dieser Pflicht hingegen jedes Opfer , das sie verlangt , willig darzubringen . So wie nun die Gerechtigkeit in unsrer großen Republik in der gehörigen Einschränkung und Subordination der untersten und mittlern Classe unter der obersten , und in der daraus entspringenden Harmonie und Einheit des Ganzen besteht ; so hat es , vermöge der Natur der Sache , eben dieselbe Bewandtniß mit den drei verschiedenen Principien , woraus ( nach Plato ) die Seele zusammengesetzt ist ; und so wäre denn die wahre Antwort auf die Frage , » was die Gerechtigkeit in der Seele , an sich selbst , ohne Rücksicht auf irgend etwas außer ihr , sey ? « glücklich gefunden , und unser redseliger Sokrates , der es sich in der That sauer genug werden ließ , die Masche , die er auflösen wollte , so stark er nur konnte zusammen zu schnüren , und mit so vielen neuen , in einander verwickelten Knoten zu verstärken , könnte nun billig für heute von aller weitern Bemühung losgesprochen werden . Daß unser Mann in der Art , wie er seine vorgeblichen Untersuchungen anstellt , sich selbst auch hier gleich bleibt , versteht sich , und was ich gegen diese Methode bereits erinnert habe , tritt daher auch hier wieder ein . Eigentlich kann man nicht sagen , daß er untersuche ; denn er hat das , was er seinen Zuhörern suchen zu helfen vorgibt , immer schon in der Hand , und , bei allem Schein von Gründlichkeit und Subtilität , den er seinen taschenspielerischen Operationen zu geben weiß , bedarf es doch nur einer mäßigen Aufmerksamkeit , um zu merken , daß er uns täuscht , wenn gleich nicht jeder Zuschauer ihm scharf genug auf die Finger sehen kann , um gewahr zu werden wie es damit zugeht . Es würde uns zu weit führen , wenn ich die Wahrheit dieser Behauptung durch eine umständliche Analyse dieses Theils des vierten Buchs darlegen , und unsern Tausendkünstler gleichsam nöthigen wollte , seine Handgriffe , einen nach dem andern , so langsam vor unsern Augen zu machen , daß sie auch dem blödsichtigsten nicht entgehen könnten . Ich will mich also bloß darauf einschränken , seinen Beweis der drei wesentlich verschiedenen Principien , die er in der menschlichen Seele entdeckt haben will , etwas näher zu beleuchten , um zu sehen , ob es wirklich zur Erklärung der mannichfaltigen Erscheinungen in derselben nöthig ist , dreierlei Seelen anzunehmen , oder ob wir uns dazu recht gut mit einer einzigen behelfen können . Gegen das Axiom , worauf er seinen Beweis stützt , daß eben dasselbe Subject in Widerspruch stehende oder einander aufhebende Dinge unmöglich zugleich und in eben derselben Hinsicht weder thun noch leiden könne , habe ich nichts einzuwenden . Wenn er also zeigen kann , daß diese zugegebene Unmöglichkeit gleichwohl in dem , was wir unsre Seele nennen , täglich als etwas Wirkliches erscheint , so hat er den Handel gewonnen und ich stehe beschämt . Ich übergehe die Einwendungen , die er sich von einem erdichteten Gegner machen läßt , und die fast zu mühsame Art wie er sie beantwortet ; denn ich werde ihm diese Einwürfe nicht machen . Also ohne Weiteres zu dem Beispiele , woran er seinem Glaukon klar machen will , daß es ohne seine Hypothese gar nicht zu erklären sey ! Hören wir , wie sich sein Sokrates anschickt , um uns zu diesem verzweifelten Ausweg zu nöthigen . Sokrates . Rechnest du den Durst nicht unter die Dinge , die das , was sie sind , nicht seyn könnten , wenn nicht ein anderes wäre , dessentwegen sie sind ? - Glaukon ( sieht ihn an und verstummt ) . Sokrates . Nach was dürstet der Durst ? Glaukon . Ja so ! - Nach einem Trunk . Sokrates . Bezieht sich