von seinem Gegentheil unterscheiden . Wir unterrichten uns hierüber , indem wir uns an die Stelle der Andern versetzen . Aus dieser allgemeinen Vorstellung entstammt die allgemeine Sympathie . Diesem Mitgefühl entspringen nun sämmtliche Handlungen , gute und böse . Und im Mitgefühl , obschon es ein ideelles Vergnügen bereite , läge dennoch kein Gran von Selbstsucht . Als Ergänzung aber dieser » Theorie der sittlichen Gefühle « sprang Smith auf das gerade Gegentheil über , indem er nunmehr in seinem grandiosen Werke vom » Nationalreichthum « nur die Selbstsucht als Motor annimmt . Jeder folge nur seinem eignen Interesse und fördere hierdurch , ohne es zu wollen , das Interesse andrer . Der persönliche Wunsch , den jeder Einzelne fühlt , seine Lage zu verbessern , bringt die Gesellschaft im Ganzen vorwärts . Jetzt wurde die große Idee der Nothwendigkeit auf das sociale Leben angewandt . Man erkannte Arbeitslöhne als unvermeidliche Folge der Verhältnisse gegen welche die Wünsche aller Einzelnen oder des ganzen vierten Standes ohnmächtig , das spätere » eiserne Lohngesetz « nach Angebot und Nachfrage . Man ahnte die Theorie der Pacht , wie Malthus und Ricardo sie später ausbauten . Dann kamen Hume ' s Theorien von der Ideenassoziation und vom Causalnexus und von der Nützlichkeit als einzigem Grundpfeiler der Moral . Diese genialen Geister verachteten jedoch die bloß compilatorische nüchterne Thatsachenanhäufung als Grundlage , sie mißtrauten der Statistik und hielten die Ideen für so viel wichtiger als Thatsachen , daß erst Ideen vorangehen müßten , ehe man überhaupt die Thatsachen beobachte . Reid und Black wandelten fort auf ähnlichen Gleisen , wie denn später Watt die Dampfmaschine nicht aus Thatsachen-Experimenten , sondern aus der Spekulation über Black ' s Gesetz von der latenten Wärme , angewandt auf die Verbindung von Luft und Wasser , also aus einer Idee heraus erfand . Graf Xaver Krastinik , dies Enfant terrible seiner umliegenden Dörfer und Standesgenossen , schloß sich völlig von der Welt ab und studirte ununterbrochen . Muthig hieb er sich lichte Bahn durch das Dickicht seiner Unwissenheit . So drang er denn allmählich in das ganze Geheimniß der inductiven Methode ein , welche auch das Kunstprinzip des Realismus leitet . Hier lernte er jene Deklamationen einer deductiven Weltanschauung verachten , von welcher im Grunde alles äußerliche Scheintreiben der Menschheit bestimmt wird . Angenommene Voraussetzungen als höchste Prinzipien aufstellen und dialektisch verfechten - darin besteht das wahre System des hohlen gedankenlosen Weltgetriebes . Ob der Metaphysiker oder der Zeitungsjournalist , der Pfaffe oder der Soldat , - jeder wählt sich ein beliebiges traditionell überkommenes Prinzip und argumentirt daraufhin sein Lebenlang , ohne dessen Gehalt zu prüfen . Der theologische Gott , Staat , Autorität , Ehre , Freiheit , - alle solche Begriffe werden zu unnützen Kinderklappern , mit denen die thörichte Menge ihr Gehirn betäubt . Indem er mit verzweifelter Kraftanstrengung sich der Lectüre philosophischer Naturwissenschaften ergab , durch Chemie , allgemeine Physik und Physiologie langsam zu den Ergebnissen der neusten Epoche unter Liebig , Darwin , Helmholtz , Dubois-Reymond vorrückte , begann sein spekulativer Geist , der nie dichterisch-gestaltend , sondern didaktisch seine Anschauungen vollzog , allgemeine Schlüsse aus nüchternen Thatsachen zu ziehen . Die Theorie des Kraftwechsels und die zunehmende Darlegung der Thatsache , daß überhaupt nichts unregelmäßig , gestört oder dem Naturgesetz zuwider sei , beruhigte ihn über die scheinbare Wirrung und unlogische Ungerechtigkeit menschlicher Schicksale . Die Theorie des großen Pathologen Hunter , betreffend die innere Balance des