ihm des Vater Ebenbild zu demüthigen glaubte : ich stieß ihn hinaus in die Welt , weil mir endlich sein Anblick unterträglich wurde , da sich in seinem Gesichte , durch Zufall oder geheimen Zusammenhang der Blutsfreundschaft , die Züge des verabscheuten Bruders entwickelten . Gundel und Rüdiger waren Zeugen meiner Thaten , und der unverfälschlichste ist der Knabe selbst , denn Er ist Euer kleiner Johannes . « - Staunend schlug Margarethe die Hände zusammen , und versank in düstres Nachdenken . - » Laßt ihm nicht entgelten , was seine Mutter verbrach , ... « flehte Wallrade : » Stoßt ihn nicht von Euch , wie ich gethan ; .... Dagobert , ... sey Du des Knaben Schirm . Ach , der Vater wird ihn ja nicht ganz verlassen , denn er hat mich Unwürdige ja einst geliebt , obschon sein Zorn ihm jetzo nicht erlaubt an meinem Todtenbette zu stehen . Dagobert ! Sorge Du für den kleinen Hans ! Versprich es mir ! « - » Ich gelobe , « antwortete Dagobert , Wallradens Hand fassend , - » des Knaben Freund und treuer Ohm zu seyn ; ihn nimmer zu verlassen , und zu halten wie einen Sohn . « - » Das erheitert mein schrecklich Ende ; « flüsterte Wallrade ; dann setzte sie mit erhabener Stimme hinzu : » O meine Lieben und Freunde : könnte ich Euch doch eine Hoffnung zurücklassen zum Ersatz für all das Böse , das ich Euch in Wirklichkeit gethan . Vergebens werdet Ihr das Kreuz auf dem Grabe Eures Söhnleins suchen . Willhild ' s Angst vor der gerechten Strafe ihrer Unvorsichtigkeit wälzte eine Schuld auf sie , die alles Andre nach sich zog . Johannes starb nicht bei ihr . « - » Nicht ? « rief Margarethe heftige aus , und beugte sich tiefer zu Wallradens Lippen . » Hab ' ich auch recht vernommen ? Johannes starb nicht ? Um Gotteswillen ! Willhild ; was soll das bedeuten ? « - Willhild drückte furchtsam und schuchzend das Antlitz in die Kissen des Lagers ; Wallrade versuchte vergebens zu sprechen ; Dagobert jedoch ergänzte mit vorsichtiger Kürze das Mangelnde . » Rüdiger , der Knecht , « sprach er , » hat mir im Sterben gestanden , was er dem Manne Willhildens , dem halb blödsinnigen Paul entlockt hatte : Der Knabe kränkelte sehr , und war nahe dem Versiechen , da rief eines Tages ein nothwendig Feldgeschäft Willhild und Paul zur Bestellung ausserhalb der Hütte . Das seltne freundliche Spätherbstwetter , bewog die Pfleger , den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Hütte einzusperren , wie sie sonst wohl gethan , wenn sein überhandnehmendes Gebreste es verhinderte , ihn mit auf ' s Feld zu nehmen . Sie ließen dem Buben Wies und Gärtlein frei , und da sie von der einsamen Wohnung gingen , hatte sich das kranke Kind in den Sonnenschein auf eine kleine Bank gelagert , die am Gehege stand , und war eingeschlummert vor Schwäche . Die Leute blieben stehen vor dem Knaben , und ihnen war , als sollten sie nicht von dannen gehen , und das Herz wurde ihnen weich beim Anblick des abgemagerten Gesichts und Körperleins . Sie trauten sich jedoch nicht , den Kleinen zu wecken , breiteten noch ein Tüchlein über sein Antlitz , und begaben sich hinweg . Da sie aber wieder zurückkehrten , war der Bube nicht mehr da , und nicht in Haus und Hof , nicht auf Wies und Feld zu finden , und bis auf den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihm anzutreffen gewesen . « - Dagobert schwieg , und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort : » O , wie erneuert diese Erzählung blutende Wunden ! « klagte sie : » Wie doppelt fühle ich jetzt den Gram um meinen Einziggebornen ! Bis jetzt glaubte ich ihn in kühle Erde versenkt , im geweihten , christlichen Grabe , und jetzt erst muß ich befürchten , daß ihn ein wildes Thier hinweggetragen , das herabgekommen ist von des Haynreichs waldigem Rücken1 . Seine Gebeine sind ein Spott der Vögel geworden , und düngen den Boden des Forstes ! Willhild ! Willhild ! Was hast du auf dem