der Durst auf eine gewisse Art von Getränke ? Oder verlangt der Durst , insofern er Durst ist , weder viel noch wenig , weder gut noch schlecht , sondern lediglich nur etwas zu trinken ? Glaukon . So ist es allerdings . Sokrates . Die Seele des Dürstenden , insofern sie dürstet , will also nichts als trinken ; das ist ' s , wornach sie trachtet und strebt ? Glaukon . Offenbar . Sokrates . Wenn sie also dürstet , und etwas zieht sie zurück , muß da nicht noch etwas anders in ihr seyn als das , welches dürstet und sie wie ein Thier zum Trinken treibt ? Denn nach unserm obigen Grundsatz ist es ja unmöglich , daß eben dasselbe , in Ansehung eben desselben Gegenstandes dieß oder das und zugleich das Gegentheil thue ? Glaukon . Unmöglich . Sokrates . So wenig als es recht gesprochen wäre , wenn man sagte , daß ein Bogenschütze den Pfeil mit beiden Händen zugleich abstoße und anziehe , sondern die eine Hand zieht an , und die andere stößt ab ; nicht so ? Glaukon . Nicht anders . Sokrates . Müssen wir nicht gestehen , daß es Leute gibt , welche nicht trinken wollen , wiewohl sie durstig sind ? Glaukon . O gewiß , das begegnet alle Tage nicht wenigen . Sokrates . Wie kann man sich das nun erklären , als wenn man sagt , das Etwas in ihrer Seele , das ihnen zu trinken befiehlt , sey ein Anderes als das , so sie vom Trinken abhält und stärker als jenes ist ? Glaukon . So däucht es mir . Sokrates . Ist nun das , was uns von dergleichen ( sinnlichen Befriedigungen ) zurückhält , nicht ein Werk der Ueberlegung und des Urtheils , so wie hingegen das , was zu ihnen anreizt und hinreißt , Leidenschaft und Krankheit ist ? Glaukon . So scheint es . Sokrates . Haben wir also nicht recht , zwei einander entgegen gesetzte Principien in der Seele anzunehmen , von welchen wir jenes , kraft dessen sie urtheilt und schließt , das vernünftige , und dieses , vermöge dessen sie liebt und hungert und dürstet , und von allen andern Begierden , die zu wollüstiger Anfüllung und Ausleerung reizen , hingerissen wird , das unvernünftige und begierliche nennen ? Glaukon . Wir könnten mit Recht dieser Meinung seyn , sollt ' ich denken . Unser Philosoph fährt nun fort , in dieser kurzweiligen Manier auch das dritte in der Seele , welches er Thymos nennt , zu betrachten und so lange hin und her zu schieben , bis er die Aehnlichkeit dieses vorgeblichen Princips mit der streitbaren Classe in seiner Republik entdeckt , und herausgebracht hat , daß Thymos mit den Begierden häufig in Streit gerathe , und so oft sich diese gegen das regierende vernünftige Princip auflehnen , mit großem Eifer die Partei des letztern nehme , für welches er eine ganz eigene Anmuthung habe u.s.w. , wozu denn der gefällige Glaukon immer seine Beistimmung gibt , und sich am Ende gänzlich für die Hypothese der dreifachen Seele oder der drei Seelen in Einer erklärt . Es mag eine ganz bequeme Sache seyn , mit Schülern zu philosophiren , bei welchen man immer Recht behält . An Glaukons Stelle hätte ich mich so leicht nicht von dieser neuen Platonischen Lehre überzeugen lassen , und würde mir die Freiheit genommen haben , folgende Vorstellungen gegen dieselbe zu machen . » Wie eng auch die unbegreifliche Verbindung unsrer Seele mit ihrem Körper ist , ehrenwerther Sokrates , so kann man doch eben so wenig von der Seele sagen , daß sie hungre oder dürste , als daß sie esse und trinke ; auch ist sie eben so unschuldig an dem , was du aus geziemender Urbanität lieben nennst , und was ( in dem Sinne , den du diesem Worte hier beilegst ) eigentlich bloß den gewaltsamen Zustand bezeichnet , worin