Mitgefühls zur Thätigkeit , eröffnete dem einsamen Wahrheitsucher seltsame Schlüsse , worunter der vornehmste : daß Passivität weder der Menschennatur entspreche noch zur Tugend werden könne , da nur Thätigkeit das Mitgefühl fördert . Damit fiel sein Wunsch , sich einsam » einzubuddeln « über den Haufen . Selbst das heilige Licht , das uns Lebensbedingung , ist ja Bewegung . Wärme ist Licht in Ruhe , Licht ist Wärme in reißender Bewegung . So ist Genie vielleicht nur eine Metamorphose der stillen vorbereiteten Wärme seiner Zeitumgebung . Ob nun die deutschen Geologen wie Buch und Humboldt sich an Werner ' s Wassertheorie oder die Briten sich an Hutton ' s Feuertheorie über Entstehung und Veränderung der Erde anschlossen , überall wurde den großen Urkräften der Natur sorgsam nachgestellt . Nur die neptunischen und plutonischen Urkräfte , die im Geistesleben der Natur , also der Menschheitsgeschichte wirken , blieben verhüllt wie zuvor . Man vermochte die vulkanischen Kräfte der französischen Revolution noch immer nicht nach ihrer Gattungsart und ihrer inneren geologischen Lage genau in ihre Bestandtheile aufzulösen . Und doch lehrt jene große Auffassung , welche die Unzerstörbarkeit der Kraft und die Unzerstörbarkeit der Materie zugleich erfaßt , welche die geringste Bewegung des kleinsten Körpers in weitester Ferne als Ursache ewiger Folgen erkennt , wunderbare Schlüsse auch über die Menschenentwickelung . Ja , die Erhaltung oder Beharrlichkeit der Materie-Kraft , wie sie Herbert Spencer in seinen » First principles « bereits in die abstracte Philosophie einführte , scheint gewiß nur ein größeres allgemeines Vorbild der Geistkraft-Erhaltung , so daß nichts im Haushalt des Menschendaseins umsonst geschieht und kein Körnchen von der großen Gesammtheit getrennt werden kann , ohne den ganzen Bau zu stören . Hierdurch wird das Gejammer über jegliches persönliches Leid zur Narrheit , da es ja zur Gesammtordnung mitgehört , zugleich aber auch die Ueberhebung jeder Größe ein eitler Wahn , da alles Existirende in gleichem Maße dem großen Endzweck dient . Der Baum der Erkenntniß ist nicht der des Lebens , wohl wahr , wenn man das thörichte Sinnenleben im Kampf ums Dasein meint . Wohl aber pflückt man von diesem Baume eine süße Frucht , welche gottähnlich macht und doch gerade durch diese gottähnliche Milde jeden Größenwahn für immer zerstört . Denn das eigentliche innere Wesen des Größenwahns ist die Selbstsucht , eine tollgewordene Selbstsucht , die mit einer Art Farbenblindheit nichts sieht als sich selbst und mit neidischem Haß alles verfolgt , was außer ihr selber existirt . Diese Neidwuth zähmt sie nur dann , falls irgend ein augenblicklicher Vortheil von dem andern Object zu erwarten scheint . Ein Größenwahn , der für Verdienste außer ihm überhaupt noch ein Auge hat , verliert schon seinen eigentlichen Charakter . Selbstbewußtsein und Größenwahn , sind gar verschiedene Dinge . In den Augen der modernsten Wissenschaft bleibt vom Menschenthum nur übrig - ein boshafter Affe . Das ist falsch . Es giebt viele schlechte Kerle , deren Lebensgenuß im Bösen besteht , wäre es auch nur im bösen Maul , das jedes Edle und Große zu ihrem eigenen Niveau herabzerrt . Allein , es mangelt auch nicht an gutartigen Naturen , deren Egoismus , diese natürliche Spiralfeder aller Dinge , sich liebevoll sänftigt und allem Lebenden freundlich gegenüber tritt . Traurig genug , daß die klare Erkenntniß , nur Selbstlosigkeit bedinge das wahre Glück , den dämonischen Trieb zur Selbstsucht auch beim Weisesten und Besten nicht zu brechen vermag . Häufig kann die gemüthloseste Streberei und wüthendste Eitelkeit entschuldigt werden durch die unglücklichen Verhältnisse eines von der Natur stiefmütterlich Behandelten oder von