Gewissen , Unglückliche ? Und ist Alles wahr , was ich vernommen ? « Willhild vermochte nur , stumm den Kopf zu neigen , und brach in lautes Weinen aus . Wallrade winkte ebenfalls bekräftigend , und faltete die Hände , wie um Vergebung für die reuevolle Pflegerin zu bitten . - » Das hat lange auf meiner Brust gelastet , « begann Dagobert ; » und ich konnte mich nicht überwinden , es zu entdecken , aber das Unglück schenkt dem Menschen nichts . Faßt Euch daher , gute Mutter , und setzt Eure Zuversicht auf Gott , wie Ihr auf diese arme Frau keinen Groll werft , sondern die Liebe des Gerechten , das Mitleid Eurer Seele . « - » Dann sterbe ich leichter , « sprach Wallrade , die wieder zu Kräften gekommen war : » ruhiger , unter Verzeihenden eine Vergebende , denn ich nehme alle Schuld von meinem Mörder , dem unglücklichen von der Rhön . « - » Von der Rhön ? « fragte Catharina , aus ihrem zärtlichen Kosen mit dem Kind aufschreckend : » Was ist mit ihm ? Wallrade , ich beschwöre Euch bei der Barmherzigkeit Gottes , ... bei Eurem Seelenheil , ... wo ist der dessen Namen Ihr nanntet ? Auch dieses lallende Kind nannte ihn .... was soll ich glauben , was werde ich hören ? Redet , ... nur ein Wort , mein Fräulein , wo ist mein Gatte , ... was geschah mit ihm ? « - Wallrade schlug die Augen gen Himmel , blickte dann fragend nach der Äbtissin , im Begriff zu reden . Walburg raunte jedoch befehlend in das Ohr der Verwundeten : » Schweigt , .... laßt mich der Schwerbedrängten antworten , damit die Kunde von der Wahrheit sie nicht tödte aus unsrer Mitte . - Euer Gatte lebt : « sprach sie hierauf zu der gespannten Zuhörerin : » Noch mehr ; Ihr werdet ihn sehen ; macht euch gefaßt , ihn im Schooße des Glücks zu finden , ... « - » Des Glücks ? « fragte Catharine rasch entgegen : » Hochwürdige Frau , ... wie konnte Bilger glücklich seyn , ohne die , die ihn lieben ? Ach , möchte er in Armuth und Dürftigkeit darniederliegen ... mein Anblick , der Anblick seines Kindes wird ihm willkommen seyn . Ich will ihn pflegen , ich will sein Leben erleichtern . Gott ! Alles will ich thun , Alles leiden , Hunger und Pein mit ihm leiden , wenn ich ihr nun sehen , in seiner Nähe seyn kann , denn so wie ich liebt ihn keine Andere , so hat ihn jene sicher nicht geliebt , der er gehuldigt , bevor er mir die Treue gelobte . « - Wallrade zuckte schmerzhaft zusammen . Walburg versetzte ; » Über die Vergangenheit , gute Frau , laßt uns einen Schleier werfen , und uns freuen , daß auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt . Verlaßt Euch indessen darauf : Euern Gatten sollt Ihr sehen . Vielleicht schon morgen , vielleicht noch heute Abend . Bleibt aber ruhig jetzt , und geht auf Eure Zelle mit Eurem Kinde . Ihr sollt wohl gehalten seyn ; denn ich will mein Unrecht gut machen ; betet aber dafür ein Vaterunser und ein Stoßgebet für diese im Todeskampfe Leidende ! « - Dagobert glaubte , indem er einen Blick auf der Schwester Antlitz warf , daß sie schon verschieden sey , doch Margarethens Ohr hörte das fast unmerkbare Athmen ihrer wunden Brust , und winkte Allen stille zu seyn . Dieser Schlummer , der die Arme befallen , schien derjenige , der oft dem allerletzten Schlummer , in welchem der Odem erlischt , vorausgeht . Katharina entfernte sich mit ihrer kleinen Agnes um in der Hoffnung des Wiedersehens zu schwelgen , Walburg betete bei dem Lager der Freundin . Dagobert saß neben ihr , wie ein treuer Wächter . Margarethe , nachdem sie eine kleine Weile überlegt , flüsterte zu Dagobert : » Bleibt Ihr , mein guter Sohn ; ich kann sie nicht verscheiden sehen . Ich gehe , meine längst versäumte Pflicht zu erfüllen , und vor Diethers Augen die Wahrheit zu enthüllen . Weh mir , daß meine Schwäche , mein Wankelmuth bis jetzt das Geständniß verzögerte : bis jetzt , wo es ein entsetzliches Verhängniß aus meinem Busen reißt . Indessen einmal