Aristophanes den Gemahl der schönen Lysistrata von der Armee zu ihr zurückeilen läßt . Alle Triebe , - welche die Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses des Körpers zum Gegenstand haben , gehören auch dem Körper zu ; sie sind nothwendige Folgen seiner Organisation , und werden nur insofern Begierden der Seele , als diese durch das geheime Band , wodurch sie an jenen gefesselt ist , sich genöthigt fühlt . « - Doch , warum sollte ich dir , lieber Eurybates , bei dieser Gelegenheit nicht eine kleine Probe geben , daß ich die Kunst , das Wahre einer Sache durch Frag ' und Antwort herauszubringen , unserm gemeinschaftlichen Meister so gut als Plato abgelernt habe ? Wenigstens werde ich keine hinterlistige und mit einer vorgefaßten Hypothese in geheimem Einverständniß stehende Frage thun , und keine Antwort geben lassen , als die immer die einzig mögliche ist , die ein vernünftiger Mensch auf die vorgelegte Frage geben kann . Also , unter Anrufung der schönsten aller Göttinnen , der Wahrheit , und ihrer ungeschminkten Grazien - zur Sache ! Aristipp . Mich däucht , lieber Sokrates-Platon , der gute Glaukon hat dir zu schnell gewonnenes Spiel gegeben . Erlaube daß ich eine kleine Weile seine Stelle vertrete und in seinem Namen einige unschuldige Gegenfragen an dich thue . Sokrates . Frage immer zu . Aristipp . Gibt es unter allen Körpern in der Welt einen , den deine Seele den ihrigen nennt ? Sokrates . Allerdings . Aristipp . Thust du dieß nicht , weil deine Seele in einer viel engern , besonderern und unmittelbarern Verbindung mit ihm steht als mit irgend einem andern ? Sokrates . Getroffen ! Aristipp . Belehrt uns nicht die tägliche Erfahrung , daß wir ohne unsern Körper weder sehen noch hören , noch von irgend etwas , das außer uns ist oder zu seyn scheint , ja nicht einmal von uns selbst , die mindeste Kenntniß hätten ? Sokrates . In diesem Leben wenigstens können wir nichts von allem diesem ohne unsern Körper . Aristipp . Lehrt uns die Erfahrung nicht überdieß , daß wir ohne Hülfe unsers Leibes nichts von allem , was wir zu verrichten und hervorzubringen wünschen , ausführen können ? Ingleichem , daß sobald der Leib leidet und in seiner natürlichen Lebensordnung gestört wird , auch die Seele , sie wolle oder nicht , sich zur Mitleidenheit gezogen fühlt , und je größer die Leiden ihres Körpers sind , desto mehr auch in ihren eigenen Verrichtungen , im Denken , und in der Freiheit ihre Gedanken zu gewissen Absichten zu ordnen , unterbrochen und aufgehalten wird ? Sokrates . Ich sehe nicht , wie dieß geläugnet werden könnte . Aristipp . Ist es also nicht natürlich , daß die Seele in solchen Umständen und Lagen ein Verlangen trägt , ihrem Körper nach Möglichkeit zu Hülfe zu kommen ? Sokrates . Sehr natürlich . Aristipp . Sollte nun aber nicht eben so natürlich seyn , daß eben dieselbe Seele , die ihrem Leibe wohl will und seine Erhaltung begehrt , auch alles verabscheuen muß , was seinen Wohlstand unterbricht oder ihn gar zu zerstören droht ? Oder wie sollt ' es möglich seyn , daß die Seele etwas wollte , ohne das Gegentheil nicht zu wollen ? Oder daß sie etwas ernstlich und eifrig begehrte , ohne daß sie das , was der Befriedigung dieses Verlangens entgegen steht , aus dem Wege zu räumen suchte ? Sokrates . Es ist klar , daß in dem angenommenen Fall das Nichtwollen im Wollen , das Verabscheuen im Begehren nothwendig enthalten ist . Aristipp . Lehrt uns die Erfahrung nicht , daß , da unser Leib zur Erhaltung seines Lebens und seiner Kräfte von Zeit zu Zeit Speise und Trank bedarf , die Natur im Bau desselben