Hauses wiederherstellen können , ohne das Geld meiner Frau zu brauchen , und überdies Ersparnisse gemacht , nämlich zwei Bübchen , von denen der ältere neulich schon den Teufel an die Wand gemalt hat , und zwar mit Kirschmus , als er die Mama sagen hörte , man solle das gerade nicht tun . Ein nettes Kräutchen , und ist noch nicht drei Jahr alt ! Kann ich die Bilder bekommen , so schreib recht viel dazu ! « Ich entschied mich ohne Zaudern für dies Freundesangebot , das meinen Entschluß , der Kunst zu entsagen , am leichtesten bestehen ließ ; denn ein solcher Ankauf aus freundschaftlichem Wohlwollen war ja noch kein Beweis für den wahren Künstlerberuf . Der Graf mußte mir beistimmen , obgleich ich den Verdacht hegte , daß es mit seinem Verkaufsprojekte nicht viel anders beschaffen sein mochte . Die Bilder wurden an Erikson abgesandt . In meinem Briefe , den ich wegen zu vollen Herzens nicht so ausführlich schrieb , wie er wünschte , bat ich ihn , er möge die Kaufsumme mir in die Heimat schicken , wohin ich abzugehen im Begriffe sei ; so brachte ich also nicht nur eine für meine bisherigen Verhältnisse ansehnliche Barschaft mit nach Hause , sondern auch ausstehendes Guthaben , dessen Eingang aus weiter Ferne , nachdem ich selbst so wohlbehalten angekommen und das erste Aufsehen vorüber war , von erfreulichster Wirkung sein mußte . Allein als ob das unglückliche Träumen von Gold und Gut im kleinen zur Wahrheit werden wollte , war es hiemit noch nicht genug . Nachdem mein neuer Aufenthalt den Behörden bekannt geworden und eben wieder zu Ende gehen sollte , erhielt ich eine gerichtliche Vorladung , um gewisse Eröffnungen entgegenzunehmen . Schon früher hatte ich meinem alten freundlichen Trödelmännchen Joseph Schmalhöfer einen Besuch abstatten wollen , seine dunkle Behausung jedoch verschlossen gefunden und erfahren , daß der einsame Mensch seit vielen Wochen tot sei . Zu meinem großen Erstaunen wurde mir jetzt auf der Gerichtskanzlei mitgeteilt , daß der Alte , der keine Erben hinterließ , sein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen einer wohltätigen Stiftung vergabt und meine Person in seinem letzten Willen mit einem Legate von viertausend Gulden bedacht habe . Sofern ich mich nun darüber ausweisen könne , daß ich wirklich die von dem Legator gemeinte Person sei , so liege die genannte Summe zur Auszahlung bereit , nachdem alle bisherigen Erkundigungen nutzlos geblieben seien . Es handle sich namentlich um die Frage , ob ich derjenige wäre , der dem Verstorbenen eine größere Zahl gewisser Handzeichnungen usw. verkauft und bei Gelegenheit einer fürstlichen Vermählungsfeier Fahnenstangen angestrichen habe . Den durchschlagendsten Nachweis konnte der Graf mit zwei Worten leisten , soweit es die Zeichnungen betraf , und für das übrige genügte seine Glaubwürdigkeit dem Gerichtsbeamten vollkommen , als er erklärte , der , welcher die Stecken bemalt , könne kein anderer sein als ich . Also wurden mir vier öffentliche Schuldtitel von je tausend Gulden aushingegeben ; der Graf verkaufte dieselben und besorgte mir gute Wechsel für den Betrag , so daß ich nun mit Vermögensteilen in dreifacher Form ausgestattet war mit barem Gelde , mit Forderungen und mit Wechseln . » Wenn jetzt nur nicht der dicke Tell mit seinem Pfeil und das Kirchendach kommt ! « sagte ich , als wir an der Mittagstafel unseres Gasthofes saßen , wo ich zum Überflusse auch noch der Gast des Grafen war ; » ich muß trachten , daß ich fortkomme , sonst zerfließt mir das viele unnatürliche Glück zuletzt doch noch zu