« , sagte Fancy . Nach der Entfernung des Oberamtmanns fragte die Baronesse ihre Zofe : ob sie wohl ihren Plan errate ? Die Zofe versetzte , daß sie ein zu dummes Mädchen sei , um so kluge Plane erraten zu können . » Ich werde « , sagte darauf die Baronesse , indem sie sich von Fancy die seidenen Schuhe , welche sie etwas drückten , ausziehen ließ und ihre kleinen Füße in rote goldgestickte Pantöffelchen steckte , » ich werde auf weibliche Art die Sache ordnen , Fancy . « Sie nahm eine gefällige Lage auf dem Sofa an . Fancy setzte sich auf das Bänkchen des Oberamtmanns zu ihren Füßen , sah ihr demütig in das Gesicht und erwiderte : » Gnädige Frau , Sie können gar nichts anderes sein , als das edelste weibliche Wesen . « » Meinst du ? « versetzte die Gebieterin lächelnd und streichelte ihrer ergebenen Jungfer die Wange . - » Nun höre meinen Plan . Nach allem , was ich von der Lisbeth höre , ist sie ein gutes und braves Mädchen . Solche Gemüter leben nur im Glücke ihres Freundes und entsagen dem eigenen , wenn man ihnen klarmacht , daß sie das Unglück des zweiten werden können . Ich will auf das Gemüt des Mädchens mit allen Gründen wirken und bringe es ohne Zweifel dahin , daß sie in meine Hände ihre Liebe und meines Vetters Wort zurückgibt . Entsagen soll sie , entsagen wird sie , dann werde ich sie weit weg zu entfernen wissen . Tot muß sie für Oswald sein , ich aber sorge , wie sich von selbst versteht , zeitlebens als Mutter für sie . - Nur die schlechte , unwahre Liebe will um jeden Preis den Besitz des Geliebten ; die reine , wahre weiß sich selbst freudig zu opfern « , setzte Clelia begeistert hinzu , indem sie sich von Fancy einen Handspiegel vorhalten ließ , weil sie fühlte , daß eine Locke heruntergefallen war , die wieder aufgesteckt werden mußte . Fancy ergoß sich in Versicherungen , daß diejenige ein elendes Mädchen sein müsse , welche nicht willig auf den Geliebten verzichte , sobald seine Lebensruhe davon abhange , und Clelia fuhr fort : » Sehen aber darf ich sie nicht vor der entscheidenden Unterredung , denn meine ganze Festigkeit muß ich allerdings für diesen Hauptschlag zusammenhalten und keinem unzeitigen Mitleid mich aussetzen . « » Nein ! « rief Fancy eifrig , » nein , sehen dürfen Sie sie durchaus nicht . Denn dann könnten Sie weich werden , Ihre Gründe würden sich vielleicht , sozusagen , zerbröckeln , und das Mädchen möchte Sie gewinnen und alles wäre verloren . Wenn Sie aber plötzlich mit aller Ihrer Klugheit bewaffnet , sie kommen lassen , gnädige Frau , dann wollte ich doch wohl einmal diejenige sehen , die Ihnen widerstehen könnte . So wie Sie sich die Sache ausgedacht haben , muß sie gelingen und mich dauert nur die arme Lisbeth , die um den schönen Grafen kommt , denn ich , gnädige Frau , bin freilich nicht so fest wie Sie , sondern nur ein einfältiges , weichherziges Mädchen . « Nach diesen Vorfällen verging der Abend der jungen Dame in einer gewissen stillen Erhebung . Die Nacht war jedoch unruhig , und die Bewohner des Hauses wurden durch mehrmaliges Schellen in dem Zimmer der Baronesse aus ihrem besten Schlummer geweckt . Clelia schellte nach ihrer Jungfer deshalb so oft , weil sie durchaus nicht schlafen konnte . Sie gab ihrem Lager die Schuld , welches Fancy ganz abscheulich gemacht habe , ließ von ihr die Kissen anders legen , da das nicht helfen wollte , die Decken besser ordnen , und als auch die besser geordneten Decken keinen Schlaf bringen wollten , die Matratze