den Menschen Mißhandelten , dessen Energie sich an Natur und Menschen zu rächen sucht . Dies gelingt freilich um so leichter , als die Menschen , soweit es ihre eigene Selbstsucht erlaubt , selten der Bonhomie entbehren und gern einem fleißig Ringenden Raum gönnen , - ohne die Misanthropie eines solchen nervösen Irren durch dies Entgegenkommen zu ändern . Allein , wenn die Menschen auch keineswegs der guten Instinkte entbehren , so mangelt ihnen dafür gänzlich der ideale Instinkt . Man kann ein guter Mensch sein und doch unheilbar in alles Materielle verstrickt bleiben , wodurch denn zuguterletzt auch nur selbstsüchtige Motive entstehen . Man kann ein böser despotischer Mensch sein und doch sich zum Idealen erheben , wodurch denn trotzalledem eine allgemeine Immaterialität , also Selbstlosigkeit , sich erzeugt . Aus diesem Grunde verwirft der bärbeißige Carlyle alle sogenannte Philantropie . Der finstre Dante , als er einsam die Divina Comedia für die Menschheit schrieb , habe eine viel wichtigere Philantropie geübt . Aber gerade diesen Standpunkt wird die Alltagsherde nie verstehen und nie begreifen , daß ein dem Idealen geweihtes Wesen , dazu bestimmt , dem unirdischen Reich des Ewigen zahllose neue Jünger zu gewinnen , gänzlich außerhalb der gewöhnlichen Alltagsgesetze steht . Denn das wahre Sittengesetz wird es ja ohnehin nie verletzen . Weil etwa Leute sich einer sogenannten Wohlthätigkeit befleißigen , was denn auch auf ihr sonstiges Interessen-Kerbholz von der gläubigen Welt angekreidet wird , bewiesen sie noch keineswegs ihr Freisein von der Knechtschaft des starren Ich . Aber ein Mensch , dessen Geist sich unmateriellen Sphären völlig ergab und sein ganzes Sein auf idealen Zielen aufbaute , muß innerlich frei sein von allen Schranken der Sinnenwelt , bleibt daher jeder wahren Ichsucht fern , selbst wenn er seine Mitmenschen als bloße Zahlen behandelt oder gleichgültig ihre verächtlichen Leiden und Freuden flieht . Mit überwachtem überarbeitetem Gehirn wanderte der Graf eines Morgens bei Tagesanbruch hinaus , weit hinaus über Feld , dem nächsten Bergwalde zu . Die Sonne tauchte hinter den smaragdgrünen Baumwipfeln hervor . Eine schmeichelnde Wärme rieselte wollüstig durch alle Poren der Lebewesen . Von leisem Windhauch geläutet , schwangen sich die Blüthenglöckchen der Zweige hin und her und überschütteten die Vorübergehenden mit feinem silbernem Sprühregen . Wie ein Lämmlein mit Rosaband und Glöckchen , sprang hier der rosenbestandene Bach dahin , kletterte über Felsenkniee , wälzte sich in der Blumenau und ließ seine glockenhelle Melodie ertönen . Aber die Rosen waren jetzt verwelkt und welke Blätter raschelten umher , Vorboten der weißen Schneebienen des Winters . Wie ein Adler , der noch auf höchster Firne rastet , ehe er ins Reich der Wolken strebt , - schien die Sonne noch mit dem ersten Glühen ihrer Schwingen auf den Giebeln der Felsburgen zu rasten . Die Landleute begannen eben ihre Arbeit . Heiliger nährender Opferdienst der Erde ! Der alten vergessenen Natur rettendes Sinnbild bist du , o Pflug , der willige Aecker durchfurcht ! Zufrieden , wenn man die Frucht eurer Mühen euch mit kargem Lohne zahlt , verachtet ihr den hohlen Prunk der Städte , ihr Pflüger mit schwieliger Faust und sonnerbrannter Stirn ! Droben in der lichten Bläue und über den Feldern tirilirte es . Wie eine klanggewobene Jakobsleiter stieg vielstimmiger Vogelsang himmelan und himmelherab . Unbewußt sang seine Seele mit in rhythmischen Lauten : Lerche , aus Wolken schwang sich an mein Ohr dein Sang ! Liebe beseelt ihn und hat ihn gelehrt ! Gießt wie ein Sonnenstrahl Licht über Berg und Thal ! Dein Lied lebt im Himmel , dein Lieb auf der Erd ! Hoch über Wald und Moor , Wiese und Dorf empor , über