einem Traum ! « Ich fühlte mich in der Tat ordentlich beklemmt und fing an , dem Glückswandel nicht mehr recht zu trauen . » Was spintisieren Sie mir wieder über der Kümmerlichkeit ! « sagte der Graf ; » bei allem , was Sie nun besitzen und was Ihnen so ungeheuer erscheint , ist nicht ein Pfennig , dessen rechtmäßige Quelle Sie nicht in sich selbst zu suchen haben ! Und wie können Sie von Traum und Glücksfall reden , wo Sie gegenüber den paar Gulden mit Ihren schönen Jahren so im Verluste sind ? « » Aber die Geschichte mit dem Legat ist doch gewiß das reine Glücksabenteuer ! « » Auch dies nicht ! Auch sie hat ihre Wurzel nur in Ihnen selbst ! Ich habe vergessen , Ihnen ein beschriebenes Papier zu geben , das sich in den Falten eines der Schuldbriefe gefunden hat , als ich die Werttitel meinem Bankier brachte . Hier ist der Zettel , den der Alte Ihnen hinterließ ! « Der Graf gab mir ein Fetzchen Papier , auf welchem mit der mir bekannten unbehilflichen Handschrift des Trödlers , die zudem von eingetretener Körperschwäche noch verschlimmert sein mochte , zu lesen : » Du bist nicht wieder zu mir gekommen , mein Söhnchen , und ich weiß nicht , wo Du zu finden bist . Ich möchte aber , weil ich fürchte , daß der Tod mich bei kurzen Tagen in meinem Kram heimsucht , Dir etwas erweisen und zuwenden , was ich nachher doch nicht mehr brauchen kann , leider ! Ich tu es aber , weil Du alleweile mit dem zufrieden gewesen bist , was ich Dir für Deine Malerei gegeben habe , und vornehmlich , weil Du so still und fleißig bei mir gearbeitet hast . Wenn es in Deine Hände kommt , was ich in langen Jahren erspart habe mit Geduld und Vorsicht und Dir jetzt verehren tue , so genieße es mit Gesundheit und Verstand , weil ich leider davon abscheiden muß , und hiemit behüt Dich Gott , mein Männchen ! « » Es ist doch gut « , sagte ich mit neuer Verwunderung , » daß es für alle Gebarungen zweierlei Richter gibt ! Was andere mir als Leichtsinn , wo nicht Verkommenheit auslegen würden , erhält von dem braven Alten einen Tugendpreis ! « » Drum wollen wir auf seine Seligkeit anstoßen , weil er so gerecht gerichtet hat ! « erwiderte der Graf wohlgemut ; » und jetzt wollen wir unsere Freundschaft leben lassen und Brüderschaft trinken , wenn es Ihnen recht ist ! « fuhr er fort , indem er die Gläser von neuem füllte . Ich stieß an und trank aus , sah dabei aber so überrascht und verschüchtert drein , daß er es wohl bemerkte , als er mir die Hand schüttelte ; denn der Unterschied des Alters und der Lebensverhältnisse hatten mich dergleichen doch nicht erwarten lassen . » Sei nur nicht verdutzt , wenn es gilt , sich zu duzen ! « sagte er fröhlich ; » ich betrachte es als Gewinn , mit einem Stammesbruder aus anderer Staatsform und von jüngerm Lebensalter auf du und du zu sein . Und auch du darfst dich der guten deutschen Sitte füglich unterwerfen , nach welcher zuzeiten Jünglinge , Männer und Greise , welche auf dasselbe Ziel losgehen , Brüderschaft schließen . Nun aber wollen wir von dir allein reden ! Was gedenkst du zu beginnen in deinem Lande ? « » Ich denke meine unterbrochenen Studien am borghesischen Fechter wieder aufzunehmen ! « antwortete ich . Auf seine Frage , was das heiße , erzählte ich kurz , wie ich durch die so genannte Figur auf das Studium des Menschen hinübergeleitet worden sei und nun zwar nicht mehr dessen Gestalt , sondern dessen lebendiges Wesen und Zusammensein zum Berufe wählen möchte . Da mir jetzt Zeit und Mittel durch das Glück gegeben seien , so hoffe ich auf rasche und zweckmäßige Weise