wenden . So wurde Fancy geschellt , entlassen , wieder geschellt , wieder entlassen . Fancy , der ihr Gewissen in betreff des Lagers nicht das mindeste vorwarf , ertrug gleichwohl schweigend die Verweise der Herrin , oder schalt sich auch selbst einmal wegen ihrer Nachlässigkeit , und legte , ordnete , wendete mit der Geduld einer Heiligen die Bestandteile des so ungerecht verklagten Lagers . Aber es half alles nichts und gegen Morgen bekam Clelia einen Anfall von Krämpfen . Fancy pflegte die arme Kranke mit Essigäther und Orangenblütentee , den sie sogleich rasch und still zu bereiten wußte , treulichst . Das Übel lösete sich auch , und unter Tränen , welche die beklommene Brust erleichterten , machte Clelia am Busen ihrer Vertrauten dem verhaltenen Schmerze Luft . Sie weinte sehr und klagte über ihren Gemahl , der sie so herzlos habe verlassen können , sie fürchte , sagte sie , daß er sie doch nicht so liebe , wie sie gedacht , sie nannte sich endlich schluchzend eine arme , aufgegebene schutzlose Frau . - Fancy nötigte ihr so viel Orangenblütentee ein , wie nur möglich , und schalt dabei auf das ganze männliche Geschlecht , von dem sie behauptete , daß es im allgemeinen nichts tauge und nur zum Verderben der Frauen erschaffen sei . Der gnädige Herr mache denn leider auch keine Ausnahme , sagte sie und das Übelste sei , daß sich , wenn er fest dabei verbleibe , seinen Oheim im Osnabrückschen so lange zu besuchen , als die gnädige Frau hier Geschäfte habe , gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes absehen lasse . Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte . Ihr Befinden besserte sich nicht , als sie vernahm , daß Lisbeth in der Frühe auf eine halbe Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei , den sie nun , da sie über Oswald ganz ruhig geworden war , wiederzusehen verlangte . Sie hatte sich außerdem zu dieser Reise deshalb bestimmt , weil sie jede Versuchung meiden wollte , den Geliebten durch ihre Gegenwart jetzt , wo er sanft und allmählich in das Leben zurückkehren sollte , aufzuregen . Fünftes Kapitel Worin der Hofschulze seine letzte Rede über allerhand wichtige Gegenstände hält An einem der nächsten Tage ging der Diakonus auf das Gerichtshaus , wo er als Zeuge vernommen werden sollte . Mehrere Menschen , die gleich ihm hinbeschieden worden waren , standen unten vor der Türe , und andere sprachen mit ihnen über den Gegenstand , der vor einigen Wochen die größte Verwunderung im Städtchen erregt hatte , dann den Leuten aus dem Sinne gekommen war und nun , als das Gericht die Sache wieder aufnahm , von neuem zu reden gab . Die Zeugen sollten über den Patriotenkaspar und den Oberhof verhört werden . Der Oberamtmann war nämlich an jenem Tage , wo er den Einäugigen traf , über den Fall ins klare und mit einer protokollarischen Darstellung desselben zustande gekommen . Auch er überzeugte sich zwar , daß die Sache verjährt sei , gleichwohl meinte er , sie habe eine solche Gestalt , daß wenigstens das Tatsächliche in aller Form Rechtens festgestellt werden müsse . Der Amtseifer des Geschäftsmannes wurde selbst durch den traurigen Zwischenfall mit seinem jungen Freunde nicht von dieser Bahn abgeleitet . Er trug daher , was er geschrieben , zu dem Vorstande des Gerichts , gab die nötigen Erläuterungen dazu und das Gericht ging ebenfalls in die Ansicht ein , daß ein geständiger Mörder wenn auch von noch so alter Zeit her , wenigstens vorderhand nicht auf freien