der Morgensonne Erglühn , über der Wolke Rand , des Regenbogens Band , Herold des Tages , hinflatterst du kühn ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Er warf sich ins Gras und lauschte dem schrillen Zirpen der Grasmücken und dem Vogelzwitschern in den Fichtenzweigen . Ein Paroxismus knabenhafter Sehnsucht , eine mystische Brunst , befiel seine Künstlernatur . Er zerriß die keuschen Gräser mit den Zähnen , und schlürfte den Thau vom jungen Kleeblatt , wie trunken von corybantischer Attis-Begier . Er hätte , ein neuer Pygmalion , den Fels umarmen mögen , aber der blieb kalt , todt , steinern . Unwillkürlich umschlang er den Baum , unter dem er lag , aber dessen Rinde blieb trocken und starr und die Tropfen des Fichtenherzes , die aus den dürren Spalten quollen , waren kein warmes Blut , keine Thränen der Gegenliebe . Die Weltkraft , die alles durchdringt und besiegt , hätte er leibhaftig ans Herz reißen und mit ihr ringen mögen , Herr werdend durch der Liebe Riesenwollust . Tief unten im Grunde dufteten die Blüthen . Geister des Friedens entstiegen den Kelchen . Aus Felsenspalt entströmte leise , wehmüthig lispelnd , des Wildbachs Helle . Ach , brach nicht , wälzend die Welle der Thränen , aus seinem Herzen der Bach Erinnerung ? So weit sein Auge gen Himmel starrte , unendliche Wälder , felsenbeschattet . Erschauernd sank er ins Riedgras nieder , über ihn rollten die weichen Wogen . Rings abgeschlossen ! Kein Pfad der Hülfe ! Da - fern vom Gipfel winkte ein - Kreuz . Ein Kreuz - wiederum durchzuckte es den einsamen Mann . Memento mori ! Sollte er nicht Ernst machen mit der Entsagung des Lebens ? Wieder tönten Leonharts Worte in ihm wieder , daß nur im Kloster das Glück wohne . Aber für wen ? Doch für den Gläubigen ? War er denn gläubig ? O nein , wie lange entwich ihm der kindliche Glaube der Väter ! Nicht ihm blieb jene Erlösungssehnsucht , die aus den Wunden Christi mit mystischer Brunst die Gewißheit ewigen Lebens schlürft . Er erinnerte sich jenes Gespräches über Semiten-und Christenthum , das sie einst geführt . Einen semitischen Cultus hatte Leonhart den Katholicismus genannt , ohne aber eine Begründung zu geben , indem er zu der These absprang , daß in seiner ersten Gestalt das Christenthum rein arisch gewesen sei . Jetzt glaubte Krastinik jene Andeutung zu verstehn . Die indisch-baktrischen und griechischen Elemente der christlichen Kirche hatten sich im Orient erhalten , als byzantinische Kirche ausartend , als Arianismus sich reiner ausbildend , indem die Menschlichkeit Christi festgehalten wurde . Gerade auf den römischen Bischof aber hatten sich die jüdischen Zusatzmischungen übertragen und fortgemodelt : Ein selbstsüchtig ausschließender Jehova-Cultus , eine Intoleranz pharisäischer Selbstgerechtigkeit . So entfernte sich die christliche Kirche unter der Hohepriester-Hierarchie Roms immer weiter von ihrer demokratischen Form communistischer Gemeinden und bildete sich zu einer großartigen Staatskirche aus , welche alles geistige Leben mit unentrinnbarem Netz umstrickte und in ihren Dienst zwang . So mußte roher Gesetzesglaube und selbstgerechte Werkheiligkeit das echt jüdische Wesen dieser neuen katholischen Religion bestimmen . Nur eins blieb demokratisch in diesem blinden Staatscultus starrer Autorität : Die Gegenüberstellung der Geisteskraft wider das rohe Ritterthum und die physische Allmacht des Feudalsystems , hier wo jeder Bauer es bis zum Papste , zum Oberhirten der Christenheit , bringen konnte , gleich dem Zertrümmerer der irdischen Staatsgewalt , dem großen Gregor . Aber diese Zeiten sind lange dahin . Dies unsterbliche historische Verdienst der römischen Kirche , neben welcher der Protestantismus als ein zwerghafter Parvenü erscheint , liegt seit