besser als nie . Komm , Willhild , komm , von diesem Sterbelager müssen wir rein gehen , und nur zu den Füßen meines Herrn ist jetzt unsre Stelle . « - » Gott segne Euern Weg ; « erwiederte Dagobert mit freudeleuchtenden Augen : » Es wird hell in unserm Hause werden , und nur zu beklagen ist ' s , daß hier Nacht werden muß , damit es dort tage . Geht mit Zuversicht und Muth ; ich fürchte , ich werde auch bald folgen können . « - Er warf einen besorglichen Blick auf die schwerathmende Schwester . Margarethe zerdruckte eine Thräne im Auge , und schlug ein großes Kreuz über die Leidende . Willhild , die sich mit einem Seufzer von der Erde erhob , besprengte Wallradens Lager mit einigen Tropfen Weihwasser , und wankte der schnell davonschreitenden Altbürgerin nach . So still ihr Gang durch die Straßen war , so still war ihr Empfang zu Hause . Herr Diether bemerkte kaum , in sein Leid versunken , die Eintretenden . Gleichgültig sah er auf Willhilds bebende Gestalt , aber mit erzwungner Ruhe fragte er Margarethen : » Ihr kommt von ihr ? Sie ist hinüber ? « - Die Gattin schüttelte den Kopf , und sagte mit geheimer Angst , wie sie denn wohl das harte Bekenntniß einleiten möchte : » Sie lebt noch , mein werther Herr , und sie hoffte , Euch an ihrem Bette zu sehen , als ein versöhnter Vater . « - » Zerreißt mir ihr Tod nicht das Herz ? « fragte Diether mit ausbrechender heftiger Wehmuth : » Ist sie denn nicht meine Tochter ? Ich bin kein Thier des Waldes , das sich die Gebeine seiner Jungen selbst zur Nahrung wählt ; ich bin ein Mensch , ein alter Mann von rauhen Sitten , aber meine Brust ist nicht fühllos . Bei meinem scheidenden Kinde zu weilen , wäre mir eine heilige Pflicht , könnte ich mit ganz reinen , ungemischten Gefühlen die Tochter wiedersehen . Aber , mit dem Mitleid würde der Groll kämpfen , mit der Versöhnung der Haß , mit dem Segen der Fluch , und besser ist ' s , ich bleibe weg von ihr , als daß mir in ihrem letzten Stündlein , wieder in ihrer Nähe beikäme , was sie gegen mich , gegen uns verbrochen hat . « Margarethe wollte in seine Rede fallen , aber Diether gab es nicht zu . - » Kein Wort zu ihrer Vertheidigung , « sprach er heftig : » verzeihen kann ich ihr , segnen will ich sie , aber nicht selbst ihr das Wort der Vergebung bringen , aber nicht selbst die Hand auf ihr Haupt legen , aber nicht vergessen daß sie es war , die alles Elend über uns gebracht , daß sie das Kind uns gestohlen , um es dem Jammer hinzuwerfen , wie ein armes junges blindes Thier in den reißenden Strom ! « - » O Herr , « rief Margarethem seine Knie umfassend : » hemmt doch Euern Zorn , hemmt doch Eueren Groll . Wallrade hat viel verbrochen , aber unschuldig ist sie an diesem Vergehen . « - » Unschuldig ? « wiederholte Diether , und sah mit Bestürzung , wie auch Willhild sich heulend vor ihm niederwarf , und nun aus dem Munde der Frauen ein Bekenntniß zu Tage stieß , das sich der alte Mann nicht hätte träumen lassen . Und da er nach und nach heller sah in der verworrenen Geschichte , hörte , wie er hintergangen , und wie diese schnöde List der Anfang alles Unglücks seines Hauses gewesen , da empörte sich sein Gemüth ; das Blut wallte siedend uaf in seiner Brust und seinem Gehirn . Der gewohnte Ungestüm wollte hervorbrechen aus den kaum geschmiedeten Fesseln , verstoßen wollte er die schuldige Gattin , der strengsten Strafe überliefern ihre Mithelferin ; aber ein Augenblick gestaltete sein Inneres anders . Margarethe , in ihrer Reue schöner noch , als an dem Tage , da sie in Diether ' s Hause einzog , - eine siegreiche Braut , - sah auf zu ihm aus der Vernichtung , in welcher sie vor ihm lag . Alle Engel des Erbarmens schienen um sie her im Kreise auf den Knieen zu liegen vor dem zürnenden Greise , ihre Hände gegen ihn zu falten , und seiner stürmischen Seele Friede zuzufächeln mit ihren bunten und goldnen Schwingen . Der Zauber , der über des Kindes wie über des Alten veränderlich Gemüth eine strenge Herrschaft übt , wirkte auch hier . Gegen die entwaffnete Buße hatte er nur Rührung zu stellen , wiederkehrende Liebe , und all diese Gefühle wurden geheiligt durch eine erhebende Ahnung der ewigen , unabänderlichen Vorsehung . So konnte es denn geschehen , daß sein Grimm plötzlich vernichtet dahin fiel , daß wehmüthige Freundlichkeit über seine Züge schlich , und daß die Hand , die vor einem Athemzuge noch , die vor ihm Knieende hinwegstoßen wollte , dieselbe jetzo aufhob , wie ein Vater das liebe Kind aufhebt . - » Steht auf , meine Ehefrau ; « sprach er gütig , und siegreich im Kampfe der Leidenschaft : » Ihr habt mir so vieles zu vergeben , daß ich , obgleich schmerzlich aus der Himmelshoffnung meines Alters gerissen , nicht anders thun kann . Kein Wort mehr von dem , was gewesen ist . « - Er schüttelte Margarethen treuherzig die Hand , sie küßte die seine schluchzend und dankbar . Hierauf hob er auch Willhild auf , und sagte zu ihr , wenn gleich mit strengem Blicke : » Dich könnte ich fragen : Wo ist das Kind , das ich Dir vertraute ? Aber , .... ich bezwinge mich . Der Herr hat ' s gegeben , - der Herr hat ' s genommen , - der Name des Herrn sey gelobt . Der arme kranke , todtschwache Knabe wird freilich von uns nie mehr gesehen werden , setzte er weich hinzu : und auch seine Überreste werden wir nicht finden . Das Haus bleibt aber darum doch nicht ohne Erben , und auch der kleine Hans soll nicht unglücklich seyn , um der Missethat seiner Mutter willen . Jetzt aber , kommt zu eben dieser Mutter Sterbebette , daß ich jetzo sie mit heiterm Muthe segne , und ihr aus vollem Herzen das sühnende Lebewohl zurufe ! « Fußnoten 1 Haynreich - ein mittelalterlicher Name des Taunusgebirges . Neuntes Kapitel . Wenn die Noth am größten , ist die Hülfe am nächsten ! Sprichwort . Im Scheine des gelblich flammenden Abends saß Bilger von der Rhön an einem Fenster des Deutschordenshauses , das hinaussah auf die wallende Fluth des Stroms , und vor dem die Schiffe und Kähne , die darauf zu Berg und zu Thal tanzten , sich tummelten , wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimath . Aber das lustige und rege Leben auf Strom und Brücke regte den in kummervolles Nachdenken Versunkenen nicht an , sondern vermehrte nur seinen Schmerz , sich hinausgestoßen zu wissen aus der Mitte des Volks , geächtet , seiner Freiheit , seiner Ehre , seines Lebens selbst am Ende verlustig . Er sah voraus , wie alles um ihn her sich noch schwärzer und düstrer gestalten würde , als es schon bis jetzt geworden war , und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben , wie sie , gleich verwiesenen Engeln , ihre Hände ausstreckten nach dem Vater und Freund , ohne ihn retten , oder an sich ziehen zu können . Bei diesen trostlosen Gedanken überraschte ihn manchmal auch der verzweifelnde , einen Weg zum Strom zu suchen , um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden . Dieser Gedanke , - in seiner Fürchterlichkeit dem Gefolterten ein Freund , hatte ihn von der Tafel des Komthur ' s gejagt , dessen rohe und leichtsinnige Reden , im Verein mit der Schlemmerei in Mahl und Trunk , welche die drei Herren des Hauses trieben , seine Brust grausam verletzt hatten . Die deutschen Herren jener Zeit , sowohl Ritter , als Amtleute und Geistliche waren in ihrem Übermuthe , der sich auf die Reichthümer , die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens gründete , weit über alle Schranken gegangen . Hang zum Wohlleben , Habsucht und Willkür waren die bezeichnenden Eigenschaften der größern Mehrzahl der Ordensglieder , die vom Volke nicht geliebt , aber wohl gefürchtet wurden , um ihrer weit um sich greifenden Macht willen . Unter den Schwelgern und Trotzköpfen , die der Orden aufzuweisen hatte , stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe . So wie er der Tapfersten einer im Felde war , ... seinem Muthe verdankte er die Komthurei , - so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unverträglichsten , der mit Härte und Eigenmächtigkeit Alles durchsetzte , was zum Besten des Gesammten war , sollte auch Recht un gut Andrer dabei zu Grunde gehen . Ohne ein böses Herz zu haben , besaß er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes , und vom Augenblick , von der Laune , die dieser ihm gerade einflößte , hing der Werth seiner Handlungen ab . Eine gutmüthige Rohheit sprach sich in ihm aus , hatte er gerade seine beste Stunde ; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamer Zorn brachte vielleicht die nächste , minder günstige . Von frühster Jugend an den Weibern ergeben , hatte er seine höchste Glückseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher Liebe gefunden . In seinen männlichern Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an Schmaus und Gezech mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz getheilt , und bei der wohlbesetzten Tafel war es immer , wo er seine unbändige Fröhlichkeit frei daher gehen ließ , seine Scherze , nicht die zartesten , freigebig auftischte , und gleich wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte . Der Pfaffe des Hauses , ein rüstiger Trinker , ließ sich nicht lange auffordern , Issing ' s Farbe zu tragen , und der Trappierer , ein durchtriebener Schelm , voll Geiz und Schlauheit versäumte nicht , dem Komthur , von dessen Nachsicht er mancherlei Vortheile bei seiner Amtsführung erwartete , dienstfertig zu höfeln , und ihn schier noch zu überbieten in schwelgerischer Eßlust und unziemlichen Reden . In der Mitte dieser Männer konnte einem Unglücklichen unmöglichst wohl seyn , da die grausame Rohheit der Genossen immer wie mit eiserner Faust an das wunde Herz des Armen griff ; und Bilger vollends hätte gewünscht , einer jener dürftigen Unglücklichen zu seyn , denen man , um eines Verbrechens willen , zwar die Freistadt im Hause gönnte ; um welche man sich aber nicht bekümmerte ; denen man überließ , für ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen , als sie konnten . Der Komthur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt , gegen den Herrn von der Rhön von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu seyn , und ihn zu halten , wie es sein Stand und sein Name wohl verdiente . Daher mußte Bilger eine stundenlange Qual an dem tische des Hauses aushalten , und sich , wie ein Dieb , bei guter Gelegenheit fortschleichen , um ungestört seiner Traurigkeit nachhängen zu dürfen ... Zwar war dieses Alleinseyn schmerzlich , aber des Unglücklichen einzig Eigenthum bleibt ja nur noch sein Schmerz . Bilger horchte also nicht auf die fern her gellende Stimme des Ordenspriesters , der in trunknem Muthe die Hymne an den heiligen Johannes , den Patron der Sänger1 , zum Besten gab , sondern er lauschte auf die angstvollen Schläge seines Herzens , auf die Geisterstimmen , die klanglos , aber verständlich zu seinem Ohre sprachen , und sah nicht , wie es dämmerte immer mehr und mehr . Aber das Geräusch welches der eintretende Komthur machte , rief ihn zurück aus der Welt seiner sehnsüchtigen Träume . - » Ei ! bei den Dornen und Wunden unsers Herrn ! « rief der Herr von Issing : » von der Rhön ! was ficht Euch den an , den einsamen Saal hier unserer heimlichen Eßstube vorzuziehen ? Schickt doch Eure Grillen zur Hölle . Meint Ihr denn , die alten Ordensherren , deren gemalte Gesichter uns so kriegerisch anglotzen durch den dämmerigen Abendschein , werden Euch helfen aus der Noth ? Die Lebenden sind ' s , auf welche Ihr hoffen müßt , und so lang Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht , soll Kaiser und Reich die Hand von Euerm Leibe halten . Seyd demnach hübsch munter , und - behagt Euch etwa unsre Kumpanei