Füßen stehen und unverhört bleiben dürfe . Man schritt daher gegen den Patriotenkaspar zur Verhaftung . Dieser hielt von dem Leiterwagen herunter , auf dem man ihn einbrachte , Reden an das Volk , verfluchte die Gerichte von seinesgleichen und pries die Gerichte des Königs , vor denen er nunmehr seine alte Schuld abbüßen wolle . Zugleich berühmte er sich des Torts , den er seinem Todfeinde angetan . Das Gericht wollte sich indessen auch nicht so ohne weiteres mit einer vielleicht nachher getadelten Arbeit belasten , fragte daher höheren Ortes an , von da geschah eine Rückfrage noch weiter hinauf und die Bescheidung erfolgte erst nach mehreren Wochen . Sie ging dahin , daß allerdings , um die Sache aufzuklären , die nötigen Vernehmungen geschehen sollten . Gerade kurz vor den Tagen , von welchen hier die Rede ist , war jene Bescheidung eingetroffen . Besichtigungen wurden daher vorgenommen , Zeugen abgehört und diese Dinge brachten die Angelegenheit wieder in das Gedächtnis der Menschen zurück . Die sonderbare Art von Macht , welche der Hofschulze ausgeübt , kam zur Sprache , der einäugige Frevler hatte kein Hehl , daß er seinem Feinde das Schwert an einen verborgenen Ort weggetan habe und obgleich dieser Tatumstand kaum ein Verbrechen , sondern mehr nur einen Mutwillen darstellte , so war er es doch gerade , und was mit ihm zusammenhing , wodurch die Leute am meisten beschäftigt wurden . Man verwunderte sich , daß ein Uraltes , längst Verschollenes sich wie eine unabhängige Macht im Staate hatte hinstellen können . Auch der Name des Diakonus geriet auf die Zeugenliste . Die Untersuchung ruhte in den Händen eines Richters , der sich viel mit historischen Studien beschäftigte , und diese fanden hier reichliche Nahrung . Er machte daher die Sache wohl weitläuftiger , als sie streng genommen zu werden brauchte , und hörte jeden ab , der einigen Aufschluß über das Wesen des Oberhofes und das Treiben seines Besitzers zu geben vermochte . Deshalb hatte er denn den Diakonus gleichfalls vorladen lassen , weil dieser , wie bekannt war , viel mit dem Hofschulzen verkehrte , obgleich er von dem eigentlichen Gegenstande der Nachforschungen nicht das mindeste wußte . Man ließ den Diakonus seines Standes wegen nicht im Zeugenzimmer warten , sondern berief ihn sofort in die Verhörstube . Dort wohnte er einem sonderbaren Auftritte bei . An den Schranken stand der einäugige Mörder und in einer Ecke saß der Hofschulze , über dessen verfallenes Aussehen der Diakonus erschrak . Der Mörder stand ganz strack da und sein reicher Feind saß in zusammengekrümmter Haltung . - » Noch einmal fordere ich Euch auf « , sagte der Richter zum Patriotenkaspar , » mir zu entdecken , wohin Ihr das Schwert getan habt ; bedenkt , daß Ihr durch hartnäckiges Verleugnen Euer Schicksal erschwert . - Hofschulze , sagt ihm ins Gesicht , daß Ihr Euer ganzes Haus danach vergeblich durchsucht habt , daß es also nicht im Oberhofe liegen könne . « » Wenn der Mensch keine Hexenmeisterkünste ausgeübt und es in einen Balken inwendig hineingehext hat , so liegt es draußen irgendwo und der Bösewicht muß wissen , wo es liegt « , sagte der Hofschulze , indem er einen Blick des grimmigsten Zornes auf den Entwender warf . Der Einäugige , der mehr seinen Feind im Auge behielt , als den Richter , versetzte : » Und dennoch liegt es im Oberhofe , Hofschulze , aber finden werdet Ihr es schwerlich , wenn Ihr nicht das ganze Haus von Grund aus umreißt . Und das ist