eine solche Einrichtung getroffen hat , daß wir durch eine gewisse Unbehäglichkeit an dieses Bedürfniß erinnert werden , und daß diese Unbehäglichkeit , je nachdem das Bedürfniß größer und dringender wird , so lange zunimmt , bis es endlich peinvoll und unausstehlich ist ? Sokrates . Wiewohl ich das letztere nicht aus eigener Erfahrung weiß , so zweifle ich doch so wenig daran , daß die unmittelbare Erfahrung mich nicht stärker überzeugen könnte . Aristipp . Wie nennst du diese Aufforderung der Natur jenen Bedürfnissen unsers Leibes zu Hülfe zu eilen ? Sokrates . Hunger und Durst . Aristipp . Und das wodurch beiden abgeholfen wird ? Sokrates . Speise und Trank . Aristipp . Sollten wir also den Hunger und den Durst , als Gefühle , die uns die Natur selbst aufgedrungen hat , nicht mit gutem Fug Naturtriebe nennen können ? Sokrates . Ich sehe nicht was uns daran hindern sollte . Aristipp . Wenn mich dürstet , regt sich der Trieb zum Trinken zunächst im Leibe , der des Getränks bedarf , oder in der Seele , die weder trinken kann noch dessen für sich selbst nöthig hat ? Sokrates . Nur ein Wahnsinniger könnte das letztere behaupten . Aristipp . Man kann also , eigentlich zu reden , nicht sagen , die Seele dürste ; und Plato hatte ein wenig Unrecht , einen so vernünftigen Mann wie du bist , etwas so Unschickliches sagen zu lassen . Sokrates . Schlimm genug für mich oder ihn , daß ihm das nur gar zu oft begegnet . Aristipp . Wenn also , wie die Erfahrung gleichfalls lehrt , dieser körperliche Trieb , welcher unmittelbar aus dem Gefühl des Bedürfnisses entsteht , in der Seele des Dürstenden zur Begierde jenen Trieb zu befriedigen , und zur Verabscheuung des aus der Nichtbefriedigung entstehenden peinlichen Zustandes wird , kommt dieß nicht bloß daher , weil sie an dem Zustande des Leibes , ihres unmittelbaren Gefährten und Gehülfen , Antheil zu nehmen genöthigt ist ; und weil sie , auch um ihrer selbst willen , desto lebhafter und ungeduldiger wünschen muß , daß der Dürstende zu trinken bekomme , je dringender sein Bedürfniß , je quälender sein Durst , und je peinlicher folglich ihr selbst die Hemmung ihrer freien Thätigkeit wird , die eine natürliche Folge desselben ist ? Sokrates . Ich sehe nicht , wie ich mir die Sache anders denken könnte . Aristipp . Wenn nun kein besonderer Grund vorhanden ist , warum der Dürstende sich des Trinkens enthalten soll , so ist auch nichts da , was die Ueberlegung oder die Vernunft verhindern könnte , ihre Einwilligung dazu zu geben ; Trieb , Begierde und freier Wille fallen alsdann in einander , und es ist klar , daß wir nicht zwei verschiedene Principien anzunehmen brauchen , um das , was in der Seele dabei vorgeht , begreifen zu können . Laß hingegen irgend einen Grund des Nichttrinkens vorhanden seyn , z.B. daß kein anderes als stinkendes Wasser , oder irgend ein Getränk , dessen Schädlichkeit dem Dürstenden bekannt ist , vorhanden , oder daß noch vorher irgend ein äußerst dringendes Geschäft abzuthun , der Durst hingegen noch erträglich wäre : so würde zwar der mechanische Trieb zum Trinken nichts dadurch von seiner Stärke verlieren , aber die Begierde , durch die Ueberlegung unterdrückt , würde dem Willen nicht zu trinken Platz machen ; und dieß auf eben die Weise , wie wir , wenn wir uns mit Ueberlegung , aber aus irriger Meinung zu etwas entschlossen haben , unsern Entschluß ändern , sobald wir den Irrthum gewahr werden , wiewohl es eben dieselbe Vernunft ist , die uns in beiden Fällen bestimmt . Oder sollte es etwa , zu Erklärung dieser so häufig vorkommenden Veränderlichkeit