nicht , so sagt ' s nur frisch heraus , von Brust und Leber : ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft zuweisen , mit welcher Ihr zufrieden seyn möchtet . « - » Herr Komthur ! « antwortete Rudolph ernsthaft : » mein Unglück hat mich unter Euern Schirm gebracht ; doch gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht , meiner und meines Grams zu spotten . Bedenkt , daß von Euch selbst alles Übel meines Lebens seinen Ursprung nimmt . « - » Nun , bei meinem Eid ! « lachte Issing schonungslos : » es ist lustig , daß Ihr mir aufbürden wollt , was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes Niederträchtigkeit verschuldet hat ; indessen , weil Ihr unglücklich seyd , nehme ich ' s nicht so genau , und behaupte Euch ruhig in ' s Angesicht , daß ich Eurer nie gespottet habe , und nimmer spotten werde . Der Zufall erlaubt mir , Euch sogar gute Botschaft zu bringen . Aus dem Weißfrauenkloster erhalte ich Kunde , daß Wallrade nicht gestorben , daß sogar die Hoffnung gehegt wird , sie zu heilen und ihr Leben zu erhalten . So wenig ich es der Elenden gönne , so lieb mag ' s Euch seyn , daß sie ein Katzenleben hat . « - » Wirklich ? « fragte Rudolph mit frohem Blicke : » sie lebt wirklich noch ? O habt Dank , Herr von Issing , daß Ihr meiner Seele dieses Labsal brachtet . Meinen Hals befreit die Kunde freilich nicht , aber mein Gewissen wird leicht dagegen und gesünder . Habt Dank . Könntet Ihr mir nur gleich gute Mähr von meinem Kinde bringen , ... von meinem Weibe ... o Gott ! « - Bilger ließ den Kopf , auf die Brust , die Hände in den Schooß sinken , und schwieg seufzend . Der Komthur zuckte die Achseln , und sprach : » Davon weiß ich nicht , mein Freund . Vielleicht wäre jedoch der Bote besser unterrichtet , der vom Kloster nach unserm Hause kam . Wär ' s Euch recht , ihn zu sehen , selbst zu sprechen ? Man mag ihm wohl vertrauen , sonder Gefährde ! « - » Zwar sollte ich jeden Menschen scheuen , « entgegnete von der Rhön : » allein , - ob ich mich jetzo nenne , ob nicht ; es ist gleichviel . Lebt Wallrade noch , o so hat ihr Mund mich genannt ; Gundel hat mich verrathen , Dagobert gegen mich gezeugt ; ich darf fürder nicht hoffen , unerkannt mein Leben zu lassen , ohne Schande für meines Hauses Wappen ! Verstattet mir daher , den Mann zu sehen , Herr Komthur . « - » Gern ! « antwortete dieser , und stieß mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden , daß es an der Decke des Saals wiederhallte , worauf die Flügelthüre sich öffnete , und ein blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte . Die plötzliche Helle schloß Bilger ' s Augenlied , aber schnell eröffnete er es wieder , als eine süße Stimme seinen Namen rief , und die Freude rüstete ihn mit starkem Arme empor , da seinem Blick hinter dem Diener , der die Kerzen hereintrug , die Gestalten sich zeigten , die seine Einsamkeit schon diesen Abend besucht hatten ; diesmal aber keine vergebens nach ihm sich sehnende Engelsbilder , sondern lebende , verkörperte Gestalten , die an sein Herz flogen , die ihn mit Liebesarmen umschlangen , und ihm abwechselnd zuflüsterten oder zujubelten : » Gatte ! Vater ! wir sind hier , ... wir , Dein Weib , Dein Kind ! Wir sehn Dich wieder ! « Rudolph ' s Augen , vor Kurzem noch überfließend von den Zähren des Jammers , strömten nun über von den Thränen der Freude , der dankbarsten Freude . Aber nicht in seinen Wimpern allein hingen diese köstlichen Perlen des Gefühls : auch die Gattin schluchzte an seinem Halse , auch die kleine Agnes weinte unter ihren freundlichen Liebkosungen , - und an der Thüre stand die harte Judith , aufgelöst in Rührung ; in der Mitte des Saals stand der Komthur und fühlte sein rauhes Herz erschüttert von menschlicher Bewegung . Die Glücklichen , die sich wiedergefunden hatten , vergaßen die Zeugen um sich her , und verloren sich in Fragen und