noch die nötigen Kenntnisse nachzuholen , um mich dem öffentlichen Dienste widmen zu können . » So was habe ich mir auch gedacht « , sagte der gräfliche Duzbruder ; » allein wie die Dinge einmal stehen , würde ich mit besondern Studien keine Zeit mehr verlieren , zumal ihr ja keine Hierarchie mit Zwangsfolge habt . An deiner Stelle würde ich mich ruhig erst ein wenig umsehen und dann , nötigenfalls als Freiwilliger , ein unteres Amt übernehmen und schwimmen lernen , indem du sofort ins Wasser springst . Machst du es zur Regel , jeden Tag daneben einige Stunden staatswissenschaftliche Sachen zu lesen und zu überdenken , so bist du in wenig Zeit ein praktischer und hinlänglich gebildeter Amtsmann zugleich , und die Unterschiede der Schulweisheit gleichen sich mit den wachsenden Jahren vollständig aus , während das hervorzutreten beginnt , was den eigentlichen Mann ausmacht . Das Gerichtswesen , und was daran hängt , würde ich freilich den gründlich geschulten Juristen überlassen und dahin wirken , daß auch die andern es tun . Die Hauptsache ist , daß du später in der Gesetzgebung weißt , wo sie hingehören und wo ihnen das Wort zu geben ist , und daß du sie in Ehren hältst , solange sie das Recht lebendig machen und nicht es töten und das Volk verderben . Am wenigsten dulde feige Richter im Land , sondern stürze sie und gib sie der Verachtung preis - « » Halt , Grave ! « rief ich , da er sich in lauten Eifer hineinzureden begann und meine gegenwärtige Sache vergaß ; » noch bin ich weder Konsul noch Tribun ! « » Gleichviel ! « rief er jetzt noch viel lauter ; » hast du aber gleichzeitig einen feigen und einen ungerechten Richter nebeneinander , so laß beiden die Köpfe abschlagen , und dann setze dem ungerechten den Kopf des feigen und dem feigen den Kopf des ungerechten auf ! So sollen sie weiter richten , so gut sie können ! « Erst jetzt schwieg er , trank und sagte wieder : » Ungefähr so mein ich ' s , du wirst mich wohl verstehen ! « Ich hatte den sonst so ruhigen Mann nie so aufgeregt gesehen ; die bloße Vorstellung , daß ich unmittelbar in eine Republik gehe und mich an deren öffentlichem Leben beteiligen werde , schien ihm andere verwandte Vorstellungen und alte Leiden der Unzufriedenheit zu erwecken . Indessen war die Stunde des Abschiedes endlich da und kein Grund des Aufschubes mehr vorhanden . Da er meine Angelegenheit geordnet und mich reisefertig sah , fuhr der Graf gleich nach Tisch weg , um sein Gut am gleichen Tage noch zu erreichen , während ich den Bahnhof suchte , der um diese Zeit zum ersten Mal eröffnet worden . Denn einige Bruchstücke von Eisenstraßen des obern Deutschlands hatten ihren ersten Zusammenhang erhalten , und ich konnte auf dem neuen Wege rascher die Schweizergrenze erreichen , wenn auch nicht in grader Richtung . An dieser Veränderung mochte ich die Länge meiner Abwesenheit bemessen . Als ich den Rhein überschritt und das Land betrat , war dieses gerade mit dem Getöse jener politischen Aktionen erfüllt , welche mit dem Umwandlungsprozesse eines fünfhundertjährigen Staatenbundes in einen Bundesstaat abschlossen , ein organischer Prozeß , der über seiner Energie und Mannigfaltigkeit die äußere Kleinheit des Landes vergessen ließ , da an sich nichts klein und nichts groß ist und ein zellenreicher , summender und wohlbewaffneter Bienenkorb bedeutsamer ist als ein mächtiger Sandhaufen . Beim schönsten Frühlingswetter sah ich Straßen und Wirtshäuser angefüllt und hörte das zornige Geschrei über gelungene oder mißlungene Gewalttat . Man lebte mitten in der Reihe