verschiedenen Sorbette herumreichte , Melanie Schlurck , geführt von ihrem Vater . Drittes Capitel Meisterin und Schülerin Melanie Schlurck hatte sich heute ganz weiß gekleidet und glich Aphroditen , wie sie dem Meeresschaume entstieg . Man konnte ihre Toilette einfach nennen , wenn nicht hinter der gänzlichen Entfernung jedes Prunkes und jedes auffallenden Behanges die Absicht durchschimmerte , sich nur ganz allein , ganz selbst zu geben . Die Taille hielten die einfachsten langen weißseidenen Bänder zusammen . Der Nacken war unverhüllt . Das Haar in griechischer Einfachheit , ohne den geringsten andern Schmuck , als den natürlichen der in den Nacken zusammengewundenen starken Flechten , die von einigen Locken durchzogen waren . Ein Fächer war das Einzige , was wie ein besonderer tändelnder Schmuck erscheinen konnte . Franz Schlurck trug einen neuen grünen Frack mit goldenen Knöpfen . Er liebte das todtengräberische , leichenbittende Schwarz nicht und hatte sich von den Gesetzen der Etikette hinlänglich freigemacht , um in solchen Dingen seinen eigenen Eingebungen zu folgen . Er war wieder ganz frisch , ganz aufgeregt . Die niederdrückenden Erfahrungen des Vormittags waren von dem leichtsinnigen Manne vergessen und die unmittelbare Nähe seines geliebten Kindes elektrisirte ihn immer . Pauline empfing Melanie mit großer Auszeichnung . Machte Melanie schon durch sich selbst den siegreichsten Eindruck , so mußte sie der Mittelpunkt des Abends umsomehr werden , als ihr die Geheimräthin entgegenkam , sie mit unbeschreiblicher Holdseligkeit auf die Stirne küßte und sie auf das Hauptsopha des Salons zu sich niederzog , sie mit Liebkosungen und steter Bewunderung ihrer Schönheit fast überschüttend . Dieser Moment des Triumphes wurde nur leider zu früh dadurch abgebrochen , daß die Trompetta in ihrer Wanderung von Person zu Person und der Flottwitz wegen Melanie vermeidend eben ins blaue Zelt gerathen war und dort hinter den Camelien die Gräfin d ' Azimont entdeckt hatte . Dieser Moment ! Dieses laute Geräusch des Staunens ! Dieses - was konnte man von der Trompetta anders erwarten - exaltirte , förmliche Geschrei ! Helene mußte vortreten und ein Gemurmel der Begrüßung ging durch den ganzen Saal . Helene lächelte und sagte , während sie näher kam : Liebe Frau von Trompetta ! Ich sehe , Sie sind wohl ! Ich begrüße Sie von Herzen . Aber Begrüßung und Abschied in demselben Augenblick ! In einem Besuche bei meiner lieben Pauline überrascht mich diese glänzende Gesellschaft , für die ich nicht vorbereitet bin . Damit kam sie voll Grazie auf Paulinen zu , um von ihr für heute Abschied zu nehmen . Pauline , die in der linken Hand fast noch den zarten weißen Handschuh der rechten Hand von Melanie fühlte , gab ihr ihre Rechte und zog sie zu sich nieder und wollte von der frühen Trennung nichts wissen . Sie hatte ja jetzt ihre bestimmten Absichten mit den beiden Frauen , die sie umgaben . Zwar war sie durch den Eindruck , den Melanie machte - für so schön hatte sie dies vielbesprochene Mädchen nicht gehalten ! - in der Meinung , durch die d ' Azimont sie zu » eklipsiren « , ganz irr geworden . Doch sah sie eben , daß auch Helene ihren Reiz hatte . Ein so zartes sanftes Auge , wie Helene in schüchternen Momenten aufschlagen konnte , besaß Melanie nicht , bei der das Auge im Grunde doch nur schelmisch irrend und fast nichtssagend war . Helene erschien geistig , seelenvoll , Melanie vielleicht nur schön , vielleicht fast kalt , nur eitel . Trotzdem , daß Schlurck Paulinen die Versicherung gegeben hatte , die Gefahr , in die sie durch Egon ' s Kenntnißnahme von Enthüllungen seiner Mutter in der Gesellschaft auf den Rest ihres Lebens gerathen könne , ließe sich noch abwenden , fühlte sie doch die Nothwendigkeit , sich auf alle Fälle mit Egon auf einen sichern Fuß zu stellen und noch glaubte sie mit begründetem Rechte , daß auf jener Rückreise Melanie die siegende Rivalin Helenens geworden war . Sie träumte von