Jahrhunderten in andern Händen - denen eines neuen Kirchenordens , dessen Werkzeug die Feder , dessen Wunderbeglaubigung das Wissen . Kirche , Religion ! Was für leere Worte heut , Gespenster längst entschwundener Wesenheiten ! Wir glauben all an einen Gott - an das Gold und das Ich . » Ich « heißt der Dämon , welcher heut die Welt zu einer großen Irrenanstalt verengt . Dieser Geist der All-Verneinung und Ich-Vergötzung ist der Geist des Widerspruchs und der Lästerung , dessen jammervollem Wahnsinn man schweigend wie dem Größenwahn eines Irren nachgeben muß . Und dieser Götzendienst empfängt seinen stärksten Giftstoff aus der Kirche , dieser Brutstätte der Selbstheiligkeit . Unfehlbarkeitsdogma ! Dies sündhafte Vermessen einer sclavischen Selbstanbetung , der Größenwahn eines Ich-Sclaven ( und welch ein sündiges Ich gerade dieses ! ) , um den Größenwahn der sclavischen Thorenmenge wider die » Ketzerei « höherer Gesittung noch mehr zu stacheln ! Ja , das Unfehlbarkeitsdogma fehlte gerade noch , um den unheilbaren Größenwahn dieser Fortschritt-Epoche zu brandmarken . - - Nein , das » Kreuz « konnte einen Mann wie diesen nicht mehr erretten , nicht das Kreuz der Kirche . Doch vielleicht ein anderes ? Das Kreuz , welches wir alle tragen ? - Er sann und sann - - - Ist der Tod nur ein Durchgang , ein Isthmus zweier Ewigkeiten , so wäre der Tod , vor dem wir schaudern , minder schreckhaft als dies Dasein , das wie ein Wolkenschatten dahingleitet im unermeßlichen Raum . Aefft uns der Tod wie das Leben , dies Marionettenspiel ? Und das All um uns her - ist das fest ? Schwanken nicht seine Grundpfeiler , verschwimmt nicht alles ineinander , ist es am Ende auch nur eine Vision der getäuschten Sinne , eine Wüstenmirage geblendeter Augen , eine Wahnvorstellung ? Wenn aber das Dasein und die Natur unwirklich , - was bin denn ich als Ich und was ist Gott ? In ihm leben , weben und sind wir . Auch nur eine Vorstellung ? Ist er doch überall . Mein Ich und Gott - verschwimmt das auch ineinander ? Oder sind Natur und Gott ein Gegensatz ? Entstand die Welt , indem Gott sich selbst verlor ? Und wenn so Göttliches von Gott abfiel , soll es zu ihm zurückkehren ? Oder stieg aus dunkeln Urtiefen der Gotteskeim selber empor , so daß Gott nichts ist , als die Spitze und Frucht der Natur ? Und wie stehen wir selbst zu diesen großen Gewalten ? Hängen wir mit Gott zusammen , so dienen wir nur als niederes Gefäß seiner Gnade . Das heißt dann Christenthum . Wie , ich Mensch , der ich nichts der göttlichen Gnade verdanke ? dessen Gedanke nichts ist , als der Sohn meiner eigenen Arbeit ? Und der Pantheismus löscht mich vollends aus . Da bin ich nur ein ärmlich Mittel des Naturzwecks . Wie , ich , in meiner stolzen Naturbeherrschung ? Wohl lehrt mich Darwin , daß ich nur ein Naturprodukt meiner Ahnen . Gleichviel . Ich bilde fremde Samenkeime mit meinem freien Willen zur neuen selbstständigen Pflanze aus . Und wäre selbst die Seelenwanderung des Welträthsels Lösung , so bliebe es doch nur immer dasselbe untheilbare Ingenium , das sich rastlos im Kreis der Dinge eine Heimstätte sucht . So sind wir denn selbst die Ewigkeit ? Selbst die göttliche Idee ? Der Gott der Welt ist der menschliche Wille . Und wenn es nun ein böser Wille ? Das Geheimniß der Prinzipien von Gut und Bös besteht in ihrer Zusammengehörigkeit . Alles ist Instinkt , Selbstaufopferung so gut wie krassester Egoismus . Böse ist nur die Nichterfüllung des eigenen Willens . Der menschliche Genius , der im Kampf mit zahllosen Schwierigkeiten seine fortzeugenden Werke leistet , scheint an sich viel größer , als die einmalige Naturschöpfung der allmächtigen Centralkraft . Ja , so mag des Menschen berechtigter Größenwahn wohl urtheilen . Nichts erbärmlicher und nichts