kann nicht sagen , welchen Eindruck mein Eintritt auf ihn machte ; Erinnerung dessen , was er mir und andern persönlich so oft versprochen und nicht gehalten hatte , Scham über sein Betragen gegen das Land und gegen mich , und das Bestreben , in diesem hochwichtigen Momente mir nicht abermals nichtswürdig zu erscheinen , brachten in seinem Betragen eine seltsame Mischung von Verlegenheit und zuvorkommender Höflichkeit hervor . Ich sagte ihm : der gegenwärtige Augenblick müsse jeden Preußen und jeden Deutschen ergreifen ; jetzt komme es darauf an , den Schaden wieder gut zu machen , den man dem Lande zugefügt ; wenn die Regierung sich jetzt würdig betrage , werde alles Vergangene vergessen werden . Ich käme also , um zu vernehmen , wie er denke , und um zu allem Vaterländischen die Hand zu bieten . « Aber Marwitz sah sich abermals getäuscht . Nicht rascher , ehrlicher Kampf war es , was man wollte , wieder wurde von Abwarten , von Verhandlungen gesprochen ; mit Bitterkeit im Herzen kehrte er nach Friedersdorf zurück . » Kein Krieg ! « schien die Losung sein und bleiben zu wollen . Indessen der Himmel hatte es anders beschlossen . Es wurde Krieg . Sechs kostbare Wochen waren versäumt , viel war verloren , aber nicht alles , und noch war es nicht zu spät . Brauche ich zu erzählen , daß Marwitz wieder zu den Fahnen eilte ! Noch weit bitterere Kränkungen und Erfahrungen hätten es nicht vermocht , ihn in solchem Augenblick in seiner Einsamkeit zurückzuhalten . Mit dem Rang eines Majors trat er ein und ward Anfang April mit der Bildung einer Landwehrbrigade betraut . Diese Brigade bestand aus vier Bataillonen des dritten kurmärkischen Landwehrinfanterie-Regiments und aus ebensoviel Schwadronen Landwehrkavallerie . Selber mit Eifer und Vorliebe Kavallerist , ließ er sich die Ausbildung dieser vier Schwadronen besonders angelegen sein . Mit jenem gesunden Sinn , der ihn immer ausgezeichnet hatte , erkannte er auf der Stelle , daß hier unter » Ausbildung « etwas anderes verstanden werden müsse , als das Reit- und Exerzierreglement in langen Paragraphen vorschrieb . Was er tat , auch auf diesem relativ untergeordneten Gebiete , scheint mir wichtig und charakteristisch genug , um einen Augenblick dabei zu verweilen . Die Raschheit und Selbständigkeit des Urteils , die jeder neuen Situation auch ein neues Benehmen anzupassen weiß , ist es ja vor allem , was den fähigen Offizier von dem bloß braven Soldaten unterscheidet , und in ähnlicher Weise , wie einst Leutnant von dem Knesebeck während des Feldzuges in der Champagne einen halben Brottransport dadurch zu retten gewußt hatte , daß er nicht Anstand nahm , die andere Hälfte ( ein paar tausend Kommisbrote ) in einen sonst unpassierbaren Sumpf zu versenken , so war auch Marwitz seiner Landwehrkavallerie gegenüber rasch entschlossen , das erreichbar Unvollkommene einer unerreichbaren Vollkommenheit vorzuziehen . Sosehr er die Reitkunst verehrte und als unentbehrlich für eine echte , eigentliche Reiterei betrachtete , so klar erkannte er doch auch , daß unter den gegebenen Verhältnissen diese Reitkunst nicht gehegt und gepflegt werden konnte , ohne alles zu verderben . Die Landleute und Bauernknechte , die auf ihren kleinen , magern Gäulen vor ihm im Sattel saßen , konnten reiten , freilich schlecht genug ; aber gut oder schlecht , er hielt es für das Beste , sie bei ihrer Reitart zu belassen . Er sagte sich sehr richtig , daß , wenn ein Naturalist zur Reitkunst dressiert werden soll , er anfangs notwendig schlechter und ungeschickter reitet als vorher , weil er seine alten Gewohnheiten aufgeben soll und sich die neuen nicht schnell genug zu eigen machen