von blutigen oder trockenen Umwälzungen , Wahlbewegungen und Verfassungsänderungen , die man Putsche nannte , und Schachzüge waren auf dem wunderlichen Schachbrette der Schweiz , wo jedes Feld eine kleinere oder größere Volkssouveränetät war , die eine mit Vertretung , die andere demokratisch , diese mit , jene ohne Veto , diese von städtischem Wesen , jene von ländlichem , und wieder eine andere mit theokratischem Öle versalbt , daß sie nicht aus den Augen sehen konnte . Sogleich übergab ich mein Gepäck der Postanstalt und beschloß , den Rest der Reise zu Fuß zurückzulegen , um unverweilt eine vorläufige Kenntnis der Zustände aus eigener Anschauung zu erwerben ; denn gerade auf meinem Wege rauchte und schwelte es an mehreren Orten . Und doch lag überall das Land im himmelblauen Duft , aus welchem der Silberschein der Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte , und die Sonne spielte auf dem jungen betauten Grün . Ich sah die reichen Formen der Heimat , in Ebenen und Gewässern ruhig und waagrecht , im Gebirge steil und kühn gezackt , zu Füßen blühende Erde und in der Nähe des Himmels eine fabelhafte Wüste , alles unaufhörlich wechselnd und überall die zahlreich bewohnten Tal-und Wahlschaften bergend . Mit der Gedankenlosigkeit der Jugend und des kindischen Alters hielt ich die Schönheit des Landes für ein historisch politisches Verdienst , gewissermaßen für eine patriotische Tat des Volkes und gleichbedeutend mit der Freiheit selbst , und rüstig schritt ich durch katholische und reformierte Gebietsteile , durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte , und wie ich mir so das ganze große Sieb voll Verfassungen , Konfessionen , Parteien , Souveränetäten und Bürgerschaften dachte , durch welches die endlich sichere und klare Rechtsmehrheit gesiebt werden mußte , die zugleich die Mehrheit der Kraft , des Gemütes und des Geistes war , der fortzuleben fähig ist , da wandelte mich die begeisterte Lust an , mich als einzelner Mann und widerspiegelnder Teil des Ganzen zum Kampfe zu gesellen und mitten in demselben mich mit regen Kräften fertigzuschmieden zum tüchtigen und lebendigen Einzelmann , der mit ratet und tatet und rüstig drauf aus ist , das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen , von der er selbst ein Teil , die ihm aber deswegen nicht teurer ist als die Minderheit , die er besiegt , weil diese hinwieder mit der Mehrheit vom gleichen Fleisch und Blut ist . » Aber die Mehrheit « , rief ich vor mir her , » ist die einzige wirkliche und notwendige Macht im Lande , so greifbar und fühlbar wie die körperliche Natur , an die wir gefesselt sind . Sie ist der einzig untrügliche Halt , immer jung und immer gleich mächtig ; daher gilt es , sie unvermerkt vernünftig und klar zu machen , wo sie es nicht ist . Dies ist das höchste und schönste Ziel . Weil sie notwendig und unausweichlich ist , so kehren sich die verkehrten Köpfe aller Extreme gegen sie , indessen sie stets abschließt und selbst den Unterliegenden beruhigt , während ihr ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt und so sein eigenes geistiges Leben erhält und nährt . Sie ist immer liebenswürdig und wünschbar , und selbst wenn sie irrt , hilft die gemeine Verantwortlichkeit den Schaden ertragen . Wenn sie den Irrtum erkennt , so ist das Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen und gleicht dem Anmutigsten , was es gibt . Sie läßt es sich nicht einfallen , sich stark zu schämen , ja die allgemein verbreitete Heiterkeit läßt den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen wünschen , da er ihre Erfahrung bereichert , die Lust der Besserung hervorgerufen hat und auf das schwindende Dunkel das Licht erst recht hell erscheinen läßt . Sie ist die reizende Aufgabe , an welcher sich ihr einzelner messen kann , und indem er dies tut , wird er erst zum ganzen Mann , und es tritt eine wundersame Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile . Mit großen Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen , der ihr etwas vorsagen will , und dieser , mutig ausharrend , kehrt sein bestes Wesen heraus , um zu siegen . Er denke aber nicht , ihr Meister zu sein ; denn vor ihm sind andere dagewesen , nach ihm werden andere kommen , und jeder wurde von der Menge geboren ; er ist ein Teil von ihr , welchen sie sich gegenüberstellt , um mit ihm , ihrem Kind und Eigentum , ein Selbstgespräch zu führen . Jede wahre Volksrede ist nur ein Monolog , den das Volk selber hält . Glücklich aber , wer in seinem Lande ein Spiegel seines Volkes sein kann , der nichts widerspiegelt als das Volk , während dieses selbst nur ein kleiner Spiegel der weiten lebendigen Welt ist und sein soll . « Dergestalt redete ich mich in eine hohe Begeisterung hinein , je blauer der Himmel glänzte und je näher ich der Vaterstadt kam . Freilich ahnte ich nicht , daß Zeit und Erfahrung die idyllische Schilderung der politischen Mehrheiten nicht ungetrübt lassen würden ; noch weniger merkte ich , daß ich im gleichen Augenblicke , wo ich mich selbsttätig zu verhalten gedachte , auch schon die Lehren der Geschichte vergaß , noch bevor ich nur den ersten Schritt getan . Daß große Mehrheiten von einem einzigen Menschen vergiftet und verdorben werden können und zum Danke dafür wieder ehrliche Einzelleute vergiften und verderben - daß eine Mehrheit , die einmal angelogen , fortfahren kann , angelogen werden zu wollen , und immer neue Lügner auf den Schild hebt , als wäre sie nur ein einziger bewußter und entschlossener Bösewicht - daß endlich auch das Erwachen des Bürgers und Bauersmannes aus einem Mehrheitsirrtum , durch den er sich selbst beraubt hat , nicht so rosig ist , wenn er in seinem Schaden dasteht - das alles bedachte und kannte ich nicht . Aber auch mit diesen Schatten wäre ja das Unausweichliche und Notwendige der Mehrheit , ohne deren Zustimmung der mächtigste Selbstherrscher in Rauch aufgeht , und ihre reine Größe , wenn sie unverderbt ist , stark genug gewesen , meine Vorsätze zu tragen und den Durst nach der neuen Lebensluft nicht erlöschen zu lassen . So griffen denn meine Schritte immer kecker und Unternehmungslustiger aus , bis ich plötzlich das Pflaster der Stadt unter den Füßen fühlte und ich doch mit klopfendem Herzen ausschließlicher der Mutter gedachte , die darin lebte . Meine Sachen mußten inzwischen auf der Post angekommen sein . Ich lenkte die Schritte zuerst dahin , um sogleich eine Schachtel an Hand zu nehmen , die meine bescheidenen Reisegrüße für sie enthielt , nämlich den Stoff für ein feineres Kleid , welches zu tragen ich sie zu überreden hoffte , und einen Vorrat ausländischen Gebäckes , das , würzig und haltbar , ihr einen guten Mund machen sollte . Diese Schachtel an der Hand , ging ich am noch lichten Nachmittage durch unsere alte Straße ; sie erschien mir belebter als vor Jahren ; auch sah ich , daß manche neue Verkaufsmagazine errichtet und alte ruhige Werkstätten verschwunden , mehrere Häuser umgebaut und andere wenigstens frisch verputzt waren . Nur das unsrige , ehemals eines der saubersten , sah schwarz und räucherig aus , als ich