unsrer Meinungen und Entschließungen , einer zweifachen vernünftigen Seele bedürfen , einer die sich irren kann , und einer andern , die sich nie irrt , und welcher jene unterthan zu seyn verbunden ist ? Sokrates . Mich dünkt eine und eben dieselbe Seele sollte hinlänglich seyn , alles was in den besagten Fällen in ihr vorgeht zu bestreiten . Aristipp . So lange uns also Plato nicht gezeigt haben wird , daß es andere Fälle gebe , wo der Mensch in eben demselben untheilbaren Augenblick , in Ansehung eben desselben Gegenstandes , von der Begierde nach einer gewissen Richtung , und von der Vernunft nach der entgegengesetzten gezogen werde , ist keine Ursache vorhanden , warum wir aus dem was in uns begehrt , und dem was in uns überlegt und wählt , zwei verschiedene Seelen machen sollten . Sokrates . Aber wie , wenn ( um bei unserm bisherigen Beispiele zu bleiben ) der Durst endlich auf einen so hohen Grad dringend würde , daß seine Pein unausstehlich wäre , und der Dürstende könnte schlechterdings keines andern Getränkes habhaft werden als eines Bechers voll Schierlingssaft , entstände da nicht der Fall , wo Begierde und Ueberlegung den Menschen zugleich nach zwei entgegen gesetzten Richtungen ziehen würde ? Aristipp . Ich weiß nicht ob jemals ein solcher Fall stattgefunden haben mag ; wenigstens werden wir , weil die Erfahrung uns hier verläßt , das , was in diesem unbekannten Falle geschehen müßte , nur aus dem , was uns von der menschlichen Natur überhaupt bekannt ist , oder aus ähnlichen Fällen durch Muthmaßung herausbringen können . Auf alle Fälle ist gewiß , daß eben dieselbe Seele , die dem dringenden Bedürfniß des verlechzenden Körpers um jeden Preis abgeholfen wissen will , den Gifttrank , sobald sie ihn für einen solchen erkennt , insofern er dem Körper die gänzliche Zerstörung droht , verabscheuen muß . Demungeachtet bin ich überzeugt , sobald das Bedürfniß zu trinken aufs äußerste , und folglich die Pein des Durstes auf einen so fürchterlichen Grad gestiegen wäre , daß dem Unglücklichen nich übrig bliebe , als sein Leben an die Erleichterung der gegenwärtigen Qual zu setzen : so würde nicht nur der sinnliche Abscheu von der wüthenden Begierde übertäubt werden , sondern die Vernunft selbst , wenn sie kein anderes Rettungsmittel vorzuschlagen hätte , würde die leichtere und schnellere Todesart der grausamem vorziehen , und der Begierde keinen vergeblichen Widerstand entgegen setzen . - Aber genug , lieber Eurybates , für eine kleine Probe , welche freilich dreimal so groß hätte ausfallen mögen , wenn ich , nach der Weise meines Vorgängers , jede Frage noch in zwei oder drei dünnere hätte spalten wollen . In Betreff des sogenannten Thymos , welchen Plato zum dritten - ich weiß nicht was in unsrer Seele macht , muß ich zu dem bereits Gesagten nur noch hinzusetzen , daß alle Schwierigkeiten von selbst wegfallen , sobald bei den Erscheinungen , die er unter dieser Benennung begreift , das , was seinen unmittelbaren Grund in der organischen Beschaffenheit des Leibes hat , von dem was das eigentliche Werk der Seele dabei ist , so genau als möglich unterschieden wird . Ueberhaupt fehlt sehr viel , daß dieses vorgebliche Princip bei allen Menschen gleiche Wirkungen hervorbringe : die Verschiedenheit des Temperaments , der Nervenstärke und Muskelkraft , der von Jugend an gewohnten Lebensweise und anderer Umstände , gibt gar verschiedene Resultate . Der eine zittert vor dem bloßen Anschein einer Gefahr , da ein andrer gar nicht weiß was Furcht ist , und seinen Muth mit der Gefahr steigen fühlt . Dieser ergrimmt über etwas , das jenen kaum aus dem Gleichgewicht rückt . Bei einigen ist hoher Muth mit Sanftheit und Zartgefühl , bei ungleich mehreren mit Rohheit , Härte und Gefühllosigkeit verbunden , u.s.w. Das aber , was ohne Zweifel allen Menschen gemein ist , - der natürliche , mit mehr oder minder lebhaftem Widerstand verbundene Abscheu vor allem , was unsern gegenwärtigen Zustand zu verschlimmern , oder gar unser Wesen selbst zu zerstören droht , - und die Begierde alles , was sich als angenehm , unserm Wesen zuträglich und den Genuß unsers Daseyns verstärkend , kurz , was sich uns unter der freundlichen Gestalt des Schönen und Guten darstellt , an uns und so viel möglich in uns hineinzuziehen , - ich sage jener Abscheu und Widerstand entspringt mit dieser Begierde und Anziehung aus einer und eben derselben Wurzel . Beide bedürfen , um uns in ihren Wirkungen begreiflich zu werden , keines andern Princips , als dessen , worin unser Wesen selbst besteht , dieser sich selbst bewege den Kraft , die sich in dem unaufhörlichen Bestreben äußert , ihr durch den Körper beschränktes , aber innigst mit ihm verwebtes Seyn zu genießen , zu nähren , zu erweitern und zu erhöhen ; und die immer eben dieselbe ist , es sey nun daß sie , als Begierde , das was ihr gut scheint an sich zu ziehen , oder , als Abscheu , das wirkliche oder vermeinte Böse zurückzustoßen strebt . Zu Erklärung dieser so nothwendig mit einander verbundenen und unter der Regierung der Vernunft so harmonisch zu einerlei Zweck zusammenwirkenden Bestrebungen eben derselben Kraft , zwei besondere Seelen anzunehmen , dünkt mich eben so unphilosophisch , als wenn man , um sich die verschiedenen Wirkungen der Liebe und des Hasses zu erklären , eine liebende und eine hassende Seele erdichten wollte . Nach Platons Art zu räsonniren würden wir zuletzt jeder besondern Leidenschaft , wiewohl sie alle aus einerlei Quelle entspringen , ihre eigene Seele geben müssen ; denn sehen und erfahren wir nicht täglich bei tausend Gelegenheiten , daß eine begehrliche Leidenschaft mit einer andern , öfters sogar mit mehrern zugleich ( z.B. der Geiz mit Gewinnsucht , Eitelkeit und Lüsternheit ) in offenbaren Widerspruch geräth ? Doch genug und schon zu viel über die zwei untersten Endpunkte des Platonischen Seelen-Dreiecks . Sollte es mit der vernünftigen Seele , welche die oberste Spitze desselben ist , nicht die nämliche Bewandtniß haben ? Sollten sich nicht alle Erscheinungen und Wirkungen der Sinnlichkeit und der Einbildungskraft , des Verstandes und des Willens , der Leidenschaften und der Vernunft , sehr wohl aus einer und eben derselben mit einem organischen Körper vereinigten Seele erklären lassen ? Können sie nicht ganz natürlich und ungezwungen als bloße verschiedene Modalitäten oder Zustände eben derselben selbstthätigen Kraft gedacht werden , welche , je nachdem sie von ihrem Körper und andern in sie einwirkenden Dingen außer sich mehr oder minder eingeschränkt wird , und je nachdem sie sich selbst aus verschiedenen Beweggründen und Absichten eine andere Richtung oder Stimmung gibt , oder ihre Kraft höher oder tiefer spannt , sich unter andern Gestalten zeigt und andere Benennungen erhält ? Sind wir nicht sogar durch das innigste Selbstbewußtseyn genöthigt , unser Ich in allen seinen Veränderungen , Zuständen und Gestalten , selbst in den ungleichartigsten und unverträglichsten ( z.B. im Uebergang aus der Trunkenheit einer heftigen Leidenschaft in den heitern Stand der ruhigen Besonnenheit ) für ebendasselbe zu erkennen ? Ich möchte wohl sehen , wie uns Plato dieses immerwährende Zusammenfließen