eben meine Freude , daß Ihr das wissen sollt , und daran vergehen , daß es Euch so nahe ist und dennoch verborgen bleibt . Mein Schicksal weiß ich . Daumenschrauben und Leiter gelten nicht mehr ; Ihr könnt mich also höchstens länger sitzen lassen , Herr Richter , und das mögt Ihr tun , denn ich schweige und werde schweigen , müßte ich auch hundert Jahre absitzen . Wo das Schwert liegt , diese Sache geht mit mir in die Grube . « Der Richter , welcher gar zu gern das alte Schwert gesehen hätte , fuhr den hartnäckigen Verleugner heftig an , der Hofschulze aber richtete sich auf , unterbrach ihn und sagte mit plötzlicher Hoheit : » Lasset es gut sein , Herr Richter , wenn meine Bitte etwas gilt , denn ich habe mich besonnen und dieser Bösewicht wird nichts verraten . Ich werde mich ohne das Schwert zu behelfen wissen . « Der Richter ließ den Patriotenkaspar abführen . » Seid nun so gut « , sagte der Hofschulze , » die Sachen von mir aufzunehmen , die mit den anderen Dingen stimmen , welche bereits von mir geschrieben stehen . « Der Richter schien etwas in Verlegenheit zu geraten und erwiderte : » Das gehört ja nicht zur Sache und ich muß überhaupt erst den Herrn Diakonus vernehmen . « - Dessen Verhör war kurz , es drehte sich eigentlich um nichts . Der Hofschulze wartete ruhig die Beendigung ab ; dann wiederholte er seine frühere Bitte . - » Soweit ich Euch im allgemeinen verstanden habe « , sagte der Richter , » wollt Ihr Sachen aufgeschrieben wissen , die sich nicht ziemen . « » Nicht ziemen ! « rief der Hofschulze mit erhöhter Stimme . » Ich habe Euch auf alle Fragen nach der Heimlichkeit und wie ich sie verwaltet , Rede gestanden , und nun verlange ich auch mit der Manier , daß meine Auskünfte und Zusätze gehörig dazugetan werden , und soweit mir die Rechte bekannt sind , dürft Ihr mir die Zunge nicht stumm machen . « » Nun denn « , rief der Richter halb ängstlich halb ärgerlich seinem Schreiber zu , » zeichnen Sie auf , was der Alte sagt . « » Ja , alt bin ich , und alt ward ich in Ehren « , versetzte der Hofschulze gelassen . Der Diakonus wollte gehen . - » Nein , bleiben Sie , Herr Diakonus « , sagte der Hofschulze , » es ist mir gar sehr lieb , daß Sie zufällig hier sind , denn ich ästimiere Sie als einen frommen und gelehrten Mann von Herzen , und es kann mir nicht schaden , wenn auch Sie meiner Art und Manier Zeugenschaft geben . - Herr Skribent « , sagte er zu dem Schreiber so gebietend , als habe er an Gerichtsstelle zu befehlen , » schreibet genau auf , was ich zu wissen tue . Herr Richter , ich mag mit meinem Schwerte und mit der Heimlichkeit am Stuhl wohl wie ein Narr da in den Schriften stehen , und Possen , wenn mir recht ist , nannte der junge vornehme Herr , an dem ich mich in meiner Angst vergreifen wollte , die Sachen , woran mein Herz gehangen hat . Ich will aber jetzt explizieren , was vor eine Bewandtnis es mit diesen Possen gehabt hat . - Allerhand habe ich erlebt in der Bauerschaft , Friedenszeiten und Kriegesläufte und Hagelschlag , Überschwemmung , gute Ernte und Mißwachs und Viehsterben . Nun sah ich denn , seitdem ich in die Jahre getreten war , wo das Menschenkind anfängt nachzudenken , daß hin und her die Herren kamen , die sich auf die Schreiberei verstehen und auf das Besserwissen als die Leute , welche die Sache angeht , und die kuckten nach , wenn alles geschehen war , das Korn niedergetreten und das Vieh in den letzten Zügen lag und die Wässer wieder im Ablaufen sich