bewunderungswürdiger , als der Mensch . So dachte gewiß auch Kain , der erste Haderer wider Jehova . Als er nun aber den Tod in die Welt gebracht , da sagte ihm dröhnend die innere Stimme : Das ist ein Riß durch die Natur , das ist Schuld . Er wußte bisher nur , daß er war , jetzt erfuhr er , daß er etwas solle - denn er fühlte , was er nicht solle . Woher ? Von wannen kam ihm diese Wissenschaft ? Aus dem Innern ? Wer schrieb ' s dort ein ? Er sich selber ? Seit wann denn ? Erst seit heute , wo er schuldig geworden ? Nein , es mußte ihm schon eingeboren gewesen sein . Es giebt also eine höhere moralische Ordnung außer uns und über uns . Hör ' auf , dein starres Ich zu behaupten , Niemandem unterthan , in dich selber ein wärts deinen Pfad zu bohren ! Tödte den Willen ab ! Selbst ein idealer Wille verstrickt dich in Schuld . » Soll ich denn meines Bruders Hüter sein ? « Heuchlerische Frage ! Du fühlst ja , daß du es sollst . In der Friedlosigkeit des Schuldbewußtseins fühle du den Frieden der Erlösungssehnsucht ! In dem Schmerze der Schuld wird die Last der Verantwortlichkeit von dir genommen , die den souverainen Willen bedrückt . Nicht länger fühlst du dich verpflichtet , als höchste Erscheinungsform der göttlichen Idee zu gelten . Die Demuth deiner Schuld beugt dich freudig unter die Erkenntniß einer über den Dingen stehenden Centralkraft , der sich auch der Größte willenlos zu unterwerfen hat . Jeder ist schuldig , auch du trage dein Kainsmal , denn auch du hast deinen Bruder gehaßt und dich selbst geliebt . Aber trage es ruhig und stolz , ohne Trotz , ohne unnütze Reue ! Gehe hin und sündige nicht mehr ! Wie so anders erscheint das Räthsel des Lebens dem Manne , der liebte und lernte und litt ! Eine grause Gabe ist das Teleskop der Wahrheit , das alle Erscheinungen verwischt und nur Schein sieht , wo die frische Hoffnung einst im Sein geschwelgt . Die Gedanken und Gefühle des Menschen bilden für sich ein Epos vom heiligen Gral . Wie frohgemuth sitzen sie erst beieinander , gleich König Artus ' Tafelrunde . Die Welt ist ihnen ein Bilderbuch voll Farben und Ideen und aus den Hieroglyphen der Weltgeschichte liest sie den klarsten Sinn . Lancelot vom See , die kühne Abenteurerlust , erfaßt die Natur mit ungebrochener Jugendlust . Tristan und Isolde finden sich in sinnlicher Leidenschaft , begehrungssüchtig und subjectiv , Parzival ' s Venuswunden heilen von selbst in sentimentaler Schwärmerei . Wohl tritt dann die wirkliche Leidenschaft verderblich in den Kreis , wie Ginevra , die königlich stolze , aber auch sie zerrinnt in resignirte Wehmuth . Da naht Merlin , die philosophische Auffassung der Welt , und wühlende Reflexion vernichtet die Schaffensfreude . Fey Maglore von der schwarzen Klippe , die Feindin Ginevras , lockt in ihren Bann und abgegohrene Liebessymptome verlieren sich allmählich in blasirte cynische Selbstverspottung . Kay der Seneschall regelt mit kalt kritischer Ironie die Dinge . Nach den Enttäuschungen der scheinbaren äußerlichen Erfahrung entsagt der Geist dem Behagen am fabulirenden Bilderreichthum der Wirklichkeit in erlogener Ruhe . Aus realistischem Arbeitstrieb keimt der Hochmuth eines gleichgültigen Materialismus . Doch der ungestillte Trieb nach idealer Erlösung und festerem Lebenshalt ringt nach Befreiung , der wunde Titurel harrt auf das erlösende Wort des Grals . Wer aber Avillion finden will , das Eiland der Seligen , der muß wählen Frieden durch den Kampf , Ruhe im Sturm . Da klärt sich des rüthselvollen Menschenlebens letzter Schluß , daß nur liebevolle Versenkung ins Allgemeine aus liebloser Einsamkeit erlöst . Nur Liebe für die Idee , nur Streben nach einem Ideal , nur dies macht theilhaftig des heiligen Gral , begräbt den Titurel des ringenden Ichs