seiner drei Seelen in der Einheit des Bewußtseyns , ohne eine ihm und uns bisher unbekannte vierte Seele , begreiflich machen wollte ? Uebrigens bedarf es kaum der Erwähnung , daß ich gegen die allgemeinen , aller ächten Lebensweisheit zum Grunde liegenden Wahrheiten , womit sich das vierte Buch schließt , und gegen die Formel , in welcher Plato seine Theorie über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zusammenfaßt - » daß die Tugend der Seele eben das sey , was Gesundheit , Schönheit und vollkommenes Wohlbefinden dem Leibe , « und gegen die Behauptung - » daß beide Arten von Gesundheit aus einerlei Ursachen entspringen , wenn nämlich jeder Theil , in gehörigem Verhältniß zu den übrigen , nichts als sein ihm eigenthümliches Geschäft verrichte , und im Ganzen die reinste Uebereinstimmung und Ordnung herrsche « - nichts zu erinnern habe . Warum er uns aber zu so sonnenklaren , von niemand , meines Wissens , bestrittenen und , wie er selbst gesteht , so augenscheinlich vor unsern Füßen liegenden Wahrheiten auf solchen Umwegen und durch so viele struppichte Dornhecken geführt hat , bleibt indessen immer eine Frage , die er selbst vielleicht durch den Ausspruch des alten Hesiodus beantwortet glaubt : daß die Götter es nun einmal so in der Art haben , den Sterblichen nichts Gutes ohne große Müh ' und Beschwerde zukommen zu lassen . 7. Fortsetzung des Vorigen . Der Platonische Sokrates hat , seinem eigenen mehrmaligen Vorgeben nach , die Idee seiner Republik zu keinem andern Ende aufgestellt , als um an einem groß in die Augen fallenden Vorbilde desto deutlicher zeigen zu können , was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit an sich selbst in der Seele und für die Seele sey , von welcher die eine oder die andere Besitz genommen habe . Mit dieser Arbeit ist er nun in den vier ersten Büchern dieses Dialogs glücklich zu Stande gekommen ; er hat überflüssig geleistet , was er versprochen hatte , und in der That viel mehr als er schuldig war . Man erwartet also die Gesellschaft entweder auseinander gehen , oder eine neue Materie zum Gespräch auf die Bahn gebracht zu sehen . Aber Plato hat es bereits darauf angelegt , daß er nur die Fäden , die er hier und da , wie es schien bloß zufälliger Weise , aber in der That absichtlich fallen ließ , nach und nach wieder aufzunehmen braucht , um an seinem reichen und vielgestaltigen Gewebe in die Länge und Breite so lange fortzuweben , als es seine mit dem Werke selbst wachsende Lust und Liebe nur immer auszuhalten vermögend seyn wird . Sein Sokrates stellt sich also am Schluß des vierten Buchs , als ob er sich auf einmal erinnere , daß er , um die Gerechtigkeit gegen ihre Gegner vollständig zu vertheidigen , noch zu untersuchen habe : welches von beiden nützlicher sey , gerecht und tugendhaft zu seyn , auch wenn man weder von Göttern noch Menschen dafür anerkannt wird , oder ungerecht , wenn man es gleich ungestraft seyn könnte ? Glaukon , der seit geraumer Weile eine ziemlich schülerhafte Rolle spielen mußte , erhält hier Gelegenheit , durch seine Weigerung an einer so überflüssigen Untersuchung Theil zu nehmen , seinen Verstand wieder bei uns in Credit zu setzen . Es wäre lächerlich , sagt er , nachdem so ausführlich erwiesen worden , daß Gerechtigkeit Gesundheit der Seele sey , erst noch zu untersuchen , ob es nützlicher sey , krank oder gesund zu seyn ? - Sokrates gesteht das Lächerliche einer solchen Untersuchung , meint aber doch , da sie nun bereits einen so hohen Standpunkt erstiegen hätten , sollten sie sich ' s nicht verdrießen lassen , so weit sie