Vertraulichkeiten zwischen den beiden Reisegefährten von Hohenberg , von Complotten und allen möglichen bösen Dingen , die Melanie durch Bekanntschaft mit dem Inhalte des Bildes schon über sie könnte in Erfahrung gebracht oder befördert haben . Das befremdete Erstaunen des jungen Mädchens über die Gräfin d ' Azimont entging ihr nicht . Sie konnte nicht ahnen , wie es in ihr rief : Das ist nun die schöne Frau von Paris , mit der du einen Mann im Schloßgarten von Hohenberg geneckt hast , der dich täuschte ! Helene nahm an Melanie , die ihr flüchtig vorgestellt wurde , wenig Interesse . Sie war ohne Neid . Sie duldete jeden andern Vorzug . Sie konnte sich freuen , wenn Andere schön und glücklich waren . Diese im Grunde gute Natur gab Helenen etwas außerordentlich Sicheres und einen gewaltigen Vorsprung vor einem Wesen wie Melanie , das von einer fortwährenden Unruhe und allen nagenden Bedrängnissen der Gefallsucht gepeinigt wurde . Helene war aus einer völlig andern Form weiblicher Schönheit geprägt . Sie zählte zehn Jahre mehr als Melanie , aber da sie klein , zart gebaut , von rundlichen Formen war , so that ihr die Zeit nicht so viel Abbruch , wie sie größeren , schlankeren , spitzeren Formen zu thun pflegt . In Helenen lag der Zauber des rein Weiblichen , den Melanie nicht besaß . Diese konnte sinnlich blenden , aber kaum so das Bedürfniß der höheren Liebe reizen , wie die weichen Formen der d ' Azimont . Melanie ihrerseits fühlte das mit gewaltigem Eindruck . Sie hatte doch irgend eine geheimnißvolle Beziehung zum Fürsten Egon , das wußte sie , wenn sie auch schmerzlich darunter litt , daß der männliche , herausfordernde , kecke Dankmar der Fürst nicht gewesen war . Wie hatte sie diesen mit der d ' Azimont geneckt ! Purpurglut der Scham und jede Wallung des Zornes überkam sie , wenn sie daran dachte , daß Dankmar ihr ja immer die reinste Wahrheit gesagt und nur ihre eigene tolle Verblendung , ihre eigene dem Höchsten nachstrebende Verkehrtheit diese Wahrheit nicht hatte hören wollen . Das war nun die d ' Azimont , mit der sie den vermeintlichen Prinzen » aufgezogen « hatte ! Das jene schöne elegante Pariserin , auf die sie einem Schattenbilde , einer Täuschung zu Liebe , Eifersucht gefühlt hatte ! Pauline bemerkte wohl , welchen forschenden Blick sie auf Helenen richtete . Das ist der Blick einer Rivalin ! sagte sie sich und beobachtete und verglich Beide von ihrem Standpunkte . Auf die Ströme von Fragen , in denen die Trompetta auf Helenen sich ergoß , antwortete diese lächelnd mit einer ihr sehr angenehm stehenden schmerzlichen Resignation . Wäre sie mager , flüsterte Heinrichson Reichmeyern in ' s Ohr , ich würde etwas von der Madonna des Murillo in ihr finden . Der Blick ist vollkommen der des Spaniers . Eine Spanierin , ja ! sagte Reichmeyer . Aber es ist noch mehr die heilige Therese , die leidenschaftliche Äbtissin der unbeschuhten Karmeliterinnen . Ich glaube , daß sie alle Mysterien der irdischen Liebe kennt , wie die heilige Therese die der himmlischen . Helene hielt solchen Kritiken und Vergleichungen nicht zu lange Stand . Sie foderte die Trompetta auf , ihr die Stunde zu sagen , wo man sie sprechen könne . Diese antwortete , sie wäre zu viel in Bewegung , um eine feste Zeit einhalten zu können , aber schon morgen käme sie selbst zu ihr . Helene nickte graziös und erhob sich dann wirklich , um zu gehen . Pauline begleitete sie . Wie die Kleine in ihrer einfachen schwarzen Tracht neben der phantastisch aufgeputzten jugendlichen Matrone über das Parkett schritt , hatte sie den ganzen Zauber reinster und natürlichster Menschlichkeit für sich . Sie war von Dem , was sie heute Alles erlebt hatte , erschöpft . Man sah ihr die Abspannung an . In dem Vorzimmer umarmte Pauline sie noch einmal und sagte : Helene , Sie sind groß ! Sie haben sich wie eine Heldin bewährt ! Sie beherrschten sich . Es wird Aufsehen machen . Als die Gräfin statt aller Antwort die Augen gen Himmel aufschlug , in