mich näherte und an die Fenster unserer Stube hinaufblickte . Sie standen offen und waren mit Blumentöpfen besetzt ; aber fremde Kindergesichter schauten heraus und verschwanden wieder . Niemand bemerkte oder kannte mich , als ich eben in die bekannte Türe treten wollte , ein Mann ausgenommen , der mit einem Zollstab und Bleistift in der Hand über die Gasse geeilt kam . Es war der Handwerksmeister , der mich einst auf seiner Hochzeitsreise besucht hatte . » Seit wann sind Sie da , oder kommen Sie eben ? « rief er , eilig mir die Hand reichend . » Diesen Augenblick komm ich « , sagte ich , und er antwortete und bat mich , schnell eine Minute bei ihm drüben einzutreten , eh ich hinaufginge . Ich tat es mit ängstlicher Spannung und fand mich in einem schönen Verkaufsladen , in dessen Hintergrund die junge Frau am Schreibpulte saß . Sofort kam auch sie mir entgegen und sagte : » Um Gottes willen , warum kommen Sie so spät ? « Erschreckt stand ich da , ohne noch erraten zu können , was es sein möchte , das die Leute so erregte . Der Nachbar aber säumte nicht , mich aufzuklären . » Ihre gute Mutter ist erkrankt , so schwer , daß es vielleicht nicht ratsam ist , wenn Sie unangekündigt und plötzlich bei ihr erscheinen . Seit heute früh haben wir nichts gehört ; nun aber ist ' s am besten , meine Frau geht schnell hinüber und sieht nach , wie es steht . Sie warten indessen hier ! « Ohne an eine so traurige Wendung glauben zu wollen , und doch bekümmert , ließ ich mich wortlos auf einen Stuhl sinken , die Schachtel auf den Knien . Die Frau lief über die Gasse und verschwand in der Türe , die mir wie einem Fremden noch verschlossen sein sollte . Die Augen voll Tränen , kehrte die Nachbarin zurück und sagte mit verschleierter Stimme : » Kommen Sie schnell , ich fürchte , sie macht es nicht mehr lang , ein Geistlicher ist dort ! Die arme Frau scheint nicht mehr bei Bewußtsein ! « Sie eilte wieder vor mir her , um hilfreich bei der Hand zu sein , wenn es not tat , und ich folgte mit zitternden Knien . Die Nachbarin erklomm rasch und leicht die Treppen ; auf den verschiedenen Stockwerken standen feierlich Leute unter ihren Türen , leise sprechend , wie in einem Sterbehause . Auch vor unserer Wohnung standen solche , die ich nicht kannte ; meine Führerin im alten Vaterhause eilte auch an diesen vorüber , und ich folgte ihr bis auf den Dachboden , wo ich unsern Hausrat dicht aufeinanderstehen sah und die Mutter in einem Kämmerchen wohnte . Leise öffnete die Nachbarin dessen Türe ; da lag die Arme auf dem Sterbebett , die Arme über die Decke hingestreckt , das todesbleiche Gesicht weder rechts noch links wendend und langsam atmend . In den ausgeprägten Zügen schien ein tiefer Kummer auszuleben und der Ruhe der Ergebung oder der Ohnmacht Platz zu machen . Vor dem Bette saß der Diakon der Kirchgemeinde und las ein Sterbegebet . Ich war geräuschlos eingetreten und hielt mich still , bis er geendet . Die Nachbarin trat , als er das Buch sachte zuschlug , zu ihm und flüsterte ihm zu , der Sohn sei angekommen . » In diesem Fall kann ich mich zurückziehen « , sagte er , sah mich einen Augenblick aufmerksam an , grüßte und begab sich hinweg . Die Nachbarin trat jetzt an das Bett , nahm ein Tüchlein und trocknete sanft die feuchte Stirne und die Lippen der Kranken ; dann , während ich immer noch wie ein vor ein Gericht Gerufener dastand , den Hut in der Hand , die Schachtel zu Füßen , neigte sie sich nieder und sagte ihr mit zarter Stimme , welche die Leidende unmöglich erschrecken konnte : » Frau Lee ! der