in Antworten , in dem Labyrinth der Rede , welche der laute Herold des innern Gefühls ist . Ach , nun erfuhr Rudolpf , daß Katharine von seiner ersten Ehe wußte , wenn gleich nicht das Daseyn des Knaben Johannes . - Diese Künde war ein bittrer Tropfen in Bilger ' s Freudenkelch , und er nahm ihn hin wie ein reuiger Sünder , ohne zu läugnen , obschon Katharine mit ängstlichem Blicke dieses Läugnen erwartete , und einer Sylbe von seinen Lippen mehr geglaubt hätte , als allen Schwüren Wallradens , deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte . Als jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte , da wurde aus den schmerzlichen Vorwürfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels , und sie vergab , und forderte ihn auf , sie , und Agnes ferner nicht zu verlassen . » Wer auch jene Andre sey , « rief sie begeistert : » sie liebt Dich nicht wie ich ; sie hat Dich nie also geliebt ; unglücklich muß sie Dich gemacht haben , denn Du bist denen treu , die Du im Herzen trägst , ... obgleich Du auch von uns gegangen bist , von mir und Deiner Agnes ! « - Katharine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Mägdlein hernieder , um ihre nassen an dessen Halse zu verbergen . Der Herr von der Rhön rief dagegen , den Komthur heftig bei der Hand fassend : » Seht her , edler Herr , seht her ; welch ein Weib ! Ihr habt nur Sinn für die äußere Blüthe der Frauen , aber ahnen mögt ihr dennoch , was Liebe , was Tugend , was Hingebung und Opfer für den Geliebten sey ! Weh mir , daß ich solch ein Herz zu betrüben geschaffen bin , und daß ich noch Schande häufe , auf dieses theure Haupt . Wehe Euch , Herr , denn Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde überredet ; Ihr gabt dem Zagenden , dem blöden Jüngling die Mittel zur Hand , die Kette unwiderruflich zu schmieden , nach welcher sein ahnend Herz bald verlangte , welche es bald verwarf . O hätte ich doch nimmer die Stunde erlebt , in welcher ich das verhängnißvolle Ja gesagt , hätte ich doch nimmer den dienstfertigen Mönch geschaut , den Eure Hand auf Baldergrün einführte , dessen Segensspruch - der Fluth meines Lebens - dieses edle Weib zu meiner Krebsfrau , dieses holde Kind zu einem Bastard macht , - und mich gefesselt hält an die unselige Wallrade ! « - » Wallrade ! « schrie Katharine laut auf , und sank von der Überraschung überwältigt , zu Boden . Judith flog auf die Erblassende zu , und mit dem Rufe : » Barmherziger Gott ! sie stirbt ! « wollte sich Rudolph neben ihr niederwerfen . Issing hielt ihn heftig zurück . » Seyd ein Mann ! « sprach er ernst und doch nicht unfreundlich : » das ist nicht der Tod ; eine Schwäche blos , aus welcher dieses Weib hier die Unglückliche rütteln mag . Ich dafür will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen , aus den Ketten einer verderblichen Wahns . Hört mich an , und wohl mir , daß mein Spott am Heiligsten mir gönnt , euch Heil zu verkünden . Wallrade hatte mich unterjocht , und wünschte , meiner fast überdrüßig , und Euch mit flücht ' ger Liebe umfassend , eng mit Euch verbunden zu seyn , um den zaudernden blöden Freier unauflöslich an sich zu binden . In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid , selbst die Hand dazu zu bieten . Ich konnte nicht zurück , fühlte ich gleich die ganze Hölle , selbst den Segen über die Geliebte und den verhaßten Nebenbuhler sprechen zu müssen . Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft . Ich wollte Euch binden , aber nur vor Euern Augen ; und einst euch niederdonnern mit dem grimmigsten Hohne , Euch erniedrigen vor meiner Verachtung . Der Kirche Segen durfte nur ein Possenspiel seyn , und ein Ordensknecht , der dem Noviziat im Bettelkloster davon gelaufen war , stellte den Mönchspopanz vor , der Euch verband mit ruchloser Spottrede und entweihter Stola . « - » Wie ? « stammelte von der Rhön , zurückfahrend .