befanden . Hatte aber gar der Feind geplündert und ravagiert , da kamen sie vollends erst lange darnach und notierten sich ' s auf , denn während der Gefahr war meistens keiner der Herren zu finden . Die Herren taten dann ordinieren , wie alles wieder in Richtigkeit zu bringen sei , mehrestenteils aber sagten sie Sachen des Sinnes und Verstandes , daß wenn der Hagel nicht gefallen wäre , so hätte sich das Korn nicht umgelegt und ohne die Lungenfäule müßten die Kühe noch am Leben sein . Unterweilen wurde auch wohl einiges Geld geschickt , es kam aber selten an den Rechten , und im ganzen rappelten diejenigen sich am besten wieder heraus , welche nicht auf die Hülfe der Herren da draußen warteten , sondern sich selber halfen , wohingegen ich manche Menschen habe ganz herunterkommen sehen , die immerdar bei jedem Unfall meinten , es müsse nun von da draußen ihnen das Malheur gutgemacht werden . Erstaunend absonderlich aber war eine Sache . Mitunter machte ein Herr von der Schreiberei unter uns Bauern Dinge , worüber wir lachen mußten und dann traf es sich wohl , daß ein solcher Herr ein paar Jahre darauf von weither mit vier Pferden durch die Bauerschaft gefahren kam und hatte eine Miene , als habe er bei Erschaffung der Welt mitgeholfen und allerhand bunte Bänder vorne am Rocke . Dieses alles nun in meinen einfältigen Gedanken betrachtend , vermeinte ich letztlich , daß die Herren von der Schreiberei da draußen uns Bauern eigentlich wenig hülfen , und das auch eigentlich nicht wollten , sondern nur schreiben und sich nach und nach in die Wägen mit vier Pferden hineinschreiben . Und Gott verzeihe mir die schwere Sünde , einstmalen , als ich bei einem Rübsenfelde vorbeiging , worinnen die Pfeifer waren , so fielen mir die Herren ein und wußte nicht , wie das geschah . - Nun auf der anderen Seite hatte ich meine Reflexion , wie das Wesen in der Welt so eigentlich bestellt sei . Da dachte ich ( denn ich habe immer in meinem Leben Nachgedanken gehabt ) daß ein ordentlicher Mensche schon durchkommt , der auf Wind und Wetter achtet , und auf seine Füße schaut und in seine Hände und sich mit seinen Nachbarn getreulich zusammenhält . Sehet , ihr Herren , darauf kommt es mehrestenteils nur an . Und nach diesem gewöhnte ich mir selbst zuerst die Gedanken nach Hülfe von draußen ab , zahlte meine Steuern und trug meine Lasten , im übrigen aber hielt ich mich vor mich und ließ es mir lieber , wenn ein Malheur passierte , etwas saurer werden , als daß ich die Herren da draußen um Beistand angesprochen hätte . Hernacher gewöhnte ich es auch den Leuten um mich herum ab . Sie nahmen an mir ein Exempel , und so taten wir Nachbarn uns allmählich zusammen , sprangen einander bei , ordinierten unser Wesen für uns , und kam von vielen Sachen , um die sie andererorten ein großes Hallo erheben , nichts über die Gemarkung hinaus . Und als der Mordhund da , der mir nun mein Schwert gestohlen hat , an meinem Sohne zum Missetäter geworden war und zufälligerweise auch ungefähr um die nämliche Zeit einer am Stuhle droben nach unserer alten Regel und wie der hergebrachte Orden ist , wissend gemacht werden sollte , kam es mir ein , diese alte heimliche Sache zu brauchen wider den Totschläger und es glückte und ich setzte ihn aus dem Frieden , feimte ihn ins Elend hinein und machte ihn zum Zeichen vor Großen und Kleinen , daß keiner unrecht tun dürfe . Als aber die Sache erst einmal im Gang war , gelang sie immer besser ; wenige Prozesse