Heinrich ist da ! « Obgleich diese Worte bei aller Weichheit so vernehmlich gesprochen waren , daß auch die vor der offenen Türe versammelten Weiber sie hörten , gab sie doch kein anderes Zeichen , als daß sie die Augen leise nach der Sprechenden hinwendete . Indessen benahm mir außer der Trauer auch die dumpfe dämmerige Luft des Kämmerchens den Atem ; denn der Unverstand der Wärterin , die in einem Winkel hockte , hielt nicht nur das kleine Fenster verschlossen , sondern auch die grüne Gardine davor , und ich mußte daran erkennen , daß heute noch kein Arzt dagewesen sei . Unwillkürlich schlug ich die Gardine zurück und öffnete das Fenster . Die reine Frühlingsluft und das mit ihr einströmende Licht bewegten das erstarrende ernste Gesicht mit einem Schimmer von Leben ; auf der Höhe der hageren Wangen zitterte leicht die Haut ; sie regte energisch die Augen und richtete einen langen fragenden Blick auf mich , als ich mich , ihre Hände ergreifend , zu ihr niederbeugte ; das Wort aber , das ihre ebenfalls zitternden Lippen bewegte , brachte sie nicht mehr hervor . Die Nachbarin nahm die Wärterin mit sich hinaus , drückte leise die Türe zu ! und ich fiel an dem Bett nieder mit dem Rufe » Mutter ! Mutter ! « und legte den Kopf weinend auf die Decke . Ein röchelndes stärkeres Atmen hieß mich wieder emporschnellen , und ich sah die treuen Augen gebrochen . Ich nahm den leblosen Kopf in die Hände und hielt dies Haupt vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben so in der Hand , wenigstens so weit ich mich entsinnen konnte . Allein es war für immer vorbei . Es fiel mir ein , daß ich ihr wohl die Augen zudrücken sollte , daß ich ja dafür da sei und sie es vielleicht noch fahlen würde , wenn ich es unterließe ; und da ich neu und ungeübt in diesem bittern Geschäfte war , tat ich es mit zager , scheuer Hand . Die Frauen traten nach einer Weile herein , und als sie sahen , daß die Mutter verschieden war , erboten sie sich , das Nötige zu tun und die Leiche für den Sarg einzukleiden . Da ich einmal da war , verlangten sie von mir die Anweisung eines Totengewandes . Ich öffnete einen der auf dem Dachboden stehenden Schränke , der voll guter Kleider hing , die seit Jahren geschont und gespart und nicht nach der Mode geschnitten waren . Die Wärterin aber sagte , es müsse ein Totenkleid vorhanden sein , von welchem die Selige gesprochen , und wirklich fand man dasselbe , in ein weißes Tuch eingeschlagen , im Fuße des Schrankes liegen . Zu welcher Zeit sie es anfertigen ließ , war mir unbekannt . Die Frauen sprachen auch davon , wie wenig Mühe die Tote während ihrer Krankheit verursacht , wie still und geduldig sie gelegen und fast nie etwas verlangt habe . Fünfzehntes Kapitel Der Lauf der Welt Während die Frauen nun Bett und Leiche in den erforderlichen Stand brachten , folgte ich der Einladung der Nachbarin , in ihr Haus hinüberzugehen und dort auszuruhen . Der Nachbar suchte vorsichtig , eh er im Gespräche weiterging , meine Glücksumstände und Erlebnisse zu erfahren . Ich verhehlte ihm nicht , daß ich zur Zeit seiner Anwesenheit in jener Stadt übel daran gewesen , ließ ihn dann aber die bessere Wendung der Dinge wissen , erzählte ihm alles , den Liebeshandel ausgenommen , und gleichsam als eine Art Rechtfertigung zeigte ich ihm unter Tränen die Geldwerte , die ich bei mir führte . Ich schob Geld und Papiere weg und stützte den Kopf wieder weinend auf den Tisch des fremden Mannes . Betroffen und schweigend saß er da , und erst als ich mich etwas beruhigt , zeigte er eine gewisse Entrüstung