kann . So ließ er es denn beim alten , befahl die Pferde mit bloßer Trense zu zäumen , gab jedem Reiter einen Kantschu statt der Sporen und beschränkte seine ganze Forderung darauf , daß jeder imstande sei , dahin zu reiten , wohin er wolle . » Gewalt über das Pferd « war die einzige Forderung . Wie und durch welche Mittel war gleichgültig . Mit dieser Reiterei , die , abgesehen von der Lanze und einem ärmlichen Uniformstück , nicht viel anders aussehen mochte , als Bauernjungen und Pferdeknechte , die abends zur Tränke reiten , war Marwitz , weil er den Geist zu wecken gewußt hatte , nichtsdestoweniger imstande , am 7. Juni ein siegreiches Gefecht vor den Toren Wittenbergs zu bestehen und eine Abteilung polnischer Ulanen zu werfen und Gefangene zu machen . Eine Paradetruppe waren seine Landwehrreiter freilich nicht , und als während des Waffenstillstandes auf dem Tempelhofer Berge eine große Musterung vor dem Könige stattfand , ging das ganze Regiment , dessen kleine Klepper angesichts der Zuschauermenge scheu wurden , bis auf den letzten Mann durch . Was der Anblick des Feindes nicht vermocht hatte , vermochte der Anblick der Berliner Beaumonde . Der König ritt an Marwitz heran und sagte lächelnd : » Ein Glück , daß die Mauer so fest stand . « Der Spott war empfindlich . Marwitz aber blieb unerschütterlich bei seinem System . Und mit Recht . Wie seine Leute sich bei Wittenberg bereits bewährt hatten , so vor allem auch am 27. August in dem berühmt gewordenen Gefecht bei Hagelberg ( bei Belzig ) . Den Ausschlag an diesem Tage gab freilich das Fußvolk . Es traf sich glücklich für unsern Marwitz , der an diesem Tage die Reserve kommandierte , daß er mit seinen drei Bataillonen die schon verlorene Schlacht zum Stehen bringen und endlich siegreich hinausführen konnte . Den entscheidenden Stoß tat sein Lebuser Bataillon , was zu dem Stolz , den er an diesem Tage über die tapfere Haltung seiner ganzen Brigade empfand , auch noch eine gewisse lokalpatriotische Befriedigung fügte . Die Verluste seines Truppenteils waren nicht unbedeutend gewesen , er selbst kam gesund heraus , und erhielt nur – ähnlich wie bei Jena , wo sein Hut mehrfach durchlöchert worden war – eine Kugel durch den Mantel . Das Gefecht von Hagelberg war , während des Feldzugs von 1813 und 1814 , das einzige , wo es – von einer Reihe glücklich ausgeführter Streifzüge abgesehen , unserem Marwitz vergönnt war , sich persönlich und in mehr oder minder entscheidender Weise hervorzutun . Die Einschließung Magdeburgs , wozu man ebenfalls seine Brigade verwendete , hielt ihn vom großen Kriegsschauplatz fern . 1815 war er bei der Blücherschen Armee und focht mit Auszeichnung bei Ligny und Wavre . Bei Wavre , wo so viel auf dem Spiele stand , hielt er mit dem achten Ulanenregiment während des ganzen 18. Juni den exponiertesten Posten . Er hatte das Seine getan . An mäßige oder zögernde Anerkennung war er gewöhnt . Der Friede kam und in Marwitz , der inzwischen zum Obersten ( 1817 zum General ) aufgestiegen war , entstand die Frage : bleiben oder gehen ? Die Neigung seines Herzens zog ihn zurück in die ländliche Stille , aber andere Erwägungen – » das schlechteste aller Motive , das Geld « , wie er sich selber ausdrückt , – hinderten ihn , seiner Neigung zu folgen . Während der Kriegsjahre war daheim alles rückwärts gegangen , der Wohlstand zerstört , die Erträge des Guts auf ein Minimum reduziert , und so blieb er denn im Dienst , weil er sich gegen Frau und Kinder verpflichtet hielt , sei nen Generalsgehalt nicht ohne Nötigung aufzugeben . Möglich , daß er trotzdem zurückgetreten wäre , wenn nicht die zu seiner Brigade gehörigen Regimenter ihre Garnisonen in den Nachbarstädten des Lebusischen Kreises gehabt hätten , so daß es ihm möglich wurde , von Friedersdorf aus die dienstlichen Geschäfte zu leiten . Zu gleicher Zeit blieb er ein scharfer Beobachter der politischen Vorgänge , immer bereit mit Wort und Schrift einzugreifen , wo es nötig war im Dienste der Sache ( zumal gegen Hardenberg ) ein Zeugnis abzulegen . Zehn Jahre lang führte er die Brigade . 