wurden in das Amt getragen , und die meisten Frevel gar nicht angezeigt , sondern machten die Scherereien unter uns ab . Denn über Mein und Dein und wem die Mauer gehört und jener Wiesenstreifen , kann man schon selbst mit seinem Bauerverstande fertig werden . Wenn aber wo eingebrochen ist , so kennt fast immerdar das Dorf den Dieb , was freilich oft nicht strenge zu beweisen steht , wornach denn ein solcher angezeigter Spitzbube frech und zum Skandal ganz schandhaft umhergeht und sich seiner Beute wohl noch gar erfreut , die der Bestohlene nicht wiederkriegt . Handhabten also selber Recht und Gerechtigkeit in allem Frieden und konnte uns niemand darum anfassen , denn wir taten keinem was zuleide , sondern gingen nur nicht mit dem Ungerechten und Frevelhaften um , wenn wir ihn in die Feime gesetzt hatten ; es entstand aber weit größere Furcht dieserhalb unter den Leuten als vor Urtel und Gefängnis . « Die Rede des alten Bauern rauschte in ihren rohen und strudelnden Ausdrücken wie ein Waldbach daher , der über Wurzeln , Knoten und Kiesel strömt . Er sprach ohne zu stocken . Der Richter wollte ihn unterbrechen , der Hofschulze aber sagte : » Ich bitte und ersuche Euch , Herr Richter , mich gänzlich aussprechen zu lassen , denn noch manches habe ich zu veroffenbaren . - Herr Richter und Herr Diakonus , wenn wir so unser Wesen für uns allein in Geschick brachten , so waren wir darum keine Unruhestifter und Tumultuanten . Denn hatten wir auch die Herren von der Schreiberei nicht ganz sonderlich in der Ästimation , so schlug uns doch jederzeit das Herz , wenn wir an den König dachten . Ja , ja , gegenwärtig schlägt mir mein Herze in meinem Leibe , da ich seinen Namen ausspreche . Denn der König , der König muß sein , und nicht ein Buchstabe darf abgenommen werden von seiner Macht und von seinem Ansehen und von seiner Majestät . Weil er nämlich ist der oberste General und der allerhöchste Richter und der gemeine Vormund . Denn es arrivieren freilich mitunter Sachen , darin man sich nicht selbst helfen kann und nicht zu raten weiß mit seinen Nachbarn . Da ist es dann Zeit , daß man den König anruft in der Not . Aber , wie ein ordentlicher Mensche dem lieben Gott nicht um jede Bagatelle Molesten macht , als zum Beispiel , wenn einem der kleine Finger wehe tut an der linken Hand : sondern wo die Kreatur nicht mehr aus noch ein weiß , da schreit sie zu ihm , also soll der König nicht angeschrieen werden um jeden Groschen , der mangelt , sondern in der rechten echten Not allein , und zu allen übrigen Tagen soll man nur sein Herze erfreuen und erquicken an dem Könige ; denn er ist das Abbild Gottes auf Erden . Zum Pläsier ist uns hauptsächlich der König gesetzet und nicht zum Hans in allen Ecken . Aber wo nun der Geängstete und Bedrängte seinem Leibe keinen Rat mehr weiß , da tut er sich aufmachen und steckt Brot und sonstigen Mundproviant zu sich und tut viele Tage gehen . Und endlich stellt er sich an Ort und Stelle vor das Schloß und hebt sein Papier in die Höhe und dieses sieht der König und schickt einen Lakaien oder Heiducken , oder was für Kramerei und Package er sonst um sich hat zu seiner Aufwartung , herunter , und läßt sich das Papier bringen und lieset es , und hilft , wenn er kann . Wenn er aber nicht hilft , so steht nicht zu helfen , und das weiß dann der arme Mensche , geht stille nach Hause und leidet seine Not wie Schwindsucht und Abnehmungskrankheit . Sie sagen , er mache sich nichts aus