und krönt Parzival ' s Irren und Leiden . Die Seele , welche gelernt auf sich selbst allein zu bauen , in sich selbst ihre Stärke zu suchen - die Sporen des Hasses , der Verzweiflung , der Menschenverachtung hetzen und zerfleischen sie nicht mehr . Menschenverachtung sollte immer bei sich selbst anfangen . Menschenverachtung , die ja doch die Menschen braucht - allerdings nur als Sclaven und Beifallskatscher , aber doch immer braucht . Nicht länger beneidet die genesene Seele den Flitterkram äußerlicher Lüste . Durch den feurigen Ofen hindurchgegangen , abschmelzend die Schlacken gemeinerer Selbstsucht , wurde sie kalter biegsamer Stahl . Jetzt ist sie zum Ritter geschlagen d.h. zum freien Manne . Wer die Menschen nicht bedarf , trägt auch nicht ihre Ketten . Nur wer sie nicht braucht , liebt die Menschen aus selbstbeglückender Sympathie , aus erhabenem Mitleid Aller für Alle . Nur das ist der wahre » Weg zur Freiheit . « Aber nur die alte Erzeugerin und Erhalterin der Weltgesetze , Eros und Anteros die großen Gewalten , nur die Liebe erlöst . Und Liebe ist , langmüthig , sie hadert nicht , sie beugt ihren Willen unter den der andern , unter den höheren Willen des Ideals , wie es eingeschrieben in des Menschen Gewissen . Der Geist ist willig , aber das Fleisch ist schwach ; Liebe allein macht stark , indem sie das schwache Ich demüthig dem starken Allsein vermählt . Vom Ganges her rauscht aus Palmen und Lotoskelchen des Büßers Braminenlied : Wer störungsfrei , begehrungsfrei zum andern Ufer hingelangt , wer nichts zu eigen haben will , der nenne Buddha ' s Jünger sich . Aber ist Freisein von Leidenschaften nicht ein widernatürliches Unding ? Nur für das entnervende Klima Indiens könnte das passen . Nicht die Verneinung , sondern die Verstärkung des Willens hat den rastlosen Vorwärtsdrang unsrer Civilisation ermöglicht . Den Willen brechen heißt eine Tugend empfehlen , die keine Tugend ist . Es gilt vielmehr , die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der gleichen dämonischen Stärke hinzulenken , mit welcher der gewöhnliche Mensch sinnliche Ziele erstrebt . Haß gegen das Schlechte ist eine glückbringende Leidenschaft . Aber durch Erkenntniß unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit fremder Unvollkommenheit in uns erwachen . Dies Mitleid hat jenem Todten gefehlt . Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefühl überlegener Selbstabsonderung . Aber nie schmolz seine Härte in der weisen Demuth , welche die Untheilbarkeit alles Seins erkennt . Verrichtete nicht darum der Heiland an seinen Jüngern niedere Dienste ? » So nun Ich , euer Herr und Meister , euch die Füße wusch , so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen . « Und sprach Er nicht die abgrundtiefen Worte - - hier , hier stehts : Ev . Joh . 14 , 12 - : » Wer an mich glaubt , der wird ebenso große Werke thun wie ich , ja wird größere thun als ich . « Besagt doch diese Ablehnung persönlicher Alleingeltung klar genug , daß nicht die Person des Gottmenschen , sondern sein Prinzip das ewig Zeugende vorstellt , dessen Wirkung sich in stetiger Evolution vererbt . Nach ihm werden noch Zahllose gekreuzigt und zahllose Wunder geschehn . Der eine Opfertod eines sündenlosen Menschen ist die Quelle alles Lebens in Ewigkeit . Denn er stellt das einzig Feste , Unvergängliche dar , an das sich der Glaube zu klammern vermag . Und nur der Glaube an das Ideale hat erlösende Kraft . Noch höher aber als den Glauben stellt das Christenthum die Güte des Unbewußten , die freie ursprüngliche selbstgeringachtende Liebe , ohne welche dem Apostel alles » klingendes Erz und tönende Schelle « erscheint . Ja , unter den Pharisäern befanden sich gewiß viele hochmoralische Werktagsheilige . Aber ein Gedanke