1827 , als ihn der Zusammentritt des brandenburgischen Landtages nach Berlin führte , dem er als Vertreter des erkrankten Landtagmarschalls zu präsidieren hatte , wurde ihm die Breslauer Division anstelle der bisher kommandierten Brigade angeboten . Nach kurzem Schwanken lehnte er das Anerbieten ab . Er war müde geworden im Dienst . Was aber den Ausschlag gab , war eben die Erwägung , daß die Übernahme eines fast vierzig Meilen von Friedersdorf entlegenen Kommandos ein längeres Verweilen auf seiner » Väter Schloß « unmöglich gemacht haben würde . So forderte er denn seinen Abschied und erhielt ihn . Der König ließ ihn rufen , um ihm ein Abschiedswort zu sagen . Es war eine Begegnung voll tiefpoetischen Gehalts . Der alte märkische Edelmann , der , wie kaum ein an derer vor ihm , sein eigenes Recht neben dem königlichen Recht von Gottes Gnaden zu behaupten gewagt hatte , trat jetzt am Ende seines Lebens vor seinen König hin , den er immer geliebt und verehrt und doch in entscheidenden Momenten des staatlichen Lebens aus der Überzeugung seines Herzens heraus bekämpft hatte . Es war im Potsdamer Schlosse . Der König , der von seinem Beinbruche kaum wiederhergestellt war , ging ihm durch den halben Saal entgegen , reichte ihm fest die Hand und sagte dann laut , in Gegenwart aller Umstehenden : » Mir sehr leid getan , einen so ausgezeichneten General zu verlieren . « Marwitz , leise den Punkt berührend , wo Herr und Diener auseinander gegangen waren , antwortete mit der Versicherung unverbrüchlicher Loyalität . » Mir sehr wohl bekannt , immer nach Grundsätzen gehandelt haben « , antwortete der König mit gnädiger Verbeugung . So trennte man sich . » Immer nach Grundsätzen gehandelt haben « – unter Wiederholung dieser königlichen Worte , die die ganze Bedeutung dieses Mannes in einen Satz zusammenfassen , nehmen auch wir von ihm Abschied . » Immer nach Grundsätzen gehandelt haben « , das war es , was er in einer in ihren Grundsätzen sehr schwankenden Zeit vor geistig höher Begabten , vor Weiterblickenden und namentlich auch vor Glücklicheren voraushatte , das war es , worin seine Bedeutung wurzelte . An Wissen , an Talent , mochten ihm viele überlegen sein , nicht an Charakter . Nicht ein reaktionäres Wesen schuf er , nicht ein albernes Junkertum ; er war es , der den Mut einer Meinung hatte , längst ehe dieses Wort gemünzt und in Kurs gekommen war . Er war kein Rückschrittsmann , der eifersüchtig und mißmutig auf jede Fortentwicklung geblickt hätte , er war nur mißtrauisch gegen das alleinige Recht der Neuerungen . Und nach dieser Seite hin ihn zu schildern , war der Zweck dieser Zeilen . Am 6. Dezember 1837 ging er aus einem Leben voll Unruhe in die ewige Ruhe ein . Drei Tage später ward er neben seiner ersten Gemahlin begraben . Den Sonntag darauf ward ihm die Gedächtnispredigt gehalten , gemäß den Anweisungen seines letzten Willens . Diese Anweisungen lauteten : » Der Prediger soll mich nicht loben wegen dessen , was ich auf Erden getan , sondern soll zeigen , wie das irdische Leben nur eine Vorbereitung ist zu dem ewigen . Er kann aber sagen , daß ich gestrebt habe mein Leben lang , die mir auferlegten Pflichten und Arbeiten treulich zu erfüllen , dabei mein eigenes