den Leuten ; dieses ist aber eine grobe Lüge , denn er hat die Untertanen sehr gerne und behält es nur bei sich , und ein recht gutes Herz hat er , wie es ein deutscher Potentate haben muß , und ein sehr prächtiges . Es ist erstaunlich und eine Verwunderung kommt einen an , wenn man die Männer , die davon wissen , hat erzählen hören , wie er sich in der grausamen Not , als der Franzose im Lande hausete , sozusagen das Brot vor dem Munde abgebrochen hat , und hat seinen Prinzen und Prinzessinnen zu Geburtstägen und Weihnachten nur ganz erbärmliche Präsente gemacht , bloß , damit er den armen Untertanen , die ganz ausgesogen waren , nicht viel koste . Dieses segnet ihm nun der liebe Gott an seinen alten Tagen in Fülle , und er ist wieder recht in guten Umständen und ganz wohlauf , und Gott erhalte ihn lange dabei ! Und noch neulich hat er einem armen Menschen in unserer Nachbarschaft , den einer wegen Zinsen und Lasten mitten im Winter hatte vom Hofe herunter subhastieren lassen wollen , das Geld aus seiner Tasche gegeben , und wenn er kann , soll ihm der es wiedergeben , und wenn er nicht kann , so tut es auch nichts , hat der König gesagt . Deshalb haben wir immer , mochten wir auch von vielen Geschichten um uns herum nichts wissen , wenn wir anstießen , gerufen : Der König soll leben ! Jetzt komme ich auf meine letzte Sprache , Herr Diakonus und Herr Richter . Wenn der Mensche bei sich fertig ist , so gehen seine Gedanken wandern mit den Wolken , die da ziehen , und mit den Lastwagen , die vorbeifahren über den Hellweg . Und so gingen die meinigen auch mitunter über Börde und Haarstrang hinaus und ich dachte , wenn nun da draußen sich auch jedermann so lernte auf sich verlassen und stellte sich zusammen mit seinesgleichen , der Bürger mit dem Bürger , der Kaufmann mit dem Kaufmann , der Gelahrte mit dem Gelahrten und auch der Edelmann mit dem Edelmanne , und machten ihre Sachen mehrenteils untereinander ab ohne die Herren von der Schreiberei draußen , so wären die Pfeifer aus der Rübsaat getan und es müßte eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben . Denn die Menschen wären dann nicht wie die dummen Kinder , die immer schreien : Vater ! Mutter ! wenn sie einen Augenblick alleine sind , sondern gleichsam ein Fürst wäre jeder bei sich zu Hause und mit seinesgleichen . Dann wäre auch erst der König ein recht großer Potentate und ein Herre sondergleichen , denn er wäre der König über vielmalhunderttausend Fürsten . Dieses ist nun die Moral von der Heimlichkeit am Stuhle und von dem Schwerte von Carolus Magnus und von den sogenannten Possen , die ich getrieben . Schreibet alles recht genau auf , Herr Skribent , was ich gesagt habe , denn ich will nicht wie ein einfältiger Mann in Euren Schriften stehen , und es soll mir ganz lieb sein , wenn meine Meinung noch andere zu lesen bekommen und es reflektiert mich nicht , wenn sie selbst bis zu dem Könige getragen wird . Von diesem habe ich nie etwas zu bitten bedurft , und ich gebrauche ihn nicht zu meines Leibes Notdurft . - Aber voll Freuden bin ich immer gewesen , sein Untertan zu sein wie ein geborener Fürst und mein Herz habe ich an ihm erfrischet all mein Lebtage . « Leuchtend waren die hellblauen Augen des Hofschulzen während des letzten Teils dieser Rede geworden , seine weißen Haare hatten sich wie Flammen emporgerichtet , die Gestalt stand wieder groß und gerade da . Der Richter sah vor sich nieder , der Diakonus dem Alten in das