könnten herumzuschauen , um sich desto vollständiger zu überzeugen , daß es diese Bewandtniß mit der Sache habe . Wenn er dieß thun wolle , fährt er fort , so werde er sehen , daß die Tugend nur Eine Gestalt oder Form habe , die Untugend hingegen unzählige . Unter diesen seyen jedoch nur vier vorzüglich bemerkenswerth , deren jede die Form einer nichts taugenden Art sowohl von Staats- als von Seelen-Verfassung sey . Es gebe nämlich genauer zu reden - nicht ( wie er eben gesagt hatte ) unzählige , sondern nur fünferlei Regierungsformen , und eben so viele verschiedene Verfassungen der Seele . Die erste sey diejenige , welche sie bisher mit einander durchgangen hätten ; sie könnte aber unter zweierlei Benennungen erscheinen : wenn nämlich unter den Vorstehern des Staats Einer als der vorzüglichste alle andern regiere , werde sie Monarchie , wenn der Staat hingegen unter mehrern Regenten stehe , Aristokratie genennt . Im Wesentlichen sey es aber in seiner Republik ganz einerlei , ob sie von Mehrern oder nur von Einem regiert werde ; denn vermöge der Erziehung , welche alle zum Regieren bestimmten Personen in derselben erhielten , würde dieser Einzelne so wenig als jene Mehrern das Mindeste an den Grundgesetzen des Staats ändern ; und in dieser Rücksicht begreife er beide Regierungsarten unter Einer Form . Da nun diese die gute und rechte sey , so folge von selbst , daß die andern vier nichts taugen müßten . Wie er eben anfangen will , dieses von einer jeden besonders mit seiner gewöhnlichen Ausführlichkeit zu beweisen , entsteht auf Anstiften Polemarchs und Adimanths ein kleiner Aufruhr unter den anwesenden Theilnehmern an diesem Gespräch . Man erinnert sich , daß , als vorhin von verschiedenen die Polizei der idealischen Republik betreffenden Dingen , für welche die Archonten derselben zu sorgen haben würden , die Rede war , Sokrates sich , wie von ungefähr , ein Wort davon hatte entfallen lassen , als ob es sich von selbst verstehe , daß in den obern Classen Weiber und Kinder gemein seyn müßten . Ein so paradoxer Satz hätte nun freilich den Adimanthus , an welchen er gerichtet war , sowohl als alle übrigen gewaltig vor die Stirne stoßen sollen : aber dieß wäre dem Verfasser damals ungelegen gekommen . Man ließ ihn also unbemerkt auf die Erde fallen , und Adimanth , der fast immer nichts als ja freilich zu antworten gehabt hatte , sagte wie in einer Zerstreuung : das alles würde so in der besten Ordnung seyn . Wir sehen aber aus dem Eifer , womit er und Glaukon und die übrige Gesellschaft itzt auf einmal in Sokrates dringen , sich über diese Gemeinschaft der Weiber und Kinder unter den Beschützern seiner Republik näher zu erklären , daß sie ihnen stark genug aufgefallen seyn mußte ; nur sehen wir nicht , warum sie die Erklärung nicht damals , da es so natürlich war , sie zu fordern , sondern gerade itzt , da keine Veranlassung dazu vorhanden ist , von ihm verlangen . Platon läßt hier seinen Sokrates abermals ( wie er schon öfters gethan hat , und in der Folge noch mehrmal thun wird ) um die Neugier der Zuhörer noch mehr zu reizen , den Eiron spielen und sich stellen , als ob er großes Bedenken trage sich auf eine so häkelige Materie einzulassen , da er voraussehe , wie vielerlei neue Fragen , Zweifelsknoten und Streitigkeiten sie nach sich ziehen werde . Was thut das , sagt Thrasymachus ; sind wir denn nicht deßwegen hier , um uns mit interessanten Discursen zu unterhalten ? - Das wohl , versetzt jener , aber alles mit Maß ! - O Sokrates , ruft der ungenügsame Glaukon aus , was nennst du mit Maß ? Verständige Menschen