irdisches Wohlsein für nichts achtend . Er darf das sagen , weil es wahr ist . « Wohl jedem , der mit gleichem Bewußtsein aus dieser Welt scheiden kann ! Ein Bild Marwitzens , eingefaßt von den Seitenbildnissen seiner beiden Frauen ( die zweite war eine geborene Gräfin Moltke , gestorben am 18. November 1848 ) schmückt , wie bereits erzählt , die Friedersdorfer Kirche . Die Schilderung des Marwitzschen Lebensganges war zugleich eine Schilderung seines Charakters . Über diesen letzteren aber mögen noch einige Bemerkungen hier Platz finden : Ich knüpfe zu diesem Behuf an die Vorgänge des Jahres 1811 an . Das Auftreten Marwitzens in jener Epoche , wenn man ihm irgendwie gerecht werden will , muß von zwei Gesichtspunkten , vom juristischen und politischen aus , betrachtet werden . Das Urteil über dieselben Vorgänge wird sich danach sehr verschieden gestalten . Was zunächst die juristische Seite angeht , so hatte Hardenberg selbst das Recht der Stände anerkannt und mehr denn einmal der patriotischen Haltung derselben die königliche Anerkennung ausgesprochen . Nichts konnte deshalb falscher und begriffsverwirrender sein , als das Eintreten für ein derartig anerkanntes Recht auf Rebellion zu deuten . Da es dennoch geschah , mag , wo nicht politische Berechnung und reformatorischer Eifer ein richtigeres Urteil trübten , als Beweis dienen für den Servilismus und die Indolenz jener Zeit . Noch einmal , das Recht war unbestreitbar auf seiten der Stände und dies ständische Recht war verletzt . Gegen diese Verletzung hatte Marwitz protestiert . Der Protest war mutig und ehrenhaft . Aber freilich , wenn er , außer dem persönlichen Zugeständnis , mutig und ehrenhaft gehandelt zu haben , auch noch Sympathien für die Sache wecken wollte , so mußte sich das Festhalten am Prinzip über den Verdacht einer Donquixoterie , einer bloßen Rechtsmarotte erheben . Auch das beste Recht , wenn es sich sträubt , einem neuen Platz zu machen , muß den Beweis erbringen , daß es mehr ist als ein toter Buchstabe , als eine Last und ein Hemmnis . Es bleibt » Recht « auch ohne diesen Beweis , aber ein Recht , dem jeder wünscht , daß es dem formellen Unrecht unterliegen möge . Das fühlte Marwitz sehr wohl . Er verteidigte also das Ständische als ein äußerlich ererbtes Gut , aber er hielt es auch aufrecht im vollen Glauben an die innerliche Berechtigung desselben . Dies führt mich von der einfachen Rechtsfrage auf das politische Gebiet . Mußte der alte ständische Bau fallen oder nicht ? Millionen sagten ja , Marwitz sagte nein . Für ihn handelte sich alles um Wiederbelebung ; nicht Tod , nur Lähmung war über den alten , kräftigen Organismus des Landes gekommen ; es galt einen Bann , eine Krankheit von ihm zu nehmen , und alles war wieder gut . Nicht die Paragraphen und Institutionen , die Herzen der Menschen wollte er ändern ; an die Stelle kleiner Gesinnung sollten hohe Liebe und idealer Schwung , an die Stelle philiströser Beschränktheit eine opferfreudige Begeisterung treten , – so wollte er reformieren . Vortrefflich . Aber wie ? wodurch ? Um die Weckung oder Mehrung dieser Dinge hat es sich immer gehandelt . Wie wollte Marwitz an die Herzen heran , wie wollte er das Wunder vollziehen ? Die Antwort auf diese Frage ist er schuldig geblieben . Er zeigte das Ziel , aber nicht den Weg . Die bloße Bußpredigt und ein langes Sündenregister haben noch nie geholfen . Hier liegt sein Fehler , sein politischer Fehler . Das Alte , ob mit Recht oder Unrecht , war jedem ein Greuel geworden ; es war unmöglich , wenigstens damals unmöglich , eine Begeisterung dafür zu wecken ; wenn diese geweckt werden sollte , so mußte es für etwas Neues sein , selbst auf die Gefahr hin , daß es sich als ein Falsches erweisen würde . Es handelte sich zunächst nicht um gesunde Nahrungs- , sondern viel , viel mehr um Belebungs- und Erweckungsmittel . Dies wußte Hardenberg und in dem Sinne handelte er . Und dafür haben wir ihm zu danken . Der alte ständische Staat hatte dem Sturm nicht widerstanden und ein neues Haus mußte bezogen werden , wenigstens auf Probe . Möglich , daß der Zusammensturz nicht an der Schlechtigkeit des alten Baues , sondern an der Heftigkeit des Sturmes gelegen hatte ; möglich das alles , aber die Verhältnisse gestatteten damals nicht , in die Diskussion solcher Fragen einzutreten . Rasche Hilfe war nötig . Dreißig Jahre später lagen die Dinge günstiger , und Friedrich Wilhelm IV. durfte bei seinem Regierungsantritte das Experiment wagen , den unterm Drang der Umstände kritiklos beiseite geworfenen ständischen Staat noch einmal auf seinen Wert und seine Stichhaltigkeit hin zu prüfen . Das Jahr 1847 brachte den vereinigten Landtag . Ob die Formen , unter denen dieser ins Leben trat , ob namentlich die rheinische Bourgeoisie und ihr großer Einfluß dem Marwitzschen Ideal entsprochen hätten , muß freilich dahingestellt bleiben . Diese nur allzu begründeten Zweifel führen mich auf Marwitzens angreifbarsten Punkt , auf sein Verhältnis zum Bürgerstand . Er ließ den » Bürgerstand « gelten , soweit er in die alte ständische Institution hineinpaßte , aber er haßte die » Gebildeten « . Und da die Bürgerlichen zu jener Zeit überwiegend die Träger dieser Bildung waren , so wurde daraus eine Verkleinerung , eine völlig schiefe Stellung zum Bürgertum überhaupt . Daß ihm das damalige , von Revolutionsideen erfüllte Bürgertum , das wenigstens hier und dort die Niederlage von Jena mit Befriedigung vernommen hatte , wenig sympathisch war , war ebenso begreiflich wie berechtigt , aber er verharrte in dieser Abneigung auch noch , als die Ereignisse des Jahres 1813 , und zwar nicht nur die Erhebung des Volks , sondern ganz speziell die Begeisterung der » Gebildeten « , ihm den Beweis geliefert hatte , daß auch ein Bücherwurm und Wissenschaftler für eine gute Sache zu fechten und zu sterben verstehe . Er selbst gab diese Dinge im einzelnen zu , aber dem ganzen Stande gegenüber blieb ihm das aristokratische Vorurteil . Der Adel nahm in seinen Augen nicht nur politisch und gesellschaftlich , sondern auch moralisch eine überlegene Sonderstellung ein ; seine Gesinnung war besser , ebenso seine Haltung , und so viel Wahrheit und partielle Berechtigung , namentlich angesichts unseres märkischen Spießbürgertums , in dieser Auffassung liegen mochte , so führte dieselbe doch gelegentlich zu den allerbedenklichsten Konsequenzen . Eine Anekdote mag dies zeigen . Im Jahre 1806 traf unser Marwitz , wenige Tage vor der Jenaer Schlacht , im Schlosse zu Weimar mit Goethe zusammen . Wie schildert er nun diesen ? » Er war ein großer , schöner Mann , der stets im gestickten Hofkleide , gepudert , mit einem Haarbeutel und Galanteriedegen , durchaus nur den Minister sehen ließ und die Würde seines Ranges gut repräsentierte , wenngleich der natürlich freie Anstand des Vornehmen sich vermissen ließ . « Also auch Goethe konnte sich in Haltung und Erscheinung nicht bis zur Ebenbürtigkeit erheben . Er war ein anstandsvoller Minister und ein großer Poet , war der Freund seines Fürsten und der leuchtende Stern des Hofes , aber geboren als ein Bürgerssohn zu Frankfurt , ließ er doch den » freien Anstand des Vornehmen vermissen « . Es gebrach ein unaussprechliches Etwas , vielleicht die hohe Schule des Regiments Gensdarmes . Und bei dieser Gelegenheit möge ein kleiner Exkurs