Antlitz ; er gemahnte ihn wie ein Prophet des alten Bundes . Mit höflicher Verbeugung und stillem Gruß entfernte sich der alte Bauer . Der Diakonus folgte ihm tiefbewegt . Draußen holte er ihn ein , legte ihm die Hand auf die Schulter , schüttelte seine Rechte und sagte ergriffen und gerührt : » Ihr habt mich erbaut , Hofschulze . Jetzt aber will ich als Euer Seelsorger und Priester Euch erbauen . « Der Alte war im Vorsaale schon wieder der schlichte Bauer geworden , der krank und angegriffen aussah . » Tuen Sie das « , sagte er , » Herr Diakonus , denn Zusprache ist mir not . Ich habe gar zu viel Verdruß gehabt letzthin . Ich kann es nicht überkriegen , daß die Scham geblößt ist von den heimlichen und scheuen Dingen , und sie nun umhergetragen werden in den Schriften und von dem jungen Herrn ins Reich geschleppt . Nach dem Schwerte will ich nicht weiter trachten , denn es hilft mir doch nichts , aber der Kummer darum wird mein Herz zernagen . Der Stuhl wird nun wohl eingehen . « » Laßt den Freistuhl verfallen , das Schwert aus dem Auge des Tages geschwunden sein , laßt sie die Heimlichkeit von den Dächern schreien ! « rief der Diakonus mit geröteter Wange . » Habt Ihr nicht in Euch und mit Euren Freunden das Wort der Selbständigkeit gefunden ? Das ist die heimliche Losung , an der Ihr Euch erkennt und die Euch nicht genommen werden kann . Gepflanzt habt Ihr den Sinn , daß der Mensch von seinen Nächsten abhange , schlicht , gerade , einfach ; nicht von Fremden , die nur das Werk ihrer Künstlichkeit mit ihm herauskünsteln , zusammengesetzt , erschroben , verschroben ; und dieser Sinn braucht nicht der Steine unter den alten Linden , um gutes Recht zu schöpfen . Eure Freiheit , Eure Männlichkeit , Eure eisenfeste Natur , Ihr alter , großer , gewaltiger Mensch , das ist das wahre Schwert Karls des Großen , für des Diebes Hand unantastbar ! « » Herr Diakonus , Sie machen mir viel zu viele Komplimente « , erwiderte der Hofschulze bescheiden . » Indessen werde ich Ihre Worte im Herzen bewegen und sehen , was ich damit anfangen kann . « Sie gingen bis auf die Straße zusammen . Dann trennten sie sich . Der Diakonus war in einer Erschütterung , wie er sie lange nicht empfunden hatte . Sechstes Kapitel Ernste und feierliche Erklärungen zwischen der Baronesse und dem Oberamtmann Die junge Dame Clelia hatte inzwischen die ermüdendsten Tage verlebt . Das Medizinieren unterhielt sie wohl anfangs , indessen war doch der Reiz der großen Arzeneiflasche , welche der alte Silen gefällig verschrieben hatte , bald abgebraucht . Sie fand , daß die Mixtur nach gar nichts schmecke und ließ sie , nachdem sie einige Eßlöffel voll zum Teil eingenommen hatte , ärgerlich zum Fenster hinauswerfen . Sie sagte , sie wolle die Naturkräfte walten lassen , die ganze ärztliche Kunst sei Scharlatanerie . Es fiel ihr ein , daß sie einige Briefschulden abzutragen habe ; Fancy mußte daher das mit gepreßtem braunem englischem Leder überzogene und mit Goldstäben gezierte Reiseschreibzeug auf den Tisch setzen , öffnen , die feinen roten , gelben und blauen Briefblättchen , die Stahlfedern mit silbernem Griff , die Oblaten von Mundlack mit Devisen und den bronzenen Briefbeschwerer herausnehmen . Als dieser geschmackvolle Apparat bereitgestellt war , erklärte Clelia , daß sie nicht wisse , was sie aus dem elenden Orte schreiben solle . Fancy packte still den bronzenen Briefbeschwerer , die farbigen Blättchen , die Oblaten und die Stahlfedern ein ,