über den unglücklichen Verlauf der Dinge und konnte sich nicht enthalten , mich damit bekannt zu machen . Nachdem die Mutter schon längere Zeit auf meine Heimkehr oder wenigstens auf Nachrichten geharrt und schon etwas gekränkelt hatte , erhielt sie eines Tages die Aufforderung , vor der Polizeibehörde zu erscheinen . Es war , wie wir jetzt annehmen mußten , die Nachforschung des deutschen Gerichtes nach meiner Person wegen des Legates des Joseph Schmalhöfer . Sei nun die plumpe Versäumnis , die Ursache dieser Nachforschung anzuzeigen , schon von jener Gerichtsstelle aus begangen worden oder nicht , genug , als meine Mutter , nach meinem Aufenthalte befragt , denselben nicht nennen konnte , erschrocken dastand und zitternd fragte , um was es sich handle , wurde ihr geantwortet , man wisse es nicht , es sei einfach eine Vorladung für mich , vor dem Gerichte zu erscheinen ; ich werde wahrscheinlich vor Schulden oder etwas Ähnlichem geflohen sein . Diese Auslegung sprach sich auch weiter herum , und die arme Frau wurde durch allerlei Anspielungen in der Meinung bestärkt , daß ich verschuldet und im Mangel in der Welt herumirre . Nicht lange darauf , als sie die Zinsen für das auf das Haus entlehnte Kapital , die sie kümmerlich zusammengehalten , abtrug , wurde ihr das letztere gekündigt , und nun mußte sie mitten in ihren kummervollen Sorgen um ein neues Anleihen ausgehen . Es gelang ihr aber nicht , das Geld zu finden , denn es bestand eben die Absicht , sie vom Hause zu bringen , und es steckten Gewinnlustige hinter der Sache , unter denen der inzwischen etwas emporgekommene , immer noch im Hause wohnende Spenglermeister mitwirkte , in der Hoffnung , selber den Sitz zu erwerben . Auch hier war endlich der Bau einer Schienenstraße in Aussicht getreten , der Bahnhof mußte unfern unserer Gasse zu liegen kommen , und es begann der Wert der Grundstücke beinahe täglich zu steigen , ohne daß die Mutter in ihrer Abgeschiedenheit von diesen Dingen wußte . Die doppelte und dreifache Sorge hat unzweifelhaft ihr Leben verkürzt ; denn der Zahlungstermin rückte mit jeder Woche näher . » Hätte ich eine Ahnung von der Sachlage gehabt « , sagte nun der Nachbar , » so hätte ich leicht raten können ; allein die Verschwiegenheit Ihrer Mutter erleichterte das Bestreben der Spekulanten , den Handel geheimzuhalten , und erst seit ein paar Tagen hörte ich zufällig davon , seit die Herren der Beute sicher zu sein glauben . Jetzt , wo Sie da sind , genügt weniger als der zehnte Teil dessen , was da vor Ihnen liegt , die Schuld abzutragen und das Haus wieder frei zu machen , das ja sonst unbedeutend belastet ist , soviel ich weiß , und Ihnen jetzt schon einen schönen Gewinn abwerfen würde , wenn Sie es verkaufen wollten . Denn obgleich das Haus alt und unansehnlich aussieht , so ist es dennoch fest gebaut und enthält viel unbenützten Raum , der mit Leichtigkeit wohnbar zu machen ist . Und nun hat es so kommen müssen ! « Der Gedanke , daß unglücklicher Zufall und die Arglist Gewinnsüchtiger die Hand im Spiele gehabt , erleichterte keineswegs die Last , welche jählings auf mein Gewissen fiel mit einem Gewichte , gegen welches der Druck von Dorotheas eisernem Bilde leicht wie eine Flaumfeder schien ; oder auch umgekehrt ich möchte sagen , daß die Schwere in ein Gefühl der Leerheit überging , wie der höchste Kältegrad einem Brennen gleicht . Es war fast , wie wenn meine eigene Person aus mir wegzöge . Die Aufforderung der freundlichen Nachbarsleute , das Nachtlager bei ihnen zu nehmen , lehnte ich ab , weil es