gestattet sein . Es ist mit der Kunst des Anstands , wie beispielsweise mit der Kunst des Reitenkönnens und vielleicht mit vielen andern Künsten . Jeder , Individuum wie Nationen , glaubt im Besitze des Rechten zu sein . Die englischen Gentlemen sagen zu deutschen Kavalieren : » Ihr seid die besten Reiteroffiziere , aber ihr könnt nicht reiten « , und die deutschen Kavaliere erwidern dem englischen Gentleman : » Ihr versteht euer fox hunting und steeple chase , aber enfin , ihr könnt nicht reiten . « Und ein stilles Bedenken mischt sich dabei von rechts und links her ein , daß dem diesseitigen perfekten Kavalier und dem jenseitigen perfekten Gentleman doch noch dies und das zu seiner Vollkommenheit fehle . Und wie mit der Kunst des Reitens , so mit der Kunst der feinen Sitte . Die Gesetze derselben sind überall verwandt , aber ihre Formen weichen voneinander ab . Da wo noch an eine ausschließliche Form der Gesellschaft geglaubt wird , hat die Gesellschaft selbst ihre höchste Blüte noch nicht erreicht . In Standesvorurteilen , wie sie das Urteil über Goethe zeigt , war und blieb Marwitz befangen ; aber er verfuhr auch hierin nach Überzeugung und stumpfte dadurch den Stachel der persönlich Verletzenden . Zudem hielt es nicht schwer , die Wurzel seines Irrtums zu erkennen . Während er nämlich sich selbst als Repräsentanten des Adels nahm , nahm er den ersten besten Bürgerlichen als Repräsentanten des Bürgerstandes . Der Zufall wollte , daß er in sich selbst einen so vollkommenen Vertreter adeliger Gesinnung zur Hand hatte , daß bei solchem Herausgreifen aufs Geratewohl der Bürgerliche mit einer Art von Notwendigkeit zu kurz kommen mußte . Er vergaß eben , daß nicht jeder Adelige ein Marwitz war , und daß viele Eigenschaften , die er an den » Gebildeten « haßte , nicht Sondereigenschaften des Bürgerstandes , sondern allgemeine Eigenschaften der ganzen Epoche waren . So geißelte er das Auftreten eines eitlen , leckern und gesinnungslosen Historikers , der damals in den Berliner Salons vergöttert wurde , mit verdientem Spott , aber andere bürgerliche Namen , die seines Beifalls würdig gewesen wären , hätten ihm ebenso nah oder vielleicht näher gelegen . Ich nenne nur Fichte . Statt dessen sah er mit Vorliebe auf die Kluft , die freilich zwischen seinem eigenen Empfinden und jener schnöden Niedrigkeit lag , die sich damals danach drängte , als » Bürgergardist « vor Marschall Viktor Schildwache zu stehen . Ängstliche Rücksichtnahme war nicht seine Sache , wo es die Wahrheit oder wenigstens das galt , was ihm als Wahrheit erschien . Durch Freund und Feind hin ging er seinen Weg . Die Furcht anzustoßen , war nicht seine Furcht . Selbstbewußtsein durchdrang ihn und durfte es , denn die Worte seines Testaments , » daß er die ihm auferlegten Pflichten treulich erfüllt und dabei sein eigenes irdisches Wohlsein für nichts erachtet habe « , waren Worte der Wahrheit . Verkannt , zurückgesetzt , verleumdet , hatten die Kränkungen , davon er genugsam erfahren , doch niemals schwerer in seinem Herzen gewogen , als das Gefühl seiner Pflicht . Sooft es galt , war er da . Alles gab er auf , alles setzte er ein , sooft die großen Interessen des Vaterlandes auf dem Spiele standen . Das Einstehen für das Ganze war seinem Herzen Bedürfnis , und die höchsten Kräfte des Menschenherzens : Treue , Pietät und Opferfreudigkeit waren in seiner Seele lebendig . Er war schroff nach außen , aber feinfühlig im Gemüt . Das Leben , ungehoben und unverklärt durch geistigen Gehalt , war ihm eine leere Schale ; die Idee allein gab allem Wert , und im Kampfe für sie hat er sein Leben hingebracht . Möglich , daß er in diesem Kampfe