wahrhafter Reue wiegt vor dem Richterstuhl der ewigen Liebe alle Sünden auf , während die eitle lieblose Gewohnheitstugend sich niemals selbst erlöst und ewig schmachtet in den Fesseln des kleinlichen Ich . Dies Mitleid , diese Demuth , dieser Glaube und diese Liebe bleiben nie passiv , nie Stagnation des Willens , sondern schöpfen ihre Kraft aus werkthätiger Begeisterung , wie da geschrieben steht : » Nun ist des Menschen Sohn verklärt und Gott ist verklärt in ihm . « Der Begriff von der Einheit alles Seins , des Irdischen und Ueberirdischen , welcher dämmernd im menschlichen Gemüthe schlummert , ist hier Wahrheit und Klarheit geworden - » mit der Klarheit , die ich bei Gott hatte , ehe denn die Welt war . « ( Ev . Joh . 17 , 5. ) So besiegt das Christenthum den Pessimismus durch den Pessimismus . So wird sich ewig der Mensch selbst erlösen müssen im Kampfe mit der Welt . Wer sich an den Abgründen des Lebens scheu vorüberdrückt , wird nie die wahre Bestimmung des Menschen erkennen . Der wirkliche Idealist wird jeden Pessimismus abweisen , eingedenk der Worte : » So euch die Welt hasset , so wisset , daß sie Mich vor euch gehasset hat . « Dem erlösten Geiste kommt » die Gemeinschaft der Heiligen « , die Verbindung , mit allen großen und guten Geistern der Vergangenheit und der Mitgenuß all ihres geistigen Schaffens . Das ist eine Erhebung der Seele , welche jeden irdischen Schmerz unter die Füße tritt . Das ist der Tröster , von dem der Erlöser kündet : » Ich will euch einen andern Tröster geben , daß er bei euch bleibe ewiglich : Den Geist der Wahrheit , den die Welt nicht kann empfangen , denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht . Ihr aber kennt ihn , denn er bleibt bei euch und wird in euch sein . « Wohl fühlte der große Todte in sich jene Geistesstimme , von der es heißt in den Römerbriefen Pauli : » Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen , daß ihr euch fürchten müßtet . Derselbe Geist giebt Zeugniß unserm Geist , daß wir Gottes Kinder sind . « Doch weil Leonharts Herz , ursprünglich reich an Güte und Wohlwollen , sich aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog , hörte er nicht die Erlöserstimme : » Wer immer mich liebt , den werde ich lieben und mich ihm offenbaren . « Ihm aber , der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las , dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott . Alles was in der Welt eintrifft , hat sein Zeichen , das ihm vorhergeht . Die zahllosen verschiedenen Ideen , die verworren durcheinander murren , sind Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung . Er dachte an Lamennais ' » Worte des Glaubens « ( Leonhart hatte ihm einst dies Buch geschenkt ) : » Junger Soldat , wohin gehst Du ? Gehe streiten , daß alle einen Gott auf Erden und im Himmel haben . « Alle einen Gott , alle , die so verschiedenen Stammes ? Ja , nur die Masse , das Allgemeine vermag zu siegen . Wer würde das Stimmchen der vielen armen unmerkbaren Geschöpfe hören , wenn im Frühling ein Summen den Wiesen entsteigt ? Unzählbare Laute sind es , die sich hier vereinen - einzeln würde keins von ihnen gehört werden - doch , alle vereint , machen sie sich vernehmlich weithin über die Erde , als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft . Was vermag der Einzelne heut ? Weniger denn je ! Wer darf aber gar über Leiden klagen , ohne daß seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben ? Schon in der Uebergangsepoche der Childe Harold-Wertherzeit mahnt Chataubriand seinen René : » Wer Kräfte empfing , soll sie dem Dienst der Menschheit weihen . « Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstüberwindung in vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometheischem Selbstgenügen . Aber edler