geirrt ; es würde nichts ändern an der Wertschätzung , die seinem Streben gebührt . Denn jedem selbstsuchtslos geführten geistigen Kampfe gelten unsere Sympathien , und erst aus Streben und Irren gebiert sich die Wahrheit . Auch der Kampf , den Marwitz kämpfte , hat uns dieser näher geführt . » Er war « , so schließt ein Nekrolog , den befreundete Hand geschrieben , » ein Mann von altrömischem Charakter , eine kräftige , gediegene Natur , ein Edelmann im besten Sinne des Worts , der in seiner Nähe nichts Unwürdiges duldete , allem Schlechten entschieden in den Weg trat , Recht und Wahrheit verteidigte gegen jedermann , der die Furcht nicht kannte und immer in den Reihen der Edelsten und Besten zu finden war . Alles Versteckte , Unklare und Erheuchelte war ihm von Herzen zuwider . Wie er streng war gegen sich selbst , war er es auch gegen andere . In Fleiß und guter Wirtschaft , in Frömmigkeit und strenger Sittlichkeit , in einem rechtschaffenen Wandel strebte er seiner Gemeinde ein Vorbild und Muster zu sein . « An ernstem Streben , an Ringen nach der Wahrheit , an selbstsuchtsloser Vaterlandsliebe sei er Vorbild und Muster auch uns . Alexander von der Marwitz Alexander von der Marwitz Du hoffst umsonst vom Meere , Vom Weltgetümmel Ruh ; Selbst Lorbeer , Ruhm und Ehre Heilt keine Wunden zu . Waiblinger Blühend blieb mir im Gedächtnis Diese schlanke Heldenblume ; Nie vergeß ich dieses schöne Träumerische Jünglingsantlitz . H. Heine Alexander von der Marwitz war der jüngere Bruder des Generalleutnants Ludwig von der Marwitz , dessen Leben und Charakter ich im vorhergehenden Kapitel zu schildern versucht habe . Der Anfang dieses Jahrhunderts war eine Epoche der Dioskuren , der glänzenden Brüderpaare ; die beiden Humboldt , die beiden Schlegel , die beiden Tieck , die beiden Bülow – zu ihnen gesellten sich die beiden Marwitz . Beide Brüder waren von verwandter Naturanlage , von gleichem Temperament ; beider Herz war groß und hatte jenen hohen Vollschlag , der die Freiheit bedeutet . Sie hatten eine verwandte Naturanlage , so sagte ich , aber sie waren doch verschieden . Wie ein Adler war der ältere Bruder . Himmel und Einsamkeit um sich her , sah er auf die irdischen Dinge wie auf etwas Fremdes herab , wie auf das Treiben eines Lagers , das morgen abgebrochen wird ; Ziel und Heimat lagen ihm über der Welt , nicht auf ihr . Anders der jüngere Bruder . Einem gezähmten Falken glich er , und früh an die Menschenwelt gewöhnt , blieb er in Zwiespalt , wo seine Heimat sei : ob hinter Gitterstäben , wo die schöne Hand der Herrin ihm Spielzeug und Schmeichelworte reichte , oder dort oben , wo die lichten Wolken im Äther ziehen . Sooft er in den Lüften war , zog ihn die süße Gewohnheit zur Erde zurück , sooft er auf der Erde war , zog ihn die eingeborene Natur nach oben . Als er auf dem Punkte stand , die Gegensätze zu versöhnen und in Freiheit zu dienen , traf ihn der Tod . So starb er , » ein hoffnungsvoller , ein vielgeliebter « , wie die kriegsgeschichtlichen Tagebücher jener Zeit ihn nennen . Alexander von der Marwitz ward am 4. Oktober 1787 in Berlin geboren . Nach einer andern Angabe in Friedersdorf . Seine erste Erziehung erhielt er im elterlichen Hause , teils in Berlin , teils auf dem Familiengut . Seinen Vater verlor er früh ( 1793 ) , und sein zehn Jahre älterer Bruder , Friedrich August Ludwig , wurde , wenn nicht dem Namen nach , so doch in Wirklichkeit sein Vormund . Das stete Wechseln im Aufenthalt zwischen Berlin und Friedersdorf erwies sich nicht als günstig für die Erziehung des jüngeren Bruders , und so wurde derselbe im Sommer 1794 zum Hofprediger Arens in Küstrin in Pension gegeben . Arens , wohlunterrichtet , streng und gewissenhaft in seiner Methode , legte den Grund zu dem späteren ausgezeichneten Wissen seines Zöglings . Kaum vierzehn Jahre alt , verließ dieser die Küstriner Schule , nahm in einer noch aufbewahrten , durch Gedankenreife überraschenden Rede von Lehrern und Schülern Abschied und ging nach Berlin , wo er noch dritthalb Jahre lang das damals unter Gedikes Leitung stehende , höchst ausgezeichnete Gymnasium » Zum grauen Kloster « besuchte . Er traf hier gute Gesellschaft . Unter seinen Mitschülern befanden sich zunächst die Söhne von Büsching , Biester , Adelung und Köpke , ferner der älteste Sohn des damaligen Obersten von Scharnhorst ( welcher letztere kurze Zeit vorher in preußische Dienste getreten war ) und endlich der Sohn der Frau von Staël-Holstein 40 , die 1803 nach Deutschland gekommen , ihren Wohnsitz in Berlin genommen hatte . Sprachliche und historische Studien waren es , denen sich Marwitz schon damals mit ganzer Seele hingab . Johann von Müllers Schweizergeschichte machte einen solchen Eindruck auf ihn , daß er , kaum sechzehn Jahr alt , den berühmten Historiker aufsuchte , um ihm seinen Dank und seine Bewunderung auszudrücken . Dieser Schritt , unscheinbar auf den ersten Blick , gab ihm doch Gelegenheit , die Selbständigkeit seiner Denk- und Handelsweise zu zeigen , die ihn später so sehr ausgezeichnete . Sein älterer Bruder mißbilligte diese Bekanntschaft , wie aus der ziemlich unzweideutigen Beschreibung hervorgeht , die uns derselbe von der Person Johann von Müllers hinterlassen hat . » Johann von Müller « , so schreibt er , » war ein kleines , grundhäßliches Kerlchen mit einem Spitzbauch und kleinen Beinchen , einem dicken Kopf immer glühend von vielem Fressen und Saufen , mit Glotzaugen , die weit aus dem Kopf heraus standen und beständig rot unterlaufen waren usw. « Aber so gern bereit der jüngere Bruder war , diesen ablehnenden Geschmack des älteren gelten zu lassen , so wenig war er doch andererseits geneigt , sich den Antipathien desselben unterzuordnen . Neben der Selbständigkeit seines Charakters trat hierin zugleich auch jener andere Zug seiner Natur hervor , der ihn , in Freud und Leid , unter den wechselndsten Schicksalen und Stimmungen beherrschte : der Zug und Hang nach dem Geistreichen . Dieser Hang nahm , bevor die letzten Jahre seines Lebens eine Klärung und größere Reife schufen , fast die Form einer Krankheit an . Alles verschwand daneben . Um dies in ganzem Umfange zu verstehen , ist es nötig , sich in die Genialitätsbestrebungen , in die geistige Genußsucht jener Zeit zurückzuversetzen . Der bekannte Ausspruch Friedrichs des Großen , » daß er der Beschäftigung mit guten Büchern und gescheiten Leuten die genußreichsten , wo nicht die einzig genußreichen Stunden seines Lebens verdanke « schien plötzlich die Anschauung aller feinen Köpfe geworden zu sein ; sie lebten wie im Theater und horchten auf die besten Stellen . Die Personen waren nicht mehr Personen , sondern Akteurs ; alles kam auf die Unterhaltung , die Belehrung an , die sie gewährten . Der Witz , die geistreiche Sentenz , der Strom des Wissens , der Zauber der Rede lösten sich wie selbständige Kunstwerke vom Sprecher los , und in derselben Weise , wie es uns , angesichts eines schönen Landschaftsbildes nicht im geringsten kümmert , wer es gemalt hat , ob ein Vornehmer oder Geringer , ob eine saubere oder eine unsaubere Hand , so wog damals der Glanz geistiger Gaben alles auf . Ein Höcker , physisch oder moralisch , war gleichgültig , wenn es nur ein Äsop war , der ihn trug . Ein brennender Durst erfüllte die Geister , und wer diesen Durst stillte , der